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Der Naturbegriff im klassischen griechischen Denken

Untertitel: Platon und Aristoteles

Hausarbeit, 2009, 43 Seiten
Autor: Radka Tomeckova
Fach: Philosophie - Philosophie der Antike

Details

Veranstaltung: Vorlesung: Grundbegriffe der griechischen Metaphysik
Institution/Hochschule: Universität Konstanz (Fachbereich Philosophie)
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2009
Seiten: 43
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V130104
ISBN (E-Book): 978-3-640-36256-1
ISBN (Buch): 978-3-640-36230-1

Zusammenfassung / Abstract

In Griechenland ist eine ganz neue Denkform und Denkweise entstanden. Vom griechischen Denken fühlt man sich immer wieder angezogen, weil dieses einen Anfang der Rationalität darstellt – einen Anfang dessen, worin wir uns heute stets befinden. Das interessanteste am griechischen Denken ist, dass es unser eigenes Denken ist. Es ist für uns unmöglich, das griechische Denken von Außen zu betrachten und zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion des griechischen Denkens ist somit im tiefsten Sinne ein Teil dieses Denkens. In einer solchen Forschung rekonstruiert das Rekonstruierende sich selbst. Dessen muss man sich bewusst werden, weil man erst dann versteht, dass die Geschichte der griechischen Philosophie im eigentlichen und ursprünglichen Sinne eine Selbstforschung der Philosophie ist. Nur eine solche Sichtweise ermöglicht uns einen komplexen Blick auf die griechische Philosophie und macht eine Forschung des griechischen Denkens zu einer gleichzeitig systematischen. In dieser Arbeit setze ich mich näher mit dem Naturbegriff im klassischen griechischen Denken auseinander. Im Zusammenhang mit diesem Begriff kommt die spezifisch griechische Denkform deutlich zum Ausdruck. Eine nähere Untersuchung dieses Begriffes ermöglicht uns, drei allgemeinere systematische Fragen zu beantworten:(1)Entsteht in Griechenland eine neue Denkform und in welcher Hinsicht ist sie neu? (2)Wie gelangt der griechische Geist durch die Entdeckung dieser Denkweise zu rein metaphysischen Fragen? Und (3) ist unser Denken im Kern tatsächlich immer noch ein griechisches Denken? Diese Fragen bilden den roten Faden dieser Arbeit. Eine explizite Antwort formuliere ich in der Schlussfolgerung anhand der vorangegangenen Analysen, in denen ich mich auf folgende Punkte konzetriere:1.Entstehung neuer Denkform:Neue Denkform in der Mathematik, Platons Ideenlehre–Konstruktionsmodell des Denkens,Aristoteles’ Erste Phosophie–Rekonstruktionsmodell des Denkens;2.Naturbegriff der neuen Denkform:Unberührte Natur vs. Kunst und das Künstliche,Natur als Kosmos;3.Naturbegriff bei Platon:Prinzipielle Unmöglichkeit einer Naturwissenschaft,Astronomie als mathematisches Wissen in ‚Politeia’,Naturphilosophie in ‚Timaios';4.Naturbegriff bei Aristoteles:Natürliches Ding(‚Physik’),Aristotelische Physik und Elementtheorie,Poiesis und teleologischer NaturbegriffÜbergang vom Naturbegriff zur Metaphysik (Natur als Wesen(‚Delta-Buch’),Unbewegter Beweger(‚Physik VIII’u.‚Lambda-Buch’);5.Vergleich:Gemeinsamkeiten und Unterschiede


Textauszug (computergeneriert)

Universität Konstanz

MA - Philosophie

VORLESUNG Grundbegriffe der griechischen Metaphysik

HAUSARBEIT

Thema

Der Naturbegriff im klassischen griechischen Denken

(Platon und Aristoteles)

Wintersemester 2008/09

Tomecková Radka


GLIEDERUNG

Einführung - 3 -

1.

Entstehung einer neuen Denkform - 4 -

2.

Naturbegriff in der neuen Denkform - 10 -

3.

