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Subtitle: Ist Fußball ein Gewinner oder Verlierer?
Examination Thesis, 2008, 61 Pages
Author: Tino Kluck
Subject: Sport - Sport Sociology
Details
Tags: Fußball, Globalisierung, Soziologie, Sporthistorie, Sportökonomie
Year: 2008
Pages: 61
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-36577-7
ISBN (Book): 978-3-640-36568-5
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Abstract
Das Finale der Weltmeisterschaft 2006 zwischen Italien und Frankreich wird von einem weltweiten Milliardenpublikum auf allen Kontinenten verfolgt; Manchester United verkauft seit Jahren mehr Trikots außerhalb Englands als zuhause; im Champions League-Spiel zwischen Arsenal London und dem FC Liverpool am 02. April 2008 stehen nur zwei Engländer in der Startformation beider Mannschaften; der medien- und werbungswirksame David Beckham wechselt in einem spektakulären Deal in die USA, um dort den Sport aus dem Dornröschenschlaf zu wecken; der FC Bayern München unternimmt während der Saisonvorbereitung im Juli 2005 eine Reise nach Japan, die mit einer Gage von zwei Millionen € für zwei Freundschaftsspiele entlohnt wird (vgl. Finsterbusch 2005: o.S.) und der Hamburger SV verpflichtet mit Naohiro Takahara einen japanischen Stürmer, um die Medienpräsenz des Klubs in Asien zu stärken. Dies alles sind Phänomene, die im Spitzenfußball des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig und für die meisten Menschen selbstverständlich sind – und macht unmissverständlich klar, dass es sich bei dieser Sportart um weitaus mehr handelt als nur um ein Spiel.
Excerpt (computer-generated)
- Inhalt -
Abbildungsverzeichnis 2
Abkürzungsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Die Entwicklung des Fußballs zu einem globalen Phänomen 6
2.1 Die Ursprünge des modernen Spiels 6
2.2 Die Rolle der
Public Schools
7
2.3 Die Gründung der
Football Association
9
2.4 Der Sport verlässt England 10
2.5 Die Geburt der FIFA und die Entstehung eines Weltturniers 13
2.6 Eine ,,Welt"meisterschaft? 15
2.7 Entscheidende strukturelle Änderungen im Weltfußball 16
2.8 Der Fußball als globales Massenspektakel 18
3. Globalisierung 20
3.1 Begriffsklärung 20
3.2 Die ökonomische Dimension der Globalisierung 21
3.3 Die kulturelle Dimension der Globalisierung 23
4. Die ökonomische und soziale Globalisierung des Profifußballs 26
4.1 Jean-Marc Bosmans unfreiwilliger Beitrag zur Globalisierung des Fußballs 26
4.1.1 Die Situation vor dem Urteil 27
4.1.2 Der Fall Bosman 28
4.2 Die globalisierten Spielermärkte nach Bosman 30
4.2.1 Die derzeitige Situation in den europäischen Profiligen 32
4.2.2 Brasilien als Produzent der Ware ,,Profifußballer" 34
4.2.3 Die ,,6+5 Regel" eine Revolution im Weltfußball? 36
4.3 Die Nationalmannschaften Gewinner oder Verlierer der Liberalisierung? 37
4.4 Der Verein als (transnational agierendes) Wirtschaftsunternehmen: Die
globalisierte Fußballwelt 40
4.5 Einwurf: Die globalisierte Produktion von Fußbällen 44
4.6 Der Verein: Eine sich verändernde Identität? 46
4.7 Exkurs: Die globalisierteste Liga der Welt 48
5. Zusammenfassung und Diskussion 51
6. Ausblick 55
7. Bibliographie 56
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Anteil der ausländischen Profis in den wichtigsten europäischen Ligen
(Quelle: Welt am Sonntag, 24.02.2008)
Abkürzungsverzeichnis
Abb.
Abbildung
Abs.
Absatz
AC
Associazione Calcio
CAF
African Football Confederation
CF
Club de Futbol
DFB
Deutscher Fußball-Bund
ECA
European Club Association
EG
Europäische Gemeinschaft
EM
Europameisterschaft
EU
Europäische Union
FA
Football Association
FAI
Football Association of Ireland
FAW
Football Association of Wales
FC
Fußballclub; Football Club; Futbol Club
FIFA
Fédération Internationale de Football Association
GmbH
Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Hrsg.
