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Bindungstheorie und Bindungsstörung

Termpaper, 2006, 24 Pages
Author: Diplom Pädagogin Mirjam Günther
Subject: Pedagogy - Pedagogic Sociology

Details

Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V133738
ISBN (E-book): 978-3-640-41565-6
ISBN (Book): 978-3-640-40584-8

Abstract

„Bindung kann definiert werden als das gefühlsmäßige Band, welches eine Person oder ein Tier zwischen sich selbst und einem bestimmten anderen knüpft – ein Band, das sie räumlich verbindet und das zeitlich andauert.“ (Ainsworth u.a. 1974, zit. n. Grossmann/Grossmann 2003, S. 243) Die Bindungstheorie ist ein ebenso faszinierendes wie weit reichendes Thema. Sie findet Beachtung und Anwendung in diversen Gebieten der Pädagogik, wie zum Beispiel in der Kleinkindforschung, in der Entwicklungspsychologie, aber auch in dem Bemühen, die Ursachen und Gründe von Störungen im Sozialverhalten von Kindern und Jungendlichen zu erkennen und zu verstehen und auch diesen entgegenzuwirken. In dieser Hausarbeit wird die Bindungstheorie in ihren Grundlagen beschreiben. Dabei wird vorrangig auf die Beiträge von John Bowlby und Mary Ainsworth als Begründer der Bindungstheorie und der Bindungsforschung Bezug genommen. Weiterhin wird besonders auf die von Mary Ainsworth entdeckten und von Mary Main erweiterten verschiedenen Bindungsmuster und deren Folgen für die Entwicklung eingegangen, sowie auf die Einflussfaktoren für die Ausbildung bestimmter Bindungsmuster. Danach werden die Bindungsstörungen bearbeitet und von unsicheren Bindungsmustern abgegrenzt. Es werden die verschiedenen Arten von Bindungsstörungen beschrieben und anschließend die Möglichkeiten bearbeitet, die sich für Pädagogik und verwandte Gebiete eröffnen. Dabei wird vor allem auf Karl Heinz Brisch Bezug genommen, der in seinem Buch „Bindungsstörungen“ sehr ausführlich und anschaulich über Bindungsstörungen und besonders über die Anwendung der Bindungstheorie in der Psychotherapie schreibt.


Excerpt (computer-generated)

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Fachbereich Erziehungswissenschaften

Wahlpflichtfach: Verhaltensgestörtenpädagogik

9. Fachsemester, DEW

HAUSARBEIT IM FACH

VERHALTENSGESTÖRTENPÄDAGOGIK

BINDUNGSTHEORIE UND BINDUNGSSTÖRUNGEN

von

Mirjam Günther

Abgabetermin: 17.10.2006


Inhaltverzeichnis

1 Einleitung 2

2

Grundlagen der Bindungstheorie 3

2.1

Die Wurzeln der Bindungstheorie 3

2.2

Grundannahmen der Bindungstheorie 3

2.2.1

Bindung und Bindungsverhalten 3

2.2.2

Merkmale von Bindungsverhalten 5

2.2.3 Innere

Arbeitsmodelle 5

2.2.4

Das Konzept der Sicheren Basis 6

3 Kategorien

von

Bindungsmustern 7

3.1 Entdeckung

der

Bindungskategorien

in der Fremden Situation 7

3.1.1 Vorüberlegungen 7

3.1.2 Die

fremde

Situation 7

3.1.3

Die 3 Hauptbindungskategorien 8

3.1.4

Ursachen und Folgen der Bindungskategorien 10

3.2

Desorganisation im Bindungsverhalten 11

3.3

Folgen von Desorganisation 13

4 Bindungsstörungen 13

4.1 Theorie

der

Bindungsstörung 13

4.2

Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen im ICD-10 14

4.3

Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen nach Brisch 15

4.4

Anwendungsgebiete in der Pädagogik 18

5 Schlussbemerkungen 20

6 Literaturverzeichnis 21

1


1 Einleitung

,,Bindung kann definiert werden als das gefühlsmäßige Band, welches eine Person oder ein

Tier zwischen sich selbst und einem bestimmten anderen knüpft ­ ein Band, das sie räumlich

verbindet und das zeitlich andauert."

