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Examination Thesis, 2002, 62 Pages
Author: Vera Venz
Subject: Art - Art Theory, General
Details
Year: 2002
Pages: 62
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-43450-3
ISBN (Book): 978-3-640-43457-2
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Abstract
In der Kunst tritt der sonst diffuse Hintergrund des Sehens in den Vordergrund, jedoch ohne aus seiner Diffusität zu entlassen. Das Kunstwerk ist Erscheinendes einer besonderen Art. Es erscheint nicht einfach, sondern zeigt sich in seinem Erscheinen. Es bietet sein Erscheinen dar. Es bietet etwas dar, was es zu erkunden und zu entdecken, was zu verstehen und zu interpretieren wäre. Es wurde kreiert, um gesehen zu werden und es wurde „zu Sehen gegeben“. Die besondere Präsenz von Bildern liegt daher nicht in ihrer scheinhaften Präsenz des jeweiligen Bild-Inhaltes, sondern in der Anwesenheit des Bildes selbst als ein Grund (re-)präsentierter Erscheinungen. Das Kunstwerk ist Gegenwart einer dargebotenen und darbietenden Erscheinung, die die Wirklichkeit um spezifische Phänomene bereichert, in dem es zugleich als Erscheinung, Dargebotenes und Darbietung in der Erscheinung fungiert. Kunst als Bild-Raum des Sehens. Die Form, in der wir Sichtbarkeit vermuten, scheint sich innerhalb der Kunst aus seiner Struktur zu winden. In der submodalen Betrachtungsweise werden Modelle und deren methodische Untersuchungen zu einer „unfassbaren“ Wirklichkeit im Kontext von Ausdruck und Eindruck: Das fixierende und meist mit Fluchtpunkten perspektivisch agierende Auge, welches nicht nur wiedererkennbare Formen, kompositionelle Aspekte, ikonische Elemente und Strukturen oder auch nur nuancierte Inhomogenitäten (Variationen in der Strahlungsintensität) des Lichtes reizen, erfährt über eine Fokussierung hinaus eine Defokussierung des Blicks, eine Verschränkung von real fassbaren mit immateriellen Aspekten der eigenen Wahrnehmung. Das Kunstwerk ist Gegenwart einer dargebotenen und darbietenden Erscheinung, die die Wirklichkeit um spezifische Phänomene bereichert, in dem es zugleich als Erscheinung, Dargebotenes und Darbietung in der Erscheinung fungiert. Kunst als Bild-Raum des Sehens.
Fulltext (computer-generated)
Über die (De-) Konstruktion
von Sichtbarkeit
vorgelegt von
Vera Venz
März 2002
zur Erlangung des ersten Staatsexamens
für das Lehramt an öffentlichen Schulen
Universität Bremen Studiengang Kunstwissenschaft
»Das Licht der Wissenschaft birgt die Gefahr,
dass man glauben kann, die Welt und man
selbst seien ganz erfasst während man in
Wirklichkeit von der Lichtquelle geblendet ist
und deshalb seine Umgebung dunkel und
unverständlich sieht, während die eigene
Nase strahlend hell erleuchtet ist. Wer Afrika
in einem erleuchteten Salon bereist, wird nach
seiner Rückkehr erzählen, Afrika sei ein
drohender Waldrand.«
PETER HØEG,
aus »Von der Liebe...«
II
»Zieht man einen Strich, um die Kontur eines
Apfels zu markieren, macht man ein Ding aus
ihr, obwohl sie doch nur eine ideale Grenze ist,
auf die hin sich die Seiten des Apfels in der
Tiefe zubewegen. Überhaupt keine Kontur zu
markieren, hieße den Gegenständen ihre
Identität rauben. Eine einzige zu markieren,
hieße die Tiefe opfern, d.h. die Dimension, die
uns den Gegenstand gibt, und zwar nicht als
einen restlos vor uns ausgebreiteten, sondern
als eine unausschöpfliche Wirklichkeit, die sich
nie völlig preisgibt.«
Merleau-Ponti,
aus »Der Zweifel Cézannes«
III
Inhalt :
1.
Einleitung
3
2. Licht Quelle der Erkenntnis?
6
3. Seh-Modellen
3.1.
Antike Sehmodelle
3.1.1. Das Sehmodell von Empedokles
11
3.1.2. Das Sehmodell von Platon
12
3.1.3. Das Sehmodell von Demokrit
13
3.1.4. Das Sehmodell von Epikur
15
3.1.5. Das Sehmodell von Aristoteles
16
3.1.6. Das Sehmodell von Euklid
17
3.2.
Kartesisch-neuzeitliche Sehmodelle:
3.2.1. Das Sehmodell von Descartes
18
3.2.2. Das Sehmodell von Prof. Dr. Helmholtz
21
IV
3.3.
Konstruktivistische Sehmodelle:
3.3.1. Sehmodelle in aktuellen Lehrbücher
24
3.3.2. Das Sehmodell von Prof. Dr. Roth
27
4. Zur methodischen Unterscheidung von Materie, Form und Idee
4.1. Die ideelle Unterscheidung von Materie und Form
30
4.2.
Zur methodischen Unterscheidung von Intellekt
und
sinnlicher
Wahrnehmung
32
4.3. Formale Aspekte der Sprache
33
4.4. Sprache als Steuerung der Aufmerksamkeit
35
4.5. Der unbewusste Schluss vom Eindruck als Ausdruck
37
4.6. Die piktorale Explikation von Zeichen
39
5. Empirische Daseinsform und visuelle Wirkungsform
an Beispielen aus der Kunst
5.1. Space Division Construktion -
Twilight Arch
von James Turrell
43
5.2. Conceptual Art One and three Umbrellas von Joseph Kosuth
46
V
6. Resümee
51
7. Literaturverzeichnis
54
8. Abbildungsverzeichnis
57
VI
,,Licht wird erst Licht, wenn es ein
sehendes Auge trifft."
Hermann von Helmholtz, 1911
1. Einleitung
Ohne Licht gäbe es kein Sehen. Ohne die elementare Voraussetzung von Licht wäre keine
,,Lust am Bild", kein stummes Gespräch des Auges mit dem Gemälde, mit der Plastik oder
dem Bauwerk, kein visueller Dialog mit der Zeichnung, der Installation oder dem
Enviroment1 möglich. Sichtbarkeit existiert allein durch die Möglichkeit der
Empfindungsfähigkeit, durch die Wechselwirkung von Licht und sehendem Auge.
Licht, das in seinem Strahlengang auf etwas trifft und reflektiert wird und als reflektiertes
Licht vom Betrachter wahrgenommen wird, impliziert die Verweisungsstruktur, etwas als
etwas Beleuchtetes sichtbar zu machen. Dem Vorgang der Beleuchtung liegt zugleich eine
perspektivische Grenz- bzw. räumliche Umrissbestimmung zugrunde.2 Indem das Licht etwas
als etwas sichtbar werden lässt, wird die vorherige Unbestimmtheit des Raumes mit Körpern
erfüllt und damit in seinen formalen wie farblichen Qualitäten, in seiner optischen wie
dinglichen Existenz proklamiert. Licht wird als ,,der gerichtete Strahl, die wegweisende
Leuchte im Dunkeln, die vordringende Entmachtung der Finsternis, aber auch [als] die
blendende Überfülle, ebenso wie die unbestimmbar allgegenwärtige Helle."3 empfunden.
In der Kunst tritt der sonst diffuse Hintergrund des Sehens in den Vordergrund, jedoch ohne
aus seiner Diffusität zu entlassen. Das Kunstwerk ist Erscheinendes einer besonderen Art. Es
erscheint nicht einfach, sondern zeigt sich in seinem Erscheinen. Es bietet sein Erscheinen
dar. Es bietet etwas dar, was es zu erkunden und zu entdecken, was zu verstehen und zu
interpretieren wäre. Es wurde kreiert, um gesehen zu werden und es wurde ,,zu Sehen
gegeben". Die besondere Präsenz von Bildern liegt daher nicht in ihrer scheinhaften Präsenz
des jeweiligen Bild-Inhaltes, sondern in der Anwesenheit des Bildes selbst als ein Grund (re-
)präsentierter Erscheinungen. Das Kunstwerk ist Gegenwart einer dargebotenen und
darbietenden Erscheinung, die die Wirklichkeit um spezifische Phänomene bereichert, in dem
es zugleich als Erscheinung, Dargebotenes und Darbietung in der Erscheinung fungiert. Kunst
als Bild-Raum des Sehens.
1 Anm.: Amerikanische Kunstrichtung, die ganze Räume für den Betrachter zu formen versucht.
2 Vgl.: Axel Müller: Die ikonische Differenz Das Kunstwerk im Augenblick. Wilhelm Fink Verlag.
1997, S. 124
3 Blumenberg, H.: Licht als Metapher der Wahrheit. In: Studium Generale, 10. Jahrgang, 1957,
S. 433. Zitat entnommen aus: Axel Müller, ebda., 1997, S. 115
3
Die Form, in der wir Sichtbarkeit vermuten, scheint sich innerhalb der Kunst aus seiner
Struktur zu winden. In der submodalen Betrachtungsweise werden Modelle und deren
methodische Untersuchungen zu einer ,,unfassbaren" Wirklichkeit im Kontext von Ausdruck
und Eindruck: Das fixierende und meist mit Fluchtpunkten perspektivisch agierende Auge,
welches nicht nur wiedererkennbare Formen, kompositionelle Aspekte, ikonische Elemente
und Strukturen oder auch nur nuancierte Inhomogenitäten (Variationen in der
Strahlungsintensität) des Lichtes reizen, erfährt über eine Fokussierung hinaus eine
Defokussierung des Blicks, eine Verschränkung von real fassbaren mit immateriellen
Aspekten der eigenen Wahrnehmung.
Im Gegensatz zum Bildraum wird der Sehraum als eine unabhängige, außerhalb unseres Seins
bestehende, von unserer Wahrnehmung unabhängige Realität verstanden. Der Sehraum
präsentiert nicht nur Wirklichkeit, sondern wird allgemein als Realität unabhängig unserer
submodalen Wahrnehmung als existent definiert. Die Sichtbarkeit dessen setzt sich nach der
heutigen, allgemeinen Sinnesphysiologie aus folgenden Komponenten zusammen:
,,Gegenstände reflektieren Photonen, diese treffen auf Photorezeptorzellen der Retina,
welches eine Abfolge neuronaler Abläufe in Gang setzt, die zu einem visuellen Erlebnis
führen, das eine Wahrnehmung genau desjenigen Gegenstandes ist, der ursprünglich die
Photonen reflektiert hat."4
Im 17. Jahrhundert bis heute wurden eine Reihe argumentierender Betrachtungen über das
Sehen, über die Differenz von ,,visio" und ,,pictura" diskutiert, auf die ich mich direkt und
indirekt beziehen werde. Der Begriff ,,Konstruktion"
[lat. ,,constructum", ,,construere"] bezeichnet Hypothesen, mit deren Hilfe versucht wurde
Prozesse begreiflich zu machen.5
Die systematische Erforschung der Struktur von so genannter objektiver Sichtbarkeit
4 Searle, John R.: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Rowohlt Verlag, Reinbek,
1997, S. 34
5 Vgl.: Def. des Begriffes ,,Konstruktion" aus dem Wissen-Lexikon unter www.wissen.de
4
und subjektiver visueller Wahrnehmung führte zu gewissen Hilfskonstruktionen für die
Beschreibung von Dingen oder Erscheinungen, die nicht konkret beobachtbar sind, sondern
aus anderen beobachtbaren Daten erschlossen wurden.6 Mit Bezeichnungen wie ,,idea" und
,,eidos" für nicht direkt beobachtbare Ereignisse des Bewusstseins entstanden sprachliche
Elemente zur Beschreibung und Konstruktion bzw. Dekonstruktion der mittelbaren
Erscheinung ,,Sichtbarkeit".
Da das Thema sehr umfangreich ist, werde ich mich nur auf statische Bilder und deren
Wirkungsweise beschränken. Phänomene wie Film, Videoclip, ,,interaktiver Bildgebrauch",
Computerdesign oder Cyberspace, sowie das Thema der ,,geistigen Bilder" und deren
Verhältnis zum Bild schließe ich aus diesem Grunde bei meiner Untersuchung aus.
Angesichts der unterschiedlichen Konstitution von Bildern, wie Reklametafeln, Zeitungs- und
Urlaubsfotos, Video- und Kinobilder, gegenständlicher und ungegenständlicher Gemälde, um
nur einige Beispiele zu nennen, ist es unmöglich, ein holistisch definiertes Verständnis von
visueller Wahrnehmung zu formulieren. Aufgrund der technischen und kulturellen
Entwicklung sind Thesen zur visuellen Wahrnehmung fortwährend als im Prozess der
Entfaltung zu verstehen, die keine abschließende Arbeit erlauben würden.
Der Schwerpunkt meiner Arbeit zielt nicht auf die Historik des Bildes, die untersuchen
könnte, was zu unterschiedlichen Zeiten als Abbild aufgefasst wurde und welche Macht den
unterschiedlichen Bildmedien in unterschiedlichen Zeiten zugekommen ist. Viel mehr geht es
darum, das Verständnis zu untersuchen, aus dem heraus wir Bildern begegnen, welcher Art
sie auch seien und welche Macht ihnen auch zukomme.
Um in das Spannungsfeld dieser komplexen Problematik einzutreten, werde ich an
ausgewählten historischen Punkten ein Dreieck aus Physiologie, Philosophie und Kunst
durchqueren, und zwar insbesondere im Hinblick auf das problematische Verhältnis von Auge
und bildender Kunst, von visio und pictura, von Sehraum und Bildraum. Ich versuche einen
einsichtigen Begriff dessen zu erläutern, was innerhalb der Tradition des Bildgebrauchs bis
hin zu heutigen Vorstellungen als zentrales Phänomen von Bildern zählt und danke
insbesondere in diesem Zusammenhang für die zahlreichen Hinweise von Frau Prof. Dr.
Sigrid Schade Tholen.
6 Vgl.: Krech/Crutchfiled u.a.: Grundlagen der Psychologie. Kap.1. Psychologie als Wissenschaft.
Psychologie Verlag Union, Weinheim, 1992, , S. 9
5
2.
Licht Quelle der Erkenntnis?
Licht bewirkt Sichtbarkeit und verursacht durch ,,blendende Überfülle" Nichtsichtbarkeit. In
diesem Paradoxon steckt die Motorik, die direkt zum ,,sonnenähnlichen" Auge Gottes führt.
Das ,,sonnenähnliche" Auge ist sowohl im Mythos der griechischen Götter zu finden, als auch
in der alt- und neutestamentarischen Zuschreibung an himmlische Mächte. Zwischen den
beiden Polen von Sichtbarkeit und durch Blendung entstehende Nicht-Sichtbarkeit, in denen
ein menschenmögliches Sehen verschwindet, ist Optik mythologisch angesiedelt.7
Da das Auge des Menschen weder im Dunkeln sehen kann, noch wahrnimmt, was sich hinter
seinem Rücken befindet, da der Sinneswahrnehmung alles entgeht, was auf dem blindem
Fleck im Auge abgebildet wird und darüber hinaus beständig mit dem Verlust der
Funktionsfähigkeit durch Blindheit und Blendung zu rechnen ist, unterscheidet es sich von
einem vorgestellten ,,göttlichen", ,,allsehenden" Auge, dem nichts verborgen bleibt und das
keinerlei Einschränkung erfährt.8 Durch den Glauben an eine göttliche, allsehende Instanz
wird - so die Hoffnung - das sichtbar, was der Sichtbarkeit des menschlichen Auges entzogen
bleibt.9 An Stelle der Erkenntnis durch menschenmögliches Sehen tritt das Licht der
göttlichen Wahrheit. Die sinnesphysiologisch gelesene griechisch-jüdisch-christliche
Allegorie vom Licht als ,,Metapher der Wahrheit" erhebt das Tageslicht zum Schauplatz der
Wahrheit bzw. der Offenbarung.10
Die Übertragung von Licht als Quelle der Erkenntnis führte somit direkt zu dessen
Wahrnehmungsorgan, dem Auge. Sehen wurde mit Wissen gleichgesetzt:
,,Der Blinde will oder möchte nicht wissen, das heißt nicht sehen. Idein, eidos, idea: Die
ganze Geschichte und Semantik der europäischen Idee, mit ihrer griechischen
Genealogie, weist wie man weiß oder sieht das Sehen dem Wissen zu."11
Durch die historische Allegorie von Licht als ,,Wahrheit" erhielt das Auge als Sinnesorgan
eine hierarchische Wertung gegenüber anderen Rezeptoren des menschlichen Körpers.
Descartes schrieb 1637 in seiner Abhandlung
Dioptrique
:
7 Vgl.: Bexte, Peter: Blinde Seher. Verlag der Kunst, Berlin, 1999, S. 39
8 Hebräer-Brief 4,13, Lutherübersetzung nach einer revidierten Fassung von 1984 : ,,Und kein
Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes,
dem wir Rechenschaft geben müssen."
9 Psalm 112,4, Lutherübersetzung, 1984: ,,Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis von
dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten."
10 Vgl.: Wetzel, Michael: Über das Sehen (hinaus). In: Konstruktionen Sichtbarkeiten, Huber / Heller
(Hg.), Springer Verlag, Wien, 1999, S. 175
11 Derrida, Jacques, Zitat entnommen aus: Tholen, Georg Christoph: Der blinde Fleck. In:
Konstruktionen Sichtbarkeiten, Huber (Hg.), Springer Verlag, Wien, 1999, S. 193
6
,,Unsere ganze Lebensführung hängt von unseren Sinnen ab. Von ihnen ist der
Gesichtssinn der edelste. Die Erfindung, die seine Fähigkeit vergrößert, sind zweifellos
die nützlichsten, die es geben kann." 12
Die Optik des 17. Jahrhunderts bestand wesentlich aus Dioptrik, d.h. Lehre von der Brechung
des Lichtes im Durchgang durch geschliffene Gläser und andere transparente Körper.
Sie löste die Katoptrik ab, die Lehre von der Spiegelreflexion.13
Das von Johannes Keppler14 1611 schriftlich ausgeführte Verfahren des astronomischen
Fernrohrs und dessen technische Weiterentwicklung zu anderen Hilfsmitteln der Dioptrie
führte zu einer Verbesserung der Sehfähigkeit durch geschliffene Gläser.