Herausgeber
IFA
Irish Football Association
IOC
International Olympic Committee
IRA
Irish Republican Army
IT
Information Technology
n. Chr.
nach Christus
NATO
North Atlantic Treaty Organization
o.S.
ohne Seite
RC
Racing Club
RFU
Rugby Football Union
SC
Sportclub
SV
Sportverein
UD
Unión Deportiva
UEFA
Union Européennes de Football Association
UNO
United Nations Organization
US
Union Sportive; Vereinigte Staaten
USA
Vereinigte Staaten von Amerika
v. Chr.
vor Christus
VfL
Verein für Leibesübungen
Vgl./vgl.
Vergleiche/vergleiche
VIP
very important person
WM
Weltmeisterschaft
Euro
%
Prozent
2
1. Einleitung
Und bei all dem ist Fußball das einzige Sportspiel, das mit Fug und Recht von sich behaupten kann,
eine globale Angelegenheit zu sein. (Schulze-Marmeling 2000: 9)
Als längjähriger aktiver Fußballspieler, Trainer und nicht zuletzt kritischer Fußballfan
sind mir bei der Verfolgung der Fußballberichterstattung in den Medien folgende
Aspekte aufgefallen, die mich zum Verfassen dieser Arbeit motiviert haben:
Das Finale der Weltmeisterschaft 2006 zwischen Italien und Frankreich wird von
einem weltweiten Milliardenpublikum auf allen Kontinenten verfolgt; Manchester
United verkauft seit Jahren mehr Trikots außerhalb Englands als zuhause; im
Champions League-Spiel zwischen Arsenal London und dem FC Liverpool am 02.
April 2008 stehen nur zwei Engländer in der Startformation beider Mannschaften; der
medien- und werbungswirksame David Beckham wechselt in einem spektakulären
Deal in die USA, um dort den Sport aus dem Dornröschenschlaf zu wecken; der FC
Bayern München unternimmt während der Saisonvorbereitung im Juli 2005 eine
Reise nach Japan, die mit einer Gage von zwei Millionen für zwei
Freundschaftsspiele entlohnt wird (vgl. Finsterbusch 2005: o.S.) und der Hamburger
SV verpflichtet mit Naohiro Takahara einen japanischen Stürmer, um die
Medienpräsenz des Klubs in Asien zu stärken. Dies alles sind Phänomene, die im
Spitzenfußball des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig und für die meisten Menschen
selbstverständlich sind und macht unmissverständlich klar, dass es sich bei dieser
Sportart um weitaus mehr handelt als nur um ein Spiel.
Als sich am 26. Oktober 1863 Vertreter von verschiedenen Klubs in der Freemasons′
Tavern in London trafen, um über einheitliche Fußballregeln zu debattieren und
zusätzlich den ersten Fußballverband der Welt zu gründen, konnte wohl niemand der
anwesenden Mitglieder ansatzweise ahnen, dass sich die folgenden Entscheidungen
einige Jahrzehnte später auf die ganze Welt auswirken sollten. Noch lange vor solch
weltbekannten Marken wie
Coca-Cola
und
McDonald′s
trat der Fußball seinen
Siegeszug um den Globus an und stellte somit das allererste weltweit boomende
,,Produkt" dar. Kein anderer Sport konnte bis heute nur annähernd die Popularität des
Fußballs erlangen, in keiner anderen Sportart wird soviel wirtschaftliches Kapital
bewegt (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 10) und es ist unwahrscheinlich, dass dies
einem anderen Sport in naher Zukunft gelingen wird.
Fußballspiele mit besonderer Bedeutung sind gesellschaftliche Großereignisse. Dies
betrifft nicht nur die Spiele der Welt- und Kontinentalmeisterschaften, sondern vor
3
allem auch die geschickt vermarkteten kontinentalen Pokalwettbewerbe auf
Vereinsebene, wobei hier die UEFA Champions League eine Ausnahmestellung
einnimmt. Durch die Fortschritte im Bereich der Telekommunikation können
Menschen auf der ganzen Welt diesen Ereignissen beiwohnen sei es im ländlichen
Brasilien oder in einem Straßencafé in Sydney. Die Welt wird somit zu einem
,,globalen Dorf".
