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Untertitel: Ein Unterrichtsversuch in einer 8. Klasse des Gymnasiums.
Examensarbeit, 2008, 184 Seiten
Autor: Miriam Haupt
Fach: Mathematik - Didaktik
Details
Jahr: 2008
Seiten: 184
Note: 1,3
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-43752-8
ISBN (Buch): 978-3-640-43770-2
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Zusammenfassung / Abstract
Selbstreguliertes Lernen kommt aktuellen schulpädagogischen Forderungen zur Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbststeuerung von Lernprozessen durch die Schüler nach. Neben dem Einsatz von Lernstrategien bedarf es dazu der Übernahme der Planung, Überwachung und Kontrolle von Lernprozessen sowie der Entwicklung motivational-emotionaler Fähigkeiten, die es den Schülern ermöglichen, sich selbst zum Lernen zu aktivieren. Diese Arbeit zeigt, dass Schüler durchaus in der Lage sind, ihr eigenes Lernen zu regulieren und sich neue Wissensgebiete, die entsprechend aufgearbeitet und mit geeigneten Hilfen versehen wurden, bis zu weiten Teilen selbstständig anzueignen. Es wird dargestellt, wie selbstreguliertes Lernen im Mathematikunterricht konkret umgesetzt werden kann, welche Potentiale und Risiken es beinhaltet und wie Schüler einer 8. Klasse des Gymnasiums diese Art von Lernen empfinden. Ziel der Arbeit ist es, Chancen selbstregulierten Lernens aufzuzeigen und auf dieser Basis die Durchführung ähnlicher Konzepte im Unterricht anzuregen und Lehrkräfte dazu zu ermutigen. Im ersten Teil wird zunächst das Konzept des Selbstregulierten Lernens vorgestellt und die Möglichkeiten der Umsetzung im Mathematikunterricht werden erläutert. Die daraus abgeleiteten Fragestellungen sind: 1. Sind die Instrumente Wochenplan, Checkliste, Reflexionsbogen und Lerntagebuch geeignet, um selbstreguliertes Lernen am Beispiel des Satzes des Pythagoras zu unterstützen? 2. Inwiefern gelingt es den Schülern einer 8. Klasse die Lerninhalte der Einführung des Satzes des Pythagoras selbstreguliert zu lernen? 3. Welche Aspekte der Unterrichtsgestaltung wirken sich begünstigend oder einschränkend auf selbstreguliertes Lernen aus? 4. Sind die gewählten Inhalte zum Satz des Pythagoras für selbstreguliertes Lernen geeignet? 5. Worin liegen Vor- und Nachteile überwiegend selbstregulierten Lernens gegenüber überwiegend fremdreguliertem Lernen? Der zweite Teil der Arbeit gibt in Form einer Bedingungsanalyse sowie der didaktischen und methodischen Erläuterungen die Planung des Unterrichtsversuchs wieder. Der dritte Teil enthält die systematische Auswertung und Reflexion der Unterrichtsreihe, wobei die Beantwortung der leitenden Fragestellungen im Vordergrund steht. Schließlich werden Schlussfolgerungen bezüglich der grundsätzlichen Eignung des Konzeptes gezogen. Im Anhang befindet sich eine umfangreiche Sammlung der eingesetzten Unterrichtsmaterialien.
Textauszug (computergeneriert)
Chancen des selbstregulierten Lernens
am Beispiel einer Einführung des Satzes des
Pythagoras Ein Unterrichtsversuch in einer 8.
Klasse des Gymnasiums.
