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Master Thesis, 2009, 59 Pages
Author: Dipl. Sozialpädagoge Andreas Heift
Subject: Health Science
Details
Tags: Schmerzpatienten, Chronischer Schmerz, Versorgungsforschung, Schmerztherapie, Public Health, Hausartz
Year: 2009
Pages: 59
Grade: 2,5
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-41661-5
ISBN (Book): 978-3-640-41127-6
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Abstract
Eine entscheidende Rolle für die Optimierung der Versorgungsabläufe für Schmerzpatienten spielen die ÄrzteInnen der Primärversorgung. Neben der Notwendigkeit einer primär qualitativ hochwertigen Schmerztherapie durch die Hausärzte ist von großer Wichtigkeit, dass Patienten mit Schmerzen frühzeitig in spezielle Schmerzeinrichtungen überwiesen werden. Die Charité hat in Untersuchungen festgestellt, dass viele der Patienten die in speziellen Schmerzzentren kommen zufällig, oder aufgrund eigener Recherchen den Weg dorthin gefunden haben. In der Magisterarbeit soll die ärztliche Einstellung in Bezug auf spezielle Schmerztherapien untersucht werden. Methodik Aufbauend auf die Projektarbeit, die an der Charité – Universitätsmedizin, AG Versorgungsanalyse chronische Schmerzen erbracht wurde, werden die 10 geführten leitfadengestützten Experteninterviews qualitativ nach Meuser/Nagel bzw. Gläser/Laudel analysiert. Der Leitfaden bestand aus 10 Hauptfragen, die bei Bedarf durch Zusatzfragen ergänzt werden konnten. Für die Befragung wurden ÄrzteInnen per Zufallsstichprobe aus der KV-Datenbank ausgewählt, wobei auf eine Gleichverteilung von männlichen und weiblichen Ärzten und des Bezirkes der Praxis geachtet wurde. Ferner mussten die ÄrzteInnen in ihrer Praxis eine hausärztliche Versorgung anbieten. Dies konnten daher Allgemeinmediziner, wie auch Fachärzte mit hausärztlicher Versorgung sein. Public Health Relevanz Die Bemühungen um eine Verbesserung der Versorgungswege von chronischen Schmerzpatienten sind von großer Bedeutung. Wenn identifizierte Defizite im Verlauf des Versorgungsprozesses vermieden werden können, können auf diesem Sektor erhebliche Kosten eingespart werden. Therapeutische Unwirksamkeiten durch alternative Verfahren, Fehldiagnosen, unnütze Operationen und fragwürdige Langzeitbehandlungen können ebenfalls vermieden werden. Chronifizierungsabläufe werden aufgehalten oder unterbrochen und der Schmerzkranke erlebt eine erfolgreiche Schmerztherapie, was zur Stärkung seiner Lebensqualität beitragen kann. Der Zusammenarbeit zwischen der Versorgungsforschung und den Krankenkassen in der Entwicklung von versorgungsrelevanten Fragestellungen und der Gewinnung wissenschaftlich fundierter Ergebnisse kommt in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen im Gesundheitssystem eine zunehmend größere Bedeutung zu. Insbesondere im Bereich von Schmerzerkrankungen sind versorgungsbezogene Forschungsprojekte bislang deutlich unterrepräsentiert.
