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"Medea und die Rache"

Subtitle: Eine Analyse und Bewertung der Tragödie im Hinblick ihrer Rachekonzeption

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 25 Pages
Author: Jochen Engelhorn
Subject: History - Early and Ancient History

Details

Event: Emotionalität und Affektkontrolle
Institution/College: University of Freiburg (Seminar für Alte Geschichte)
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 25
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V133439
ISBN (E-book): 978-3-640-40294-6
ISBN (Book): 978-3-640-40341-7

Abstract

„Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind. Verzichtet er aber darauf, dann ist er ihm überlegen.“ (Francis Bacon) Rache gab es immer schon; Rache wird es immer geben. Francis Bacon vertritt mit seiner Auffassung von Vergeltung die Moralverstellungen unserer heutigen modernen Gesellschaft. Doch wie sieht diese in anderen Gesellschaften aus? Besonders die Antike war von der Vorstellung geprägt, Unrecht durch eigenhändige Vergeltungstaten ausgleichen zu können. Gerechtigkeit durch Rache – man ging geradezu davon aus, den Schaden nur wiedergutmachen zu können, indem man ihn mit geballter Wucht zurückschleuderte. Der Feind sollte seine eigene Tat zu spüren bekommen. Unter den zahlreichen Darstellungen von Rache ist die Medea des Euripides wohl einer der grauenvollsten und zugleich faszinierendsten Persönlichkeiten der antiken Literatur. Die Rache der Medea ist besonders. Sie macht keinen Halt vor einem wehrlosen Opfer, keinen Halt vor den eigenen Kindern. Rache in ihrer grausamsten Form – des Kindermords. Ausgehend von diesem Bühnenstück sollen in der vorliegenden Arbeit die verschiedenen Aspekte der Rache Medeas analysiert werden, um diese mit der antiken Vorstellung von Rache und Vergeltung zu vergleichen und daraus die mögliche gesellschaftliche Wirkung und Funktion der Tragödie erfassen zu können. Lässt sich die literarische Verarbeitung dieser extremen Form von Rache mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen vergleichen? Welche Wirkung könnte diese Darstellung erzielt haben? Und welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche Prozesse und Hintergründe? Nach einer Betrachtung zum Umgang der Griechen mit Rache und Vergeltung folgt daher eine ausführliche Analyse der Tragödie, die besonderes Augenmerk auf die Merkmale der Rache Medea legt und diese von verschiedenen Blickwinkeln her untersucht. Neben den verschiedenen Ursachen und Konsequenzen dieses Vergeltungsakts wird näher auf die Besonderheiten des Kindermords, die heldenhaften Züge Medeas und die sich daraus ergebende innere Zerrissenheit der Mutter eingegangen und die Rolle des Chors näher betrachtet. Abschließend sollen die Ergebnisse in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet werden, um die literarische Darstellung der Rache auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu überprüfen.


Excerpt (computer-generated)

Albert- Ludwigs-Universität Freiburg

Seminar für Alte Geschichte

Hauptseminar ,,Emotionalität und Affektkontrolle"

Sommersemester 2008

,,Medea und die Rache"

Eine Analyse und Bewertung der Tragödie im

Hinblick ihrer Rachekonzeption

von

Jochen Engelhorn

Geschichte/Deutsch/Spanisch (07/07/07)


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 3

II. Die Rache bei den Griechen 4

III. Die Rache der Medea 8

a) Die Medea des Euripides 8

b) Medeas Rache ­ Motive und ihre Wirkung 10

c) Die Absolutheit der Rache ­ der Kindermord 12

d) Die ,,Männlichkeit" der Rache 14

e) Die Rolle des Chors 16

IV. Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Relevanz 18

V. Schlussbetrachtung 22

VI. Literaturverzeichnis 23

2


I.

Einleitung

,,Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind. Verzichtet er aber

darauf, dann ist er ihm überlegen." (Francis Bacon)

Rache gab es immer schon; Rache wird es immer geben. Francis Bacon vertritt mit

seiner Auffassung von Vergeltung die Moralverstellungen unserer heutigen

modernen Gesellschaft. Doch wie sieht diese in anderen Gesellschaften aus?