Hausarbeit
zur Zweiten Staatsprüfung
für das Lehramt an Gymnasien
von
Miriam Haupt, Studienreferendarin
Studienseminar Stade für das Lehramt an Gymnasien
Stade, den 26. Mai 2008
VORWORT
Im Rahmen des Vorwortes möchte ich mich für die Unterstützung bedanken, die ich während
der Zeit, in der diese Arbeit entstanden ist, erhalten habe. Mein besonderer Dank gilt Hasso
Haupt und Nina Meyer für das fleißige Korrekturlesen und die vielen guten Ratschläge. Darüber
hinaus möchte ich mich bei Peter Clausen bedanken, dessen Gestaltung des Stundenplans am
Gymnasium Buxtehude Süd mir neben der Durchführung meiner Examensreihe im Rahmen
von Doppelstunden bereits schon viele Teilnahmen an Besonderen Unterrichtsbesuchen und
anderen Veranstaltungen ermöglicht hat. Ohne seine Hilfe wäre die Durchführung der
Unterrichtssequenz in dieser Form nicht möglich gewesen. Weiterhin danke ich Christel Haupt,
Stephen, Gill und Dave Thomas für die liebevolle Zuwendung und Versorgung während der
freien Tage. Zum Abschluss gilt mein Dank natürlich auch meinen Freunden und Nachbarn
Stefan Schwenen, Sophie Martens, Dorothee Schade, Jan Ruwe, Stefan Sandmann, Michaela
Hartwig und Dennis Rennkamp für so manche dringend benötigte schöpferische Arbeitspause.
INHALTSVERZEICHNIS
VERZEICHNIS DER VERWENDETEN ABKÜRZUNGEN
V
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
V
VERZEICHNIS DER TABELLEN
V
EINLEITUNG
1
Teil A: Fachliche und methodisch-didaktische Grundlagen
1
I. Grundlegung des Unterrichtsversuchs und leitende Fragestellungen
2
1. Selbstreguliertes Lernen Ein Konzept der Pädagogischen Psychologie im Kontext des
Mathematikunterrichts 2
1.1 Selbstreguliertes Lernen Begriffsbestimmung
2
1.2 Selbstreguliertes Lernen als unterrichtsbezogenes Konzept
4
1.3 Selbstreguliertes Lernen im Kontext des Mathematikunterrichts
5
1.4 Begründungen für selbstreguliertes Lernen in der Schule
8
1.5 Instrumente zur Förderung selbstregulierten Lernens
10
1.6 Ableitung der leitenden Fragestellungen
13
II. Planung des Unterrichtsversuchs
15
1. Bedingungsanalyse
15
1. 1 Besonderheiten der Lerngruppe
15
1.2 Fachlich-thematische Einordnung
16
1.3 Organisatorische Rahmenbedingungen
16
2. Didaktische Erläuterungen
17
2.1 Begründung des Themas der Unterrichtsreihe
17
2.2 Analyse der Lernziele
18
2.3 Analyse des Lern- und lernunterstützenden Materials
21
3. Methodische Erläuterungen
27
3.1 Die Arbeit in der Lernwerkstatt
27
3.2 Die Reflexion und Lernerfolgskontrolle
30
3.3 Lernhilfen
31
Teil B: Auswertung und Reflexion
32
I. Abweichungen vom geplanten Unterrichtsverlauf
32
II. Exemplarische Analyse einzelner Lernsituationen
33
1. Ausgewählte Lernsituationen aus der Arbeit in der Lernwerkstatt
33
2. Ausgewählte Lernsituationen aus den Auswertungsstunden
37
III. Systematische Auswertung des Unterrichtsversuchs
40
1. Erreichung der Lernziele
40
1.1 Erreichung kognitiver Lernziele
40
1.2 Erreichung prozessorientierter Lernziele
41
2. Beantwortung der leitenden Fragestellungen
43
2.1 Die Eignung der verwendeten Instrumente zur Unterstützung selbstregulierten
Lernens am Beispiel einer Einführung des Satzes des Pythagoras
43
2.1.1 Der Wochenplan
43
2.1.2 Die Checkliste
44
2.1.3 Das Lerntagebuch
45
III
2.1.4 Der Reflexionsbogen
45
2.2 Inwiefern es den Schülern einer achten Klasse gelingt die Lerninhalte der
Einführung des Satzes des Pythagoras selbstreguliert zu lernen
46
2.3 Begünstigende und einschränkende Aspekte der Unterrichtsgestaltung für
selbstreguliertes Lernen
48
2.4 Die Eignung der Lerninhalte einer Einführung des Satzes des Pythagoras für
selbstreguliertes Lernen
49
2.5 Vor- und Nachteile überwiegend selbstregulierten Lernens gegenüber
überwiegend fremdreguliertem Lernen
50
IV. Schlussfolgerungen bezüglich der grundsätzlichen Eignung des Konzeptes
53
LITERATURVERZEICHNIS
56
ANHANG
60
IV
VERZEICHNIS DER VERWENDETEN ABKÜRZUNGEN
EA