Durch die Allegorie ,,Licht"/,,Wahrheit" und der Erweiterung von Sehfähigkeit durch optische
Hilfsmittel wie Lupen und Fernrohre erlangte die Funktionsweise des Auges auch in anderen
Bereichen von Wissenschaft hohe Bedeutung.
Als Beispiel sei die Verquickung von Dioptrie und dem medizinischen Phänomen der
Schwangerschaft zu nennen: In seinem Buch ,,Philosophische und Mathematische
Erquickstunden" nannte Georg Philip Harsdörfer 1653, unter Berufung auf Athanasius
Kircher, die Empfängnis eine Durchstrahlung.
In seinen Erläuterungen verband er das dioptrische Modell mit der Vorstellung aus der
christlichen Ikonographie, derzufolge Maria durch einen Lichtstrahl empfing, um das
medizinische Phänomen der Schwangerschaft und der auf den Kopf stehenden Babys im
Mutterleib zu erklären:
,,Der oftgerühmte P. Athanas. Kircherus vergleichet die Empfängnis mit der
Durchstrahlung / und weiset / dass der ganze Mensch B C in der Samung / durch den
Punkt A in D E gestaltet werde / da dann die vornehmsten Glieder am ersten erscheinen
/ durch den Glanz aber der
12 Descartes, René. Zitat entnommen aus: Bexter, Peter, a.a.O., 1999, S. 96
13 Vgl.: Bexter, Peter, ebda., 1999, S. 23
14 Keppler, Johannes, (1571- 1630), Astronom.
7
Sonnen (wie durch die Einbildung) nach und nach alle / und auf mancherlei Weise
beleuchtet werden."15
Abb.
1
Licht bewirkte nicht nur Erkenntnisse, sondern wirkte sich als Erleuchtung im religiösen wie
im ideellen Sinne auch ,,befruchtend" auf den menschlichen Geist aus.16 Der Begriff der
,,Aufklärung" ist im wahrsten Sinne des Wortes gemeint: als die Lichtung des Dunklen, die
Dunkelheit als Bedingung des Hellen. Die Frage nach Licht stellt sich meist im Dunkeln: Das
Nachdenken über das Sehen entzündete sich am Nicht-Sehen, genauer gesagt am nicht sehen
des Nicht-Sehens, an der Tatsache: ,,dass wir nicht sehen, dass wir nicht sehen."17 Sozusagen
an der Leerstelle des Blicks.
Unzählige Darstellungen früherer Zeiten stellen eine Auseinandersetzung mit dem Nicht-
Sehen dar.18 Die Illustration der biblischen Tobiasgeschichte, die Bildnissen von der
Blendung des Argus oder die späteren Blindekuh-Darstellungen der Malerei des Barocks und
des Rokoko zeugen davon. Eine Vielzahl von Motiven der Blindheit findet sich in den
Darstellungen als Attribut von Amor und Justicia, von Errore, Favore, Fortuna und Furrore.
15 Harsdörfer, Georg Philip: Philosophische und Mathematische Erquickstunden. Bd. 3., Nürnberg,
1636 1653, Reprint: Jörg Jochen Berns (Hg.), Frankfurt a.M., 1991, S. 200
16 Anm.: z.B. ist der semantische Ursprung des Begriffs
Geistesblitz
im Licht zu finden.
17 Bexter, Peter, ebda., 1999, S. 26
18 Vgl.: Alpers, Svetlana: Kunst als Beschreibung Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts.
Übersetzt von: H.U. Davitt, Köln, 1983, S. 373
8
Als ein prominentes Beispiel hierfür stelle ich Rembrandts Gemälde
Der Triumph der Dalila
vor. In dem Gemälde übersetzte Rembrandt 1636 den alttestamentarischen Bibeltext von
Simson und Dalila aus dem Buch der Richter19 in eine bildliche Darstellung:
Abb. 3
Darauf ist Dalila abgebildet, die soeben mit den Haaren von Simson in der Hand die dunkle
Höhle verlässt. Ihre Konturen verschwimmen im gleißenden Licht des Gegenlichtes. Simson,
der in der Dunkelheit mit dem Gesicht in Richtung Höhleneingang, auf dem Boden liegend
zurückbleibt, wird von vier Bewaffneten bezwungen. Einer von ihnen sticht den Dolch in
19 Richter Vers 16-21, Lutherübersetzung, revidierte Fassung von 1984: ,,Als sie aber mit
ihren Worten alle Tage in ihn drang und ihm zusetzte, wurde seine Seele sterbensmatt, und er tat ihr
sein ganzes Herz auf und sprach zu ihr: Es ist nie ein Schermesser auf mein Haupt gekommen; denn
ich bin ein Geweihter Gottes von Mutterleib an. Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft
von mir, so dass ich schwach würde und wie alle andern Menschen. Als nun Delila sah, dass er ihr
sein ganzes Herz aufgetan hatte, sandte sie hin und ließ die Fürsten der Philister rufen und sagen:
Kommt noch einmal her, denn er hat mir sein ganzes Herz aufgetan. Da kamen die Fürsten der
Philister zu ihr und brachten das Geld in ihrer Hand mit. Und sie ließ ihn einschlafen in ihrem
Schoß und rief einen, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschnitt. Und die fing an, ihn zu
bezwingen - da war seine Kraft von ihm gewichen. Und sie sprach zu ihm: Philister über dir,
Simson! Als er nun von seinem Schlaf erwachte, dachte er: Ich will frei ausgehen, wie ich früher
getan habe, und will mich losreißen. Aber er wusste nicht, dass der HERR von ihm gewichen war.
Da ergriffen ihn die Philister und stachen ihm die Augen aus, führten ihn hinab nach Gaza und
legten ihn in Ketten; und er musste die Mühle drehen im Gefängnis."
9
Simsons Auge, während ein zweiter, im Vordergrund und als Schattenriss im Gegenlicht
stehend, mit diagonal gesetzter Lanze auf das andere Auge zielt. Simson wird im Angesicht
der Helligkeit des Tageslichtes das Augenlicht genommen. Die Szene wurde perspektivisch
aus dem dunklen Hintergrund gemalt. Die Leinwand erscheint wie ein Netzhautbild. Die
Figuren erhalten ihre farbliche und formale Präsenz von einer virtuellen, außerhalb der Höhle
liegenden Lichtquelle, wie dies auch analog beim Auge zutrifft. Zimmerhöhle, Bergeshöhle
und Augenhöhle ergänzen sich sinnbildlich zu einer Intervallschachtelung von Blackboxes,
deren eine die andere sichtbar macht.20
Das Bild präsentiert sich als Doppeldeutigkeit des Blicks, als eine in sich oszillierende
Verschränkung von Sichtbarem und Unsichtbarem. Ihren Höhepunkt erreicht die
Verschränkung durch die Hervorhebung des starken Kontrasts von Hell und Dunkel und
deren Umkehr von Sichtbarkeit in der dunklen Höhle gegenüber der Unsichtbarkeit des
außerhalb der Höhle Liegenden. Das Thema des Sehens und Nichtsehens, was im Gemälde
u.a. durch die Sinnbildfigur von Simson dargestellt wird, er verliert im Moment seiner
Darstellung sein Augenlicht, wird von Rembrandt als ein Übergang dargestellt, als eine Art
Transformation von Sichtbarkeit in Nichtsichtbarkeit.
Das In- und Gegeneinander von räumlicher Nahsicht und Panoramasicht, Materialität und
Immaterialität, ikonischer Realität und ikonischer Virtualität, das paradoxe Gemisch von
Helligkeit und Dunkelheit, Undurchsichtigkeit und Transparenz lassen das Bild nur im
unabschließbaren Prozess seines Werdens, nur im Schein und Erscheinen gewahr werden.
Diese Unabgeschlossenheit der Wahrnehmung, ihre Eigenheit in der phänomenalen Modalität
überbietet die faktisch ergreifbare Form.21
Licht, als ,,schimmernde Helle" oder reflexiv gebrochener Schein, ob als blendende Macht
oder erhellende Kraft, ob als natürliches Licht oder sakrales Leuchtlicht: Für die Malerei wie
für das bildnerische Denken ist es klassisches Paradigma und maßgebende Instanz für die
Sichtbarkeit der Welt. Durch das Licht, Grund und Medium allen Sehens, erschließen sich
dem Auge Aspekte von Bildern, deren unerschöpfliche Vielfalt es nur anschaulich erfährt.
20 Vgl.: Bexter, Peter, ebda., 1999, S. 54
21 Vgl.: Boehm, Gottfried: Die Wiederkehr der Bilder. In: Was ist ein Bild? Gottfried Boehm (Hg.),
Wilhelm Fink Verlag, München, 1995, S. 30
10
3.
Seh-Modelle
Im Rahmen der Theoriebildung zum Seh-Vorgang veränderte sich die Deutung des
Sichtbaren. Während in der Antike das Sichtbare nicht vom Wahrnehmbaren unterschieden
wurde, der Mensch verstand sich als Einheit mit dem ihm Umgebenen, entstand im Laufe der
Entwicklung von Wissenschaftlichkeit eine Differenzierung der Interaktion zwischen Auge
und Objekt, Individuum und Welt.
In den Seh-Modellen des 20. Jahrhundert wurde zwischen dem Wahrnehmbaren und dem
Sichtbarem als von einander distinktive Einheiten gesprochen. Die objektive
Sinnesphysiologie wird von der subjektiven Sinnesphysiologie in ihrem Wesen dahingehend
unterschieden, dass sie eine Zuordnung in getrennt von einander bestehende wissenschaftliche
Bereiche erfuhr. Während die Wahrnehmungspsychologie sich ausschließlich mit affektiven
Prozessen der Sinneswahrnehmung auseinandersetzt, wird in der Sinnesphysiologie u.a. das
Erregungsmuster der Sensoren und Neuronen untersucht.
Die folgende Untersuchung stellt die Theoriebildung des Abbildungsvorganges der äußeren
Wirklichkeit innerhalb seines historischen Kontextes dar, um zu verdeutlichen, dass
Sichtbarkeit den Status einer Interpretation inne hatte.
3.1. Antike Sehmodelle
3.1.1. Das Sehmodell von Empedokles
Empedokles (ca. 495-435 v.Chr.) schrieb, dass es kein Werden und Vergehen in dieser Welt
gäbe, da alles durch die Mischung von vier veränderlichen Elementen
- Feuer, Luft, Wasser und Erde - bestehe. Die bewegenden Kräfte sind Liebe und Hass. Der
Austausch der Stoffe findet über die Poren statt.22
Nach Empedokles besitzen Sinnesorgane Poren, durch die Absonderungen von Körpern, in
Form unsichtbarer Teilchen (,,Ausflüsse"), eindringen können. Sind Ausfluss und Pore
symmetrisch, also wesensnah, können die Ausflüsse der Stoffe aufgenommen und zu einer
Wahrnehmung führen. Passen die Absonderungen der Stoffe nicht durch die Poren des
Sehorgans, sind also ,,Augenlicht" und Ausfluss des Stoffs unsymmetrisch, so können diese
nicht wahrgenommen werden.23
22 Vgl.: Capelle, Wilhelm: Die Vorsokratiker. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1963, S. 231
23 Vgl.: Capelle, Wilhelm, ebda., 1963, S. 186
11
Zur Entstehung der Augen schrieb er fußend auf der Grundlage der von ihm ausgearbeiteten
Vier-Elemente-Lehre - , dass Erde, Wasser, Luft und Feuer es sind, ,,aus denen die göttliche
Aphrodite die unermüdlichen Augen schuf." Die Elemente wurden von ihr ,,mit Nägeln der
Liebe" vereinigt. Bei der Entstehung barg sich ,,in der runden Pupille das ursprüngliche Feuer,
eingeschlossen in Häute und feine Hüllen, die von wunderbar eingerichteten, gerade
hindurchgehenden Gängen durchbohrt waren, die die Tiefe des ringsherum fließenden
Wassers zurückhielten; das Feuer aber ließen sie nach außen hindurch, weil es soviel feiner
war."24
Das so vor dem Augenwasser geschützte Augenlicht funktioniert daher ähnlich wie eine
Laterne:
,,Wie wenn ein Mann, der in der Winternacht einen Ausgang vorhat, den Schein
flammenden Feuers entzündet und sich eine Leuchte zurecht macht, eine Laterne, die
das Licht gegen Winde aller Richtungen schützt; denn sie lässt den Sturmhauch der
brausenden Winde zerstieben, aber ihr Licht, das durch die Wandung nach außen
hindurch dringt, weil es soviel feiner ist leuchtet mit unermüdlichen Strahlen auf den
Weg"25
3.1.2. Das Sehmodell von Platon
In der von Platon (427-347 v.Chr.) ausgearbeiteten Sehtheorie spielte das Feuer beim Sehen
eine entscheidende Rolle:. ,,Ohne Feuer ist nichts sichtbar."26
Das Licht des Tages und das ihm verwandte, durch die Augen strömende Licht, ist ein
spezielles, feines Feuer, dem die Eigenschaft zu brennen fehlt. Das im Menschen befindliche
Feuer wird vom Auge, besonders von der Pupille, so gefiltert, dass das grobe Feuer des
Menschen zurückgehalten, aber das feine, reine Feuer durchgelassen wird. Das Augenlicht
bezeichnet den Strom des vom Auge ausgehenden Lichtes.27 Immer dort, wo nun Tageslicht
sich mit dem Augenlicht verbindet und auf das Licht von Dingen trifft, gestaltet sich eine
Form von einheitlichem Licht, das einer Sehkraft gleichkommt, die das Sehen erst ermöglicht.
Alle drei Formen verbinden sich zu einem Sehvermögen, die sich durch den Körper bis zur
Seele des Menschen verbreitet. Verliert das Sonnenlicht seine Kraft, so verliert der Mensch
24 Empedokles, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 231
25 Empedokles, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 231
26 Vgl.: Platon: Timaios. Band VII., Eigler (Hg.), Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt,
1972, S. 41
27 Vgl.: Platon, ebda, 1972, S. 77
12
seine Sehkraft. Aufgrund der fehlenden Ergänzung des Augenlichtes durch das Tageslicht
sind die Dinge nur noch undeutlich zu sehen:
,,Nachdem es [Anm.: Das Tageslicht, das Augenlicht und das von den Dingen
ausgehende Licht] nun als Ganzes vermöge seiner Ähnlichkeit den gleichen
Einwirkungen unterliegt, verbreitet es die Bewegung desjenigen, womit es und was mit
ihm in Berührung, durch den ganzen Körper bis zur Seele und erzeugt diejenige
Sinneswahrnehmung, mittels derer wir, wie wir sagen, sehen. [...] Schwand aber das
ihm verwandte Feuer gegen Nacht, dann ist es abgeschnitten; denn indem es zu etwas
ihm unähnlichen herausdringt, erfährt es selbst eine Veränderung und erlischt, indem es
nicht mehr mit der benachbarten Luft verschmilzt, da diese kein Feuer hat."28
Während Empedokles davon ausging, dass die Existenz der Dinge von ,,Bewusstsein" und
,,Ideen" unabhängig sind, die Dinge also so gesehen werden, wie sie sind, unterschied Platon
zwischen zwei Welten der Wahrnehmung: Der Welt des Sichtbaren und der des Denkbaren.
Über beidem wähnte er die Ideen, die immateriellen Urbilder des Menschen, geschaffen durch
den Demiurgen, den Weltbildner.29
Die wahrgenommenen Lebewesen und Dinge sind nach Platon nur Abbilder der Ideen. Die
Abbilder wirken als Traum-, Schatten- und Spiegelbilder. Sie werden erst wahr, wenn sie den
Grad der Wahrheit erreichen und in den Bereich des Denkbaren aufgestiegen sind. Der Grad
der Wahrheit des Bildes steigt vom Negativbild in die Welt des Sichtbaren. Von der
Einbildung steigt es über den Glauben in den Verstand zur Vernunft in die Welt des
Denkbaren, der Idee. Bilder von Dingen und Lebewesen sind nach Platon also erst in der Welt
des Denkbaren wahrhaft zu erkennen. Bevor die Bilder diesen Grad aber erreichen, beinhalten
sie Irrtum und Täuschung.30
3.1.3. Das Sehmodell von Demokrit
Demokrit (460 370 v.Chr.) nahm an, dass die Welt aus kleinen Bausteinen besteht, den
Atomen. Diese Atome bewegen sich im leeren Raum. Sie können dabei zusammenstoßen,
sich vereinigen und auch wieder trennen. Bei all diesen Vorgängen blieben die Atome selbst
erhalten. Gleichzeitig wies Demokrit darauf hin, dass der Mensch nicht in der Lage ist, die
Atome in ihrer wirklichen Beschaffenheit zu erkennen, sondern nur deren Wirkung. Nach
28 Platon, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 77
29 Vgl.: Platon, ebda., 1972, S. 78
30 Vgl.: Platon, ebda., 1972, S. 79
13
Aussage Demokrits ist die Wahrnehmung aller Sinne darum nur Schein. Nur Atome und der
leere Raum würden wirklich existieren.31
,,Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter, in
Wirklichkeit gibt es nur Atome und den leeren Raum."32
Sinneseindrücke kämen demnach nur durch die Einwirkung der Ausflüsse der Objekte und
der Wahrnehmenden in Form von Atomen auf die sie umgebende Luft zustande. Die
zwischen Objekt und Auge befindliche Luft zieht sich aufgrund des beidseitigen Eindrucks
zusammen und spiegelt sich in dem wässrigen Auge. Die Wahrnehmung erfolgt aus der
Wechselwirkung des Objekts mit dem Sinnesorgan des Wahrnehmenden. Der Eindruck als
materielle Ausformung der Luft wurde von Demokrit als ,,eidola" als eine Art Form, Gestalt,
Bild - bezeichnet.33
,,Die Spiegelung erfolge nämlich nicht sofort in der Pupille, sondern es empfange die
Luft zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstand von dem Gegenstand und
dem Sehenden einen ,,Eindruck", indem sie sich zusammenziehe. Denn von jedem Ding
erfolge ständig ein Ausfluss. Als dann spiegele sich diese [Anm.: die Luft], die fest und
andersfarbig sei, in den Augen."34
Verschieden erfasste Sinneseindrücke erklärte sich Demokrit durch die verschiedene
Disposition von Seele und Leib beim Menschen. Die Verschiedenheit der Menschen
bewirkten seiner Meinung nach verschiedene Ausflüsse, die wiederum in der Luft einen
anderen Eindruck bewirke. Da aber die optische Wechselwirkung zwischen dem Gesehenen
und dem Menschen erst ein Bild erschaffe, ist es möglich, dass bei einem und demselben
Gegenstand verschiedene Eindrücke entstehe.35
,,Wir erkennen in Wirklichkeit nichts der Wahrheit gemäß, sondern nur, was sich
entsprechend der jeweiligen Verfassung unseres Körpers und den in ihn eindringenden
oder entgegenwirkenden Wahrnehmungsbildern wandelt."36
31 Vgl.: Capelle, Wilhelm, ebda., 1963, S. 431
32 Demokrit, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 399
33 Vgl.: Wilhelm Capelle, ebda.,1963, S. 431
34 Demokrit, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 431
35 Vgl.: Capelle, ebda., 1963, S. 438
36 Demokrit, Zitat entnommen aus: Capelle, ebda., 1963, S. 437; Hervorhebung durch den Autor
14
3.1.4. Das Sehmodell von Epikur
Epikur (341-270 v.Chr.) erklärte durch den permanenten Abfluss von Atomen aus den
Dingen das Wahrnehmungskonzept. Im Gegensatz zu den vorherigen Theorien, gab es für ihn
keine Wechselwirkung von Ausflüssen zwischen Wahrnehmenden und dem Gesehenen vor
dem Auge. Seiner Meinung nach bildete der Abfluss des Gesehenen eine hüllenähnliche,
materielle Abformung, die er als ,,eidola" bezeichnete. Diese entstandene ,,eidola" fließt nun
kontinuierlich, mit großer Geschwindigkeit zu dem Auge, wo es schließlich eindringt und
einen Eindruck prägt. Es können aber nur dann ,,Bilder" empfangen werden, wenn sie mit
dem Verstand erfassbar sind.37
,,Man muss also annehmen, dass wir Gestalten dadurch sehen und mit dem Verstand
erfassen, dass von den äußeren Objekten etwas in uns eindringt. Denn die Objekte
können kaum ihre reale Farbe und Form durch [das Medium] der zwischen uns und
ihnen liegenden Luft, auch nicht durch Strahlen oder irgendwelche Strömungen, die von
uns zu ihnen gelangen, in uns einprägen; möglich ist das aber, wenn gleichfarbige und
gleichförmige Abprägungen der Gegenstände in einer unserem Auge oder Verstande
angemessenen Größe in uns einfließen." 38
Entspricht die ausgesendete ,,eidola" dem empfangenden Auge und ist dieses Bild vom
Verstand erfassbar, so kann der Gegenstand oder das Lebewesen wahrgenommen werden.
