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Das Dao Dejing als politische Theorie

Textbook, 2009, 23 Pages
Author: Dr. phil. Andreas Heuer
Subject: Philosophy - Philosophy Beyond Occidental Tradition

Details

Category: Textbook
Year: 2009
Pages: 23
Grade: keine Note
Language: German
Archive No.: V134645
ISBN (E-book): 978-3-640-42135-0
ISBN (Book): 978-3-640-42147-3
Notes :
Die vorliegende Schrift deutet das Dao Dejing als eine umfassende politische Philosophie. Damit setzt sie den Schwerpunkt auf eine gegenwartsorinetierte Interpretation bei gleichzeitiger Verortung des Textes in den historischen Kontext seiner Entstehungszeit.


Abstract

Das Dàodé jīng ist eines der wichtigsten Bücher der chinesischen Philosophie und ist einer der zentralen Texte des Daoismus, der neben dem Konfuzianismus die wichtigste Geistesströmung der chinesischen Geschichte ist und in seinem Verlauf sehr unterschiedliche Auslegungen gefunden hat. Dies hängt mit den historischen Umständen zusammen. Zu Beginn, in der Zeit vom 5.-3. J. v. Chr. wurde der Daoismus primär als eine politische Alternative zum Konfuzianismus gesehen und ist in dieser Zeit im Kern eine politische Philosophie. Seit dem 2. J. v. Chr. als sich der Konfuzianismus als staatliche Herrschaftsideologie durchsetzt, verschmilzt der Daoismus mehr und mehr mit volksreligiösen Vorstellungen. Während der Konfuzianismus als Lehre der Herrscher, Beamten und Gelehrten angesehen wurde, wurden in den Daoismus die verschiedensten volkstümlichen Vorstellungen integriert. Dies ist eine Folge der Nichtverwirklichung daoistischer Politik und der einseitigen konfuzianischen Moralisierung aller Lebensbereiche, der abseits von Herrschaft und öffentlicher Ordnung das Ideal einer sich selbst verwirklichenden Natur gegenübergestellt wurde. Natur war bzw. wurde zu einer Metapher für alles, was nicht durch Einordnung und Zwang erreichbar war. In dieser kleinen Schrift wird das Dàodé jīng als eine politische Philosophie vorgestellt. Es geht nicht um die Darstellung des Daoismus in der chinesischen Kulturgeschichte, sondern um die politische Philosophie des Dàodé Dejing.


Excerpt (computer-generated)

Das Dàodé jng

: Elemente einer politischen Philosophie

Inhaltsverzeichnis:

1. Historischer Hintergrund 2

2. Einleitende Gedanken über das

Dàodé jng

6

3. Das

Dàodé jng

als politische Philosophie 7

3.1 Entstehung einer politischen Ordnung 8

3.2 Herrschaft bzw. Herrschaftsausübung und ihre Legitimation 12

3.3 Ökonomie 17

3.4 Ökologie 19

4. Schlussbetrachtungen 20

Literaturverzeichnis: 21


Das

Dàodé jng

ist eines der wichtigsten Bücher der chinesischen Philosophie. Der heute im

Chinesischen benutzte Ausdruck für Philosophie ist Zhexue und bedeutet wörtlich übersetzt

Weisheitslehre. Ein anderes kaum verwendetes Wort ist sixiang, was am Besten mit

,,Denken" wiedergegeben werden kann. Andere Wörter, die den Begriff Philosophie

ausdrücken sollten, waren Daoshu (Kunst des Weges), Xuanxue (Lehre des Dunkeln) oder

Lixue (Lehre des Prinzips).1 Die Schwierigkeiten in der Übertragung des Wortes Philosophie

ist ein Hinweis auf die von Anfang an andere Kontextualisierung ,philosophischer′ Gedanken

in China. Diese findet sich in den historischen Umständen in der Zeit vom 5.-2.J.v. Chr., in

dem die grundlegenden Gedankengebäude des chinesischen Denkens errichtet worden sind:

Konfuzianismus, Daoismus und Legalismus. Im Gegensatz zur europäischen Philosophie,

insbesondere den Ursprüngen bei Platon und Aristoteles, interessierten sich die chinesischen

Denker sehr viel mehr für praktische Fragen. Anhand des Dào, des Weges, das auch mit dem

