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»... wenn wir wissen, wer wir nicht sind« – Samuel P. Huntingtons "The Clash of Civilizations?" als institutionelle Suche nach der westlichen Identität

Scholary Paper (Seminar), 2009, 8 Pages
Author: Ludwig Andert
Subject: Communications: Methods and Research Logic

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2009
Pages: 8
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V131606
ISBN (E-book): 978-3-640-44631-5
ISBN (Book): 978-3-640-44686-5

Abstract

Der vorliegende Text möchte einerseits den institutionellen Kontext von „The Clash of Civilizations?“ vorstellen und andererseits zeigen, dass Huntington vor allen politischen Handlungsanweisungen zunächst um die Konstruktion eines „Ich“ bemüht ist. Dabei soll der Kerntext als Teil eines Aussagemotivs betrachtet werden, das entscheidende Impulse am Ende des Kalten Krieges erhielt und bis heute im Feuilleton von Tageszeitungen überlebt hat.


Excerpt (computer-generated)

Universität Siegen

Wintersemester 2008/09

Seminar: Diskursanalyse ­ Die Islamisierung des Fremden- und Feindbildes

»... wenn wir wissen, wer wir nicht sind« ­

Samuel P. Huntingtons

The Clash of Civilizations?

als institutionelle Suche nach der westlichen Identität

Schriftliche Ausarbeitung des Referats vom 18.11.2008

Autor:

Ludwig Andert

Studiengang M.A. Medienkultur

1. Fachsemester

Siegen, den 27.02.2009

1


Einleitung

Es ist ein ironischer Zufall, dass das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Politologen Samuel P.

Huntington den Titel ,,Who are We?" trägt. Der Name symbolisiert den Abschluss eines

Lebenswerkes, in dem die Frage nach der Identität jener Gesellschaft, der sich Huntington

zugehörig fühlt, nicht etwa erst am Ende aufkam ­ sie stand oft im Mittelpunkt der Erörterungen

Huntingtons. So lässt sich seinem wohl bekanntesten Buch ,,Kampf der Kulturen. Die

Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" die Feststellung entnehmen: ,,Wir wissen, wer

wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind."1 Damit erscheint seine

vielbesprochene These vom ,,Clash of Civilizations" als Abhandlung über die Frage nach dem

eigenen Selbst und den daraus ableitbaren Handlungsmustern für die amerikanische Außenpolitik.

Betrachtet man den Text, seinen Publikationskontext und die ihm folgende Debatte um den Konflikt

zwischen den Kulturkreisen unter dem Eindruck von Michel Foucaults Diskurstheorie, ergibt sich

ein wesentlich nüchterneres Bild; Foucaults Beschreibungen der am Diskus beteiligten Institutionen

und ihrer Motive liest sich wie eine literarische Dystopie, in der nicht der ergebnisoffene Dialog die

Natur der Diskurse bestimmt, sondern ihr Wert an der Börse der Macht und Begierde.2

Doch wenn wir Huntingtons These diese kalkulierte Wirk-"mächtigkeit" unterstellen, dann gilt es

zunächst aufzuzeigen, anhand welcher Mechanismen er diese konkret entfaltet. Der vorliegende

Text möchte einerseits den institutionellen Kontext von ,,The Clash of Civilizations?" vorstellen

und andererseits zeigen, dass Huntington vor allen politischen Handlungsanweisungen zunächst um

die Konstruktion eines ,,Ich" bemüht ist. Dabei soll der Kerntext3 als Teil eines Aussagemotivs

betrachtet werden, das entscheidende Impulse am Ende des Kalten Krieges erhielt und bis heute im

Feuilleton von Tageszeitungen überlebt hat.

Amerikanische Think Tanks und Foreign Affairs

Die Arbeit von Samuel P. Huntington erstreckte sich von der Universitätslehre über die

Mitgliedschaft im Nationalen Sicherheitsrat der USA Ende der 1970er Jahre und die Leitung des

John-M.-Olin-Instituts für strategische Forschung an der Harvard Universität bis zum Verfassen von

Fachbüchern sowie Artikeln für Fachzeitschriften. Den Auftakt seines Schaffens als Buchautor

bildete 1962 die Abhandlung ,,Changing Patterns of Military Politics", gefolgt von ,,Political Power.

