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Möglichkeiten und Probleme einer Literaturverfilmung am Beispiel von Fassbinders... close

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Möglichkeiten und Probleme einer Literaturverfilmung am Beispiel von Fassbinders „Fontane Effi Briest“ (D 1974)

Bachelor Thesis, 2008, 32 Pages
Author: Bachelor Christina Caelers
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details


Abstract

„Feinheit und Kraft der Bildwirkung und der Gebärde machen die Kunst des Films aus. Darum hat er nichts mit der Literatur zu schaffen!“ So schrieb der ungarisch-jüdische Filmkritiker Béla Balász bereits 1924 und verdeutlichte damit die grundsätzlichen Bedenken gegenüber filmischen Literaturadaptionen. Sieht man sich den Großteil der in den letzten Jahren erschienenen Literaturverfilmungen an, so muss man dieser Kritik auch zugestehen, dass sich viele Verfilmungen auf das Handlungsgerüst der Vorlagen reduzieren, hier und da effektheischende Bilder wirken lassen und die Dichtkunst nach Brauchbarem plündern und demontieren. Imagesteigerung und Verdeckung des Mangels an verfilmbaren eigenen Stoffen sind dann Vorwürfe, die sich die Filmbranche gefallen lassen muss, weil sie sich gern gelesenen Werken bedient, um wirtschaftliche Krisen abzuwehren. Jedoch kann man mit der alten „Ausnahme der Regel“-Theorie widersprechen. Entscheidend bei der Fragestellung, ob eine Literaturverfilmung nun gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos ist, ist der individuelle Blick auf Inhalt und Form des Films, der den Zuschauer durchaus zu gedanklicher Aktivität stimulieren kann oder eben nicht. Dies gilt aber genauso für das Buch und den Leseprozess. Es gibt anregende und weniger anregende Themen und Schreibarten. So wie viele Themen hat auch die filmische Literaturadaption ihre Vor- und Nachteile. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die bereits angeschnittenen Möglichkeiten und Probleme der Literaturverfilmung anhand eines konkreten Beispiels, der Fassbinderschen Verfilmung von Fontanes Roman „Effi Briest“, aufzuzeigen. Dazu werden zunächst die Autoren beider Werke vorgestellt und ihre Herangehensweise und Umsetzung der Werke erläutert. Welche Bedeutung hatte „Effi Briest“ für sie? Was wollten sie dem Rezipienten vermitteln? Wie haben sie es umgesetzt? Im Anschluss werden die vorangestellten Ergebnisse anhand einer ausgewählten Schlüsselszene konkretisiert, um aufzuzeigen was bei einer Literaturverfilmung möglich und was problematisch ist. Für diese Arbeit erwies sich eine Reihe von Arbeiten als lohnend, die sich den dramaturgischen Aspekten der Literaturadaption widmen. Nötig, um meine Aussagen zu unterstützen, waren Zitate der Autoren zu ihren Werken. Hierfür benutzte ich Briefe von Fontane und Interviews mit Rainer Werner Fassbinder. So auch Biographien der Autoren und Monographien mit Interpretationsansätzen zu Fontanes Roman.


Excerpt (computer-generated)

Möglichkeiten und Probleme einer

Literaturverfilmung am Beispiel von

Fassbinders ,,Fontane Effi Briest" (D 1974)

Possibilities and problems of a film adaptation

using the example of Fassbinders "Fontane

Effi Briest" (D 1974)

RWTH Aachen

Bachelorarbeit

im Sommersemester 2008

Christina Caelers

BA Geschichte/Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft

6. Fachsemester

eingereicht am 13.08.2008


Inhaltsverzeichnis

1.

Einleitung

S. 3

1a.

Literatur und Film - Freunde oder Feinde?

S. 3

2.

Theodor Fontane und Rainer Werner Fassbinder

Zwei Künstler und eine ,,Effi Briest"

S. 6

2a.

Theodor Fontane und sein Roman

S. 6

2b.

Rainer Werner Fassbinder und sein Film

S. 10

3.

,,Effi

Briest"

trifft

,,Effi

Briest"

Ein direkter Vergleich zwischen Roman und Verfilmung

S. 15

3a.

Credits und Inhaltsangabe der ausgewählten Szene

S. 15

3b.

Einstellungsprotokoll

S.

18

3c.

Vergleichende

Szenenanalyse

S.

23

4.

Ausblick

S. 28

5.

