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Subtitle: Ein Ansatz erarbeitet aufgrund der analogistischen Struktur von "Skola dlja durakov" von Sasa Sokolov
Thesis (M.A.), 2009, 126 Pages
Author: Katharina Friesen
Subject: German Studies - Literature of History, Eras
Details
Year: 2009
Pages: 126
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-42173-2
ISBN (Book): 978-3-640-42151-0
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Abstract
Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der Kategorisierung literarischer Texte. Allerdings verfolgt sie den etwas ungewöhnlichen Ansatz, dass sie allgemeine poetologische und literaturtheoretische Ansätze vor allem aus den Strukturen eines einzelnen literarischen Textes herleitet und diese versucht durch das Heranziehen weiterer literarischer und literaturtheoretischer Texte zu unterstützen. Bei diesem zentralen literarischen Text handelt es sich um Saša Sokolovs “Škola dlja durakov”. Möglich wird diese radikal induktive Vorgehensweise aufgrund des besonderen Aufbaus von “Škola dlja durakov”. Ich bezeichne die Struktur dieses Textes als “analogistisch”. Das bedeutet, dass sowohl in der Form als auch im Inhalt des Textes analogisierende Merkmale die differenzierenden Merkmale bei weitem übersteigen, was zu ganz bestimmten formalen Effekten und semantischen Implikationen führt. Eine wesentliche Wirkung der analogistischen Struktur von “Škola dlja durakov” ist, dass absolut jeder semantische oder formale Komplex sich mit allen anderen semantischen oder formalen Einheiten des Textes in einer Beziehung gegenseitiger Teilhabe und gegenseitigen Einflusses befindet. Dadurch kommt es in “Škola dlja durakov” zu einer ständigen Zirkulation von Form und Sinn. Diese Bewegung erfasst auch die Kategorisierung des Textes. Im Rahmen von Sokolovs Text wird dadurch deutlich, dass Textkategorien, so wie alle anderen Kategorien, sich zueinander nicht in einem Verhältnis völliger Diskretion, sonder in einem Verhältnis gegenseitiger Abstufung befinden. Dieses Verhältnis tritt um so deutlicher zutage, je weniger differenziert die formalen und inhaltlichen Aspekte sind, durch die ein bestimmtes Kategorisierungssystem indiziert wird. Da es ein programmatisches Ziel von “Škola dlja durakov” ist, die Grenzen aller Kategorien, darunter auch von Textkategorien, als ambivalent und fließend darzustellen, wird hier besonders deutlich, dass die diskrete Kategorisierung von Erscheinungen eine Konvention darstellt.
Excerpt (computer-generated)
Eberhard Karls Universität Tübingen
Neuphilologische Fakultät
Slavisches Seminar
Magisterarbeit vorgelegt von:
Katharina Friesen
Magisterarbeit
Kategorisierung literarischer Texte
Ein Ansatz erarbeitet aufgrund der analogistischen Struktur von
,,Skola dlja durakov" von Sasa Sokolov
Kontaktdaten:
Katharina Friesen
Inhaltsverzeichnis
1
Zum Konzept und Aufbau dieser Arbeit
3
I
Analogistische Textstruktur von "Skola dlja durakov"
5
2
Ähnlichkeiten und Differenzen - Identität und Nicht-Identität
6
3
Analogie versus Zeit und Raum
13
3.1
Zeitliche und räumliche Verhältnisse in "Skola dlja durakov" .
15
3.2
Henri Bergsons analogistische Konzeption der Dauer .
18
4
Gedächtnis: Erinnern und Vergessen
22
4.1
Räumliche Metaphern für das Vergessen .
24
4.2
Differenzlosigkeit im Geschlechtsakt .
29
4.3
Die Bewegung von der Peripherie ins Zentrum: Wind und Schrei .
29
4.4
Der ästhetische Diskurs .
33
II
Analogisierung in der Textkategorisierung
36
5
Analogisierung der Textkategorisierung in "Skola dlja durakov"
37
5.1
Beispiel: Drama oder Epik? .
37
5.2
Beispiel: Prosa oder gebundene Rede? .
40
6
Analogisierungen in der Gattungstheorie
41
6.1
Zeit, Raum und Sprache
.
