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'Kudrun' - drei Brautwerbungsgeschichten im Vergleich

Scholary Paper (Seminar), 2005, 20 Pages
Author: Peggy Bobermin
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: Grundkurs C - "Kudrun"
Institution/College: Free University of Berlin (Deutsche und Niederländische Philologie)
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 20
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V135691
ISBN (E-book): 978-3-640-43861-7
ISBN (Book): 978-3-640-43839-6

Abstract

„Im 12. Jahrhundert […] trägt die gefährliche Werbung einen ersten Klang der höfischen Minne in die Zeit hinein. […] Im 13. Jahrhundert, für den Kudrundichter, war alles längst passé. Trotzdem muß er sich in dieses Geheimnis der gefährlichen Werbung so hineingesponnen haben, dass es sein ganzes Schaffen ausfüllte.“ Dies ist die These Hugo Kuhns, der des Weiteren in diesem Kontext von einer „erstaunlichen Dickköpfigkeit“ des Dichters spricht, der das Schema der ’gefährlichen Brautwerbung’ mindestens sechsmal abgewandelt habe und dieses „als einzigen Handlungsbaustein durch vier Generationen“ durchspiele. Auf diese Weise und ähnlich konstatieren auch andere Literaturwissenschaftler die „Kudrun“. Es stellt sich die Frage, warum dem Verfasser der „Kudrun“ auffallend schematisches Erzählen vorgeworfen wird? Gegenstand dieser Arbeit ist es den Vorwurf des schematischen Erzählens in der „Kudrun“ zu widerlegen. Mit Hilfe des Modells des mittelhochdeutschen Brautwerbungsschemas von Christian Schmid-Cadalbert soll erläutert werden, ob sich die These Hugo Kuhns über die Brautwerbungsgeschichten der „Kudrun“ vereinbaren lässt. Um dies explizit zu veranschaulichen werden drei Brautwerbungsgeschichten der „Kudrun“ genauer untersucht und bezüglich der verschiedenen Elemente des Brautwerbungsschemas miteinander verglichen. Es soll in diesem Kontext offensichtlich werden, ob diese drei Werbungen analog in das Schema Schmid-Cadalberts übernommen werden können. Demnach wäre es inhaltlich nur eine Abfolge von gefährlichen Brautwerbungen und „nicht eben reich an Abwechslung“, da nur ein einziges Motiv vorhanden wäre. Wenn diese Thesen ein Potenzial [...]


Excerpt (computer-generated)

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 2

2

Eine Einführung in das mittelhochdeutsche Brautwerbungsschema von

Christian Schmid-Cadalbert 3

3

Elemente des Brautwerbungsschemas 4

3.1

Die Vorgeschichten der drei Brautwerbungen 4

3.2 Die

Brautwerbungen 5

3.2.1

Die Auslösung und Vorbereitung der Werbung Hetels, Hartmuts und

Herwigs 5

a) Die

Herrscherbeschreibungen 5

b) Die

Ratsszenen 7

3.2.2 Die

Werbungsfahrten 9

3.2.3

Die Heimführung der jeweiligen Braut und anschließende Hochzeit... 14

4 Zusammenfassung 17

5 Literaturverzeichnis 19


1 Einleitung

,,Im 12. Jahrhundert [...] trägt die gefährliche Werbung einen ersten Klang der

höfischen Minne in die Zeit hinein. [...] Im 13. Jahrhundert, für den Kudrundichter,

war alles längst passé. Trotzdem muß er sich in dieses Geheimnis der gefährlichen

Werbung so hineingesponnen haben, dass es sein ganzes Schaffen ausfüllte."1 Dies

ist die These Hugo Kuhns, der des Weiteren in diesem Kontext von einer

,,erstaunlichen Dickköpfigkeit" des Dichters spricht, der das Schema der ′gefährlichen

Brautwerbung′ mindestens sechsmal abgewandelt habe und dieses ,,als einzigen

Handlungsbaustein durch vier Generationen" durchspiele.2

Auf diese Weise und ähnlich konstatieren auch andere Literaturwissenschaftler die

,,Kudrun". Es stellt sich die Frage, warum dem Verfasser der ,,Kudrun" auffallend

schematisches Erzählen vorgeworfen wird? Gegenstand dieser Arbeit ist es den

Vorwurf des schematischen Erzählens in der ,,Kudrun" zu widerlegen. Mit Hilfe des

Modells des mittelhochdeutschen Brautwerbungs-schemas von Christian Schmid-

Cadalbert soll erläutert werden, ob sich die These Hugo Kuhns über die

Brautwerbungsgeschichten der ,,Kudrun" vereinbaren lässt. Um dies explizit zu

veranschaulichen werden drei Brautwerbungsgeschichten der ,,Kudrun" genauer

untersucht und bezüglich der verschiedenen Elemente des Brautwerbungsschemas

miteinander verglichen. Es soll in diesem Kontext offensichtlich werden, ob diese drei

Werbungen analog in das Schema Schmid-Cadalberts übernommen werden können.

