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'Die Klavierspielerin' in der Adaption Michael Hanekes und ihr Verhältnis zur literarischen Vorlage Elfriede Jelineks

Termpaper, 2009, 19 Pages
Author: Melissa di Maina
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Literaturverfilmung
Institution/College: University of Bonn
Category: Termpaper
Year: 2009
Pages: 19
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V130393
ISBN (E-book): 978-3-640-36380-3
ISBN (Book): 978-3-640-36420-6

Abstract

Im Jahre 2001 wird Michael Hanekes Film DIE KLAVIERSPIELERIN in Cannes mehrfach ausgezeichnet: Der Regisseur bekommt den großen Preis der Jury, Isabelle Huppert eine Auszeichnung als beste Darstellerin, Benoît Magimel als bester Darsteller. Autorin Elfriede Jelinek wird 2004 Literaturnobelpreisträgerin „for her musical flow of voices and counter-voices in novels and plays that with extraordinary linguistic zeal reveal the absurdity of society's clichés and their subjugating power“. In der vorliegenden Arbeit soll zu Beginn Die Klavierspielerin in Jelineks Leben und Werk eingeordnet werden und im Falle des Regisseurs anhand eines Gespräches, das Franz Grabner mit ihm führte, erarbeitet werden, was er mit seinen Filmen erreichen will, was er umzusetzen versucht. In einem nächsten Schritt wird genauer auf den Roman einzugehen sein. Es ist wichtig, nicht nur seinen Inhalt darzustellen; vielmehr noch sind es die Charaktere der Protagonisten Erika Kohut, Walter Klemmer, Mutter Kohut und deren vielschichtige Beziehungen untereinander, die es aufzuzeigen gilt. Im Anschluss daran soll Michael Hanekes Zugang zum Roman bzw. seine filmische Interpretation genauer betrachtet werden. Einen wichtigen Teil wird hierbei die Beschreibung der Charaktere Erika Kohut und Walter Klemmer bilden sowie deren Beziehung zueinander, in deren Darstellung sich der Film deutlich von der Romanvorlage entfernt. Abschließend sollen einige Überlegungen zur Umsetzung des zentralen Themas Musik angestellt werden.


Excerpt (computer-generated)

Inhalt

1.

Einleitung

3

2.

Mutter und Vater in

Die Klavierspielerin ­

ein Versuch

3

Leben und Werk Elfriede Jelineks in Zusammenhang zu bringen

3.

,,Aber warum sind die Ohren verstopft und die Augen verklebt?"

5

­ Michael Haneke über Antworten, die man nicht geben kann

4.

Die Klavierspielerin

7

4.1

Inhalt des Romans, Vorstellung der Protagonisten, ihre Konstellation

7

4.2

Der Film

11

4.2.1

Innen/Tag, Innen/Nacht und geschlossene Türen ­ (kein) Raum für Erika Kohut 11

4.2.2

,, ... da nicht einfach ein Arschloch hinzustellen" ­ Walter Klemmer

12

4.2.3

,, ... letztlich wieder automatisch ein Liebesfilm" ­ Erika und Walter

14

4.2.4

Schubert und der Fernseher ­ die ,,Filmmusik"

14

5.

Ausblick

16

6.

Literaturverzeichnis

18


DIE KLAVIERSPIELERIN in der Adaption Michael Hanekes

und ihr Verhältnis zur literarischen Vorlage Elfriede Jelineks

1. Einleitung

Im Jahre 2001 wird Michael Hanekes Film DIE KLAVIERSPIELERIN in Cannes mehrfach

ausgezeichnet: Der Regisseur bekommt den großen Preis der Jury, Isabelle Huppert eine

Auszeichnung als beste Darstellerin, Benoît Magimel als bester Darsteller.1 Autorin Elfriede

Jelinek wird 2004 Literaturnobelpreisträgerin ,,for her musical flow of voices and counter-

voices in novels and plays that with extraordinary linguistic zeal reveal the absurdity of

society′s clichés and their subjugating power".2

In der vorliegenden Arbeit soll zu Beginn

Die Klavierspielerin

in Jelineks Leben und Werk

eingeordnet werden und im Falle des Regisseurs anhand eines Gespräches, das Franz Grabner

mit ihm führte, erarbeitet werden, was er mit seinen Filmen erreichen will, was er umzusetzen

versucht. In einem nächsten Schritt wird genauer auf den Roman einzugehen sein. Es ist

wichtig, nicht nur seinen Inhalt darzustellen; vielmehr noch sind es die Charaktere der

Protagonisten Erika Kohut, Walter Klemmer, Mutter Kohut und deren vielschichtige

Beziehungen untereinander, die es aufzuzeigen gilt.