= Einzelarbeit
GA
= Gruppenarbeit
LS =
Lernschwierigkeit
LSG = Lehrer-Schüler-Gespräch
LV
= Lehrervortrag
LZ
= Lernziel
MW
= Mittelwert
OHP =
Over-Head-Projektor
PA
= Partnerarbeit
PC
= Personalcomputer
SD
= Standardabweichung
TLZ
= Teillernziel
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
Abbildung 1: Kontinuum von Selbst- und Fremdregulation mit Differenzierung nach
Boekaerts (1999) 6
Abbildung 2: Auswertung der Planung durch die Schüler 43
Abbildung 3: Einschätzung des Wochenplans durch die Schüler 44
Abbildung 4: Einschätzung der Checkliste durch die Schüler 45
Abbildung 5: Einschätzung des Lerntagebuchs durch die Schüler 45
Abbildung 6: Einschätzung des Reflexionsbogens durch die Schüler 46
Abbildung 7: Angaben zum selbstregulierten Lernen der Schüler 47
VERZEICHNIS DER TABELLEN
Tabelle 1: Stufenfolge von Lerntypen im Mathematikunterricht 7
Tabelle 2: Tafelbild der zweiten Auswertungsstunde 42
V
EINLEITUNG
Einleitung
Selbstreguliertes Lernen stellt ein bedeutsames Lernkonzept dar, das aus der Pädagogischen
Psychologie stammt. Es kommt aktuellen schulpädagogischen Forderungen zur
5
Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Selbststeuerung von Lernprozessen durch die
Schüler1 nach. Das übergeordnete Ziel ist die Förderung von Lernkompetenz, sodass die
Schüler in zunehmendem Maße Verantwortung für ihr Lernen übernehmen können.
Damit ist nicht nur der Einsatz von Lernstrategien gemeint, sonder die Übernahme der Planung,
Überwachung und Kontrolle von Lernprozessen sowie die Entwicklung motivational-emotionaler
Fähigkeiten, die es den Schülern ermöglichen, sich selbst zum Lernen zu aktivieren.2
10
Selbstreguliertes Lernen wird deshalb als eine fächerübergreifende Kompetenz angesehen, die
eine Voraussetzung für den Erwerb von Wissen im Rahmen des Unterrichts und in der
Alltagswelt der Schüler darstellt.3 Sie befähigt dazu, neue Inhalte selbst erschließen zu können,
was einerseits für die Verwirklichung eigener Wünsche und die Verfolgung eigener Interessen
15
unabdingbar ist. Andererseits ist ein Bestehen in der heutigen Gesellschaft ohne die Fähigkeit
und Bereitschaft zum Weiter-, Um- und Neulernen kaum noch denkbar. Selbstreguliertes
Lernen meint, dazu in der Lage zu sein, ,,Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen zu entwickeln,
die zukünftiges Lernen fördern und erleichtern und die vom ursprünglichen Lernkontext
abstrahiert auf andere Lernsituationen übertragen werden können."4
20
Dass Schüler für das Verständnis mathematischer Inhalte auf Phasen von selbsttätigem Lernen
angewiesen sind, damit sie eigene Zugänge zu den Lerninhalten entwickeln und sich das
Wissen um den Lerngegenstand selbst konstruieren können, sollte mittlerweile kaum noch
angezweifelt werden. Trotzdem trauen viele Lehrkräfte ihren Schülern immer noch zu wenig
Eigenverantwortung zu, nehmen ihnen zu viele Entscheidungen ab und beziehen sie nicht in
25
die Planung und Gestaltung ihrer Lernprozesse ein. Dabei werden Möglichkeiten zum Erleben
von Selbstwirksamkeit und der Ausprägung intrinsischer Motivation5 auf Seiten der Schüler
sowie eine Entlastung infolge der Abgabe von Verantwortung auf Seiten der Lehrkraft
verschenkt. Diese Arbeit zeigt, dass Schüler durchaus in der Lage sind, ihr eigenes Lernen zu
regulieren und sich neue Wissensgebiete, die entsprechend aufgearbeitet und mit geeigneten
30
Hilfen versehen wurden, bis zu weiten Teilen selbstständig anzueignen. Es wird dargestellt, wie
selbstreguliertes Lernen im Mathematikunterricht konkret umgesetzt werden kann, welche
Potentiale und Risiken es beinhaltet und wie Schüler einer achten Klasse des Gymnasiums
diese Art von Lernen empfinden. Ziel dieser Arbeit ist es, Chancen selbstregulierten Lernens
aufzuzeigen und auf dieser Basis die Durchführung ähnlicher Konzepte im Unterricht anzuregen
35
und Lehrkräfte dazu zu ermutigen.