Alle anderen ausgesendeten Formen bleiben für das Auge unsichtbar.39
3.1.5. Das Sehmodell von Aristoteles
Das Sehstrahlkonzept des Auges, bei dem das Licht wie aus einer Lampe heraustreten soll,
kritisiert Aristoteles (384 v. Chr. - 322 n.Chr.), indem er fragt, ,,warum das Gesicht nicht auch
im Dunkeln sieht?"40 Er bewertet das Sehstrahlkonzept als vernunftwidrig. Das ,,eidola"-
Konzept der Atomisten lehnt er ab:
37 Vgl.: Epikur, Brief an Herodotos. Fritz Jürs, Reimar Müller und Ernst Günther Schmidt (Hg.):
Griechische Atomisten. Verlag Das Europäische Buch, Westberlin, 1984, S. 208
38 Epikur, Zitat entnommen aus: Jürs u.a., ebda., 1984, S. 209
39 Vgl.: Epikur, ebda., 1984, S. 208
40 Aristoteles, Von der sinnlichen Wahrnehmung und dem sinnlichen Wahrnehmbaren. Übersetzt
von: Bender, Hermann, Hoffmansche Verlags-Buchhandlung, Stuttgart, In: Langenscheidtische
15
,,Die althergebrachte Behauptung nun, die Farbe seien Ausströmungen und dies sei die
Ursache, warum sie gesehen werden, ist ganz unhaltbar."41
Für Aristoteles bewirkte das Feuer oder etwas ähnliches eine qualitative Veränderung des
Mediums. Medium waren Luft, Wasser und durchsichtige feste Gegenstände, die mittels von
Feuer durchsichtig erschienen. ,,Das Durchsichtige wird Kraft des Feuers durchsichtig."42 Sie
waren Bindeglieder zwischen dem Gegenstand, Person u.a. und dem Betrachter.43 Das nur
potenziell Durchsichtige ist die Finsternis, das aktuell Durchsichtige ist die Helligkeit. Licht
ändere den Zustand des Mediums. In der entstandenen Durchsichtigkeit des Mediums wird
Farbe sichtbar. Farbe war somit das eigentlich Sichtbare. Die Farbe und die Gestalt erregen
das Medium, welches die Einwirkungen weiter an das Auge gibt.44
,,Alle Farbe ist fähig, das wirklich Durchsichtige zu erregen, und dies ist ihre Natur.
Deshalb ist sie ohne Helligkeit nicht sichtbar, sondern alle Farbe, die einem Ding eigen
ist, wird in der Helligkeit erblickt. [...] Denn das Sehen kommt zustande dadurch, dass
das Wahrnehmvermögen etwas erleidet. Unmöglich aber direkt seitens der gesehenen
Farbe: so bleibt also, dass es seitens des Mediums geschieht." 45
Aristoteles ging nicht davon aus, dass das Auge alles wahrnehmen kann. Die Einwirkung des
Mediums musste erst eine wahrnehmbare Form erhalten:
,,Das Wahrnehmungsvermögen ist der Möglichkeit so beschaffen, wie das
Wahrnehmbare schon der Erfüllung nach ist. [...] Es erleidet eine Einwirkung, solange
es nicht gleich ist; ist das Erleiden vorüber, so ist es angeglichen und gleicht jenem
(Anm.: dem Wahrnehmbaren)."46
Wahrnehmung wurde zu einer, im wörtlich gemeinten Sinne, In-Formation. Das Sehorgan
verändert nicht die Farbe, sondern es gleicht sich deren begrifflicher Form an. Wahrnehmung
ist die Fähigkeit, die wahrnehmbaren Formen ohne die Materie aufzunehmen. Aristoteles
Bibliothek sämtlicher gr. und röm. Klassiker, Langenscheidtische Verlagsbuchhandlung, Berlin u.
Stuttgart, 1984, S. 8
41 Aristoteles, Zitat entnommen aus: Bender u.a., ebda., 1984, S. 14
42 Aristoteles: Über die Seele. In: Helmut Flashar (Hg.): Aristoteles Werke. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt, 1983, S. 36
43 Vgl.: Aristoteles, ebda., 1983, S. 36
44 Vgl.: Aristoteles, ebda., 1983, S. 36
45 Aristoteles, Zitat entnommen aus: Flashar, ebda., 1983, S. 37
46 Aristoteles, Zitat entnommen aus: Flashar, ebda., 1983, S. 35
16
verwendete zur Erklärung die Metapher der Siegelprägung: Die Form des Ringes wird vom
Wachs aufgenommen, aber nicht dessen Eisen und Gold.47
3.1.6. Das Sehmodell von Euklid
Euklid (um 300 v.u.Z.) beschreibt eine weitgehende mathematische Sehtheorie. Er geht davon
aus, dass die vom Auge ausgehenden gradlinigen Strahlen unbegrenzt auseinanderstreben.
Die Einzelstrahlen gehen dabei kegelförmig auseinander und treffen auf Dinge, die dadurch
gesehen werden. Der Scheitelpunkt des Kegels ist das Auge. Nahe am Auge ist die Dichte, die
Anzahl der Strahlen pro Fläche höher als in der Entfernung. Deshalb lassen sich in der Nähe
mehr Einzelheiten sehen als an einem fernen Objekt, welches nur noch von wenigen
Sehstrahlen getroffen wird.
Die unterschiedliche Dichte der Sehstrahlen verschiedener Entfernungen vom Auge bedingt
das Sehen von mehr oder weniger Einzelheiten. 48
Das Sehstrahl-Konzept eignete sich für die damalige geometrische Deutung der
Raumwahrnehmung. Mit Hilfe des Sehstrahlkegels konnte die Fragestellung wie Perspektive,
scheinbares Kleinerwerden sich entfernender Objekte und ihre Orientierung in Bezug auf die
Visierlinie erklärt werden.
3.2. Kartesisch-neuzeitliche Sehmodelle
Die Theorie über die dioptrisch-geometrische Konstruktion des Netzhautbildes durch
Johannes Keppler löste das Problem der Interaktion zwischen Gegenstand und Auge. Die
Öffnung des Leibes und das Sezieren der Organe führte zu physiologischen Erkenntnissen
über die Optik. Damit war das antike Identifikationskonzept, die Angleichung des Auges an
das Objekt des Sehens, gescheitert. Die Interaktion zwischen Auge und Gegenstand wurde
erklärbar, die Wahrnehmung selber blieb jedoch rätselhaft. Descartes trieb das Verständnis
der visuellen Perzeption voran, in dem er den Körper-Seele-Dualismus postulierte. Alle
rätselhaften Fragen der Wahrnehmung wurden in den Bereich der Seele verschoben. Damit
wurde erstmals zwischen dem Wahrnehmbarem und dem Sichtbaren unterschieden, in dem
47 Vgl.: Aristoteles, ebda., 1983, S. 35
48 Vgl.: Euklid, Sieben Postulate der Optik. In: Lindberg, David C.: Das Auge und Licht im
Mittelalter. Suhrkamp, Frankfurt a. M. , 1987, S. 37-38
17
nicht mehr das Auge einen Eindruck erfährt, sondern die Seele eine Abbildung des Sichtbaren
erfährt.
3.2.1. Das Sehmodell von Descartes
Rene Descartes (1596-1650) gab aus Furcht vor der Inquisition (Verurteilung Galileis 1633)
eine Reihe von Schriften anonym heraus. Die Reihe begann mit dem
Discours de la Methode
(1637), dem die Abhandlung
Dioptrique
beigelegt wurde.49 Dioptrik heißt die Lehre von der
Lichtbrechung, im Gegensatz zur Katoptrik, der Lehre von der Reflexion des Lichtes.
Im Gegensatz zu den Sehmodellen der Antike teilte Descartes den visuellen Prozess in drei
Bereiche auf: erstens in den physischen, zweitens in den psychisch-physischen Kontakt und
drittens in den der Psyche:
,,Zur ersten gehört nur das, wodurch unmittelbar das körperliche Organ von den äußeren
Objekten affiziert wird, und das kann nichts anderes sein als die Bewegung der kleinen
Teile dieses Organs und die Veränderung der Gestalt und Lage, die von dieser
Bewegung herrührt. Die zweite Stufe umfasst alles das, was unmittelbar im Geiste
dadurch sich ergibt, dass er mit dem so affizierten körperlichen Organe vereinigt ist [...].
Die dritte schließlich umfasst alle die Urteile, die wir bei der Gelegenheit von
Bewegungen des körperlichen Organs über die Dinge außer uns zu fällen von Jugend
auf gewohnt sind."50
Der erste Bereich umfasst die mechanistisch gestalteten physikalisch-optischen Vorgänge,
wie Strahlengänge und Bilder, die in Bezug zu Mustern neurophysischer Aktivität entstehen.
Der zweite Bereich enthält seine Erläuterungen über die neurophysische Aktivität auf der
Zirbeldrüse, sowie deren kausale Beziehung zu Perzeptionen der Sinneserfassung. Der dritte
Bereich schließt die geistigen Vorgänge ein wie Perzeption, Wahrnehmungen und Sehbilder.
Um seine Theorie zu verdeutlichen, zog Descartes in seinen Erläuterungen Vergleiche. Eine
von Descartes verwendete Analogie ist der des Blindenstocks mit dem Licht:
,,Denken Sie sich, das Licht eines leuchtenden Körpers sei nichts anderes als eine
gewisse Bewegung oder eine schnelle und lebhafte Regung, die unser Auge durch die
Vermittlung der Luft und anderer durchsichtiger Körper ebenso erreicht, wie Bewegung
49 Vgl.: dtv-Lexikon, Bd. 3, München, 1972
50 Descartes, René: Meditationen. Übersetzt von Buchenau, Artur, Felix Meiner Verlag, Hamburg,
1972, S.378
18
oder Verharren der Körper dem Blinden durch Vermittlung des Stocks bekannt
werden."51
Mit der ,,Stock-Analogie" sollte hervorgehoben werden, dass der Kontakt sofort (instantan)
stattfindet52, der visuelle Prozess also keine Verarbeitungszeit braucht. Anders als bei
Aristoteles findet im Sehorgan aber keine Angleichung statt:
,,Ja, es braucht an den Gegenständen nichts zu geben, was unseren Vorstellungen oder
Wahrnehmungen, die wir von ihnen haben, ähnlich ist. Es geht ja auch nichts von den
Körpern aus, die der Blinde mit Hilfe seines Stockes fühlt, und ihr Widerstand und ihre
Bewegung, die allein die Ursache der Empfindungen sind, die er von ihnen hat, haben
keine Ähnlichkeit mit den Vorstellungen, die er sich von ihnen bildet."53
,,Der Blinde [...] berührt mit einem Stock die Gegenstände. Dabei ist gewiss, dass die
Körper nichts anderes zu ihm senden. Sie bewegen nur seinen Stock, je nach den
verschiedenen Eigenschaften, die sie besitzen. Dadurch erregen sie die Nerven seiner
Hand und schließlich die Stelle des Gehirns, von der diese Nerven ausgehen. Das
veranlasst die Seele dazu, genau so viele Eigenschaften dieser Körper zu fühlen, wie es
verschiedene Bewegungen gibt, die hierdurch im Gehirn hervorgebracht werden."54
Descartes nimmt eine kausale Punkt-für-Punkt-Entsprechung zwischen neurophysischer
Aktivität und Empfindung an. Wahrnehmung bezieht sich auf mechanistische Sensorik,
Denken dagegen auf geistige Vorgänge. Während Descartes bis zu diesem Punkt von einer
passiven Sinnesempfindung ausgeht, betrachtet er die Tätigkeit der Seele als aktiv. Nicht der
Körper empfindet das Gesehene, sondern die Seele:
,,Und man weiß, dass die Empfindung eigentlich nicht dadurch zustande kommt, dass
die Seele sich in den Gliedern befindet, die den äußeren Sinnen als Organe dienen,
sondern dass sie im Gehirn ihren Sitz hat, von wo aus sie das Vermögen ausübt, das
man Allgemeinsinn nennt."55
51 Descartes, René: Dioptrik. Übersetzt von Leisegang, Gertrud, Westkulturverlag Anton Hain,
Meisenheim am Glan, 1954, S. 71
52 Vgl.: Hagner, Michael: Die Entfaltung der cartesischen ,,Mechanik des Sehens" und ihre Grenzen.
Sudhoffs Archiv 74, H. 2, 1990, S. 148- 171
53 Descartes, Zitat entnommen aus: Leisegang, ebda., 1954, S. 71
54 Descartes, Zitat entnommen aus: Leisegang, ebda., 1954, S. 90
55 Descartes, Zitat entnommen aus: Leisegang, ebda., 1954, S. 87
19
Ähnlich wie die Wörter uns Dinge vorstellbar machen sind es nach Aussage Descartes nur
Zeichen, die uns Licht, Farbe, Geruch und Geschmack, Schmerz und Hunger wahrnehmen
lassen: Descartes unterschied zwischen dem Gegenstand, dessen optische Bilder auf jedem
Augengrund (Anm.: Das Auge als dioptrisches System), die der zwei Figuren auf der inneren
Oberfläche des Gehirns (,,ventrikuläre Figuren") und die der Figur auf der Drüse (,,pineale
Figur").
Die Figuren werden nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne als Bilder, genauer:
als Muster neurophysischer Aktivität von Descartes betrachtet. Die in der pinealen Figur
enthaltenen Information ist hinreichend für eine Wahrnehmung der Eigenschaften der
Gegenstände, aber die Seele hat keinerlei Möglichkeit, die pineale Figur auf ihre Ähnlichkeit
mit dem Gegenstand zu untersuchen.
Der strenge Dualismus erlaubte eine Mechanisierung des Körpers. Diese Maschine sollte
ihren Ursprung aus der Materie nehmen und lediglich von den Dispositionen der Organe
abhängen. D.h. es wurden keine andere Erklärungen als mechanistische (Anm.: In heutiger
Ausdrucksweise: physikalische) Erklärungen verwendet.
,,Ich stelle mir einmal vor, dass der Körper nichts anderes sei, als eine Statue oder
Maschine aus Erde, die Gott gänzlich in der Absicht formte, sie uns so ähnlich wie
möglich zu machen."56
Descartes beschrieb in diesem Sinne mechanische, hydraulische und optische Analogien zur
Funktion einzelner Körperteile, wie in seinem Vergleich von Auge und Camera obscura.57
Den Analogien kamen dadurch erklärende, wie auch darstellende Aufgaben zu. Die
Vorstellungen von den Dingen und Organen entstanden durch Beobachtungen. Die
wissenschaftliche Untersuchung beruhte auf einem System unsichtbarer, kleiner Teilchen und
physikalischen Gesetzen. Wie schon bei der Charakterisierung des Lichtes, wurde die Lücke
zwischen dem direkt Beobachtbaren und dem Unbeobachtbaren durch den Vergleich
geschlossen.
56 Descartes, René: Über den Menschen sowie Beschreibungen des menschlichen Körpers. Übersetzt
von Rothschuh, Karl E., Lambert Schneider Verlag, Heidelberg, 1969, S. 44
57 Vgl.: Descartes, ebda., 1954, S. 90
20
3.2.2. Das Sehmodell von Prof. Dr. Helmholz
In seiner Zeit als Professor der Physiologie an der Berliner Kunstakademie und später in
Königsberg (1848/49)58 hob der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz (1821
1894) die Unauflösbarkeit des zusammengesetzten Farbeindrucks hervor :
,,Kein Akkord klingt gleich einem anderen Akkorde, der aus anderen Tönen
zusammengesetzt ist, während doch beim Auge gerade das Analoge der Fall ist. Denn
gleich aussehendes Weiß kann hervorgebracht werden durch Rot und Grünblau des
Spektrums, durch Gelb und Ultramarineblau, durch Grüngelb und Violett, durch Grün,
Rot und Violett, oder je zwei, drei oder alle diese Mischungen zusammen."59
Das Auge hat nur drei veränderliche Grundempfindungen, aus denen sich die Qualität des
Sichtbaren zusammensetzt: Die Lichtstärke, der Farbton und dessen Sättigungsgrad. In
diesem Sinne stimmte Helmholtz der Theorie von Thomas Young zu. Demnach gibt es im
Auge drei Sorten von Nervenfasern, deren Reizung verschiedene Empfindungen erregen: bei
der ersten Rot, bei der zweiten Grün und der dritten Violett. Zwar werden alle drei Sorten
von Sehnerven gleich angeregt, jedoch die eine stärker, die andere schwächer. Licht erregt
daher je nach spektraler Zusammensetzung die drei Arten des Sehnerven unterschiedlich
stark.60
Der Unterschied in der physiologischen Sinnesempfindung hängt daher nicht von der Art des
äußeren Eindrucks ab, sondern wird durch die Sehnerven bestimmt, die durch Licht in
Erregung versetzt worden sind. Welche Farbkombinationen gleich aussehen, so Helmholtz
Schluss, hängt nur von dem physiologischen Gesetz ihres Zusammenwirkens ab.