Literaturverzeichnis

S.

30

2


1. Einleitung

1a. Literatur und Film ­ Freunde oder Feinde?

,,Feinheit und Kraft der Bildwirkung und der Gebärde machen die Kunst des Films aus.

Darum hat er nichts mit der Literatur zu schaffen!"1 So schrieb der ungarisch-jüdische

Filmkritiker Béla Balász bereits 1924 und verdeutlichte damit, die grundsätzlichen

Bedenken gegenüber filmischen Literaturadaptionen, die bis heute sowohl unter

Literaturwissenschaftlern, als auch unter Filmtheoretikern und -kritikern Bestand

haben. Die Positionen beider Lager lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen:

Literaturwissenschaftler und Buchautoren argumentieren häufig, dass es keinen Sinn

macht über gute oder schlechtere Verfilmungen zu diskutieren, weil die audiovisuellen

Medien und das Fernsehen insbesondere die Fantasie des Rezipienten unterdrücken,

ihn in seiner Eigenaktivität behindern und durch Wahrnehmungslenkung den

Rezeptionsvorgang gängeln. Der Rezipient wird aus dieser Sicht also zum ,,passiven,

gelähmten Zuschauer"2. Für diese Kritiker ist der Lesevorgang beim Buch hingegen ein

aktiver und kreativer, der die Einbildungskraft und Fantasie anregt und zu eigenen

Interpretationen führt. Das Buch lässt mehr Spielraum als der Film, da es weniger

Grenzen aufweist und nicht durch gewaltige Bilder beeinflusst. Erstaunlich ist, dass

Cineasten die negative Grundhaltung gegenüber Literaturadaptionen größtenteils

übernehmen, wenn auch aus anderen Beweggründen: Für sie sind solche Filme

Ausdruck einer schlechten Filmkultur und ein Symptom für eine von Staat und

Fernsehen beherrschten und dirigierten Kinofilmproduktion, das letztlich zu einem nicht

zu sich selbst gekommenen Film führt.3 Damit wird die Problematik des bereits

vorhandenen Stoffes angesprochen, der lediglich noch ,,weiterverarbeitet" werden

muss. Sieht man sich den Großteil der in den letzten Jahren erschienenen

Literaturverfilmungen an, so muss man dieser Kritik auch zugestehen, dass sich viele

Verfilmungen auf das Handlungsgerüst der Vorlagen reduzieren, hier und da

effektheischende Bilder wirken lassen und die Dichtkunst nach Brauchbarem plündern

und demontieren. Imagesteigerung und Verdeckung des Mangels an verfilmbaren

eigenen Stoffen sind dann Vorwürfe, die sich die Filmbranche gefallen lassen muss,

weil sie sich gern gelesenen Werken bedient, um wirtschaftliche Krisen abzuwehren.4

1 Béla Balázs: Der sichtbare Mensch. Eine Filmdramaturgie. Halle a. d. Saale 1924. S. 40.

2 Wolfgang Gast: Lesen oder Zuschauen? Eine kleine Einführung in den Problemkreis

,,Literaturverfilmung". In: Gast, Wolfgang: Literaturverfilmung. Hrsg. v. Hans Gerd Rötzer, Bamberg

1993. (themen, texte, interpretationen, Bd. 11). S. 9-10.

3 Vgl. W. Gast, K. Hickethier, B. Vollmers: Literaturverfilmungen als ein Kulturphänomen. In: Ebd. S. 14.

4 Vgl. Gaby Schachtschabel: Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung. Mit einer Beispielanalyse

von Theodor Fontanes Roman Effi Briest und dessen Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder.

3


Jedoch kann man beiden Lagern mit der alten ,,Ausnahme der Regel"-Theorie

widersprechen. Entscheidend bei der Fragestellung, ob eine Literaturverfilmung nun

gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos ist, ist der individuelle Blick auf Inhalt und Form

des Films, der den Zuschauer durchaus zu gedanklicher Aktivität stimulieren kann oder

eben nicht. Dies gilt aber genauso für das Buch und den Leseprozess. Es gibt

anregende und weniger anregende Themen und Schreibarten. So belebt Theodor

Fontane den Geist, Benjamin von Stuckrad-Barre weniger. Dies gilt auch für die

dementsprechenden Verfilmungen von Rainer Werner Fassbinder (,,Fontane Effi

Briest") und Georg Schnitzler (,,Soloalbum").