1 Zur besseren Lesbarkeit wird im Folgenden der Begriff des Schülers verwendet. Hiermit sind sowohl Schüler als
auch Schülerinnen gemeint.
2 vgl. Boekaerts (1999), S. 447f.
3 Vgl. Baumert et. al. (2000a), S. 2.
4 Ebd. S. 2.
5 vgl. Zimmerman und Martinez-Pons (1990), S. 51f.
1
GRUNDLEGUNG DES UNTERRICHTSVERSUCHS
Teil A Fachliche und methodisch-didaktische Grundlagen
I. Grundlegung des Unterrichtsversuchs und leitende Fragestellungen
5
1. Selbstreguliertes Lernen Ein Konzept der Pädagogischen Psychologie im
Kontext des Mathematikunterrichts
Selbstreguliertes Lernen ist ein Konstrukt der Pädagogischen Psychologie. Im Rahmen des
ersten Kapitels wird zunächst ein auf den Unterricht bezogenes Konzept des selbstregulierten
10
Lernens vorgestellt, das im Anschluss im Kontext des Mathematikunterrichts betrachtet wird.
Weiterhin werden Begründungen für die Förderung selbstregulierten Lernens dargelegt. Zur
Unterstützung von selbstreguliertem Lernen finden bereits an vielen Schulen Instrumente wie
Kompetenzraster, Wochenpläne und Lerntagebücher Verwendung, deren Funktionen als
Feedback- und Planungshilfen ebenfalls thematisiert werden. Den Abschluss dieses Kapitels
15
bildet die Ableitung der leitenden Fragestellungen für die vorliegende Arbeit.
1.1 Selbstreguliertes Lernen - Begriffsbestimmung
Seit in der Pädagogischen Psychologie die sogenannte ,,kognitive Wende" eintrat, wird Lernen
als konstruktive, auf ein Ziel ausgerichtete Aktivität betrachtet, die durch interne, im Lernenden6
vorliegende Bedingungen bestimmt und auf vielfältige Weise von diesem selbst reguliert wird.7
20
Somit enthält jedes Lernen bereits ein gewisses Maß an Selbstregulation. Folgerichtig werden
Selbst- und Fremdregulation als Extrempunkte eines Kontinuums angesehen, die nicht in
Reinform vorliegen können, da einerseits fremdreguliertes Lernen immer auch ein Minimum an
Selbstregulation enthält, wie z.B. in Form von Zuwendung von Aufmerksamkeit oder dem
25
Beantworten von Fragen. Andererseits beinhaltet jedes selbstregulierte Lernen einen Teil
Fremdregulation, z.B. dadurch, dass ein Autor seine persönliche Sichtweise in einen Text
einbringt. Demnach findet selbstreguliertes Lernen mehr oder weniger stark ausgeprägt bei
jedem Lernenden und in jeder Lernsituation statt.8 D. h. dass der Lernende beim
selbstregulierten Lernen seine Lerntätigkeit mehr oder weniger selbst initiiert und verantwortet,
wobei er nach Bedarf Unterstützung und Hilfe bekommt oder heranziehen kann.9
30
Die Begriffe Selbstregulation und Selbststeuerung werden in der Fachliteratur synonym
verwendet. Dabei ist der Begriff der Selbstregulation geeigneter, denn eine Steuerung erfolgt
technisch gesehen nur in eine Richtung, während eine Regelung immer auch eine
Rückkopplung enthält, sodass ein Regelkreis entsteht.10 Aus der Sicht der Psychologen
35
bezeichnet Selbststeuerung demnach eine selbstständige Ausrichtung eines Prozesses auf
einen selbstgesetzten Soll-Wert hin, während Selbstregulation darüber hinaus auch
Informationen über den aktuellen Zustand (Ist-Wert) mit einbezieht.11 Nach der o.g. Auffassung
von Lernen erfolgt es also genau genommen immer selbstreguliert und nicht selbstgesteuert.12
6 Der Begriff des Lernenden wird im Folgenden als abkürzende Schreibweise für männliche und weibliche Lernende
verwendet.