Die empfundene Gleichheit der Farbe, die sich aus verschiedenen Wellenlängen des Lichtes
zusammensetzt, hat nur subjektiven Wert und die Gruppen gleichfarbiger Farbkombinationen
entsprechen keiner objektiven, von der Natur des sehenden Auges unabhängigen
Verhältnissen. Ist das Verhältnis der gesehenen Farbe als Eigenschaft des Lichtes nicht
objektiv, so muss dies auch für die Farbe als Eigenschaft von Objekten gelten.61
58 Vgl.: Koenigsberger, Leo: Hermann von Helmholtz. Volksausgabe, Verlag Friedrich Vieweg &
Sohn, 1911, S. 83
59 Helmholtz, Hermann v.: Die Tatsachen in der Wahrnehmung. Dr. Schneider (Hg.), Verlag B. G.
Teubner, Leipzig u. Berlin, 1927, S. 9
60 Vgl.: Helmholtz, ebda, 1927, S. 8
61 Vgl.: Koenigsberger, ebda., S.87
21
,,Die Behandlung der Theorie der Farben, der Tatsachen, auf welche die Konstruktion
des Stereoskop beruhen, und andere optische Erscheinungen lassen uns immer mehr
erkennen, wie wenig wir überhaupt bei dem täglichen praktischen Gebrauche unserer
Sinnesorgane an die Rolle denken, welche diese dabei spielen, wie ausschließlich uns
nur das von ihren Wahrnehmungen interessiert, was uns über die Verhältnisse der
Außenwelt Nachricht verschafft, und wie wenig wir solche Wahrnehmungen
berücksichtigen, welche dazu nicht geeignet sind. [...] Da wir nun sehen gelernt haben,
also die Vorstellung eines gewissen Gegenstandes mit gewissen Empfindungen
verknüpfen, welche wir wahrnehmen, so ist die Lage des optischen Bildes auf der
Netzhaut gleichgültig, indem es sich nur um die Fasern des Sehnerven handelt, die
erregt werden."62
Für Helmholtz sind Licht und Farbempfinden nur Symbole für Verhältnisse der Wirklichkeit.
Sie haben mit dem letzteren ebenso wenig und ebensoviel Ähnlichkeit oder Beziehung, als
der Name eines Menschen oder der Schriftzug des Namens für den Menschen selbst. Sie
benachrichtigen uns durch die Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Erscheinung davon, ob wir
es mit den selben oder anderen Gegenständen zu tun haben.63
,,Wenn also unsere Sinnesempfindungen in ihrer Qualität auch nur Zeichen sind, deren
besondere Art ganz von unserer Organisation abhängt, so sind sie doch nicht als leerer
Schein zu verwerfen, sondern sie sind eben Zeichen von Etwas, sei es etwas
Bestehendem oder Geschehendem, und was das wichtigste ist, das Gesetz dieses
Geschehen können sie uns abbilden."64
Helmholtz unterschied zwischen den Empfindungen der äußeren Sinne durch unsere
Bewegungsempfindungen und ,,den anderen physischen Zuständen, deren wir uns bewusst
sind": Erinnerungen, Absichten, Wünschen und Stimmungen.
Durch den Willensimpuls wird eine Bewegung verursacht, die wiederum die Wirkung des
äußeren Raumes auf unsere Sinnesempfindung verändert.
,,Als die notwendige Form der äußeren Anschauung aber würde der Raum von diesem
Standpunkt aus erscheinen, weil wir eben das, was wir als räumlich bestimmt
wahrnehmen, als Außenwelt zusammenfassen. Dasjenige, an dem keine
62 Helmholtz, Zitat entnommen aus: Koenigsberger, ebda, S. 120
63 Vgl.: Helmholtz, ebda., 1927, S. 11
64 Helmholtz, ebda., 1927, S. 11
22
Raumbeziehung wahrzunehmen ist, begreifen wir als die Welt der inneren Anschauung,
als die Welt des Selbstbewusstseins."65
Im Gegensatz zum kartesischen Denken postulierte Helmholtz psychische Prozesse, mit
denen die sensorischen Daten zunächst interpretiert wurden, ehe sie zum Bewusstsein
kommen, als unbewusster Schluss. Mit jeder willkürlichen Bewegung, die einen Wechsel in
der Erscheinung und damit in der Sinnesempfindung verursacht, prüfen wir, ob das
gesetzliche Verhalten der vorliegenden Erscheinung, d.h. ihr vorausgesetztes Bestehen in
bestimmter Raumordnung, richtig aufgefasst worden ist.66
Hermann von Helmholtz zeigte als erster mit dem von ihm konstruierten Augenspiegel, dass
das Auge tatsächlich, wie in der Antike angenommen, ,,leuchtet", d.h. dass Licht vom
Augenhintergrund reflektiert wird. Wird das Auge auf eine Lichtquelle gerichtet und
akkommodiert, so wird das Licht wieder zur Lichtquelle reflektiert. Das Bild der Lichtquelle
fällt mit der Lichtquelle zusammen. Das Auge eines Beobachters würde sich zwischen
Lichtquelle und beobachtetes Auge schieben müssen. Doch dieser würde ,,gerade nur den
Widerschein seiner eigenen schwarzen Pupille in der fremden sehen."67
65 Helmholtz, ebda., 1927, S. 13
66 Vgl.: Helmholtz, ebda., 1927, S. 17
67 Helmholtz, Hermann v.: Natur und Wissenschaft. In: Langen, Albert (Hg.), Bd.1: Die Dioptrik des
Auges (1856). München, 1909, S. 194
23
3.3.
Konstruktivistische Sehmodelle
In der Neurobiologie wurden im 20. Jahrhundert vor allem mit Hilfe differenzierender
Methoden wesentliche Fortschritte in den Erkenntnissen über physische Zusammenhänge
erzielt. Trotzdem zeichnete sich aus der physischen Perspektive keine Lösung zu den
Leistungen der Wahrnehmung, der Kognition und der des Bewusstseins ab. Die moderne
Neurobiologie stößt jedoch immer wieder auf das Gehirn-Geist-Problem. So lässt sich das
Bewusstsein z.B. nirgendwo im Gehirn orten. Das Gehirn-Geist-Problem konnte bisher nicht
durch empirische Kenntnisse gelöst werden. Vielleicht würde eine Öffnung hin zu neuen
Theorien, Konzepten und Begriffen oder auch die einer fachübergreifenden Methodik
notwendig sein, um einen Fortschritt dahin gehend zu erreichen.
3.3.1. Sehmodelle in aktuellen Lehrbüchern
Die wissenschaftlichen Untersuchungen gegenwärtiger Wahrnehmungstheorien teilen sich in
objektive und subjektive Sinnesphysiologie auf: Das Funktionieren der Sinnessysteme wird
mit physikalisch-chemischen Methoden untersucht und als objektiv gekennzeichnet; die
subjektiven Sinneseindrücke, Empfindungen und Wahrnehmungen werden mit
psychologischen Methoden untersucht.
Die Hirnfunktion, die von der objektiven Sinnesphysiologie erforscht wird, ist die
Randbedingungen der Wahrnehmung und determiniert die psychische Dimension.68
Das Sehen entsteht als Ergebnis der Wechselwirkung sensorischer und motorischer
Leistungen des Auges und des Zentralnervensystems69: Treffen elektromagnetische
Schwingungen der Wellenlänge 400 nm auf die Zapfen des menschlichen Auges, folgt
subjektiv der Sinneseindruck blau. Einem Sinnesreiz folgt subjektiv ein Sinneseindruck
(,,Subjektives Sinneseindruckskonzept").
Sinneseindrücke bestimmen zusammen mit den gesammelten Erfahrungen die
Wahrnehmungen. Wahrnehmungen sind grundsätzlich Bewusstseinsinhalte (,,Konzept der
bewussten Wahrnehmung").
Empfindungen setzen sich aus elementaren Sinneseindrücken zusammen. Sie werden
gedeutet, eingeordnet und als Wahrnehmung interpretiert (,,Summatives
68 Vgl.: Schmidt & Thewes (Hg.): Physiologie des Menschen. Springer-Verlag, Berlin u. Heidelberg,
1993, S. 188
69 Zusammengefasst aus: Schmidt & Thewes, ebda., 1993
24
Empfindungskonzept"). Wahrnehmungen können direkt aus Sinneseindrücken und
Erfahrungen entstehen.
Nachträglich werden die Empfindungen durch einen kognitiven Vorgang aus der
Wahrnehmung abstrahiert (,,Konzept der abstrakten Empfindung").
In beiden Fällen wird zwischen den gesehenen Sinneseindrücken und ihrer Wahrnehmung
unterschieden. Die Bedeutung des Sinneseindrucks kann jedoch erst in der Wahrnehmung
erkannt werden (,,Sehen-Erkennungs-Dualismus").
Die Erregung eines Systems von Neuronen, bestehend aus Sinnesbahn und spezifischen,
sensorischen Hirnzentren, bestimmt die Art der Sinnesmodalität (,,Konzept der spezifischen
Modalität").
Die menschliche Hirnrinde wird funktional in die sensorische, assoziative und motorische
Region geteilt (,,Konzept des trifunktionalen Gehirns"). Wahrnehmungen und Empfindungen
können mit objektiven Reizstärken (,,Psychophysik-Konzept") und physiologischen
Messungen an Sinnesorganen (,,Psychophysiologisches Konzept") korreliert werden.70
Die verschiedenen Konzepte ergeben die Gesamtgestalt der durch Impression entstandenen
Wahrnehmung.
Der extrapersonale Raum wird als real physischer Raum gedacht und nicht als kognitiv-
psychisches Ereignis verstanden. Die Theorie der technischen Nachrichten- oder
Informationsübertragung von Shannon ist anwendbar, um den Vorgang der Wahrnehmung zu
betrachten. Analog zur Nachrichtentechnik werden Nervenfasern mit Kabeln verglichen und
als Übertragungskanal elektrischer Reize behandelt; Synapsen und Neuronen im ZNS
(Zentralnervensystem) werden als Empfänger definiert und das zentrale sensorische System
als Informationsverbraucher.71
,,Die Nachrichten in der Neurophysiologie betreffen z.B. Art, Intensität, Ort, räumliche
Form und Zeitdauer eines Reizes, der auf ein Sinnesorgan auftrifft. In den Nervenfasern
werden sie als Entladungsfolgen von Aktionspotentialen (Nervenimpulsen)
übertragen."72
70 Zusammengefasst aus: Schmidt & Thewes, ebda., 1993
71 Zimmermann. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 176
72 Zimmermann. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 176
25
Zur Bildung oder Übertragung werden Zeichen benötigt, wie z.B. Buchstaben und Ziffern.
Die eindeutige Zuordnung zweier Zeichenmengen im Zuge einer Übersetzung oder
Verschlüsselung wird ,,Codierung", die Entschlüsselung ,,Decodierung" genannt.73
Den Empfindungen werden vier Grunddimensionen zugesprochen: Intensitätsdimension,
Qualitätsdimension, zeitliche Dimension und Ausdehnungs- oder Ortsdimension.74 Die Art
einer Empfindung wird nicht durch den Reiz, sondern durch das erregte Sinnesorgan
bestimmt. Die Grundtypen der Empfindungen werden ,,Sinnesmodalitäten" genannt.75 Die
Eigenart der Sinnesmodalität kann nicht in der Erregung an Nervenfasern zu suchen sein, da
hier keine qualitativen Merkmale, sondern nur Aktionspotenziale übertragen werden:
,,Die Eigenart muss also dadurch bedingt sein, dass diese Nervenfasern in ganz
bestimmten zentralnervösen Bahnen geordnet sind und an bestimmten für die
Vermittlung dieser Sinnesmodalität zuständigen Neuronengruppen im Hirn enden. Eine
Sinnesmodalität wird somit nicht direkt durch den Reiz bestimmt, sondern durch
Erregung eines Systems von Neuronen, bestehend aus Sinnesbahn und spezifischen
sensorischen Hirnzentren. Im Englischen wird dies als ,,Labeled-line-Prinzip"
bezeichnet."76
,,Infolge von willkürlichen Augen-, Kopf- und Körperbewegungen verschieben sich die
Bilder der Umwelt der visuellen Umwelt alle 200-600 ms auf der Netzhaut beider
Augen. Unser Gehirn erzeugt das einheitliche und kontinuierliche Bild der stationären
Umwelt aus einer Folge von diskontinuierlichen Netzhautbildern. [...] Trotz dieser
Bildverschiebung auf der Netzhaut sehen wir den uns umgebenden extrapersonalen
Raum und die Gegenstände in diesem unbewegt."77
Stimmen die Eigenschaften der Umwelt nicht mit der Wahrnehmungen überein, werden diese
als Täuschung bezeichnet. Die Täuschung gilt als geklärt, wenn sich auf neurophysischer
Ebene die Erregung einer Struktur finden lässt, die mit der Wahrnehmung korreliert.78
Phantastische Gesichtserscheinungen, Phosphene und visuelle Halluzinationen werden von
Grüsser und Grüsser-Cornehl unter der Überschrift
Sehen ohne physikalisches Licht als
73 Vgl.: Handwerker. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 194
74 Vgl.: Handwerker. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 196
75 Vgl.: Handwerker. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 196
76 Handwerker. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 203
77 Grüsser & Grüsser-Cornehls. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 249
78 Vgl.: Grüsser & Grüsser-Cornehls . In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 194
26
,,Phänomene der Innenwelt"
79, sozusagen als Projektion der Retina (,,neuroanatomisch"), zu
Sinnesreizen erklärt:
,,Licht und visuelle Strukturen sehen wir nicht nur, wenn physikalisches Licht aus
unserer Umgebung auf die Netzhaut fällt; Lichterscheinungen werden auch in völliger
Dunkelheit wahrgenommen."80
3.3.2. Das Sehmodell von Prof. Dr. Roth
Das, was allgemein als Außenwelt, als die Welt unseres Körpers und als Welt der mentalen
Zustände und des Ichs erlebt werden, werden von Dr. Gerhard Roth, Professor an der Bremer
Universität, als Konstrukt des Gehirns charakterisiert. Wahrnehmung ist ,,in erster Hinsicht
das Orientieren an Umweltmerkmalen zum Zweck des Lebens und Überlebens, wobei beim
Menschen und vielen anderen Tieren auch das soziale Leben und Überleben eingeschlossen
ist."81
Ein zwischenartlicher Vergleich zeigt, dass verschiedene Organismen stark unterschiedliche
Wahrnehmungsorgane besitzen. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Sinnesorgane als auch der
neuronalen oder analogen Verarbeitungssysteme. Wahrnehmung kann daher nur als
aspekthaft und ausschnittshaft gekennzeichnet werden.82
Aus dieser Sicht ist die Funktion der Wahrnehmung nicht die wahre Erkenntnis der Welt,
sondern ihre Überlebenswirksamkeit. Hypothesen über die Umwelt müssen nicht wahr sein,
sofern sie nur zu einem angemessenen Verhalten führen, also überlebensfördernd sind.83
,,Die Wahrnehmung eines Baumes ist nicht von der derselben Beschaffenheit wie der
Baum. Dieser Umstand ist kein grundsätzliches Problem, solange die Spezifität der
Umweltreize gewahrt bleibt."84
Die eindeutige Korrelation nach Aussage Roths zwischen Umweltreizen und gehirninternen
Prozessen ist nicht gegeben. Die Wahrnehmung eines Baumes hat in ihrer Beschaffenheit
nichts mit dem Substratum Baum gemeinsam. Die subjektive Erlebniswelt, die Welt der
79 Grüsser & Grüsser-Cornehls. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 253
80 Grüsser & Grüsser-Cornehls. In: Schmidt & Thewes, ebda., 1993, S. 253
81 Roth, Gerhard: Das Gehirn und seine Wirklichkeit Kognitive Neurobiologie und ihre
philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1994, S. 72
82 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 67
83 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 72
84 Roth, ebda., 1994, S. 87
27
neuronalen Ereignisse und die physikalische Außenwelt sind von unterschiedlicher
Beschaffenheit. Selbst wenn spezifische Umweltreize von unterschiedlichen Sinnesorganen
rezipiert wurden, werden sie zu relativ gleichförmigen und unspezifischen Nervenerregungen
transkribiert. Wahrnehmung kann daher nicht in einer Abbildung der Welt durch das Gehirn
bestehen.85
Elementarereignisse der physikalischen Umwelt werden zerlegt und daraus bedeutungshafte
Wahrnehmungsinhalte konstruiert. Sinnessysteme blenden durch Adaption86 aus und
Wahrnehmungen enthalten vieles, was keine Entsprechung in der Außenwelt hat, wie z.B.
Farben, räumliches Sehen, Kategorien und Begriffe, Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Ich-
Identität, Vorstellungen, Denken und Sprache.87
Roth nennt fünf Eigenschaften von Umweltreizen: 1. die Modalität, z.B. visuell;
2. die Qualität / Submodalität, wie z.B. Helligkeit, Farbe, Form; 3. die Intensität,
z.B. hell; 4. die Zeitstruktur, z.B. wann, wie lange, welches zeitliche Muster und
5. der Ort.
Das Gehirn bestimmt sowohl die Modalität als auch die Qualität des Erfahrenen.88
Ist die Welt der Wirklichkeit jedoch ein Konstrukt des Gehirns, so muss auch angenommen
werden, dass das Gehirn als sein Konstrukteur existiert.89 Das, was als wichtiger
Wahrnehmungsinhalt erlebt wird, wird somit zu einem Konstrukt des Gehirns auf
topologischer Grundlage. ,,Es bedeutet zugleich, dass das Gehirn seinen anatomischen und
funktionalen Aufbau kennen muss."90
Dies führt auf die Idee des Zusammenfallens von Anfang und Ende, einer Art ,,Schlusses",
was bedeutet, dass sich das Gehirn selber herstellt (Autopoeisis).
