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Untertitel: Vom Einstieg bis in die 1920er Jahre
Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007, 57 Seiten
Autor: Liam Hopewell
Fach: Technik
Details
Tags: Agfa, Berliner Aktien-Gesellschaft für Anilinfabrikation, Anilinfarben, Fotochemie, Photochemie, Fototechnik, Geschichte der Fotografie, Entwickler, Risikoinvestition, Liam Hopewell
Jahr: 2007
Seiten: 57
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-44234-8
ISBN (Buch): 978-3-640-44273-7
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Zusammenfassung / Abstract
Der Name „Agfa“ steht heute für Kameras, Fotopapiere und natürlich Filme. Und auch wenn diese seit wenigen Jahren nicht mehr produziert werden, wird sich ein jeder an die Agfa wegen dieser Produkte erinnern können – nicht zuletzt weil viele der entwickelten Fotos in den privaten Fotoalben auf der Rückseite den markanten Schriftzug der Berliner Aktien-Gesellschaft für Anilinfabrikation, kurz Agfa, tragen. Die Frage die sich in diesem Beitrag aber nun stellt ist: wie konnte sich ein Unternehmen, welches sich mit der Herstellung von Anilin-Farbstoffen beschäftigte, an die Produktion photochemischer Produkte wagen? War es nicht äußert riskant in einen Markt zu investieren, wo mehrere andere Unternehmen bereits seit einem Jahrzehnt in gewissen Mengen photochemische ‚Massenprodukte‘ auf den Markt brachten und bereits über das nötige Know-How verfügten? Fotografien waren zudem ein Luxusprodukt und der Absatzmarkt dementsprechend klein und hart umkämpft. Fakt ist, dass die Agfa damals diesen Schritt unternahm – ungeachtet des fehlenden Know-Hows. Diese Untersuchung möchte daher klären wie es zu diesem Einstieg kam und wie es den Chemikern und Ingenieuren der Agfa gelang, photochemische Produkte zu entwickeln und auf dem hart umkämpften Markt zu bestehen. Sie möchte so vor allem die Schwierigkeiten aufzeigen, die es zu meistern galt und sich zum Schluss der Frage stellen, ob es nicht doch ein zu riskanter Einstieg in eine neue chemische Branche war. Der betrachtete Zeitraum wird sich auf die Jahre zwischen dem Einstieg der Agfa in die Photochemie (1889) und den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg beschränken. Zusätzlich hierzu wird diese Arbeit nicht darum herum kommen, die Geschichte der Photochemie in einem kurzen Überblick zu behandeln, um so die Unternehmungen der Agfa richtig einordnen zu können und um eine Verständnis-Grundlage für die späteren Beschreibungen photochemischer Prozesse und Entwicklungen zu liefern. Auch eine kleine Firmenbiografie wird der eigentlichen Untersuchung voran zu stellen sein.
Textauszug (computergeneriert)
LIAM HOPEWELL
Die Agfa u
nd die
Photochemie eine
Risikoinvestition?
Der Einstieg der Agfa in die
Photochemie und ihre anfänglichen
Probleme der Massenproduktion
photochemischer Produkte
Technik-
Geschichte
Neuzeit
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
Einleitung
Der Name ,,Agfa" steht heute für Kameras, Fotopapiere und
natürlich Filme. Und auch wenn diese seit wenigen Jahren
nicht mehr produziert werden, wird sich ein jeder an die Agfa
wegen dieser Produkte erinnern können nicht zuletzt weil
viele der entwickelten Fotos in den privaten Fotoalben auf
der Rückseite den markanten Schriftzug der Berliner
A
ktien-
G
esellschaft
f
ür
A
nilinfabrikation, kurz Agfa, tragen.
Die Frage die sich in diesem Beitrag aber nun stellt ist: wie
konnte sich ein Unternehmen, welches sich mit der
Herstellung von Anilin-Farbstoffen beschäftigte, an die
Produktion photochemischer Produkte wagen? War es nicht
äußert riskant in einen Markt zu investieren, wo mehrere
andere Unternehmen bereits seit einem Jahrzehnt in
gewissen Mengen photochemische ,Massenprodukte` auf den
Markt brachten und bereits über das nötige Know-How
verfügten? Fotografien waren zudem ein Luxusprodukt und
der Absatzmarkt dementsprechend klein und hart umkämpft.
Fakt ist, dass die Agfa damals diesen Schritt unternahm
ungeachtet des fehlenden Know-Hows.
