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Gespräch? Dialog? Konversation?

Untertitel: Probleme der Zuordnung frühneuzeitlicher Werke zu modernen systematischen Forschungsgebieten am Beispiel von Castigliones ‚Hofmann’ und Guazzos ‚Zivilisierter Konversation’ (IV. Buch)

Hauptseminararbeit, 2007, 44 Seiten
Autor: Dominic Hand
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Veranstaltung: Anfänge der Konversationsrhetorik
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 44
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V134675
ISBN (E-Book): 978-3-640-42695-9
ISBN (Buch): 978-3-640-42519-8

Zusammenfassung / Abstract

Jede Sprache verfügt über zentrale Vokabeln, deren Bedeutungs- und Anwendungsbereiche offensichtlich jedermann klar erscheinen. In Wirklichkeit ist eine derartige Klarheit nur möglich, da diese Begriffe über die Zeit hinweg einem Automatismus in Semantik und Gebrauch zum Opfer fielen, der sich jeder kritischen Prüfung wie Definierbarkeit entzieht – so ist dies auch im Deutschen.1 Es wird die Aufgabe dieser Arbeit sein, die Begriffe Gespräch, Dialog und Konversation aus diesem semantischen Sumpf zu befreien und sie einer längst fälligen, differenzierenden Analyse zu unterziehen. An deren Ende werden insbesondere drei grundlegende Fragen geklärt sein: (i) Anhand welcher greifbaren Kriterien können Gespräch, Dialog und Konversation definiert werden? (ii) Ist eine Systematisierung der Begriffe mittels dieser möglich? (iii) Welchen Nutzen hat die entworfene Systematik für die Praxis und welche Schlüsse lässt sie über die Kommunikation bei Castiglione und Guazzo zu? Kapitel 2 formuliert zunächst anhand von Beispielen aus Wissenschaft und Alltag einen Ist-Zustand, der deutlich macht, in welchem diffus-semantischen Spannungsfeld sich die Worte Gespräch, Dialog und Konversation aktuell befinden. In Kapitel 3 werden anschließend die bedeutendsten Richtungen der Gesprächsforschung mit ihren unterschiedlichen Ansätzen, Zielen und Wurzeln dargestellt. Nachdem Kapitel 2 und 3 die nötigen Hintergrundinformationen bereitgestellt haben, rücken im nachfolgenden Kapitel 4 die Fragen (i) und (ii)in den Fokus. Es wird der Versuch unternommen - unter Berücksichtigung verschiedener linguistischer Ansätze -, handfeste Kriterien zu formulieren, mittels derer zwischenmenschliche Kommunikation entweder als Gespräch, Dialog oder Konversation kategorisierbar sein soll. Die Antwort auf die dritte Frage, hält Kapitel 5 bereit. Einerseits wird die Praktikabilität der zuvor erarbeiteten Klassifizierung zurDiskussion gestellt, indem versucht wird, diese auf zwei frühneuzeitliche Werke - Castigliones ,Hofmann’ und Guazzos ,Zivilisierte Konversation’(IV. Buch)- anzuwenden. Andererseits wird hinterfragt, ob die Einordnung der beiden Werke als „Konversationsliteratur“ nicht nur inhaltlich, sondern auch kommunikationstheoretisch haltbar ist. In Kapitel 6 sollen die im Verlauf der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse abschließend interpretiert, und in gegenwärtiger wie prospektiver Dimension diskutiert werden.


Textauszug (computergeneriert)

Eberhard Karls Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
HS: Anfänge der Konversationsrhetorik

Sommersemester 2007

Gespräch? Dialog?

Konversation?

- Probleme der Zuordnung frühneuzeitlicher Werke zu

modernen systematischen Forschungsgebieten am Beispiel von

Castigliones

,

Hofmann

und Guazzos

,

Zivilisierter

Konversation

(IV. Buch) -

Dominic Hand, 6.Semester,
Allgemeine Rhetorik,
Psychologie,
Linguistik d. Deutschen


Inhaltsverzeichnis

1.

