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'As Tears Go By' - Genrefilm oder Frühwerk eines Individualisten?

Seminararbeit, 2009, 24 Seiten
Autor: Felix Ehlert
Fach: Filmwissenschaft

Details

Veranstaltung: Wong Kar-wai. Spiegel-Bilder des Hongkong-Kinos.
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Institut für Filmwissenschaft)
Tags: Wong Kar-wai, As Tears Go By, Hongkong-Kino, Heroic Bloodshed
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2009
Seiten: 24
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V133864
ISBN (E-Book): 978-3-640-41589-2
ISBN (Buch): 978-3-640-40847-4
Anmerkungen :



Zusammenfassung / Abstract

Das Gangsterdrama 'As Tears Go By' war der Erstlingsfilm des seit langem anerkannten Hongkonger Regisseurs Wong Kar-wai. Dennoch hat sich die zu dem Filmemacher veröffentlichte Literatur bisher wenig mit dem Film beschäftigt und die essentielle Frage zu dem Werk nur oberflächlich abgehangelt, wenn nicht gar vollständig ignoriert: Ob 'As Tears Go By' als typischer Fall des Heroic-Bloodshed-Kinos, in dessen Rahmen er angesiedelt ist, zu verstehen ist, oder ob Wong bereits hier solcherart mit den Genrekonventionen bricht, wie es ihm in seiner weiteren Karriere immer wieder bescheinigt werden sollte. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher erstmals intensiv und primär analytisch mit dieser Problematik und versucht dabei, sich nicht vom Einfluss des späteren Werks beeinflussen zu lassen, sondern mit unvoreingenommenem Blick ein Urteil zu fällen. Dies beinhaltet zunächst einen Umriss des Heroic-Bloodshed-Genres unter besonderer Beobachtung der Action-Inszenierung, wie beispielsweise David Bordwell sie beschreibt. Schließlich wird 'As Tears Go By' selbst einer ausführlichen Analyse sowohl der Inszenierung en detail als auch der narrativen Grundstruktur und der Charaktergestaltung unterzogen, um letztendlich einen Abgleich mit den zuvor aufgestellten Beobachtungen zum Genre zu ermöglichen.


Textauszug (computergeneriert)

Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Institut für Filmwissenschaft

ProSeminar: ,,Wong Kar-wai. Spiegel-Bilder des Hongkong-Kinos"

Sommersemester 2009

AS TEARS GO BY -

GENREFILM ODER

FRÜHWERK EINES INDIVIDUALISTEN?

Vorgelegt von:

Felix Ehlert

eMail: felix-ehlert@web.de

Tel.:

0160-99849858

Benotet

mit:

1,0

(sehr

gut)


Gliederung

1. Einleitung

Seite 02

2. Hongkongs Konventionen - zum Begriff des ,,Heroic Bloodshed"

Seite 03

2.1 Kriterien nach David Bordwell

Seite 03

2.2 Kriterien nach Petra Rehling

Seite 04

2.3 Untersuchung der Kriterien am Beispiel John Woos

The Killer

Seite 05

2.4 Einige weitere Beobachtungen zu John Woos Heroic Bloodshed

Seite 07

3. Analyse von

As Tears Go By

Seite 07

3.1 Die Actioninszenierung

Seite 08

3.2 Narration und Dramaturgie

Seite 14

3.3 Die Charaktere

Seite 16

4. Einordnung der Analyseergebnisse und Vergleich mit den genannten

Kriterien eines ,typischen′ Heroic-Bloodshed-Films

Seite 19

5. Fazit und Schlussbemerkungen

Seite 20

6. Literaturverzeichnis

Seite 22

1


1. Einleitung

,,Is [

As Tears Go By

] primarily another example of a generic gangster film, in the

tradition made famous by John Woo and others? Or is it an altogether new beast, an

art film from Hong Kong that bears the unmistakable imprint of an auteur interested

in moving beyond genre?"

Peter Brunette,

Tears, Time, and Love: The Films of Wong Kar-wai.

1

Im Laufe der letzten eineinhalb Jahrzehnte, spätestens jedoch seit seinem Erfolg mit

Happy

Together

(

Ch n gu ng zhà xiè

, 1997) und

In the Mood for Love

(

Hu yàng niánhuá

, 2000),

hat der Hongkonger Regisseur Wong Kar-wai einen Ruf als Autorenfilmer

unverwechselbaren Stils erlangt.2 Nichtsdestotrotz bleibt der Regie-Erstling des zunächst als

Drehbuchschreiber für Genreproduktionen tätigen Wong,

As Tears Go By

(

Wàngji o K mén

,

1988)3, von der (westlichen) Kritik weitgehend unbeachtet.

