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Alte Monarchie im neuen Format

Untertitel: Die charismatische Machtstrategie von König Mohammed VI. von Marokko

Hausarbeit, 2009, 21 Seiten
Autor: Mohamed Amjahid
Fach: Politik - Int. Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2009
Seiten: 21
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V134875
ISBN (E-Book): 978-3-640-43059-8
ISBN (Buch): 978-3-640-43077-2

Zusammenfassung / Abstract

Ziel dieser Studienarbeit ist es, die charismatische Strategie des Mohammed VI. zu analysieren. Hierbei wird auf das Konzept der charismatischen Herrschaft nach Max Weber zurückgegriffen. Diese Arbeit möchte damit einen wesentlichen Punkt in der Strategie des Machterhalts, Machtausbau und der Legitimation der Monarchie in Marokko hervorheben: die Vermarktung der Person des Königs selbst. Dieser theoretische Zugang wird durch eine kurze Betrachtung des marokkanischen Regierungssystems und durch einen Vergleich mit den zwei Vorgängern des jetzigen Königs ergänzt. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht zudem auch die historisch gewachsene Stellung der Königsdynastie nach der Unabhängigkeit Marokkos. Klar ist, dass die marokkanische Monarchie an sich auf einer soliden Machtbasis fundiert und nahezu unverletzlich ist, im Sinne der weberschen traditionalen Herrschaft. Außerdem werden mehrere direkte Beobachtungen geschildert, die die Argumentation unterstützen und die sich aus Presseartikeln, Interviews, Fernsehbeiträgen und nicht zuletzt einem langjährigen Aufenthalt des Autors in Marokko speisen. Es wird die These vertreten, dass Mohammed VI. seine Macht über mehrere Kanäle zu sichern versucht, in einer globalisierten, digitalisierten und vernetzten Welt, in der die Ausübung von Repressalien und Zensur nahezu unmöglich erscheint. Er versucht, den Kult um seine Person wieder aufleben zu lassen und zeigt sich gleichzeitig als Monarch des neuen Jahrtausends in einem technisierten und modernisierten Königshaus. Wie hat sich die Monarchie in Marokko nach zehn Jahren Machtwechsel gewandelt? Wie hat sie auf die internationalen und nationalen Ereignisse reagiert? Und warum bedarf es einer charismatischen Strategie?


Textauszug (computergeneriert)

Freie Universität Berlin

Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaft

Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft

Berlin SS 2009

Alte Monarchie im neuen Format

Die charismatische Machtstrategie von König Mohammed VI. von Marokko

von Mohamed Amjahid


Gliederung

Einleitung: 3

1. Theoretische Erklärungsansätze 4

1.1. Die charismatische Herrschaft bei Max Weber 4

1.2. Die Legitimationsquellen der Monarchie in Marokko 5

2. Überblick: die Rolle der Monarchie und das Regierungssystem Marokkos 6

3. Die Herrschaft der Vorgänger: 8

3.1. Mohammed V: heiliger König 8

3.2. Hassan II.: Vater der Nation 10

4. Die charismatische Strategie des Mohammed VI 11

Fazit 15

Liste zur Aussprache arabischer Eigennamen und Begriffe: 17

Bibliografie: 18

Internetquellen: 20

2


Einleitung:

Die

Baya

, die Verbeugung vor dem königlichen Oberhaupt, inszeniert sich als perfekt

geplantes Rollenspiel, indem der König vor einem Heer von traditionell weiß gekleideten

Ulama1

(marokkanisch Arabisch für islamische Rechtsgelehrte), das Gehorsamkeitsgelöbnis

in Vertretung für das Volk entgegennimmt.2 Die zum Thronfest jährlich stattfindende

Veranstaltung hat der marokkanische König Mohammed VI. seit seiner Machtübernahme

1999 nach Tetouan im Norden Marokkos verlegt. Die Feierlichkeiten werden via

Sattelitenfernsehen in die ganze Welt live übertragen. Bettina Dennerlein analysiert die Baya

als ein ,,Instrument zur Gestaltung der öffentlichen Sphäre".3

Diese in der Form

weiterentwickelte Tradition, die schon in den Werken De La Croix′ verewigt wurde, ist nur

eine Facette einer neuen Ära in der alten marokkanischen Monarchie: jünger, dynamischer

und vor allem näher am Volk scheint Mohammed VI. zu sein. Schreitete sein Vorgänger

Hassan II. bevorzugt über einen zwanzig Meter breiten roten Teppich (wie es im Volksmund

heißt) stürzt sich sein Sohn oft in die Massen und schüttelt die Hände seiner Untertanen.