Wort Methode wiedergegeben werden kann, ging es um das Erfassen des richtigen bzw.

angemessenen Verhaltens im jeweiligen Moment und weniger wie bei Platon um Fragen der

ewigen Wahrheit. Während Platon den Gegensatz von sinnlicher Wahrnehmung und ewigen

Ideen formulierte, Aristoteles sich fragte, woraus sich die Welt zusammensetzt, dachten die

chinesischen Denker über das Erfassen des Augenblicks, das Erkennen einer Situation und

das sich Einlassen auf diese Situation.2 Ein weiterer grundlegender Unterschied war die

Diesseitigkeit der chinesischen Denker. Die oben genannten drei Grundströmungen der

chinesischen Philosophie kennen keine Metaphysik. Ihr Denken ist auf die diesseitige

Ordnung und die dauerhafte Gründung einer politischen Gemeinschaft gerichtet.

Der Daoismus ist neben dem Konfuzianismus die wichtigste Geistesströmung der

chinesischen Geschichte und hat in seinem Verlauf sehr unterschiedliche Auslegungen

gefunden. Dies hängt mit den historischen Umständen zusammen. Zu Beginn, in der Zeit vom

5.-3. J. v. Chr. wurde der Daoismus primär als eine politische Alternative zum

Konfuzianismus gesehen und ist in dieser Zeit im Kern eine politische Philosophie. Seit dem

2. J. v. Chr. als sich der Konfuzianismus als staatliche Herrschaftsideologie durchsetzt,

verschmilzt der Daoismus mehr und mehr mit volksreligiösen Vorstellungen. Während der

Konfuzianismus als Lehre der Herrscher, Beamten und Gelehrten angesehen wurde, wurden

in den Daoismus die verschiedensten volkstümlichen Vorstellungen integriert. Dies ist eine

Folge der Nichtverwirklichung daoistischer Politik und der einseitigen konfuzianischen

Moralisierung aller Lebensbereiche, der abseits von Herrschaft und öffentlicher Ordnung das

1 Bauer, 2001. S.18.

2 Van Ess, 2008, S.112f.

1


Ideal einer sich selbst verwirklichenden Natur gegenübergestellt wurde. Natur war bzw.

wurde zu einer Metapher für alles, was nicht durch Einordnung und Zwang erreichbar war.

In dieser kleinen Schrift werde ich das

Dàodé jng

als eine politische Philosophie vorstellen.

Mich interessieren also nicht die Entwicklungen des Daoismus in der chinesischen

Kulturgeschichte, sondern die politische Philosophie des

Dàodé jng

.

1. Historischer Hintergrund

In der chinesischen Geschichte wird die Zeit von 770 ­ 221 v. Chr. als ,,Frühlings- und

Herbstzeit" und ,,Zeit der Streitenden Reiche" bezeichnet. Im Jahr 770 v. Chr. verlegte König

Ping der Westlichen Zhou-Dynastie das Zentrum der Macht ostwärts nach Luoyi (heute

Luoyang, Provinz Henan) und es begann die in der Geschichte als Östliche Zhou-Dynastie

bekannte Epoche, die in zwei Perioden eingeteilt wird: die Frühlings- und Herbstzeit (770 ­

476 v. Chr.) und die Zeit der Streitenden Reiche (475 ­ 221 v. Chr.).3

Für den Nichtkenner der chinesischen Geschichte ist es wichtig zu wissen, dass die erste

Gründung eines Einheitsstaates erst im Jahr 221 v. Chr. durch den legendären Kaiser Qin

Shihuangdi erfolgte. Er führte den Kaisertitel Huangdi ein und begann mit einer

Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, der Geldwährung und der Schrift. Bis zum Jahr

221 v. Chr. gibt es kein einheitliches chinesisches Reich. Während der Westlichen Zhou-

Dynastie soll es bis zu 1800 kleinere und größere Staaten gegeben haben, die nach der

Verlagerung der Hauptstadt der Zhou in den Osten nach und nach annektiert wurden, so dass

die Zahl der Staaten während der Frühlings- und Herbstzeit auf etwa 140 zurückging. Dieser

Prozess setzte sich während der Zeit der Streitenden Reiche weiter fort. Es begann eine