Wie die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 in Deutschland deutlich gemacht
hat, besitzt der Sport die Fähigkeit, die nationalstaatliche Identifikation zu
beeinflussen sowie die Qualität, ein außergewöhnliches Gemeinschaftsgefühl zu
schaffen. Besonders dokumentiert wird dies anhand des erfolgreichen Public
Viewings, bei dem unzählige Menschen aus aller Welt die Spiele in Deutschland vor
gigantischen Videowalls verfolgten und somit selbst Teil des Ereignisses wurden,
ohne im Stadion dabei sein zu müssen. So ist gerade eine Fußballweltmeisterschaft
ein ,,Fest der Globalisierung, einer besseren, als wir sie sonst erleben" (Kurbjuweit
2006: 22). Die Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, dass der Fußball über das
Potenzial verfügt, das Auseinanderdriften der Welt, welches ein Resultat der
Globalisierung ist, auf ein Minimum zu beschränken, schließlich nehmen mittlerweile
Nationen aller Kontinente am Weltturnier teil. Es ist umso bemerkenswerter, dass die
Hegemonie der ,,großen" europäischen und südamerikanischen Fußballnationen
zwar immer noch nicht durchbrochen werden konnte, aber die oftmals belächelten
,,kleinen" Verbände Afrikas oder Asiens mittlerweile im ,,Konzert der Großen"
bestehen können. Trainer der ,,großen" Fußballnationen haben daran einen nicht
unerheblichen Anteil, leisten sie doch oft ,,Entwicklungshilfe" in afrikanischen Staaten,
indem sie das spielerische Potenzial der Spieler durch Systemfußball veredeln.
Dies ist jedoch ein Resultat der Globalisierungsprozesse, die auch für den modernen
Fußball charakteristisch sind. Im Jahre 1995 bewirkte das Bosman-Urteil die Öffnung
der
Spielermärkte
und
die
damit
verbundene
Aufhebung
von
Ausländerbeschränkungen1, so dass sich gewaltige Migrationsströme von Spielern
aus aller Welt herauskristallisierten. Dadurch wurden die Mannschaften der
europäischen Spitzenligen seit 1995 bunter gemischt; Kritiker sahen in den
steigenden Ausländeranteilen der jeweiligen Ligen jedoch eine Gefahr für den
1
Der Begriff ,,Ausländer" ist in der heutigen Zeit sicher nicht mehr zeitgemäß, soll in dieser Arbeit
aber aus Platzgründen durchgängig verwendet werden. Anstelle dessen wäre ,,Person mit
Migrationshintergrund" politisch korrekter.
4
eigenen Verband. Letztere fürchteten, dass talentierte Nachwuchsspieler aus dem
eigenen Land somit in ihrer Weiterentwicklung erheblich beeinträchtigt würden.
Besonders deutlich wurde dies in England 2008, als die Nationalmannschaft in der
Qualifikation zur Europameisterschaft scheiterte, was die Nation in eine öffentliche
Diskussion um die Qualität des englischen Fußballs versetzte.
So wird sich auch die vorliegende Arbeit neben dem Einfluss der Globalisierung auf
die Fußballlandschaft vor allem dem Aspekt der Probleme und Chancen, die sich
durch die Globalisierung ergeben, widmen. Zwar ist Globalisierung spätestens seit
den 1990er Jahren in aller Munde, jedoch wird der Fußballsport in der
Globalisierungsforschung oftmals ignoriert, da er immer noch nur als ,,bloßes Spiel"
abgestempelt wird. Es soll geklärt werden, inwieweit der Sport unter der
Globalisierung leidet oder von ihr profitiert. Hierzu ist es zunächst notwendig, mithilfe
eines kurzen historischen Abrisses des Fußballs, den Rahmen für den Hauptteil der
Arbeit zu bilden. Nachdem der historische Bogen gespannt wurde, erfolgt eine kurze
Begriffsklärung der allgemeinen Globalisierung. Schließlich soll die Analyse der
gegenwärtigen ökonomischen und soziokulturellen Globalisierungsprozesse das
Fundament für die abschließende Diskussion legen, wobei als Leitfaden folgende
Fragen dienen: Läuft der moderne Fußball Gefahr, durch die Kommerzialisierung
sein Gesicht zu verlieren? Verlieren die Nationalmannschaften der großen Verbände
an Bedeutung, da einheimische Talente als Resultat der globalisierten Spielermärkte
von ausländischen Profis verdrängt werden? Inwieweit verändert sich die Identität
von Vereinen? Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine zentrale Frage, die aufzeigen
soll, inwieweit die zu analysierenden Phänomene Einfluss auf den Fußball ausüben:
Ist der moderne Spitzenfußball eher Gewinner oder Verlierer der Globalisierung?