Excerpt (computer-generated)
Magisterarbeit
Analyse der Zusammenarbeit von ÄrztenInnen der
Primärversorgung mit ÄrztenInnen in speziellen
schmerztherapeutischen Einrichtungen bei der
Behandlung von chronischen Schmerzpatienten
Im Rahmen des Aufbaustudiengangs ,,Public Health"
an der Technischen Universität Berlin
Berlin, März 2009
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Public Health Relevanz
3
2. Theoretischer Hintergrund
6
2.1 Chronische Schmerzen
7
2.2 Schmerzversorgung in Deutschland
11
3. Epidemiologie und Versorgungsforschung bei chronischen
Schmerzen
3.1 Stand der Literatur vor 2003
15
3.2 Stand der Literatur 2003 bis 2008
19
4. Ziele der Arbeit und Forschungsfragen
26
5. Methodik
27
5.1 Das leitfadengestützte Experteninterview und die qualitative
Auswertung
27
5.2 Auswahl der Interviewpartner und Durchführung der
Interviews
29
6. Ergebnisse der leitfadengestützten Experteninterviews
32
7. Diskussion und Ausblick
48
Literaturverzeichnis
53
Anhang
57
2
R52.2; ICD10 Code: Chronischer Schmerzpatient
1. Einleitung und Public Health Relevanz
Für die deutsche Gesundheitsökonomie gab die Bundesregierung 2003
auf eine kleine Anfrage der FDP an, dass Schmerzerkrankungen der
Volkswirtschaft jährliche Kosten in Höhe von 20,5 bis 28,7 Milliarden
Euro verursachten (Drucksache 2003), wobei es sich hier nur um die
direkten Kosten handelt und die indirekten, sowie intangiblen Kosten.
Erst langsam werden in Deutschland repräsentative aussagekräftige
Studien entwickelt, die wissenschaftlich gesicherte Aussage über die
Häufigkeit, Dauer und Intensität von Symptomen, Ursachen und Folgen
ermöglichen. Die daraus zu entwickelnden Statistiken sind aber ein
notwendiges Desiderat für die effiziente und effektive Entwicklung von
Bedarfsplanungen. Zwar gab es seit Mitte der 80er Jahre immer wieder
Initiativen diesem Mangel Abhilfe zu schaffen, doch bis heute klafft
immer noch eine erhebliche Datenlücke. Diese konnte auch nicht durch
von Mundipharma in Auftrag gegebene europäische Studie
(einschließlich Israel) «Pain in Europe» geschlossen werden. Die in
Analogie zu einer vorher für die USA durchgeführten Studie, versuchte
in einer ersten Phase die Zahl der an chronischen Schmerzen
leidenden Personen in der Bevölkerung zu ermitteln und in einer
zweiten Phase Tiefeninterviews mit den Betroffenen durchzuführen. Die
Studie «Pain in Europe» (von den Autoren Breivik et al.) ist die bislang
grösste und tiefstgehende Studie über chronische Schmerzen in
Europa.
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass nur 23% der Befragten bei
einem Schmerzspezialisten waren und weniger als 10% angeben mit
Schmerztabellen untersucht worden zu sein.
3
Etwa ein Drittel war der Überzeugung ihr behandelnder Arzt wäre nicht
in der Lage eine Schmerzkontrolle durchzuführen und ein Viertel gaben
an, ihr Arzt hätte sich intensiv mit ihren Schmerzsymptomen
beschäftigt.
Dem gegenüber stehen die Aussagen von zweidrittel der Befragten, die
zufrieden bzw. höchst zufrieden mit der Behandlung ihres Schmerzes
waren. Auffällig ist dabei die Angabe, dass gut 70% der Befragten
angaben, sich beim Hausarzt in Behandlung zu befinden. Zudem gab
die Hälfte der Schmerzpatienten an, dass sie bis zu 3-mal in den letzten
Monaten den Arzt aufsuchten.
Die etwas überraschend hohe Zahl der Schmerzbehandlungen durch
den Hausarzt korrespondiert mit Ergebnissen einer an der Charité
intern durchgeführten Untersuchung. Viele Patienten gaben an nur
durch Zufall in die speziellen Schmerzzentren gekommen zu sein, oder
aufgrund ihrer Eigeninitiative (z. B. durch Internet-Recherchen) den
Weg dorthin gefunden zu haben. In den wenigsten Fällen aber durch
eine Überweisung durch den Hausarzt.
Der summarische Überblick zeigt, dass wesentliche Defizite aus den
Strukturen und Formen der Versorgungsabläufe resultieren. Eine
Schlüsselposition zur Behebung, so soll in dieser Arbeit argumentiert
werden, kommt dabei dem Hausarzt zu. Neben der Notwendigkeit einer
primär qualitativ hochwertigen Schmerztherapie durch die Hausärzte
erscheint es als sinnvoll und notwendig, dass Patienten mit Schmerzen
frühzeitig in spezielle Schmerzeinrichtungen überwiesen werden.