43
6.1.1
Raum, Zeit und Sprache im Zusammenhang mit Textkategorisierung
in "Skola dlja durakov" .
43
6.1.2
Der Produzent sprachlicher Zeichen .
45
6.1.3
Beispiel für das reziproke Verhältnis von Raum, Zeit und Zeichen-
produzent im Zusammenhang mit Textkategorisierung in "Skola dlja
durakov" .
46
6.1.4
Raum, Zeit und Position des Zeichenproduzenten innerhalb unterschied-
licher theoretischer Ansätze zur Kategorisierung literarischer Texte
.
50
1
III Methodischer Ansatz zur Kategorisierung literarischer Tex-
te
65
7
Entwicklung von Kategorisierungsbegriffen literarischer Texte
65
7.1
Begriffe der Gattungstheorie .
66
7.1.1
Aristoteles: genos und eidos .
67
7.1.2
Parallelen mit der Biologie .
69
7.1.3
Babylonische Verwirrung der Begrifflichkeiten .
70
7.2
Historischer Überblick: Gattungspoetik - Gattungstheorie .
72
7.3
Der triadische Gattungsbegriff: Lyrik, Epik, Drama .
76
7.3.1
Mögliche Rechtfertigung der Unterteilung der Dichtung in drei um-
fassende Kategorien .
78
8
Unterschiedliche Verhältnisse der Ebenen der Zeichenproduktion als Grund-
lage literarischer Kategorisierung
79
8.1
Zeichen innerhalb von Zeichen - Deixeis in literarischen Texten
.
80
8.2
Ebenen der Zeichenproduktion in Drama, Epik und Lyrik .
83
8.2.1
Zeichenproduzent als Indikator für eine Ebene der Zeichenproduktion
83
8.2.2
Unterschiedlicher Grad und unterschiedliche Qualität von Analogizi-
tät in Drama, Lyrik und Epik in Verbindung mit den Ebenen der Zei-
chenproduktion .
87
8.2.3
Deiktische Parameter in Zusammenhang mit den Ebenen der Zeichen-
produktion in Lyrik, Epik und Drama .
90
8.3
Das besondere Verhältnis zwischen Lyrik und Drama .
91
8.3.1
Lyrik .
91
8.3.2
Drama .
99
8.3.3
Überlappung von Drama und Lyrik
105
2
1 Zum Konzept und Aufbau dieser Arbeit
Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der Kategorisierung literarischer Texte. Allerdings
verfolgt sie den etwas ungewöhnlichen Ansatz, dass sie allgemeine poetologische und lite-
raturtheoretische Ansätze vor allem aus den Strukturen eines einzelnen literarischen Textes
herleitet und diese versucht durch das Heranziehen weiterer literarischer und literaturtheore-
tischer Texte zu unterstützen. Bei diesem zentralen literarischen Text handelt es sich um Sasa
Sokolovs "Skola dlja durakov".
Möglich wird diese radikal induktive Vorgehensweise aufgrund des besonderen Aufbaus
von "Skola dlja durakov". Ich bezeichne die Struktur dieses Textes als "analogistisch". Das
bedeutet, dass sowohl in der Form als auch im Inhalt des Textes analogisierende Merkmale die
differenzierenden Merkmale bei weitem übersteigen, was zu ganz bestimmten formalen Ef-
fekten und semantischen Implikationen führt. Eine wesentliche Wirkung der analogistischen
Struktur von "Skola dlja durakov" ist, dass absolut jeder semantische oder formale Komplex
sich mit allen anderen semantischen oder formalen Einheiten des Textes in einer Beziehung
gegenseitiger Teilhabe und gegenseitigen Einflusses befindet. Dadurch kommt es in "Skola
dlja durakov" zu einer ständigen Zirkulation von Form und Sinn. Diese Bewegung erfasst
auch die Kategorisierung des Textes. Im Rahmen von Sokolovs Text wird dadurch deutlich,
dass Textkategorien, so wie alle anderen Kategorien, sich zueinander nicht in einem Verhält-
nis völliger Diskretion, sonder in einem Verhältnis gegenseitiger Abstufung befinden. Dieses
Verhältnis tritt um so deutlicher zutage, je weniger differenziert die formalen und inhaltlichen
Aspekte sind, durch die ein bestimmtes Kategorisierungssystem indiziert wird. Da es ein pro-
grammatisches Ziel von "Skola dlja durakov" ist, die Grenzen aller Kategorien, darunter auch
von Textkategorien, als ambivalent und fließend darzustellen, wird hier besonders deutlich,
dass die diskrete Kategorisierung von Erscheinungen eine Konvention darstellt.
