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Untertitel: Titus Livius, Ab Urbe Condita, liber XXVIII, 40 - 45, 12
Hauptseminararbeit, 2006, 30 Seiten
Autor: Konrad Maas
Fach: Latein
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Klassische Philologie)
Jahr: 2006
Seiten: 30
Note: 1.7
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-39294-0
ISBN (Buch): 978-3-640-39324-4
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Zusammenfassung / Abstract
Der epische Zweikampf ist die Klimax in der Geschichte eines Kampfes. Zwei Kontrahenten messen sich miteinander, ob im Film, im Roman oder in der Geschichtsschreibung. Der Zweikampf bietet dem Rezipienten die besten Identifikationsmöglichkeiten. So benutzt auch Livius das certamen singulare, den Zweikampf, als Topos für sein bedeutendes Werk der Geschichtsschreibung Ab Urbe Condita.Der Schriftsteller und Geschichtsschreiber Livius lebte und arbeitete hauptsächlich im ersten vorchristlichen Jahrhundert. Er war ein rigoroser Verfechter der „guten alten“ Werte und wollte mit seinem Werk genau diese vermitteln. Daher wird seine Geschichtsschreibung oft auch unter psychologisierenden Aspekten betrachtet, da er immer wieder Einzelcharaktere in den Vordergrund stellt, die genau diese ur-römischen Tugenden wie Tapferkeit, Pflichtbewusstsein, Aufopferung fürs Ganze und Götterehrfurcht, vertreten. In dieser Form kreiert Livius einen moralischen Leitfaden und einen flammenden Appell für die Republik. In den Kapitel 40 bis 45 des 28. Buches dominiert das Senatsrededuell von Quintus Fabius Maximus und Publius Cornelius Scipio im Jahre 205 v. Chr. Zum Ende des Zweiten Punischen Krieges hin geht es um die Frage, ob Scipio sein gewünschtes Mandat bekommt, nach Afrika zu reisen, um Hannibal in dessen eigener Heimat zu bekämpfen und zu schlagen. In der Beschäftigung mit Livius als Geschichtsschreiber streift man die grundsätzliche Frage nach der „Objektivität“ historischer Darstellung. In der Zeit der Aufklärung fordert die Moderne vom Historiker, die geschichtlichen Fakten in einem neutralen Licht zu präsentieren,damit der Leser sich seine eigene Meinung zu den vergangenen Ereignissen und ihren Folgen bilden kann. Livius passt aber mit seiner oben beschriebenen Intention nicht in dieses Bild, denn er verfolgt eine didaktische Absicht. Livius' Pendeln zwischen den zwei Bildern von „objektiver oder didaktischer Historizität“ soll deutlich werden.
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät III
Institut für Klassische Philologien
WS: 2005/2006
HS: ,,Livius"
Das rhetorische Certamen Singulare als exemplum für
Livius´ didaktische Geschichtsschreibung
(Titus Livius, Ab Urbe Condita, liber XXVIII, 40 - 45, 12)
Vorgelegt von:
Konrad Maas
Inhaltverzeichnis
1. Einleitung
S.1
2. Geschichtlicher Hintergrund
S.2
2.1 Das Phönizische Karthago vs. Rom
S.2
2.2 Einordnung der Textstelle in den Zweiten Punischen Krieg
S.3
3. Textzusammenfassung (liber XXVIII, Kap. 40 - 45,12)
S.4
4. Die Zwei Kontrahenten und ihre Reden
S. 7
4.1 Quintus Fabius Maximus Cunctator
S. 7
4.2 Publius Cornelius Scipio Africanus
S. 9
5. Analyse
S. 11
5.1 Rhetorik - Sprachgebrauch
S. 16
5.2 Strategische Überlegungen
S. 18
5.3 Livius Sympathien oder eigene Standpunkte
S. 24
6. Fazit
S. 25
Literaturverzeichnis
S. 27
Das rhetorische Certamen Singulare als exemplum für Livius´ didaktische
Geschichtsschreibung Ab Urbe Condita: liber 28, 40-45,12
Aristocratic competition lay at the heart of the Roman Republic... the city harnessed
individual ambition to meet its essential needs.