Besonders die Antike war von der Vorstellung geprägt, Unrecht durch eigenhändige

Vergeltungstaten ausgleichen zu können. Gerechtigkeit durch Rache ­ man ging

geradezu davon aus, den Schaden nur wiedergutmachen zu können, indem man ihn

mit geballter Wucht zurückschleuderte. Der Feind sollte seine eigene Tat zu spüren

bekommen. Unter den zahlreichen Darstellungen von Rache ist die Medea des

Euripides wohl einer der grauenvollsten und zugleich faszinierendsten

Persönlichkeiten der antiken Literatur. Die Rache der Medea ist besonders. Sie

macht keinen Halt vor einem wehrlosen Opfer, keinen Halt vor den eigenen Kindern.

Rache in ihrer grausamsten Form ­ des Kindermords.

Ausgehend von diesem Bühnenstück sollen in der vorliegenden Arbeit die

verschiedenen Aspekte der Rache Medeas analysiert werden, um diese mit der

antiken Vorstellung von Rache und Vergeltung zu vergleichen und daraus die

mögliche gesellschaftliche Wirkung und Funktion der Tragödie erfassen zu können.

Lässt sich die literarische Verarbeitung dieser extremen Form von Rache mit

gesellschaftlichen Wertvorstellungen vergleichen? Welche Wirkung könnte diese

Darstellung erzielt haben? Und welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche

Prozesse und Hintergründe?

Nach einer Betrachtung zum Umgang der Griechen mit Rache und Vergeltung folgt

daher eine ausführliche Analyse der Tragödie, die besonderes Augenmerk auf die

Merkmale der Rache Medea legt und diese von verschiedenen Blickwinkeln her

untersucht. Neben den verschiedenen Ursachen und Konsequenzen dieses

Vergeltungsakts wird näher auf die Besonderheiten des Kindermords, die

heldenhaften Züge Medeas und die sich daraus ergebende innere Zerrissenheit der

Mutter eingegangen und die Rolle des Chors näher betrachtet. Abschließend sollen

die Ergebnisse in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet werden, um die

3


literarische Darstellung der Rache auf ihre gesellschaftliche Bedeutung zu

überprüfen.

Wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Themenkomplex gibt es auf den ersten Blick

genügend; vor allem im Hinblick auf die Analyse der Tragödie wird man geradezu

von Forschungsergebnissen überhäuft. Dennoch wird der genauere Blick auf die

Rache von vielen Verfassern vernachlässigt und nur selten finden sich in den meist

philologisch geprägten Arbeiten Verweise auf zeitgeschichtliche Umstände und

Vorgänge. Für die Analyse des Bühnenstückes erwies sich in diesem

Zusammenhang die Betrachtung der ,,Frauenrollen bei Euripides" von Ruth Harder1

als sehr nützlich, da hier die verschiedenen Aspekte der Rache Medeas am

Deutlichsten zum Vorschein kommen. Im Hinblick auf den Chor und dessen Funktion

ist die Arbeit von Jan-Wilhelm Beck2 hervorzuheben. Diese Untersuchung geht

außerdem auf die historischen Zusammenhänge der Tragödie ein und unterstützt so

die Dissertation der Geschwister Schinzel3, die ausgiebig auf die zeitgeschichtlichen

Rahmenbedingungen Rücksicht nimmt. Beschäftigt man sich mit dem Komplex der

Rache im antiken Griechenland, kommt man nicht um den Aufsatz Hans-Joachim

Gehrkes4 herum, da die Untersuchung aus den achtziger Jahren nach wie vor

grundlegend für diese Thematik ist.