Da das Verhältnis von Analogie und Differenz sowohl für den Text von "Skola dlja dura-
kov" im Allgemeinen als auch für die in dieser Arbeit darauf aufbauenden Konzeptionen von
Textkategorisierung im Besonderen von grundlegender Wichtigkeit ist, habe ich zunächst ei-
nerseits an Beispielen aus Sokolovs Text und andererseits durch das Heranziehen literatur-
und kulturtheoretischer Texte versucht, die Bedeutung analoger und differenter Strukturen in
der allgemein menschlichen und in der ästhetischen Wahrnehmung zu verdeutlichen.
Eine der wesentlichen Folgen der analogistischen Struktur von "Skola dlja durakov" und
die Grundlage aller weiteren semantischen und formalen Analogisierungen ist die Analogisie-
rung von Zeit, Raum und der Zeichenproduktion im Text. Die Parameter von Zeit und Raum
und deren Vermitteltheit durch Zeichen stellen die basalen Voraussetzungen der menschlichen
3
Wahrnehmung dar. In "Skola dlja durakov" wird allerdings besonders deutlich, dass auch sie,
wie alles andere durch den Menschen Wahrgenommene, auf Analogie- und Differenzbezie-
hungen beruhen.
Infolge dessen war meine Überlegung, dass eine im Laufe der Literaturgeschichte immer
wieder versuchte umfassende Kategorisierung literarischer Texte auf der Grundlage von - auf
bestimmten Analogie- und Differenzverhältnissen beruhenden - Verhältnissen von Zeit, Raum
und Zeichenproduktion fußen könnte. Da die Parameter von Zeit, Raum und Zeichenprodukti-
on in jedem literarischen Text in irgendeiner Weise notwendig umgesetzt sein müssen, würde
eine sich darauf stützende Kategorisierung tatsächlich die Gesamtheit aller literarischen Tex-
te umfassen. Da allerdings Zeit, Raum und Zeichenproduktion immer auf einem bestimmten
Analogie- und Differenzverhältnis gründen, würden die Kategorien dieses Systems nicht in
einer diskreten sondern in einer relativen Beziehung zueinander stehen.
Bei meiner Konzeption eines umfassenden Systems zur Kategorisierung literarischer Texte
stütze ich mich vielfach auf das traditionelle und hoch konventionalisierte System der drei Ka-
tegorien von Drama, Lyrik und Epik. Ein wesentliches Merkmal, das dieses seit der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts in der europäischen Tradition immer populärer werdende Kate-
gorisierungssystem und mein Ansatz gemeinsam haben, ist der Anspruch auf Universalität:
Beide Systeme beziehen sich auf die wie auch immer definierte Gesamtheit aller literarischen
Texte. Für die Kategorien des von mir konzipierten Systems habe ich desweiteren die tradier-
ten Begriffe des Dramas, der Lyrik und der Epik beibehalten, da ich der Meinung bin, dass sich
die traditionelle Aufteilung der literarischen Texte nach diesen Begriffen und meine auf den
analogie- und differenzbestimmten Parametern der Zeit, des Raumes und der Zeichenproduk-
tion beruhende Kategorisierung wesentlich überschneiden. Insofern stellt mein Konzept eine
formal begründete Stützung der traditionellen umfassenden Unterteilung der Literatur in drei
sogenannte Hauptgattungen dar. Allerdings versuche ich meinen Ansatz vielfach auch durch
moderne literarische Kategorisierungskonzepte und -begriffe zu untermauern.
