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Untertitel: Eine zeitreihenanalytische Untersuchung der Jahre 1995 bis 2000
Magisterarbeit, 2002, 168 Seiten
Autor: Andree Blumhoff
Fach: Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Details
Tags: Agenda-Setting, Image, Shell, Inhaltsanalyse, Bevölkerungsmeinung, Framing, Medienwirkung, Schema-Theorie, Brent Spar, Nigeria, Zeitreihenanalyse, ARIMA, Kreuzkorrelationen
Jahr: 2002
Seiten: 168
Note: 1,1
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-43476-3
ISBN (Buch): 978-3-640-43497-8
Die Magisterarbeit resultiert aus einem Drittmittelprojekt des Instituts für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden. Dabei wurde im Zeitraum 1995 bis 2000 die Berichterstattung über die Shell in den wichtigsten deutschen Printmedien inhaltsanalytisch untersucht. Shell hatte im gleichen Zeitraum wöchentlich telefonische Befragungen zum Image des Unternehmens durchführen lassen. Andree Blumhoff war für dieses Projekt als Projektadministrator eingesetzt. Die Arbeit untersucht Zusammenhänge zwischen Medienberichterstattung und Bevölkerungsmeinung.
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Zusammenfassung / Abstract
Die publizistischen Inszenierung des Skandals um die Rolle Shells in Nigeria und die mediale Inszenierung der Ereignisse um die geplante Versenkung einer Ölplattform (Brent Spar) führten 1995 zu einer veränderten öffentlichen Exponiertheit und Wahrnehmung des Unternehmens und machten deutlich, welche zentrale Rolle die veröffentlichte Meinung durch Medien im Prozess öffentlicher Meinungsbildung spielt. Die Aufdeckung der Zusammenhänge zwischen Medienberichterstattung und Bevölkerungsmeinung zum Shell-Konzern ist Ziel dieser Arbeit. Im ersten Teil der Arbeit wird die Relevanz außerökonomischer Kriterien bei der Beurteilung von Unternehmen einer sensiblen Industriebranche in der breiten Bevölkerung angesprochen. Es wird dargestellt, dass soziale Verantwortung und das Umweltverhalten eines Unternehmens wie Shell zentrale Attribute der Beurteilung darstellen, die im Prozess öffentlicher Meinungsbildung ausschlaggebend sind. Die mit Images eng verbundene Schema-Theorie dient als Erklärungsrahmen für Mechanismen der Imagebildung in der Bevölkerung. Um die Verbindung zwischen Medien- und Bevölkerungsimages zu Shell auf ein theoretisches Fundament zu stellen, werden Weiterentwicklungen des Agenda-Setting-Ansatzes auf ihre Fähigkeit zur Anwendung auf Unternehmensimages geprüft. Stichworte sind hier das Second-Level Agenda-Setting und Framing. Zur Berücksichtigung der ganzen Kette dargestellter und wahrgenommener Realitäten werden daran anschließend Einflusschancen von Public Relation auf die mediale Konstruktion von Wirklichkeit diskutiert. Dies geschieht vielfach durch das sog. Issues Managements, über das versucht wird, die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Daran anschließend wird auf weitere Faktoren eingegangen, welche die Imagebildung in den Medien wesentlich beeinflussen, um in diesem Zusammenhang Shell als Thema der Berichterstattung theoretisch zu beleuchten. Im zweiten, empirischen Teil der Arbeit erfolgt die zeitreihenanalytische Untersuchung der Entwicklung des öffentlichen Bildes Shells in Medien und Bevölkerung seit dem Imageverlust 1995 bis ins Jahr 2000. Deskriptive Ergebnisse bilden den Ausgangspunkt für eine anschließende explikative Analyse. Mit Hilfe der statistischen Zeitreihenanalyse werden Stärke und zeitlicher Einfluss der Bewertung Shells in den Medien untereinander und ebenso die allgemein wertende Berichterstattung und ihre Wirkung auf Einstellungsänderungen in der Bevölkerung überprüft.