Zu eruierende Problematik und Vorgehensweise dieser Arbeit 1

2. Gespräch, Dialog, Konversation - Definitorisches Dilemma

in der alltäglichen wie epistemologischen Wortverwendung 3

3. Die bedeutendsten Richtungen der Gesprächsforschung im Überblick 6

3.1.

GS ­ Forschung 6

3.2.

conversational analysis 7

3.3.

Sprechaktforschung / discourse analysis 9

4. Gespräch, Dialog, Konversation ­ Ein Versuch 12

4.1. oberflächenstrukturelle Kriterien von Gespräch,

Dialog und Konversation 12

4.1.1. Beteiligung mindestens zweier Interaktanten /

Notwendigkeit mindestens eines Sprecherwechsels 12

4.1.2. Identität des Zeitraumes 13

4.2. tiefenstrukturelle Kriterien 13

4.2.1.

Gespräch 13

4.2.2.

Dialog 15

4.2.3. Konversation 16

4.3.Die definierenden und differenzierenden Kriterien

der einzelnen Kategorienim Überblick 19

4.4. Anmerkung zum Kriterium ,,Natürlichkeit" 20

5. Anwendung der Systematik auf Castigliones ,Der Hofmann′
und Guazzos ,Zivilisierte Konversation′(IV. Buch) 20

5.1. Analyse zu Castigliones ′Hofmann′ 21

5.1.1. Makroanalyse 21

5.1.1.1. Gespräch 21
5.1.1.2. Dialog 22

5.1.1.3. Konversation 23

5.1.1.4.

Ergebnisüberblick

Makroanalyse 25

5.1.2. Mikroanalyse 25

5.1.2.1. Gespräch 25
5.1.2.2. Dialog 26
5.1.2.3. Konversation 27
5.1.2.4. Ergebnisüberblick Mikroanalyse 29

5.2. Guazzo ­ ′Zivilisierte Konversation′ (IV. Buch) 29

5.2.1. Analyse zu ′Zivilisierte Konversation′ 30

5.2.1.1. Gespräch 30

5.2.1.2.

Dialog 31

5.2.1.3.

Konversation 32

5.2.1.4.

Ergebnisüberblick 33

6. Ergebnisbilanzierung und Ausblick 34

7. Literaturverzeichnis 38

8. Anhang 39


1. Zu eruierende Problematik und Vorgehensweise dieser

Arbeit

Jede Sprache verfügt über zentrale Vokabeln, deren Bedeutungs- und

Anwendungsbereiche offensichtlich jedermann klar erscheinen. In

Wirklichkeit ist eine derartige Klarheit nur möglich, da diese

Begriffe über die Zeit hinweg einem Automatismus in Semantik und

Gebrauch zum Opfer fielen, der sich jeder kritischen Prüfung wie

Definierbarkeit entzieht ­ so ist dies auch im Deutschen.1

Es wird die Aufgabe dieser Arbeit sein, die Begriffe Gespräch, Dialog

und Konversation aus diesem semantischen Sumpf zu befreien und sie

einer längst fälligen, differenzierenden Analyse zu unterziehen.

An deren Ende werden insbesondere drei grundlegende Fragen geklärt

sein:

(i)

Anhand welcher greifbaren Kriterien können Gespräch, Dialog

und Konversation definiert werden?

(ii)

Ist eine Systematisierung der Begriffe mittels dieser

möglich?

(iii) Welchen Nutzen hat die entworfene Systematik für die Praxis

und welche Schlüsse lässt sie über die Kommunikation bei

Castiglione und Guazzo zu?

Kapitel 2 formuliert zunächst anhand von Beispielen aus Wissenschaft

und Alltag einen Ist-Zustand, der deutlich macht, in welchem diffus-

semantischen Spannungsfeld sich die Worte Gespräch, Dialog und

Konversation aktuell befinden.

In Kapitel 3 werden anschließend die bedeutendsten Richtungen der

Gesprächsforschung mit ihren unterschiedlichen Ansätzen, Zielen und

Wurzeln dargestellt.

Nachdem Kapitel 2 und 3 die nötigen Hintergrundinformationen

bereitgestellt haben, rücken im nachfolgenden Kapitel 4 die Fragen

(i) und (ii)in den Fokus.