Ziel dieser Studienarbeit ist es, die charismatische Strategie des Mohammed VI. zu

analysieren. Hierbei wird auf das Konzept der charismatischen Herrschaft nach Max Weber

zurückgegriffen. Diese Arbeit möchte damit einen wesentlichen Punkt in der Strategie des

Machterhalts, Machtausbau und der Legitimation der Monarchie in Marokko hervorheben: die

Vermarktung der Person des Königs selbst. Dieser theoretische Zugang wird durch eine kurze

Betrachtung des marokkanischen Regierungssystems und durch einen Vergleich mit den zwei

Vorgängern des jetzigen Königs ergänzt. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht zudem auch

die historisch gewachsene Stellung der Königsdynastie nach der Unabhängigkeit Marokkos.

Klar ist, dass die marokkanische Monarchie an sich auf einer soliden Machtbasis fundiert und

nahezu unverletzlich ist, im Sinne der weberschen traditionalen Herrschaft. Außerdem werden

mehrere direkte Beobachtungen geschildert, die die Argumentation unterstützen und die sich

aus Presseartikeln, Interviews, Fernsehbeiträgen und nicht zuletzt einem langjährigen

Aufenthalt des Autors in Marokko speisen. Es wird die These vertreten, dass Mohammed VI.

seine Macht über mehrere Kanäle zu sichern versucht, in einer globalisierten, digitalisierten

und vernetzten Welt, in der die Ausübung von Repressalien und Zensur nahezu unmöglich

erscheint. Er versucht, den Kult um seine Person wieder aufleben zu lassen und zeigt sich

1 Hocharabisch:

Ulam

2 Vgl. z.B. Mohamed Tozy: Monarchie et islam politique au Maroc, Paris 1999, S. 29-33 (Im Folgenden : Tozy,

Monarchie).

3 Bettina Dennerlein: Legitimate Bounds and Bound Legitimacy. The Act of Allegiance to the Ruler (bai′a) in

19th century Morocco. In: Die Welt des Islams, 41, 3 (2001), S. 303 ff.

3


gleichzeitig als Monarch des neuen Jahrtausends in einem technisierten und modernisierten

Königshaus.

Wie hat sich die Monarchie in Marokko nach zehn Jahren Machtwechsel gewandelt? Wie

hat sie auf die internationalen und nationalen Ereignisse reagiert? Und warum bedarf es einer

charismatischen Strategie?

1. Theoretische Erklärungsansätze

1.1. Die charismatische Herrschaft bei Max Weber

Max Weber unterscheidet zwischen drei Typen legitimer Herrschaft: die legale oder

rationale, die traditionale und die charismatische Herrschaft. Er führt hiermit eine Abkehr von

der klassischen Staatstheorie ein. Herrschaft, also Befehle aussprechen, die auch eingehalten

werden, wird bei ihm ausschließlich realen Personen zugeschrieben, da nur diese Handeln

können. Weber weist darauf, dass diese Konzeption der Herrschaft nur Idealtypen beinhaltet,

die nicht in reiner, sondern nur in Mischformen zu finden sind. In diesem Kapitel soll vor

allem die charismatische Herrschaft im Fokus stehen.

