Bitte warten
Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.
Untertitel: Platon und Aristoteles
Hausarbeit, 2009, 43 Seiten
Autor: Radka Tomeckova
Fach: Philosophie - Philosophie der Antike
Details
Institution/Hochschule: Universität Konstanz (Fachbereich Philosophie)
Jahr: 2009
Seiten: 43
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-36256-1
ISBN (Buch): 978-3-640-36230-1
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Zusammenfassung / Abstract
In Griechenland ist eine ganz neue Denkform und Denkweise entstanden. Vom griechischen Denken fühlt man sich immer wieder angezogen, weil dieses einen Anfang der Rationalität darstellt – einen Anfang dessen, worin wir uns heute stets befinden. Das interessanteste am griechischen Denken ist, dass es unser eigenes Denken ist. Es ist für uns unmöglich, das griechische Denken von Außen zu betrachten und zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion des griechischen Denkens ist somit im tiefsten Sinne ein Teil dieses Denkens. In einer solchen Forschung rekonstruiert das Rekonstruierende sich selbst. Dessen muss man sich bewusst werden, weil man erst dann versteht, dass die Geschichte der griechischen Philosophie im eigentlichen und ursprünglichen Sinne eine Selbstforschung der Philosophie ist. Nur eine solche Sichtweise ermöglicht uns einen komplexen Blick auf die griechische Philosophie und macht eine Forschung des griechischen Denkens zu einer gleichzeitig systematischen. In dieser Arbeit setze ich mich näher mit dem Naturbegriff im klassischen griechischen Denken auseinander. Im Zusammenhang mit diesem Begriff kommt die spezifisch griechische Denkform deutlich zum Ausdruck. Eine nähere Untersuchung dieses Begriffes ermöglicht uns, drei allgemeinere systematische Fragen zu beantworten:(1)Entsteht in Griechenland eine neue Denkform und in welcher Hinsicht ist sie neu? (2)Wie gelangt der griechische Geist durch die Entdeckung dieser Denkweise zu rein metaphysischen Fragen? Und (3) ist unser Denken im Kern tatsächlich immer noch ein griechisches Denken? Diese Fragen bilden den roten Faden dieser Arbeit. Eine explizite Antwort formuliere ich in der Schlussfolgerung anhand der vorangegangenen Analysen, in denen ich mich auf folgende Punkte konzetriere:1.Entstehung neuer Denkform:Neue Denkform in der Mathematik, Platons Ideenlehre–Konstruktionsmodell des Denkens,Aristoteles’ Erste Phosophie–Rekonstruktionsmodell des Denkens;2.Naturbegriff der neuen Denkform:Unberührte Natur vs. Kunst und das Künstliche,Natur als Kosmos;3.Naturbegriff bei Platon:Prinzipielle Unmöglichkeit einer Naturwissenschaft,Astronomie als mathematisches Wissen in ‚Politeia’,Naturphilosophie in ‚Timaios';4.Naturbegriff bei Aristoteles:Natürliches Ding(‚Physik’),Aristotelische Physik und Elementtheorie,Poiesis und teleologischer NaturbegriffÜbergang vom Naturbegriff zur Metaphysik (Natur als Wesen(‚Delta-Buch’),Unbewegter Beweger(‚Physik VIII’u.‚Lambda-Buch’);5.Vergleich:Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Textauszug (computergeneriert)
Universität Konstanz
MA - Philosophie
VORLESUNG Grundbegriffe der griechischen Metaphysik
HAUSARBEIT
Thema
Der Naturbegriff im klassischen griechischen Denken
(Platon und Aristoteles)
Wintersemester 2008/09
Tomecková Radka
GLIEDERUNG
Einführung - 3 -
1.
Entstehung einer neuen Denkform - 4 -
2.
Naturbegriff in der neuen Denkform - 10 -
3.
Naturbegriff bei Platon - 11 -
4.
Naturbegriff bei Aristoteles - 20 -
5.
Vergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede - 35 -
Schlussfolgerung: Warum ist es wichtig den griechischen Naturbegriff zu verstehen? - 38 -
Beantwortung der Fragen:
(1) In Griechenland entsteht eine neue Denkform nämlich die Theorie, d.h. eine Frage nach
der Erklärung (nach dem Ursprung und Gründen) und ein allgemeiner Erklärungsversuch.
(2) Bei Platon gelangt der griechische Geist durch eine Anwendung des geometrisch-
mathematischen Paradigmas zur Metaphysik in der Form der Ideenlehre. Die
Naturphilosophie wird dadurch spezifisch, dass sie erst von der Ideenlehre abgeleitet wird.
Bei Aristoteles gelangt der griechische Geist von der Betrachtung der menschlichen
Erfahrung zum poietischen Naturbegriff zum Substanzbegriff und zur Vorstellung eines
Unbewegten Bewegers, der als erste Ursache aller Bewegung notwendig ist. Substanz und
Theion im Sinne des Unbewegten Bewegers sind dann Themen der reinen Metaphysik (bzw.
der Ersten Philosophie und Theologie).
(3) Unser Denken ist im tiefsten Inneren immer noch ein griechisches Denken. (Allgemein)
Auch wir verlangen eine rationale Erklärung, fragen uns nach den Gründen und Ursachen,
wenden das Konstruktions- und Rekonstruktionsmodell an. (Im Einzelnen) Unser
Naturbegriff ist im Kern ein Naturbegriff des klassischen Griechenlands (ein platonisch-
aristotelischer Naturbegriff).
Literaturverzeichnis - 41 -
- 2 -
Einführung
In Griechenland ist eine ganz neue Denkform und Denkweise entstanden. Vom
griechischen Denken fühlt man sich immer wieder angezogen, weil dieses einen Anfang der
Rationalität bzw. Vernunft darstellt einen Anfang dessen, worin wir uns heute stets befinden.
Das interessanteste am griechischen Denken ist, dass es unser eigenes Denken ist. Es ist für uns
unmöglich, das griechische Denken von Außen zu betrachten und zu rekonstruieren. Wenn wir
das griechische Denken rekonstruieren, machen wir dies schon innerhalb dieses Denkens. Die
Rekonstruktion ist somit im tiefsten Sinne ein Teil dieses Denkens. In einer solchen Forschung
rekonstruiert das Rekonstruierende sich selbst. Dessen muss man sich bewusst werden, weil man
erst dann versteht, dass die Geschichte der griechischen Philosophie im eigentlichen und
ursprünglichen Sinne eine Selbstforschung der Philosophie (bzw. der Rationalität an sich) ist. Nur
eine solche Sichtweise ermöglicht uns einen komplexen Blick auf die griechische Philosophie und
macht eine Forschung des griechischen Denkens zu einer gleichzeitig systematischen.
In dieser Arbeit möchte ich mich näher mit dem Naturbegriff im klassischen griechischen
Denken (d.h. mit FÝZIS-Begriff bei Platon und Aristoteles) auseinandersetzen. Im
Zusammenhang mit diesem Begriff kommt die spezifisch griechische Denkform deutlich zum
Ausdruck. Eine nähere Untersuchung dieses Begriffes wird uns abschließend ermöglichen, drei
allgemeinere systematische Fragen zu beantworten: (1) Entsteht in Griechenland tatsächlich eine
neue Denkform und in welcher Hinsicht ist das griechische Denken neu? (2) Wie gelangt der
griechische Geist durch die Entdeckung dieser Denkweise zu rein metaphysischen Fragen? Und
(3) ist unser Denken im Kern tatsächlich immer noch ein griechisches Denken? Diese Fragen
stehen im Hintergrund dieser Arbeit und bilden den roten Faden. Eine direkte und explizite
Antwort werde ich in der Schlussfolgerung anhand der vorangegangenen Analysen formulieren.
- 3 -
1.
Entstehung einer neuen Denkform
Bevor wir uns direkt mit dem Naturbegriff in Griechenland beschäftigen, müssen wir
verstehen, wie die Griechen im Allgemeinen Begriffe hervorgebracht und verwendet haben: Wie
haben die Griechen allgemein gedacht und in welcher Hinsicht hat diese Denkweise etwas Neues
dargestellt?