Aus den Kritiken ergibt sich sowohl die erwähnte Überschneidung, dass die

Literaturadaption im Allgemeinen als Endprodukt negativ gesehen wird, als auch ein

entscheidender Widerstreit, dem die Adaption nicht gerecht werden kann. Zum Einen

wird von den Literaturwissenschaftlern die Werktreue gefordert, zum Anderen fordern

die Filmtheoretiker die Demonstration von Eigenständigkeit.5 Grade diese Diskussion

um das ,,Original" und in wie weit dieses aufgegeben werden darf oder beibehalten

werden muss bleibt eine endlose, wenn beide Lager den Gehalt der Literaturadaption

auf deren Vorlage hin festschreiben und ihr nicht zugestehen einen eigenen

Sinnhorizont zu entwickeln, der unmittelbar mit der literarischen Vorlage verknüpft ist.

Die Frage nach der ,,Werktreue" oder dem ,,Original" bleibt ohnehin schwierig, da eine

Definition kaum möglich ist. Die Grenzen zwischen Original, Plagiat und Kopie sind zu

schwammig und gleichzeitig unnötig. Denn ,,Literaturverfilmungen sind

Neuversinnlichungen literarischer Texte, Neuversinnlichungen, die gerade andere

Sinne der Zuschauer ansprechen als die literarischen Texte selbst. Literatur ist hier in

einem anderen Aggregatzustand."6 So kann eine Verfilmung einfach nicht den

Anspruch haben der Vorlage voll und ganz zu entsprechen. Die Übertragung von

einem Medium ins andere macht dies schon rein technisch nicht möglich. Diese

angesprochenen Neuversinnlichungen müssen aber nicht ausschließlich negativ

bewertet werden. Es bleibt zwar nicht aus, dass sie den Text reduzieren, aber sie

können dessen Gehalt auch erweitern, indem sie die alten literarischen Sinnkonzepte

neu formulieren und deuten.7

Richtet man den Blick weg von der Theorie hin zur Praxis, also von den Theoretikern

zu den Rezipienten, fallen vor allem zwei Dinge auf: Einerseits beklagen die, die den

Frankfurt a. M. 1984. (Europäische Hochschulschriften, R. 30: Theater-,Film- und Fernsehwiss., Bd. 16),

[Diss. Kassel 1983]. S. 9.

5 Vgl. Ebd. S. 12.

6 W. Gast, K. Hickethier, B. Vollmers: Literaturverfilmungen als ein Kulturphänomen. S. 20.

7 Vgl. Ebd.

4


Roman zuvor gelesen haben, dass die entsprechende Verfilmung der Vorlage nicht

gerecht werden konnte. Zu groß sind die hier hineingesteckten Erwartungen, die

überwiegend auf dem selbstgeformten Bild beruhen, das während des Lesens

entstanden ist. Der Rezipient findet seine Vorstellungen und Interpretationen im Film

nicht wieder und ist deshalb enttäuscht. Andererseits kommt ein Großteil (vor allem

Jugendliche) erst übers Kino und Fernsehen zu seiner ersten Berührung mit den

bedeutenden Romanen der Weltliteratur und erlangt so erst Wissen über die

literarischen Aussagen.

So wie viele Themen hat auch die filmische Literaturadaption ihre Vor- und Nachteile.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die bereits angeschnittenen Möglichkeiten und Probleme

der Literaturverfilmung anhand eines konkreten Beispiels, der Fassbinderschen

Verfilmung von Fontanes Roman ,,Effi Briest", aufzuzeigen. Dazu werden zunächst die

Autoren beider Werke vorgestellt und ihre Herangehensweise und Umsetzung der

Werke erläutert. Welche Bedeutung hatte ,,Effi Briest" für sie? Was wollten sie dem

Rezipienten vermitteln? Wie haben sie es umgesetzt? Im Anschluss werden die

vorangestellten Ergebnisse anhand einer ausgewählten Schlüsselszene konkretisiert,

um aufzuzeigen was bei einer Literaturverfilmung möglich und was problematisch ist.