Entwicklung der Zentralisierung größerer rivalisierender Staaten. Die wichtigsten unter ihnen

waren die der Qi, Jin, Chu, Qin, Lu, Zheng, Song, Wei, Chen, Cai, Wu und Yue. Im Jahr 594

v. Chr. wurde im Staat Lu ein Steuergesetz erlassen und es wurde zum ersten Mal eine

Bodensteuer erhoben. Staatliches Grundeigentum wurde durch ein feudales System des

Privateigentums an Grund und Boden ersetzt. Unterdessen setzten sich die kriegerischen

Auseinadersetzungen zwischen den Staaten bzw. Fürstentümern fort. Dem Fürstentum Qi

gelang es als erstes unter der Führung von Herzog Huan, eine führende Rolle unter den sich

streitenden Reichen einzunehmen. Er förderte die Münzenprägung, Verwaltung, die

Produktion von Salz und Eisen sowie die Abschaffung der Zölle und Marktsteuern, wodurch

Handel, Handwerk und Landwirtschaft prosperierten. Das Fürstentum Qi stieg zum

mächtigsten Staat auf und unter der Losung ,,Leistet den Barbaren Widerstand und bleibt dem

König der Zhou treu", forderte Herzog Huan 651 v. Chr. zum Kampf gegen das Di-Volk und

das Rong-Volk auf. Nach seinem Tod übernahm der Herzog Wen des Fürstentums Jin dessen

Hegemonialstellung. Auch er stärkte Armee und Verwaltung. 632 bildeten er mit den

Fürstentümern Qin und Qi ein Bündnis, um das Fürstentum Song zu retten. Gemeinsam

besiegten sie das Fürstentum Song. Nach diesem Sieg berief er eine Sitzung nach Chengpu

(heute Kreis Pu, Provinz Henan) ein, wo er als Oberherr über die Zentralebenen anerkannt

wurde. Nach dessen Tod erlosch die Freundschaft zwischen Jin und Qin, es kam zu

jahrelangen Kriegen und die Vormachtstellung der Jin ging verloren. Den Chu gelang es in

der Folgezeit, am Oberlauf des Yangtse ihre Machtstellung auszubauen. Unter König Zhuang

wurde Jin besiegt und Chu übernahm die Oberherrschaft auf den Zentralebenen. Derweil

entwickelte sich am Unterlauf des Yangtse mit dem Staat Wu eine neue Macht. Nach Siegen

gegen die Fürstentümer Yue und Qi forderte es in langen kriegerischen

Auseinandersetzungen das Fürstentum Jin heraus. In der Zwischenzeit erholte sich das

Fürstentum Yue und besiegte schließlich das Fürstentum Chu. In diesen Kriegen zeigte sich,

dass die Entwicklungen zu größeren Staaten zwar immer wieder unterbrochen, aber

3 Dai, 2003, S.18.

2


letztendlich nicht gestoppt werden konnte.4 Es entstanden zuerst Dutzende von Kleinstaaten

bis schließlich sieben größere Staaten (Fürstentümer) übrigblieben: Qin, Chu, Yan, Qi, Han,

Zhao und Wei. Das Streben nach Macht und Vergrößerung des Territoriums durch

Einverleibung anderer Fürstentümer setzte sich fort.

Es begann ein Prozess staatlicher Zentralisierung, eine Zunahme des Handwerks und der

Geldwirtschaft und ein Nachdenken über die Begründung politischer Macht. Mit der

zunehmenden Zentralisierung verlagerte sich das Gewicht politischer Legitimation zusehends

auf die politische Funktion des Herrschers. Wechselnde Allianzen der streitenden Reiche

führten vor Augen, dass Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen eine Gefahr für die

Prosperität der rivalisierenden Reiche war. Durch die Einführung metallener Münzen wurden

Handwerk und Handel vorangetrieben. Die landwirtschaftliche Produktion hatte durch die

Privatisierungen zugenommen. In den gebildeten Schichten machte sich ein

Rationalisierungsschub bemerkbar. Der Titel Shangdi, mit dem ein persönlicher Himmelsgott

bezeichnet worden war, wurde durch den unpersönlicheren Begriff des tian (Himmel) ersetzt.