(N. Rosenstein, S.313)1
Die Strategie wird zur Politik und die Politik zur Strategie.
(Hans Dellbrück S. 355)
2
1. Einleitung
Der epische Zweikampf ist die Klimax in der Geschichte eines Kampfes. Zwei Kontrahenten
messen sich miteinander, ob im Film, im Roman oder in der Geschichtsschreibung.3 Der
Zweikampf bietet dem Rezipienten die besten Identifikationsmöglichkeiten. So benutzt auch
Livius das
certamen singulare
, den Zweikampf, als Topos für sein bedeutendes Werk der
Geschichtsschreibung
Ab Urbe Condita
.
Der Schriftsteller und Historiker Livius lebte und arbeitete hauptsächlich im ersten
vorchristlichen Jahrhundert. Sein vorrangiges Interesse war es nicht nur erneut eine
Geschichte seit Gründung ,,der" Stadt, Rom, zu schreiben, sondern vielmehr dem Leser
exempla
zu liefern, an denen dieser sich zum tugendhaften römischen Bürger hin orientieren
konnte. Die Wirren der Bürgerkriegszeit waren überstanden und Augustus baute unter dem
,,Deckmantel" der
restitutio rei publicae
das Prinzipat auf, was Frieden, Ordnung und Ruhe
bedeutete. Livius war ein rigoroser Verfechter der ,,guten alten" Werte und wollte mit seinem
Werk genau diese vermitteln. Daher wird seine Geschichtsschreibung oft auch unter
psychologisierenden Aspekten betrachtet, da er immer wieder Einzelcharaktere in den
Vordergrund stellt, die genau diese ur-römischen Tugenden wie Tapferkeit,
Pflichtbewusstsein, Aufopferung fürs Ganze und Götterehrfurcht, vertreten:
1 Rosenstein, N., Competition and Crisis in Mid-Republican Rome, in: Phoenix, Vol. 47, Toronto 1993,
S. 313-338.
2 Dellbrück, Hans, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte, Erster Teil: Das
Altertum, Berlin 1920. (neuaufgelegt von Directmedia Berlin 2002)
3 Luke Skywalker und Darth Vader in ,,Star Wars Returm of the Jedi", Prinz Eisenherz gegen den
Wikinger Usupatoren Sligon oder der römische Ahnherr Aeneas gegen den etruskischen
Kriegerfürsten Turnus in Vergils Aeneis: Stets wird ein Konflikt auf zwei Identifikationsflächen
reduziert.
Livy is talking about the justice of the Roman cause, the strength of Roman
virtus and constantia, fides and pietas, the gratification of Roman rule and the
worldwide extension of the Roman Empire.4
In dieser Form kreiert Livius einen moralischen Leitfaden und einen flammenden Appell für
die Republik. Viele Philologen beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit in
Ab Urbe Condita
der Bezug zwischen Livius und Augustus zu sehen ist. Dieser Fragestellung möchte ich mich
aber enthalten. Vielmehr wende ich mich den Kapitel 40 bis 45 des 28. Buches zu und damit
dem Senatsrededuell von Quintus Fabius Maximus und Publius Cornelius Scipio im Jahre 205
v. Chr.. Zum Ende des Zweiten Punischen Krieges hin geht es um die Frage, ob Scipio sein
gewünschtes Mandat bekommt, nach Afrika zu reisen, um Hannibal in dessen eigener Heimat
zu bekämpfen und zu schlagen.
In der Beschäftigung mit Livius als Geschichtsschreiber streift man die grundsätzliche Frage
nach der ,,Objektivität" historischer Darstellung. In der Seit der Aufklärung fordert die
Moderne vom Historiker, die geschichtlichen Fakten in einem neutralen Licht zu präsentieren,
damit der Leser sich seine eigene Meinung zu den vergangenen Ereignissen und ihren Folgen
bilden kann. Livius passt aber mit seiner oben beschriebenen Intention nicht in dieses Bild,
denn er verfolgt eine didaktische Absicht.5 Im Laufe dieser Arbeit wird deutlich werden
inwieweit Livius zwischen den zwei Bildern von ,,objektiver oder didaktischer Historizität"
pendelt.
