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"Die Leiden des jungen Werther" - Entsprechen die von Albert und Wether vertretenen Positionen in Bezug auf die Selbstmordfrage ihren "typischen" Charakterzügen?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 22 Pages
Author: Sandra Maghs
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Der junge Goethe
Institution/College: University of Duisburg-Essen
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 22
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V132586
ISBN (E-book): 978-3-640-38798-4
ISBN (Book): 978-3-640-38833-2
Notes :
Kommentar des Dozenten: - dicht am Text interpretiert, mit ausgezeichneter Beobachtungsgabe - so kommen Sie auch gut ohne viel Sekundärliteratur aus - genaue Kenntnis des Romans und stringente Argumentation


Abstract

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst eine Klärung des Begriffs „Suizid“ vornehmen sowie die Darstellung der theologischen und rechtlichen Hintergründe des 18. Jahrhunderts in Bezug auf die Selbsttötung darstellen. Im weiteren Verlauf werde ich dann die Ausgangsposition der beiden Figuren erklären und auf dieser Grundlage die Diskussion (Brief vom 12. August) zwischen Albert und Werther analysieren. Zum Ende der Arbeit sollen einige Beispiele des gesamten Buches, die für die Figuren exemplarischen Charakterzüge hervorheben. Das Ziel dieser Arbeit ist zum Einen, die Darstellung der Positionen, die Albert und Werther hinsichtlich der Selbstmordfrage beziehen. Zum Anderen soll die Untersuchung dazu dienen, herauszustellen inwiefern die vertretenen Positionen „typisch“ für die jeweilige Figur sind, bzw. als Teil einer Charakterisierung gelten können.


Excerpt (computer-generated)

Hauptseminar Literaturwissenschaften

Der junge Goethe

Sommersemester 2005

Die Interpretation des Briefes vom 12. August:

Entsprechen die von Albert und Werther vertretenen Positionen in Bezug
auf die Selbstmordfrage ihren ,,typischen" Charakterzügen?

Sandra Maghs


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2

Die Definition der Selbsttötung 3

2.1

Die theologische Sichtweise der Selbsttötung 4

2.1.1 Kirchengeschichtlich 4

2.1.2

Kirchliche Praxis und Stellungnahmen 4

2.2

Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung 5

3 Einordnung der Szene in den Kontext 5

3.1

Alberts Position in Bezug auf den Selbstmord 6

3.2

Werthers Position in Bezug auf den Selbstmord 9

4 Die Typisierung der beiden Figuren 17

4.1 ,,Typisch"

Albert 17

4.2 ,,Typisch"

Werther 19

5 Fazit 20

6 Literaturverzeichnis 21

2


1 Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst eine Klärung des Begriffs ,,Suizids" vornehmen sowie die

Darstellung der theologischen und rechtlichen Hintergründe des 18. Jahrhunderts in Bezug auf die

Selbsttötung darstellen. Im weiteren Verlauf werde ich dann die Ausgangsposition der beiden Figuren

erklären und auf dieser Grundlage die Diskussion (Brief vom 12. August) zwischen Albert und

Werther analysieren. Zum Ende der Arbeit sollen einige Beispiele des gesamten Buches, die für die

Figuren exemplarischen Charakterzüge hervorheben. Das Ziel dieser Arbeit ist zum Einen die

Darstellung der Positionen, die Albert und Werther hinsichtlich der Selbstmordfrage beziehen. Zum

Anderen soll die Untersuchung dazu dienen, herauszustellen inwiefern die vertretenen Positionen

,,typisch" für die jeweilige Figur sind, bzw. als Teil einer Charakterisierung gelten können.

2 Die Definition der Selbsttötung

,,Schon die Begriffswahl impliziert eine Vorentscheidung, je nachdem, ob das Phänomen S. deskriptiv

oder normativ betrachtet wird. Das Wort Selbst"mord" spricht eine Verurteilung aus ,,Selbsttötung"

ist neutraler. ,,Freitod" (,,mors voluntaria") bewertet hingegen positiv, bis hin zur emphatischen

Bejahung der Freiheit zum Tode als spezifisch menschlicher Möglichkeit. Den Begriff ,,suicidum"

(analog zu ,,homicidium") hat J. Donne (Biothanatos, 1646) geprägt (,,self-homicide"), um eine

neutrale Formulierung zu finden"1.