Naturbegriff bei Platon - 11 -

4.

Naturbegriff bei Aristoteles - 20 -

5.

Vergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede - 35 -

Schlussfolgerung: Warum ist es wichtig den griechischen Naturbegriff zu verstehen? - 38 -

Beantwortung der Fragen:

(1) In Griechenland entsteht eine neue Denkform ­ nämlich die Theorie, d.h. eine Frage nach

der Erklärung (nach dem Ursprung und Gründen) und ein allgemeiner Erklärungsversuch.

(2) Bei Platon gelangt der griechische Geist durch eine Anwendung des geometrisch-

mathematischen Paradigmas zur Metaphysik in der Form der Ideenlehre. Die

Naturphilosophie wird dadurch spezifisch, dass sie erst von der Ideenlehre abgeleitet wird.

Bei Aristoteles gelangt der griechische Geist von der Betrachtung der menschlichen

Erfahrung zum poietischen Naturbegriff zum Substanzbegriff und zur Vorstellung eines

Unbewegten Bewegers, der als erste Ursache aller Bewegung notwendig ist. Substanz und

Theion im Sinne des Unbewegten Bewegers sind dann Themen der reinen Metaphysik (bzw.

der Ersten Philosophie und Theologie).

(3) Unser Denken ist im tiefsten Inneren immer noch ein griechisches Denken. (Allgemein)

Auch wir verlangen eine rationale Erklärung, fragen uns nach den Gründen und Ursachen,

wenden das Konstruktions- und Rekonstruktionsmodell an. (Im Einzelnen) Unser

Naturbegriff ist im Kern ein Naturbegriff des klassischen Griechenlands (ein platonisch-

aristotelischer Naturbegriff).

Literaturverzeichnis - 41 -

- 2 -


Einführung

In Griechenland ist eine ganz neue Denkform und Denkweise entstanden. Vom

griechischen Denken fühlt man sich immer wieder angezogen, weil dieses einen Anfang der

Rationalität bzw. Vernunft darstellt ­ einen Anfang dessen, worin wir uns heute stets befinden.

Das interessanteste am griechischen Denken ist, dass es unser eigenes Denken ist. Es ist für uns

unmöglich, das griechische Denken von Außen zu betrachten und zu rekonstruieren. Wenn wir

das griechische Denken rekonstruieren, machen wir dies schon innerhalb dieses Denkens. Die

Rekonstruktion ist somit im tiefsten Sinne ein Teil dieses Denkens. In einer solchen Forschung

rekonstruiert das Rekonstruierende sich selbst. Dessen muss man sich bewusst werden, weil man

erst dann versteht, dass die Geschichte der griechischen Philosophie im eigentlichen und

ursprünglichen Sinne eine Selbstforschung der Philosophie (bzw. der Rationalität an sich) ist. Nur

eine solche Sichtweise ermöglicht uns einen komplexen Blick auf die griechische Philosophie und

macht eine Forschung des griechischen Denkens zu einer gleichzeitig systematischen.

In dieser Arbeit möchte ich mich näher mit dem Naturbegriff im klassischen griechischen

Denken (d.h. mit FÝZIS-Begriff bei Platon und Aristoteles) auseinandersetzen. Im

Zusammenhang mit diesem Begriff kommt die spezifisch griechische Denkform deutlich zum

Ausdruck. Eine nähere Untersuchung dieses Begriffes wird uns abschließend ermöglichen, drei

allgemeinere systematische Fragen zu beantworten: (1) Entsteht in Griechenland tatsächlich eine

neue Denkform und in welcher Hinsicht ist das griechische Denken neu? (2) Wie gelangt der

griechische Geist durch die Entdeckung dieser Denkweise zu rein metaphysischen Fragen? Und

(3) ist unser Denken im Kern tatsächlich immer noch ein griechisches Denken? Diese Fragen

stehen im Hintergrund dieser Arbeit und bilden den roten Faden. Eine direkte und explizite

Antwort werde ich in der Schlussfolgerung anhand der vorangegangenen Analysen formulieren.

- 3 -


1.

Entstehung einer neuen Denkform

Bevor wir uns direkt mit dem Naturbegriff in Griechenland beschäftigen, müssen wir

verstehen, wie die Griechen im Allgemeinen Begriffe hervorgebracht und verwendet haben: Wie

haben die Griechen allgemein gedacht und in welcher Hinsicht hat diese Denkweise etwas Neues

dargestellt?

In Griechenland entsteht ungefähr 700 v. Ch. wie aus dem Nichts eine Denkform, die

sich bei keiner früheren Kultur nachweisen lässt1, eine Denkform, die wir heute als eine

theoretische verstehen und bezeichnen. Ohne jedes Vorbild entstehen in Griechenland zum

ersten Mal theoretische mathematische Sätze2, die klar formuliert sind und einen expliziten

Beweis fordern. Im Zusammenhang mit diesen mathematischen Sätzen wurde zum ersten Mal

ein axiomatisch-deduktiver Denkvorgang verlangt. Es ist gerade diese Forderung im Hintergrund

der griechischen Mathematik bzw. Geometrie, die diese Sätze zu theoretischen im eigentlichen

Sinne macht, und somit auch die Mathematik bzw. Geometrie zu einer Theorie (bzw. zu einem

theoretischen Wissen). Das Denken löst sich hier von dem rein Praktischen (Täglichen und

Konkreten bzw. Bestimmten) ab und wird zum Theoretischen (Allgemeinen). Es handelt sich

zwar immerhin um ein die Praxis stabilisierendes Wissen, d.h. der Bezug auf die Praxis steht stets

in den Wurzeln des Denkens, jedoch gehört die Praxis nicht mehr zum eigenen Wesen des

Wissens. Das Denken verlässt hier also den ursprünglichen, rein praktischen Kontext.

Platon knüpft an dieses mathematisch-geometrische Paradigma an, dies wurde in

seinem Denken (v. a. in seiner Ideenlehre) weiter entwickelt. Platon stellt sich als Erster im

Zusammenhang mit den mathematischen Sätzen eine noch allgemeinere Frage: ,,Wenn das

mathematisch Theoretische wahr ist, woher kommt ihre Wahrheit?" und versucht diese zu

beantworten. Die mathematischen bzw. geometrischen Sätze handeln laut Platon von Ideen.

Diese stützen dann ihre Wahrheit. Ein Satz wie ,,Jeder Kreis ist durch sein Halbmesser halbiert."3

ist kein Satz, der sich mit einem konkreten Einzelkreis beschäftigt. Es ist eher ein Satz, der zum

Ausdruck bringt, was für alle Kreise, d.h. für die Idee des Kreises, gültig ist.

Auf Platons Ideenlehre lässt sich dann die These zurückführen, dass sich jedes

Denken mit Konstrukten beschäftigt. Alles, was wir sehen können (d.h. alles in der

1 Es waren Werke der sog. Vorsokratiker, die diese neue Denkform (die sich wesentlich von der früheren Mythologie

und der mythologischen Auffassung der Welt unterscheidet) als Erste verkörperten. Namentlich Fragmente von

Thales, Anaximander (sog. miletische Naturphilosophie), weiter dann Anaximenes, Pythagoras und Pythagoreer,

Xenophanes, Heraklit, Parmenides und Zenon (sog. Eleaten), Empedokles, Anaxagoras, Leukipp und Demokrit

(sog. Atomisten). Vgl. mit Vorsokratiker I und II (2005).

2 Zum ersten Mal bei Thales ­ vgl. mit Vorsokratiker I (2005), S.44-49, später hat sich dann die Euklidische

Geometrie entwickelt.

3 Einer von den Thaletischen Sätzen, vgl. Vorsokratiker I (2005), Thale 8, S.49.

- 4 -


materiellen, sinnlich erfahrbaren Welt), dient nur zur Veranschaulichung und evoziert in uns eine

Idee. Sieht man zum Beispiel einen gemalten Kreis auf der Tafel, wird in ihm die Idee des Kreises

evoziert. Platon selbst spricht in diesem Zusammenhang von der sog. ANAMNÉSIS (Erinnerung):

Die Suche nach der Wahrheit und das Lernen4 bedeutet nichts anderes als sich an die ,,richtige

Vorstellungen" zu erinnern, die schon in der Seele des erkennenden Subjekts vorhanden sind,

wobei mit diesen ,,richtigen Vorstellungen" im Menschen bzw. in der menschlichen Seele die

Ideen gemeint sind.5 Das Theoretische (d.h. eine begründete EPISTÉMÉ) spricht nur von solchen

Ideen. Alles, was nicht auf solche Ideen zurückgeführt werden kann, ist dagegen nur eine

unbegründete Meinung (DOXA). Alle wahrnehmbaren Dinge, die uns umgeben (z.B. der Kreis auf

der Tafel oder ein kreisförmiger Untersetzer oder ein Teller usw.), sind nur Beispiele bzw. mehr

oder weniger gelungene Realisierungen dessen, was eigentlich gemeint ist (nämlich die Idee des

Kreises). Ideen sind also gewisse Gesichtspunkte, unter denen man über sinnliche Sachen reden

kann ­ z.B. ,,Kreisförmigkeit" ist ein Gesichtspunkt, unter dem wir verschiedene Dinge entweder

als kreisförmig oder nicht kreisförmig verstehen, also als bessere oder schlechtere Realisierungen

der Idee des Kreises.6

Platonische Überlegungen stellen somit ein Konstruktionsmodell des Denkens7 dar.

Das Konstruktionsdenken erstreckt sich bei Platon von seinem ursprünglichen fachlichen

Kontext (von Mathematik und Geometrie) auf andere Gebiete ­ auch Gerechtigkeit oder

Tapferkeit (Ethik), sowie Schönheit (Ästhetik) kann man als etwas verstehen, was sich auf Ideales

bezieht (bzw. zurückführen lässt) und etwas, was in der sinnlichen Welt nur als eine mehr oder

weniger gelungene Realisierung dieses Idealen auftritt.8 Dementsprechend gibt es also für Platon

zwei Sorten von Dingen: konkrete empirische Gegenstände und theoretische nicht-empirische

Dinge. Die Ideen (IDEAI), d.h. die theoretischen, nicht-empirischen Dinge, sind dabei das

eigentlich Seiende (ONTA), welches unvergänglich, ewig und wahr ist. Sie sind Vorbilder für die

4 Mit Lernen ist das Erwerben der wahren Kenntnis gemeint.

5 Diese sog. Anamnesislehre stellt Platon erstmalig im Dialog ,,Menon" dar. Sie kann als der erste Schritt zu der

Ideenlehre verstanden werden. Die These, dass Lernen in der ANAMNÉSIS (d.h. sich auf das schon Anwesende zu

erinnern) besteht, veranschaulicht Platon mit seinem Experiment mit einem unausgebildeten Sklaven und einer

geometrischen Figur im Sand. Wenn der Sklave eine geometrische Aufgabe bekommt, kann er selbst zur Lösung

gelangen, ohne dass es ihn Sokrates lehren müsste. Es genügt, wenn ihn Sokrates zum Lernen bzw. Selbst-Lernen

lenkt. Der Sklave benötigt nur das Sich-Erinnern, um die mathematische Aufgabe beantworten zu können. Dieses

Sich-Erinnern besteht dann im Einsehen der Ideen. S. in: Menon 80d ­ 85e. Auf diese Anamnesislehre knüpft dann

die ,,Zwei-Welten-Lehre" an, nämlich die Vorstellung, dass es zwei Welten gibt: die Welt der Begriffe bzw. Ideen

und die materielle, empirische, wahrnehmbare und sinnlich erfahrbare Welt. Die Seele war einst in der Welt der

Ideen, wo sie diese Ideen gesehen hat. Wenn man dann die Dinge der materiellen Welt wahrnimmt, kann man sich

an die Ideen erinnern, bzw. man nimmt die Dinge in der sinnlichen Welt durch ,,das Prisma der Ideen" wahr. Vgl.

Platons Rede über das Gleiche und die Gleichheit in: Phaidon. Vgl. auch Mittelstraß (1962), Kap. II, 1, S. 29ff.

6 Zum Verständnis vom Guten als ,,Gelungenes" und zur Idee als ein Maßstab für den Vergleich und die

Beurteilung, vgl. Heinemann (2001), S. 263 ­ 265.

7 Terminologie von J. Mittelstraß, benutzt in der Vorslesung ,,Grundbegriffe der griechischen Metaphysik".

8 Vgl. Phaidon ­ Von einer Ideen zu reden ist nur dort sinnvoll, wo es in der Welt mehrere Realisierungen eben dieser

gibt, d.h. in dem Bereich der Mathematik bzw. Geometrie, Ethik und Ästhetik.

- 5 -


zwei Sorte der Dinge, für die PRAGMATA bzw. ERGA (empirische Einzelgegenstände) in der

sinnlichen Welt. Die empirischen, wahrnehmbaren Dinge (PRAGMATA, ERGA) sind also Abbilder

von Ideen ­ sie haben eine Teilhabe (METHEXIS) an den Ideen.9 So hängt auch der Begriff der

Idee mit dem Begriff der Ursache (AITIA) zusammen. Etwas ist schön, weil es Teil an der

Schönheit hat. Es ist gerade der Bezug auf die Schönheit an sich (d.h. auf die Idee des Schönen),

die ein Einzelding schön macht.10

Die Unterscheidung zwischen IDEAI-ONTA und PRAGMATA-ERGA wird noch komplizierter

in der ,Politeia′, wo die Ideenlehre systematisch aufgefasst wurde. Im sog. Liniengleichnis11

unterscheidet Platon zunächst zwei Sorten des Seienden: die denkbaren und unsichtbaren Ideen

und die empirische, sichtbare und erfahrbare Erscheinungen. Für diese zwei Sorten des Seienden

gibt es auch entsprechend zwei unterschiedliche Erkenntnisformen: Während man von Ideen das

Wissen (EPISTÉMÉ) hat, kann man von Erscheinungen nur eine Meinung (DOXA) haben. Diese

Meinungen (DOXAI) sind dann im Vergleich zur EPISTÉMÉ nur wahrscheinlich und nicht definitiv

verlässlich. Weiter unterscheidet Platon mathematische Ideen von den nicht-mathematischen,

welche als einzige zur NOIESIS (Einsicht) führen können. Allem übergeordnet ist noch die

spezifische Idee des Guten, die sich zum Denken (NÚS) und Gedachten, wie die Sonne zum

Sehen (OPSIS) und Gesehenem, verhält.12

Trotz dieser Unterscheidung muss man nicht notwendigerweise auf eine Zwei-Welten-

Lehre und einen naiven Dualismus schließen. Diese Unterscheidung lässt sich plausibel auch so

interpretieren, dass es zwei Betrachtungsweisen der Welt gibt.13 Laut dieser Interpretation gäbe es

eigentlich nur eine einzige Welt, die man unterschiedlich betrachten und dementsprechend

beschreiben könnte. Die DIALEKTIKÉ EPISTÉMÉ wäre dann die richtige Betrachtungs- und

Beschreibungsweise für jeden, der sich mit einer Wissenschaft bzw. Philosophie beschäftigt.

Das berühmte Höhlengleichnis in ,Politeia′ beschreibt dann die Anamnesislehre, das

Aufklärungs- und Wissensbildungsprozess14. Hier wird die Situation des Menschen in der

sinnlichen Welt (bzw. im Alltag) dargestellt und weiter die Wissensbildung als ein Akt der

Selbstbefreiung beschrieben. Ein Akt, in dem der Mensch erkennt, dass das, was er bisher für

Wahres gehalten hat, bloß Abbilder und Erscheinungen sind und dass es neben diesen eine

andere wahre Sphäre des Wissens (bzw. des wahr Seienden) gibt (Sphäre von Ideen).

9 Vgl. Phaidon 100a.

10 Vgl. Faidon 100b.

11 Politeia 509c ­ 511e.

12 Vgl. mit dem sog. Sonnengleichnis in: Politeia 508a ­ 509b. Weiteres zur Idee des Guten in Heinemann (2001), S. 263

­ 265.

13 Vgl. Politeia 120c oder 525c.

14 Politeia 515a ­ 515b.

- 6 -


Mit dem Höhlengleichnis scheint die Ideenlehre abgeschlossen zu sein: Von der

Philosophie der Geometrie, wo festgestellt wurde, dass die mathematischen bzw. geometrischen

Definitionen nur Konstruktionsanweisungen und Ideen nur Konstruktionspläne bzw.

Konstruktionsprinzipien sind, über die Philosophie des Guten und Schönen, wo die Ideen als

erfüllte oder unerfüllte Normen bzw. Maßstäbe auftreten, gelangt man bis zu der Philosophie der

Ideenlehre in den Dialogen ,Phaidon′, ,Phaistos′ und ,Politeia′, wo der Gegensatz von Vorbild-

Abbild problematisiert wird und die Unterscheidung zwischen Ideen als ONTA und Dingen als

PRAGMATA gemacht wird. Die Philosophie der bloßen Geometrie erweitert sich also in Platons

Händen bis zu rein metaphysischen Überlegungen über das wahr Seiende.

Das Theoretische (bzw. das mathematisch-geometrische Paradigma) scheint sich hier

jedoch nicht auf alle Dinge zu erstrecken, die wir in unserer Umgebung wahrnehmen können.

Die Naturgegenstände (wie Baum oder Feuer) scheinen keine mehr oder weniger gelungene

Realisierungen von Ideen zu sein. Wie könnte man von einer idealen Vorlage eines Baumes

sprechen? Platon lehnt die Vorstellung von Ideen natürlicher Dinge definitiv ab, weil man dann

auch viele andere Ideen anerkennen müsste, und zwar ebenfalls von hässlichen Dingen. Der

Begriff der Idee ist jedoch in seinem Denken fest mit der Vorstellung des Guten verbunden.15

Anders als mit Naturgegenständen ist es dann mit den Artefakten (d.h. mit den von Menschen

hergestellten Sachen). Es ist leicht einzusehen, weshalb ein wackliger Tisch eine wenig gelungene

Realisierung ist. Ein Tisch (oder andere Artefakte) kann nämlich eine Realisierung sein, weil er

nach einer Vorlage bzw. nach einem Muster geschaffen ist. Diese Vorlage ist eine Vorstellung im

menschlichen Geist. Später (im Kap. 3) werden wir sehen, dass und wie diese Vorstellung,

nämlich dass Artefakte im Gegensatz zu den Naturgegenständen mehr oder weniger gelungene

Realisierungen sein können, Platons Verständnis der Natur und der natürlichen Dinge beeinflusst

und wesentlich modifiziert.

Um das Konstruktionsmodell des Denkens wirklich begreifen zu können, muss man den

Platonischen Begriff der Idee richtig verstehen. Die Platonische Idee ist keine psychologisch

entstandene Vorstellung, sondern etwas noch vor dem konstruierenden modellhaften Denken

Vorgegebenes. Platonische Idee ist ein a priori existierender Maßstab, anhand dessen man die in

der Welt existierenden Realisierungen beurteilt. Die Gegenstände der sinnlichen Welt orientieren

sich primär also auf bestimmte schon vorher gegebene Maßstäbe. Nur wenn man die Platonische

Idee so versteht, kann man wirklich einsehen, warum die Behandlung der Naturgegenstände

(bzw. warum die Naturphilosophie) problematisch ist.16

15 Vgl. Heinemann (2001), S.263ff.

16 Das Problem wird später im Kapitel 3 unter ,,prinzipielle Unmöglichkeit einer Naturwissenschaft" erörtert.

- 7 -



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