Nach einer kurzen Einführung in die historische Situation, zu den wichtigen Charakteren und
einer Zusammenfassung der entsprechenden Stelle, werde ich mich einer genaueren
Strukturanalyse der zwei Reden zuwenden.6 Es soll gezeigt werden, welchen Einfluss Livius´
ästhetische Intention auf die dargestellte Form und Inhalte hatte.
2. Geschichtlicher Hintergrund
2.1 Das Phönizische Karthago vs. Rom7
Karthago und Rom wurden dem Mythos nach zum einen von phönizischen Siedlern 814 v.
Chr. in der Region des heutigen Tunis und zum anderen 753 v. Chr. von Romulus gegründet.
Die sog. Punier,
poeni
, waren ein mächtiges Handelsvolk, die ihr expandierendes
4 Burck, Erich, The Thrid Decade, in: T. A. Dorey, Livy, Edinburgh 1971, S. 42.
5 Diese didaktische Absicht, historische Fakten in den Dienst von politischen Ideologien zu stellen,
kann man heute jedoch auch oft in den verschiedenen historischen Schulen erkennen, so dass der
Anspruch des ,,objektiven Historikers" quasi nicht erfüllt wird.
6 Alle Übersetzungen von lateinischen Textauszügen sind vom Autor selbst verfasst.
7 Bagnall, Nigel, Rom und Karthago, Der Kampf ums Mittelmeer, Oxford 1990, S. 13-32.
Handelsimperium im südlichen Mittelmeerraum im ersten Jahrtausend vor Christus aufbauen
und konsolidieren konnten. Rom etablierte seine Macht anfangs auf der italienischen
Peninsula und expandierte zunächst auf Kosten der griechischen Kolonien und bald immer
weiter in die Welt des
mare noster
. Beide Großmächte hatten eine funktionierende
Verfassung mit gewählten Staatsoberhäuptern, einem Senatssystem und einer
Volksversammlung und beide bemühten sich ihre Hoheitsgebiete im Mittelmeerraum
auszubreiten und zu erhalten. Es war eine militärische Expansion, wobei sich die Karthager
auf ihre Marine und ihr Söldnerheer stützten, das von Elite-Offizieren der karthagischen
Kriegerkaste geführt wurde, wohingegen Rom auf seine Legionen des Bürgerheeres vertraute.
Beinahe unausweichlich kam es zwischen diesen expandierenden Zentralmächten des
Mittelmeerraumes zum Konflikt.
So entstanden aus unterschiedlichem Anlass die drei Punischen Kriege: 264-241 der erste
Punische Krieg, der sich auf Sizilien abspielte und nach der Niederlage Karthagos und
Hamilkars zur ersten Provinz Roms, Sizilien, führte. Danach konzentrierte sich Karthago
erfolgreich auf Spanien als Expansionsgebiet. 219 kommt es zur Eroberung Sagunts, das
Roms unter seinen Schutz gestellt hatte, durch Hannibal und zum Zweiten Punischen Krieg
(218-201). Karthago und Hannibal unterliegen Scipio Africanus 202 in der Schlacht von
Zama. Im von Rom herbeigesteuerten Dritten Punischen Krieg (149-146) wird Karthago dem
Erdboden gleichgemacht; berühmt sind hier Catos Worte:
Ceterum censeo Carthaginem esse
delendam
.
