Bei GRIN registrieren oder einloggen

Your e-mail-address or password is wrong
Jetzt registrieren
Für neue Autoren: kostenlos, einfach und schnell
Dies wird Ihr Benutzername, bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse an

Passwort vergessen

Your e-mail-address or password is wrong

Neues Passwort anfordern
'Keine Sprache hat Worte dafür, um das auszudrücken' close

Bitte warten

Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.

'Keine Sprache hat Worte dafür, um das auszudrücken'

Untertitel: ÜbErleben vs. Erzählen. Analyse eines biographisch-narrativen Interviews mit einer Zeitzeugin

Seminararbeit, 2000, 30 Seiten
Autor: Marion Luger
Fach: Geschichte - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2000
Seiten: 30
Note: 1,00
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V135153
ISBN (E-Book): 978-3-640-43264-6
ISBN (Buch): 978-3-640-43287-5

Zusammenfassung / Abstract

ZeitzeugInnen sind eine wichtige Quelle moderner Historiographie. Im Hinblick auf die Erfahrungen im Nationalsozialismus im Allgemeinen und im Konzentrationslager im Besonderen kommt den Erzählungen von ZeitzeugInnen zentrale Bedeutung zu. Eine für das vorliegende Forschungsthema besonders geeignete Methode, Erzählungen zu reproduzieren, ist die der „Oral History“ und im Speziellen das biographisch-narrative Interview. Indem die AkteurInnen frei assoziativ und detailreich über ihr Leben berichten, wird - im Gegensatz zum dialogisch geführten Interview - nachvollziehbar, wie die im Text formulierte Vorstellung von Vergangenheit zustande kommt. Die von 1942 bis 1945 im KZ Ravensbrück internierte Zeitzeugin I. T. berichtete im Rahmen eines biographisch-narrativen Interviews über die Zeit vor, während und nach der Verhaftung durch die Nationalsozialisten. Die vorliegende Arbeit stellt eine Auswertung dieser Erzählung dar, die sich am Modell der „Sequentiellen Textanalyse“ nach Reinhard Sieder orientiert: Die - nach thematischen Aspekten gegliederten - 53 Sequenzen der Haupterzählung wurden paraphrasiert und Hypothesen zur Biographie und deren Darstellungsform auf Thesenblättern eingetragen, um den „Lebensprozeß [...] in seiner äußerlichen Ereignishaftigkeit und in seiner innerlichen Erfahrungs-, Erlebnis- und Wissensaufschichtung [zu] rekonstruieren“. Diese Dichotomisierung diente einerseits dazu, hypothetische Handlungs- und Erzählspielräume auszuloten; primär sollen im Folgenden jedoch Hypothesenstränge aufgezeigt werden, die sich infolge der Textanalyse herauskristallisierten und als plausibel erwiesen. Zunächst veranschaulicht I.s Lebenslauf (Kapitel 2) die Korrelation zwischen Handlungsbedingungen und persönlich initiierten Aktivitäten. Anschließend kommt in Kapitel 3 ein wesentlicher Faktor der „erlebten“ Geschichte der Zeitzeugin zur Sprache: Das Überleben in NS-Gefangenschaft und die dafür vorhandenen Prädispositionen. Darauf folgen in Kapitel 4 konstatierte Merkmale der „erzählten“ Geschichte, die die Biographie konstituieren. Schließlich soll Kapitel 5 einige Aspekte vor Augen führen, die bei der Quellenkritik eines biographisch-narrativen Interviews zu beachten sind.


Textauszug (computergeneriert)

754 119 Seminar für Zeitgeschichte:

Oral History des Überlebens in Ravensbrück und Mauthausen

,,KEINE SPRACHE HAT WORTE DAFÜR,

UM DAS AUSZUDRÜCKEN..."

ÜbErleben vs. Erzählen.

Analyse eines biographisch-narrativen Interviews

mit der Zeitzeugin I. T.

