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Theaterpädagogik als Teilgebiet der ästhetischen Praxis in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung

Subtitle: Jahreshausarbeit

Termpaper, 2007, 33 Pages
Author: Diplom Pädagogin Mirjam Günther
Subject: Pedagogy - Orthopaedagogy and Special Education

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 33
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V130394
ISBN (E-book): 978-3-640-36284-4
ISBN (Book): 978-3-640-36320-9

Abstract

In der Heilpädagogik ist in den letzten Jahren ein Ansatz sehr aktuell geworden, der Menschen mit geistigen Behinderungen Möglichkeiten bieten will, künstlerisch und kreativ tätig zu sein und sich in ihren Fähigkeiten auszuprobieren, ohne auf bestimmte Förderziele hinzuarbeiten. Pädagogen wollen mithilfe ästhetischer Erziehung mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, ohne den primären Anspruch zu therapieren oder Defizite zu heilen. Hier steht der Mensch mit seiner gesamten Persönlichkeit, mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen im Mittelpunkt der Arbeit. Nicht das Erreichen von pädagogischen Zielen ist die Hauptaufgabe von ästhetischer Erziehung, sondern die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen mit geistiger Behinderung sind hier vorrangig. Der Gebrauch von ästhetischen Mitteln soll den Menschen helfen, sich und ihre Welt zu erfahren und zu erkennen, um so zu möglichst viel Autonomie und Selbstbestimmung zu gelangen.


Excerpt (computer-generated)

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Philosophische Fakultät III ­ Erziehungswissenschaften

Jahreshausarbeit

Thema der Arbeit:

THEATERPÄDAGOGIK ALS TEILGEBIET DER

ÄSTHETISCHEN PRAXIS IN DER ARBEIT MIT MENSCHEN

MIT GEISTIGER BEHINDERUNG

Mirjam Günther

9. Fachsemester, DEW

Gewählte Studienrichtung: Rehabilitationspädagogik

Schwerpunkt: Geistigbehindertenpädagogik

Abgabedatum: 01. Februar 2007


Inhalt

Seite

1. Einleitung 3

2. Ästhetische Erziehung bei Menschen mit geistiger Behinderung 3

2.1 Basale Pädagogik 8

2.2 Ästhetische Aktivitäten 10

2.2.1 Prozessorientierte Aktivitäten 10

2.2.2 Produktorientierte Aktivitäten 12

3. Theaterpädagogik mit Menschen mit geistiger Behinderung 13

3.1 Allgemeine Theaterpädagogik 13

3.1.1 Ziele von Theaterpädagogik 14

3.1.2 Methoden und Techniken in der Theaterpädagogik

15

3.1.3 Äußere und innere Rahmenbedingungen der Theaterpädagogik 16

3.2 Praxisbeispiel: ,,Opa Flodders wird entführt" 19

3.2.1 Zielstellung / Vorüberlegung

20

3.2.2 Die Spieler der Theatergruppe

20

3.2.3 Entstehung der Thematik

22

3.2.4 Ablauf der Proben

23

3.2.5 Die Aufführung

27

3.2.6 Resümee: Erfolge und Probleme 27

4. Abschließende Gedanken

29

5. Literaturverzeichnis 31

2


1. Einleitung

In der Heilpädagogik ist in den letzten Jahren ein Ansatz sehr aktuell geworden, der

Menschen mit geistigen Behinderungen Möglichkeiten bieten will, künstlerisch und kreativ

tätig zu sein und sich in ihren Fähigkeiten auszuprobieren, ohne auf bestimmte Förderziele

hinzuarbeiten.

Pädagogen wollen mithilfe ästhetischer Erziehung mit Menschen mit Behinderungen arbeiten,

ohne den primären Anspruch zu therapieren oder Defizite zu heilen. Hier steht der Mensch

mit seiner gesamten Persönlichkeit, mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen im

Mittelpunkt der Arbeit. Nicht das Erreichen von pädagogischen Zielen ist die Hauptaufgabe

von ästhetischer Erziehung, sondern die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen

mit geistiger Behinderung sind hier vorrangig. Der Gebrauch von ästhetischen Mitteln soll

den Menschen helfen, sich und ihre Welt zu erfahren und zu erkennen, um so zu möglichst

viel Autonomie und Selbstbestimmung zu gelangen.

Ich werde mich in der folgenden Arbeit näher mit ästhetischer Erziehung und speziell mit der

Theaterpädagogik bei Menschen mit geistiger Behinderung befassen.

Zunächst werde ich genauer auf die Aufgaben, die Zielsetzung und die Umsetzung von

ästhetischer Erziehung eingehen. Anschließend soll speziell die ästhetische Arbeit mit

Menschen mit so genannten schwersten geistigen Behinderungen, die basale Pädagogik,

ausgeführt werden. Danach komme ich zu ästhetischen Aktivitäten, welche ich nach Prozess-

und Produktorientierung unterscheide.