Es wird der Versuch unternommen - unter Berücksichtigung

verschiedener linguistischer Ansätze -, handfeste Kriterien zu

formulieren, mittels derer zwischenmenschliche Kommunikation entweder

als Gespräch, Dialog oder Konversation kategorisierbar sein soll.

Die Antwort auf die dritte Frage, hält Kapitel 5 bereit. Einerseits

wird die Praktikabilität der zuvor erarbeiteten Klassifizierung zur

ò


Diskussion gestellt, indem versucht wird, diese auf zwei

frühneuzeitliche Werke - Castigliones ,Hofmann′ und Guazzos

,Zivilisierte Konversation′(IV. Buch)- anzuwenden. Andererseits wird

hinterfragt, ob die Einordnung der beiden Werke als

,,Konversationsliteratur" nicht nur inhaltlich, sondern auch

kommunikationstheoretisch haltbar ist.

In Kapitel 6 sollen die im Verlauf der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse

abschließend interpretiert, und in gegenwärtiger wie prospektiver

Dimension diskutiert werden.

Mit Blick auf den begrenzten Umfang dieser Hausarbeit sind einige

Einschränkungen nötig.

So wird eine Vertrautheit mit den in Kapitel 5 herangezogenen Werken

von Castiglione und Guazzo vorausgesetzt.

Auf eine Inhaltszusammenfassung oder ein Personenregister wird zu

Gunsten einer vertiefenden Darstellung des Themas verzichtet.

Aus gleichem Grund kann in Kapitel 3 keine ausführliche theoretische

Erläuterung der einzelnen Forschungsrichtungen erfolgen.

Desweiteren wird, soweit angebracht, jede literaturwissenschaftliche

wie auch sprachphilosophische Perspektive zum Vorteil einer möglichst

harten Faktizität ausgeblendet.


2. Gespräch, Dialog, Konversation - Definitorisches

Dilemma in der alltäglichen wie epistemologischen

Wortverwendung

Die CDU startete dieses Jahr in ihre ,,Dialog-Tour 2007"2, auf der sich

Ronald Pofalla ,,[...]spannende Gespräche[...]"3 erhofft.

Dem neuen Volkslexikon Wikipedia zu Folge, wird als Gespräch

,,[...]allgemein die verbale Kommunikation von Menschen bezeichnet."4

Metaphern wie ,,Dialog der Kulturen" oder ,,Vier-Augen-Gespräch" haben

sich längst als beliebte Floskeln in unserer Sprache etabliert und

für stilistisch ambitionierte Journalisten der Bild-Zeitung ist der

,,[...] Mega Zoff [...]"5 inklusive ,,[...] Kopfwäsche [...]"6 Inhalt einer

Konversation.7

Bereits das reine Sprachgefühl kritischer Leser dürfte folgende

Fragen aufwerfen:

Warum heißt es ,,Dialog-Tour", wenn ,,Gespräche" ihr Ziel sind? Findet

ein Dialog nicht zwischen zwei Interessengruppen statt, ernsthaft,

zielorientiert? Ein Gespräch hingegen unverbindlicher, offener, nicht

zwangsläufig lösungsorientiert?

Wie sieht eine ernsthafte Auseinandersetzung in Form einer

Konversation aus? Verbinde ich mit Konversation nicht eher Attribute

wie oberflächlich, beiläufig und locker?

Ein Blick in den Duden schafft bei solch sprachkritischen Fragen des

Alltags meist schnell Klarheit und verhindert, dass weitere

Fragekaskaden ein Gefühl der sprachlichen Ohnmacht aufkommen lassen.

Dem Bedeutungswörterbuch der Duden-Reihe ist folgendes zu entnehmen:

Gespräch: ,,

mündlicher Austausch von Gedanken zwischen zwei oder

mehreren Personen

."8

Synonyme: ,,Auseinandersetzung, Aussprache, Debatte, Dialog,

Diskussion, Erörterung [...]."

Dialog: ,,Gespräch zwischen zwei oder mehr Personen /Ggs. Monolog."9

Synonyme: ,,Besprechung, Debatte, Diskussion, Erörterung,

Gespräch, Konversation,[...]".10


Konversation: ,,unverbindliches, oft nur um der Unterhaltung

willen geführtes, zwangloses Gespräch."