Marion Luger

Wintersemester 1999/2000


INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung 3

2. Lebenslauf 5

3. Prädispositionen zum Überleben 6

3.1. Werte 6

3.2. Zugehörigkeit zur slowakischen/tschechischen Volksgruppe 7

3.3. Ehrgeiz und Bildung 9

3.4. Positives Denken und Hoffnung 10

3.5. Selbstdisziplin und Selbstachtung 12

3.6. Richtig kalkuliertes Risiko und rationales Handeln 13

3.7. Solidarität 15

4. Tendenzen der Erzählweise 16

4. 1. Erzählstil 16

4.2. Rechtfertigungen 18

4.3. Objektivität 21

4.3.1. Exkurs: Wertung der Menschen 22

4.4. Thematisierung von Demütigungen und Enttäuschungen 23

5. Divergenzen zwischen erlebter und erzählter Geschichte 25

6. Zusammenfassung 27

7. Literaturverzeichnis 28

2


1. EINLEITUNG

Im

deutschen

Sprachraum

vollzog

sich

in

den

1960er

Jahren

ein

Paradigmenwechsel

von

der

Ideen-

und

Politikgeschichte

zur

Historischen

Sozialwissenschaft, und damit rückte die Beschäftigung der HistorikerInnen mit den

Strukturen der Gesellschaft in den Vordergrund. In den achtziger Jahren begann sich

eine weitere Veränderung abzuzeichnen. Die verstärkte Kritik an der struktural

orientierten Historischen Sozialwissenschaft mit ihrer ,,Suche nach gesetzmäßigen

Abläufen in der Geschichte"1 und ihrem Verzicht auf die Betrachtung der AkteurInnen

eröffnete ein neues Konzept in der Geschichtswissenschaft. Mit der Hinwendung der

HistorikerInnen zum Individuum als Mitgestalter seiner Lebensbedingungen und der

ihn umgebenden Strukturen erfolgte der Versuch, ,,soziale Logiken der Handelnden

empirisch zu rekonstruieren",2 wozu es der Analyse und Interpretation deren

Äußerungen bedarf.

Eine für das vorliegende Forschungsthema besonders geeignete Methode,

Erzählungen zu reproduzieren, ist die der ,,Oral History" und im Speziellen das

biographisch-narrative

Interview.

Indem

die

AkteurInnen

frei

assoziativ

und

detailreich über ihr Leben berichten, wird - im Gegensatz zum dialogisch geführten

Interview

-

nachvollziehbar,

wie

die

im

Text

formulierte

Vorstellung

von

Vergangenheit zustande kommt.3

In Anlehnung an Reinhard Sieder wurden beim Interview mit I. T. folgende

Phasen berücksichtigt: Kontaktaufnahme, Terminvereinbarung, Gesprächsanleitung,

Haupterzählung (ohne Unterbrechung von Seiten der Interviewerinnen), immanentes

(rückgreifendes) Fragen zur verstärkten Detaillierung, exmanentes (indexikalisiertes)

Nachfragen zur Beseitigung von Unklarheiten, abschließendes Gespräch und

Verabschiedung.4

Das

in

der

vorliegenden

Arbeit

angewandte

Modell

der

,,Sequentiellen Textanalyse"5 orientiert sich ebenfalls an Reinhard Sieder: Die - nach

thematischen Aspekten gegliederten - 53 Sequenzen der Haupterzählung wurden

1 Gert Dressel: Historische Anthropologie. Eine Einführung. Mit e. Vorwort von Michael Mitterauer. -

Wien/Köln/Weimar: Böhlau 1996, S. 66.

2 Reinhard Sieder: Erzählungen analysieren - Analysen erzählen. Narrativ-biographisches Interview,

Textanalyse und Falldarstellungen. - In: Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine

Einführung. Hg. v. Karl R. Wernhart u. Werner Zips. - Wien: Promedia 1998, S. 148.

3 Vgl. Sieder: Erzählungen, S. 149f., 152.

4 Vgl. Sieder: Erzählungen, S. 150-156. Traude Bollauf und ich haben von November 1999 bis Jänner

2000 drei narrative lebensgeschichtliche Interviews in der Länge von insgesamt 4 Stunden 15

Minuten durchgeführt. Davon entfallen 3 Stunden 10 Minuten auf die Haupterzählung, der Rest auf

immanentes und exmanentes Nachfragen.

