Subtitle: Jüdische und frühchristliche Kunst
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 101 Pages
Author: Claudia Curcuruto
Subject: Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Details
Institution/College: Johannes Gutenberg University Mainz (Lehrstuhl für Biblische Wissenschaften, Abteilung Altes Testament)
Tags: Abraham, Kunst, Jüdische und frühchristliche Kunst, Kunstwerk, Bildanalyse, Gattung und Stil, Werkanalyse, Isaak, Opferung Isaak, Gen 22, Panofsky, Ikonologie, Ikonographie, Katakombe, Via Latina, Bodenmosaik, Beth Alpha
Year: 2008
Pages: 101
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-39891-1
Quellen der Abbildungen finden sich im Abbildungsverzeichnis am Ende der Arbeit.
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Excerpt (computer-generated)
Johannes Gutenberg Universität Mainz
Fachbereich 01: Katholisch Theologische Fakultät
Abraham in der Kunst I:
Die Jüdische und Frühchristliche Kunst
Seminararbeit im Rahmen des Seminars ,,Abraham" im
Wintersemester 2007/2008
Eingereicht bei:
Lehrstuhl für Biblische Wissenschaften,
Abteilung Altes Testament
am:
31. März 2008
von:
Curcuruto, Claudia Nina
II
,QKDOWVYHU]HLFKQLV
Seite
Deckblatt I
Inhaltsverzeichnis II
1 EINLEITUNG: Ziel und Aufbau der Arbeit 1
2 METHODISCHE GRUNDLAGEN: Was ist Kunst? 2
2.1 Einleitung: Kunst als bildende Kunst - ihre Klassifikation und
Wesensbestimmungen 2
2.2 Das Kunstwerk: Das Problem des Inhalts, der Komposition und des Stils 3
2.3 Grundlagen der Bildanalyse: das klassische Modell nach Erwin Panofsky 6
3 DIE JÜDISCHE UND FRÜHCHRISTLICHE KUNST
(3. 8. JAHRHUNDERT) ..8
3.1 DIE JÜDISCHE KUNST 8
3.1.1
Jüdische Kunst? - der Versuch einer Definition 8
3.1.2
Die Kunst der antiken Synagogen 11
3.2 FRÜHCHRISTLICHE KUNST 14
3.2.1
Der Versuch einer Definition 14
3.2.2
Gattungen, Stil und christliche Ikonographie 16
3.3 ABRAHAM IN DER JÜDISCHEN UND FRÜHCHRISTLICHEN KUNST 22
3.3.1
Zur Ikonographie Abrahams 22
3.3.2
Hauptszenen in der Darstellung Abrahams und seine Bedeutung
in der jüdischen und frühchristlichen Kunst 24
III
4 WERKANALYSE: Die ,Opferung Isaaks′ (Gen 22, 1 19) 27
4.1 Einleitung 27
4.2 Der Text Gen 22, 1 19 28
4.2.1
Bestimmung der Texteinheit 28
4.2.2
Aufbau der Perikope 30
4.2.3
Betrachtung der Handlungseinheiten nach ikonologischen
Gesichtspunkten 32
4.2.4
Zusammenfassung 40
4.3 Die Darstellung der ,Opferung Isaaks′ in der jüdischen und frühchristlichen
Kunst 40
4.4 Die Kunstwerke 50
4.4.1
Opferung Isaaks in der Katakombe der Via Latina in Rom
(1. Hälfte des 4. Jahrhunderts)
51
4.4.1.1 Einleitung 52
4.4.1.2 Bildbetrachtung: Die Opferung Isaaks in Kammer C 53
4.4.1.3 Der Bezug zum biblischen Text und die Theologie des Bildes...57
4.4.2
Das Bodenmosaik der Synagoge von Beth Alpha (6. Jahrhundert)
60
4.4.2.1 Einleitung 61
4.4.2.2 Bildbetrachtung 63
4.4.2.3 Der Bezug zum biblischen Text und die Theologie der Bilder...65
4.4.3
Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Darstellungen 67
5 SCHLUSSWORT 69
Anhang (Karten, Zeittafeln, Abbildungen) IV
Perikope: Genesis 22, 1- 19 XXI
Glossar XXIII
Verzeichnis der Abbildungen XVI
Quellen- und Literaturverzeichnis XVII.