Im Anschluss daran soll Michael Hanekes Zugang zum Roman bzw. seine filmische

Interpretation genauer betrachtet werden. Einen wichtigen Teil wird hierbei die Beschreibung

der Charaktere Erika Kohut und Walter Klemmer bilden sowie deren Beziehung zueinander,

in deren Darstellung sich der Film deutlich von der Romanvorlage entfernt. Abschließend

sollen einige Überlegungen zur Umsetzung des zentralen Themas Musik angestellt werden.

2. Mutter und Vater in Die Klavierspielerin

­ ein Versuch Leben und Werk Elfriede Jelineks in Zusammenhang zu bringen

So ist Michael Haneke in die kleine, überschaubare (eigentlich recht enge) Welt der

Erika Kohut eingedrungen, die ich mir selber ausgedacht habe, und die ich sogar

selber zum Teil gewesen bin3

schreibt Elfriede Jelinek in ihrem Essay

Im Lauf der Zeit

. Der Roman

Die Klavierspielerin

erscheint im Jahre 1983. Oft wurde er autobiographisch gedeutet, denn es finden sich

1 http://www.festival-cannes.com/en/archives/ficheFilm/id/1100085/year/2001.html

2 http://www.svenskaakademien.se/web/Laureates.aspx

3 Jelinek, Die Klavierspielerin, S. 288. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle ,,EJ DK" im

Text nachgewiesen.

3


DIE KLAVIERSPIELERIN in der Adaption Michael Hanekes

und ihr Verhältnis zur literarischen Vorlage Elfriede Jelineks

unübersehbare Parallelen zwischen Elfriede Jelinek und Erika Kohut.

Mayer/Koberg4 bringen die Biographie der Schriftstellerin mit ihrem Roman in

Zusammenhang. Mutter- und Vaterfigur(en) bedürfen einer genauen Betrachtung.

,,Im Haushalt hat Erika nie schuften müssen, weil er die Hände des Pianisten mittels

Putzmittel vernichtet" (EJ DK 9).

Mutter Kohut hält Erika den Rücken frei, was Arbeiten im Haushalt betrifft, damit die Tochter

sich ganz der Kunst widmen kann. Ilona Jelinek hat es ihr gleichgetan. Sie kümmerte sich

nicht nur um all das, was der Haushalt beinhaltet, sondern war gleichzeitig eine Art PR-

Managerin ihrer Tochter.5 In fast jedem Lebensbereich Elfriedes war ihre Mutter präsent,

,,Außenstehende beschreiben das Verhältnis als eine Mischung aus totaler Vereinnahmung und

bedingungsloser Verehrung".6

,,Unter einer gläsernen Käseglocke sind sie miteinander eingeschlossen" (EJ DK 17), Erika

und ihre Mutter ­ wie Erika auch als erwachsene Frau noch mit ihrer Mutter zusammen lebt,

lebte Elfriede Jelinek mit ihrer Mutter über Jahrzehnte in einem Haushalt.

Beide Mütter, die fiktive und die echte, wünschen sich, dass die Tochter zu einer bekannten

Musikerin werde. Elfriede nimmt schon als Kind Musikunterricht und wird später ans

Konservatorium der Stadt Wien aufgenommen, sie durchlief gewissermaßen den gleichen

Prozess wie ihre Romanfigur Erika Kohut.

So gut es Mutter Kohut mit Erika bzw. Ilona Jelinek mit Elfriede auch meint, beschreiben

Mayer/Koberg doch treffend, was die Folge einer solchen Mutter-Tochter-Beziehung sein

muss

: ,,dass eine Mutter ihr Kind vernichtet, wenn sie ihm das Leben abnehmen will".7

Die

Klavierspielerin

bildet Elfriede Jelineks Versuch, sich mit ihrer problematischen Beziehung

zur Mutter auseinanderzusetzen.