5 Sieder: Erzählungen, S. 160.

3


paraphrasiert und Hypothesen zur Biographie und deren Darstellungsform auf

Thesenblättern eingetragen, um den ,,Lebensprozeß [...] in seiner äußerlichen

Ereignishaftigkeit

und

in

seiner

innerlichen

Erfahrungs-,

Erlebnis-

und

Wissensaufschichtung

[zu]

rekonstruieren".6

Diese

Dichotomisierung

diente

einerseits dazu, hypothetische Handlungs- und Erzählspielräume auszuloten; primär

sollen im Folgenden jedoch Hypothesenstränge aufgezeigt werden, die sich infolge

der Textanalyse herauskristallisierten und als plausibel erwiesen.7

Zunächst veranschaulicht I.s Lebenslauf (Kapitel 2) die Korrelation zwischen

Handlungsbedingungen und persönlich initiierten Aktivitäten. Anschließend kommt in

Kapitel 3 ein wesentlicher Faktor der ,,erlebten" Geschichte der Zeitzeugin zur

Sprache: Das Überleben in NS-Gefangenschaft und die dafür vorhandenen

Prädispositionen. Darauf folgen in Kapitel 4 konstatierte Merkmale der ,,erzählten"

Geschichte, die die Biographie konstituieren. Schließlich soll Kapitel 5 einige Aspekte

vor Augen führen, die bei der Quellenkritik eines biographisch-narrativen Interviews

zu beachten sind.

6 Sieder: Erzählungen, S. 160.

7 Die Optionen der Akteurin werden in der vorliegenden Arbeit nicht thematisiert; dass I. ,,in der

Mehrzahl der (Entscheidungs-)Fälle auch anders [hätte] handeln können, als [sie] tatsächlich

gehandelt hat", setze ich voraus; eine Auflistung aller potentiellen Aktivitäten und Interaktionen

würde ins Uferlose führen und entbehrt m. E. jeglicher forschungsökonomisch vertretbaren

Grundlage. Sieder: Erzählungen, S. 160.

4


2. LEBENSLAUF

I. T. kommt am 2. Oktober 1917 als zweites von vier Kindern einer slowakischen

Arbeiterfamilie

in

Wien

zur

Welt.

Sie

wächst

in

beengten,

ärmlichen

Wohnverhältnissen auf; dennoch absolvieren (mit Ausnahme der Mutter, die im

Haushalt tätig ist) alle Familienmitglieder eine Ausbildung: Dem Vater gelingt der

Aufstieg vom Hilfsarbeiter zum Maschinisten in einer Wiener Eisfabrik, die

Geschwister können ihre (tschechischen) Schulen beenden und Berufe ergreifen.

I. studiert nach der Matura an der Pädagogischen Akademie in Prag und unterrichtet

anschließend (ab dem Schuljahr 1936/37) an der ,,Komensky-Schule" im 20. Bezirk,

,,was immer mein Traum war".8 (1/3) Nach dem ,,Anschluss" 1938 werden alle

tschechischen Schulen geschlossen; I. beginnt 1940 an der Universität Wien

Slawistik zu studieren.

Das Nachfolgemodell des 1934 verbotenen sozialdemokratischen Turnvereins

DTS, der ,,Tschechoslowakische Turnverein" (CTS: Ceskoslovensky telovicné

spolek9), wird zur Tarnorganisation für die Auflehnung gegen die NS-Herrschaft. Als

Mitglied dieser Gruppe verfasst I. gemeinsam mit ihrem Verlobten Ludwig Stepánik

Flugblätter; mit Kriegsausbruch schreibt sie Kettenbriefe an Soldaten und beteiligt

sich an Sabotageakten. 1941 wird die Widerstandsgruppe verraten und I. im

September

von

der

Gestapo

verhaftet.

Nach

einjähriger

Einzelhaft

im

Gefangenenhaus auf der Rossauer Lände deportiert man sie - gemeinsam mit

anderen ,,Wiener Tschechinnen" - in das KZ Ravensbrück, wo sie schließlich auf den

so genannten ,,politischen" Block zur Blockältesten Rosa Jochmann kommt.