Zeit, Raum und die Produktion von Zeichen konstituieren meiner Konzeption nach im Rah-
men eines literarischen Textes notwendig mindestens zwei sogenannte Ebenen der Zeichen-
produktion. Je differenzierter ein Text in Hinsicht auf diese drei Parameter ist, desto mehr
Ebenen der Zeichenproduktion enthält er. Sowohl die Zahl als auch der Grad der Differen-
ziertheit dieser Ebenen der Zeichenproduktion bestimmt die tendenzielle Zugehörigkeit eines
Textes zu einer der drei Kategorien der Lyrik, des Dramas oder der Epik. Dahingehend stel-
le ich im letzten Teil dieser Arbeit durch Textbeispiele einige Bedingungen dar, die die Zahl
und die Differenziertheit der Ebenen der Zeichenproduktion in einem Text und damit dessen
Kategorisierung als episch, dramatisch oder lyrisch bestimmen.
4
Teil I
Analogistische Textstruktur von
"Skola dlja durakov"
Sasa Sokolov verfasste seinen Text "Skola dlja durakov" Anfang der 1970er Jahre im sowje-
tischen Russland.1 Dementsprechend lässt sich Sokolovs - im Übrigen außerordentlich viel-
seitiger - Text unter anderem als Ausdruck einer allgemeinen politischen und gesellschaftlich-
kulturellen Spannung sehen, die die sowjetische Breznev-Ära mehr oder weniger kennzeich-
nete: Einerseits herrschte eine umfassende lähmende Atmosphäre politischer und kulturel-
ler Stagnation, während andererseits die urbanen intellektuellen Schichten immer mehr von
einem untergründigen Gären in Form von Dissidentenkultur, Samizdat und Emigrationsbe-
wegungen erfasst wurden. Allerdings ist "Skola dlja durakov" nicht nur in politischer und
sozio-kultureller Hinsicht hochinteressant, sondern bietet auch unzählige Ansatzpunkte für
formal-ästhetische Überlegungen.
Bei der Konzeption des Textes nahm sich Sokolov vor, "Skola dlja durakov" solle keine
Dialoge und auch keine Handlung enthalten.2 Am ehesten ließen sich diese Bedingungen in
einem Gedicht, also einem lyrischen Text, als verwirklicht vorstellen. Allerdings umfasst die
in dieser Arbeit verwendete Zweitauflage von "Skola dlja durakov"3 169 weitestgehend im
Blocksatz gestaltete Seiten. Wie gelingt es also Sokolov innerhalb einer so langen Erzählzeit
Dialoge, die Darstellung einer Handlung und die Entwicklung einer Fabel zu vermeiden, ohne
jedoch den Leser das Interesse am Text verlieren zu lassen?
Den Dialog "eliminiert" Sokolov dadurch, dass er ihn verabsolutiert. Der Dialog, oder auch
allgemein der Polylog, ist die Grundlage jeglicher Darstellung in "Skola dlja durakov", was
zu einer Art Monologisierung des Polylogs führt. Wie dies im Einzelnen aussieht, soll weiter
unten im Text ausgeführt werden. Die Dissoziation der Fabel erreicht Sokolov dadurch, dass
er die Grundlagen der Fabel eines literarischen Textes - nämlich Raum, Zeit und die invol-
vierten Figuren - vollständig deterritorialisiert. Bemerkenswert dabei ist, dass gleichzeitig mit
der Dekonstruktion einer Handlung es Sokolov gelingt, eine Spannung aufzubauen, den Leser
1Fertiggestellt wurde "Skola dlja durakov" im Frühjahr 1973, zum ersten Mal auf Russisch veröffentlicht wur-
de der Text 1976 in den USA. Siehe dazu Johnson, D. Barton: Sasha Sokolov: A Literary Biography. In
Canadian-Amarican Slavic Studies, 3-4 1987, Nr. 21, S. 203230, S. 207 / 212.
2Ibid. S. 207.
3Sokolov, Sasa: Skola dlja durakov. 2. Auflage. Ann Arbor. 1983
5
sowohl in die formalen als auch in die semantischen Vorgänge zu involvieren.4 Dies gelingt
dadurch, dass alle Komponenten einer möglichen Fabel dekonstruiert werden, indem sie einer-
seits vorgeführt werden gleichzeitig jedoch nicht eindeutig festzumachen sind. Infolge dessen
stellt sich beim Lesen ein Gefühl von so etwas paradoxem wie einer gehaltvollen Leere ein.