Demnach wäre es inhaltlich nur eine Abfolge von gefährlichen Brautwerbungen und

,,nicht eben reich an Abwechslung", da nur ein einziges Motiv vorhanden wäre.3

Wenn diese Thesen ein Potenzial an Aussagekraft besitzen, warum sind dem

Kudrunepos dennoch Spannungsmomente zuzuschreiben?

Die drei ausgewählten Brautwerbungen sind die Werbung Hetels um Hilde4, die

Hartmuts um Kudrun und die Liebeswerbung Herwigs um Kudrun. Sie beziehen sich

auf das zentrale Thema - den Erwerb einer Braut und verdeutlichen am besten die

Beim erstmaligen Zitieren der Primärliteratur wird der Name des Autors und der Titel des Romans angegeben. Im

Verlauf der Arbeit wird dann nur noch der Titel genannt.

Autoren der Sekundärliteratur werden bei der ersten Zitatangabe mit vollständigen Namen benannt. Bei weiteren

Zitatangaben werden nur noch die Nachnamen angegeben.

1 Kuhn, Hugo: Kudrun S. 512-513

2 Ebd., S. 513

3 Stackmann, Karl: S. 567

4 Um in dieser Arbeit eine Namensunterscheidung zwischen den beiden Hildefiguren zu treffen, wird die jüngere

Hilde als ,,Hilde" bezeichnet und ihre Mutter als ,,ältere Hilde".

2


Dissoziation in diverse Erzählrichtungen. Obwohl alle drei ausgewählten

Brautwerbungsgeschichten dieses Zentralmotiv beanspruchen, sind sie dennoch

unterschiedlicher Struktur und stellen eine steigernde Entwicklung des

Handlungsverlaufes dar.

2

Eine Einführung in das mittelhochdeutsche Brautwerbungsschema von

Christian Schmid-Cadalbert

Das Modell der mittelhochdeutschen Brautwerbung bezieht sich auf Brautdichtungen,

die die Werbung um eine Frau ins Zentrum stellen. Neben der Einordnung einer

Brautwerbungs-geschichte in das Modell wird zwischen einem einfachen und einem

doppelten Schema der gefährlichen Brautwerbung unterschieden. Die

Teilhandlungen des einfachen Schemas sind erstens Planung und Vorbereitung der

Werbung, zweitens die Werbungsfahrt sowie drittens die Heimführung der Braut

einschließlich Hochzeit. Zusätzlich schließt sich im doppelten Schema die

Rückentführung des Brautvaters und die daraus resultierende definitive Gewinnung

der Braut durch den Werber an. Die Elemente des mittelhochdeutschen

handlungsbestimmenden Brautwerbungsschemas gliedern sich in eine dreiteilige

Raumstruktur, eine Anzahl von Handlungsrollen und ­trägern sowie eine

Handlungsstruktur. Diese Handlungsstruktur wird durch schematypische

Handlungsfixpunkte5, z. B. Ratzszene, Botenbestimmung und ­fahrt, Kemena-

tenszene, Entführung der Braut usw. festgelegt. Die Hauptelemente des dreiteiligen

Schemas kennzeichnen den Machtbereich des Werbers, den Machtbereich des

Brautvaters bzw. ­hüters und das Meer, das diese beiden Bereiche trennt. Meistens

ist der Machtbereich des Werbers ein bekannter, europäischer Festlandraum und der

des Brautvaters ein fremdländischer, der jenseits des Meeres anzusiedeln ist.

Vertreter der Handlungsrollen sind einerseits der Werber, der Nenner, der Kundige,

der außergewöhnliche Helfer und Boten und andererseits die Braut, der Brautvater

und die Brautmutter.

5 Schmid-Cadalbert, S. 87; definiert Handlungsfixpunkt, dass er als ,,[...] ein überindividuel es Handlungselement

zu verstehen [ist], das an bestimmte Orte der Raumstruktur sowie an bestimmte Handlungsrollen gebunden ist

und im Handlungsablauf seinen festen Platz hat."

3


3

Elemente des Brautwerbungsschemas

3.1 Die Vorgeschichten der drei Brautwerbungen

Nach Schmid-Cadalbert könne die Vorgeschichte auf mannigfaltigste Weise mit der

schema-gebundenen Werbungshandlung verknüpft sein.6 Die Vorgeschichten in der

Kudrun sind meistens auf parallele Weise gestaltet, wie sich zeigen wird.

Die Geschichte um die Werbung Hildes, die Tochter Hagens und der älteren Hilde,

beginnt in Irland. Das Geschehen setzt am Ende (des Hagenabenteuers) der vierten

Aventiure ein, in dem Hilde geboren wird. Als Grundkonstellation wird das

Königspaar Hagen und die ältere Hilde mit ihrer wunderschönen Tochter am

Hagenhof vorgestellt. In den Abenteuern zuvor7 wird dem Rezipienten deutlich, dass

der Dichter König Hagen gegensätzliche Charaktere zuteilt.