Textauszug (computergeneriert)
Das öffentliche Bild des Shell-Konzerns
in der deutschen Presseberichterstattung
Eine zeitreihenanalytische Untersuchung der Jahre 1995 2000
Wissenschaftliche Arbeit
zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium
im Fach Kommunikationswissenschaft
an der TU Dresden
September 2002
vorgelegt von
Andree Blumhoff
I
INHALT
ABBILDUNGSVERZEICHNIS III
TABELLENVERZEICHNIS IV
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS V
I. Das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit 1
1. Einleitung 1
2. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 2
3. Unternehmensimages 3
3.1. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung 4
3.2. Soziale Verantwortung und Umweltverhalten von Unternehmen 6
3.3. Die Rolle von Schemata in der öffentlichen Meinungsbildung 7
4. Einfluss der Medien auf die Bildung eines öffentlichen Bildes 10
4.1. Walter Lippmann und die ,,Pictures in Our Head" 11
4.2. Agenda-Setting als fruchtbarer Ansatz zur Imageanalyse 12
4.2.1. Second-Level Agenda-Setting und Framing 13
4.2.2. Medien-Priming 18
5. Public Relations und Agenda-Setting 19
5.1. Issues Management 20
5.2. Frame-Building durch Unternehmen als Interessenträger 21
6. Faktoren der Nachrichtenauswahl in der Unternehmensberichterstattung 24
6.1. Negativismus und die Bedeutung von Schlüsselereignissen 29
6.2. Kollegenorientierung und Inter-Media Agenda-Setting 33
6.3. Unternehmen als Thema der Berichterstattung 36
II. Eine Sekundäranalyse zum öffentlichen Bild des Shell-Konzerns 41
7. Die Daten der Primärerhebung 41
7.1. Inhaltsanalyse der Presseberichterstattung 41
7.2. Bevölkerungsumfragen 42
8. Die ideale Untersuchungsanlage 43
9. Methode und Aufbau der Untersuchung 44
II
9.1. Faktor Zeit 46
9.2. Die Methode der Zeitreihenanalyse 46
9.2.1. Kausalität in der Zeitreihenanalyse 47
9.2.2. Univariate Zeitreihenanalyse 47
9.2.3. Bivariate Analyse mit Kreuzkorrelationen 50
9.3. Aufbereitung der Daten zur Sekundäranalyse 52
10. Ergebnisse 54
10.1. Der Shell-Konzern innerhalb der Unternehmensberichterstattung 54
10.1.1. Die Thematisierung Shells auf der Medienagenda 55
10.1.2. Attribute als Kriterien der Bewertung von Shell 62
10.1.3. Die Ereignisse um die Brent Spar und Nigeria als Schlüsselereignisse 67
10.2. Medienmeinungsführer in der Bewertung Shells 73
10.2.1. Ausgewählte Zeitreihen 74
10.2.2. Ergebnisse 76
10.2.2.1. Inter-Media Agenda-Setting in der Krisenphase 77
10.2.2.2. Inter-Media Agenda-Setting in der Routinephase 79
10.2.2.3. Inter-Media Agenda-Setting zwischen regionalen und überregionalen Zeitungen .. 81
10.3. Medientenor und Bevölkerungsmeinung 82
10.3.1. Tendenz der Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung 83
10.3.1.1. Ausgewählte Zeitreihen 83
10.3.1.2. Ergebnisse 86
10.3.2. Attribute der Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung 87
10.3.2.1. Ausgewählte Zeitreihen 87
10.3.2.2. Ergebnisse 89
11. Zusammenfassung und Bewertung der Zeitreihenanalyse 91
12. Konsequenzen für die Unternehmenskommunikation 95
LITERATURVERZEICHNIS 97
ANHANG 115
III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ABBILDUNG 1: Second-Level Agenda-Setting als Erklärungsrahmen der Imagegestaltung 14
ABBILDUNG 2: Der Framing-Prozess als Teil des Second-Level Agenda-Setting 22
ABBILDUNG 3: Thematisierung Shells in dpa, taz und den analysierten Printmedien 56
ABBILDUNG 4: Thematisierung von Brent Spar und ,,Umweltfreundlichkeit" 68