Die Welt des Körpers, die Welt der mentalen Zustände und die des Ichs werden zu einer
phänomenalen Welt zusammen gefasst, die Roth ,,Wirklichkeit" nennt. Die Unterscheidung
zwischen Körper, Außenwelt und mentalen Prozessen werden innerhalb des Gehirns und
seiner Wirklichkeit getroffen. Dem Begriff der ,,Wirklichkeit" stellt Roth den Begriff
,,Realität" gegenüber. Die Realität ist allerdings erkenntnistheoretisch unzugänglich:
85 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 100
86 Adaption: Die Erhöhung der Reizschwelle eines Sinnesorgans bei kontinuierlicher Reizung. Vgl.:
Birbaumer & Schmidt: Biologische Psychologie, 2. Auflage, Springer Verlag, Berlin, 1991, S. 485
87 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 232
88 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 95
89 Vgl.: Roth, ebda.,19974, S. 288
90 Roth, ebda., 1994, S. 98
28
,,Dieser Wirklichkeit wird gedanklich eine transphänomenalen Welt gegenüber gestellt,
die unerfahrbar ist und dementsprechend in der phänomenalen Welt nicht vorkommt."91
,,Obwohl erkenntnistheoretisch die Realität vollkommen unzugänglich ist, muss ich
erstens ihre Existenz annehmen, um nicht in elementare Widersprüche zu geraten, und
zweitens kann mir niemand verbieten, mir Gedanken über die Beschaffenheit der
Realität zu machen, und zwar zu dem Zweck, die Phänomene in meiner Wirklichkeit
besser erklären zu können."92
Zwar werden die Sinnesorgane durch die Umwelt erregt. Die Erregung der Sinnesorgane
enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verlässlichen Informationen. Viel mehr muss
das Gehirn über einen Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen
Bedeutungen erzeugen und diese Bedeutung anhand interner Kriterien überprüfen. Der
Vergleich und die Kombination von Elementen sind die wirklichen Bausteine der
Wirklichkeit.93
,,Gehirne so lautet meine These können die Welt grundsätzlich nicht abbilden; sie
müssen konstruktiv sein, und zwar sowohl von ihrer funktionalen Organisation als auch
von ihrer Aufgabe her, nämlich ein Verhalten zu erzeugen, mit dem der Organismus in
seiner Umwelt überleben kann. Dies Letztere garantiert, dass die vom Gehirn erzeugten
Konstrukte nicht willkürlich sind, auch wenn sie die Welt nicht abbilden."94
91 Roth, ebda., 1994, S. 280
92 Roth, ebda., 1994, S. 321
93 Vgl.: Roth, ebda., 1994, S. 19
94 Roth, ebda., 1994, S. 21
29
4.
Zur methodischen Unterscheidung von Materie, Form und Idee
Die durch das Auge rezipierte Sichtbarkeit wurde bereits in der Antike als nicht
ausschlaggebend für die Form von Sichtbarkeit verstanden. Vielmehr wurde die Idee als das
Wesen der Materie, als das Wesentliche der Sichtbarkeit hervorgehoben. Die visuell erlebte
Wirklichkeit erklärten sich die antiken Autoren u.a. als eine kausale Verknüpfung von
Erscheinungen einer schon immer währenden ,,a priori" kausal organisierten Welt.95 Aus der
Grundannahme, dass im natürlichen Geschehen keine Willkür sondern Gesetzesmäßigkeit
herrsche, entwickelte sich die Vorstellung eines vollständig von diesen determinierten
Verhaltens.96 Die Idee wurde als Ursache der Wirkung von Sichtbarem gedeutet. Die
distinktiv erkennbare Form, die Unterscheidungsmöglichkeit von empirisch erfassten
Daseinsformen, führte nicht nur scheinbar zu sprachlich fixierbaren Einheiten, sondern auch
zu einer Transformation der begreifenden Wahrnehmung in sprachlich fixierbarer Form.
Ziel der folgenden Auseinandersetzung ist es darum, anhand verschiedener philosophischen
Ansätze der Antike einige zentrale Dimensionen der sprachlichen Erkennbarkeit von
Sichtbarkeit zu erschließen, die in der Untersuchung der Sprache des 20. Jahrhunderts
systematisch weiterverfolgt wurde.
4.1.
Die ideelle Unterscheidung von Materie und Form
Nach Platon (427 347 v. Chr.) existiert Seiendes nie an sich, sondern als qualitativ
bestimmtes Sein in der Welt der Sinne, z.B. ein großer Baum, ein alter Baum. Die
Sinneswahrnehmung ist behaftet mit Unsicherheit durch Veränderung, z.B. durch Wachsen,
Bewegung, Werden und Vergehen. Dies ist die Welt der Erscheinungen, über die man kein
wirkliches Wissen (,,episteme") haben kann, sondern nur Meinungen (,,doxa"). Das
Allgemeine aber, als (Ober-) Begriff z.B. Baum, als Zusammenschau aller Exemplare und
gewissermaßen Bauplan der Gattung, nannte Platon die Idee (,,idea"). Diese unterliegt nicht
der Veränderung, wie das einzelne Exemplar. Die Ideen sind als solche ewig, unveränderlich
95 Vgl.: Kant, Imanuel: Kritik der reinen Vernunft. Jens Timmermann (Hg.), Felix Meiner Verlag,
Hamburg, 1998, S. 226
Anm.: Die antike und auch die christliche Schöpfungsgeschichte zeugen von kausalen Vorgängen
bei der Entstehung der Welt. Vgl. zur griechischen Entstehungsgeschichte der Erde: Aristophanes:
Die Vögel. Übersetzt von Christine Voigt, Reclam Verlag, Leipzig, 1997, S. 160; Vgl. zur
christlichen Entstehungsgeschichte der Erde: Die Bibel, 1. Moses, Kapitel 1
96 Vgl.: Schlichting, Hans-Joachim: Physik zwischen Zufall und Notwendigkeit. Erschienen in:
Praxis der Naturwissenschaften / Physik, Heft Nr. 42/1, Aulis Verlag Deubner & Co Kg,
Köln, 1993
30
und vollkommen. Platon erklärte sie für das wahrhaft Seiende. Die Form (,,eidos") verdanke
ihren Ursprung der Idee, während die Materie von ihm als ,,unreine" Idee in der
Wahrnehmung verstanden wurde.97 Die Zweiteilung in Erscheinung und Idee fand ihre
Verbindung in dem Gedanken der Teilhabe (,,Methexis"): jedes Exemplar hat Teil an der
übergeordneten Idee.98
"Mir scheint nämlich, wenn irgend etwas anderes schön ist außer jenem Schönen selbst
(Anm.: Der Idee des Schönen), dass es wegen gar nichts anderem schön sei, als weil es
teilhabe an jenem Schönen..." 99
Für Aristoteles (384 v.Chr. 322 n. Chr.) waren Form und Materie Aspekte der Dinge.
Aristoteles überwand damit den Gegensatz zwischen der heraklitischen und der eleatischen
Metaphysik durch seine Bestimmung des Seins als ,,das sich in den Erscheinungen selbst
entwickelnde Wesen".100 Dieses den Dingen innewohnende Werde-Gesetz nannte er
,,Entelechie" (,,das sich im Ziel haben"). In neuen metaphysischen Ansätzen versuchte er das
Verhältnis von Stoff und Form zu klären: Dies führte ihn zu dem Begriffspaar Akt (als
Wirklichkeit, ,,energeia") und Potenz (als Möglichkeit, ,,dynamis"). Die Dinge der
Erscheinungswelt bestehen für ihn aus geformtem Stoff. Aristoteles bestimmte den Stoff als
die Möglichkeit dessen, was in den fertigen Dingen durch die Form Wirklichkeit geworden
sei. So bildete er also die platonische Ideenlehre um: Das Allgemeine (die Idee) ist als
Möglichkeit eine frühere Erscheinung des Wirklichen - es verwirkliche sich durch die Form
im Besonderen. Diesem durch die Form verwirklichten Einzelding kommt aber wirkliches
Sein (Substanz) zu, nicht dem Allgemeinen (der platonischen Idee). 101
Form und Idee setzte er unmittelbar in Beziehung:
,,Ziel-, Form- und Wirkungsursache laufen oft auf dasselbe hinaus."102
97 Vgl.: Raff, Thomas: Die Sprache der Materialien, Carl Hanser Verlag, München, 1994, S. 18/19:
,,Die Ablehnung der Materie nicht etwa einzelner Materialien geht mindestens bis auf Platons
Ideenlehre zurück und gilt mit gewissen Einschränkungen bis heute. Das Material wird demnach
als notwendiges Übel, als ,,niedriger Teil" des Kunstwerks aufgefasst. Zwischen dem Kunstwerk
im eigentlichen Sinne und der Materie, aus der es besteht, wird oft ein sogar negatives
Spannungsverhältnis konstatiert: Das Wesentliche, das eigentlich Künstlerische des Kunstwerks
sei die hinter oder über diesem stehende >idea<."
98 Textzusammenfassung aus: Kobusch & Mojsisch: Platon - Seine Dialoge in der Sicht neuer
Forschungen. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt, 1996
99 Kobusch & Mojsisch, ebda., 1996, S. 189
100 Kobusch & Mojsisch, ebda., 1996, S. 189
101 Textzusammenfassung aus: Aristoteles: Physikalische Vorlesungen. P. Gohlke (Hg.),
Paderborn, 1948
102 Aristoteles, ebda., 1948, S. 198
31
Diese antithetische Stellung zu Platon bildete den Ausgangspunkt des Universalienstreites,
der in der Philosophie des Mittelalters große Bedeutung hatte (,,universalia in re", oder ,,ante
rem?").103
Nach Aristoteles ließe sich demnach ein Werkstück in Teile zerlegen (Analyse) oder Teile
können zu einem Ganzen zusammengefügt werden (Synthese). Das Zusammenfügen oder
Formen erfolgt nach einer ,,Idee", einer ,,Form". Wenn eine Vorstellung oder ein Gedanke,
z.B. die Form der Statue im Geist der Künstlerin, sich der Materie tätig überstülpen kann,
dann müsste es auch umgekehrt möglich sein, dass der denkende Geist die Form von
Naturdingen abstrahiert (Lat. ,,abstrahere" = weg-, fortziehen; entfernen, trennen).
Aristoteles unterschied zwischen Wahrnehmbarem und Sichtbarem. Im Wahrnehmbarem ist
die denkbare Form enthalten, während das Sichtbare von ihm als reine Sinnesempfindung
verstanden wurde. Ohne das Denkbare könne demnach keine Wahrnehmung von Sichtbarem
erfolgen.
4.2. Zur methodischen Unterscheidung von Intellekt und sinnlicher Wahrnehmung
Das Zusammenwirken von Wahrnehmung und Intellekt beschrieb Thomas von Aquin (1225
1274) auf Grundlage der aristotelischen Lehre104: Der Wahrnehmungsprozess würde durch
die Einbildungskraft (,,phantasia
"
) in Vorstellungsbilder (,,phantasmata") gebildet werden:
"Die Tätigkeit des Sinnes kommt dadurch zustande, dass der Sinn durch das Sinnliche
verändert wird. Die andere Tätigkeit ist die Gestaltung (,,formatio"), sofern die
Phantasie sich ein Bild (,,idolum") eines nicht gegenwärtigen oder auch niemals
gesehenen Dinges bildet. Und diese beiden Tätigkeiten sind in dem Verstande
verbunden." 105
Der "tätige" Intellekt" (,,intellectus agens
"
) wirkt auf die Vorstellungsbilder, indem er aus
ihnen das Allgemeine (,,species intelligibilis") abstrahiert (,,abstractio") und diese im
103 Vgl.: Kobusch & Mojsisch, ebda., 1996, S. 193
104 Vgl.: www.wissen.de unter dem Begriff ,,Thomas von Aquin"
105 Aquin, Thomas von: Summa Theologica. In: Opera omnia, Edition Leonina, Bd. 5, Rom 1889,
S. 85; Zitat entnommen aus: Capurro, Rafael: Was die Sprache nicht sagen und der Begriff nicht
begreifen kann Philosophische Aspekte der Einbildungskraft. In: Fauser, Peter (Hg.):
Vorstellungen bilden. Friedrich Berlin Verlag, Berlin, 1996, S. 44
32
"erleidenden" oder "virtuellen" Intellekt (,,intellectus possibilis") aktualisiert. Der Intellekt
setzt die so abstrahierten Begriffe in Beziehung zueinander, aus denen sich ein Urteil bildet.
Um dessen Wahrheitsgehalt zu prüfen, muss der Intellekt die vollzogene Begriffssynthese
wiederum in Beziehung zu den Dingen setzen, wofür die Vermittlung der Vorstellungsbilder
notwendig sind (,,conversio ad phantasmata"). Die Erkenntnis ist dann ,,wahr", wenn eine
Übereinstimmung (,,adaequatio") zwischen dem im Urteil Verbundenen und dem
wahrgenommenen Ding selbst besteht. Was die Laute im Falle eines Urteils ausdrücken, ist
nicht das von der Phantasie synthetisierte und bereitgestellte Vorstellungsbild, sondern jene
begriffliche Synthese, die der Intellekt ausgehend von den abstrahierten Begriffen herstellt. 106
Welche "intelligible Form" der Intellekt eines jeden Menschen begreift, hängt demnach nicht
von den verschiedenen Vorstellungsbildern ab, die jeder hat, sondern es handelt sich um das
begriffliche oder begreifbare "Wesen" des Dinges selbst. Wahrheit ist die sichtbare
Übereinstimmung des (begreifenden) Intellekts mit dem Gegenstand (,,adaequatio intellectus
et rei")107
4.3.
Formale Aspekte der Sprache
Die Vorstellung über die Synthese von begrifflicher Vorstellung und die der sinnlich
erscheinenden Form der Dinge, wie es bei Aquin gedacht wurde, scheint moderne
Wahrnehmungskonzepte vorwegzunehmen, wie sie in der Linguistik des
20. Jahrhunderts entwickelt worden sind.
Der Linguistiker de Saussure (1857-1913) entwickelte ein Konzept des Zusammenhangs
bildlichen Sehens und begrifflicher Wahrnehmung, das die Frage der Sichtbarkeit als
Vorraussetzung für das Erkennen so verschiebt, dass nicht mehr der physiologische Prozess
des Sehens im Vordergrund steht, sondern die Interpretation des Gesehenen in der
Wahrnehmung (Anm.: Wahrnehmung, als ein Prozess verstanden, der im Gehirn vor sich
geht). Nach seiner Auffassung ist die Wahrnehmung eines Bildes immer schon mit seiner
begrifflichen Bestimmung verknüpft, was er zeichentheoretisch begründet.
Das Lautbild und das Vorstellungsbild gemeinsam werden nach Aussage Saussures zum
Zeichen eines Gedankens. Die Gesamtgestalt von Vorstellungsbild und Lautbild werden von
106 Vgl.: Capurro, Rafael, ebda., 1996, S. 44
107 Vgl.: Capurro, Rafael, ebda., 1996, S. 45
33
ihm als ein ,,sprachliches Zeichen" benannt. Die Sprache ist ein Mittel des Ausdrucks, ein
Verbindungsglied zwischen dem Denken und dem Laut, ,,dergestalt, dass deren Verbindung
notwendigerweise zu einander entsprechenden Abgrenzungen von Einheiten führt."108
Sprachliche Zeichen bestehen für ihn einerseits aus ,,Signifikanten"/"Bezeichnenden" als
Lautbildbilder und andererseits aus ,,Signifikaten"/"Bezeichneten" als Vorstellungsbilder.109
Diese konstituieren das sprachliche Zeichen.
In einer Sprache kann daher weder das Lautbild vom Vorstellungsbild, noch das
Vorstellungsbild vom Lautbild getrennt gedacht werden:
,,Die Sprache ist ferner vergleichbar mit einem Blatt Papier: Das Denken ist die
Vorderseite und der Laut die Rückseite; man kann die Vorderseite nicht zerschneiden,
ohne zugleich die Rückseite zu zerschneiden."110
Ohne Form kann kein Inhalt und ohne Inhalt kann keine Form vermittelt werden. Das
sprachliche Zeichen selber ist beliebig, welches zur Übermittlung benutzt wird.
,,Wenn die Wörter die Aufgabe hätten, von vornherein gegebene Vorstellungen
darzustellen, hätte jedes hinsichtlich seines Sinnes in einer Sprache wie in allen andern
ganz genaue Entsprechungen; das ist aber nicht der Fall."111
Die Norm, die den Sprachgebrauch reguliert, ist arbiträr, d.h. sie ist insofern als willkürlich zu
betrachten, als sie aufgrund von aktiven und passiven Vereinbarung innerhalb einer
Gemeinschaft diese zu einer Sprachgemeinschaft macht.112 Diesen entspräche Platons Ansatz
zur Vereinheitlichung von Einzeldingen:
,,Unser gewöhnliches Verfahren ist nämlich doch dies, dass wir für eine jede Gruppe
vieler Einzeldinge, die wir mit demselben Namen belegen, je einen einheitlichen Begriff
setzen." 113
108 Saussure, Ferdinand de, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Charles Bally u.a.,
Walter de Gruyter, Berlin, 3. Auflage, 2001, S. 134
109 Vgl.: Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 79
110 Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 134
111 Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 139
112 Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 134
113 Platon: Politeia, Zitat entnommen aus: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Campus,
Frankfurt a.M., 1993, S. 98
34
Die Bezeichnung erscheint hinsichtlich der Vorstellung frei wählbar. In Bezug auf die
Sprachgemeinschaft ist die Bezeichnung jedoch nicht mehr frei, sondern ihr aufgelegt. Die
Bezeichnung ist gebunden an die Sprache.114
,,In jeder beliebigen Epoche, so weit wir auch zurückgehen mögen, erscheint die
Sprache immer als das Erbe der vorausgehenden Epoche. Einen Vorgang, durch
welchen irgendwann den Sachen Namen beigelegt, in dem Vorstellungen und Bilder
einen Pakt geschlossen hätten einen solchen können wir uns zwar begrifflich
vorstellen, aber niemals hat man so etwas beobachtet und festgestellt."115
Sprache muss nach Saussure in einem sozialen Rahmen gedacht werden, aus einem
Gleichgewichtszustand zwischen fest stehender Tradition und ihrer Handhabe in der
Sprachgemeinschaft. Die Deutung von sprachlichen Zeichen erschließt sich dem Empfänger
erst durch die innerhalb einer sprachlichen Gemeinschaft geschlossene Vereinbarung von
Zeichen und der in ihnen gedachten Vorstellungen.