D. Barton Johnson kommt im Rahmen einer strukturellen Analyse von "Skola dlja dura-
kov" zu dem Schluss, es handle sich bei dem Text um "A Paradigmatic Novel".5 Tatsächlich
ist der gesamte Text auf einem Spiel von Ähnlichkeiten und Differenzen aufgebaut. Dieses
Spiel betrifft nicht nur den semantischen Inhalt oder auch Teile der ästhetischen Form des
Textes, sondern es erfasst ihn vollständig, in jedem Aspekt, auf den der Rezipient des Textes
seine Aufmerksamkeit richtet. Spiel heißt in diesem Fall, dass es im Rahmen des Textes kei-
ne mehr oder weniger verbindlich festzumachenden Kontinuitäten in den Ähnlichkeits- und
Unähnlichkeitsbeziehungen gibt, wodurch eine dauerhafte Kategorisierung der Erscheinungen
im Text unmöglich gemacht wird.
Dieser Effekt kommt zustande, weil Sokolov exzessiv die Möglichkeiten ausnutzt und auch
aufzeigt, die die Identitäts- und Nicht-Identitätsbeziehungen in der menschlichen Wahrneh-
mung eröffnen. Die Wahrnehmung - oder auch Konstruktion - von Ähnlichkeits- und Diffe-
renzbeziehungen bildet die Grundlage menschlicher Existenz und ist die Voraussetzung der
Konstruktion solch basaler menschlicher Parameter wie Raum, Zeit und die Kontinuität des
Bewusstseins des eigenen Daseins. Dementsprechend sind auch die möglichen Vorstellungen
und Empfindungen von Zeit, Raum und der Kontinuität des menschlichen Bewusstseins zen-
trale Aspekte des Textes von "Skola dlja durakov".
2 Ähnlichkeiten und Differenzen - Identität und
Nicht-Identität
Für das Verständnis der semantisch-ästhetischen Vorgänge in "Skola dlja durakov" ist die
Erfassung der Bedeutung, die Ähnlichkeits- und Differenzbeziehungen nicht nur für die allge-
meine sondern auch für die ästhetische Wahrnehmung des Menschen haben, so grundlegend,
4Wie viele Analysen von "Skola dlja durakov" herausstreichen, wird ein überwiegender Teil der Aufmerksam-
keit des Lesers auf die formale Seite des Textes gelenkt, so dass die Form zu einer wesentlichen inhaltlichen
Komponente des Textes wird. Siehe dazu z.B. Ingold, Felix Philipp: "Skola dlja durakov". Versuch über Sasa
Sokolov. In Wiener Slawistischer Almanach, 1979, Nr. 3, S. 93124, S. 94.; Johnson, D. Barton: A Struc-
tural Analysis of Sasa Sokolov′s "School for Fools": A Paradigmatic Novel. In Birnbaum, H./Eekman, Th.
(Hrsg.): Fiction and Drama in Eastern and Southeastern Europe. Columbus. 1980, S. 207237, S. 210.
5Johnson, D. Barton: A Structural Analysis of Sasa Sokolov′s "School for Fools": A Paradigmatic Novel. In
Birnbaum, H./Eekman, Th. (Hrsg.): Fiction and Drama in Eastern and Southeastern Europe. Columbus. 1980,
S. 207237
6
dass ich in diesem Kapitel etwas ausführlicher darauf eingehen möchte.
Ein sowohl inhaltlich als auch formal zentrales Motiv in "Skola dlja durakov" ist, allgemein
gesprochen, einerseits die Spaltung einer Einheit und andererseits die Aufhebung der Spaltung
einer Einheit, sozusagen die (Wieder)Herstellung einer Einheit. Eine ständige formale Basis
der Darstellung im Text ist wie gesagt der Dialog. Und zwar handelt es sich um einen Dia-
log zweier6 bis zu einem gewissen Grad wie auch immer miteinander nicht identischer und in
einer bestimmten Weise bis zu einem Grad miteinader wiederum dennoch identischer mensch-
licher Bewusstsein. Der Grad der Identität und Nicht-Identität zwischen diesen miteinander in
Kommunikation befindlichen Bewusstsein schwankt im Verlauf des Textes. Im folgenden Ab-
schnitt wird dieser Dialog z.B. bis zu einem gewissen Grad7 im semantischen Rahmen einer
pathologischen Persönlichkeitsspaltung umgesetzt:
"Ved′ ja slezu za kazdym tvoim sagom - tak sovetoval mne doktor Zauze. Kog-
da nas vypisyvali ottuda, on sovetoval mne: esli8 vy9 zametite, cto tot, kogo vy
nazyvaete on, i kto zivet i ucitsja vmeste s vami, uchodit kuda-nibud′, starajas′
6Zuweilen besteht auch die nicht bis zuletzt gesicherte Möglichkeit, dass es sich dabei um einen Polylog han-
delt.