Die Welt der Götter wurde von der Welt der Menschen und Ahnen getrennt. Das Prinzip des

Himmels als einer unpersönlichen Macht wurde zum letzten Erklärungsgrund natürlicher und

politischer Katastrophen. Die Welt stellte man sich zunehmend als eine Quadratur vor, in

deren Zentrum der Kaiser herrschte, umgeben von Randvölkern und Barbaren, die in

konzentrischen angeordneten Bereichen um die Mitte des Kaisersitzes angeordnet waren.5

Die ganze Periode seit 770 v. Chr. ist neben den politischen, ökonomischen und

gesellschaftlichen Veränderungen durch zunehmende geistige Auseinandersetzungen

gekennzeichnet. Das Ringen der einzelnen Fürstentümer um Vorherrschaft brachte auch eine

Verbreitung der verschiedenen Kulturen, die in Kontakt miteinander traten. Herrschaft

bedurfte einer neuen Legitimation. In China wird die Zeit der Streitenden Reiche mit dem

Wetteifer hunderter Schulen in Verbindung gebracht. Neben den sich dann entwickelnden

Hauptströmungen des chinesischen Denkens, Konfuzianismus, Daoismus, Legalismus

entstanden andere Schulen wie der Mohismus, Yin-Yang-Schule, die Schulen der Logiker,

Strategen, Agronomen sowie Ekletiker. Zentrale Frage war, wie Herrschaft und Ordnung

angemessen durchzusetzen sei. Die Denkrichtungen entstanden aus dem Bedürfnis,

kriegerische Zustände zu überwinden. Der Ursprung der chinesischen Denkrichtungen lag in

der Wiederherstellung von Ordnung. Sie entsprachen damit zuerst einem praktischen

Bedürfnis, der Umsetzung eines konkreten Handelns. Diesbezüglich haben Konfuzianismus,

Daoismus und Legalismus das gleiche Ziel.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich auch der Konfuzianismus, die wichtigste

chinesische Denkrichtung, die wie keine andere im Verlauf der langen Geschichte Chinas das

Denken der Oberschicht geformt hat. Die Lehren des Konfuzianismus gehen auf Kongzi

(Konfuzius 551-479 v. Chr.), der später zum eigentlichen Lehrer Chinas wurde, zurück Seine

Ideen, die erst lange nach seinem Tod aufgezeichnet wurden, bildeten seit der Han-Dynastie

(201 v. Chr. ­ 220 n. Chr.) die ideologische Grundlage des chinesischen Reiches.

Unter der Han-Dynastie (206 v. Chr. ­ 220 n. Chr.) wurde die Lehre des Konfuzius offiziell

anerkannt und entwickelte sich zur offiziellen Staatsdoktrin. Mit der Installierung von

Beamten-Examina wurden die Schriften des Konfuzius, die erst nach seinem Tod

aufgezeichneten Gespräche (Lun Yu) und die von Konfuzius zu dessen Lebzeiten redigierten

und herausgebrachten Bücher Shi (Buch der Lieder), Shu (Buch der Urkunden), Yi (Buch der

Wandlungen), Chunqiu (Frühlings- und Herbstanalen) und Lijing (Buch der Riten) Grundlage

der staatlichen Prüfungen. Nach dem Reichszerfall am Ende der Han-Dynastie wurde die

4 Geschichte und Zivilisation Chinas, 2007, 34ff.

5 Schmidt-Glintzer, 2008, S.28f.

3


Staatsprüfung der konfuzianischen Klassiker in der Tang-Dynastie (618-907) wieder

aufgegriffen und in der Song-Dynastie (960-1279) setzte sich diese Beamtenprüfung

endgültig durch, wodurch sich der Konfuzianismus zur Herrschaftsideologie entwickelte.6

Diese Rolle behielt der Konfuzianismus offiziell bis zum Untergang der letzten

Herrschaftsdynastie im Jahr 1911.

Der Konfuzianismus spielt für das Verständnis des Daoismus eine besonders wichtige Rolle,

da sich der Daoismus in seiner philosophischen und politischen Ausrichtung als ein

Gegenmodell zum Konfuzianismus begriff. Während der Konfuzianismus sein Denken an

moralischen Prinzipien bzw. an der Moral ausrichtete, orientierte der Daoismus sein Denken

ganz am Begriff der Natur.