,,Charisma soll eine als außeralltäglich [...] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen um

derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch

außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als

gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ,,Führer" gewertet wird."4

Die Legitimationsquelle liegt hier in der Hingabe zum Herren, primär in seinem

Charisma, sie kann sich in den ,,magische[n] Fähigkeiten, [den] Offenbarungen oder [dem]

Heldentum, [in der] Macht des Geistes und der Rede" manifestieren.5 Sie ist also

,,wirtschaftsfremd"6, nicht rational fundiert und auf psychologisch-emotionale Faktoren

zurückzuführen. Der Herrscher ist auf seine Ausstrahlung angewiesen, die den Glauben und

die Anerkennung seiner Jünger ihm gegenüber speist. Diese spirituelle Legitimation verleiht

ihm großes Vertrauen und räumt ihm weitestgehende Kompetenzen in einem bestimmten

Rahmen ein.7 Charisma kann nach Weber durchaus auch versachlicht werden, durch ein

Orakel, Erbfolge oder Ernennung wird sie veralltäglicht, um zum Beispiel die Nachfolge

möglichst reibungslos und ohne Autoritätsverlust zu regeln. Menschen verlangen nach einer

verkörperten Quelle der Legitimation, in diesem Fall wäre dies die Königsfamilie, mit dem

4 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976, S. 140 (Im

Folgenden: Weber, Herrschaft).

5 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen [1922] 1988, 7. Auflage, S. 481 (Im

Folgenden: Weber, Wissenschaftslehre).

6 Weber, Herrschaft: S. 142.

7 Zum Beispiel kann der marokkanische König nur über das marokkanische Volk befehlen und nicht über ein

anderes dazu.

4


männlichen Monarchen an der Spitze. Der Herrscher umgibt sich ergänzend dazu mit seinen

,,Vertrauensmännern" und versucht seinen Verwaltungsstab so zu gestallten, dass er totale

Loyalität genießt und keine Widerstände zu fürchten hat.

Bei Monarchien kann freilich nicht von einer plebiszitär legitimierten Führung die Rede

sein. Dies trifft nur in Demokratien zu bzw. bei Herrschern die unter demokratischen oder

demokratieähnlichen Verhältnissen an die Macht gekommen sind. Adolf Hitler, der im

Deutschland des Nationalsozialismus bis zum Ende des zweiten Weltkriegs unter einer

bestimmten Gruppe absolutes Vertrauen genoss, war aufgrund seiner ,,charismatischen

Wirkung" ein plebiszitär legitimierter Führer.8 Eine charismatische Legitimation des

Herrschers entspringt aus der -für ihn dienlichen- Wirkung seiner Ausstrahlung unter seinen

Anhängern. Dieser Glaube an den Führer ist schwer zu erschüttern. Eine Tatsache, die den

demokratisch-plebiszitären Schein dieser Herrschaftsform neutralisiert.9 Denn seine Macht ist

nicht an den Glauben sondern an die Primärquelle dieser Interventionsbeziehung, also an sein

Charisma direkt gebunden (Charisma > Glaube > Legitimation). Deswegen ist er gezwungen,

seine ,,Leuchtkraft" regelmäßig zu erneuern und seine Stellung als Primus zu bestätigen (siehe

Abb.1)10.

Zuarbeit

Bestätigung & Erneuerung

Sympathie

Erfolg

Verwaltungsstab

Zuarbeit

Charisma-

Herrscher

Aura

Quelle

Anerke

Glaube &

Ausstrahl

Charisma &

Erbfolge

Los

Wunder

nn

un

un

...

g

g

Tradition

Weitere

Satzung

Untertanen

Legitimationsquellen

Abb. 1. Die charismatische Herrschaft nach Max Weber.

1.2. Die Legitimationsquellen der Monarchie in Marokko

Die Monarchie in Marokko legitimiert sich wie die meisten Königshäuser hauptsächlich

aus einer traditionalen Quelle. Die Alawiten berufen sich seit jeher auf eine indirekte

Verwandtschaft zu der marokkanischen Gründungsdynastie der Idrisiden, die wiederum vom

Propheten über seine Tochter Fatima abstammt. Sie sehen sich somit als legitime Nachfolger

8 Vgl. Stefan Breuer: Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994, S.

167-168.

9 Vgl. Michael Bayer und Gabriele Mordt: Einführung in das Werk Max Webers, Wiesbaden 2008, S. 103.

10 Eigene Darstellung, vgl. Weber, Herrschaft: S. 140 ff.

5



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