Im Folgenden werde ich mich auf die Theaterpädagogik als eine ästhetische Aktivität

konzentrieren. Dabei gehe ich zunächst allgemein und theoretisch auf Theaterpädagogik ein

und möchte abschließend ein Theaterprojekt aus meiner eigenen Praxis darstellen.

2. Ästhetische Erziehung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Wenngleich der Begriff des ästhetischen im allgemeinen Sprachgebrauch oft synonym mit

Begriffen wie schön, künstlerisch oder ansprechend genutzt wird, so wird er doch in der

Pädagogik unter anderen Gesichtspunkten verwandt. Hier wird der Begriff eher nach seiner

ursprünglichen Bedeutung verstanden, nämlich von dem griechischen Wort ,,aisthesis"

abgeleitet, was soviel bedeutet wie ,,Vollkommenheit der sinnlichen Wahrnehmung"

(BAUMGARTEN 1988, zit. n. JAKOBS / KÖNIG / THEUNISSEN 1998, S. 322).

3


Wenn die Erziehungswissenschaften also die ästhetische Praxis oder ästhetische Erziehung als

Mittel sehen, die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen zu entfalten, dann wird damit

der Begriff des Ästhetischen sowohl von gesellschaftlichen Schönheitsidealen abgegrenzt, als

auch über die rein visuelle Wahrnehmung hinaus erweitert. Vielmehr geht es hierbei um eine

ganzheitliche Wahrnehmung, die ebenso wie die visuelle, auch die taktile, akustische,

gustatorische, olfaktorische und kinästhetische Aufnahme und Verarbeitung von

Umweltreizen umfasst (vgl. THEUNISSEN 1994, S. 76).

Der Begriff Erziehung wird hier als ,,kommunikatives (dialogisches) Handeln" (ebd.)

verstanden, welches Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit bieten soll, ästhetische

Erfahrungen

zu

machen,

um

so

eine

ganzheitliche

und

umfassende

Persönlichkeitsentwicklung zu erreichen. Damit sollen sie gleichsam dazu zu befähigen

werden, eigene Wünsch, Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse auszudrücken und

umzusetzen. Die ist jedoch nur durch den Aufbau und die Entfaltung einer echten Beziehung

zum Menschen mit Behinderung möglich (vgl. ebd., S. 76ff).

Demnach kann man ästhetische Erziehung bei Menschen mit geistiger Behinderung

folgendermaßen definieren: Unter ästhetischer Erziehung versteht man ,,

das pädagogische

Bemühen [...], mit einem (geistig) behinderten Menschen in Beziehung zu treten und ihm auf

dem Hintergrund dieses zwischenmenschlichen Verhältnisses mittels ästhetischer Materialien

und Prozesse Zugänge und Wege zu individueller und sozialer Selbstverwirklichung sowie zu

kultureller Partizipation und ästhetischer Kommunikation zu ermöglichen.

" (THEUNISSEN

2004, S. 80)

Ästhetische Erziehung ist systemökologisch orientiert. Das heißt, sie will sich mit dem

Menschen nicht in einem isolierten, künstlichen Umfeld beschäftigen, sondern ihn und seine

alltägliche Umwelt in Beziehung setzen (vgl. JAKOBS / KÖNIG / THEUNISSEN 1998, S.

322).

Ziel der ästhetischen Erziehung ist es dabei, eine ,,schöne" Subjekt-Objekt-Beziehung

anzustreben und den Menschen mit Behinderung zu befähigen, sich seine individuelle

Subjekt-Objekt-Beziehung aufzubauen. ,,Schön" geht hier allerdings nicht von

gesellschaftlich vorgegebenen Schönheitsidealen aus. Im Sinne der ästhetischen Erziehung

bedeutet eine ,,schöne" Subjekt-Objekt-Beziehung, dass diese Beziehung für den betreffenden

Menschen harmonisch und auf seine Interessen und Bedürfnisse angepasst ist (vgl. ebd.). Das

heißt somit aber auch, dass allgemeine Ideale bewusst negiert werden können, um dem

Individuum gerecht zu werden.

4


Besonders in Großeinrichtungen werden Menschen mit (geistigen) Behinderungen immer

noch in uniformen Zimmern untergebracht. Hier sollte ästhetische Erziehung ansetzen, um

Bewohnern Raum zu schaffen, in dem sie sich wohl fühlen und in den sie sich jederzeit und

gern zurückziehen können.

Wenn man nun davon ausgeht, dass Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer gesamten

Wahrnehmung jahrelang abgesondert und isoliert (hospitalisiert) wurden, so kann man

ästhetische Erziehung nach diesem pädagogischen Verständnis als einen grundlegenden Weg

ansehen, zu diesen Menschen Zugang zu finden (vgl. THEUNISSEN 1994, S. 13ff.).

Es ist dabei aber ausgesprochen wichtig, jeden Menschen mit geistiger Behinderung nicht

vorrangig von seinen Defiziten her zu erfassen, sondern genau zu schauen, wo seine Stärken,

seine Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse liegen. Ziel muss es sein, pädagogische

Voraussetzungen zu schaffen, die den individuellen Bedürfnissen, aber auch dem

momentanen Entwicklungsstand der betroffenen Person entsprechen (vgl. ebd., S.14).