1
1 EINLEITUNG: Ziel und Aufbau der Arbeit
,,Abraham in der jüdischen und frühchristliche Kunst"
verbindet die Bibel mit der
Disziplin der bildenden Kunst. Wir finden zu den Abrahams-Erzählungen viele
unterschiedliche künstlerische Darstellungen auf Wandmalereien, Mosaiken, christlichen
Sarkophagreliefs u.a., die sich an viele Stationen seines Lebens anlehnen. Die visuellen
Darstellungen vermitteln einen Einblick in die künstlerische Rezeption in der jüdischen
und frühchristlichen Kunst und spiegeln ebenso unterschiedliche theologische Akzente, die
der Abrahams-Geschichte einen unterschiedlichen Charakter verleihen.
Ein oft wiederkehrendes Motiv in den künstlerischen Darstellungen ist die Erzählung
von der Glaubensprobe Abrahams (Gen 22, 1- 19), einer der bekanntesten und
sensibelsten, aber auch einer der schwierigsten Texte der Bibel überhaupt. Die Opferung
Isaaks wird sowohl in der jüdischen als auch in der frühchristlichen Kunst als Darstellung
abgebildet, ist aber eigentlich zu allen Zeiten ein beliebtes Motiv.
Gegenstand und Ziel des vorliegenden Beitrags ist, dem Thema eine angemessene
Darstellung aus unterschiedlichen Forschungsgebieten mit ihren spezifischen Perspektiven
zu geben. Die vorliegende Untersuchung ist gegliedert in die oben skizzierten
drei
Hauptkapitel:
(1) Die methodische Reflexion über das Thema ,Was ist Kunst′, das die Grundlagen
des Themengebietes entfaltet: Wie bestimmen wir ,Kunst′, was sind ihre Problemfelder?
Dabei kommt der Methode der Bildanalyse nach Erwin Panofsky eine besondere
Bedeutung zu, da dieses Modell die Grundlage der Werkanalyse (Teil 3) sein wird.
(2) Das Kapitel über die jüdische und frühchristliche Kunst bietet v.a. einen allgemein
kunsthistorischen Überblick, bei dem dann anschließend im dritten Unterkapitel ,Abraham
in der jüdischen und frühchristlichen Kunst′ eine besondere Beachtung zukommt.
(3) Für eine Werkanalyse wurde exemplarisch die ,Opferung Isaaks′ als Thema
herausgenommen. Dabei sei es angebracht, zunächst einmal den Text Gen 22, 1- 19
exegetisch darzulegen, um damit das Verständnis der Kunstwerke stärker zur Geltung zu
bringen. Es gilt auch die Frage zu berücksichtigen, wie die Darstellung der Opferung
Isaaks in der Kunst mit den Vorgaben aus dem biblischen Text dargeboten wird. Bei der
Werkanalyse konzentriere ich mich auf zwei ausgewählte Kunstwerke, das erste ist aus der
Katakombe der Via Latina in Rom aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, und das
zweite ist ein Fußbodenmosaik der Synagoge von Bet Alpha aus dem frühen 6.
2
Jahrhundert. An diesen Kunstwerken soll aufgezeigt werden, ob und wie diese
Gemeinsamkeit mit dem biblischen Text, aber auch miteinander aufweisen bzw. es sollen
auch die Unterschiede dazu dargestellt werden.
Dem folgend wird ein ausführlicher
Anhang
der Arbeit beigegeben. Vor allem ist hier
wichtig, dass die Leserinnen und Leser sich in die geschilderten Entwicklungen und
Darstellungen zurechtfinden. Deshalb finden sich in
Anhang I-XVI
eine Anzahl von
Karten, Zeittafeln und Abbildungen. Anschließend werden in einem Glossar in einer
kurzen Erklärung Fachwörter erläutert. Schließlich werden die im Text zitierten Quellen
und Literatur und die der Arbeit verwendeten Abbildungen in einem Verzeichnis
aufgeführt.