7 vgl. Schreiber (1998), S. 5; Boekaerts (1997), Schiefele & Pekrun, (1996).
8 vgl. Schreiber (1998).
9 vgl. Konrad, K. / Traub, S. (1999), 12f.
10 vgl. Peschel (2005) S. 11.
11 vgl. Schreiber (1998), S. 10.
12 vgl. Peschel (2005), S. 11.
2
GRUNDLEGUNG DES UNTERRICHTSVERSUCHS
Definitionen von selbstreguliertem Lernen fallen je nach Forschungsinteresse der Autoren sehr
vielfältig aus. Nach Pintrich13 haben die verschiedenen Auffassungen jedoch die folgenden vier
Kernpunkte gemeinsam:
1. Die eigenen Lernprozesse, Lerninteressen, Ziele und Strategien werden von den Lernenden
5
aktiv und konstruktiv gestaltet. Sie sind nicht nur Empfänger dargebotenen Wissens, sondern
handeln selbst und messen ihrem Lernen Sinn und Bedeutung zu.
2. Die Lernprozesse werden von den Lernenden selbst überwacht. Ihnen wird die Fähigkeit
zugeschrieben, bestimmte kognitive Aspekte überwachen, kontrollieren und regulieren zu
können.
10
3. Das Lernen wird an einem Sollzustand14 ausgerichtet, d.h. die Lernhandlungen sind
zielgerichtet. Kognition, Motivation und Verhalten werden an diese Zielerreichung angepasst
und modifiziert.15
4. Die Lernenden setzen selbstregulative Aktivitäten ein und vermitteln auf diese Art zwischen
der eigenen Person, dem Kontext und dem Lernerfolg. Dementsprechend ist neben äußeren
Merkmalen vor allem die Fähigkeit zur Selbstregulation bedeutsam für den Lernerfolg.16
15
Dieser Arbeit soll im Folgenden die Definition selbstregulierten Lernens der TIMSS-3-Studie17
zugrunde gelegt werden, da in ihr die o.g. Kernideen enthalten sind sowie der Bezugsrahmen
das Lernen im schulischen Kontext ist. Demnach wird selbstreguliertes Lernen beschrieben als
20
,,[...] die Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen, dieses
ökonomisch zu planen, selbstständig zu steuern und zu überwachen und im praktischen Vollzug gegen
konkurrierende Intentionen abzuschirmen [...]. Selbstreguliertes Lernen lässt sich als zielorientierter
Prozess des aktiven und konstruktiven Wissenserwerbs beschreiben, der auf dem reflektierten
Zusammenspiel von kognitiven und motivational-emotionalen Ressourcen einer Person beruht [..]".18
25
In dieser Definition zeigt sich auch, dass dem Konzept die aktuell vorherrschende
konstruktivistische Sichtweise von Lernen zu Grunde liegt. Die Aneignung von Wissen erfolgt
demnach in einem aktiven, individuellen Prozess der Informationsaufnahme und -verarbeitung,
der von den Lernenden eigenständig durch soziale Interaktion und in Auseinandersetzung mit
30
der vorliegenden Lernsituation erfolgt.19 Dabei kommt es zur Umstrukturierung bereits
vorhandenen Wissens.20
Weitere Begriffe, die von selbstreguliertem Lernen abzugrenzen sind, sind ,,autonomes Lernen",
das sich auf die Selbstbildung bezieht. Des Weiteren ,,selbstbestimmtes Lernen", wobei eigene
Entscheidungsprozesse im Vordergrund stehen und ,,autodidaktisches Lernen". Bei letzterem
geht das Lernen ohne Lehrkraft außerhalb der Schule vonstatten.21
35
40
13 vgl. Pintrich (2000).
14 vgl. o.g. Definition von Schreiber (1998).
15 vgl. Merziger (2007).
16 vgl. Ebd.
17 vgl. Baumert et al. (2000b).