II. Die Rache bei den Griechen

Um die gesellschaftliche Bedeutung der Rache im antiken Griechenland beurteilen

zu können, soll im Folgenden der Umgang mit Rache und Vergeltung dargestellt

werden. Dabei soll es nicht darum gehen, einzelne Schicksale oder Ereignisse

darzustellen, sondern vielmehr allgemeine Wertvorstellungen und Mentalitäten im

Umgang mit Rache und Vergeltung herauszufiltern, um diese später auf Aspekte der

Medea anwenden zu können.

Dass der Komplex der Rache ein bedeutender Bestandteil der griechischen

Lebenswelt ausmachte, wird besonders in literarischen Quellen sichtbar. Angefangen

von mythischen Überlieferungen, homerischen Epen bis hin zum attischen Theater;

1 Harder, Ruth: Die Frauenrollen bei Euripides. Untersuchungen zu "Alkestis", "Medeia", "Hekabe",

"Erechtheus", "Elektra", "Troades" und "Iphigeneia in Aulis", Stuttgart 1993.

2 Beck, Jan-Wilhelm: Medeas Chor: Euripides′ politische Lösung, Göttingen 2002.

3 Schinzel, Andreas und Christine: Zur Rolle der Frau in der attischen Tragödie, Köln 2000.

4 Gehrke, Hans-Joachim: Die Griechen und die Rache. Ein Versuch in historischer Psychologie, in:

Saeculum 38 (1987), 121­149.

4


die ,,eigenmächtige Vergeltung von Erlittenem"5 scheint vor niemandem Halt zu

machen: Rächende Götter, rächende Helden, ja sogar rächende Mütter sind an der

Tagesordnung und versuchen mit Hilfe ihrer Vergeltungstaten gerechten Ausgleich

herzustellen. Sei es Hera, die sich wieder einmal an ihren Nebenbuhlerinnen rächt

oder Achill, der seinen treuen Gefährten Patroklos über den Tod hinaus mit

grausamster Leichenschändung vergeltet, für alle scheint dieser Weg gerechtfertigt,

um erlittenes Unrecht zu kompensieren. Zusammen mit Gerichtsakten und

Überlieferungen aus philosophischen und historischen Schriften lassen sich folgende

Aspekte von Rache erfassen:

Das Recht auf Rache ­ Der enge Zusammenhang von Rache und Recht beruhte auf

der Vorstellung, Unrecht durch Vergeltungstaten auszugleichen und so Gerechtigkeit

herzustellen; eine Tradition, die aus einer Zeit herrührte, in der es noch keine

Trennung zwischen Rache und Recht gab. Blutrache wurde als Rechtsanspruch

aufgefasst, gerecht handeln bedeutete, nach dem Talionsprinzip6 Gleiches mit

Gleichem zu vergelten, was jedoch nicht immer eingehalten wurde.7

Die Pflicht zur Rache ­ Nicht nur der Anspruch, sondern auch die Verpflichtung,

sowohl bei Verstößen gegen ,,göttliche Pflichten" als auch gegen Unrechtstaten an

Verwandten Rache auszuüben, gehörte zum Normenkodex der Griechen. Die sich

hieraus ergebende Vererbung von Rache und deren ,,Unversöhnlichkeit" führte nicht

selten zu einer Kette von Vergeltungstaten, die sich nur schwerlich durchbrechen

ließ. Man war nicht nur dazu verpflichtet, seine Angehörigen zu rächen, sondern

darüber hinaus auch für seine Freunde einzutreten. Diese ,,Racheloyalität" bildete

einen festen Bestandteil der Freund-Feind Beziehungen.8

Die Erwiderungsmoral ­ Die Rache wurde als ein Akt der Gegenseitigkeit

verstanden; nach dem Grundsatz ,,Du sollst dem Freund nach Kräften nutzen und

dem Feind nach Kräften schaden" wurden Freundschaft und Feindschaft einer

,,positiv-negativen Vergeltungsethik" unterworfen, die ein Individuum in seinen

Handlungen stark verpflichtete. Dieses Freund-Feind Denken besaß in der Regel

eine Art kompetitive Seite, die dazu anspornte, sich in seinen Leistungen für den