2 METHODISCHE GRUNDLAGEN: WAS IST KUNST?
2.1
Einleitung: Kunst als bildende Kunst: ihre Klassifikation und
Wesensbestimmungen
Bevor wir uns den Gegenstandsbereichen der jüdischen und frühchristlichen
Kunstgeschichte1 im Einzelnen nähern, dürfte es angebracht sein, uns einige generelle
Gedanken über den Gegenstand ,Kunst′ zu machen, der keineswegs offenkundig ist, wie es
zunächst scheinen mag. Die folgende Definition des Begriffes der ,Kunst′ schlägt Jutta
Held und Norbert Schneider in ihrer Veröffentlichung ,,Grundzüge der Kunstwissenschaft"
vor, die diesen wie folgt bestimmen:
,,Linguistisch betrachtet, handelt es sich bei diesem Begriff um einen Kollektivsingular,
ähnlich wie bei dem Wort ,,Geschichte". Als solcher umfasst ,,Kunst" verschiedene
Einzelkünste wie Malerei, Bildhauerei, Graphik usw. Der genauern Charakterisierung
halber hat man diese Art von Kunst als ,,bildende Kunst" bezeichnet und sie damit von
anderen Formen ästhetischer Praxis wie Musik, Literatur, Theater, Tanz, Pantomimik usw.
abzugrenzen versucht, die man mitunter ebenfalls als Künste definiert. Im alltäglichen und
akademischen Wortgebrauch stellt sich bei dem Begriff ,,Kunst" jedoch auch ohne
charakterisierendes Beiwort in der Regel die Assoziation ,,bildende Kunst" ein, so wie ja
1 Die Kunstgeschichte, allgemein die Entwicklungsgeschichte der Kunst von ihren Anfängen, ist im
Besonderen eine sich seit Ende des 18. Jahrhunderts ausdifferenzierende wissenschaftliche Teildisziplin der
Kunstwissenschaft, die sich mit der Erforschung der bildenden Kunst seit der Antike befasst.
3
auch die Bezeichnung der wissenschaftlichen Disziplin ,,Kunstgeschichte" ohne dieses
eingrenzende Epitheton auskommt und immer nur die Geschichte der bildenden Kunst
meint, indessen nie die der anderen ,,Künste"
2
.
In der Antike und im Mittelalter bezeichnete ,,Kunst" Aktivitäten, die wir zum einen
als Wissenschaften zum anderen als Handwerke definieren würden. Der griechische
Terminus für ,,Kunst" war
techne
, das lateinische, noch bis in die Frühe Neuzeit analog
dazu verwandte,
ars
, der zugleich auch ,,Wissenschaft" bedeutete. Damit war vor allem
eine Fertigkeit, ein aus Erfahrung und Übung erwachsenes Können, eine Geschicklichkeit
gemeint, zu der die Kenntnis von Regeln gehörte.3
Die bildenden Künstler hielten im Großen und Ganzen selbst am Kriterium der
Technik fest, die nach wie vor die Kenntnis der Produktionsregeln und ihre geschickte
Anwendung zum Gegenstand hatte. Erst seit dem angehenden 14. Jahrhundert lassen sich
die neuen Entwicklungen erkennen, die im Wesentlichen mit zwei Faktoren
zusammenhingen: zum einen mit der Bildungsbewegung des Humanismus, zum anderen
mit der Transformation der ökonomischen Verhältnisse insbesondere der beginnenden
Kapitalisierung von Gebrauchsgütern, die auch die Sphäre der Kunst erfasste.4
2.2
Das Kunstwerk: Das Problem des Inhalts, der Komposition und des
Stils
Nachdem wir im vorangegangenen Kapitel die Definition des Kunstbegriffs erörtert
haben, werden wir nun auf einige Aspekte eines Kunstwerkes zu sprechen kommen, bei
dem traditionell in diesem systematischen Rahmen die Begriffe Inhalt, Komposition und
Stil eine zentrale Stellung einnehmen.
2 HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 21f. Eine geschichtshistorische Betrachtung und die
verschiedenen Kunstauffassungen zum Kunstbegriff können hier nicht behandelt werden, vgl. dazu
HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 23 61.