Diese Untersuchung möchte daher klären wie es zu diesem
Einstieg kam und wie es den Chemikern und Ingenieuren der
1
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
Agfa gelang, photochemische Produkte zu entwickeln und auf
dem hart umkämpften Markt zu bestehen. Sie möchte so vor
allem die Schwierigkeiten aufzeigen, die es zu meistern galt
und sich zum Schluss der Frage stellen, ob es nicht doch ein zu
riskanter Einstieg in eine neue chemische Branche war.
Der betrachtete Zeitraum wird sich auf die Jahre zwischen
dem Einstieg der Agfa in die Photochemie (1889) und den
ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg beschränken. Zusätzlich
hierzu wird diese Arbeit nicht darum herum kommen, die
Geschichte der Photochemie in einem kurzen Überblick zu
behandeln, um so die Unternehmungen der Agfa richtig
einordnen zu können und um eine Verständnis-Grundlage für
die späteren Beschreibungen photochemischer Prozesse und
Entwicklungen zu liefern. Auch eine kleine Firmenbiografie
wird der eigentlichen Untersuchung voran zu stellen sein.
Ein erstes Problem, welches die Bearbeitung dieses Themas
mit sich brachte, war die Beschaffung geeigneter Literatur.
Schnell stellte sich heraus, dass die aktuelle ,,Firmenbiografie"
zur Geschichte der Agfa von Günther Kadlubek wenig
geeignet war, um Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeit
zu sein. Weder verfügt diese Biografie über Literatur- und
Quellenangaben, die darüber Aufschluss geben könnten,
woher der Autor seine Informationen bezieht, noch weist
2
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
dieses Buch ein wissenschaftliches Vorgehen bzw.
historisches Verständnis auf. Die Verwendung dieses Buches
beschränkt sich dementsprechend auf die Entnahme von
Fotografien von Originaldokumenten.
Dieser Aufsatz wird sich daher vorwiegend auf die jährlichen
Veröffentlichungen ,,Aus der Geschichte der Filmfabrik
Wolfen" stützen, welche als Aufbereitung der Geschichte der
Agfa anhand der verbliebenen Materialen des Firmenarchivs
anzusehen ist.1 ,,Verbliebene Materialen" soll dabei
gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass viele Unterlagen, vor
allem technische Aufzeichnungen aus den Laboren und
Werken, nicht mehr auffindbar sind und jene Beiträge zur
Geschichte der Agfa lückenhaft bleiben müssen.2 Generell
besteht dieses Problem der Lückenhaftigkeit der Geschichte
1 Einschränkend muss zu dieser Literatur gesagt werden, dass sie
vor 1989 in der DDR entstand und dementsprechend wie z.B. die
Auslegung der Kapitalbündelung in der IG Farben, stark in eine
kommunistische Sicht getaucht sind, vgl. Löhnert, Peter; Mustroph,
Heinz: Von der Trockenplatte zum Schwarz/Weiss Kinefilm, in: Aus
der Geschichte der Filmfabrik Wolfen, hrsg. von Betriebsarchiv der
VEB Filmfabrik Wolfen, Band 61, Wolfen 1987, S. 12 [im Folgenden
zitiert als: Wolfen 61], dies ist für die von dieser Arbeit genutzten
Textstellen, die sich zumeist auf technische Beschreibungen und
wiedergegebene Jahresberichte des Konzerns stützt, jedoch nicht
ausschlaggebend.
2 Die meisten Dokumente wurden von der sowjetischen
Besatzungsmacht nach dem 2. Weltkrieg beschlagnahmt, vgl.
Wolfen 61, S. 5 und S. 37f, als auch Wolfen 63, S. 24f.
3
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
der Agfa. So ist die Literatur dünn gesät und die Geschichte
aus heutiger Sicht lässt sich wohlmöglich nur noch durch
Photohandbücher, Werbeblätter und Geschäftsberichte in
akribischer Kleinarbeit rekonstruieren.
Die nächstältere Firmenbiografie nach der Kadlubeks von
Professor Erich Stenger aus dem Jahr 1939, in Verbindung mit
den Berichten ,,Aus der Geschichte der Filmfabrik Wolfen",
ermöglichten aber dennoch eine ausreichende
Rekonstruktion der Firmengeschichte, um die oben
aufgeworfenen Fragen zufriedenstellend beantworten zu
können.
In einem ersten Schritt soll nun die Firmengeschichte der
Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation grob umrissen
dargestellt werden.