Einerseits wird er als fürsorglicher Vater (Str. 198)8 dargestellt, andererseits wird er

der ,,wilde" Hagen (Str. 200-202)9 genannt, der sich gegenüber den Werbern seiner

Tochter, die im heirats-fähigen Alter ist, barbarisch und unhöfisch verhält. Er weist

die Freier ab und tötet sogar deren Boten. Diese Informationen über die konträren

Charaktere Hagens sind in dieser Hinsicht wichtig, um das zukünftige Verhalten des

Brautwerbers Hetels verstehen zu können. Zu Beginn des fünften Abenteuers wird

Hetel als Werber Hildes vorgestellt, worauf in Kapitel 3.2.1a näher eingegangen wird.

Die Vorgeschichte der Kudrunwerbung gestaltet sich ähnlich die ihrer Mutter. Das

Geschehen um die Entführung Hildes und die damit verbundene Hochzeit mit Hetel

ist die Vorgeschichte des Kudrunabenteuers. Am Ende der neunten Aventiure wird

von der gemeinsamen Zeit, die Hilde und Hetel in Hegelingen verbringen, berichtet.

Diese Darstellung weist eine Parallelität zur Grundkonstellation des Hilde Teils auf,

da wiederum die Situation der Eltern beschrieben wird. Hetel und Hilde bekommen

zwei Kinder, die wunderschöne Kudrun und den kühnen Recken Ortwin. Analog zu

Hilde ersuchen ebenso mächtige Fürsten die Minne Kudruns, als sie im

heiratsfähigen Alter ist. Zu diesen Fürsten gehören Siegfried, Hartmut und Herwig.

Die Werbung des kühnen Siegfrieds, Herrscher über sieben andere Könige, erreicht

6 Ebd., S. 93

7 Hagen wird als Kind von einem Greifen entführt und muss zusammen mit drei Frauen auf einer Insel ums

Überleben kämpfen. Die Entführung Hagens stellt die Vorankündigung für die zukünftigen Brautentführungen

dar.

8 Bartsch, Karl: Kudrun, S. 45

9 Kudrun, S. 46

4


als erste den Hof Hetels. Kudruns Vater versagt ihm die Hand seiner Tochter, obwohl

Siegfried droht, sein Land zu verwüsten. ,,Hetelen hôchgemüete vesagete im

[Siegfried] sîn kint." (Str. 585,1)10 Da die Werbungssituation von Siegfried nicht zum

Gegenstandsbereich meiner Arbeit gehört, wird auf Siegfried nicht genauer

eingegangen.

Nachdem Siegfried vorgestellt wird, wechselt die Perspektive zu Hartmut. Die

Ausgangssituation von Hartmut und Herwig ist ähnlich. Beide begehren die Minne

Kudruns, werden aber von ihrem Vater geächtet. Der Dichter beschreibt zunächst

den Zustand Hartmuts bezüglich seiner Brautwerbungsversuche und wie bestürzt

seine Familie über die Ablehnung ist. Diese Veranschaulichung stellt die

Vorgeschichte Herwigs dar. Während der Dichter von Hartmut und seiner Familie

berichtet, erfolgt ein kurzer Perspektivwechsel zu Herwig, der selbst nur in drei

Strophen vom Erzähler beschrieben wird. Herwig wirbt um Kudrun, erfährt aber

ebenso wie Siegfried und Hartmut nur Ablehnung Hetels. Nach dieser knappen

Charakteristik Herwigs stellt der Erzähler Hartmut wieder in den Mittelpunkt. In

diesem Kontext verhält sich Hetel ähnlich wie Hagen, da beide die Werber ihrer

Töchter ablehnen. Der Aspekt, dass Hetel gleichsam wie Hagen handelt, weckt die

Erwartung, dass Hetel konsensgemäß die Werbungsboten töten lässt. Diese

Annahme wird im weiteren Handlungsverlauf enttäuscht, denn Hetel ist nicht so

barbarisch wie Hagen.

Er lässt im Gegensatz dazu die Werbungsboten nicht töten. Kuhn sieht in der

gefährlichen Werbung ein Indiz für Hetels Verhalten, weswegen jetzt der höfische

Hetel den wilden Vater spielen müsse.11

3.2 Die

Brautwerbungen

3.2.1 Die Auslösung und Vorbereitung der Werbung Hetels, Hartmuts und Herwigs

a) Die

Herrscherbeschreibungen

Zur Herrscherbeschreibung gehören nach Schmid-Cadalbert die Nennung des

Brautwerbers, sowie die Beschreibung seiner Eigenschaften, seines Fürstensitzes

und seines Machtbereichs. Dieser Herrschaftsbeschreibung können eine Exposition,

in der die Eltern des Werbers erwähnt werden, und eine kurze Jugendgeschichte mit

abschließender Schwertleite vorausgehen.

10 Kudrun, S. 119

11 Kuhn, S. 511

5



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