ABBILDUNG 5: Brent Spar - Differenz positiver und negativer Artikel zur ,,Umweltfreundlichkeit" und
Boykottbereitschaft in Deutschland 69
ABBILDUNG 6: Thematisierung von Nigeria und ,,Soziale Verantwortung" 71
ABBILDUNG 7: Nigeria -Differenz positiver und negativer Bewertungen zu ,,Soziale Verantwortung" 72
ABBILDUNG 8: Entwicklung der durchschnittlichen Tendenz der Berichterstattung über Shell 1995- 2000 . 73
ABBILDUNG 9: Zusammenhang zwischen Berichterstattungsintensität und Bevölkerungsmeinung ,,Shell hat
einen guten Ruf" 84
ABBILDUNG 10: Entwicklung positiver/neutraler und negativer Berichterstattung und Zustimmung zur These
,,Shell hat einen guten Ruf" 84
ABBILDUNG 11: ACF und PACF der Zeitreihe ,,Shell hat einen guten Ruf" 85
ABBILDUNG 12: Berichterstattung zur ,,Sozialen Verantwortung" Shells und Zustimmung zur These ,,Shell
übernimmt Verantwortung für die gesamte Gesellschaft" 88
ABBILDUNG 13: Berichterstattung zur ,,Umweltfreundlichkeit" Shells und Zustimmung zur These ,,Shell
versucht die Umwelt zu schützen" 88
IV
TABELLENVERZEICHNIS
TABELLE 1: Formale Merkmale der Berichterstattung über Shell 55
TABELLE 2: Bewertungen Shells in verschiedenen thematischen Bezügen 60
TABELLE 3: Thematisierung und Bewertung von Attributen Shell´s 63
TABELLE 4: Unterschiede der Medien in der Bewertung der sozialen Verantwortung und
Umweltfreundlichkeit Shells 64
TABELLE 5: Themen als Imageträger für soziale Verantwortung 65
TABELLE 6: Themen als Imageträger für Umweltfreundlichkeit 67
TABELLE 7: Durchschnittliche Thematsierung von ,,Umweltfreundlichkeit" und ,,Soziale Verantwortung"
pro Woche vor, während und nach den Schlüsselereignissen Brent Spar & Nigeria 70
TABELLE 8: Kreuzkorrelationen transformierter und untransformierter Zeitreihen der durchschnittlichen
Tendenz zwischen HB und anderen Tageszeitungen 76
TABELLE 9: Kreuzkorrelationen der Residuen der durchschnittlichen Tendenz zwischen Boulevardzeitungen
und anderen Tageszeitungen 77
TABELLE 10: Kreuzkorrelationen der Residuen der durchschnittlichen Tendenz zwischen HB und anderen
Tageszeitungen in der Krisenphase (1/95 46/96) 78
TABELLE 11: Kreuzkorrelationen zwischen der Interventionszeitreihe des SPIEGEL und der
durchschnittlichen Tendenz einzelner Printmedien 1/95 46/96 79
TABELLE 12: Kreuzkorrelationen zwischen den Residuenreihen der durchschnittlichen Tendenz einzelner
Printmedien 47/96 52/98 80
TABELLE 13: Kreuzkorrelationen zwischen der Interventionszeitreihe SPIEGEL und der durchschnittlichen
Tendenz einzelner Printmedien 47/96 52/98 80
TABELLE 14: Kreuzkorrelationen der Tendenzen zwischen überregionalen und regionalen Tageszeitungen
1999 81
TABELLE 15: Ausgewählte ARIMA-Modelle der allgemeinen Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung
,,Shell hat einen guten Ruf" 85
TABELLE 16: Kreuzkorrelationen zwischen Berichterstattungsintensität und Bevölkerungsmeinung ,,Shell hat
einen guten Ruf" 86
TABELLE 17: Ausgewählte ARIMA-Modelle zu den Attributen ,,Soziale Verantwortung" &
,,Umweltfreundlichkeit" 89
TABELLE 18: Kreuzkorrelation zwischen dem Attribut ,,Soziale Verantwortung" und Bevölkerungsmeinung
,,Shell übernimmt Ver. für die gesamte Gesellschaft" 89
TABELLE 19: Kreuzkorrelationen zwischen dem Attribut ,,Umweltfreundlichkeit" und Bevölkerungsmeinung
,,Shell versucht die Umwelt zu schützen" 90
TABELLE 20: Signifikante Korrelationen zwischen Medienberichterstattung und Bevölkerungsmeinung zu
Shell 92
V
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
bspw.