Strukturelle und formelle Änderung der Abläufe und Versorgung können
maßgeblich sein für eine nachhaltige Entwicklung von effizienten und
effektiven Versorgung von chronischen Schmerzpatienten. Durch
identifizierte Defizite im Verlauf des Versorgungsprozesses könnten auf
diesem Sektor erhebliche Kosten eingespart werden.
4
Therapeutische Unwirksamkeiten durch alternative Verfahren,
Fehldiagnosen, unnütze Operationen und fragwürdige
Langzeitbehandlungen zur Entlastung der Gesundheitskassen und des
Patienten könnten vermieden werden. Nicht zuletzt wäre ein positiver
Effekt auf Chronifizierungsabläufe zu erwarten, die aufgehalten oder
unterbrochen werden könnten. Dadurch könnte maßgeblich zur
Verbesserung und positiven Wahrnehmung der Lebensqualität der
Schmerzkranken beitragen werden und die Schmerztherapie nicht nur
aus medizinischer, sondern auch aus der Sicht des Patienten als
erfolgreich qualifiziert werden.
Doch aus gesundheitsökonomischer Sicht wäre noch mehr auf die
Verzahnung von Versorgungsforschung und den Krankenkassen bei
der Entwicklung von versorgungsrelevanten Fragestellungen und der
Gewinnung wissenschaftlich fundierter Ergebnisse hinzuarbeiten, um
so der Kostenexplosion bei immer knapper werdender Ressourcen im
Gesundheitssystem entgegen zu treten. Insbesondere im Bereich von
Schmerzerkrankungen
wären
versorgungsbezogene
Forschungsprojekte notwendig, um Maßnahmen und Strukturen der
Effektivitäts- und Effizienzsteigerung zu entwickeln und erfolgreich zu
implementieren.
In dieser Magisterarbeit soll die ärztliche Einstellung in Bezug auf
spezielle Schmerztherapien und die Spezielle schmerztherapeutische
Einrichtung (SsE) untersucht werden.
Um dieser Fragestellung nachzugehen, wurden leitfadengestützte
Interviews mit Hausärzten und Ärztinnen geführt und qualitativ
ausgewertet.
Im ersten Teil der Arbeit wird der theoretische Hintergrund zum
Schmerz und insbesondere zum chronischen Schmerz beschrieben.
Darauf aufbauend wird die Schmerzversorgung in Deutschland gezeigt,
sowie die verschiedenen Arten von Schmerzeinrichtungen.
5
Im zweiten Teil wird die Epidemiologie und Versorgungsforschung bei
chronischen Schmerzen behandelt und durch Literaturrecherche belegt,
bevor im dritten Teil das leitfadengestützte Experteninterview und die
qualitative Auswertung erfolgt.
2. Theoretischer Hintergrund
Die International Association for the Study of Pain definiert Schmerz
folgendermaßen:
,,Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit
tatsächlicher oder drohender Gewebeschädigung einhergeht oder von
betroffenen Personen so beschrieben wird, als wäre eine solche
Gewebeschädigung die Ursache."
Die gegebene Definition umfasst dabei sowohl das akute als auch ein
chronisches Schmerzphänomen. Akute Schmerzen dauern nur eine
gewisse Zeit an und sollen den Körper vor Schäden und Überlastung
schützen; sie haben also eine Signal- und Schutzfunktion. Hingegen
halten Chronische Schmerzen im Gegensatz dazu über lange Zeit an
und haben ihre Signalfunktion verloren.
Manchmal hängen chronische Schmerzen gar nicht mehr mit der
zugrunde liegenden Krankheit, wie der Spannungskopfschmerz,
zusammen. Ähnlich verhält es sich mit chronischen Rückenschmerzen,
die keine schwerwiegende organische Ursache haben. So kann z. B.
ein Bandscheibenvorfall oder ein Hexenschuss bereits behoben sein;
die Schmerzen halten aber weiter an.
