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"Con tan poderosa amiga como la Gran Bretaña" - Ein globalhistorischer Blick auf die Auflösung des spanischen Imperiums in Amerika

Master Thesis, 2009, 95 Pages
Author: Nadja Schuppenhauer
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Category: Master Thesis
Year: 2009
Pages: 95
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V136040
ISBN (E-book): 978-3-640-43535-7
ISBN (Book): 978-3-640-43562-3

Abstract

Im August 1806 setzte Francisco de Miranda (1750-1816), ein aus Caracas stammender und der kreolischen Elite Spanisch-Amerikas angehörender Weltenbummler, mit zehn Schiffen und 500 Soldaten an der venezolanischen Küste an. Sein Ziel war die Befreiung seiner Heimat von spanischer Herrschaft, mithin die Revolution. Mit seinem Expeditionsheer, das er mit britischer und US-amerikanischer Unterstützung zusammengestellt hatte, wollte er erst die Stadt Coro erobern und die kreolische Bevölkerung mobilisieren, um so mithilfe einer ‚patriotischen Armee‘ auf Caracas zu marschieren und sein Vorhaben zu einem, den gesamten südamerikanischen Kontinent erfassenden Befreiungsschlag auszuweiten. Neben Waffen und Uniformen befand sich in Mirandas Gepäck auch eine Druckerpresse, mit deren Hilfe er mehrere Tausend revolutionäre Flugblätter für die durch ihn zu befreienden Kreolen drucken ließ, ganz so wie er es zuvor in den vielen Jahren seiner Reisen in den USA und in Europa gesehen hatte. Und obschon Miranda noch heute in Lateinamerika vielfach als precursor, als Wegbereiter der Unabhängigkeit betrachtet wird, so war seine Expedition im Sommer 1806 ein Fiasko in jeglicher Hinsicht: nicht nur, dass ihn die spanischen Autoritäten dank ihres weitgesponnenen Spionagenetzes bereits mit einer entsprechenden Armee erwarteten , auch die kreolische Bevölkerung, der er die ‚Freiheit‘ bringen wollte, verhielt sich völlig passiv, so sie denn nicht gleich aus der Stadt geflohen war. Miranda zog sich mit seinen Truppen zurück, noch bevor es zu einer Konfrontation zwischen den beiden Armeen kommen konnte. Kaum 20 Jahre später hatte sich das Antlitz der Amerikas sowie, damit einhergehend, die politische Weltordnung grundlegend gewandelt. Das größte und reichste Imperium in der Weltgeschichte hatte aufgehört zu existieren.


Excerpt (computer-generated)

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Fakultät für Kulturwissenschaften

Master-Abschlussarbeit

Tag der Abgabe: 03. März 2009

,,Con tan poderosa amiga como la Gran Bretaña"