beispielsweise
d.h.
das heißt
ebd.
ebenda
et al.
et alii
etc.
et cetera
FAZ
Frankfurter Allgemeine Zeitung
FR
Frankfurter Rundschau
HB
Handelsblatt
i.d.R.
in der Regel
KW
Kalenderwoche
MNU
Multinationales Unternehmen
MOPO
Hamburger Morgenpost
sog.
sogenannt
SZ
Süddeutsche Zeitung
TZ
Tageszeitung
u.a.
und andere
usw.
und so weiter
u.U.
unter Umständen
v.a.
vor allem
vgl.
vergleich
z.B.
zum Beispiel
1
I. Das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit
1. Einleitung
,,Wo immer Shell heute auftritt und was immer das Unternehmen dort tut, es wird mit anderen
Maßstäben gemessen, ruft andere Verhaltensweisen hervor und genießt eine andere Form der
öffentlichen Aufmerksamkeit als früher und als dies bei anderen Unternehmen der Fall wäre."
(DONSBACH/GATTWINKEL 1998, S. 166)
Mit diesen Worten schließt eine Analyse der publizistischen Inszenierung des Skandals um die Rolle Shells
in Nigeria ab, als dort der Konzern im Jahr 1995 mit Vorwürfen der Menschenrechtsverletzungen
konfrontiert wurde. Doch bereits einige Monate vorher rückte Shell mit der medialen Inszenierung der
Ereignisse um die geplante Versenkung einer Ölplattform (Brent Spar) ins Zentrum der öffentlichen Kritik.
Zwar gilt fünf Jahre später das öffentliche Bild zumindest der Deutschen Shell wieder als gerichtet, doch
existiert für sie immer noch eine Zeitrechnung ,,vor" und ,,nach" Brent Spar (vgl. TEIWES-
VERSTAPPEN/KÖBL 2000, S. 36). Beide Ereignisse führten zu einer veränderten öffentlichen Exponiertheit
und Wahrnehmung des Unternehmens und machten deutlich, welche zentrale Rolle die veröffentlichte
Meinung durch Medien im Prozess öffentlicher Meinungsbildung spielt.
Die Verbesserung des Bildes in der Öffentlichkeit wird dann ebenso oft einer erfolgreichen Medienarbeit
durch das Unternehmen zugeschrieben. Dieser Annahme steht unter PR-Praktikern wie auch in
Marketingkreisen eine weitverbreitete einfache Sichtweise von Medienwirkungen gegenüber, bei der noch
von einem Transfer- oder Kontaktmodell ausgegangen wird. Danach werden Wirkungen unmittelbar dem
(positiven) Medienstimulus zugeschrieben, der auf ein relativ passives Publikum trifft und dem Stimulus-
Response-Paradigma der frühen Medienwirkungsforschung mit der Gleichsetzung von Botschaft und
Wirkung entspricht (vgl. MERTEN 1994, S. 303). Doch in der heutigen Forschung stehen ,,vereinbarte
Effekte" mit verschiedensten Randbedingungen im Mittelpunkt kommunikationswissenschaftlicher
Untersuchungen. Diese beinhalten sowohl Merkmale auf der Stimulusseite wie Wirkungsabsichten von
Journalisten, als auch Merkmale auf Seiten der Rezipienten wie selektive Zuwendung (vgl. MCQUAIL 1994,
S. 331f.).1
1 ESSER/BROSIUS (2000) verdeutlichen, dass dieses einfache Ursache-Wirkungs-Denken noch nie so simpel war, wie
vielfach dargestellt wird.