18 Ebd., S.60.
19 vgl. Roth (2003); Tippelt & Schmidt (2005).
20 vgl. Konrad & Traub (1999), S. 65.
21 vgl. Peschel (2007), S. 11.
3
GRUNDLEGUNG DES UNTERRICHTSVERSUCHS
1.2 Selbstreguliertes Lernen als unterrichtsbezogenes Konzept
Eine Antwort auf die Frage, wie sich selbstreguliertes Lernen auf den Unterricht übertragen
lässt, liefert Monique Boekaerts. Ihr unterrichtsbezogenes Konzept zum selbstregulierten
Lernen ist von großem heuristischen Wert22. Dieser zeigt sich u.a. dadurch, dass es als
5
theoretischer Bezugsrahmen für die Interpretation der PISA- und der TIMSS-Daten sowie für
eine Untersuchung23 zur Entwicklung selbstregulierten Lernens im Fachunterricht verwendet
wurde. Die o.g. Definition des selbstregulierten Lernens deckt sich also mit den Auffassungen
von Boekaerts. Ihr Konzept24 basiert auf den Forschungsrichtungen der Lernstilforschung, auf
Untersuchungen zur Metakognition und zu Regulationsstilen sowie auf Theorien zum Selbst in
10
Verbindung mit zielgerichtetem Verhalten. Es bietet eine gute Grundlage für die Planung,
Reflexion und Evaluation von selbstreguliertem Lernen, weil es basierend auf den genannten
Forschungsrichtungen drei konkrete Ebenen herausarbeitet, auf denen Selbstregulation
stattfindet.25 Diese werden im Folgenden kurz erläutert.
15
1. Die Ebene der Regulation des Verarbeitungsmodus
Auf dieser Ebene der Selbstregulation steht der Einsatz
kognitiver Strategien
, die das Lernen
unterstützen, im Mittelpunkt der Betrachtung. Um das eigene Lernen aktiv zu gestalten,
benötigen die Lernenden die Fähigkeit zur Auswahl, Kombination und Koordination von
Strategien zur Informationsverarbeitung.26 Dafür müssen die Lernenden zunächst über kognitive
20
Strategien verfügen und darüber hinaus um deren Nutzen zur Aufnahme, Speicherung,
Wiederholung oder dem Abrufen von Lerninhalten wissen.27 Baumert28 nennt als wichtige
Untergruppen von kognitiven Strategien die Memorier- und Elaborationsstrategien. Erstere
dienen der Wiederholung während Letztere es ermöglichen, Sinnstrukturen innerhalb neu zu
lernender Stoffe herauszuarbeiten, Lerninhalte mit bereits gespeichertem Wissen zu vernetzen
25
und Gelerntes auf neue Situationen zu übertragen. Dadurch werden Prozesse der Encodierung,
des Erwerbs und des Transfers unterstützt.29
2. Die Ebene der Regulation des Lernprozesses
Auf dieser Ebene steht die Fähigkeit der Lernenden im Zentrum, das eigene Lernen
30
anzuleiten.30 Dafür ist der Gebrauch übergeordneter,
metakognitiver Lernstrategien
notwendig.
Diese beinhalten zunächst die
Planung
von Lernzielen und Kriterien zu deren Erreichung sowie
der dafür benötigten Mittel. Den nächsten Schritt stellt die
Überwachung
des augenblicklichen
Vorgehens, der Lernfortschritte und der Ursachen von Erfolgen oder Misserfolgen dar. Weiter
gehört die
Steuerung
von Lernhandlungen dazu, indem diese aufrecht erhalten oder modifiziert
35
werden. Schließlich bedarf es auch einer
Evaluation
der Zielerreichung. Die Lerner sollten
darüber hinaus um Kennzeichen eines effektiven Lernprozesses sowie um die eigenen Stärken
22 vgl. Boekaerts (1999).
23 vgl. Merziger (2007).
24 vgl. Ebd., S. 447.
25 vgl. Bastian & Merziger (2007).
26 vgl. Boekaerts (1999).
27 vgl. Bastian & Merziger (2007).
28 vgl. Baumert et. al. (2000b).
29 vgl. Ebd. S. 60.
30 vgl. Boekaerts (1999).