Der Selbstmord wird als absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens verstanden, erklärbar als auf

freiem Entschluss beruhend. Die Gründe zu dieser Entscheidung sieht der Selbstmörder meist in

ausweglos erscheinenden Situation oder der Überzeugung von der Sinnlosigkeit des Weiterlebens

ferner als krankhafte Zwangshandlung (in Depressionen und Psychosen)2. Der Soziologe Emile

Durkheim vertritt in seinem 1897 veröffentlichten Werk ,,Le suicide" folgende Definition: ,,Man

nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung

zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im

voraus kannte"3.

1 Betz, Hans-Dieter (Hrsg.): R-S.- : Mohr, 19987 Religion in Geschichte und Gegenwart. - 4. völlig neu bearb.

Aufl. Tübingen. 1998. Band 7: S. 1855

2 Bertelsmann Universallexikon. Das Wissen unserer Zeit von A-Z in 20 Bänden. Bertelsmann Lexikon Institut.

Gütersloh. 1994. Band 16: S. 198

3 Durkheim, Emile: Der Selbstmord. Übers. von Sebastian und Hanne Herkommer. - 3. - Aufl. Frankfurt am

Main: Suhrkamp. 1990. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 431). S. 27

3


2.1 Die theologische Sichtweise der Selbsttötung

2.1.1 Kirchengeschichtlich

,,Ein zentraler Denker für die Entwicklung der christlichen Theologie war Augustinus"4. Dieser

verwarf den Selbstmord als eindeutigen Verstoß gegen das fünfte Gebot: ,,Du sollst nicht töten!", ließ

aber Ausnahmen im Falle eines göttlichen Befehls gelten5. Nach Augustinus′ Interpretation ist das

Gebot wortwörtlich zu befolgen: ,,Denn nicht umsonst kann man in den heiligen und kanonischen

Büchern nirgends ein göttliches Gebot noch auch die Erlaubnis ausgesprochen finden, sich selbst das

Leben zu nehmen, um das unsterbliche Leben zu erlangen oder irgend ein Übel zu meiden oder zu

beseitigen. Vielmehr ist das Verbot hierher zu beziehen: ,,Du sollst nicht töten"..."6. ,,Thomas von

Aquin ergänzte die klassische theol. Ablehnung mit dem Argument der natürlichen Selbsterhaltung

des Menschen und des Unrechts gegenüber der Gemeinschaft (Summa Theologiae, 2 q. 64 a.5)"7. Eine

dritte Position vertritt Luther, der den Suizid zwischen satanischer Verursachung und persönlicher,

auch selbst empfundener Not einordnet8. ,,Im 18. Jh. kündet die Verbreitung des Begriffs S. (statt

Selbstmord) von einem grundlegenden Auffassungswandel9.

2.1.2 Kirchliche Praxis und Stellungnahmen

Im Protestantismus ist der Umgang mit Suizidenten wesentlich von lokalen Traditionen geprägt und

unterliegt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einem steten Wandel10. Die Differenzierung von

zurechnungsfähigen und unzurechnungsfähigen Suizidenten bildete im 19. Jahrhundert ein

entscheidendes Kriterium ­ bei Nachweis geistiger Unzurechnungsfähigkeit bestatteten die Kirchen

meist ,,still"11. Der willentliche Selbstmord hingegen galt als sündiger Eingriff in die göttlichen

Herrschaftsrechte über Leben und Tod eines Menschen12. Daher wurden die Leichen dieser

Suizidenten bis ins 20. Jahrhundert in manchen Landeskreisen entweder anatomischen Institutionen

zugeführt oder ohne kirchliche Beteiligung ­ häufig an besonderen Orten, ,,außer der Reihe" ­

bestattet. Die staatliche Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts übertrug den kirchlichen Behörden das

alleinige Recht über die Bestattung eines Suizidenten zu befinden13.

,,Die Ablehnung des S. in der röm.-kath. Kirche basiert wesentlich auf der Moraltheol. des Thomas

von Aquin sowie auf einem Verständnis der Bestattung als fürbittendem und absolvierendem Akt"14.