Für diese Arbeit erwies sich eine Reihe von Arbeiten als lohnend, die sich den

dramaturgischen Aspekten der Literaturadaption widmen. Gaby Schachtschabel

erläutert ihre Theorie vom ,,Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung"8 am Beispiel

von ,,Effi Briest". Irmela Schneider9 spannt den Bogen weiter, wie auch Claudia

Gladziejewski10. Beide benutzen mehrere Beispiele und halten ihre Betrachtungen

allgemeiner. Die Durchsicht vieler Aufsätze11 zum Thema Literaturverfilmung war

ebenfalls hilfreich. Nötig, um meine Aussagen zu unterstützen waren Zitate der

Autoren zu ihren Werken. Hierfür benutzte ich Briefe12 von Fontane und Interviews13

8 Gaby Schachtschabel: Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung.

9 Irmela Schneider: Der verwandelte Text. Wege zu einer Theorie der Literaturverfilmung. Hrsg. v. Dieter

Baacke, Wolfgang Gast, Erich Straßner, Tübingen 1981. (Medien in Forschung + Unterricht, Serie A, Bd.

4).

10 Claudia Gladziejewski: Dramaturgie der Romanverfilmung. Systematik der praktischen Analyse und

Versuch zur Theorie am Beispiel von vier Klassikern der Weltliteratur und ihren Filmadaptionen. Hrsg. v.

Georg Hoefer, Alfeld/Leine 1998. (Aufsätze zu Film und Fernsehen, Bd. 63) [Diss. Universität Hamburg

1997].

11 Wolfgang Gast: Literaturverfilmung. Hrsg. v. Hans Gerd Rötzer, Bamberg 1993. (themen, texte,

interpretationen, Bd. 11); Jürgen Wolff: Verfahren der Literaturrezeption im Film, dargestellt am Beispiel

der Effi-Briest-Verfilmungen von Luderer und Fassbinder. In: Der Deutschunterricht 33 (1981), Heft 4,

hrsg. v. Jürgen Wolff.

12 Theodor Fontane: Brief an Hans Hertz vom 2. März 1895. In: Fontanes Briefe in zwei Bänden.

13 Robert Fischer (Hg.): Fassbinder über Fassbinder. Die ungekürzten Interviews. Frankfurt a. M. 2004.

5


mit Rainer Werner Fassbinder. So auch Biographien14 der Autoren und

Monographien15 mit Interpretationsansätzen zu Fontanes Roman.

,,Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen." (Joseph Conrad)

2. Theodor Fontane und Rainer Werner Fassbinder

Zwei Künstler und eine ,,Effi Briest"

In der Diskussion um die ,,Rechtmäßigkeit" einer Literaturverfilmung gibt es ein

Beispiel, das wohl in beiderlei Hinsicht als Meisterwerk bezeichnet werden kann. Der

Roman ,,Effi Briest" von Theodor Fontane und der Film ,,Fontane Effi Briest" von Rainer

Werner Fassbinder schrieben beide in ihrem jeweiligen Genre Geschichte. Dieses

Kapitel wird zeigen, wer diese beiden Künstler waren, welche Beweggründe sie für ihre

Auseinandersetzung mit ,,Effi Briest" hatten, wie sie diese umsetzten und was das

Besondere daran war und ist.

2a. Theodor Fontane und sein Roman

Theodor Fontane (*30.12.1819 in Neuruppin, 20.09.1898 in Berlin) war ein

approbierter Apotheker, Zeitungskorrespondent, kleiner Kriegs- und

Reiseberichterstatter, aber vor allem zu Lebzeiten lang verkannter deutscher

Schriftsteller. Heute wird Fontane im literaturgeschichtlichen Kontext mit dem

poetischen oder bürgerlichen Realismus (1848-1890) genannt und als einer seiner

bedeutendsten Vertreter deklariert.

Als bürgerlichen Realismus bezeichnet man die literarische Phase, die sich nach der

Revolution von 1848 in Deutschland etablierte. Die Literaten grenzten sich mit ihren

Manifestationen, Rezensionen, Aufsätzen und Romanen von der späten Romantik ab,

die zunehmend als irrelevant erschien. Notwendig hingegen wurde, dem Zeitgeist

14 Herbert Spaich: Rainer Werner Fassbinder. Leben und Werk. Weinheim, 1992.

15 Christian Grawe: Theodor Fontane: Effi Briest. Hrsg. v. Hans-Gert Roloff, Frankfurt a. M. 1985.

(Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur); Elsbeth Hamann: Theodor Fontane,

Effie Briest. Hrsg. v. Klaus-Michael Bogdal und Clemens Kammler, 3. überarb. u. korr. Aufl., München

1988. (Oldenbourg-Interpretationen, Bd. 11).

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