Aus der Verschränkung von Begriff und Bild, als im Wahrnehmungsprozess enthaltener
Faktor, ließe sich der Schluss deduzieren, dass die Auffassung des Sichtbaren formale
Strukturen von Einheiten besitzt, die das Erkennen erst ermöglichen. Wäre dies der Fall, so
müsste Erkennbarkeit auch als ein durch die sprachliche Gemeinschaft bzw. durch die
Gesellschaft geprägtes Erkennen verstanden werden.
4.4. Sprache als Steuerung der Aufmerksamkeit
De Saussures Sprachtheorie bildet die Grundlage für die Semiologie, in der Begriff und
Bildzeichen im Sinne eines Codes miteinander verwoben sind. Die Deutung von Zeichen
beruht für die Semiologie innerhalb eines sozialen Systems auf der Vereinbarung von
Codes.116 In seinem 1938 veröffentlichen Werk schrieb Morris über die Grundlagen der
Theorie von Zeichen:
114 Vgl.: Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 83
115 Saussure, Ferdinand de, ebda., 2001, S. 83
116 Vgl.: Ecco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft Texte über Kunst und Zeichen. Franz (Hg.),
Reclam Verlag, Leipzig, 4. Aufl., 1999, S. 16
35
,,Etwas ist ein Zeichen nur deshalb, weil es von jemandem als ein Anzeichen für etwas
gedeutet wird." 117
Deutung ist also nicht im Betrachten der Gegenstände zu erfahren, im Aufbau eines Bildes
oder einer Repräsentation, sondern im spezifischen Umgang mit ihnen in einer
gesellschaftlichen Umwelt und deren sprachlichen Mitteln.118
,,Wenn die Menschen eine Sache nannten, und wenn sie entsprechend diesem Wort
ihren Körper auf etwas hin bewegten, so sah ich und behielt ich, dass durch diese ihre
Laute jene Sache von ihnen bezeichnet werde, auf die sie mich hinweisen wollten. Dass
sie dies aber wollten, wurde offenbar aus der Bewegung ihres Körpers, jener natürlichen
Sprache aller Völker, die durch Miene und Augenwink zustande kommt, durch die
Gebärden der übrigen Glieder und den Ton der Stimme, der die Regung der Geistseele
erkennen lässt, ob sie nach etwas verlange, es besitze, es abweise oder fliehe. So lernte
ich allmählich, für welche Sachen die Wörter, die ich in allerlei Sätzen an ihrer
bestimmten Stelle immer wieder hörte, die Bezeichnungen waren, und als mein Mund
an diese Bezeichnungen sich gewöhnt hatte, begann ich mein Willensleben durch sie
auszudrücken." 119
Nominale sprachliche Signale sind die Aufforderung, einen ,,Gegenstand" im allgemeinsten
Sinne zu erkennen und diesen in der eigenen Erkenntnistätigkeit herauszuarbeiten.120
Nomen orientieren auf Gegenstände, Personen, Verhältnisse u.a., Verben signalisieren
Tätigkeiten, Adjektive signalisieren Differenzierungsdimensionen an Gegenständen. Partikel
und Flexionen übernehmen die Funktion der Organisation und Koordination der
Bedeutungsdifferenzierungen nach der Zeit, der Person, des Geschlechts, der Bedingung, der
Art und Weise u.a.. Bedeutungen sind die idealisierten und abstrahierten zentralen Momente
des Gegenstandes.121 Als zentraler Moment gilt die der Situation inne wohnende
Aufmerksamkeit. Die Bewertung von Bildern, Situationen oder Handlungen in Emotionen
bewirkt ein Zuwendungs- oder Abwehrverhalten. Sprache bildet also nichts ab, sondern
signalisiert die Aufforderung zur Steuerung der Aufmerksamkeit auf eine Einheit der sozialen
Welt:
117 Morris, C.: Foundations of the Theorie of Signs. Zitat entnommen aus: Siegfried Frey, Die Macht
des Bildes Der Einfluss der nonverbalen Kommunikation auf Kultur und Politik. Verlag Hans
Huber, Bern, 1999, S. 55
118 Messing, Jürgen: Allgemeine Theorie des menschlichen Bewusstseins. Weidler Buchverlag,
Berlin, 1999, S. 52
119 Augustinus, Aurelius: Confessiones. Dt.: Bekenntnisse. Übers. v. Bernhard, Insel Verlag,
Frankfurt a.M., 1987, S. 31
120 Messing, Jürgen, ebda.,1999, S. 78
121 Messing, Jürgen, ebda.,1999, S. 51
36
,,Wie weit indes die gesellschaftlich mit einem Signal verbundene Bedeutung vom
Individuum angeeignet wird, ist Produkt seiner jeweils besonderen Lebenstätigkeit,
seiner Stellung in der Gesellschaft, seiner Bedürfnisse und Interessen."122
Den Begriff der ,,Stereotype" prägte erstmals Walter Lippmann in seinem 1922 erschienenen
Klassiker
Puplic Opinion
.123 Nach seiner Meinung führen übertragene Informationen nicht zu
einer differenzierten, vom persönlichen Urteil geprägten Meinung, sondern im Gegenteil,
aufgrund der gefilterten Wiedergabe durch den/die ,,AufbereiterIn" zu einer vereinfachten,
schablonenhaften Sicht der Dinge. Besonders die visuelle Komponente der
Informationswiedergabe sei maßgeblich an der Entstehung und Aufrechterhaltung von
Stereotypen beteiligt. Eine hervorragende Rolle spiele die visuelle Stimulans in Form von
Architektur, Gemälden, Statuen und prunkvollen Kleidern u.a. bei der Verarbeitung und
Durchsetzung von einheitlichen, politischen oder religiösen Vorstellungen.124
Ein Objekt oder Subjekt kann demnach nicht ,,gesehen" werden, ohne es zugleich zu deuten,
und das Deuten erfolgt innerhalb einer gesellschaftlichen Vereinbarung. Es gibt daher kein
,,nacktes" Sehen, sondern das Sehen ist im Moment der Wahrnehmung schon in einen
Deutungsprozess involviert, in dem es um ein Erkennen geht.
4.5. Der unbewusste Schluss vom Eindruck als Ausdruck
Die Phänomene der nonverbalen Kommunikation, die mit dem Auge rezipierten visuellen
Stimuli in Form von Gestik, Mimik, Körperhaltung, sowie die statischen Merkmale des
äußeren Erscheinungsbildes, sind ein so unmittelbarer Bestandteil des kommunikativen
Geschehens, dass wir sie im Alltag als einen natürlichen Aspekt der zwischenmenschlichen
Verständigung erleben. Doch abgesehen von der sehr kleinen Anzahl von
Bewegungsmustern, die wie beispielsweise ein ,,Schulterzucken" oder ein ,,Kopfschütteln"
bestimmte Redefloskeln ersetzen, steht uns für die Deutung der sprachbegleitenden
Bewegungsaktivität kein Duden, kein Lexikon zur Verfügung, in dem man den geheimen
Sinngehalt von Gestik, Mimik und Körperhaltung nachschlagen könnte.
122 Messing, Jürgen, ebda.,1999, S. 52
123 Lippmann, W.: Puplic opinion, New Brunswick: Transaction. (Erstveröffentlichung 1922); Text
zusammengefasst aus: Frey, Siegfried, ebda., 1999, S. 21
124 Vgl. auch: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.,1974;
Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1991, u.a.
37
Gleichwohl ,,reagieren wir", wie es der Anthropologe Edward Sapir ausdrückte, in der
zwischenmenschlichen Verständigung ,,auf Gesten mit einer geradezu extremen Sensitivität
und, so könnte man fast sagen, in Übereinstimmung mit einem sorgfältig ausgearbeiteten,
aber geheimen Kode, der nirgendwo aufgeschrieben ist und den niemand kennt."125
Während scheinbar für den verbalen Anteil des Kommunikationsverhaltens explizite, Sender
und Empfänger bindende Bedeutungsrelationen vorliegen, gibt es hinsichtlich der großen
Mehrzahl der in Interaktionssituationen dargebotenen Bewegungsaktivität keinerlei
verbindliche Sprachregelung. Deren Leseart wird viel mehr vom Rezipienten quasi
eigenmächtig verfügt.126
Bilder lösen neben kognitiven auch immer affektive Reaktionen aus; sei es in angenehmer
oder in unangenehmer Form. Besondere Abbildungen von menschlichen Körpern, in welcher
Weise auch immer, haben eine faszinierende Wirkung auf den Betrachter, die immer mit einer
Eigenschaftszuweisung einhergeht. Der Grund für solche Gefühlsreaktionen sah der Physiker
und Physiologe Hermann von Helmholz in dem von ihm so benannten ,,unbewussten
Schluss". In seinem 1867 entstandenen Werk
Handbuch der Physiologischen Optik
bezeichnete er die Art und Weise, wie wir Bilder, unsere Umwelt und unsere Mitmenschen
sehen, als von einem
prä-rationalen Mechanismus Geprägten, wonach die visuelle Eindrucksbildung ,,eine
herrische Macht über den menschlichen Verstand ausübe."127 So würde allein schon der
Anblick einer Person eine gefühlsmäßige Haltung zum Gegenüber auslösen, die sich als sehr
widerstandfähig gegen jede verstandesmäßige Kritik erweise.
Die Eigenschaftszuschreibung lässt sich besonders gut in dem willkürlichen Prozess der
Unterstellung von Charaktereigenschaften, Stimmungen und Neigungen von Schauspielern
veranschaulichen. Sobald Schauspieler die Bühne betreten, verkörpern sie eine mit Inhalten
belegte Person, der sie im wirklichen Leben vielleicht fern sind.128
Da nun der ,,unbewusste Schluss" nach Helmholz ein Prozess ist, der spontan entsteht und
automatisch abläuft, bleibt dieser unserem Bewusstsein so sehr verborgen, ,,dass wir gar nicht
näher bezeichnen können, was in uns vorgegangen ist."129
125 Sapir, Edward: The unconscious patterning of behavior in Society. In D.G. Mandelbaum (ed.),
Selected writings of Edward Sapir, Berkeley: University of California Press 1973. Übersetzt von
Frey, Siegfried, ebda.,1999, S. 54
126 Vgl.: Frey, Siegfried, ebda., 1999, S. 75
127 Herman v. Helmholtz. Zitat aus Siegfried Frey, ebda., 1999, S. 43
128 Vgl.: Frey, Siegfried, ebda., 1999, S. 75
129 Helmholtz. Zitat entnommen aus: Frey, Siegfried, ebda., 1999, S. 47
38
Aus diesem Grund, so Helmholtz, bezeichnet der Betrachter seinen Eindruck als dessen
Ausdruck. Der prä-rationale Mechanismus steuere demnach nicht nur den affektiven, sondern
auch den kognitiven Prozess. Dabei scheint es gleich zu sein, ob es sich um ein reales Bild,
um ein Abbild, oder um ein virtuelles Bild handelt. Der ,,unbewusste Schluss" fungiert als
,,Bild in unserem Kopf".130
4.6.
Die piktorale Explikation von Zeichen
Grundvoraussetzung für das Vorhandensein von konventionell vorhandenen sprachlichen
Zeichen ist die Idee, dass alles aus einer Gesamtheit verstehbar ist und diese auch vermittelbar
ist. Zeichen besitzen immer einen hinweisenden Aspekt auf einen globalen Zusammenhang,
in dem sie gedacht werden, einer sogenannten dyadischen Relation, wie sie von Charles S.
Peirce formuliert wurde.
Charles S. Peirce zufolge ist ein Zeichen etwas, das
für etwas
steht. Dieses ,,für etwas stehen"
kann nur durch einen Interpretanten vermittelt werden.
Das Mittel der Repräsentation wurde von Peirce als Repräsentamen bezeichnet. Das
Repräsentamen ist ein Subjekt ( lat. ,,subjektum"; Träger) einer triadischen Relation oder
Beziehung. Es ist alles, was ,,in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, das sein
Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird,
dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu jener Relation auf das Objekt
zu stehen, in der es selbst steht."131
Der Interpretant wird von ihm als ein Zeichen verstanden, der das erstere übersetzend erklärt.
Bilder gibt es nur dort, wo der Bildgegenstand unterschieden werden kann von dem, was sich
in oder auf dem Bildgegenstand darbietet. Durch die doppelte Distinktion132, das Bild wird
vom Träger unterschieden und der abgebildete Gegenstand von beidem, kann das direkt
wahrgenommene Objekt nicht nur ein als sich selber Präsentierendes, sondern als ein
Repräsentierendes wahrgenommen werden:
130 Vgl.: Frey, Siegfried, ebda., 1999, S. 47
131 Charles S. Peirce, Phänomene und Logik der Zeichen. Helmut Pape (Hg.), Suhrkamp Verlag,
Frankfurt a.M., 3. Aufl. 1998, S. 64
132 Vgl.: Jonas, Hans: Homo Pictor: Von der Freiheit des Bildens. In: Boehm (Hg.), Was ist ein
Bild? Wilhelm Fink Verlag, München, 1995, S. 115
39
,,Die vollständige Artikulation ist dreifach: Das Substratum kann für sich betrachtet
werden, das Bild für sich, der Bildgegenstand für sich: das Bild oder die Bildähnlichkeit
schwebt als dritte, ideelle Entität zwischen den beiden anderen reellen Entitäten, und
verknüpft sich in der einzigartigen Weise der Repräsentation."133
Jedes Zeichen entspricht entweder einem Ikon, einem Index oder einem Symbol. Das Ikon
verweist auf die dyadische Relation der Werte zueinander. Die formale, dyadische Relation
ergibt ein ,,Bild". Das Ikon ist dessen Repräsentation von etwas
als
etwas. Dieses Bild muss
daher nicht existenziell vorhanden sein, vielmehr ist es eine Repräsentation von allem, was
ihm auch immer ähneln mag, weil es dessen formale Qualität besitzt.
Die Spur eines Pferdes der Abdruck seiner Hufe ist kein Bild eines Pferdes oder seiner
Hufe. Ein Fingerabdruck ist ebenfalls kein Bild des Fingers, dessen Hornhautprofil an diesem
Abdruck ablesbar ist. Der Fingerabdruck verweist auf die Existenz eines Fingers. Es ist eine
Spur, ein Index, was auf das Vorhandensein einer reellen Existenz hinweist.
Dies unterscheidet das Index vom Ikon: Während ein Index nicht von der Existenz eines
realen Objektes unabhängig sein kann, ist dies im Fall des Ikons nicht als unabdingbar
gegeben.134
Das symbolische Zeichen dagegen gründet auf einer konventionellen Zuordnung von
Bezeichnendem und Bezeichnetem, wogegen das ikonische Zeichen auf einer
Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem beruht.135
An dieser Stelle lässt sich das zeichentheoretische Konzept von Peirce mit der Ikonologie der
Kunstgeschichte verbinden: Die Bedeutung des Zeichen ,,Symbols" ergibt sich aus der
Interpretation der konventionellen, kompositionellen und ikonographischen Züge.136 Das
Erkennen von einer Konfiguration von Linien und Farben, des geformten Materials als
Darstellungskörper von Subjekt und Objekt, führt zu dessen Tatsachenbedeutung.137 Durch
133 Jonas, Hans, ebda., 1995, S. 113; Anm. : Die Differenz beruht auf der Fläche des Bildes von
dem, was auf ihr oder in ihr zu sehen ist. Gottfried Boehm hat ihr den Namen der ,,Ikonischen
Differenz" gegeben. Vgl. dazu: Boehm, Gottfried: Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm (Hg.),
ebda., 1995. Anm.: Ikonisch ist diese Differenz deshalb, weil sie keine bildunabhängige, rein
mentale Größe darstellt, sondern ständig und unverzichtbar unter den entsprechenden
Bedingungen der jeweiligen Bildlichkeit bzw. Sichtbarkeit steht. Vgl. dazu: Axel Müller, Die
ikonische Differenz Das Kunstwerk als Augenblick, Wilhelm Fink Verlag, München, 1997,
S. 13
134 Peirce, Charles S., ebda., 1998, S. 65
135 Vgl. : Waldenfels, Bernhard : Ordnungen des Sichtbaren. In Boehm (Hg.), Was ist ein Bild ?
ebda., 2001, S. 245
136 Vgl.: Panofsky, Erwin: Ikonographie und Ikonologie Eine Einführung in die Kunst der
Renaissance. In: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Verlag Dumont, Köln, 1992, S. 36
136 Vgl.: Erwin Panofsky, ebda.,1992, S. 40
137 Panofsky, Erwin, ebda., 1992, S. 36
40
,,Einfühlung", die Verschränkung formaler Präsenz mit Komponenten der Psyche, wird der
Tatsachenbedeutung ,,Ausdruck" verliehen.138
Die Aufzählung von Motiven, Linien, Formen und Farbintensitäten u.a. und deren
Interpretation als innehabenden Ausdrucks, bezeichnete Erwin Panofsky als eine vor- bzw.
prä-ikonographische Beschreibung. Die sich anschließende sekundäre oder konventionelle
Analyse des Sujets (Bildgegenstand) ergeben dessen Themen und Konzepte. Deren Kontext
bezieht sich auf eine historische und kulturelle Interpretation und wurde von Erwin Panofsky
als Ikonographie139 bezeichnet. Sie zeichnet sich im Kunstwerk durch die Verknüpfung von
Kompositionen und deren über das Bild hinausgehende Bedeutung aus.140
In der Ikonographie sind noch nicht die symbolischen Werte eines Bild-Gegenstandes bzw.
Bild-Darbietung enthalten. Diese werden erst durch die ikonologische Interpretation141, einer
epochenübergreifende Synthese, erfasst.142 Durch die Interpretationsmethode der Ikonologie
können somit Typengeschichte und Stil als solche erkannt und kategorisiert werden.