2
2. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Die Aufdeckung solcher Zusammenhänge zwischen Medienberichterstattung und Bevölkerungsmeinung
zum Shell-Konzern ist Ziel dieser Arbeit. Da es sich dabei um eine klassische Frage aus der
Medienwirkungsforschung handelt, ist dies eine primär kommunikationswissenschaftliche Betrachtung. Als
Imageanalyse ist die Fragestellung zudem Bestandteil einer PR-Wissenschaft. Hier versteht sich die Arbeit
nicht nur als angewandte, praktische Forschung, sondern versucht, kommunikationswissenschaftliche
Theorien auf Fragestellungen der Public Relations anzuwenden, um einer sonst bemängelten Dürftigkeit von
Imageanalysen im ökonomischen Bereich entgegen zu arbeiten (vgl. BENTELE 1999, S. 187ff.). Mit der
Ausarbeitung von Prozessen öffentlicher Meinungsbildung in Bezug auf Unternehmen soll schließlich auch
einer weitverbreiteten Angst unter PR-Leuten vor Wirkungsforschung begegnet werden (vgl. AVENARIUS
1995, S. 116).
Nach dem Grundprinzip wissenschaftlich-empirischen Arbeitens sollten für eine empirische Arbeit relevante
theoretische Ansätze diskutiert, empirische Untersuchungen zum Problem durchgesehen und deren
Anregungen für die Lösung des anstehenden Problems geprüft werden, bevor der eigene empirische Beitrag
konzipiert wird (vgl. RÖSSLER 1997, S. 12). Doch aufgrund der schwierigen, wenn gar unmöglichen
Beschaffung empirischer Studien zu Unternehmensimages (aufgrund überwiegend privat-finanzierter
Studien) wird ein pragmatischer Weg eingeschlagen.
Im
ersten, allgemeinen Teil
der Arbeit wird ausgehend von einer kurzen Klärung des diffusen Begriffs des
Images auf die Stellung des Unternehmens in der Öffentlichkeit eingegangen. Hier wird die Relevanz
außerökonomischer Kriterien bei der Beurteilung von Unternehmen einer sensiblen Industriebranche in der
breiten Bevölkerung angesprochen. Es wird dargestellt, dass soziale Verantwortung und das
Umweltverhalten eines Unternehmens wie Shell zentrale Attribute der Beurteilung darstellen, die im Prozess
öffentlicher Meinungsbildung ausschlaggebend sind. Die Imageanalyse Shells erfolgt zwar in einer explizit
makrotheoretischen Betrachtung, schließt aber Mechanismen der Meinungsbildung auf individueller Ebene
ein. Die mit Images eng verbundene Schema-Theorie dient als Erklärungsrahmen für Mechanismen der
Imagebildung in der Bevölkerung. Die Medien werden in diesem Prozess als zentrale Vermittlungsinstanzen
identifiziert, deren Vorstellungsbilder von einem Unternehmen wesentlich die Bilder in der Bevölkerung
prägen.
Um die Verbindung zwischen Medien- und Bevölkerungsimages zu Shell auf ein theoretisches Fundament
zu stellen, werden Weiterentwicklungen des Agenda-Setting-Ansatzes auf ihre Fähigkeit zur Anwendung auf
Unternehmensimages geprüft. Stichworte sind hier das
Second-Level Agenda-Setting
und
Framing
.
Synonyme Begriffe wie
Attribute-
oder
Image-Agenda-Setting
verdeutlichen aber eine bisher dürftige
Ausdifferenzierung. Doch stellen sie alle explizite Bezüge zur Imagebildung her, indem durch Selektion und
Fokussierung auf bestimmte Aspekte bzw. Attribute eines Bewertungsobjektes bestimmte Beurteilungen
nahegelegt und andere ausgeschlossen werden. Zur Berücksichtigung der ganzen Kette dargestellter und
wahrgenommener Realitäten werden daran anschließend Einflusschancen von Public Relation auf die
3
mediale Konstruktion von Wirklichkeit diskutiert. Dies geschieht vielfach durch das sog.