In Griechenland entsteht ungefähr 700 v. Ch. wie aus dem Nichts eine Denkform, die
sich bei keiner früheren Kultur nachweisen lässt1, eine Denkform, die wir heute als eine
theoretische verstehen und bezeichnen. Ohne jedes Vorbild entstehen in Griechenland zum
ersten Mal theoretische mathematische Sätze2, die klar formuliert sind und einen expliziten
Beweis fordern. Im Zusammenhang mit diesen mathematischen Sätzen wurde zum ersten Mal
ein axiomatisch-deduktiver Denkvorgang verlangt. Es ist gerade diese Forderung im Hintergrund
der griechischen Mathematik bzw. Geometrie, die diese Sätze zu theoretischen im eigentlichen
Sinne macht, und somit auch die Mathematik bzw. Geometrie zu einer Theorie (bzw. zu einem
theoretischen Wissen). Das Denken löst sich hier von dem rein Praktischen (Täglichen und
Konkreten bzw. Bestimmten) ab und wird zum Theoretischen (Allgemeinen). Es handelt sich
zwar immerhin um ein die Praxis stabilisierendes Wissen, d.h. der Bezug auf die Praxis steht stets
in den Wurzeln des Denkens, jedoch gehört die Praxis nicht mehr zum eigenen Wesen des
Wissens. Das Denken verlässt hier also den ursprünglichen, rein praktischen Kontext.
Platon knüpft an dieses mathematisch-geometrische Paradigma an, dies wurde in
seinem Denken (v. a. in seiner Ideenlehre) weiter entwickelt. Platon stellt sich als Erster im
Zusammenhang mit den mathematischen Sätzen eine noch allgemeinere Frage: ,,Wenn das
mathematisch Theoretische wahr ist, woher kommt ihre Wahrheit?" und versucht diese zu
beantworten. Die mathematischen bzw. geometrischen Sätze handeln laut Platon von Ideen.
Diese stützen dann ihre Wahrheit. Ein Satz wie ,,Jeder Kreis ist durch sein Halbmesser halbiert."3
ist kein Satz, der sich mit einem konkreten Einzelkreis beschäftigt. Es ist eher ein Satz, der zum
Ausdruck bringt, was für alle Kreise, d.h. für die Idee des Kreises, gültig ist.
Auf Platons Ideenlehre lässt sich dann die These zurückführen, dass sich jedes
Denken mit Konstrukten beschäftigt. Alles, was wir sehen können (d.h. alles in der
1 Es waren Werke der sog. Vorsokratiker, die diese neue Denkform (die sich wesentlich von der früheren Mythologie
und der mythologischen Auffassung der Welt unterscheidet) als Erste verkörperten. Namentlich Fragmente von
Thales, Anaximander (sog. miletische Naturphilosophie), weiter dann Anaximenes, Pythagoras und Pythagoreer,
Xenophanes, Heraklit, Parmenides und Zenon (sog. Eleaten), Empedokles, Anaxagoras, Leukipp und Demokrit
(sog. Atomisten). Vgl. mit Vorsokratiker I und II (2005).
2 Zum ersten Mal bei Thales vgl. mit Vorsokratiker I (2005), S.44-49, später hat sich dann die Euklidische
Geometrie entwickelt.
