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Thesis (M.A.), 2002, 85 Pages
Author: Evelyn Overhoff
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Tags: Darstellung, Welt, Gregorius, Hartmanns
Year: 2002
Pages: 85
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19052-7
File size: 251 KB
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Excerpt (computer-generated)
Die Darstellung der höfischen Welt im
Gregorius Hartmanns von Aue
Schriftliche Hausarbeit
für die Magisterprüfung der Fakultät für Philologie
an der Ruhr-Universität Bochum
(Magisterprüfungsordnung vom 8. Dezember 1998)
vorgelegt von
Evelyn Overhoff
03. Juli 2002
Inhaltsverzeichnis
1.1 Der Gregorius - ein "toter Klassiker"? ... 1
1.2 Die höfische Welt im Gregorius ... 3
1.3 Familiäre Strukturen ... 4
1.4 Zur Vorgehensweise der Untersuchung ... 5
2.1 Der adlige Haushalt und die Verwandtschaft ... 9
2.2 Der Inzest in der mittelalterlichen Gesellschaft ... 11
2.3 Das Kloster als Familie ... 13
2.4 Die mittelalterliche Familie in der literarischen Darstellung und der literarhistorischen Forschung ... 14
3.1 Der Ödipus-Stoff ... 17
3.2 Christliche Inzestlegenden ... 18
3.2.1 Die Albanuslegende ... 18
3.2.2 Die Judas-Legende ... 19
4.1 Inhaltliche Elemente des höfischen Romans ... 21
4.2 Strukturelle Elemente des höfischen Romans ... 21
4.2.1 Dialoge und Monologe ... 22
4.2.2 Motivkorrespondenzen ... 23
4.2.3 Das Problem des Doppelwegs ... 23
4.3 Legenden-Motive ... 24
4.4 Die Stellung von Prolog und Epilog bei der Gattungszuordnung ... 26
5.1 Die Raumstruktur ... 28
5.2 Die verschiedenen Höfe ... 30
5.2.1 Aquitanien I ... 30
5.2.1.1 Der Tugendkatalog des Vaters ... 32
5.2.1.2 Aquitanien I nach der Geburt des Kindes ... 34
5.2.1.3 Bewertung des Hofes durch den Erzähler ... 35
5.2.2 Aquitanien II ... 36
5.2.3 Der Hof in Rom I ... 37
5.2.4 Der Hof in Rom unter Gregorius ... 37
5.3 Höfische Elemente ... 38
5.3.1 Schönheit ... 38
5.3.2 Die Ausbildung zum Ritter ... 41
5.3.3 Die Ritterschaft ... 43
6.1 Verwandtschaft in La vie du pape saint Grégoire ... 46
6.1.1 Aquitanien, das Kloster, der Felsen und das Papsttum ... 47
6.2 Herrschaft, Genealogie und Identität in der Adelsgesellschaft des Gregorius ... 50
6.3 Das Kloster als Familie des heranwachsenden Gregorius ... 53
6.4 Die Inzesthandlungen im Gregorius ... 56
6.4.1 Der Geschwisterinzest ... 56
6.4.2 Der Mutter-Sohn-Inzest ... 60
6.4.3 Der Inzest als Krise des Gesetzes der Unterschiede ... 62
6.4.4 Gregorius und Ödipus ... 63
6.4.5 Der doppelte Inzest (und die Verheimlichung) als Voraussetzung für die Erwählung ... 65
6.4.6 Die Situierung der Inzesthandlungen in der höfischen Welt ... 67
6.5 Die Aufhebung der Verwandtschaftsstrukturen als Voraussetzung für die Erwählung? ... 68
6.6 Die Rolle der weiblichen Hauptfigur ... 69
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Der Gregorius – ein „toter Klassiker“?
Der Gregorius Hartmanns von Aue ist vor allem seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder verstärkt in das Blickfeld und Interesse der Forschung gerückt. Hierbei ergaben sich zwei große Schwerpunkte, die die Diskussion zum Gregorius wesentlich geprägt haben.
Untersuchungsgegenstand war zunächst vor allem die Frage nach der Schuld des Protagonisten. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand das Problem, welchen Sinn die so unverhältnismäßig hart ersche inende Buße, die sich Gregorius selbst nach dem Inzest mit seiner Mutter aufe rlegt, in der Erzählung hat.
Ein weiteres Forschungsgebiet war die Frage der Gattungszugehörigkeit. Hartmanns Quelle ist eine altfranzösische Legende eines unbekannten Dichters, die er vor allem in bezug auf höfische Elemente, wie z.B. das Thema der Ritterschaft, erheblich verändert und ausgearbeitet hat. Diese offensichtliche Verlagerung des Schwerpunktes ließ nun in der Forschung die Frage nach der Gattung aufkommen, denn Hartmann hat mit seinem Gregorius ein Werk geschaffen, das sich keiner der gängigen Gattungen eindeutig zuordnen läßt. Als Gattungsbezeichnung wurde schließlich der Begriff der „höfischen Legende“ oder des „Legendenromans“ eingeführt; beide Begriffe stellen einen Kompromiß dar, erscheinen aber dennoch für das Werk – wenn man es denn unbedingt einer Gattung zuordnen muß – einigermaßen adäquat.