Wird ein Mensch mit geistiger Behinderung ausschließlich von seinen Defiziten, Mängeln

und Fehlleistungen her gesehen, so steht im Umgang mit diesem Menschen immer das

Beheben und Behandeln dieser Defizite im Vordergrund.

Menschen mit geistigen Behinderungen werden oftmals nur einseitig und negativ betrachtet.

Ihre Persönlichkeit, zu der sowohl Stärken und Fähigkeiten, als auch Schwächen und Fehler

gehören, wird somit eindeutig negiert. Um eine echte Beziehung aufzubauen, muss man jeden

Menschen mit geistiger Behinderung in der Ganzheit seiner Person erkennen und annehmen.

Nur so kann ästhetische Erziehung zu Erfolgen führen (vgl. THEUNISSEN 1999, S. 85).

Dass eben diese stärkenzentrierte Sicht- und Arbeitsweise in der heutigen pädagogischen

Praxis häufig noch keine Anwendung findet, kann man daran erkennen, dass normale

menschliche Vorgänge in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oftmals mit dem

Status des Therapierens und des Behandelns versehen sind. So wird in vielen Einrichtungen

nicht einfach nur gemalt, gespielt und musiziert, sondern es findet Maltherapie, Spieltherapie

und Musiktherapie statt (vgl. THEUNISSEN 1994, S. 14).

Da sich Therapie mitunter ästhetischer Mittel bedient, ist eine Abgrenzung von ästhetischer

Erziehung und Therapie nur anhand der zu erreichenden Ziele und der gesetzten

Schwerpunkte möglich. PEEZ (2005) sieht die entscheidende Eingrenzung und

Unterscheidung zwischen Kunsttherapie und ästhetischer Erziehung in der Pädagogik darin,

dass ,,Therapie primär heilen, die Pädagogik erziehen bzw. zur Selbstbildung anregen will"

5


(PEEZ 2005, S. 42). Für ihn besteht die Aufgabe der ästhetischen Erziehung in der Pädagogik

vorrangig darin, den Personen mit denen sie arbeitet dabei zu helfen, dass diese aus eigener

Kraft Möglichkeiten finden, Probleme und Schwierigkeiten in ihrer Selbst- und

Fremdwahrnehmung zu verarbeiten und zu bewältigen (vgl. ebd.).

Bei der ästhetischen Erziehung stehen nicht therapeutische Ziele und die Behandlung von

Defiziten im Vordergrund, ausschlaggebend für ästhetische Aktivitäten sollten individuelle

Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung sein. Gisela HÖHNE

(1996) gibt diesen Gedanken sehr prägnant wieder, mit ihrem Grundsatz ,,Wir machen mit

Menschen mit geistiger Behinderung nicht Kunst, weil wir sie therapieren wollen, sondern

wir bieten ihnen die Möglichkeit, als Künstler zu arbeiten ohne jeden Rechtfertigungszwang.

Sie sollen Kunst machen, weil sie es wollen [und; d.V.] weil sie begabt sind [...]." (HÖHNE

1996, S. 148)

In der ästhetischen Praxis für Menschen mit (geistigen) Behinderungen geht es also auch um

Förderung. Dabei soll diese aber keine planmäßige Förderung sein, die nur einen starren

Förderplan abarbeitet, um die gesteckten Ziele möglichst schnell und möglichst geradlinig zu

erreichen (vgl. JAKOBS / KÖNIG / THEUNISSEN 1998, S. 325).

Bei der ästhetischen Erziehung steht nicht der effektive Leistungszuwachs im Vordergrund.

Es soll keine Förderung sein, die nur auf das unbedingte Erreichen von Leistungszielen

ausgelegt ist. Es geht vielmehr darum, Menschen mit geistiger Behinderung Möglichkeiten zu

bieten, reichhaltige Erfahrungen zu sammeln. Wichtig ist hierbei, diese Erfahrungen nicht

unbedingt bewusst zu lenken und sie nur auf bestimmte (vom Betreuer für wichtig

angesehene) Erfahrungen zu beschränken. Menschen mit Behinderungen werden im

Allgemeinen zu oft vor Fehlern und Umwegen bewahrt und haben so nicht die Möglichkeit,

aus eben diesen zu lernen und ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Gerade das ist aber

für eine allseitige Persönlichkeitsentwicklung von enormer Bedeutung. Viele elementare

Dinge im Leben kann man nicht beschreiben und erklären, sondern man muss sie persönlich

erfahren.

Ziel der ästhetischen Erziehung ist es also, Menschen mit geistigen Behinderungen zu mehr

Lebenserfahrung zu verhelfen, um sie so zu mehr Selbständigkeit im täglichen Leben zu

befähigen (vgl. ebd.).

Das heißt nicht, dass ästhetische Aktivitäten keine pädagogischen Ziele und therapeutischen

Absichten verfolgen. Diese stehen allerdings nicht im Vordergrund. Der Vorgang der

ästhetischen Aktivität ist hier entscheidender als das Ziel. Man kann an dieser Stelle von

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