(Ainsworth u.a. 1974, zit. n. Grossmann/Grossmann 2003, S. 243)

Die Bindungstheorie ist ein ebenso faszinierendes wie weit reichendes Thema. Sie findet

Beachtung und Anwendung in diversen Gebieten der Pädagogik, wie zum Beispiel in der

Kleinkindforschung, in der Entwicklungspsychologie, aber auch in dem Bemühen, die

Ursachen und Gründe von Störungen im Sozialverhalten von Kindern und Jungendlichen zu

erkennen und zu verstehen und auch diesen entgegenzuwirken.

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst die Bindungstheorie in ihren Grundlagen

beschreiben. Dabei werde ich mich vorrangig auf die Beiträge von John Bowlby und Mary

Ainsworth als Begründer der Bindungstheorie und der Bindungsforschung beziehen.

Weiterhin werde ich besonders auf die von Mary Ainsworth entdeckten und von Mary Main

erweiterten verschiedenen Bindungsmuster und deren Folgen für die Entwicklung eingehen,

sowie auf die Einflussfaktoren für die Ausbildung bestimmter Bindungsmuster.

Danach werde ich mich mit Bindungsstörungen befassen, diese von den unsicheren

Bindungsmustern abgrenzen, die verschiedenen Arten von Bindungsstörungen beschreiben

und mich anschließend zu den Möglichkeiten äußern, welche die Kenntnis über

Bindungsstörungen für die Pädagogik und verwandte Gebiete eröffnet. Hierbei beziehe ich

mich auf Karl Heinz Brisch, der in seinem Buch ,,Bindungsstörungen" sehr ausführlich und

anschaulich über Bindungsstörungen und besonders über die Anwendung der

Bindungstheorie in der Psychotherapie schreibt.

Den in der Literatur sehr häufig gebrauchten Begriff der ,,primären Bindungsperson" werde

ich im Folgenden in den meisten Fällen durch die Mutter ersetzen, um eine bessere Lesbarkeit

der Arbeit zu erreichen. Ich möchte aber dennoch darauf hinweisen, dass die primäre

Bindungsperson eines Kindes keinesfalls unbedingt die Mutter sein muss, sondern dass

durchaus auch der Vater, eine Tagesmutter oder auch eine andere Person, die viel Kontakt zu

dem Kind hat die Rolle der primären Bindungsperson einnehmen kann.

2


2 Grundlagen der Bindungstheorie

2.1 Die Wurzeln der Bindungstheorie

Die Bindungstheorie wurde Mitte des 20.Jahrhunderts von John Bowlby und Mary

Ainsworth entwickelt, wobei Bowlbys Beiträge dazu eher die tatsächliche Theorie betrafen

und Ainsworth, die erst später seinem Team betrat, mit ihren Forschungen versuchte,

Bowlbys Theorie zu belegen und zu beweisen.

Als Kinderpsychiater und Psychoanalytiker entwickelte Bowlby während des Krieges ein

zunehmendes Interesse an den nachteiligen Auswirkungen von unterbrochenen und

fehlerhaften Eltern-Kind-Beziehungen und begann nach Kriegsende damit, Störungen zu

erforschen, die aus einer längeren Mutter-Kind-Trennung resultierten. Mit seinem ersten

Forschungsassistenten James Robertson begann er 1948 Kinder zu beobachten, die einen

längeren Krankenhausaufenthalt vor sich hatten. Die Reaktionen auf die Trennung von den

Eltern, die er bei den Kindern beobachtete gingen über Protest, Verzweiflung, Depression bis

hin zur emotionalen Ablösung und starker Trennungsangst der Kinder (vgl.

Grossmann/Grossmann 2003, S.38/39).

Bowlby konnte sich diese Verhaltensweisen auf Grundlage der Psychoanalyse nicht zu

seiner Zufriedenheit erklären. Daher versuchte er die Psychoanalyse durch die

Verhaltensbiologie und ihre Erkenntnisse zu ergänzen, die zu dieser Zeit durch Charles

Darwin, Konrad Lorenz und H. F. Harlow große Popularität erreicht hatten. Aus der

Psychoanalyse übernahm Bowlby die große Bedeutung von frühkindlichen Erfahrungen für

seine Bindungstheorie. Durch die Arbeiten der Verhaltensbiologen inspiriert war er aber der

Ansicht, dass die Verhaltenssysteme, die ein Mensch ausbildet, sich evolutionsgeschichtlich

entwickelt haben und daher in ihrer Funktion phylogenetisch verstanden werden müssen. Es

ging also vor allem um den Überlebenswert, den bestimmte Verhaltenssysteme wie das von

ihm formulierte Bindungsverhaltenssystem haben, indem zum Beispiel die dadurch erreichte

Nähe zur Mutter gleichzeitig Schutz vor Gefahren bot. Bowlbys Bindungstheorie hat daher

also ihre Wurzeln sowohl in der Psychoanalyse, als auch in der Beobachtung von Kindern

und Praktiken der Kindererziehung und in der Verhaltensbiologie (vgl. ebd., S.30f).