5
2. Die Entwicklung des Fußballs zu einem globalen Phänomen
Wenn ein Spiel rund um den Globus Millionen Menschen mobilisiert, dann hört es auf, nur ein Spiel zu
sein. Fußball ist niemals nur Fußball. Fußball zählt zu den großen kulturellen Institutionen, die rund
um den Globus nationale Identitäten formten und zementierten. Fußball besitzt die Kapazität und
bietet die Bühne, um die kulturelle Identität und Mentalität eines Dorfes, einer Stadt, einer Region,
eines Landes oder sogar eines Kontinents zu definieren und zu zelebrieren. (Schulze-Marmeling
2000: 9)
Der Fußballboom des jungen 21. Jahrhunderts lässt sich ohne Rückbetrachtung der
historischen Entwicklung, welche der Fußball bis heute durchlaufen hat, kaum
erklären. Um die heutige Bedeutung des Spiels und seine globalisierten
Verflechtungen zu verstehen, ist es notwendig, diese Zeitspanne zunächst zu
skizzieren. Hierbei soll ein besonderer Schwerpunkt auf die Globalität des Fußballs
gesetzt werden, wobei die Entwicklung der Fußball-Weltmeisterschaften im
Vordergrund stehen wird.
2.1 Die Ursprünge des modernen Spiels
Der heutige moderne Spitzenfußball besitzt eine weitreichende globale
Vergangenheit. Obwohl England gemeinhin als ,,Mutterland des Fußballs" bezeichnet
wird, existierten fußballähnliche Spiele lange vor der eigentlichen Kodifizierung der
Regeln im Oktober 1863. Es besteht immer noch Uneinigkeit darüber, welche Nation
für sich behaupten kann, das Ursprungsland des Fußballs zu sein. Vieles deutet
darauf hin, dass das dem Fußball ähnliche ,,Tsu-Chu" bereits im dritten Jahrhundert
v. Chr. im heutigen China von Soldaten gespielt wurde (vgl. Honigstein 2006: 17.
Zudem nimmt man an, dass frühe Hochkulturen Mittel- und Südamerikas während
der Jungsteinzeit im 15. Jahrhundert v. Chr. für die ersten fußballähnlichen Spiele
verantwortlich waren (vgl. Giulianotti 1999: 1) und ein ballähnlicher Gegenstand die
Sonne symbolisierte, die wiederum als Sinnbild für Fruchtbarkeit stand. Dieses
Beispiel verdeutlicht nicht zuletzt den hohen kulturellen Wert des Fußballspiels. Die
Verwandtschaft dieser unkontrollierten Spiele zum heutigen Fußball wird jedoch
derart stark angezweifelt, so dass China den alleinigen Anspruch besitzt, die älteste
Fußballnation zu sein.
In England datieren die Ursprünge des Spiels bis ins 10. Jahrhundert n. Chr. zurück,
wo verschiedenste Arten des ,,Folk Football" vor allem an Feiertagen gespielt
wurden. Es existierten hierbei noch keine einheitlichen Regeln und als Spielort diente
oftmals die Fläche zwischen zwei Dörfern oder Städten (vgl. Giulianotti 1999: 3). Es
6
gab auch keine Mannschaften nach dem heutigen Verständnis; das ,,Spiel" wurde
vielmehr zwischen zwei benachbarten Dörfern ausgetragen. Ziel war es, das
Spielgerät auf dem Marktplatz des gegnerischen Dorfes abzulegen. Die Anzahl der
teilnehmenden Personen war demnach unbegrenzt, teilweise waren auf beiden
Seiten bis zu 1000 Akteure beteiligt (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 12). Verglichen
mit dem modernen Spiel des Fußballs war diese Frühform außerordentlich
unzivilisiert; Schlägereien und Todesfälle waren keine Seltenheit (vgl. Giulianotti
1999: 2-3). Bereits damals stand der heute so bedeutsame ,,Derby-Charakter" im
Vordergrund, ,,der sich allein schon aus den beschränkten Reisemöglichkeiten der
damaligen Zeit ergab" (Schulze-Marmeling 2000: 12).
Die eintretende Industrialisierung in England Mitte des 18. Jahrhunderts bewirkte
eine Veränderung der Freizeitaktivitäten der Bevölkerung (vgl. Harvey 2005: 2). Der
,,Folk Football" sah sich, vorangetrieben durch die beginnende Urbanisierung, einem
massiven Druck ausgesetzt, was schließlich seinen Niedergang bedeuten sollte (vgl.
Schulze-Marmeling 2000: 13), war dieses ,,Unterklassevergnügen" (Schulze-
Marmeling 2000: 13) doch eine eher dörfliche Angelegenheit. Darüber hinaus war
der ,,Folk Football" den herrschenden Klassen ein Dorn im Auge, da nicht selten
,,politischer Radikalismus die Massen ergriff" (Schulze-Marmeling 2000: 14). Mitte
des 19. Jahrhunderts war das ,,wilde Spiel" nahezu komplett verschwunden; gepflegt
wurde es in organisierter Form fast nur noch von den
Pubilc Schools
(vgl. Schulze-
Marmeling 2000: 16), wo es ,,keine Bedrohung sozialer Ordnungsprivilegien"
darstellte (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 17). So glitt der Sport schließlich in elitäre
Hände bzw. Füße. Es waren diese Einrichtungen, die den entscheidenden Schritt in
Richtung institutionalisiertem Fußball gingen (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 17)2.
