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Examination Thesis, 2002, 85 Pages
Author: Ute Brast
Subject: Pedagogy - Family Education
Details
Tags: Bindung, Trennung, Verlust, Bedeutung, Mutter-Kind-Beziehung
Year: 2002
Pages: 85
Grade: 1,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19182-1
File size: 265 KB
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Excerpt (computer-generated)
Westfälische Wilhelms - Universität Münster
Bindung - Trennung - Verlust
Zur Bedeutung der frühen
Mutter-Kind-Beziehung
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt der Sekundarstufe II/I im Fach Pädagogik
Dem Staatlichen Prüfungsamt für Erste Staatsprüfung
für Lehrämter an Schulen - Münster
vorgelegt von
Ute Brast
15. Mai 2002
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Theoretische Grundlagen ... 6
2.1. Grundannahmen der Psychoanalyse ... 6
2.2. Frühe Arbeiten der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie ... 8
2.2.1. Sigmund Freud ... 8
2.2.2. Anna Freud ... 10
2.2.3. René Spitz ... 14
3. Die Bindungstheorie John Bowlbys ... 18
3.1. Grundannahmen der Bindungstheorie ... 18
3.2. Konzept der Feinfühligkeit ... 24
3.3. Konzept der Bindungsqualität ... 28
3.4. Konzept der Bindungsrepräsentation ... 35
4. Maternelle Deprivation und ihre Folgen ... 41
4.1. Zum Begriff der maternellen Deprivation ... 42
4.2. Maternelle Deprivation als Risikofaktor für die kindliche Entwicklung ... 45
4.2.1. Direktbeobachtungen ... 46
4.2.2. Retrospektive Untersuchungen ... 51
5. Erziehung im Sinne des Kindeswohl ... 55
5.1. Entbindungsstationen und das "Rooming - in" - Projekt ... 56
5.2. Krankenhausaufenthalte in der frühen Kindheit ... 60
5.3. Heimerziehung und Pflegefamilien ... 65
6. Schlussbetrachtung ... 70
Literaturverzeichnis ... 78
1. Einleitung
Das Leben besteht aus einer Vielzahl von Beziehungen. Jeder von uns hat Erfahrungen mit den Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Ein Großteil der Freuden und Sorgen resultiert aus diesen mehr oder weniger engen Bindungen. So erfüllt es uns mit Freude, gemeinsam mit einem guten Freund auszugehen, oder wenn die Mutter tröstend die Arme um die Schulter legt. Andererseits machen wir uns Sorgen, wenn die Schwester Liebeskummer hat oder trauern, wenn die Großeltern sterben.
Beziehungen nehmen somit im menschlichen Leben eine wichtige Rolle ein, egal ob wir sie neu knüpfen oder beenden.
Doch die wohl wichtigste und vielleicht auch intensivste menschliche Bindung ist die zwischen Mutter und Kind. Schon vor der Geburt bilden die beiden eine Einheit, die einzigartig ist. Der Fötus wird im Mutterleib mit Nahrung und Sauerstoff versorgt. Zudem erfährt er Geborgenheit und Wärme. Später ist es die Aufgabe der Mutter dieses Gefühl von Sicherheit und Liebe aufrechtzuerhalten. Sie wird das Kind pflegen und umsorgen, mit ihm spielen, es wickeln und ernähren, es auf den Arm nehmen, liebevoll streicheln und wiegen.
Viele Forscher aus den verschiedensten Fachbereichen haben sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts mit der Beziehung zwischen Mutter und Kind und der Entwicklung der emotionalen Bindung beschäftigt. Ihnen haben wir die Erkenntnisse bezüglich der Auswirkungen einer lang andauernden Trennung des Säuglings von der Mutter auf seine motorische, intellektuelle und seelische Entwicklung zu verdanken (Klaus, M. H.; Kenell, J. H., 1983, S. 17). Zudem ist es ihnen gelungen, die Entwicklung dieser Mutter-Kind-Bindung zu beschreiben und die sie störenden und fördernden Faktoren zu benennen.
Die Ergebnisse dieser Arbeiten führten zu Veränderungen im Umgang mit Wöchnerinnen, die ihr Neugeborenes jetzt direkt nach der Geburt im Arm halten und Stillen dürfen, sowie zu Neuerungen im Pflegewesen der Kinderheime. Ebenfalls wurde das Bild von einem passiven, kompetenzlosen Säugling revolutioniert. Die Vorstellung, dass das Baby nach der Geburt mehrere Wochen lang weder hören noch sehen kann, ist heute nicht mehr aktuell. Das Neugeborene gestaltet die Beziehung zur Mutter und ihre Reaktionsweisen von Anfang an aktiv mit und bedient sich seiner Möglichkeiten, um von ihr Aufmerksamkeit und Bedürfnisbefriedigung zu erlangen.
In der Literatur findet man im Wesentlichen drei verschiedene Ansätze, die versuchen, den Ursprung dieses Bindungsverhaltens zu erklären: Den psychoanalytischen, den lerntheoretischen und den ethologischen Ansatz.
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gewann man durch die Arbeiten Sigmund Freuds und seiner Schüler neue Einblicke in die frühkindliche Entwicklung. Die Psychoanalyse betonte als erste psychologische Schule die Bedeutung affektiver Prozesse in der Kindheit und ihre Auswirkungen auf das spätere Sozialverhalten.