4
GRUNDLEGUNG DES UNTERRICHTSVERSUCHS
und Schwächen wissen.31 Eine flexible Verfügung über metakognitive Strategien gilt als
entscheidende Voraussetzung selbstregulierten Lernens.32
3. Die Ebene der Regulation des Selbst
5
Diese Ebene spiegelt den motivational-emotionalen Bereich der Selbstregulation wieder und
bedingt, wie lange sich ein Lernender mit dem Lernen beschäftigt. Die Regulation des Selbst
beinhaltet die Fähigkeit, Lernsituation auf dem Hintergrund der eigenen Wünsche, Bedürfnisse
und Erwartungen zu sehen. Eine erfolgreiche Regulation der eigenen Motivation, Emotion und
Volition äußert sich in der Fähigkeit, sich selbst zu aktivieren, selbstgesteckte Ziele konsequent
10
zu verfolgen, sie gegenüber konkurrierenden Alternativen abzuschirmen sowie Erfolge und
Misserfolge angemessen zu verarbeiten.33 Baumert34 bezeichnet diese Ebene als
Ressourcenmanagement
und erwähnt als bedeutsame zugehörige ,,Stützstrategien" die
Überwachung von Anstrengung und Aufmerksamkeit sowie die planvolle Nutzung der
Lernzeit.35
15
Eine Analyse von 51 Studien von Hattie36 hat ergeben, dass der Einsatz von Lernstrategien den
Lernerfolg erhöht, wenn die Strategien anhand einer konkreten Aufgabe oder eines konkreten
Inhaltsbereichs vermittelt werden und zeitgleich dazu motivational-emotionale Fähigkeiten der
Selbstregulation gelernt werden.37 Lern- u. Regulationsstrategien gilt es also kombiniert zu
trainieren, damit ein positiver Einfluss auf den Lernerfolg resultiert.
20
1.3 Selbstreguliertes Lernen im Kontext des Mathematikunterrichts
Lernen im schulischen Kontext betrifft in der Regel Lerninhalte, die von der Institution
vorgegeben werden und nicht zwingend dem Interesse der Schüler entgegenkommen. Für
selbstregulierte Lernprozesse wäre es dagegen von Vorteil, wenn die Schüler den
25
Lerngegenstand als relevant ansehen, sich eigene Ziele setzen und diese verfolgen können. Es
gilt also, schulische Vorgaben, die fremdregulierte Angebote und Einschränkungen beinhalten,
für die selbstregulierten Lernprozesse der Schüler ,,fruchtbar" zu machen.38 Dazu zählt auch die
Person des Lernbegleiters. Empirische Studien haben nachgewiesen, dass Schüler eine klare
Vorstellung von der Rolle des Lehrenden haben.39 Demnach sehen Schüler es als Aufgabe der
30
Lehrperson an, geeignete Materialien zusammenzustellen, die Schüler zu motivieren, den
Lernprozess zu überwachen und die Beurteilung der Leistungen vorzunehmen.40 Dass solche
Vorstellungen hinderlich für die Entwicklung selbstregulierten Lernens sind, wurde vielfach
belegt.41 Um selbstreguliertes Lernen zu fördern, muss die Lehrperson als Unterstützung des
selbstregulierten Lernprozesses empfunden werden. Die Fremdregulation sollte die
35
Selbstregulation optimal unterlegen. Damit ist Unterstützung und Anleitung gemeint, die von der
31 vgl. Bastian & Merziger (2007); Merziger (2007).
32 vgl. Baumert et. al. (2000b).
33 vgl. Merziger (2007); Boekaerts (1999).
34 vgl. Baumert et. al. (2000b), S. 61.
35 In Anlehnung an Merziger (2007, S. 32) werden die genannten Aspekte selbstregulierten Lernens im Folgenden
mit den verständlicheren Begriffen
Ebene der Lernstrategien
,
Ebene der Lernprozessüberwachung
und
Ebene der
Selbstaktivierung
bezeichnet.
36 vgl. Hattie et. al. (1996).
37 vgl. Leopold & Leutner (2003), S. 58.
38 vgl. Merziger (2007), S. 35.
39 vgl. Meyer & Schmidt (2000).
40 vgl. Bastian & Merziger (2007).
41 vgl. Boekaerts & Niemivirta (2000).
5
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