3 Einer von den Thaletischen Sätzen, vgl. Vorsokratiker I (2005), Thale 8, S.49.
- 4 -
materiellen, sinnlich erfahrbaren Welt), dient nur zur Veranschaulichung und evoziert in uns eine
Idee. Sieht man zum Beispiel einen gemalten Kreis auf der Tafel, wird in ihm die Idee des Kreises
evoziert. Platon selbst spricht in diesem Zusammenhang von der sog. ANAMNÉSIS (Erinnerung):
Die Suche nach der Wahrheit und das Lernen4 bedeutet nichts anderes als sich an die ,,richtige
Vorstellungen" zu erinnern, die schon in der Seele des erkennenden Subjekts vorhanden sind,
wobei mit diesen ,,richtigen Vorstellungen" im Menschen bzw. in der menschlichen Seele die
Ideen gemeint sind.5 Das Theoretische (d.h. eine begründete EPISTÉMÉ) spricht nur von solchen
Ideen. Alles, was nicht auf solche Ideen zurückgeführt werden kann, ist dagegen nur eine
unbegründete Meinung (DOXA). Alle wahrnehmbaren Dinge, die uns umgeben (z.B. der Kreis auf
der Tafel oder ein kreisförmiger Untersetzer oder ein Teller usw.), sind nur Beispiele bzw. mehr
oder weniger gelungene Realisierungen dessen, was eigentlich gemeint ist (nämlich die Idee des
Kreises). Ideen sind also gewisse Gesichtspunkte, unter denen man über sinnliche Sachen reden
kann z.B. ,,Kreisförmigkeit" ist ein Gesichtspunkt, unter dem wir verschiedene Dinge entweder
als kreisförmig oder nicht kreisförmig verstehen, also als bessere oder schlechtere Realisierungen
der Idee des Kreises.6
Platonische Überlegungen stellen somit ein Konstruktionsmodell des Denkens7 dar.
Das Konstruktionsdenken erstreckt sich bei Platon von seinem ursprünglichen fachlichen
Kontext (von Mathematik und Geometrie) auf andere Gebiete auch Gerechtigkeit oder
Tapferkeit (Ethik), sowie Schönheit (Ästhetik) kann man als etwas verstehen, was sich auf Ideales
bezieht (bzw. zurückführen lässt) und etwas, was in der sinnlichen Welt nur als eine mehr oder
weniger gelungene Realisierung dieses Idealen auftritt.8 Dementsprechend gibt es also für Platon
zwei Sorten von Dingen: konkrete empirische Gegenstände und theoretische nicht-empirische
Dinge. Die Ideen (IDEAI), d.h. die theoretischen, nicht-empirischen Dinge, sind dabei das
eigentlich Seiende (ONTA), welches unvergänglich, ewig und wahr ist. Sie sind Vorbilder für die
4 Mit Lernen ist das Erwerben der wahren Kenntnis gemeint.
5 Diese sog. Anamnesislehre stellt Platon erstmalig im Dialog ,,Menon" dar. Sie kann als der erste Schritt zu der
Ideenlehre verstanden werden. Die These, dass Lernen in der ANAMNÉSIS (d.h. sich auf das schon Anwesende zu
erinnern) besteht, veranschaulicht Platon mit seinem Experiment mit einem unausgebildeten Sklaven und einer
geometrischen Figur im Sand. Wenn der Sklave eine geometrische Aufgabe bekommt, kann er selbst zur Lösung
gelangen, ohne dass es ihn Sokrates lehren müsste. Es genügt, wenn ihn Sokrates zum Lernen bzw. Selbst-Lernen
lenkt. Der Sklave benötigt nur das Sich-Erinnern, um die mathematische Aufgabe beantworten zu können. Dieses
Sich-Erinnern besteht dann im Einsehen der Ideen. S. in: Menon 80d 85e. Auf diese Anamnesislehre knüpft dann
die ,,Zwei-Welten-Lehre" an, nämlich die Vorstellung, dass es zwei Welten gibt: die Welt der Begriffe bzw. Ideen
und die materielle, empirische, wahrnehmbare und sinnlich erfahrbare Welt. Die Seele war einst in der Welt der
Ideen, wo sie diese Ideen gesehen hat. Wenn man dann die Dinge der materiellen Welt wahrnimmt, kann man sich
an die Ideen erinnern, bzw. man nimmt die Dinge in der sinnlichen Welt durch ,,das Prisma der Ideen" wahr. Vgl.
Platons Rede über das Gleiche und die Gleichheit in: Phaidon. Vgl. auch Mittelstraß (1962), Kap. II, 1, S. 29ff.