4
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
Geschichte der Agfa
a. Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation
Die Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation hat, wie ihr Name
bereits sagt, erst einmal nichts mit den späteren
photochemischen Produkten zu tun. Sie war ein
Unternehmen zu Produktion von Anilin-Farbstoffen3 und ist
es auch nach dem Einstieg in die Photochemie immer
geblieben.
Das Gründungsjahr ist ein wenig umstritten, da die
,,eigentliche" Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation aus zwei
Unternehmen hervorgegangen ist, von dem bereits eines
einen ähnlichen Namen, nämlich ,,Gesellschaft für
Anilinfabrikate", trug. 4
Die ,,Gesellschaft für Anilinfabrikate" wurde am 6. März 1867
von Dr. Carl Alexander Martius5 und Dr. Paul Mendelssohn-
3 Farbstoffe basierend auf der organischen Schlüsselsubstanz
C6H5NH2, welche u.a. zur Textilfärbung genutzt wurden, vgl. Art:
Henglein, Ernst: Lexikon chemische Technik, Weinheim / Basel / u.a.
1988, S. 33 [im Folgenden zitiert als Henglein: Chemische Technik].
4 Wolfen 61, S. 7
5 Martius war zuvor Schüler und Assistent jenes Professor Hofmanns
gewesen, welche maßgeblich an der Entwicklung der ersten
künstlich hergestellten organischen Farbstoffe beteiligt gewesen
war. Martius brachte somit ganz besonderes Know-How mit in das
Unternehmen, vgl. Wolfen 61, S. 7.
5
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
Bartholdy in Berlin gegründet. Das Unternehmen
spezialisierte sich dabei auf bestimmte Zwischenprodukte für
die Farbenindustrie. So wurden Anilin-Öl und Mirban-Öl, als
auch Methylanilin produziert. Später folgten ein erstes
pharmazeutisches Produkt, das Chloralhydrat und die
Produktion von Salpetersäure. Mit der Zeit rechnete sich
jedoch die Produktion von Zwischenprodukten nicht mehr.
Viele Unternehmen der Teerfarbenindustrie setzen
zunehmend auf eigene Lösungen und produzierten die
Zwischenprodukte selbst. Das Unternehmen von Martius und
Mendelssohn-Bartholdy musste sich also den neuen
wirtschaftlichen Bedingungen anpassen. Die Lösung für das
wirtschaftliche Weiterbestehen fand man in einer Fusion.
Hierzu verständigte man sich mit der am 11. Dezember 1850
gegründeten ,,Jordanschen Fabrik". Diese produzierte seit
1863 Anilin-Farbstoffe, dafür aber keine Zwischenprodukte
und war, ebenfalls wie die Fabrik von Martius und
Mendelssohn-Bartholdy, in Berlin ansässig. Man beschloss
analog zu den großen Farbenunternehmen im Rhein/Main
Gebiet, ein neues starkes Farbenunternehmen zu schaffen
und dafür zu sorgen auch in Zukunft noch konkurrenzfähig zu
bleiben. Als Namen des neuen Unternehmens übernahm man
in leicht abgewandelter Form die Bezeichnung der
6
Die Agfa und die Photochemie eine Risikoinvestition?
,,Gesellschaft für Anilinfabrikate" und nannte das neue
Unternehmen ,,Actien-Gesellschaft für Anilinfabrikation zu
Berlin". Der Grund für die Übernahme dieser Bezeichnung lag
darin begründet, dass man mit dem neuen Unternehmen
ebenfalls auf die breite finanzielle Basis einer
Aktiengesellschaft setzen wollte, was bei der Jordanschen
Fabrik jedoch nicht gegeben war.6
Der Zusammenschluss der beiden Unternehmen erfolgte
schließlich am 21. Juli 1873. Die später zum Globalplayer
aufsteigende Agfa war gegründet. 7
Das Unternehmen konzentrierte sich schließlich auf die
Produktion von Farbstoffen und Zwischenprodukte und
passte sich den Bedürfnissen der Kunden an, indem es auch
neue Farbstoffe, wie das Rubin, Anilinblau und das
Methylviolett, einführte. 8
Der richtige Durchbruch gelang der AG jedoch erst mit dem
1878 entwickelten Malchitgrün, welches ein Verkaufsschlager
wurde. Jedoch verkaufte das Unternehmen das Patent an die
Firma Hoechst. Im Gegenzug erhielt man von Hoechst dafür
6 Wolfen 61, S. 7ff.
7 Wolfen 61, S. 8.
8 Wolfen 61, S. 9.
7
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