3 ,,Kunst" wurde lange Zeit für ganz andere Disziplinen und Tätigkeiten reserviert. Für das, was Künstler
herstellten, gab es spezielle Bezeichnungen, die sich für diverse Verrichtungen ablesen lässt: diejenigen, die
mit Stein arbeiteten wurden
statuarii
genannt, die mit Metall
caelatores
, die mit Holz
sculptores,
die mit Ton
fictores
und die mit Wachs
encausti.
Es fällt auf, dass Kunst hier noch nicht als ein einheitliches System
begriffen wird, vielmehr werden alle Tätigkeiten, die man ihr später zuordnet, noch ganz in ihrer
Vereinzelung wahrgenommen, entsprechend ihrer spezifischen Technik, dem verwendeten Material oder dem
jeweiligen Zweck, dem sie dienen sollten. Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 23.
4 Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 27.
4
Wir werden uns zunächst mit dem
Problem des Inhalts
5 befassen und beginnen mit
dem Versuch einer definitorischen Annäherung. Mit dem Begriff des ,Inhalts′ soll ,,die
fiktionale visuelle Präsenz von Gegenständlichem gemeint sein, die denotativ (und
konnotativ) auf Außerästhetisches verweist oder im Schaffensprozess von ihm angeregt ist,
mindestens aber die ästhetische Wahrnehmung assoziativ auf dieses Außerästhetische
lenkt"6.
Die kunstwissenschaftliche Spezialdisziplin, die sich mit den ,,Inhalten" der
Kunstwerke befasst, also mit den Themen, Stoffen, Motiven und Darstellungstypen, ist die
Ikonographie
7
.
Wörtlich wäre dieser Begriff mit ,,Bildbeschreibung" zu übersetzen, aber
im präzisen Sinne ist nicht die Beschreibung einzelner Bilder gemeint, sondern eben die
der Bildgegenstände. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, nennt man Ikonographie die
Gesamtheit unseres Wissens von den Bildgegenständen und ihre weitere Erforschung
durch das Vorhandensein bestimmter, stets gleich oder ähnlich wiederkehrender
Bildformeln. Die Frage, was dargestellt ist und wie es dargeboten wird (Anzahl,
Gestaltung und Tätigkeit der Person im Bild, Beschaffenheit der Örtlichkeit, Requisiten)
sind dabei die hauptsächlichen Kriterien. Besonderes Gewicht liegt auf der Erkennung und
Differenzieren von Traditionen.8 Die ikonographische Beschreibung beschränkt sich nicht
nur auf den visuellen Befund, sondern setzt diesen fast immer in Beziehung zu
literarischen Quellen (z.B. der Bibel, Ovids Metamorphosen, usw.) und ihrer jeweiligen
Deutungsgeschichte (z.B. der Bibelexegese durch die Kirchenväter und nachfolgende
Theologen). Die Ikonographie stellt also das Material für eine umfassendere
kunsthistorische Interpretation bereit, die schwerpunktmäßig solche Bildthemen
untersucht, die an textliche Überlieferungen gebunden sind und die bereits zu Beginn des
17. Jahrhundert mit dem gebräuchlichen Begriff ,Ikonologie′9 bezeichnet wird.
5 Zum Problem des Inhalts vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 288 309.
6 HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 288.
7 Der Begriff Ikonographie setzt sich aus zwei dem Griechischen entstammenden Wörtern zusammen, die in
der deutschen Umschrift ,,eikon" (=Bild) und ,,graphein" (=schreiben) lauten. Ursprünglich bezog sich
Ikongraphie auf die Beschreibung griechischer und römischer Bildnisse, heute ist der Gegenstandbereich der
Ikonographie denkbar weit gefasst. Die Ikonographie fragt: Was ist auf dem Bild dargestellt? Was teilt dieses
Bild mit? Sie beachtet sehr genau Bilddetails und fragt nach deren Bedeutung. Vgl. HELD/SCHNEIDER,
Kunstwissenschaft, S. 289f.
8 Vgl. ERFFA, Ikonologie der Genesis I, S. 12.
9
Ikonologie
geht einen oder mehrere Schritte weiter als die Ikonographie, ohne die sie aber nicht denkbar ist.