Ein globalhistorischer Blick auf die Auflösung des spanischen

Imperiums in Amerika

Nadja Schuppenhauer

Master Europäische Kulturgeschichte


INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung 1

2 Mächtekonkurrenz im Atlantik: Spanien ­ Großbritannien ­ Frankreich 11

2.1 Die Globalität des ,langen` 18. Jahrhunderts 11

2.2 Die Wirtschaft des Atlantiks 14

2.3 Mächtekonkurrenz zwischen Spanien, Großbritannien und Frankreich 18

3 Spanien und sein amerikanisches Kolonialimperium 24

3.1 Administration 24

3.2 Handel und Wirtschaft 28

3.3 Sozialstruktur 33

4 Der Siebenjährige Krieg und seine Folgen für das spanische Kolonialreich 37

4.1 Der Krieg und seine Bedeutung für das internationale Mächteverhältnis 37

4.2 Neuorientierung der spanischen Kolonialpolitik 40

4.3 Auswirkungen der neuen Kolonialpolitik 43

5 Zunehmende globale Konkurrenz 47

5.1 Revolutionen auf beiden Seiten des Atlantiks 47

5.2 Napoleons Kolonialtraum 51

5.3 Fortschreitende Destabilisierung der spanischen Metropole 53

6 Krise des spanischen Ancien Régime 55

6.1 Der spanische Widerstand und die Verfassung von Cádiz 56

6.2 Reaktionen in Spanisch-Amerika 59

6.3 Ausländische Interessen 65

7 Bürgerkriege und Unabhängigkeit in Spanisch-Amerika 67

7.1 Spanische Restauration 67

7.2 Bürgerkriege und politische Faktionen 69

7.3 Britische Diplomatie 72

8 Ausblick 77

9 Schlussbetrachtung 79

10 Resumen 82

11 Anhang 84

11.1 Spanisch-Amerika im 16. und 17. Jahrhundert 84

11.2 Spanisch-Amerika im 18. Jahrhundert 85

11.3 Die

Carrera de las Indias

86

11.4 Spanisch-Amerika um 1830 87

Bibliographie 88


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

1 EINLEITUNG

Im August 1806 setzte Francisco de Miranda (1750-1816), ein aus Caracas stammender

und der kreolischen1 Elite Spanisch-Amerikas angehörender Weltenbummler, mit zehn

Schiffen und 500 Soldaten2 an der venezolanischen Küste an. Sein Ziel war die Befreiung

seiner Heimat von spanischer Herrschaft, mithin die Revolution. Mit seinem

Expeditionsheer, das er mit britischer und US-amerikanischer Unterstützung

zusammengestellt hatte,3 wollte er erst die Stadt Coro erobern und die kreolische

Bevölkerung mobilisieren, um so mithilfe einer ,patriotischen Armee` auf Caracas zu

marschieren und sein Vorhaben zu einem, den gesamten südamerikanischen Kontinent

erfassenden Befreiungsschlag auszuweiten. Neben Waffen und Uniformen befand sich in

Mirandas Gepäck auch eine Druckerpresse, mit deren Hilfe er mehrere Tausend

revolutionäre Flugblätter für die durch ihn zu befreienden Kreolen drucken ließ,4 ganz so

wie er es zuvor in den vielen Jahren seiner Reisen in den USA und in Europa gesehen

hatte. Und obschon Miranda noch heute in Lateinamerika vielfach als

precursor

, als

Wegbereiter der Unabhängigkeit betrachtet wird, so war seine Expedition im Sommer

1806 ein Fiasko in jeglicher Hinsicht: nicht nur, dass ihn die spanischen Autoritäten dank

ihres weitgesponnenen Spionagenetzes bereits mit einer entsprechenden Armee

erwarteten5, auch die kreolische Bevölkerung, der er die ,Freiheit` bringen wollte, verhielt

sich völlig passiv, so sie denn nicht gleich aus der Stadt geflohen war.6 Miranda zog sich

mit seinen Truppen zurück, noch bevor es zu einer Konfrontation zwischen den beiden

Armeen kommen konnte.

Kaum 20 Jahre später hatte sich das Antlitz der Amerikas sowie, damit

einhergehend, die politische Weltordnung grundlegend gewandelt. Das größte und reichste

Imperium in der Weltgeschichte hatte aufgehört zu existieren und das zum spanischen

Imperium gehörende amerikanische Festlandgebiet hatte sich bis zum Jahr 1826 in 16

1 Der Begriff ,Kreole` (spanisch:

criollo

) bezeichnet seit der Mitte des 16. Jahrhunderts einen in Amerika

geborenen Nachkommen europäischer Spanier. Anfänglich noch negativ konnotiert, war diese Bezeichnung

gegen Ende des 17. Jahrhunderts zum Ausdruck von sozialem Status geworden, vgl. Pastor, María Alba:

Criollismo y contrarreforma. Nueva España entre 1570 y 1630, in: Ibero-Amerikanisches Archiv, 22:3-4

(1996), S. 247-266, hier S. 247-250.