Der in der psychoanalytischen Tradition stehende Ansatz hebt den anaklitischen Ursprung der kindlichen Bindung hervor. Demnach bindet sich der Säugling auf Grund physiologischer Bedürfnisse, wie denen nach Nahrung und Wärme, an eine Person, die dieses Verlangen stillen kann. Die Bindung des Kindes an die Mutter ist somit das Resultat der Erkenntnis, dass sie, die Mutter, die Quelle der Bedürfnisbefriedigung ist.
Bis 1958 wurden vier grundlegende psychoanalytische Theorien, die den Ursprung der Bindung zu klären versuchten, beschrieben (Bowlby, J. 1975, S. 171). Allen gemein ist die Annahme, dass Bindung auf Grund von Bedürfnisbefriedigung entsteht. Uneinig ist man sich jedoch darüber, welcher Art die physiologischen Bedürfnisse sind. Sie reichen von dem oben angesprochenen Verlangen nach Nahrung und Wärme, über die Neigung, sich auf die menschliche Brust zu beziehen, bis hin zu dem angeborenen Bedürfnis, Kontakt mit einem anderen menschlichen Wesen aufzunehmen. Die vierte Theorie beschreibt die Sehnsucht nach der Rückkehr in den Mutterleib, als das der Bindung zugrundeliegende Bedürfnis.
Die Lerntheorien sehen in jedem Verhalten, also auch in dem des Bindungsverhalten, eine Reaktion auf bestimmte Reize, mit dem sich der Organismus an die Umwelt anpasst. Verhalten ist demnach das sichtbare Ergebnis von Reiz-Reaktions-Verbindungen, die der Mensch - ausgehend von einigen elementaren angeborenen Reflexen - im Laufe der Zeit "erlernt" hat (Baumgart, F. 1998, S. 109).
Für die Entwicklungspsychologie sind insbesondere die Theorien des "operanten Konditionierens" und die des "sozialen Lernens" von Bedeutung. Durch die lerntheoretische Annahme der primären und sekundären Verstärkung lassen sich sowohl wesentliche Komponenten der sozialen Entwicklung als auch die Folgen ihres Ausbleibens verstehen und erklären. Demnach ist Bindung das Ergebnis eines Lernprozesses, in dem die Erfahrung gemacht wird, dass durch die Anwesenheit und Fürsorge anderer Menschen positive Gefühle verstärkt werden können.
Die Anhänger der ethologischen Perspektive gehen von einer vorherrschenden, naturgegebenen, phylogenetischen Vorprogrammierung aus, die dazu führt, dass Mutter und Kind eine individuelle Bindung eingehen.
So löst auf der Seite der Mutter allein das Äußere des Kindes das Pflegeverhalten aus. Das kleine runde Gesicht mit den großen tiefliegenden Augen, die hohe Stirn sowie die kleine Nase und die Pausbacken rufen das Gefühl der Zuneigung hervor. In der Ethologie wird dieses Phänomen als "Kindchenschema" beschrieben.
Doch auch der Säugling verfügt über ein großes angeborenes Verhaltensrepertoire, welches ihm die Möglichkeit bietet, in einen Dialog mit der Mutter einzutreten, der die Entstehung einer Bindung fördert. Das Lächeln des Säuglings, nachdem die Mutter liebevoll sein Gesicht gestreichelt hat, stärkt sie in dem Glauben, das Richtige getan zu haben. So stellt jede Verhaltensweise des Babys, egal, ob es sich beruhigen lässt oder aber weiter weint, ein Kommunikationselement dar, auf welches die Mutter instinktiv reagiert.
Die Bindung des Kindes an die Mutter wird in diesem Ansatz als ein naturgegebener Entwicklungsgang angesehen, der dem Säugling Schutz bietet und sein Überleben garantiert.
Die Art und Weise, wie die Mutter die Signale ihres Kindes interpretiert, das heißt, wie sie sie versteht und wie sie auf diese reagiert, bestimmt das Gelingen oder Nicht - Gelingen der Bindung. Nur wenn die Bedürfnisse des Kindes erkannt und befriedigt werden, kann bei ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entstehen. Mit den Worten von Erik Erikson gesprochen, würde man dieses Gefühl als das des Urvertrauens bezeichnen.
Es ist diese ursprüngliche Mutter-Kind-Bindung, die die Basis für alle weiteren emotionalen Bindungen des Kindes legt. "Die Intensität und die spezifische Färbung dieser Bindung zur Mutter wird die Qualität aller Beziehungen beeinflussen, die das Kind im Verlauf seines weiteren Lebens zu anderen Personen aufnehmen und unterhalten wird" (Klaus, M. H.; Kenell, J. H. 1983 S. 18).
In dieser Arbeit wird die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung in den ersten drei bis vier Lebensjahren des Kleinkindes für seine weitere Entwicklung im Vordergrund stehen. Der Grund für die Auswahl dieser Altersspanne ergibt sich erstens aus dem Stufenmodell der Entwicklung, welches diese Lebensspanne als frühe Kindheit bezeichnet (Oerter, R.; Montada, L. 1998, S. 167) und zweitens aus den vielfältigen Forschungsergebnissen, die dieser Phase der Kleinkindzeit eine prägende Rolle für die Ausbildung der Mutter-Kind-Bindung zuschreiben.
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