2.2 Grundannahmen der Bindungstheorie

2.2.1 Bindung und Bindungsverhalten

Bowlbys Absicht war es, mit seiner Bindungstheorie die starke gefühlsmäßige Verbindung

zwischen Mutter und Kind zu untersuchen und zu erklären, die zwar auch schon die

3


Psychoanalyse erkannt hatte, die sie aber seiner Ansicht nach durch die Triebtheorie nicht

ausreichend erklären konnte. Er entwickelte daher ein komplexes bindungstheoretisches

Konzept, welches er sowohl auf seinen Kenntnissen aus der Psychoanalyse, wie auch auf

eigenen Beobachtungen und auf den Erkenntnissen der Verhaltensbiologie aufbaute. Nach

Bowlbys Konzept sind Mutter und Kind ,,Teilnehmer in einem sich wechselseitig

bedingenden und selbstregulierenden System" (Brisch 2003, S.35), wobei er die Bindung

zwischen Mutter und Kind als einen Teil dieses Systems der Beziehung darstellt. Dabei

betrachtet er Bindung als ,,ein hypothetisches Konstrukt [...], das nicht unmittelbar

beobachtet werden kann" (Grossmann/Grossmann 2003, S.33), sondern das ,,die innere

Organisation des Bindungsverhaltenssystems und der zugehörigen Gefühle" (ebd.) darstellt.

Kennzeichnend für die Bindung des Säuglings an seine Mutter ist das Bindungsverhalten,

welches vielfältige Verhaltensweisen und/oder Signale umfasst, die das Kind mit seiner

Mutter in Verbindung bringen oder halten sollen. Diese umfassen sowohl ,,aktive nähe- und

kontaktsuchende Verhaltensweisen wie Annäherung, Nachfolgen und Anklammern sowie

Signalverhalten wie Lächeln, Weinen und Rufen" (Ainsworth u.a. 1974, zit. n.

Grossmann/Grossmann 2003, S. 243). Wichtig ist dabei aber, dass das Kind nicht

ununterbrochen Bindungsverhalten zeigt, sondern dass das Bindungsverhalten nur dann

aktiviert wird, wenn das Kind allein gelassen wird oder wenn es sich in einer

Gefahrensituation befindet (vgl. Grossmann/Grossmann 2003, S.23). Auch wenn es sich dabei

nicht unbedingt um eine reale Gefahr für das Kind handeln muss, sondern entscheidend ist,

dass eine Situation von Kind als bedrohlich oder beängstigend wahrgenommen wird.

Bowlby postuliert weiterhin, dass es nicht nur das Bindungsverhaltenssystem gibt, sondern

dass der Mensch eine Vielzahl von Verhaltenssystemen ausbildet, die zum Teil miteinander

interagieren. So ist zum Beispiel das mütterliche Fürsorgesystem prä-adaptiv an das kindliche

Bindungsverhaltenssystem angepasst, während das Explorationsverhalten des Kindes sich in

der Regel mit seinem Bindungsverhalten ablöst, da die beiden Systeme eine gleichzeitige

Aktivierung ausschließen (vgl. ebd., S.85). Die Gründe dafür liegen in der Funktion dieser

Verhaltenssysteme, die evolutionsbiologisch gesehen einen bestimmten Überlebenswert für

das Individuum haben müssen. So war es zum Beispiel zur Zeit der menschlichen Evolution

die größte Gefahr für den Menschen zur Beute zu werden. Die unmittelbare Nähe des Kindes

zur Mutter, welche durch das Zusammenspiel von mütterlichem Fürsorgeverhalten und

kindlichem Bindungsverhalten erreicht wurde, stellte damit für das Kind den optimalen

Schutz vor den meisten Gefahren der Umwelt dar. Gleichzeitig führt aber das

Explorationsverhalten das Kind zunehmen von der Mutter weg, so dass es nötig ist, dass das

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