2 Vgl. Rodríguez O., Jaime E.: La independencia de la América española, México DF 2005, S. 112.

3 Vgl. Kossok, Manfred: Konspekt über das spanische Kolonialsystem, in: Middell, Matthias/ Zeuske

(Hg.): Manfred Kossok: Ausgewählte Schriften, Bd. 1: Kolonialgeschichte und Unabhängigkeitsbewegung in

Lateinamerika, Leipzig 2000, S. 1-94, hier S. 77.

4 Vgl. Adelman, Jeremy: Sovereignty and Revolution in the Iberian Atlantic, Princeton 2006, S. 175.

5 Vgl. Racine, Karen: Francisco de Miranda: A Transatlantic Life in the Age of Revolution, Wilmington,

Del. 2003, S. 164.

6 Vgl. Kossok: Konspekt (wie Anm. 3), S. 77.

1


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

politisch autonome Gebiete (zumeist Republiken) aufgespalten. Spanien verblieben

nurmehr die karibischen Inseln Kuba und Puerto Rico sowie die asiatischen Philippinen.7

Wie konnte es dazu kommen?

1808 machte sich Napoleon im Zuge der Koalitionskriege auf dem europäischen

Festland die Thronstreitigkeiten im spanischen Königshaus zunutze, um dort seinen

eigenen Bruder Joseph als Joseph I. von Spanien zu inthronisieren. Sein Ziel war es, auf

diese Weise ungehindert und mithilfe seiner sich bereits in Spanien befindlichen Armeen

Spanien und auch Portugal unter seine Kontrolle zu bringen. Die spanische Bevölkerung

jedoch wollte den französischen Usurpator nicht als neuen Regenten anerkennen und

reagierte mit massivem Widerstand, der heute gemeinhin als ,Spanischer

Unabhängigkeitskrieg` (1808-1814) bekannt ist.8 Als Reaktion auf das durch die

Absetzung des legitimen spanischen Königs entstandene Machtvakuum bildeten sich

schnell lokale

juntas

(Regierungsausschüsse), die sich als Widerstandsregierungen

verstanden und während der Abwesenheit des Königs in dessen Namen die Souveränität

beanspruchten und begannen, eine Verfassung für das spanische Imperium auszuarbeiten.

Das Machtvakuum aber betraf nicht nur die spanische Metropole, sondern eben auch die

Kolonialgebiete in Amerika, wo sich angesichts der Krise in der Metropole nun ebenfalls

die Frage nach der legitimen Autoritätsausübung stellte. Die Kolonien entschieden sich für

die Loyalität zu dem von Napoleon gefangen gehaltenen spanischen König und schnell

bildeten sich auch hier

juntas

, die im Namen und in Vertretung des abgesetzten spanischen

Königs die Souveränität für sich proklamierten, gleichzeitig jedoch damit begannen,

jenseits der Kolonialverwaltung autonome Handlungsspielräume für sich zu schaffen.9 Die

in Spanien ausgearbeitete Verfassung, die 1812 in Cádiz, der einzigen nicht von den

Franzosen besetzten Stadt, ausgerufen wurde, betrachtete die spanischen Gebiete in

Amerika explizit nicht als Kolonien, sondern als integrale Bestandteile der spanischen

Krone und räumte den Gebieten in Übersee das Recht zur Entsendung von Deputierten ins

Parlament ein. Die Stellung Spanisch-Amerikas und die seiner Bewohner gegenüber der

Metropole erfuhr somit eine eindeutige Aufwertung und streckenweise waren die

7 Anna, Timothy E.: Spain and the loss of America, Nebraska 1983, S. ix.

8 Vgl. Kleinmann, Hans-Otto: Zwischen Ancien Régime und Liberalismus (1808-1874), in: Schmidt, Peer

(Hg.): Kleine Geschichte Spaniens, Stuttgart 2002, S. 253-328, hier S. 257.