Kongzis Gedanken gingen von der Frage aus, wie eine menschliche Ordnung am Prinzip der

Sittlichkeit und Menschlichkeit ausgerichtet und errichtet werden könnte. Er orientierte sein

Denken an den bis heute zentralen Begriffen der chinesischen Kultur: li (Sittlichkeit, Ritual,

Tradition), ren (Menschlichkeit, Anteilnahme), dao de (Weg der Tugend, der Rechte Weg),

wu lun (die 5 Beziehungsebenen: Herrscher ­ Untertan; Vater ­ Sohn; Mann ­ Frau; älterer

Bruder ­ jüngerer Bruder; Freund ­ Freund).7 Die zentrale Frage, die im Mittelpunkt dieser

Begrifflichkeiten steht, und die bis heute Inbegriff des chinesischen Selbstverständnisses sind,

ist die nach einem bewusst geführten, guten, richtigen, gelingenden Leben des Menschen in

Familie, Gesellschaft oder Staat. 8 Damit wird eine Moralordnung anvisiert, die vom

tugendhaften Herrscher als leuchtendem Vorbild bis hin zu den einfachen Menschen

Grundlagen für richtiges Handeln innerhalb der Gesellschaft vorgibt. Kongzi war überzeugt,

nichts Neues zu schaffen, sondern er stellte sein Denken in die Tradition der Überlieferung

(Lunyu 7.1). Kein Mensch und keine Gesellschaft, so Kongzi, schaffen aus dem Nichts,

sondern stehen in einer aus der Überlieferung weitergegebenen Ordnung. Kongzi orientierte

sich an der Zeit der Zhou-Dynastie zwischen 1050 und 770 v. Chr. Die Macht- und

Kultausübungen waren noch nicht in zwei Hälften auseinandergefallen.9 Der Herzog von

Zhou war für Kongzi eine Idealfigur, an der er seine Idee des Edlen ausrichtete. Der Edle

verwirklicht die vier Tugenden der Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, kindlichen Pietät und

Rituale. Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit sind die Kardinaltugenden einer politischen

Ordnung, während kindliche Pietät und Rituale Einordnung in die Gesellschaft und

Verehrung der Eltern und Ahnen bestimmen. Der Edle bemüht sich, diese vier Tugenden zu

verwirklichen, wissend, dass er sie niemals ganz erreichen kann. Jeder aber kann durch

Lernen sich diesen Tugenden annähern. Kongzi verteidigt ein Menschenbild, das zwar den

Weisen hervorhebt, aber prinzipiell gesteht er jedem durch Lernen zu, ein solcher Mensch zu

werden. Der erste Spruch der Lunyu ist dem Lernen gewidmet und unterstreicht damit dessen

Bedeutung. Vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen seiner Zeit zollte

Kongzi der (öffentlichen) Ordnung große Bedeutung zu. Freiheit lag eher in der Erfüllung von

Pflichten, als in der Vorstellung einer erst zu begründenden Freiheitslehre. Die Einordnung in

überlieferte Gesellschaftsstrukturen sorgte für Ordnung, die Ausübung von Menschlichkeit

und Gerechtigkeit für eine angemessene Ausbalancierung öffentlicher Macht. Der Herrscher

und die Beamten sollten als Vorbild dienen, an denen sich das einfache Volk orientieren sollte.

Einseitiger Machtmissbrauch sollte so verhindert werden. Die Ideen von Kongzi waren primär

Teil einer politischen Philosophie, einer umfassenden Deutung von Mensch, Gesellschaft,

Staat und ihr Zusammenwirken im Rahmen einer dauerhaften Ordnung. Die Moral bzw.

Moralisierung des öffentlichen Lebens als zentrales Anliegen war eine große Herausforderung,

vor der viele Herrscher scheiterten. Wichtig zum Verständnis des

Dàodé jng

ist die

beginnende Moralisierung des öffentlichen und privaten Lebens, die zunehmende Betonung

6 Moritz, 2003, S.50.

7 Zu den Grundbegriffen der altchinesischen Philosophie siehe Unger, 2000.

8 Schleichert/Roetz, 2009, S.9.

9 Bauer, 2001, S.54.

4


von Einordnung, Pflicht, Mitmenschlichkeit. Der größte Teil der Chinesen lebte auf dem Land,

waren Ackerbauern und hatten in ihrem täglichen Leben einen direkten Bezug zur Natur. Der

Konfuzianismus bedeutete einen Eingriff in ihre Lebensweise. Dieser Eingriff wurde im

Dàodé jng

radikal verworfen.