2.2 Einordnung der Textstelle in den Zweiten Punischen Krieg8
Die Textstelle der Kapitel 40 bis 45 des 28. Buches beschreibt die zwei Reden von Fabius
Maximus und Publius Cornelius Scipio. Im Jahre 205 stand die Frage im Raum, ob Scipio
nach Afrika übersetzen solle, um eventuell den Krieg zu beenden. Knapp vierzehn Jahre
vorher war Hannibal von Sagunt aufgebrochen und ins römische Imperium gezogen. Er hatte
viele Stämme unter sich gegen Rom vereint und hatte die Römer immer wieder in Schrecken
versetzt, indem er die Alpen überstieg und die beinahe unbesiegbaren Legionen stets aufs
Neue besiegte: in den Schlachten an der Trebia (218), am Trasimenischen See (217) und von
Cannae (216). Erst Fabius Maximus konnte mit seiner Verzögerungs-"Taktik" Hannibals
weiteres siegreiche Voranschreiten verhindern, ihn aber auch nicht endgültig besiegen. In
dieser Situation will Scipio ein Jahrzehnt später eine Veränderung durch das Hinüberbringen
des Krieges nach Afrika und die Geschichte gab ihm recht.
8 Ploetz, Carl, Der große Ploetz, Frankfurt am Main 199832, S. 207.
Hilgemann, Werner; Kinder, Hermann, dtv Atlas Weltgeschichte, Bd.1, S. 77 85.
3. Textzusammenfassung (liber XXVIII, Kap. 40 - 45,12)
Hier will ich eine Zusammenfassung der kompletten zwei Reden, die Livius Scipio und
Fabius im Senat halten lässt, liefern und kurz auf die Argumentationsstruktur eingehen. Vor
den Reden steht eine Situationsbeschreibung: Die Wahl der neuen Konsuln steht in Rom an
und mit dieser Wahl indirekt auch eine Entscheidung, ob Publius Cornelius Scipio ein Heer
nimmt, um den Krieg nach Afrika zu bringen. Seine persönliche Überzeugung ist, dass
Hannibal ihm folgen wird und Italien so erst Ruhe und durch den endgültigen Sieg Frieden
bekommen wird. Die Brisanz der Situation besteht darin, dass Scipio seinen Entschluss, den
Krieg auf seine Art zu beenden, auch gegen den Senat mit Hilfe der Volksversammlung
durchsetzen will. Als erster spricht Quintus Fabius Maximus, was der offiziellen Tradition des
Senats entspricht, da die Älteren auf Grund der höheren
dignitas
vor den Jüngeren sprechen.
Zuerst stellt sich Fabius als
persona
vor. Er ist der Ältere und Weisere von den zwei
Kontrahenten, der auf Grund seines erfolgreichen und ruhmreichen Lebens für den Staat frei
von persönlichen Beweggründen wie Neid oder Missgunst ist. Sogleich nimmt er auch die
Kritik der Vergangenheit auf, seinen Beinamen
cunctator
, der in der aktuellen Situation als
Symbol für seinen Erfolg steht. Er will Scipio die Möglichkeit eines Angriffs in diesem
Bereich nehmen und belegen, dass er als Mann der Tat sich schon bewiesen hat. Er war als
General die Leitfigur im Zweiten Punischen Krieg und Scipio soll nun der Vollstrecker sein,
der seinen Plan ausführt und seinen Ruhm vermehrt und fortführt. Ferner bringt er das
Beispiel, dass der
magister equitum
Minucius, an ihm gezweifelt und Fabius ihn eines
Besseren belehrt hatte. So will er verdeutlichen, dass Kritik an seiner Meinung unsinnig ist, da
er in der Vergangenheit bewiesen hat, dass seine Überlegungen und Anweisungen in
militärischen Bereichen die richtigen sind.9 Der Ruhm,
gloria
, ist ein zentrales Thema der
Reden und auch der Lebenswelt der Römer. Doch betont Fabius, dass der persönliche Ruhm
dem Wohl des Staates unterzuordnen sei, und daher Scipio seinem Plan folgen solle, damit
Italien das Beste erlange und Scipio auch so seinen Ruhm vergrößern würde, als Vertreiber
Hannibals. Fabius würde sich damit natürlich als das ,,Mastermind" dieses Geschehens
darstellen können.
Militärische und staatspolitische Argumente sind, dass die Reihenfolge, erst Italien befreien
und dann Karthago anzugreifen, eingehalten werden sollte und auch die Finanzierung von
9 Zu den militärischen Aspekten der Reden s. 5.b.
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