9 Vgl. Buisson, Inge: Die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen: Revolution und frühe

Staatenbildung, in: Krakau, Knud (Hg.): Lateinamerika und Nordamerika. Gesellschaft, Politik und

Wirtschaft im historischen Vergleich, Frankfurt/New York 1992, S. 46-55, hier S. 47.

2


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

Bindungen zur spanischen Metropole 1812 sogar enger als noch 1807.10 Als Ferdinand

VII. 1814 nach dem Sieg über die Franzosen, der nicht zuletzt dank britischer

Unterstützung errungen werden konnte, den spanischen Thron wieder bestieg, erklärte er

die Verfassung von 1812 für nichtig und begann, mithilfe einer aggressiven

Restaurationspolitik den

status quo ante

im gesamten Imperium wiederherzustellen, was

ihm bis 1815 auch beinahe gelungen war.11 Die Reaktion in Amerika jedoch auf das

harsche Vorgehen des Königs waren sich rasch ausbreitende Widerstandsbewegungen, die

in erbitterte Bürgerkriege mündeten, aus denen bis 1826 schließlich auf dem gesamten

spanisch-amerikanischen Festland die ,Patrioten` siegreich hervorgegangen waren und 16

autonome Staaten bildeten.

Die historiographischen Erklärungsansätze für die oben sehr grob skizzierte

Emanzipation der spanisch-amerikanischen Festlandterritorien variieren in ihrer

Ausrichtung. Abhängig von der Zeit, in der die Ansätze entwickelt wurden oder auch von

der Intention, mit der sie präsentiert werden, lassen sich verschiedene Schwerpunkte in der

Argumentation erkennen. Generell jedoch herrscht eine nationalgeschichtliche Perspektive

sowie eine starke Konzentration auf endogene Motive vor, das zentrale Thema ist fast

immer der Umbruch von der absoluten Monarchie zu den einzelnen Nationen,12 mithin

also ein vermeintlicher Antagonismus zwischen Absolutismus (Spanien) und Liberalismus

(Hispanoamerika), der gleichzeitig die angenommene Unausweichlichkeit einer

teleologischen Entwicklung vom Absolutismus hin zu einer auf Demokratie basierenden

Freiheit impliziert.13 Vor allem im 19. Jahrhundert, während der ersten Jahrzehnte nach der

Unabhängigkeit, stand das Narrativ der ,,nationalen Befreiung" im Mittelpunkt, da eine

Distanzierung zu der Zeit vor der Unabhängigkeit angestrebt wurde, um eben diese zu

legitimieren. Jede Provinz des spanischen Imperiums wurde als ein von Spanien

unterdrücktes Volk betrachtet, das ,irgendwie unter spanischer Herrschaft existierte` und

lediglich einen geeigneten Zeitpunkt zum Abwerfen des tyrannischen Jochs abwartete. In

dieser Tradition wurde das Ergebnis der Emanzipation, die neuen Nationen, zum Grund

10 Vgl. Adelman, Jeremy: An Age of Imperial Revolutions, in: AHR, Vol. 113, Number 2, April 2008, S.

319-340, hier S. 336.

11 Vgl. Blaufarb, Rafe: The Western Question: The Geopolitics of Latin American Independence, in:

www.historycooperative.org/journals/ahr/112.3/blaufarb.html (11.11.2008), Abschnitt 5.

12 Vgl. Ávila, Alfredo: De las independencias a la modernidad. Notas sobre un cambio historiográfico, in:

Pani, Erika/Salmerón, Alicia (Hg.): Conceptualizar lo que se ve: François-Xavier Guerra, historiador,

homenaje, México D.F. 2004, S. 76-112, hier S. 78.