7Ganz vereindeutigen lässt sich die Interpretation auch an dieser Stelle nicht.
8Hier beginnt die Dialogsituation zwischen "doktor Zauze" und demjenigen, der sich durch die Phrase "on
sovetoval mne" als Rezipient von Doktor Zauzes Worten ausweist. Diese Dialogsituation zwischen "doktor
Zauze" und dem diesen Dialog aktuell wiedergebenden Ich hat ganz offensichtlich zeitlich vor der Wiederga-
be dieses Dialogs durch das Ich stattgefunden. Da das sprechende Ich für "doktor Zauze" das Pronomen "on"
verwendet, eröffnet sich jedoch die Möglichkeit, dass "doktor Zauze" mit dem "on" aus der Phrase "tot, kogo
vy nazyvaete on" identisch ist. In solch einem Fall wäre "doktor Zauze" eine der Persönlichkeitsausprägun-
gen des aktuell sprechenden Ichs. Es könnte jedoch auch sein, dass "doktor Zauze" mit keinem der beiden
"on" identisch ist und der Dialog folglich gar nicht oder nur teilweise mit "doktor Zauze" geführt wurde.
Schon an dieser Stelle wird deutlich, wie unmöglich es in "Skola dlja durakov" sein kann, eine genaue
Sprechsituation festzulegen. Anstatt einer präzisen Dialogsituation hat man hier sehr viele Möglichkeiten,
die unterschiedlichen Sprechpositionen zu belegen. Diese Möglichkeiten vervielfältigen sich noch zusätzlich,
wenn man die unterschiedlichen Sprechpositionen zueinander in Beziehung setzt.
9Durch den Gebrauch des Personalpronomens "vy" entsteht wiederum eine ambivalente Situation der Spaltung
und einer Aufhebung der Spaltung. Als Höflichkeitsform kann "vy" sowohl ein Singular als auch ein Plural
bezeichnen. Als zweite Person Plural bezeichnet "vy" immer eine Mehrzahl. Falls "vy" im Gebrauch von
"doktor Zauze" in diesem Fall als Plural interpretiert wird, kommt "tot, kogo vy nazyvaete on" als eine
weitere Einheit zur Mehrzahl der bezeichneten Personen hinzu. Das bedeutet, dass es sich in diesem Fall
um mindestens drei mehr oder weniger unterschiedliche Personen handelt. In diesem Fall wird, hinsichtlich
seines Rates, mit diesem "on" in einer einenden Handlung zu verschmelzen, die psychische Integrität von
"doktor Zauze" ambivalent. Denn das den Dialog zwischen sich und "doktor Zauze" aktuell wiedergebende
Ich zeigt durch die Phrase "Kogda nas vypisyvali ottuda, on sovetoval mne: [...]", dass es sich selbst eventuell
zum Zeitpunkt des Dialogs mit "doktor Zauze" und ganz sicher in der wiedergabe des Dialogs im Singular
gesehen hat und und sieht.
Falls ein Rezipient von "Skola dlja durakov" jedoch dem Urteil von "doktor Zauze" vertraut, gerät auch
die psychische Integrität dieses Rezipienten in einen ambivalenten Zustand. Es lässt sich jedoch auch denken,
dass das "vy" eine Singularität bezeichnet. In diesem Fall werden all die Mehrheiten der möglichen bezeich-
neten Personen und der sich daraus ergebenden möglichen Interpretation in einer Einheit aufgehoben.