1 Huntington, Samuel P.: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im

21. Jahrhundert. München u.a.: Europaverlag 1997, S. 21.

2 Fink-Eitel, Hinrich: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag 2002, S. 64.

3 Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs Nr. 3, 1993, S. 22-49.

2


USA/USSR" im Jahr 1964. Seit 1968 veröffentlicht Huntington Aufsätze und Buchrezensionen in

der amerikanischen Politikfachzeitschrift

Foreign Affairs

, mit thematischen Schwerpunkten auf dem

Vietnamkrieg4 und dem weltweiten militärischen Engagement der Vereinigten Staaten im

Allgemeinen5.

Insbesondere in den 90er Jahren traten vermehrt Artikel hinzu, die sich mit der Rolle

der USA als einziger verbliebener Supermacht befassen6. Der Artikel ,,The Clash of Civilizations?"

erschien hier 1993.

Foreign Affairs

ist das Hauptpublikationsorgan des

Council on Foreign Relations

(CFR), einem

regierungsunabhängigen Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Debatten über

außenpolitische Entscheidungen, mit denen die USA konfrontiert sind, zu lenken.7 Das CFR tritt

unter anderem als Think Tank auf ­ ein Begriff, für den es keine deutsche Entsprechung gibt und

der deshalb unzureichend mit ,,Denkfabrik" übersetzt wird. Die Institution Think Tank reicht in den

USA bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück, weshalb es nicht verwundert, dass sie über die

Jahrzehnte einen enormen politischen Einfluss aufbauen konnten; vor allem die Zeit nach dem

Zweiten Weltkrieg ist prägend gewesen für die Art und Weise, wie Think Tanks operieren.8

Der Begriff ,,Denkfabrik" suggeriert, dass es sich bei einem Think Tank um eine gemeinnützige

Organisation handele, deren einzige Aufgabe es sei, frische Gedanken zu produzieren. Dabei würde

jedoch ignoriert, dass sich die Einrichtungen stets einer Denkschule verpflichtet fühlen und ihre

Arbeit auch als die Produktion von Ideologie verstanden werden kann.9 Insbesondere seit den

1990er Jahren ist eine verstärkte Bindung an einzelne Parteien oder Interessengruppen zu

beobachten, so dass man davon ausgehen kann, dass sich ein Think Tank einer mehr oder minder

spezifischen Weltanschauung verpflichtet fühlt10 ­ anders ließe sich nicht erklären, weshalb Think

Tanks stets auch um Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse bemüht sind.11

Huntington selbst ist oft als eine leitende Persönlichkeit im Netzwerk konservativer Think Tanks

und ihrer assoziierten Einrichtungen in Erscheinung getreten; neben der Arbeit für das CFR ist hier

die Leitung des Olin-Instituts von Bedeutung, das den nach ihm benannten Huntington-Buchpreis

vergibt.

4 Vgl. Huntington, Samuel P.: The Basis of Accomodation. In: Foreign Affairs Nr. 4, 1968, S. 642-656.

5 Vgl. Huntington, Samuel P.: Coping with the Lippmann Gap. In: Foreign Affairs Nr. 3, 1987, S. 453-477.

6 Vgl. u.a. Huntington, Samuel P.: The Lonely Superpower. In: Foreign Affairs Nr. 2, 1999, S. 33-49.

7 Auf der Webseite des CFR heißt es wörtlich: ,,The Council on Foreign Relations is an independent, nonpartisan

membership organization, think tank, and publisher dedicated to being a resource [...] in order to help [...] better

understand the world and the foreign policy choices facing the United States and other countries." Vgl. online unter

<http://www.cfr.org/about/mission.html>; letzter Zugriff: 26.0202009, 19:08 Uhr; vgl. auch:

Bader, Tobias: Neokonservatismus, Think Tanks und New Imperialism. Köln: PappyRossa Verlag 2005, S. 45.

8 Vgl. ebd., S. 45.

9 Vgl. Bader, S. 8.

10 Vgl. ebd., S. 48.

11 Vgl. ebd., S. 85.

3



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