Der ,,Selbstmörder", der sein Leben selbst beendet hat, galt als ,,öffentlicher Sünder" ­ ihm sollten

4 http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf S. 16

5 Betz, S. 1853

6 Augustinus: De Civitate Die I, 20; Dt.: Gottesstaat (Bibliothek der Kirchenväter). Kempten / München 1911. S.

57. In: http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf

7 Betz, S. 1851

8 Betz, S. 1851

9 Betz, S. 1851

10 Betz: S. 1852

11 Betz: S. 1852

12 Betz: S. 1852

13 Betz: S. 1852

14 Betz: S. 1853

4


Begräbnis sowie die Totenmesse versagt bleiben, erlaubt war lediglich eine Privatmesse15. Diejenigen,

die einen Selbstmordversuch begangen haben, werden von Empfang und Ausübung sakramentaler

Weihen ausgeschlossen16.

2.2 Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung

In christlichen Gesellschaften wird der Suizid seit dem Jahre 563 als gesetzliches Verbrechen

eingestuft: ,,Sobald die christlichen Gesellschaften sich gebildet hatten, taten sie den Selbstmord in

Acht und Bann ,563 auf dem Konzil von Prag, wurde die Achterklärung strafrechtlich

untermauert"17. Im Mittelalter wurde der versuchte Selbstmord unter Strafe gestellt. In Deutschland

versuchte man durch Vermögenskonfiskationen den Selbstmord zu sanktionieren oder die Testamente

von Selbstmördern für ungültig zu erklären18. Selbst die Leichname der Suizidenten konnten zunächst

keine Ruhe finden, denn sie wurden nicht nur geschändet, sondern mit Karren durch die Stadt gezogen

und zum Teil an schändlichen Orten verscharrt19. ,,Erst das Preußische ALR (Allgemeines Landrecht)

zeigt insoweit Liberalisierungstendenzen. Immerhin blieb auch dort dem erfolgreichen Selbstmörder

das unehrenhafte Begräbnis nicht erspart, ein letztes Nachwirken der Auffassung des Codex Juris

Canonici, der den Selbstmord dem Mord gleichgestellt hatte"20. Der Suizid wurde in den

Strafgesetzbüchern im 18. Jahrhundert nicht mehr geächtet21. ,,Eine juristische Verurteilung des

Selbstmörders wurde zwar von Friedrich dem Großen 1751 aufgehoben, gleichwohl änderte sich kaum

etwas an der Tabuisierung des Selbstmords und der moralischen Verurteilung des Selbstmörders, der

sich dem Gesetz Gottes widersetzte22.

3 Einordnung der Szene in den Kontext

Kurz nach seiner Ankunft in Wahlheim lernt Werther auf einem Ball in Volpertshausen Charlotte S.

(Lotte) kennen. Werther fühlt sich von ihrem Wesen und ihrer Gestalt sogleich angezogen und es

entwickelt sich eine innige Freundschaft. Charlotte ist jedoch mit einem jungen Mann namens Albert

verlobt. Nach dessen Ankunft kann Werther sich auch mit diesem anfreunden. Das Verhältnis zu Lotte

gestaltet sich für Werther hingegen zunehmend schwieriger, denn seine Gefühle zeugen von mehr als

nur bloßer Freundschaft. In seiner Verzweiflung entschließt sich Werther einige Tage ins Gebirge zu

verreisen um Abstand zu gewinnen. Nach dieser Entscheidung sucht Werther seinen Freund Albert auf

15 Betz: S. 1853

16 Betz: S. 1853

17 Durkheim: S. 382

18 http://66.249.93.104/search?q=cache:iU7MbhRqj-AJ:www.uni-

heidelberg.de/institute/fak2/krimi/Hermann/Sem%2520Kulturwandel/Suizid.pdf+geschichte+suizid:pdf&hl=de

19 Hein, Edgar: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther: Interpretation von Edgar Hein. - 2.

überarb. und korrigierte Aufl. München: Oldenbourg. 1997. (Oldenbourg Interpretationen; Bd. 52). S. 72

20 http://jung.jura.uni-sb.de/ab%202003/StrafR%201.WS0203.pdf

21 Belz: S. 1851

22 http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/suizidalität/information/theorie.html

5



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