Sie fragt nach dem Warum einer Darstellung, und: warum gerade hier in diesem Zusammenhang? Sie fragt
5
Beschränkte sie sich zunächst im Wesentlichen auf die Erforschung der christlichen und
antiken Bildthemen, so ist sie im 20. Jahrhundert ständig ausgeweitet worden.10
Der Begriff der
,,Komposition"
11 (von lat.
compositio:
Zusammenstellung) entstammt
der antiken Rhetorik, wo er unter die Lehre von der Ausarbeitung
(tractatio)
des Stoffes
für eine Rede fällt. Auf die Komposition übertragen, ist der Stoff in den beabsichtigten
Wirkungen entsprechend aufzuarbeiten, d.h. es geht um Phasen der Ausarbeitung eines
Bildes, den Rhythmus, die Auseinanderfolge der Elemente, d.h. insgesamt bezeichnet sie
den formalen Aufbau des Kunstwerkes.12
Der
Stil
13 (zu lateinisch
stilus:
Griffel, Schreibart) ist ein mannigfaltiger Begriff, meint
jedoch die Summe unverwechselbarer Merkmale von Werken der bildenden Kunst, bei
dem sowohl das subjektive Vermögen eines Künstlers als Stil bezeichnet wird, als auch die
Qualitäten eines Kunstwerks, dessen Stil einer bestimmten Zeit / einem Ort zuzuordnen
wäre. Wir unterscheiden also von dem Individualstil eines Künstlers oder Kollektivs (etwa
einer Schule), von einem Epochen- und einem Regionalstil. Stil beleuchtet zwar die
spezifische Formgebung eines Kunstwerks, bezeichnet aber vielmehr die charakteristische
Formgebung, die sich an mehreren künstlerischen Erzeugnissen nachweisen lässt; er
klassifiziert Kunstwerke nach ihren gleichförmigen, wiederholbaren Zügen und
vernachlässigt ihre Einmaligkeit. Stil ist also ein summativer Begriff, der sich nur aufgrund
einer Reihen Untersuchung bestimmen lässt.14
also nach dem Umfeld, aus dem das Kunstwerk erwachsen ist. Dabei werden typologische, symbolkundliche,
allegorisch Beziehungen ermittelt, also wird das Kunstwerk so aus isolierter Betrachtung befreit und in einem
größeren Zusammenhang gesehen.
Vgl. ERFFA, Ikonologie der Genesis I, S. 13.
10 Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 290f.
11 Zum Problem der Komposition, vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 328 335.
12 In der bildenden Kunst sind Proportion, Perspektive, Licht- und Farbgebung, Raumteilung etc. Elemente
der Komposition. Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 328.
13 Zum Problem des Stils, vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S 337 354.
14 Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 337.
6
2.3
Grundlagen der Bildanalyse: das klassische Modell nach Erwin
Panofsky
Die Interpretation eines einzelnen Kunstwerkes wird heute gemeinhin als der Kern und
das eigentliche Ziel der kunstgeschichtlichen Forschungen verstanden, bei der das
akkumulierte Wissen zum Einsatz kommt und sich bewähren muss. Aufgrund unserer
späteren Werkanalyse zu ,Abraham in der Kunst Opferung Isaaks′ (Kap. 4), sei es hier
angebracht, die Schritte zu behandelt, die unserer Bildanalyse folgt. Dazu sei das
klassische Modell der Analyse nach Erwin Panofsky15 herangezogen, dass starke
Verbreitung gefunden hat.
In den 1920er Jahren veröffentlichte Panofsky mehrere Aufsätze zur
kunstwissenschaftlichen Methodik.16 Diese Bildkunde basiert partiell auf der historischen
Ikonographie,
die von Panofsky als Methode der Bildinterpretation entwickelt wurde. Er
entwickelte ein
dreistufiges Interpretationsmodell
zum Kunstwerk, in dem er nach dem
Gegenstand der Interpretation drei unterschiedliche Bedeutungssphären aufzeigte, die aber
in der Arbeit an einem Kunstwerk
,,miteinander zu einem einzigen organischen und
unteilbaren Prozess verschmelzen"
17.