Kurze Zeit arbeitet I. in der Fabrik der Firma Siemens am Fließband, dann

avanciert sie zur Dolmetscherin und Schreiberin in Halle 3. In dieser Funktion

betreibt sie Sabotage, und als Stubenälteste auf der ,,Internationalen Stube" des neu

errichteten ,,Siemens-Lagers" erlaubt sie kulturelle Betätigung mit politischen

Aspekten. Aufgrund des Verrats dieser Aktivitäten wird I. im Jänner 1945 strafweise

in die Uckermark versetzt, ein Lager, das anfangs der Erziehung ,,asozialer"

Mädchen diente, dann aber in ein Vernichtungslager für alte und kranke Frauen

umfunktioniert wurde. In diesem ,,Inferno" (1/17) versucht sie als Stubenälteste im

Rahmen des Möglichen Frauen vor den dort stattfindenden Selektionen zu

8 Die wörtlichen Zitate aus den Interviews werden (zwischen runden Klammern) zunächst mit der Zahl

des Gesprächs und nach dem Schrägstrich mit der Seitenzahl des Transkripts angegeben.

Vergleichende Zitate sind in den Fußnoten angegeben. Zum Titel der Arbeit siehe (1/19).

9 Michael John: Vom Konzentrationslager zum Parteiverfahren. - In: Volksstimme vom 10.08.1990.

5


bewahren. Im Frühjahr 1945 gelingt es ihr, in das Hauptlager zurückzukehren.

Dieses wird - aufgrund des Nahens der Roten Armee - zwischen 26. und 29. April

1945 von der SS aufgelöst, die Häftlinge müssen in ,,Todesmärschen" gegen Westen

ziehen. I. flieht - nach Verabredung mit Freundinnen - in der ersten Nacht und

erreicht nach einer abenteuerlichen Reise Ende Mai 1945 Wien. Bei der Ankunft

erwarten sie schlimme Neuigkeiten: Das Elternhaus ist zerbombt, die beiden Brüder

Stephan und Jan sowie der Verlobte sind umgekommen. Doch die Eltern und I.s

Schwester haben überlebt.

Ab

1946

ergreift

I.

verschiedene

Berufe,

etwa

als

Sekretärin

des

Kulturattachés der tschechischen Gesandtschaft oder als Sachbearbeiterin bei den

,,Siemens-Reiniger-Werken". Noch im Jahr 1945 tritt sie der KPÖ bei, gerät allerdings

bald mit der ,,Parteidisziplin" in Konflikt und sieht sich schließlich in einem gegen sie

eingeleiteten Parteigerichtsverfahren mit Vorwürfen konfrontiert, die sich später als

unbegründet erweisen. Sie legt ihre Funktionärstätigkeit nieder und verlässt 1968 die

KPÖ.

3. PRÄDISPOSITIONEN ZUM ÜBERLEBEN

3.1. Werte

Ein wesentlicher Faktor, an den sich die Zeitzeugin klammern kann, der die

Selbstachtung und somit den Überlebenswillen aufrechterhält, ist das Festhalten an

Leitbildern, die sie bereits in Kindheit und Jugend erfuhr. I. verbalisiert explizit, dass

ihr die im Elternhaus vermittelten Werte über die Zeit im KZ hinweghalfen: ,,[I]ch bin

froh, dass ich solche Eltern hatte, die mich so erzogen haben, denn obwohl das

Leben, das ich nachher, nach meiner Verhaftung, geführt habe, nicht leicht war, so

hatte ich es dadurch leicht, dass ich diese Erziehung hatte, diese Ideale hatte, diese

Vorstellung, wie ein Mensch leben soll, behandelt werden soll." (1/4) Diese Maßstäbe

dienen in zweifacher Hinsicht der Orientierung: Einerseits weiß I., wie sie selbst zu

handeln hat (vor allem im Umgang mit Mithäftlingen), andererseits gelangt sie zur

Gewissheit, dass die NationalsozialistInnen nach falschen Zielen streben. Dies

ermöglicht ihr, sich klar von den wahren Verbrechern abgrenzen, die sie zugleich

eindeutig als ihre Feinde definiert, gegen die Maßnahmen ergriffen werden können.10

10 Vgl. (3/47)

6



Kommentare

Bisher keine Kommentare

Kommentar hinzufügen
Ihr Kommentar wird redaktionell geprüft und dann freigeschaltet

Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:


Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/135153/keine-sprache-hat-worte-dafuer-um-das-auszudruecken
please wait Bitte warten