Dabei ist es gerade im Hinblick auf Wongs frühere Tätigkeit interessant zu fragen, inwiefern

Tears

, der sich (mindestens von der narrativen Grundstruktur her) am in den späten 1980ern

in Hongkong dominierenden Heroic Bloodshed zu orientieren scheint, den Konventionen

dieses recht stark standardisierten Genres entspricht, oder aber ob Wong bereits hier durch

den ihm so oft attestierten individuellen Stil von den Darstellungs- und Erzählstandards

abweicht.

Aus diesem Grund möchte ich mich in der vorliegenden Hausarbeit der Frage widmen, ob

Tears

, dessen Drehbuch von Wong selbst stammt, schlicht als erstmals vom Autor selbst

vorgenommene Umsetzung eines Heroic-Bloodshed-Stoffes verstanden werden kann und

darf, oder ob der Stil des Films eine anders lautende Lesart und schließlich Einschätzung

erfordert.

Hierzu werde ich zunächst ­ am Beispiel John Woos ­ versuchen herauszuarbeiten, welche

narrativen und filmischen Standards zum Zwecke der Einordnung von

Tears

für einen Heroic-

Bloodshed-Film angenommen werden sollen. Anschließend werde ich eine eingehende

Analyse zentraler Aspekte von

Tears

vornehmen, die letztendlich das Abgleichen mit den

angenommenen Kriterien ermöglichen soll.

Was ich hierbei nicht untersuchen werde ist, inwieweit

Tears

als Spiegel oder Vorläufer eines

für Wong Kar-wais Gesamtwerk festzustellenden Individualstils gesehen werden kann oder

welche Elemente eines solchen sich in

Tears

möglicherweise ankündigen. Denn gemeinhin

1 Brunette S. 3.

2 So postuliert beispielsweise Wimal Dissanayake eine ,,reputation of Wong Kar-wai as an innovative film

director" (Dissanayake, S. 1), Norbert Grob ,,Wongs ganz eigene[n], unnachahmlichen Stil" (Grob, S. 7). Für

Roman Mauer etablierten schon ,,

Chungking Express

(1994) und

Fallen Angels

(1995) [...] Wong Kar-wai

international als Autorenfilmer" (Mauer, S. 839). Die besondere Bedeutung für das Hongkong-Kino unterstreicht

David Bordwell am Beispiel der zahlreichen ,,Wong wannebes" (Bordwell 2000, S. 266f.)

3 Im Folgenden der Einfachheit halber kurz mit

Tears

bezeichnet.

2


werden häufiger die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten zwischen

Tears

und dem

Spätwerk aufgezeigt4, und auch Wong selbst, wie Brunette feststellt, ,,signaled a clear division

between this first film and what was to follow"5.

Die vorliegende Hausarbeit soll somit also keine Einordnung von

Tears

in Wongs Oeuvre,

sondern eine in den historischen und filmischen Kontext von Hongkongs Genrekino um 1988

darstellen.6

2. Hongkongs Konventionen - zum Begriff des ,,Heroic Bloodshed"

Um einen Vergleich von

As Tears Go By

und den konventionellen Filmen des Heroic

Bloodshed ­ also den (,,Heldenfilm[en]"7, den Cop- oder) Gangsterfilmen Hongkongs in den

1980ern und 90ern ­ zu ermöglichen, sei an dieser Stelle ein kurzer Versuch vorgenommen,

zentrale Kriterien für eben diese stilprägenden Konventionen festzulegen.8

2.1 Kriterien nach David Bordwell

Für David Bordwell liegt ein hauptsächlicher Unterschied zum Hollywood-Kino, und somit

eine Haupteigenheit des Hongkong-Action-Kinos, zu dem er neben Kungfu-Filmen auch den

Heroic Bloodshed zählt, in der charakteristischen Darstellung von Action und Gewalt.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Lesbarkeit der Einstellungen sowie der Geschehnisse, die

vor der Kamera stattfinden. Der Hollywood-Tradition, Actionszenen durch schnelle Schnitte

und eine ständig bewegte Kamera zwar zu dynamisieren, gleichzeitig aber eventuelle

choreographische oder artistische Mängel durch die so evozierte Undeutlichkeit (bis hin zur

Unkenntlichkeit) sowie durch exzessiven Einsatz von Special Effects auszugleichen9, stellt er

das Prinzip des Hongkong-Kinos entgegen, jede Einstellung ,,readable at a glance"10 zu

4 Vgl. Teo 2005, S. 17: ,,

As Tears Go By

would at first seem to be [...] suggesting none of the mystery to come,

and offering only minimal signs of the director′s style." Gleichzeitig weist Teo allerdings darauf hin, dass ,,the

film suggests an awareness of the nature of the Hong Kong cinema that Wong actively sought to counteract in

his subsequent works" ­ einen Stil, der sich vom Genremuster des Heroic Bloodshed absetzt, erkennt er also.