2.2 Die Rolle der Public Schools
In den charakteristisch britischen
Public Schools
wurde der Fußball ,,seiner
gewalttätigsten Momente entledigt" (Schulze-Marmeling 2000: 17) und besonders
namhafte Einrichtungen wie
Rugby
,
Harrow
und
Eton
sollten ,,bei der Entwicklung
zum modernen Sportspiel Fußball eine wichtige Rolle spielen" (Schulze-Marmeling
2000: 17). Anfang des 19. Jahrhunderts herrschten in den
Public Schools
2
Interessant ist hierbei anzumerken, dass es die herrschenden Klassen waren, die sich
Jahrhunderte lang gegen das Praktizieren von ,,Folk Football" gewehrt haben. Es wurde sogar
von mehreren Königen wiederholt verboten. Schließlich setzten sich Mitglieder der Oberschicht
in den
Public Schools
für den Fortbestand des Sports ein.
7
keineswegs entspannte Verhältnisse: ,,[The public schools] had generated into
hotbeds of anarchy and incipient revolt with outbreaks of rioting regularly enlivening
the curriculum" (Giulianotti 1999: 3). Um dieser schlechten Stimmung unter den
Schülern und Lehrkräften entgegenzuwirken, ließ der 1828 zum Direktor ernannte
Dr. Thomas Arnold in
Rugby
,,eine Art von Fußball spielen" (Honigstein 2006: 19) und
revolutionierte somit die Erziehung der wohlhabenden Jugendlichen. Arnold vertrat
die Meinung, dass sich sportliche Betätigung positiv auf die Charaktere seiner
Schüler auswirke und ihnen somit Werte wie Führungskraft, Loyalität und Disziplin
vermittelt würden (vgl. Giulianotti 1999: 3).3
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden an allen wichtigen
Public Schools
Englands
fußballähnliche Spiele ausgetragen, die zwar schon nach eigenem Regelwerk
durchgeführt wurden, welches jedoch nicht in jeder Institution identisch war.
Während in
Rugby
das Spielen mit Händen und Füßen erlaubt war, verboten
beispielsweise
Harrow
,
Eton
4 und
Cambridge
das Aufnehmen des Spielgeräts mit
den Händen (vgl. Giulianotti 1999: 4). Diese Abweichungen brachten ein erhebliches
Konfliktpotenzial mit sich, wenn es um Spielansetzungen zweier rivalisierender
Schulen mit unterschiedlicher Regelauffassung ging. Die konservative und
engstirnige Einstellung der einzelnen
Public Schools
, sich nicht auf eine der zwei
sich herauskristallisierenden Grundströmungen dem ,,handling game" auf der einen
sowie dem ,,kicking game" auf der anderen Seite zu einigen, erschwerte die
Herausbildung eines von vielen Schülern geforderten Kompromisses (vgl. Harvey
2005: 133). Letzterer wurde unter anderem deswegen verlangt, da unterschiedliche
Regelwerke den direkten Vergleich zwischen zwei Schulen unmöglich erscheinen
ließen. Die oben erwähnten Schulen blickten oftmals despektierlich aufeinander
herab, so dass derartige sportliche Vergleiche unter anderem aus Prestigegründen
erstrebenswert waren schließlich wollte man der ,,anderen" Schule beweisen, dass
die eigenen Schüler ihr überlegen waren (vgl. Harvey 2005: 133). Schulze-Marmeling
3
Arnold verfolgte durch die Einführung der die Persönlichkeit stärkenden Spiele ein weiteres Ziel.
Die frühimperialistische Denkweise der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Herrschenden sah es
vor, mit Hilfe des disziplinierten, physisch leistungsfähigen Nachwuchses den Grundstein für
eine spätere Expansion des Britischen Empire zu legen (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 21).
4
Es gibt unterschiedliche Positionen in der Literatur, ob in
Eton
der Ball mit der Hand gespielt
werden durfte. Schulze-Marmeling geht davon aus, dass
Eton
1849 ein Regelwerk
veröffentlichte, welches den Verbot des Handspiels vorsah (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 23),
während Giulianotti das Gegenteil behauptet (vgl. Giulianotti 1999: 4). Harvey hingegen stellt
heraus, dass
Eton
1849 eigene Regeln aufstellte, um sich von Schulen wie
Rugby
zu
distanzieren, unter anderem durch das Verbot des Handspiels (vgl. Harvey 2005: 25).
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