Freund, aber eben auch für den Feind zu übertreffen. So wurde oftmals nicht

5 Burckhardt, Jacob: Griechische Kulturgeschichte, München 1977, Bd. 2, S. 322.

6Talion (lat.

talio

, "Wiedervergeltung durch Gleiches") ist die Bemessung der Sanktion am dem Opfer

zugefügten Übel. Es handelt sich um eine Rechtsfigur, nach der zwischen dem Schaden, der einem

Opfer zugefügt wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein Gleichgewicht

angestrebt wird, siehe hierzu: Hengstl, Joachim: Talion, in: DNP 11, 2001, Sp. 1231f.

7 Vgl. Gehrke: Die Griechen und die Rache, S. 129f.

8 Vgl. ebd., S. 131.

5


Gleiches mit Gleichem vergolten, sondern über das Erlittene hinausgegangen.

Überschießende Rache war besonders in Krisenzeiten zu bemerken, was die

Gemeinschaft nicht unerheblich belasten konnte. Die Gleichheit des

Vergeltungsanspruchs, die symmetrische Rache, war somit ,,nur ideel, nicht faktisch

gewahrt" und führte in der Praxis oft zur asymmetrischen und agonalen Rache, um

Unrecht zu vergelten.9

Allgemein ist die Rache ,,Antwort auf eine wie auch immer geartete Beschädigung",

die den Schädiger unvermeidlich zum Feind macht. Der zugefügte Schaden kann

erlittenes Unrecht durch eine kriminelle Handlung oder ein Verbrechen sein, aber

durchaus auch durch eine Anzeige oder eine Aussage vor Gericht hervorgerufen

werden. Das begangene Unrecht musste somit nicht unbedingt ein kriminelles

Vergehen im strafrechtlichen Sinne sein, sondern auch nur subjektiv als Kränkung

oder Verletzung empfunden werden. Denn Rache war nicht nur eine ,,Antwort auf

Verlust durch Unrecht", sondern auch und gerade auf den ,,Verlust an Ehre". Nicht

der Schaden selbst, sondern vielmehr der Ehrverlust war treibendes Motiv. Rache

wurde folglich ausgeübt, wenn durch ein Unrecht oder ein Verbrechen die Ehre

verletzt wurde. Der Akt der Kränkung rief Emotionen wie Zorn und Wut hervor, die

nur durch Rache zu überwinden waren. Durch sie konnte die Ehre, sei es die eigene

oder die von anderen, wiederhergestellt werden. Rache galt daher als ,,Zeichen von

Tapferkeit und Männlichkeit", als ehrenwerte Handlung, ihr Verzicht brachte Schande

mit sich, Spott und Hohn waren die Folge - kein unbedeutender Aspekt in einer

Gesellschaft, in der die soziale Stellung fast ausschließlich auf Ruhm und Ehre

aufbaute. Unrecht und Kränkungen wurden somit als Ehrbeleidigung aufgefasst und

riefen die Reaktion hervor, durch Rache einen Ausgleich für das Leiden und die

Wiederherstellung der Ehre zu bewirken. 10

Die zunehmende Verschriftlichung und Institutionalisierung des Rechts seit dem 7.

Jh. v. Chr. bewirkte jedoch eine wachsende Reglementierung der Rache, sowohl in

der Begrenzung als auch der Formalisierung der Racheausübung. Der Rechtsweg,

der Prozess, sollte nun als legitimer Weg eingeschlagen werden, um Selbsthilfe

einzudämmen und private Forderungen nach Genugtuung an staatliche Instanzen zu

verweisen. Das Rachebedürfnis sollte demnach dem Staatsinteresse der

polis

untergeordnet und Rache nur noch mittelbar ausgeübt werden. Entscheidend ist

9 Vgl. ebd., S. 131ff.

10 Vgl. Gehrke: Die Griechen und die Rache, S. 133ff. und ders.: Rache, in: DNP 10, 2001, Sp. 745­

747.

6



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