Jetzt scheint die Forschung zum Gregorius an einem „toten Punkt“ zu sein, denn man hat erkannt, daß sich sowohl die Schuld- als auch die Gattungsfrage nicht eindeutig klären lassen. Jedoch eröffnen sich in der germanistischen Mediävistik neue Untersuchungsfelder, die sich mit der Übernahme von Themen aus der ant hropologischen Geschichtswissenschaft ergeben.
Der Gregorius spielt sich in mehreren voneinander sehr unterschiedlichen Welten ab, die man in einem ersten Zugang entsprechend den Polen „höfisch“ und „a ußerhöfisch“ bewerten kann.
Zunächst ist dies die höfische Welt, in welcher der Inzest stattfindet, der zur Geburt des Titelhelden führt, die nächste Passage spielt auf einer Klosterinsel, auf der das ausgesetzte Findelkind aufwächst, es folgt wiederum eine Passage, die in der höfischen Welt situiert ist und in der sich Gregorius als Ritter bewährt, nach der Entdeckung des Inzests mit seiner Mutter zieht sich Gregorius zur Buße auf einen Stein außerhalb der höfischen Welt zurück, um schließlich von Gott zum Papst erwählt zu werden und am päpstlichen Hof in der höchsten für einen Menschen erreichbaren Würde zu leben.
Unter der Prämisse, daß Klosterinsel und Stein einer geistlichen Lebensform zugeordnet werden1, haben wir es mit einer Abgrenzung von höfischer und geistlicher Welt und Lebensart zu tun.
Die geistliche Komponente des Gregorius war in der Forschung immer wieder Untersuchungsgegenstand; vor allem die Frage nach der Schuld des Protagonisten und die Verhältnismäßigkeit der von ihm freiwillig gewählten Buße standen hierbei im Vordergrund. Die meisten Untersuchungen beschäftigten sich also schwerpunktmäßig mit dem theologischen Aspekt der Erzählung.2
Dagegen fand die Darstellung der höfischen Welt bisher kaum detailliert Beachtung. Bei einer Interpretation des Werkes aus einer Legendenperspektive heraus ist die Funktion der höfischen Welt einseitig strikt auf die Gefährdung des Protagonisten ausgerichtet, der dieser Gefahr nur entgehe n kann, wenn er der Welt entflieht und sich Gott zuwendet. Die höfische Welt ist also gleichbedeutend mit einem Irrweg des Helden, den dieser beschreiten muß, um schließlich den richtigen Weg, denjenigen zu Gott nämlich, zu finden. In Hartmanns Werk jedoch wird die höfische Welt nicht so einseitig dargestellt und sie wird nicht strikt abgelehnt. Es stellt sich also die Frage, warum Hartmann gerade diese Darstellung des Weltlich- Höfischen gewählt hat, die sich so deutlich von seiner Vorlage unterscheidet. Diese Arbeit will deshalb versuchen, die Art und Weise der Darstellung der höfischen Welt im Gregorius zu untersuchen.
1.2 Die höfische Welt im Gregorius
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der höfischen Welt im Gregorius Hartmanns von Aue.
[...]
1 Auf das Problem der Existenz des Protagonisten auf dem Stein und der Zuordnung dieses Lebensabschnittes zu einer bestimmten Lebensform wird unter Einbeziehung der Arbeit von Mertens zu diesem Thema noch an anderer Stelle eingegangen. Vgl.: Mertens, Volker: Gregorius Eremita. Eine Lebensform des Adels bei Hartmann von Aue in ihrer Problematik und ihrer Wandlung in der Rezeption. München 1978. Mertens untersucht den Gregorius im Hinblick auf einen gemeinsamen höfischen Verständnisrahmen von Autor und Publikum und fragt nach einem Verständnis der Legende aus der Situation des Publikums heraus. Er versucht, die adlige Lebensform des Eremiten auf die Lebenswirklichkeit von Autor und Publikum zu beziehen. Er geht hierbei sowohl bei der Quelle als auch bei dem deutschen Text von einem adligen Publikum an einem Hof aus. Den Schritt in die Buße versteht Mertens als „direkte Reaktion auf die zunehmende Beunruhigung der höfischen Gesellschaft, auch wenn die Konversionen in der Realität gerade im 12. Jahrhundert seltener geworden sind.
2 Zur Einordnung des Gregorius als Legende vgl. u.a.: Ernst, Ulrich: Der Antagonismus von vita carnalis und vita spiritualis im Gregorius Hartmanns von Aue. Versuch einer Werkdeutung im Horizont der patristischen und monastischen Tradition. In: Euphorion 72 (1978), S. 160-226 (erster Teil) und Euphorion 73 (1979), S. 1-105 (zweiter Teil), sowie: Ders.: Der Gregorius Hartmanns von Aue im Spiegel der handschriftlichen Überlieferung. Vom Nutzen der Kodikologie für die Literaturwissenschaft. In: Euphorion 90 (1996), S 1-40. Ernst liest den Gregorius in seiner dichotomischen Struktur zwischen gloria mundi und gloria dei. (Vgl.: Antagonismus von vita carnalis und vita spiritualis (Teil 1), S. 162.) Theologische Fragen stehen auch bei Kolb im Vordergrund: Kolb, Herbert: Der wuocher der riuwe. Studien zu Hartmanns Gregorius. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch NF. 23 (1982), S. 9-56.
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