In
Die Perspektive als symbolische Form143
stellte Erwin Panofsky den ,,zusammengesetzten"
Raum der Antike dem "systemischen" Raum der italienischen Renaissance gegenüber, um so
die Entwicklung von Raumdarstellungen zu unterschiedlichen Zeiten ikonologisch
beschreiben zu können. Mit der Feststellung, dass sich die Raumdarstellung vom Raum
individueller Gegenstände in der Antike zu einer kontinuierlichen und systematischen
Raumdarstellung in der Moderne entwickelte, hat Erwin Panofsky auch Aussagen über die
Entwicklung von abstrakten Vorstellungen und deren bildliche Übersetzung angestellt: Aus
der Entwicklung des abstrakten Denkens ergab sich eine Entwicklung des Verständnisses von
Raum. Die Parallelität von abstraktem Denken und der Raumdarstellung lässt sich aus der
diskontinuierlichen Raumdarstellung zu einer unendlich erscheinenden, ontologischen
Struktur des Raumes und dessen Verhältnis der in ihm dargestellten primären, gleichförmigen
und isotropen Körpern in der Post-Renaissance schließen.
138 Vgl.: Panofsky, Erwin, ebda., 1992, S. 37
139 Anm.: Die Ikonographie [gr.; ,,Bildbeschreibung"] ist ursprünglich die Wissenschaft der
Bestimmung von Bildnissen des Altertums. Als ihr Begründer gilt F. Ursinus. Vgl. dazu
www.wissen.de zum Begriff ,,Ikonographie"
140 Vgl.: Panofsky, Erwin, ebda., 1992, S. 37
141 Die Ikonologie [gr.; ,,Bilderkunde"] ist eine Forschungsrichtung der Kunstgeschichte, die in
Ergänzung zur wertindifferenten Methode der Formanalyse und der Ikonographie die
symbolischen Formen eines Kunstwerks deutet. Erwin Panofsky entwickelte 1939 ein
Dreistufenschema der Interpretation von Bildern: Die vorikonographische, ikonographische und
ikonologische Analyse. In: Erwin Panofsky, Ikonographie und Ikonologie Eine Einführung in
die Kunst der Renaissance, ebda., 1992
142 Vgl.: Panofsky, Erwin, ebda., 1992, S. 40
143 Panofsky, Erwin: Die Perspektive als ,,symbolische Form". In: Aufsätze zu Grundfragen der
Kunstwissenschaft, Verlag Bruno Hessling, 2. Aufl., 1974, S. 122
41
,,Dieselben Jahre, in denen die der hochscholastischen Übergangs-
anschauung entsprechende Räumlichkeit Giottos und Duccios durch die allmähliche
Herausbildung der eigentlichen Zentralperspektive mit ihrer unendlich ausgedehnten
und in einem beliebig angenommenen Augenpunkt zentrierten Räumlichkeit
überwunden ward dieselben Jahre sind es gewesen, in denen das abstrakte Denken den
bisher noch immer verschleierten Bruch mit der Aristotelischen Weltanschauung
entschieden und offenkundig vollzogen hat, indem es die Vorstellung eines um den
Erdmittelpunkt als um ein absolutes Zentrum aufgebauten und von der äußeren
Himmelsphäre als von einer absoluten Grenze umschlossenen Kosmos´ preisgab, und
damit den Begriff einer nicht nur in Gott vorgebildeten, sondern auch in der
empirischen Realität tatsächlich verwirklichten Unendlichkeit entwickelte."144
144 Panofsky, Erwin, ebda., 1974, S. 122
42
5.
Empirische Daseinsform und visuelle Wirkungsform an Beispielen
aus der Kunst
Auch zeitgenössische Künstler setzten sich mit dem Sehen, der Wahrnehmung und der
Sichtbarkeit auseinander. Aus dem umfangreichen Material von Künstlern, die das Thema
,,Sehen" aufgriffen, werden folgend zwei Arbeiten von zwei verschiedenen Künstlern
vorgestellt, die die Verschränkung von Sichtbarkeit und Erkennbarkeit im Akt des Sehens als
Thema bearbeiteten. Beide Werke lassen den Begriff ,,Sichtbarkeit" in einem anderen ,,Licht"
erscheinen.
5.1. Space Division Construktion: Twilight Arch von James Turrell
Die Licht-Installation
Twilight Arch
des kalifornischen Künstlers James Turrell145 ist seit
1991 im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zu sehen. Es gehört zur
Danaë-
Serie
, die wiederum zur zentralen Werkserie der
Space Division Constructions
gezählt
wird.146
Wie
Danaë
147 oder
Laar
besteht die Installation aus zwei voneinander getrennten und
zugleich miteinander agierenden Räumen. Die Installation
Twilight Arch
ist faktisch
zweigeteilt148: ,,Eingeteilt und eingerichtet in einen leeren, unzugänglichen, monochrom weiß
gestrichenen Wahrnehmungsraum (sensing space), der inseitig vom ruhenden Licht
unsichtbar verlegter, ultraviolett glimmender Leuchtstoffröhren homogen erleuchtet wird und
in einen ebenfalls leeren, aber zugleich gänglichen Betrachterraum, der von jeweils zwei zu
den Seitenwänden hin abgedrehten Wolframwendel-Glühlampen diffus beleuchtet wird."
Durch einen dunklen Gang betritt der Besucher einen matt beleuchteten größeren Raum, an
dessen Frontseite eine rechteckige violette Bildfläche zu sehen ist. Zu Beginn des
Wahrnehmungsprozesses verdichtet und materialisiert sich an der dem Eingang
gegenüberliegenden Wand eine homogene Farbzone, die zwar an formumschließender Kontur
gewinnt, aber dennoch präzis-unpräzis wahrgenommen wird. Je näher der Betrachter und die
Betrachterin der Farbzone kommt, desto unsicherer wird die Beurteilung dessen, was dort
sehend erfahrbar ist:
145 Turell, *1942, in Los Angeles, Kalifornien
146 Anm.: Die
Space-Division Constructions
gliedern sich in folgende Serien:
Prado Serie
,
Phaedo
Serie
,
Danaë-Serie
und
Arcus-Serie
. Zum konventionellen Unterschied dieser Serien: Turell,:
Long Green, Ausstellungskatalog, Zürich, 1990, S. 55
147 Anm.:
Danaë
, das erste Werk dieser Gruppe, wurde in der Matress Factory in Pittsburgh,
Pensylvania zum ersten Mal 1983 realisiert. Weitere Arbeiten innerhalb der
Danaë-Serie
sind ,
neben
Twilight Arch
,
Long Green, Orca, Kono, Fritto Misto
und
Up in smoke
.
148 Textabbildung 1+2. zur Ausstellung. Aus: space division, Ausstellungskatalog, Zürich, 1990
43
,,Jeder, der sich hier auf sein Sehen verlässt, wird zunächst den Eindruck haben, ein
monochromes Bild vor sich zu sehen. Je näher man dem leuchtenden Segment an der
Wand kommt, desto größer werden die Irritationen angesichts der Erscheinung des
Bildes. Der Farbausschnitt zeigt eine seltsame Räumlichkeit, die von Ferne an die
Farbraumbilder Gotthard Graubners erinnern. Zugleich zeigt es eine mysteriöse
Immaterialität, so als hätte sich die Leinwand hinter der Leinwand aufgelöst. Wie es
sich damit verhält, erkennt man erst, wenn man direkt vor dem bildartigen Ausschnitt
steht. Manche wollen es erst glauben, nachdem sie ihre Hand durch das Bild hindurch
gestreckt haben. Denn da ist kein Bild. Was zunächst wie ein Bild aussah, ist ein
Lichteffekt, verursacht durch Neonleuchten, die in einer Höhlung der Wand verdeckt
angebracht sind."149
Turrell arbeitet einerseits mit dem Anschein des Vertrauten und andererseits mit der
historischen Konvention eines im Museum ausgestellten Tafelbildes. Kunstwerke sind
Objekte, die in einer bestimmten Weise aufgefasst werden. Sie ,,sind so organisiert, dass sie
sich präsentieren, dass etwas auf ihnen Präsentiertes gefunden werden kann"150 oder als sei
auf ihnen etwas Präsentiertes zu finden. Die Macht der Schemata visueller Gewohnheiten
wird von Turrell spielerisch umgesetzt: Der alltägliche Vorgang des Wiedererkennens im
orientierenden Überblick verarbeitet Installation und Bild zu einem Erkenntnismuster, dass
sich zunächst mit Erinnertem und Erwartetem verrechnen und visuell scheinbar eindeutig
konsolidieren lässt. Es verleiht ihm den objektiven Status eines gesehenen Gegenstandes. Was
hier Licht ist, wird im Kontext einer gegenstandslosen wie imaginären Bilderwelt als Licht-
Bild gedeutet. Die automatischen Erwartungshaltungen des Besuchers werden erfüllt, um sie
dann in seine Unerfüllung aufzulösen, da das Licht-Bild nicht zur Kategorie von Materiellem
überführt werden kann.
,,Wenn wir als Betrachter immer wieder feststellen, dass sich in den Bildern kein festes
Gegenüber aufbaut, der Blick vielmehr endlos agiert und meditiert, dann ist neben den
äußeren auch das innere Auge angesprochen."151
Was Turrell bewegt und worauf seine performative Konzeption von Kunst abzielt, ist
zweierlei: Zum einen geht es darum, im Sichtbaren die Bedingungen des Sehens zu
reflektieren und anschaulich erfahrbar werden zu lassen, zum anderen sind seine
Installationen ebenso systematische wie kontroverse Erkundungen des Lichts, in dem sich
allein klären lässt, was nicht sagbar ist und was damit die Grenzen des kategorialen Sprechens
erreicht.
149 Seel, Martin: Ästhetik des Erscheinens. Carl Hanser Verlag, München, 2000, S. 109
150 Seel, ebda., 2000, S. 176
151 Boehm, Gottfried: Das Abstrakte in der Natur. Zitat entnommen aus: Müller, Axel: Die ikonische
Differenz. Wilhelm Fink Verlag, 1997, S. 94
44
,,Meine Arbeiten haben in der Tat mehr mit dem zu tun, was Sie selbst sehen, als mit
der Erforschung dessen, was ich sehe. Mit
Grey Dawn
zum Beispiel, einer klassischen
Arbeit in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, habe ich eine
Möglichkeit geschaffen, eigenes Sehen zu erleben und eigene Erfahrungen zu
machen."152
Durch den Verzicht Turrells, Licht als etwas Beleuchtendes darzustellen, sowie der Verzicht
auf prägnante und begrenzte Detailformen, dunkle Spuren im Bild, die wie Fixpunkte das
Licht-Bild gliedern würden und an denen sich Formerfahrung und Formerinnerung sich
orientieren könnten, ist sein Werk eine ,,Gestaltung" einer form- und gestaltlosen Helle153.
,,Ich verwende in meinen Arbeiten keine Objekte, weil ich nicht will, dass Licht
Material erhellt, viel mehr möchte ich Licht selber materialisieren. Darum gibt es kein
Objekt. Das Ziel ist die Wahrnehmung, sie ist das eigentliche Objekt. Ich will keine
bildliche Darstellung, ich möchte keine symbolischen oder literarischen Bezüge."154
Das Sichtbare im Licht-Bild
Twilight Arch
entsteht nicht aus dem Resultat eines rein
rezeptiven Sehens, sondern durch das aufmerksame Hinsehen, welches durch Impression
beeinflusst wird. Die Wendungen, die das Bild mitbestimmen, ist die Spur der ikonischen
Differenz. In ihr wendet sich der factual fact zum actual fact155, von der empirischen
Daseinsform zur visuellen Wirkungsform.156
Licht, als Grundvoraussetzung des Sichtbaren, kann nicht als Wirkungsform ohne
symbolischen und literarischen Bezüge gedacht werden. Das Sichtbare wird immer auch
gedeutet. Licht impliziert das Mitdenken von Lichtkörpern und ist daher ein Index, welcher
auf seine historische Ursache hinweist. Licht bezieht sich in seiner Deutung auch auf Begriffe
der ,,Erhellung" im Sinne von ,,Aufklärung", wie es im ersten Kapitel erläutert zu finden ist.
Diese Deutung strebt auch Turrell an, wenn er Wahrnehmung als das Ziel seiner Licht-
Objekte definiert.
152 Turrell, ebda., 1992, S. 60
153 Anm.: ,,Helle" ist nicht als ein Objekt unseres Sehens sichtbar. Helle macht sichtbar, verschafft
und gewährt erst Sichtbares. Helle ist formlos und damit grenzenlos; sie verursacht Sichtbarkeit.
154 Turrell, ebda., 1992, S. 66
155 Anm.: Die Begriffe ,,factual fact" und ,,actual fact" wurden von dem Bauhauskünstler Josef
Albers (1888 - 1976) unterschieden: Die zunächst verschiedenen Elemente des Kunstwerkes
werden in ihrer konstruktiven Rationalität, ,,factual fact", benannt, um sie dann in einem zweiten
Schritt als visuelles Ereignis oder als das, was Albers den ,,actual fact" nannte, sehen zu können.
Vgl. dazu: Müller, ebda., 1997, S. 131
156 Vgl.: Müller, ebda., 1997, S. 131
45
5.2. Conceptual Art One and three Umbrellas von Joseph Kosuth
Die folgend dargestellte Arbeit von Kosuths
One and three Umbrellas
ist gewissermaßen eine
Variation des Themas: "Dies ist keine Pfeife" von René Magritte.
An einer weißen Wand in der Galerie der Gegenwart, Hamburg, hängt in der Mitte ein
schwarzer Regenschirm an einem Nagel. Links davon ist die Schwarzweißfotografie eines vor
einer weißen Wand an einem Nagel hängenden schwarzen Regenschirms gleicher
Ausführung, Position und Größe zu sehen; rechts davon wurde eine Bildtafel derselben Größe
wie die der Fotografie befestigt. Auf der Bildtafel ist in großen schwarzen Lettern der aus
einem Englisch-Deutschen Lexikons entnommene Text des Stichwortes ,,Umbrella"
abgebildet worden.
Dreimal wird in der Installation von Joseph Kosuth157 auf Regenschirme Bezug genommen:
erstens durch ein Foto, zweitens durch ein Exemplar und drittens durch eine übersetzend
erläuternde, sprachliche Bestimmung. Nur einmal ist der Regenschirm auch substanziell
vorhanden.
Die Installation
One and three Umbrellas
wurde von Joseph Kosuth 1965 konzipiert. Es wird
zur
Conceptual Art158
gezählt.
Die komplexe Differenz zwischen Bild-Darbietung, Bild-Gegenstand (Sujet) und (Bild-)
Sprache wurden von Kosuth ins Spiel einer künstlerischen Inszenierung gebracht. Das Bild
von einem Regenschirm ist ein ganz anderes Objekt als der Regenschirm selber. Es ist ein
flacher Gegenstand, auf dem etwas zur Darbietung kommt. Diese unterscheidet sich
wiederum von der begrifflichen Bezeichnung eines Gegenstandes, wie sie auf der
vergrößerten Reproduktion eines Wörterbucheintrags zu finden ist.
Was vorher ein auf Papier gedruckter, informativer Eintrag war, wird nun, als Bestandteil
eines bildreflexiven Triptychons, in seiner graphischen Sichtbarkeit präsentiert. Eine lesbare
Anordnung von Zeichen wird als eine präsentierte Anordnung von Form und Farbe virulent.
Durch die Präsentation außerhalb ihres funktionellen Bezugs gewinnen die Textletter an
graphischer Individualität.
157 Kosuth, *1945 in Toledo, Ohio
158 Anm.:
Conceptual Art
ist eine seit 1969 sich abzeichnende Richtung der modernen Kunst, die das
Grundprinzip der bisherigen bildenden Kunst, ihre Sichtbarkeit, in Frage stellt. Die Idee eines
Werkes (das
Konzept
) tritt an die Stelle der konkreten Verwirklichung oder Präsentation.
Konzept und Verwirklichung werden als gleichwertig angesehen. Der Betrachter ist nicht mehr
auf die bloße Wahrnehmung festgelegt, sondern sieht sich aufgefordert, die offene Form gemäß
seiner eigenen Vorstellungen zu reflektieren. Dadurch wird das Kunstwerk aus der Sphäre der
Abgeschlossenheit herausgenommen und bleibt somit dem Prozess der individuellen
Anverwandlung offen. Diese Kunstform wird auch
Process-Art
oder
Processual Art
genannt.
46
,,Einer Betrachtungsweise, die wiederum durch die Position des Texts an der Wand
eines Museums nahegelegt wird. Dies führt dazu, dass das Objekt immer oder immer
wieder als Bild wahrgenommen wird als eine Komposition in Schwarz und Weiß, als
Ausstellung geradezu ein Ornament aus Buchstaben, das in dieser Betrachtung jeden
inhaltlichen Sinn verliert."159
Durch das Lesen des Textes entsteht eine linear-sukzessive Blickbewegung von links nach
rechts, was der simultan-kreisenden Erfassung von Bildern entgegensteht.160
Der Begriff ,,Regeschirm" ist ein Schema, nach dem ein Bild produziert werden kann. Kein
einzelnes Bild könnte jedoch alle möglichen Formen von Regenschirme zugleich darstellen.
Bilder sind Produkte der empirischen oder reproduktiven Vorstellung von Objekten.161
Das ,,Bild" von einem substanziell vorhandenen Regenschirm ist ein Objekt162, das nur eine
Ähnlichkeit mit dem Substrat Regenschirm darstellt. Über den Wechsel von verschiedenen
Ansichten hinweg ermöglicht die Abstraktion der Erscheinung von Objekten eine
Kennzeichnung von Identität. Die verschiedenen Anschauungen auf ein Objekt werden nicht
als einzelne Sichten verstanden, sondern als Ansichten eines und desselben Gegenstandes
aufgefasst. So wird der Komplex silmutaner visueller Daten kognitiv in eine Transformations-
Serie übersetzt, die eine einheitliche Anschauung erst gewährleistet.163
Die Fotografie von einem Regenschirm bildet nur die Oberflächen-Erscheinung des
Gegenstandes ab, nicht dessen substanzielle Eigenschaften. Das Bild verkörpert
,,unsubstanzielle" Eigenschaften eines wirklichen Exemplars von Regenschirm und ist daher
dem Original nur ähnlich. Die Ähnlichkeit ist also nicht vollständig. Wäre sie vollständig,
könnte nicht mehr zwischen Bild und Gegenstand unterschieden werden. Die
Unvollständigkeit gegenüber den Eigenschaften des Originals muss also bei einem ,,Bild"
immer erkennbar sein. Ein Bild stellt somit nur die partiellen Merkmale des Objektes dar.164
Die Differenz zwischen dem visuell erlebbaren Bild-Gegenstand, der Bild-Darbietung und
Bild-Sprache entsteht durch die Möglichkeit der Unterscheidung des Wahrnehmbaren: Bilder
entstehen nur dort, wo der Bildgegenstand von dem, was sich in oder auf dem Bildträger
darbietet, unterschieden werden kann.