Die primäre Ebene des Interpretationsansatzes (die sog.
vor ikonographische
Beschreibung
) bildet der Phänomensinn, auf der die Elemente einer (Bild-) Komposition
identifiziert werden.18 In diesem Teil der Interpretation wird die reine Form identifiziert.
15 Erwin Panofsky (1892-1968) war einer der bedeutendsten amerikanischer Kunsthistoriker deutscher
Herkunft des 20. Jahrhunderts. Panofsky entwickelte die Ikonologie weiter, eine kunsthistorische Methode,
die versucht, das einzelne Kunstwerk im Gesamtkontext zu betrachten. Darüber hinaus schrieb Panofsky
wichtige Studien zur Formengeschichte, zur Kunsttheorie und zur Ikonographie.
16 PANOFSKY, Erwin, ,Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst′
(S. 187 206)
und
,Ikonographie und Ikonologie′ (S. 207 225). Beide Aufsätze sind in KAEMMERLING,
Ekkehard (Hrsg.), Bildende Kunst als Zeichensystem. Bd. 1: Ikonographie und Ikonologie. Theorien
Entwicklung Probleme (1979) erschienen.
17 PANOFSKY, Ikonographie, S. 222
18 Da für Panowsky künstlerische Formen nur als symbolische Formen denkbar sind, geht es auf dieser Ebene
nicht um Linien und Farben, sondern um Phänomene, die wir auf ihren Sachsinn und ihren Ausdruckssinn
hin untersuchen können. Panowsky kalkuliert durchaus kulturelle Wahrnehmungsdifferenzen mit ein, so dass
schon auf dieser Ebene kulturelle Kompetenzen vorausgesetzt werden, um ein Bild zweifelsfrei entschlüsseln
zu können. Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 361f.
7
Auch hier handelt es sich schon um eine Interpretation auf der Grundlage von den
,,Praktischen Erfahrungen" und der ,,Vertrautheit mit Gegenständen und Ereignissen",19
denn man benennt die wahrgenommenen Formen schon anhand seines Alltagswissens.
Die zweite Ebene (die sog.
ikonographische Analyse
) eines Werks der darstellenden
Künste stellt der Bedeutungssinn dar, für dessen Identifizierung bereits literarische Quellen
erforderlich sind. Die Identifizierung künstlerischer Motive und deren Verknüpfungen
(Kompositionen) durch die Beachtung des Blickwinkels des Künstlers führt zum Erkennen
spezifischerer Themen oder Konzepte, wie Handlungen oder Gesten, die der Künstler
bewusst impliziert hat. Dieses Erkennen ,,setzt eine Vertrautheit mit bestimmten Themen
oder Vorstellungen voraus, wie sie durch literarische Quellen vermittelt wird"20. Genau
hier kann eine Interpretation ansetzen, die das Bild innerhalb historischer Zusammenhänge
und Aussagen daraus verorten will.
Geht es auf dieser Ebene ebenfalls noch um eine identifizierbare Klärung der einzelnen
ikonographischen Motive, so wird auf der dritten und höchsten Interpretationsstufe (die
sog.
ikonologische Interpretation
) nach dem Sinn und Zusammenhang der verschiedenen
ikonographischen und formalen Elemente gefragt,21 der in der Regel durch ikonologische,
den Zusammenhang der einzelnen Motive klärende Untersuchungen erschlossen wird.
Durch das stufenweise erweiterte Wissen wird man immer tiefer in das Verständnis
eines Werkes hingeführt. Die historischen Fakten, die symbolischen Formen und
ikonographischen Motive bilden in ihrer Konstellation selbst den ästhetischen Sinn eines
Werkes.22
19 PANOFSKY, Ikonographie, S.222.
20 Ebd., S. 217.
21 Diese Bedeutung wird erfasst, ,,indem man jene zugrundeliegenden Prinzipien ermittelt, die die
Grundeinstellung einer Nation, einer Epoche, einer Klasse, einer religiösen oder philosophischen
Überzeugung enthüllen, modifiziert durch eine Persönlichkeit und verdichtet in einem einzigen Werk" (Ebd.,
S. 211).
22 Vgl. HELD/SCHNEIDER, Kunstwissenschaft, S. 361ff.
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