11

Synonyme: ,,Gespräch, Unterhaltung".12

Das Ergebnis ist auf zwei Arten zu interpretieren:

1. Es herrscht eine Synonymie der Begriffe Gespräch und Dialog,

und eine Abgrenzung zur Konversation kann vage nach dem

Kriterium der kommunikativen Ernsthaftigkeit erfolgen.

2. Der Duden hilft nicht weiter, seine Ausführungen sind

zirkulär und führen die Semantik ad absurdum.

Es ist wohl akzeptabel, dass sich der kritische, aber germanistisch

uninteressierte Leser aufgrund alltagspragmatischer Überlegungen für

die erste Lösung entscheidet, darf dies für den

sprachwissenschaftlichen, rhetorischen Wortgebrauch - und somit für

diese Arbeit - nicht gelten.

Doch auch in der deutschen Linguistik sowie in der Rhetorik, scheint

eine klare Begriffsdefinition bislang nicht vorzuherrschen.

So schreibt E.W.B. Hess-Lüttich in seinem Artikel ,,Gespräch" im

Historische Wörterbuch der Rhetorik:

,,Über die Abgrenzung von Nachbarbegriffen wie <Dialog>,

<Konversation>, <Diskurs> besteht nach wie vor keine Einigkeit. <G.>

wird zuweilen, besonders von Linguisten, als Oberbegriff festgelegt,

demgegenüber <Dialog> eingeschränkt <Zwiegespräch> bedeutet zwischen

zwei Partnern [...] oder allenfalls das <<ernsthafte Gespräch über ein

bedeutungsvolles Thema, <Konversation> mehr die konventionelle,

oberflächliche, unverbindliche Unterhaltung>>."13 Hess-Lüttich

verweist mit seinen vagen Definitionen auf Brinkner, welcher wiederum

seine Unterscheidung am Duden ausrichtet.14

Damit wäre erneut der Zirkel der Ratlosigkeit geschlossen.

K.-H. Göttert formuliert in seinem Artikel ,,Konversation", ebenfalls

aus dem Historischen Wörterbuch der Rhetorik, noch unklarer:

,,Die <K.> [...] hat sich in der heutigen Bedeutung seit der Renaissance

entwickelt: erst seit dieser Zeit gilt sie als Kunst des Umgangs, die

sich in der körperliche-geistigen Repräsentation des Selbst in

Kontakt mit dem bzw. den anderen widmet."15

ò

Ú


Im Anschluss folgt, wie auch schon bei Hess-Lüttich, lediglich ein

historischer Exkurs zur Begrifflichkeit.

Franck verwendet in ihrer Dissertation ,,Grammatik und Konversation",

- allen guten konversationstheoretischer Ansätze zum Trotz ­

Konversation und Gespräch synonym, wie folgende Stellen belegen:

,,Die Organisation des Gesprächs geschieht weitgehend aus der

Konversation heraus".16 ,,Ein ganz wichtiger Faktor in der Organisation

der Konversation ist die Entwicklung [...] des Themas. Das Thema spielt

sowohl global wie lokal eine entscheidende Rolle in der Entwicklung

des Gesprächs"17.

Dieser freie definitorische Umgang ist nicht nur bei Franck

auszumachen. Ebenso könnten Müllerová18, Weydt19 und viele andere als

Beispiel angeführt werden.

Was bleibt an diesem Punkt zu konstatieren?

Zum einen, dass im alltäglichen Sprachgebrauch keine Klarheit

vorherrschen kann, wenn nicht einmal in der episteme eine klare

Trennung existiert.

Zum anderen, die eindeutige Dringlichkeit einer klaren Definition von

Gespräch, Dialog und Konversation anhand greifbarer Kriterien, möchte

man die Begriffe effektiv und wissenschaftlich operationalisieren und

nicht weiter ein halbseidenes Tänzeln um den heißen Brei

veranstalten.

Jedoch soll zuvor ein Überblick über die wichtigsten

Forschungsrichtungen erfolgen.

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