159 Martin Seel über "
art as idea as idea"
von Joseph Kosut. In: Seel, ebda., 2000, S. 200
160 Vgl.: Seel, ebda., 2000, S. 200
161 Vgl.: Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Schmidt, Raymund (Hg.), Felix Meiner Verlag,
Hamburg, 1976, S. 141
162 Vgl.: Peirce, Kap. 2., ebda., 1983
163 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 118
164 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 108
47
,,Innerhalb dieser umfassenden Transformationsreihe stehen die einzelnen jeweils
gegebenen ,,Aspekte" nicht für sich selbst, sondern jeder fungiert als eine Art ,,Bild"
eines der möglichen Bilder des Gegenstandes."165
Die visuelle Wahrnehmung schließt die Unvollständigkeit der erworbenen Daten mit ein. Jede
Ansicht kann daher den Gegenstand als Einheit nur schematisch darstellen. Symbolik
beinhaltet die Möglichkeit der Reduktion von Erscheinungen auf Formen bzw. Gestalten der
visuellen Wahrnehmung von Objekten.166
Bilder können daher durch Vorstellung von dem Gegenstand losgelöst werden. Die
Anwesenheit des ,,eidos" wird unabhängig von der Präsenz des Objekts. So ist es möglich, die
Entsprechung eines Bildes durch vergleichbare Objekte hervorzurufen: Wenn z.B. im
Gerichtssaal ein Automobilunglück mit Puppen etc. nachgestellt wird, können einzelne
Elemente des vorgestellten Bildes durch Objekte vertreten werden.
Das Bild nimmt somit eine Sonderstellung ein, indem es einen Zugang zur Wirklichkeit öffnet
und zugleich Element der eigenen Wahrnehmung ist.167
Der Grad von Ähnlichkeit bei einer Abbildung kann variieren. In der Unvollständigkeit des
Abbildes liegen Freiheiten und Möglichkeiten der Präsentation. Sie bilden die Freiheitsgrade
der Abbildung168 bzw. des Bildes an sich.
Goodmann spricht von einer syntaktischen Dichte von Zeichen in der bildlichen Darbietung,
deren sinnbildliche Elemente nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden können, wie
dies z.B. im Fall von Buchstaben möglich wäre, die einen Satz bilden.169 Nicht ohne Grund
heißt es in einem Sprichwort: ,,Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."
Die überschaubare Fotografie des Regenschirms in der Installation von Kosuth lässt viel mehr
über den Faltenwurf des daneben hängenden, halb geöffneten Regenschirms erkennen, als
selbst eine umständliche Beschreibung dies darzustellen vermag. Die piktorale Explikation
von Eigenschaften, die dem Bild metaphorisch zukommen, nennt Goodman ,,Ausdruck".170
Ein Bild bzw. Foto kann eine Gegenwart in eine statische Gegenwart bannen, da das
Dargestellte, die Darstellung und das Darstellende verschiedenen Schichten der ontologischen
Struktur des Bildes angehören.171
165 Jonas, ebda., 1995, S. 118
166 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 118
167 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 117
168 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 109
169 Nelson Goodman, Sprachen der Kunst Entwurf einer Symboltheorie, Suhrkamp Verlag,
Frankfurt a.M., 1998, Kap. 4
170 Vgl.: Nelson Goodman, ebda., 1998, Kap. 2
171 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 111
48
Roland Barthes schreibt zur ,,gebannten" Gegenwart der Fotografie in seinem Buch ,,Die helle
Kammer":
,,Was die Natur der Fotografie begründet, ist die Pose. [...] Die Pose ist hier weder
Haltung des fotografierten Objekts noch eine Technik des Operators, sondern der
Begriff für eine ,,Absicht" bei der Lektüre: wenn ich ein Foto betrachte, so schließe ich
unweigerlich in meiner Betrachtung den Gedanken an jenen Augenblick, so kurz er
auch gewesen sein mag, mit ein, als sich etwas Reales unbeweglich vor dem Auge
befand. Ich übertrage die Unbewegtheit des Fotos, das ich vor Augen habe, auf die in
der Vergangenheit gemachte Aufnahme, und dieses Innehalten bildet die Pose."172
Ein Bild stellt etwas in Ruhe dar, während es eigentlich eine Sequenz aus Bewegung und
Aktion offeriert. Die Ursache der in eine statische Form gebundenen Gegenwart des Bildes
wird überführt in eine nichtdynamische Existenz.173 Während das Original in seiner
Bewegung fortfährt, bleibt der Bild-Gegenstand in seiner gegenwärtigen Verfassung bestehen.
Von der Aktivität, wodurch das Bild entstand, nicht zu vergessen der fotografische Moment
der Ausführung, wird in der Bildgegenwart nicht mehr berichtet.
,,Aus solcher zeitlosen Gegenwart begegnet das Bild dem zeitgebundenen Betrachter in
einer Anwesenheit, die ebenso den Schatten des eigenen Werdens von sich getan hat,
wie sie dem Werdefluss des Beschauers enthoben bleibt."174
Die Inszenierung von
One and three Umbrella
erzeugt ein Spiel der Vertauschungen,
zwischen Laut und Bedeutung, Text und Ornament, sukzessivem Lesen und simultanem
Sehen.
One and three Umbrella
handelt vom Bild eines Regenschirms, dessen bildgewordene
Reflexion durch das Potenzial von Bildern als Textletter und über den Status von
künstlerischen Bildern als Zeichenprozess. Jedes einzelne Teilstück gewinnt an eigenem
Gewicht. Jedes einzelne weigert sich, den Weg vom Werk zur Proposition175 zu gehen.176
,,My first use of the terms >proposition< for my work was when I began my >art as idea
as idea< series in 1966. The photostatic blow-ups weren´t supposed to be considered
172 Roland Barthes, Die helle Kammer, Suhrkamp Verlag, 1985, S. 33
173 Vgl.: Jonas, ebda., 1995, S. 111
174 Hans Jonas, ebda., 1995, S. 112
175 Anm.: Als Proposition, wird in der Philosofie der Inhalt von Aussagen bezeichnet, d.h. was mit
unterschiedlichen Sätzen gleichen Inhalt ausdrückt, z.B. ,,Schnee ist weiß" oder ,,Snow is white",
,,Die Katze liegt auf der Matte" oder ,,Auf der Matte liegt die Katze".
176 Vgl.: Seel, ebda., 2000, S. 201
49
paintings, or skulpture or even >works< in the usual sense with the point being that it
was art as
idea
. So I referred to the physical material of the blow-up as the works >form
of presentation<, and referring to the art entit as a
propositions
a term I borrowed
from linguistic philosophy. At about the same time I began thinking of art propositions
while considering the [...]
analogy
between language and art. So that in my mind I
began to equate linguistic propositions with artistic propositions."177
Ein stummer und hinreichend erkennbarer Gegenstand zeigt ohne Worte die Sache in seinem
Wesen. Der Name empfängt von diesem ,,Bild" seinen "Sinn" oder seine Anwendungsregel.
Die Buchstaben, von denen erwartet wird, dass sie den Regenschirm nennen, sind jedoch nur
Schriftzeichen, die nur sich selbst gleichen und nicht als das gelten können, was sie nennen.178
Die Fotografie stellt die Oberflächenerscheinung dar, ohne ein Regenschirm zu sein.
Der Regenschirm, die Fotografie eines Regenschirms und die sprachliche Umsetzung besitzen
nicht die gleiche Aussage, obwohl sie der empirischen Daseinsform des Begriffs bzw. des
Bildes ,,Regenschirm" entsprechen. Ihre visuelle Wirkungsform im Prozess der Präsentation
führt zu einer konzeptuellen Unterscheidung von Idee und Form in den einzelnen
Realisierung.
Das Kaligramm ermöglicht dreimal dieselben Dinge mit verschiedenen Zeichen zu benennen.
Als Zeichen machen die Buchstaben möglich, das Lautbild in Wörter zu fixieren, als
Fotografie vermag es die Oberflächenerscheinung abzubilden. Text und Fotografie gehen
ineinander über: Das Kaligramm verbindet die Linien der Oberflächenerscheinung, die die
Form des Gegenstandes abgrenzen mit der Linie, die die Abfolge der Buchstaben ordnet.179
Fotografie und Wort sagen, was die Materie darstellt. Die Installation von Kosuth verschränkt
Repräsentamen zu einer Art ,,Gewebe" durch das System von Ähnlichkeit und deren System
von Referenzen durch Zeichen.
,,Die Ähnlichkeit dient der Repräsentation, welche über sie herrscht; die Gleichartigkeit
dient der Wiederholung, welche durch sie hindurch läuft. Die Ähnlichkeit ordnet sie
dem Vorbild unter, das sie vergegenwärtigen und wiedererkennen lassen soll; die
Gleichartigkeit lässt das Trugbild (simulacrum) als unbestimmten und umkehrbaren
Bezug des Gleichartigen zum Gleichartigen zirkulieren."180
177 Kosuth, Joseph: Three Answers to Four Questions (Orig. 1972). Zitat entnommen aus: Seel,
ebda., 2000, S. 198
178 Vgl.: Michel Foucault: Dies ist keine Pfeife. Carl Hanser Verlag, München, 1983
179 Vgl.: Michel Foucault, ebda., 1983, S. 12
180 Michel Foucault, ebda., 1983, S. 40
50
6.
Resümee
Objekte der Außenwelt werden durch die Vermittlung von Licht gesehen, die auf die
Netzhaut des Auges fallen. ,,Licht wird erst zu Licht, wenn es ein sehendes Auge trifft" 181,
vorher ist es eine energetische Schwingung, vielleicht ist es auch eine Art Lichtkorpuskel,
sogenannte Photonen182. Die sichtbare Qualität der Sinnesempfindung ist nicht identisch mit
der Qualität des Objekts, durch welche sie hervorgerufen wird, sondern ist in physischer
Hinsicht nur eine Wirkung auf besondere neuronale Rezeptoren. Die Wirkung, die Licht
verursacht, wird gedeutet, um sich darüber Vorstellungen über die Existenz, die Form und die
Lage von äußeren Objekte zu bilden.
Die visuelle Wahrnehmung wurde als ein entscheidendes Kriterium für Aussagen über die
Natur erachtet, und zwar hinsichtlich der Behauptung, dass die in der Wahrnehmung
enthaltenen Informationen einer Naturbeschreibung gleich kämen. Das Einordnen der visuell
erlebten Impression in den Naturzusammenhang geschieht dabei meist unmittelbar mit der
Wahrnehmung verknüpft, so dass dieser Zusammenhang gar nicht erst zu Bewusstsein
gelangt. Bei der Wahrnehmung werden bereits Begriffe angewendet, die in der Impression
nicht enthalten sind. Wenn beispielsweise das Sichtbare als ,,etwas Weißes" beschrieben
wird, dann enthält diese Aussage bereits zwei Kategorien, die in der reinen Impression nicht
vorhanden sind.
Das ,,etwas" steht für den Begriff einer fortdauernden, mit sich selbst identischen und auch in
verschiedenen Zusammenhängen identifizierbaren Substanz, der als Trägermaterial bestimmte
Eigenschaften, hier ,,Weiß", zugeordnet werden können.
Selbst in dieser denkbar einfachen Aussage werden zwei Kategorien benutzt, Substanz und
Eigenschaft, mit deren Hilfe wir den Wahrnehmungseindruck strukturieren. Wahrnehmung ist
Aneignung einer Formation von Materie zu einer Information. Die Impression wird in einen
Naturzusammenhang eingeordnet und so zur Erfahrung verarbeitet. Die in der Wahrnehmung
enthaltene eigentümliche Eigenschaft der Gewissheit, dass das augenblicklich Gegebene in
einen Naturzusammenhang einzuordnen sei, führt dazu, das Einzelne miteinander zu
verbinden und in die ,,anschauliche" Ordnung von Raum und Zeit zu überführen. Die
Impression wird so zur kognitiven Erkenntnis, in dem die Raum erfüllenden Substanzen durch
die Eigenschaften einer kausal bestimmten Änderungen ihrer Eigenschaften wieder erkennbar
sind. Der, aufgrund des Verwesungsprozesses, verschrumpelte Apfel wird als Apfel erkannt,
obwohl er seine Form, seine Farbe, seinen Geruch und seinen Geschmack veränderte und
nicht mehr dem ,,Bild" eines reifen, farbigen Apfels entspricht.
181 Helmholtz, Hermann von. In: Leo Koenigsberger, ebda., 1911, S. 119
182 Anm.: Photonen sind nicht sichtbar. Aus ihrer Wirkung auf Materie wurde darauf geschlossen,
dass es sich bei Licht um eine Art Materie handeln müsste.
51
Die wahrgenommene Impression gleicht sich der begrifflichen Form an, in dem das, was
wahrgenommen wird, eine Selektion erfährt zu dem, was denkbar ist.
Das Phänomen der pragmatischen Deutungsgewohnheit vom Empfänger findet sich auch in
der Auswahl der bewusst aufgenommenen visuellen Stimuli. Aufgrund der quantitativen
Vielfalt von Umweltreizen selektiert der Empfänger aus der Flut von Information diejenigen
aus, die nach Kategorien ihm zuträglicher Maßstäbe der Relevanz entsprechen.
Die Transformation der Struktur des Sichtbaren in schematische Aspekte führt nicht nur zu
einer Vereinfachung des Gesehenen, sondern auch zu einer Vereinheitlichung des Sichtbaren
in Kategorien von Form. Durch das Festhalten an ,,starren" Kategorien entstehen Stereotypien
und Vorurteilen gegenüber ,,fremd" Erscheinenden.
Die Idee von ,,Form", deren Identität auf den Verhältnissen ihrer Teile beruht, steuert nicht
nur die Aufmerksamkeit auf Formen, Muster und Strukturen des Sichtbaren, sondern
ermöglicht auch die besondere Abstraktionsfähigkeit des Menschen.
In der Fähigkeit des Abbildens liegt die Fähigkeit, in Bildlichkeit zu repräsentieren und
darzubieten: In der Bildlichkeit kann das Große durch das Kleine dargestellt werden, das
Kleine durch das Große, das Körperhafte durch das Flache, das Farbige durch das Schwarz
und Weiß, das Volle durch den bloßen Umriss, das Mannigfaltige durch das Einfache.
Die Form als ein Zeichen verstanden, erfährt durch die Abstraktion der Idee von Form eine
Transformationsmöglichkeit, deren Erkennbarkeit in der Idee selbst liegt.
Die schematische Reduzierung des Beleuchteten in Zeichen und Bezeichnendes ist jedoch
kein ausreichendes Faktum, diese als alleinige Instanzen in die Wahrnehmungsforschung
einfließen zu lassen. Dies würde der schillernden Vielfalt des Beleuchteten durch Licht nicht
gerecht werden.
Licht ist nicht nur reflexiv vorhanden, sondern verursacht auch energetische Prozesse an der
Oberflächenstruktur, wodurch visuelle Phänomene von Farben erst möglich sind. Es ist ein
energetisches Element. Es ist das gleiche Element, das vom Auge als Licht aufgenommen
und von der Haut als Wärme empfunden wird.
Das sprachlich Unsichtbare der immateriellen Aspekte von Licht, die anschauliche Diffusität,
als ein visuelles Rauschen oder Flimmern, ereignet sich im Kunstwerk als ein Gestalten über
das Bilden von Gestalten hinaus. Das Kunstwerk ist Zeichen eines Prozesses der
52
Gestaltfindung und des Gestaltverlustes. Es zeigt sich als Beleuchtetes und zugleich als
gestaltloses Licht. Die Interaktion von Form und Formendem als ein energetisches Ereignis
der Wahrnehmung ergibt ein Spiel, welches über seine Partien und Gestalten hinaus geht. Das
Vernehmen dessen gibt die Möglichkeit, sich in der Bewegung der eigenen Vorstellung zu
verlieren. Denn Bewegung liegt allem Werden und damit dem Wesen selbst zugrunde.
,,Bewegung" und ,,bewegt werden" wurde in der Kunstgeschichte oftmals aufgegriffen und
führte zu epochalen Werken. An dieser Stelle sei als Beispiel der Impressionismus genannt,
der 1860/70 in Frankreich aufkam und dessen Name auf die Bezeichnung ,,Impression" eines
Bildes von Monet zurückzuführen ist.
Die subjektiv empfundene Atmosphäre wurde durch Farben ausgedrückt und deren räumliche
Wirkung. Lichtreflexe wurden zu ,,Farbtupfern", mit ihrer ganz eigentümlich
wahrgenommenen und dargebotenen ,,Bewegung". Die Ausführung der kleinen,
nebeneinander liegenden Pinselstriche ist durch Bewegung entstanden, sie ,,berühren" den
Blick des Betrachters, bewegen ihn, lassen seine Augen schweifen und führen zu einer
Vermischung (Bewegung) von Sinnlichem, Vorstellung und Sichtbarem.
Es ließen sich noch viel mehr Beispiele aus der Kunstgeschichte nennen. Eine Vertiefung in
das Thema von ,,Bewegung" und ,,bewegt werden" wäre meiner Meinung nach eine
Richtung, worin Muster, Formen und Strukturen der konstruktivistischen Sichtbarkeit neu
überdacht werden könnten.
53
7.
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8.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1
/ Titelseite: Riley, Bridget: Pause, 1964. Emulsion auf Karton, 116 x 116 cm.
Entnommen aus: Woman Artists Künstlerinnen im 20. und 21. Jahrhundert. Uta Grosenick
(Hg.), Taschen GmbH, Köln, 2001
Anm.: Die Künstlerin Bridget Riley setzt sich mit den ,,formalen Strukturen des Sehens", wie
sie es nennt, auseinander. Sie wird zur Op-Art gezählt. ( Vgl.: Woman Artists, ebda., 2001)
Abb. 2. /
S. 8:
Harsdörfer, Georg Phillip, 1653. Entnommen aus: Bexte, Peter: Blinde Seher,
Verlag
der
Kunst,
Berlin
1999
Abb. 3. /
S. 9: Rembrandt: Der Triumph der Dalila, 1636. Öl auf Leinwand, 205 x 272 cm. Zu
sehen in der Städtischen Kunstgalerie, Frankfurt a.M.. Entnommen aus: Bexte, Peter: Blinde
Seher, Verlag der Kunst, Berlin 1999
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