6
Im Folgenden sollen in Grundzügen die Charakteristika von
chronischen Schmerzen zur Darstellung kommen, da hier nur die Frage
der Versorgungsabläufe in Bezug auf chronische Schmerzpatienten
dargestellt werden sollen. In einem zweiten Teil sollen die
organisatorischen und strukturellen Momente der Schmerzversorgung
in Deutschland thematisiert werden. Ziel dieses Abschnittes soll sein,
die Hintergründe, Grundlagen und Ausgangslage im Hinblick auf
Interviewsituation zu verdeutlichen bzw. eine vorläufige
Kontextualisierung zu gewinnen.
2.1 Chronische Schmerzen
Als ,,chronisch" werden Schmerzen bezeichnet, wenn sie länger als ein
halbes Jahr andauern und unabhängig von der Ursache eine wichtige
Bedeutung im Alltag eines Menschen haben. Sie können sich zu einer
eigenständigen Schmerzkrankheit manifestieren, bei der neben
physiologischen
Effekten
psychosomatische
und
verhaltenspsychologische Mechanismen eine besondere Rolle spielen.
Chronische Schmerzen sind zu unterscheiden von neu aufgetretenen
Schmerzen (Akutschmerzen). Im Gegensatz zu chronischen
Schmerzen stellen Akutschmerzen keine eigenständige Erkrankung
dar. Ihr Auftreten ist stets ein Warnsignal, das dem Schutz des
Individuums vor äußeren (z. B. Wunde, Verbrennung) oder inneren
Schäden (z. B. Magengeschwür, Herzinfarkt) dient. Diese
Akutschmerzen können in der Regel durch die Behandlung der
Schmerzursache therapiert werden.
7
Bei der Behandlung von Schmerzen ohne akute Ursache (z. B.
unspezifische Rückenschmerzen) sollte von Anfang an versucht
werden, eine Chronifizierung zu vermeiden. Die Behandlung
chronischer Schmerzen erfordert ein besonderes Vorgehen, welches
als ,,spezielle Schmerztherapie" bezeichnet wird und eine
interdisziplinäre Herangehensweise erforderlich macht.
In der Gruppe der chronischen Schmerzen gehören immer
wiederkehrende oder ständig vorhandene Kopf-, Nacken-, Rücken-
oder auch Nervenschmerzen. Sie können nach der Ausbildung eines
,,Schmerzgedächtnisses" zur eigenständigen Schmerzkrankheit führen,
bei der neben körperlichen Störungen auch Veränderungen im
psychosozialen Bereich eine Rolle spielen. Im ungünstigen Fall hat der
Schmerz massiven Einfluss auf die soziale Situation der Patienten und
dominiert ihr Leben. Starke Schmerzen über längere Zeit können einen
,,Lernprozess" in Gang setzen und das Nervensystem für Schmerzreize
sensibilisieren. Schließlich können schon geringste Reize Schmerzen
auslösen und sogar dann empfunden werden, wenn deren Ursachen
keine Rol e mehr spielen; eine Chronifizierung ist eingetreten.
Da chronische Schmerzen als bio-psycho-soziale Erkrankung
anzusehen sind, sind Behandlungen, die sich nur den körperlichen
Symptomen widmen, nicht ausreichend.
Häufig begleitet die Patienten auch eine unnötige und
kostenaufwendige apparative Diagnostik, während die
psychotherapeutische Behandlung vernachlässigt wird. Eine Befragung
von 900 Patienten in Facharztpraxen ergab, dass von den Patienten mit
chronischen Schmerzen nur 5% eine Psychotherapie erhalten hatten
und weniger als 1% der Patienten mit chronischen Schmerzen in eine
Schmerzklinik überwiesen worden waren (Statistisches Bundesamt
2002). Bis Patienten mit chronischen Schmerzen den Weg in eine
Schmerzambulanzen oder eine Schmerzpraxis finden, vergehen oft
viele Jahre, in denen sie eine Vielzahl, meist erfolgloser Behandlungen,
erhalten.
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