5 Brunette, S. 5.

6 Der große Erfolg des Films ­ bis heute der in Hongkong finanziell ertragreichste Film Wong Kar-wais, der

besonders aber durch die gute Resonanz in Korea und Taiwan Aufsehen erregte (vgl. Brunette, S. 16) ­

rechtfertigt dieses Vorgehen sicherlich in Anbetracht der Tatsache, dass gerade Genreproduktionen herkömmlich

die stärksten ,Publikumsmagneten′ darstellen, während Autorenfilme oftmals finanziell weniger Erfolg haben

(vgl. dazu z.B. Bordwell 2001, S. 73f.).


7 Rehling, S. 71. Hierbei impliziert Rehling jedoch schon die evozierte Identifizierung des Publikums mit dem,

eben oft aus dem Gangster-Milieu stammenden, zumindest aber meist nicht untadeligen, Protagonisten.

8 Eine Geschichte des Genres oder des Begriffs würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, ohne zur weiteren

Erhellung beizutragen, und wird daher ausgelassen. Ich verwende den Begriff ,Heroic Bloodshed′ an dieser

Stelle ­ obschon er in der Fachliteratur zum Hongkong-Kino nicht durchgehend gebraucht wird und nur

eingeschränkt als allgemein gültig betrachtet werden darf ­, da sowohl David Bordwell als auch Petra Rehling,

auf die ich mich im Folgenden hauptsächlich stützen werde, diesen Terminus benutzen.

9 Vgl. Bordwell 2001, S. 74ff.

10 Ebd., S. 78.

3


gestalten und dem Publikum ,,an unobstructed view of the action"11 zu präsentieren. Auf diese

Weise solle die darstellerische Leistung des ­ im Kungfu-Film kampfsportlich höchst

professionell ausgebildeten, im Gangster-Film immerhin durch Körpereinsatz und Stunts

beanspruchten ­ Schauspielers gezeigt werden; zudem werde ,,the concreteness and clarity of

each gesture"12 emphatisiert. Hieraus wiederum lassen sich mit Bordwell drei damit

interagierende Eigenheiten ableiten.

Zunächst müssen die Handlungsorte dergestalt sein, dass der freie Blick auf die Action

uneingeschränkt möglich ist; dafür bieten sich außerstädtische Szenarien wie Lichtungen oder

freie, ebene Flächen genauso an wie im Innerstädtischen leere Straßen oder große,

hindernislose Innenräume.

Weiterhin wird ein deutlicher Fokus auf den Körper und die Körperlichkeit aufgebaut, der mit

durchgehend aufrecht erhaltener Körperspannung und ,,a dynamic of forces at work on the

entire body"13 einhergehe.

Als dritten Punkt erkennt Bordwell ein ,,pause-burst-pause pattern"14, bei dem ein klarer

Rhythmus von Handlungen entstehe, die durch Pausen ­ und sei es für den Bruchteil einer

Sekunde ­ voneinander getrennt und gegliedert werden.

Ein weiterer Unterschied zur Hollywood-Action liege zudem in der Montagetechnik des

Heroic Bloodshed: Dort werde, wieder eine Klarheit verhindernd, nach dem Prinzip ,,never

complete an action"15

in

den Bewegungen (z.B. eines Kampfes, eines Stunts o.ä.) geschnitten,

wobei der eigentliche Höhepunkt (Einschlagen der Kugel, Aufprall des Stürzenden o.ä.)

ausgespart wird und im Kopf des Zuschauers ergänzt werden muss; hier dagegen (d.h. im

Heroic Bloodshed) werde der Schnitt stets

nach

der Handlung gesetzt, sodass diese erst ­ für

das Publikum deutlich erkennbar ­ vollendet werden könne, also auch nachvollziehbar

genau

so

vor der Kamera ausagiert wurde.

Die Kombination dieser Techniken schließlich, weiterhin verstärkt durch die Lesbarkeit

vereinfachende Stilmittel wie überzeichnende Toneffekte16, Slow Motion oder Zooms17,

kreiere ein ,,multi-accentual system"18, welches ,,selects and exaggerates for a precise

effect"19 und so einen deutlich direkteren und intensiveren Eindruck von der präsentierten

Handlung und Gewalt vermittle.

11 Ebd., S. 79.

12 Ebd., S. 78.

13 Ebd., S. 80.

14 Ebd., S. 80.

15 Ebd., S. 74.

16 Vgl. ebd., S. 89.

17 Vgl. ebd., S. 79.

18 Ebd., S. 89.

19 Ebd., S. 86.

4



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