Issues
Managements
, über das versucht wird, die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen (Stichwort:
Agenda-
und Frame-Building
). Aufgrund des Schwerpunktes der Forschung im politischen Kontext, soll die
Übertragbarkeit auf einen ökonomischen Kontext geprüft werden. Daran anschließend wird auf weitere
Faktoren eingegangen, welche die Imagebildung in den Medien wesentlich beeinflussen, um in diesem
Zusammenhang Shell als Thema der Berichterstattung theoretisch zu beleuchten.
Im
zweiten, empirischen Teil
der Arbeit erfolgt die zeitreihenanalytische Untersuchung der Entwicklung des
öffentlichen Bildes Shells in Medien und Bevölkerung seit dem Imageverlust 1995 bis ins Jahr 2000.
Begonnen wird mit einem
deskriptiven Teil
, in dem Themen und Attribute dargestellt werden, die das Bild
Shells in den Medien bestimmten, um ausführlicher die Thematisierung von
Brent Spar
und
Nigeria
darzustellen. Die deskriptiven Ergebnisse bilden den Ausgangspunkt für die anschließende
explikative
Analyse
. Mit Hilfe der statistischen Zeitreihenanalyse werden Stärke und zeitlicher Einfluss der Bewertung
Shells in den Medien untereinander und ebenso die allgemein wertende Berichterstattung und ihre Wirkung
auf Einstellungsänderungen in der Bevölkerung überprüft. Dabei werden auch die Auswirkungen von
Bewertungen
zur
Umweltfreundlichkeit
und
sozialen
Verantwortung
des
Konzerns
auf
Einstellungsänderungen zu diesen Attributen untersucht. Der
Anhang
dient schließlich zur
Veranschaulichung ausgesuchter Subthemen der Shell-Berichterstattung, bei der einzelne Ereignisse anhand
von dpa-Meldungen und Beispielen der Presseberichterstattung rekonstruiert wurden. Er dient ebenfalls zur
Dokumentation der statistischen Analyse und anderer Angaben.
3. Unternehmensimages
"The forming, fixing, and transmission of images are basic processes in communication."
(CARTER 1962, S. 77)
Wenn vom Ansehen bzw. öffentlichen Bild eines Unternehmens die Rede ist, gehört eine Klärung der
Begrifflichkeiten zu jeder wissenschaftlichen Arbeit. Der Begriff des Bildes ist eng verknüpft mit dem des
Images (lat. imago: Bild) und einer Vielzahl anderer Synonyme.2 Der Imagebegriff ist ,,zu den
Grundbegriffen der Kommunikationswissenschaft zu rechnen. Zugleich teilt er damit [aber] das Schicksal
anderer zentraler Begriffe des Faches: Er zeichnet sich durch erhebliche Diffusität aus." (MERTEN 1999, S.
49). In der Sozialwissenschaft wird der Begriff des Images, der von GARDNER/LEVY (1955) in die Markt-
und Sozialpsychologie eingeführt wurde, als ,,Gesamtkomplex von Strukturen [...], die in ihrer Summe ein
vereinfachtes, aber handlungsprägendes Vorstellungsbild bestimmter Akteure oder Systeme vermitteln"
(ZERFAß 1996, S. 128 & 338) verstanden.
Bei der Rede von einem öffentlichen Bild wird der diffuse Begriff weiter eingegrenzt, denn dies sind
"Images von Personen, Institutionen oder Objekten/Sachverhalten, die in der Öffentlichkeit entstehen bzw.
2 z.B. Ruf, Klatsch, Gerücht, Vorstellung, Abbild, Stereotyp, Vorurteil oder Einstellung.
4
produziert werden und die über Medien vermittelt vom Publikum aufgenommen werden" (BENTELE 1992, S.