6 Zum Verständnis vom Guten als ,,Gelungenes" und zur Idee als ein Maßstab für den Vergleich und die
Beurteilung, vgl. Heinemann (2001), S. 263 265.
7 Terminologie von J. Mittelstraß, benutzt in der Vorslesung ,,Grundbegriffe der griechischen Metaphysik".
8 Vgl. Phaidon Von einer Ideen zu reden ist nur dort sinnvoll, wo es in der Welt mehrere Realisierungen eben dieser
gibt, d.h. in dem Bereich der Mathematik bzw. Geometrie, Ethik und Ästhetik.
- 5 -
zwei Sorte der Dinge, für die PRAGMATA bzw. ERGA (empirische Einzelgegenstände) in der
sinnlichen Welt. Die empirischen, wahrnehmbaren Dinge (PRAGMATA, ERGA) sind also Abbilder
von Ideen sie haben eine Teilhabe (METHEXIS) an den Ideen.9 So hängt auch der Begriff der
Idee mit dem Begriff der Ursache (AITIA) zusammen. Etwas ist schön, weil es Teil an der
Schönheit hat. Es ist gerade der Bezug auf die Schönheit an sich (d.h. auf die Idee des Schönen),
die ein Einzelding schön macht.10
Die Unterscheidung zwischen IDEAI-ONTA und PRAGMATA-ERGA wird noch komplizierter
in der ,Politeia′, wo die Ideenlehre systematisch aufgefasst wurde. Im sog. Liniengleichnis11
unterscheidet Platon zunächst zwei Sorten des Seienden: die denkbaren und unsichtbaren Ideen
und die empirische, sichtbare und erfahrbare Erscheinungen. Für diese zwei Sorten des Seienden
gibt es auch entsprechend zwei unterschiedliche Erkenntnisformen: Während man von Ideen das
Wissen (EPISTÉMÉ) hat, kann man von Erscheinungen nur eine Meinung (DOXA) haben. Diese
Meinungen (DOXAI) sind dann im Vergleich zur EPISTÉMÉ nur wahrscheinlich und nicht definitiv
verlässlich. Weiter unterscheidet Platon mathematische Ideen von den nicht-mathematischen,
welche als einzige zur NOIESIS (Einsicht) führen können. Allem übergeordnet ist noch die
spezifische Idee des Guten, die sich zum Denken (NÚS) und Gedachten, wie die Sonne zum
Sehen (OPSIS) und Gesehenem, verhält.12
Trotz dieser Unterscheidung muss man nicht notwendigerweise auf eine Zwei-Welten-
Lehre und einen naiven Dualismus schließen. Diese Unterscheidung lässt sich plausibel auch so
interpretieren, dass es zwei Betrachtungsweisen der Welt gibt.13 Laut dieser Interpretation gäbe es
eigentlich nur eine einzige Welt, die man unterschiedlich betrachten und dementsprechend
beschreiben könnte. Die DIALEKTIKÉ EPISTÉMÉ wäre dann die richtige Betrachtungs- und
Beschreibungsweise für jeden, der sich mit einer Wissenschaft bzw. Philosophie beschäftigt.
Das berühmte Höhlengleichnis in ,Politeia′ beschreibt dann die Anamnesislehre, das
Aufklärungs- und Wissensbildungsprozess14. Hier wird die Situation des Menschen in der
sinnlichen Welt (bzw. im Alltag) dargestellt und weiter die Wissensbildung als ein Akt der
Selbstbefreiung beschrieben. Ein Akt, in dem der Mensch erkennt, dass das, was er bisher für
Wahres gehalten hat, bloß Abbilder und Erscheinungen sind und dass es neben diesen eine
andere wahre Sphäre des Wissens (bzw. des wahr Seienden) gibt (Sphäre von Ideen).
9 Vgl. Phaidon 100a.
10 Vgl. Faidon 100b.
11 Politeia 509c 511e.
12 Vgl. mit dem sog. Sonnengleichnis in: Politeia 508a 509b. Weiteres zur Idee des Guten in Heinemann (2001), S. 263
265.