Ebenso schwierig ist das Verhältnis zu ihrem Vater. Erikas Vater wird im Roman nur am

Rande erwähnt (Kapitel 4.1 wird genauer auf diese Tatsache eingehen). Können Parallelen zu

Friedrich Jelinek, Elfriedes Vater, gezogen werden? Zweifelsohne.

Erschwerende Umstände oder Kindlicher Bericht über einen Verwandten

ist ein Aufsatz

Elfriede Jelineks aus dem Jahre 1977, in dem sie über ihren Vater in Worten spricht, in denen

4 Mayer/Koberg, Elfriede Jelinek. Ein Porträt, S. 111-129. Dieses Kapitel folgt deren Darstellung.

5 Vgl. ebd., S. 111.

6 Ebd., S. 112.

7 Ebd., S. 115.

4


DIE KLAVIERSPIELERIN in der Adaption Michael Hanekes

und ihr Verhältnis zur literarischen Vorlage Elfriede Jelineks

ein Kind diesen für gewöhnlich nicht beschreibt.

Ausgerechnet 15 Jahre später (er hat übrigens, als es gefahrlos wieder möglich war,

nach dem Krieg, einen kleinen Mischling fabriziert, ein ganz schönes Risiko, wenn

man das Alter von Mutter und Vater bedenkt. Wie leicht hätte nicht ein kleiner

Mischling, sondern ein kleiner Krüppel, ein kleines Mongölchen draus werden

können! Aber nein, das Kind war soweit ganz o. k.), ausgerechnet dann also muß der

Trottel wahnsinnig werden. [...] Einfach plemplem. Total regrediert. Verrückt.

Verblödet.8

Im Jahre 1969 starb Friedrich Jelinek, aufgrund seiner Alzheimer-Krankheit mittlerweile

geistig völlig umnachtet, in einer psychiatrischen Klinik. Erikas Vater ereilt dasselbe

Schicksal. ,,So lange er wollte! Ganz wie gewünscht" ­ genauer gesagt bis zu seinem Tode ­

bleibt er in der Klinik, die ,,zu dem guten menschlichen Zweck der Irrenverwahrung und

pekuniären Irrenverwertung eingerichtet wurde" (EJ DK 96). Es sollte Jahre dauern, bis

Elfriede Jelinek in einem Ton über ihren Vater sprechen konnte, der nicht beißenden

Sarkasmus beinhaltete.

Die Klavierspielerin

erschien (nur) sechs Jahre nach dem oben

zitierten Aufsatz, zu einer Zeit, in der dies noch nicht der Fall war. Erikas Vater wird nur

beiläufig erwähnt, er scheint im Leben von Mutter und Tochter keine Rolle (mehr) zu spielen.

Elfriede Jelinek mied eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater ebenso: In einem Interview

wird sie es damit begründen, dass er ,,von einem unglaublich klugen Menschen zum völligen

Idioten geworden" war, ,,das verzeiht eine Tochter dem Vater nicht."9

3. ,,Aber warum sind die Ohren verstopft und die Augen verklebt?"10

­ Michael Haneke über Antworten, die man nicht geben kann

Ein im Jahre 2008 veröffentlichtes Gespräch, das Franz Grabner mit Michael Haneke führte

und aus dem das o.g. Zitat stammt, enthält aufschlussreiche Aussagen des Regisseurs,

gewissermaßen das ,,Evangelium" seines Films.

Weil wir vor dem Grauen der Realität die Augen schließen, um sie überhaupt

auszuhalten. Verdrängung heißt die Erbsünde Numero eins, im gesellschaftlichen wie

im individuellen Bereich ­ gegen sie sind wir alle ziemlich machtlos

lautet Hanekes Antwort auf die Frage, warum er ,,weitere grauenhafte Geschichten" (12)

8 Jelinek, Erschwerende Umstände oder Kindlicher Bericht über einen Verwandten, S. 110.

9 Zitiert nach Mayer/Koberg, Elfriede Jelinek. Ein Porträt, S. 125.

10 Grabner, ,,Der Name der Erbsünde ist Verdrängung". Ein Gespräch mit Michael Haneke, S. 20. In diesem

Kapitel werden Zitate unter Angabe der Seitenzahl im Text nachgewiesen.

5



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