Die andere wichtige Strömung jener Zeit war der Legalismus, der in dem Buch Han Feizi

seinen systematischsten Ausdruck fand. Auch der Legalismus war eine Antwort auf die

Wirren der Zeit, wirkt aber aus heutiger westlicher Sicht auf den ersten Blick sehr modern.

Grundidee des Legalismus war die Etablierung einer politischen Ordnung auf Grundlage von

Gesetzen. Gesetz (fa) wurde neben Ausübung der Macht und Anwendung der richtigen

Methode als Eckpfeiler einer geordneten Gesellschaft gedeutet. Scharfe und manchmal

einseitige Kritik haben die Legalisten erfahren, weil sie überzeugt waren, dass nur schwere

Strafen die Menschen dazu anleiten könnten, sich den Gesetzen gemäß zu verhalten. Die

Legalisten bauten auf Entwicklungen seit dem 6. J. v. Chr. auf. Seit jener Zeit vermehrte sich

die Einführung von schriftlich fixierten Strafbestimmungen und die Legalisten machten sich

zu Befürwortern dieser Tendenz. Der Legalismus übernahm die Funktion der ideologisch-

konzeptionellen Begründung der neuen politisch-rechtlichen Ordnung. 10 Der Legalismus

vollzog aus seiner Sicht die Konsequenzen aus einem Machtmissbrauch staatlicher Eliten, die

geneigt waren, ihre persönlichen Interessen über die des Staates zu stellen. In den

kriegerischen Auseinandersetzungen zeigte sich die Unfähigkeit, dauerhaft Frieden und

Sicherheit zu gründen. Der Ausgangspunkt von Ordnung ist nicht die Moral oder die Natur,

sondern das Gesetz. Das Dào als Gesetz der Natur wird aufgegriffen und auf die Gesellschaft

übertragen. Dem allgemeinen Naturgesetz wird ein zeitliches Gesetz gegenübergestellt.

Dieses löst die aus der Tradition stammenden moralisch-rechtlichen Vorstellungen ab und

begründet einen neuen, nur an den Gesetzen orientierten Staat. Die Notwendigkeit und

Ursache dieser Entwicklung liegt nach Han Fei in der Zunahme der Bevölkerung und der

Notwendigkeit, materielle Versorgung und dauerhaften Frieden in Einklang zu bringen. Dazu

bedurfte das Gesetz der entsprechenden Durchsetzungsfähigkeit durch den Staat. Die

Autorität des Herrschers musste entsprechend gestärkt werden. Hierfür sollte dem Herrscher

eine neue Staatsbürokratie, die sich nicht mehr durch besondere Beziehungen zum Kaiser,

sondern durch Leistung auszeichnete, zur Seite gestellt werden. Han Fei betonte die Gefahr,

die eine solche Staatsbürokratie für den Herrscher sein konnte, indem er unzählige Beispiele

entmachteter Herrscher aufzeigte. Die Staatskunst (shu), eine angemessene Balance zwischen

Machtausübung, Durchsetzungsfähigkeit, Einbindung der Bürokratie in das

Herrschaftssystem, war das Kernstück der politischen Theorie der Legalisten. In Anlehnung

an die daoistische Lehre des wuwei (Nichteingreifens) solle der Herrscher nur als Schöpfer

der Gesetze auftreten, die Umsetzung aber allein der Staatsbürokratie überlassen. Durch ein

eigenes Eingreifen in die Durchsetzung der Gesetze würde der Herrscher eigene Wünsche und

Vorstellungen zeigen, ihn berechenbar machen. Er würde seine Unantastbarkeit verlieren. Am

Ende konzentriert sich die ganze Macht auf den Herrscher. Er muss seinen Machtanspruch

durchsetzen und die richtige Balance finden, um die Gesetze mit Gewalt gegen Widersacher

durchzusetzen. Diese einseitige Betonung von Gesetzen, Macht, Durchsetzungsfähigkeit

konnte bei den Daoisten nicht auf Zuspruch stoßen. Zwischen der einseitigen Moralisierung

der Gesellschaft und der Machtausübung und Kontrolle durch den Staat suchten sie einen

anderen Weg zur Begründung eines politischen Gemeinwesens.

10 Mögling, 1994, S.11.

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