Hier wird sichtbar, wie der Einsatz eines mehr als eindeutigen Personalpronomens innerhalb eines mehr
7
byt′ nezamecennym, ili prosto ubegaet, sledujte za nim, postarajtes′ ne upus-
kat′ ego iz vidu, po vozmoznosti bud′te blize k nemu, kak mozno blize, iscite
slucaj priblizit′sja k nemu nastol′ko, ctoby pocti slit′sja s nim v obscem dele, v
obscem postupke, sdelajte tak, ctoby odnazdy - takoj moment nepremenno nasta-
net - navsegda soedinit′sja s nim v odno celoe, edinoe suscestvo s nedelimymi
mysljami i stremlenijami privyckami i vkusami. Tol′ko v takom slucae, - utver-
zdal Zauze, - vy obretete pokoj i volju10. I vot ja, kuda by ty ni posel, sledoval za
toboj, i vremja ot vremeni mne udavalos′ slit′sja s toboj v obscem postupke, no ty
srazu progonjal menja, kak tol′ko zamecal eto, i mne opjat′ stanovilos′ trevozno,
daze strasno. [...] No ja vse-taki rasskazu ob etom, potomu cto ne ljublju tebja za
to, cto ty ne hoces′ slit′sja so mnoj v obscem postupke, kak sovetoval doktor."11
In diesem Abschnitt wird thematisch das umgesetzt, was die semantisch-ästhetische Grundla-
ge des gesamten Textes von "Skola dlja durakov" ausmacht, nämlich die Tatsache gleichzei-
tiger Differenzierung und Analogisierung von Bedeutungseinheiten im Rahmen der mensch-
lichen Wahrnehmung und die Frage nach der Möglichkeit der formalen Darstellung dieser
Tatsache.
Der Text von "Skola dlja durakov" erscheint so komplex, weil er jegliche Dualismen auf-
bricht und anstatt die Abgrenzungen zwischen den "Dingen" aufzuzeigen, ihre Überlappun-
gen betont. Meist ist es im Rahmen des Textes nicht möglich zu entscheiden, ob etwas so
oder anders ist, da einer Einheit im Text meist mindestens zwei unterschiedliche Zustände,
und die Zugehörigkeit zu mindestens zwei Sinnkomplexen oder Kontexten gleichzeitig zu-
geschrieben werden können. Über diese Bezugsetzungen kann im Rahmen des Textes jede
nur erdenkliche Einheit, sei sie formal oder inhaltlich, mit einer anderen beliebigen Einheit in
bedeutungsvollen Zusammenhang treten12, was eine Sinnexplosion zur Folge hat. Die Unend-
lichkeit und Beliebigkeit von möglichen Sinnzusammenhängen überfordert den Rezipienten,
als eindeutigen Kontextes den Rahmen möglicher Interpretationen der betreffenden Textstelle sprengt und
eine semantische Festlegung unmöglich macht.
10Der intertextuelle Bezug zu Aleksandr Puskins Gedicht "Pora, moj drug, pora ..." (1834) wird in Form des
teilweisen Zitats des fünften Verses des Gedichtes "Na svete scast′ja net, no est′ pokoj i volja." im Text von
"Skola dlja durakov" immer wieder hergestellt.
Puskin, A.S.: Pora, moj drug, pora. In Ders.: Sobranie socinenij A.S. Puskina v desjati tomach. Band 2,
Moskva. 1959, S. 387
11Sokolov: S. 71.
12z.B. durchziehen die Motive "Schmetterling" (babocka) und "Fass" (bocka) - letzteres als Symbol für leere, zu
füllende Räume - den Text. Semantisch weisen diese beiden Motive nur wenige Gemeinsamkeiten auf. Über
die Verbindung mit der Hauptfigur des Sonderschülers und über die phonetische Gemeinsamkeit - phonetisch
bildet "bocka" einen Teil des Wortes "babocka" - werden diese beiden Motive jedoch miteinander verbind-
bar. Über die Phonetik kann hier z.B. auch das Motiv der Großmutter (babuska) und der damit verbundene
Themenkomplex angegliedert werden.
8
wodurch sich bei ihm letztendlich ein Gefühl der "Sinnlosigkeit" des Textes von "Skola dl-
ja durakov" einstellt. Was ab einem bestimmten Punkt in der Rezeption mehr oder weniger
eindeutig wahrgenommen wird, ist die bloße Möglichkeit der Generierung von Sinn.