161/162).
3.1. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung
Die öffentliche Exponiertheit großer Organisationen kommt besonders deutlich zum Ausdruck, wenn sich
einzelne Problemlagen zu bedrohlichen Krisen oder Skandalen entwickeln wie es in den vergangenen Jahren
auch anderen Mitgliedern der Mineralölindustrie (Tankerunglücke), Nahrungsmittelherstellern und
chemischer Industrie (Störfälle) widerfuhr. Die Kommunikationspolitik trägt in solchen Situationen eine
entscheidende Rolle, so dass sich besonders die Wissenschaft verstärkt mit Fragen der Krisenkommunikation
auseinandergesetzt hat (vgl. ZERFAß 1996, S. 14/15). Für die Öffentlichkeitsarbeit bzw. Public Relations
eines Unternehmens ist Öffentlichkeit damit schlichtweg konstituierend. Die sozialwissenschaftliche
Beschäftigung mit diesem Begriff in Bezug auf die Stellung von Unternehmen in der Öffentlichkeit ist bisher
aber eher dürftig gewesen (vgl. dazu SZYSZKA 1999, S. 11). Doch muss man sich von der Vorstellung
trennen, die PR richte sich an
die
Öffentlichkeit. Stattdessen steht eine Organisation mit vielen
verschiedenartigen Teilöffentlichkeiten und Gruppen3 in Beziehung, die sich durch unterschiedliche
Interessen, unterschiedliches Engagement gegenüber der Organisation und durch unterschiedliches
Kommunikations- und Informationsverarbeitungsverhalten auszeichnen (vgl. auch KLAUS 1997, S. 108;
HALLAHAN 2000). Im Marketing ist von Zielgruppen die Rede, zu denen neben Abnehmern und anderen
Kunden eines Unternehmens öffentliche Anspruchsgruppen wie Medien, Wettbewerber, potentielle
Mitarbeiter und staatliche Organe gehören (vgl. MEFFERT 1994, S. 85ff.).4 Eine solche Segmentierung
kommt in der situativen Theorie von öffentlicher Meinung nach GRUNIG/HUNT (1984) zum Ausdruck. In ihr
wird eine Teilöffentlichkeit nur durch ihre jeweilige Beziehung zum Unternehmen definiert, innerhalb der
die Mitglieder ,,might not know each other and probably have widely differing opinions and images
regarding the organization" (MOFFITT 2001, S. 349/350). Diese unterschiedlichen Imagetypen spiegeln sich
wieder im
Werbeimage
(Advertising Image),
Unternehmensimag
e (Corporate Image) und
Produktimage
(Brand Image) (vgl. BENTELE 1992, S. 156). Bei letzterem wird bspw. ein Imagetransfer vom Produkt auf
die gesamte Firma erwartet, ähnlich wie der erhoffte Transfer eines Sponsoring auf die eigene Firma, die
Marke oder auf das beworbene Produkt selbst (vgl. BROSIUS/FAHR 1996, S. 142f.).
Bei Unternehmen der Mineralölindustrie ist es allerdings verwunderlich, dass bspw. trotz der positiven
Image-Grundwerte von Automobilmarken ,,hiervon so wenig auf jene Firmen ´abfärbt´, die diese Lieblings-
Spielzeuge des modernen Konsumbürgers überhaupt erst zum Laufen bringen" (MÜLLER-MICHAELIS 1992,
S. 57-58). Doch gerade der Bereich des Ölgeschäftes ist durch sogenannte "commodities" oder "low
interest"-Produkte gekennzeichnet, die es Mineralölfirmen schwer machen, ein bestimmtes Image über das
einzelne Produkt zu generieren. Die Öffentlichkeit differenziert das einzelne Unternehmen dann nicht über
das Produkt, über die sich Firmen üblicherweise unterscheiden, sondern zieht andere Faktoren zur
3 weitere Synonyme sind Publikums-, Dialog-, Anspruchs- oder Interessengruppen (Stakeholder).
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