13 Vgl. Politeia 120c oder 525c.
14 Politeia 515a 515b.
- 6 -
Mit dem Höhlengleichnis scheint die Ideenlehre abgeschlossen zu sein: Von der
Philosophie der Geometrie, wo festgestellt wurde, dass die mathematischen bzw. geometrischen
Definitionen nur Konstruktionsanweisungen und Ideen nur Konstruktionspläne bzw.
Konstruktionsprinzipien sind, über die Philosophie des Guten und Schönen, wo die Ideen als
erfüllte oder unerfüllte Normen bzw. Maßstäbe auftreten, gelangt man bis zu der Philosophie der
Ideenlehre in den Dialogen ,Phaidon′, ,Phaistos′ und ,Politeia′, wo der Gegensatz von Vorbild-
Abbild problematisiert wird und die Unterscheidung zwischen Ideen als ONTA und Dingen als
PRAGMATA gemacht wird. Die Philosophie der bloßen Geometrie erweitert sich also in Platons
Händen bis zu rein metaphysischen Überlegungen über das wahr Seiende.
Das Theoretische (bzw. das mathematisch-geometrische Paradigma) scheint sich hier
jedoch nicht auf alle Dinge zu erstrecken, die wir in unserer Umgebung wahrnehmen können.
Die Naturgegenstände (wie Baum oder Feuer) scheinen keine mehr oder weniger gelungene
Realisierungen von Ideen zu sein. Wie könnte man von einer idealen Vorlage eines Baumes
sprechen? Platon lehnt die Vorstellung von Ideen natürlicher Dinge definitiv ab, weil man dann
auch viele andere Ideen anerkennen müsste, und zwar ebenfalls von hässlichen Dingen. Der
Begriff der Idee ist jedoch in seinem Denken fest mit der Vorstellung des Guten verbunden.15
Anders als mit Naturgegenständen ist es dann mit den Artefakten (d.h. mit den von Menschen
hergestellten Sachen). Es ist leicht einzusehen, weshalb ein wackliger Tisch eine wenig gelungene
Realisierung ist. Ein Tisch (oder andere Artefakte) kann nämlich eine Realisierung sein, weil er
nach einer Vorlage bzw. nach einem Muster geschaffen ist. Diese Vorlage ist eine Vorstellung im
menschlichen Geist. Später (im Kap. 3) werden wir sehen, dass und wie diese Vorstellung,
nämlich dass Artefakte im Gegensatz zu den Naturgegenständen mehr oder weniger gelungene
Realisierungen sein können, Platons Verständnis der Natur und der natürlichen Dinge beeinflusst
und wesentlich modifiziert.
Um das Konstruktionsmodell des Denkens wirklich begreifen zu können, muss man den
Platonischen Begriff der Idee richtig verstehen. Die Platonische Idee ist keine psychologisch
entstandene Vorstellung, sondern etwas noch vor dem konstruierenden modellhaften Denken
Vorgegebenes. Platonische Idee ist ein a priori existierender Maßstab, anhand dessen man die in
der Welt existierenden Realisierungen beurteilt. Die Gegenstände der sinnlichen Welt orientieren
sich primär also auf bestimmte schon vorher gegebene Maßstäbe. Nur wenn man die Platonische
Idee so versteht, kann man wirklich einsehen, warum die Behandlung der Naturgegenstände
(bzw. warum die Naturphilosophie) problematisch ist.16
15 Vgl. Heinemann (2001), S.263ff.
16 Das Problem wird später im Kapitel 3 unter ,,prinzipielle Unmöglichkeit einer Naturwissenschaft" erörtert.
- 7 -
Kommentare
Bisher keine Kommentare
Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Autor: Marco FeindlerVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2005 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Autor: GRIN VerlagVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2008 Als PDF-Datei downloaden für 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Autor: Zoran ZivkovicVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2004 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Autor: Claudia NickelVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2006 Als PDF-Datei downloaden für 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Autor: Maik PhilippVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2004 Als PDF-Datei downloaden für 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Autor: Mark RichterVorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren, 2008
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden: