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Intermediate Diploma Thesis, 2004, 39 Pages
Author: Diplom Pädagogin Mirjam Günther
Subject: Pedagogy - History of Pedagogy
Details
Tags: Heimerziehung, Entwicklung
Year: 2004
Pages: 39
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-36283-7
ISBN (Book): 978-3-640-36319-3
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Abstract
„Wenn wir die Feinheiten und Elaboriertheiten akademischer Sprache beiseite lassen, dann müssen wir feststellen, dass Heimerziehung immer dann, ’wenn es nicht mehr geht’ – dem einen zur Entlastung, dem anderen zur Drohung – zur Verfügung stehen muß [!]. Dies verweist auf die gesellschaftliche Funktion von Heimerziehung und den Beitrag, den sie zur sozialen Kontrolle leistet.“ (Friedhelm Peters 1991) Mit diesen Worten leitet Friedhelm Peters sein Buch „Jenseits von Familie und Anstalt“ ein und gibt damit ebenfalls die Meinung einer breiten Öffentlichkeit wieder, wenn es um das Thema der Heimerziehung geht. In den Köpfen der meisten Menschen gilt die Heimerziehung immer noch als der letzte Ausweg, den man für Kinder und Jugendliche finden kann, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können. Sie wird dabei aber eher als Strafe verstanden und nicht als Chance für ein neues Leben, die den Kindern geboten wird. Dieses Negativbild der Heimerziehung hat sich aus der Realität der Heimerziehung früherer Zeiten entwickelt und hatte zu dieser Zeit auch seine Berechtigung. Nun ist aber zu fragen, ob dieses Negativbild, mit dem auch die heutige Heimerziehung meist noch belastet ist, auch heute noch seine Berechtigung hat oder ob es nur noch ein Überbleibsel aus alten Zeiten ist und mit der aktuellen Heimerziehung nichts mehr zu tun hat. Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung in der Heimerziehung seit 1945 darzustellen. Zuerst wird dazu kurz die Geschichte der Heimerziehung von ihrem Beginn an bis zum Ende des 2. Weltkrieges 1945 beschrieben. Danach werden zentrale Entwicklungslinien in der gesamten Heimerziehung erklärt. Im Anschluss folgen eine Darstellung der Situation der Heimerziehung bei Kriegsende und erste Reformbestrebungen nach 1945. Weiterhin werden die Heimkampagne der 60er und 70er Jahre ausführlich dargestellt, die daran anschließenden Reformdiskussionen und die Hamburger Heimreform der 80er Jahre. Danach werden die neueren Entwicklungen in der Heimerziehung in den 90er Jahren beschreiben, wobei der Schwerpunkt auf dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz liegt. Abschließend wird der aktuelle Stand der Entwicklungen der Heimerziehung festgehalten und somit zu überprüfen, ob das allgemeine Negativimage der Heimerziehung noch gerechtfertig ist oder ob sich die Heimerziehung nicht inzwischen in eine positive Lebensalternative für Kinder und Jugendliche gewandelt hat, die nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können.
Excerpt (computer-generated)
4. Fachsemester, DEW
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Vordiplomarbeit
Thema: Entwicklungslinien in der Heimerziehung
nach 1945
Mirjam Günther
Abgabetermin: 30.08.2004
Inhalt
Seite
1. Einleitung 3
2. Geschichte der Heimerziehung vor 1945 4
3. Zentrale Entwicklungslinien in der Heimerziehung 6
4. Die Situation um 1945 8
5. Reformbestrebungen nach 1945 9
5.1. Familienerziehung nach Mehringer 9
5.2. Kritik an Mehringer 10
5.3. Familienprinzip in Kinderdörfern 11
6. Probleme der Heimerziehung in den 60er Jahren 11
7. Die Heimkampagne 12
7.1. Voraussetzungen für die Entstehung der Heimkampagne 12
7.2. Reformbedarf in der Heimerziehung 13
7.3. Aktionen während der Heimkampagne 13
7.4. Vorwürfe gegen die Heimerziehung 15
7.5. Die Staffelbergkampagne 16
7.6. Probleme in Frankfurt und die Jugendwohnkollektiven 17
8. Von der Heimkampagne zur Reformdiskussion 18
8.1. Die ,,sozialistische Aktion" 18
8.2. Reaktion der Behörden und Verbände 19
8.3. Empfehlungen zur Heimerziehung des Beirates in Hessen 20
9. Von der Reformdiskussion zur Wiedereinführung geschlossener Unterbringung 22
9.1. Voraussetzungen für die Forderung nach geschlossener Unterbringung 22
9.2. Argumente für und gegen geschlossene Unterbringung 23
9.3. Alternativen zur geschlossenen Unterbringung 23
10. Die Hamburger Heimreform 24
10.1. Gesellschaftlicher Kontext in den 80er Jahren 24
10.2. Die Leitprinzipien der Heimreform 25
10.3. Kritik an der Heimreform 26
1
10.4. Ergebnisse der Heimreform 27
10.5. Grenzen (der Reformen) der Heimerziehung 28
11. Heimerziehung in den 90er Jahren 30
11.1. Allgemeine Entwicklungen 30
11.2. Das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz 30
11.3. Erziehungshilfen im KJHG 32
11.4. Heimerziehung in Kontext des KJHG 32
12. Heimerziehung heute 34
13. Literaturverzeichnis 36
2
1. Einleitung
,,Wenn wir die Feinheiten und Elaboriertheiten akademischer Sprache beiseite lassen, dann
müssen wir feststellen, dass Heimerziehung immer dann, ′wenn es nicht mehr geht′ dem
einen zur Entlastung, dem anderen zur Drohung zur Verfügung stehen muß [!]. Dies
verweist auf die gesellschaftliche Funktion von Heimerziehung und den Beitrag, den sie zur
sozialen Kontrolle leistet." (Peters 1991, S.1)
Mit diesen Worten leitet Friedhelm Peters sein Buch ,,Jenseits von Familie und Anstalt" ein
und gibt damit ebenfalls die Meinung einer breiten Öffentlichkeit wieder, wenn es um das
Thema der Heimerziehung geht.
In den Köpfen der meisten Menschen gilt die Heimerziehung immer noch als der letzte
Ausweg, den man für Kinder und Jugendliche finden kann, die aus verschiedenen Gründen
nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können. Sie wird dabei aber eher als Strafe
verstanden und nicht als Chance für ein neues Leben, die den Kindern geboten wird. Dieses
Negativbild der Heimerziehung hat sich aus der Realität der Heimerziehung früherer Zeiten
entwickelt und hatte zu dieser Zeit auch seine Berechtigung. Nun ist aber zu fragen, ob dieses
Negativbild, mit dem auch die heutige Heimerziehung meist noch belastet ist, auch heute
noch seine Berechtigung hat oder ob es nur noch ein Überbleibsel aus alten Zeiten ist und mit
der aktuellen Heimerziehung nichts mehr zu tun hat.
Ziel meiner Arbeit ist es, die Entwicklung in der Heimerziehung seit 1945 darzustellen.
Zuerst werde ich dazu kurz die Geschichte der Heimerziehung von ihrem Beginn an bis zum
Ende des 2. Weltkrieges 1945 beschreiben, um somit ein Verständnis für die Lage zu
entwickeln, der sich die Heimerziehung nach dem Krieg zu stellen hatte. Danach werde ich
kurz die zentralen Entwicklungslinien in der gesamten Heimerziehung nennen, definieren und
erklären, um die wichtigsten Begriffe inhaltlich zu klären. Im Anschluss daran folgt eine
Darstellung
der
Situation
der
Heimerziehung
bei
Kriegsende,
sowie
erste
Reformbestrebungen nach 1945. Weiterhin werde ich die Heimkampagne der 60er und 70er
Jahre ausführlich darstellen, wie auch die daran anschließenden Reformdiskussionen und die
Hamburger Heimreform der 80er Jahre. Danach werde ich die neueren Entwicklungen in der
Heimerziehung in den 90er Jahren beschreiben, wobei der Schwerpunkt auf dem neuen
Kinder- und Jugendhilfegesetz liegen wird. Abschließend möchte ich den aktuellen Stand der
Entwicklungen der Heimerziehung festhalten und somit zu überprüfen, ob das allgemeine
Negativimage der Heimerziehung noch gerechtfertig ist oder ob sich die Heimerziehung nicht
inzwischen in eine positive Lebensalternative für Kinder und Jugendliche gewandelt hat, die
nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können.
3
2. Geschichte der Heimerziehung vor 1945
Das Thema dieser Arbeit lautet ,,Entwicklungslinien in der Heimerziehung nach 1945". Um
diese Entwicklungen komplett verstehen und nachvollziehen zu können, ist es notwendig,
ebenso die Entwicklungen in der Heimerziehung, die vor 1945 stattfanden, im Auge zu haben.
Deshalb werde ich nun im voraus die Geschichte der Heimerziehung vor 1945 kurz in ihren
zentralen Aspekten und Entwicklungen darstellen und somit versuchen, ein möglichst
abgerundetes Bild ihrer Entstehungsgeschichte herzustellen.
Die Entstehungsgeschichte der Heimerziehung geht zurück bis ins Mittelalter, als erstmals
organisatorische Differenzierungen für die Versorgung von elternlosen Kindern auftraten. Bis
zu diesem Zeitpunkt wurden solche Kinder nur durch Verwandte versorgt. War keine
Verwandtschaft zu finden, mussten sie von der Gemeinde mitversorgt werden, sonst gingen
sie zu Grunde. Hospitale galten damals als universelle Fürsorgeeinrichtungen, sowohl für
kranke und alte Menschen, als auch für elternlose Kinder. Die zunehmende Ausbreitung von
Krankheiten und Epidemien in den Hospitälern machte zum ersten Mal eine spezielle
Differenzierung notwendig. Es entstanden Findelhäuser, Klosterschulen und Armenhäuser,
welche den Kindern eine anstaltsmäßige Unterbringung boten, die kaum erzieherische
Komponenten hatte. Der vorrangige Zweck dieser Unterbringung war es, die Kinder am
Leben zu erhalten und sie zu Arbeitsamkeit, Gottesfurcht und Demut hinzuführen (vgl.
Günder 2003, S.12).
Die ersten Waisenanstalten in Deutschland entstanden im 16. Jahrhundert in den
Reichsstädten, wie zum Beispiel 1546 in Lübeck, 1567 in Hamburg, 1572 in Augsburg und
1698 die Halleschen Anstalten unter August Herrmann Francke. Diese Anstalten verfolgten
eine strenge, pietistisch geprägte Erziehung, welche besonderen Wert auf die Strenge und
Disziplin des täglichen Lebens legte. Während des 30-jährigen Krieges wurden die Anstalten
mit Kindern überflutet, so dass eine Massenunterbringung der Kinder notwendig wurde,
welche für die schlechten Zustände in den Anstalten verantwortlich zu machen ist (vgl. ebd.,
S.13).
Gegen Ende des 18.Jahrhunderts entbrannten Diskussionen darüber, ob Waisenanstalten oder
die Unterbringung in den Familien besser sei. Die Unterbringung der elternlosen Kinder in
Familien war schlecht für die Kinder, da sie dort als billige Arbeitskräfte in Haus und Hof
missbraucht wurden und kaum oder gar keine Bildung und Erziehung erhielten. Die
schlechten Zustände in den Anstalten, sowie ökonomische Gründe sprachen allerdings gegen
die Waisenanstalten. Die Unterbringung von Kindern in Waisenanstalten war ungefähr
dreimal so teuer wie die in Familien. Als Folge davon wurde an verschiedenen Orten die
4
Waisenverteilung eingeführt. Erfolge hiervon waren die dadurch erzielten Ersparnisse und
eine geringere Mortalität unter den Kindern, aber es gab nicht genug taugliche Familien für
die vielen elternlosen Kinder (vgl. ebd., S.13/14)
Zeitgleich richtete sich der ,,Waisenhausstreit" gegen die unhygienischen und
gesundheitsgefährdenden Zustände und gegen die inhumane Behandlung der Kinder in den
Anstalten. Es entstanden erste Sonderanstalten für Kinder mit besonderen
Erziehungsbedürfnissen und ein allgemeiner Pädagogikanspruch an die besondere Lebens-,
Lern- und Entwicklungsphase der Kindheit setzte sich durch (vgl. Hansbauer 1999, S.29/30).
Mit dem Beginn der Aufklärung vollzog sich eine allgemeine Veränderung in der Betrachtung
des Wertes der Kindheit und einer kinderorientierten Erziehung, welche besonders von
Pestalozzi und Rousseau angeführt wurde. Pädagogische Ideen in Institutionen für elternlose
Kinder wurden erstmals in größerem Umfang bedeutsam. 1798 gründete Pestalozzi sein
Armen-Erziehungshaus in Stanz, in dem erstmals nicht mehr Strenge, Zucht und Ordnung,
sondern die Liebe zu den Kindern grundlegend für den Umgang mit diesen war. Die
Prinzipien der Erziehung, die Pestalozzi in seiner Anstalt verfolgte, waren die
,,Wohnstubenerziehung" und das Familienprinzip (vgl. Günder 2003, S.15).
Im 19. Jahrhundert zeichnete sich durch die politisch und ökonomisch schlechte Lage in
Deutschland nach den Befreiungskriegen ein Rückzug der staatlichen Organe aus der
öffentlichen Fürsorge ab, welcher die Verwahrlosung und Verelendung der unteren
Bevölkerungsschichten und besonders der Kinder zur Folge hatte. Als Reaktion darauf
nahmen die privaten und religiösen Hilfsorganisationen zu. Im Zuge der
,,Rettungshausbewegung" entstanden so viele Rettungshäuser, um die leidenden Kinder
aufzunehmen (vgl. Hansbauer 1999, S.33). Diese Rettungshäuser hatten zwei zentrale
Zielsetzungen. Zum einen wollten sie das Seelenheil der verwaisten Kinder durch religiöse
Bildung und Hinführung zu Gott retten und zum anderen wollten sie die elternlosen Kinder zu
brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft machen. Der bekannteste Vertreter dieser
Bewegung war Johann Heinrich Wiechern, der 1833 das ,,Rauhe Haus" in Hamburg gründete,
welches auf den Prinzipien des christlichen Lebens, der Liebe und der Vergebung beruhte.
Weitere Mittel der Rettungshäuser waren eine selbstbestimmte Ordnung und nützliche
Beschäftigung, ,,der fleißige Gebrauch des göttlichen Wortes" (Günder 2003, S.16), das
Bemühen, im Herzen der Kinder Liebe zu entwickeln, sowie ein gemütliches, familiäres
Zusammenwohnen (vgl. ebd., S.15/16). Diese Prinzipien setzten sich allerdings nicht durch.
Die Erziehung in einem Münchener Waisenhaus 1908 zum Beispiel, war gekennzeichnet
5
durch eine von den Kindern abverlangte ehrerbietige Haltung den Erziehern gegenüber, sowie
durch Strenge, Strafen, Schweigen und Briefzensur (vgl. ebd., S.17).
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde erstmalig der Begriff ,,Heim" üblich. Vorher sprach man
von Institutionen für elternlose Kinder nur als:
· ,,Besserungs- und Corrigendenanstalt
· Rettungshaus und Rettungsanstalt
· Zwangserziehungsanstalt
· Fürsorgeerziehungsanstalt
· Erziehungsanstalt
· Jugendschutzlager/
Konzentrationslager
für
Jugendliche/
Arbeitslager
für
Fürsorgezöglinge" (Schrapper/ Heckes 1986, S.1f, In: Günder 2003, S.17).
Während der Zeit des 3. Reiches waren alle Kinder und Jugendlichen massiven ideologischen
Erziehungsgewalten außerhalb der eigenen Familie ausgesetzt. Die öffentliche Erziehung
wurde statt einer Ersatzerziehung im Notfall zu einer staatspolitischen Pflichtaufgabe.
Richtlinien für die Fremdunterbringung von elternlosen Kindern war die Frage nach der
voraussichtlichen Nützlichkeit der Hilfe für den Einzelnen für den NS-Staat. Weiterhin
wurden die Hilfsbedürftigen nach rassistischen Merkmalen und ihrem Wert für die
Volksgemeinschaft aufgeteilt (vgl. Günder 2003, S.17/18).
3. Zentrale Entwicklungslinien in der Heimerziehung
Die gesamte Entwicklung der Heimerziehung nach 1945 ist mehr oder weniger durchgängig
gekennzeichnet
durch
die
zentralen
Entwicklungslinien
der
Dezentralisierung,
Entinstitutionalisierung, Entspezialisierung, Regionalisierung, Professionalisierung und
Individualisierung. In seinem Buch ,,Entwicklungen in der Heimerziehung" definiert und
beschreibt Klaus Wolf diese Entwicklungslinien sehr ausführlich. Diese Beschreibungen
werde ich hier möglichst komprimiert wiedergeben, bevor ich zu den einzelnen und speziellen
Entwicklungen und Veränderungen in der Heimerziehung komme, die sich in den Jahren nach
1945 vollzogen haben.
Unter Dezentralisierung versteht man die ,,Verteilung von (ursprünglich zentralisierten)
Funktionen, Autoritäten, Einflüssen, Wohnverhältnissen usw. auf mehrere Zentren" (Hartfiel
1972, S.125, In: Wolf 1993, S.14). Die Dezentralisierung tritt als organisatorische
Veränderung in der Heimerziehung seit Beginn der 70er Jahre auf und umfasst die
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