Damit erfährt der Rezipient "am eigenen Leib" eines der Leitmotive von "Skola dlja dura-
kov", das sich zum Beispiel auch in der folgenden Passage - einem Gespräch zwischen einem
möglichen, in seinem Bewusstsein gespaltenen, Sonderschüler und seinem zu diesem Zeit-
punkt wahrscheinlich schon verstorbenen Lieblingslehrer - thematisch widerspiegelt:
"Ucenyj piset: esli vy zelaete znat′ pravdu, to von13 ona:14 u vas zdes′ net
nicego - ni sem′i, ni raboty, ni vremeni, ni prostranstva, ni vas samich, vy vse eto
pridumali. Soglasen, - slysim my golos Savla, - ja, skol′ko sebja pomnju, nikogda
v etom ne somnevalsja. I tut my skazali: Savl Petrovic, no cto-to vse-taki est′, eto
stol′ ze ocevidno, kak to, cto reka nazyvaetsja.15 No cto ze, cto imenno, ucitel′? I
tut on otvetil: [...]: na svete net nicego16, na svete net nicego, na svete net nicego,
krome Vetra17! A Nasylajuscij?, - sprosili my. I krome Nasylajuscego18, - otvecal
ucitel′."19
Um einerseits die grenzenlosen Möglichkeiten der Sinngenerierung und andererseits die dar-
13Die Verwendung des Demonstrativpronomens "von" anstatt des eher zu erwartenden Ausdrucks "vot ona"
hat einen deautomatisierenden Effekt. Es entsteht eine räumliche Metapher und damit der Eindruck, der
Rezipient der Wahrheit müsse sich auf diese erst aktiv zu bewegen, bevor er sie erfassen kann.
14Bemerkenswert ist der zweimalige Doppelpunkt innerhalb eines Satzes, was hier wiederum eine gedoppelte
Sprechsituation anzeigt. Vor dem ersten Doppelpunkt wird der Sprecher markiert, der die Worte des Wissen-
schaftlers wiedergibt. Vor dem zweiten Doppelpunkt werden die Zeichen des Wissenschaftlers - der nach dem
zweiten Doppelpunkt einen bestimmten Sachverhalt darlegt - markiert. Damit wird formal auf die Vervielfäl-
tigung der Sprechinstanzen und Sprechsituationen im Rahmen einer "ursprünglichen" oder "anfänglichen"
Sprechsituation hingewiesen.
15Im gesamten Text wird immer wieder thematisiert, dass der Fluss einen Namen hat, es sich jedoch nicht
erinnert werden kann, wie der Fluss heißt. An anderen Stellen handelt es sich bei dem Fluss um Lethe, den
Fluss des Vergessens.
16Hier wird wieder der - diesmal negierende - intertextuelle Zusammenhang mit Puskins Gedichtzeile "Na svete
scast′ja net, no est′ pokoj i volja." hergestellt.
17Das Motiv des Windes, der von einem Bewusstsein in einer Atmosphäre der Windlosigkeit aus dem Nichts
geschaffen werden kann, ist ein roter Faden, der sich durch den gesamten Text zieht.
18"Nasylajuscij Veter" ist eine mysteriöse Figur im Text, die in der Lage ist, Wind gezielt zu produzieren. Der
Wind tritt letztendlich als die Vorstufe von Sinn und Ordnung auf, die diese erst möglich macht. Er ist aller-
dings auch in der Lage schon bestehende Ordnungen, z.B. in der Form einer Datschensiedlung, zu zerstören,
um die Entwicklung einer neuen Ordnung und eines neuen, anderen Sinns zu ermöglichen. Der Wind ga-
rantiert damit die Veränderung in der Kontinuität, und die kontinuierliche Veränderung. Allerdings entsteht
der Wind nicht beliebig, sondern er muss durch den "Heraufbeschwörer des Windes", der sich letztendlich
in jedem Bewusstsein manifestieren kann, erschaffen werden. Damit wird deutlich gemacht, dass jede Sinn-
konstitution und -modifikation einen mehr oder weniger bewussten "Schöpfer" braucht.
19Sokolov: S. 149.
9
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