13 Vgl. Breña, Roberto: El primer liberalismo español y los procesos de emancipación de América, 1808-

1824. Una revisión historiográfica del liberalismo hispánico, México D.F. 2006, S. 44.

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,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

derselben und die Unabhängigkeit an den französischen, britischen oder US-

amerikanischen Liberalismus angeknüpft.14

In der Historiographie des 20. Jahrhunderts wurde der Fokus mehr auf eine

kreolisch-europäische Rivalität gelegt, die darauf gründete, dass die Kreolen zugunsten der

Europa-Spanier gegen Ende der Kolonialzeit im Rahmen der ,bourbonischen Reformen`

verstärkt von der Besetzung öffentlicher Ämter ausgeschlossen wurden ­ oder genau

umgekehrt, d.h. die Kreolen versuchten alle Macht an sich zu reißen, wie ab den 1950ern

argumentiert wurde ­, was zu einer generellen Missstimmung zwischen Kolonie und

Metropole geführt habe, die sich dann eben in den Unabhängigkeitskriegen manifestierte.15

Allgemein wird von kreolischen nationalen Identitäten gesprochen, die aus ,,langfristigen

Entfremdungsprozessen"16 oder auch ,,inneren Emanzipationsprozessen"17 hervorgegangen

seien und die meist in Verbindung mit den Ideologien der Aufklärung gebracht und in eine

,,weltweite bürgerliche Emanzipationsbewegung"18 eingeordnet werden. Häufig lehnen

sich diese Ansätze an die von R. R. Palmer und Eric J. Hobsbawm entwickelten Konzepte

eines ,,Age of Democratic Revolutions" bzw. ,,Age of Revolution" an, die für die

Zeitspanne von 1760-1850 eine weltweit beobachtbare politische Transformation

konstatieren, in der sich ein neues Gefühl der Gleichheit unter Ablehnung überkommener,

auf Status und Privileg basierender Herrschaft der Menschen bemächtigt habe.19 Auch

wenn in den letzten Jahrzehnten vielfach erhellende Erweiterungen um sozio-ökonomische

Betrachtungsweisen ihren Eingang in die beinah unüberschaubare Diskussion zur

Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas gefunden haben20 und Jaime E. Rodríguez kürzlich

eine überzeugende Neuinterpretation der Unabhängigkeitsrevolution als transatlantischem

Bürgerkrieg zwischen Spaniern vorgelegt hat,21 so werfen doch diese Erklärungsansätze

ihr Licht immer nur auf einen kleinen Ausschnitt innerhalb der Komplexität der Ereignisse

14 Vgl. Ávila: Las independencias (wie Anm. 12), S. 79/80.

15 Diese Argumentation wird detailliert diskutiert bei Wallerstein, Immanuel: Das moderne Weltsystem

III. Die große Expansion. Die Konsolidierung der Weltwirtschaft im langen 18. Jahrhundert, Wien 2004, S.

323.

16 Buisson: Unabhängigkeitsbewegungen (wie Anm. 9), S. 46.

17 Reinhard, Wolfgang: Geschichte der europäischen Expansion. Band 2: Die Neue Welt, Stuttgart et al.

1985, S. 232.

18 Kossok: Konspekt (wie Anm. 3), S. 73.

19 Vgl. Uribe-Uran, Victor Miguel: The Birth of a Public Sphere in Latin America during the Age of

Revolution, in: CSSH (Comparative Studies in Society and History) 42:2 (April 2000), S. 425-457, hier S.

426.

20 Eine sehr detaillierte Untersuchung der neuen Impulse in der Historiographie in den Jahren 1985-1995

gibt Lynch, John: Spanish American Independence in Recent Historiography, in: McFarlane,

Anthony/Posada-Carbó, Eduardo (Hg.): Independence and Revolution in Spanish America: Perspectives and

Problems, London 1999, S. 13-42.

21 Vgl. Rodríguez: Independencia (wie Anm. 2).

4


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

und führen die Geschehnisse fast ausnahmslos22 auf interne bzw. ideologische Faktoren

zurück. Selbst einer der renommiertesten Forscher zur Unabhängigkeit Spanisch-

Amerikas, der britische Historiker John Lynch, beschränkt seine Ursachenforschung

hauptsächlich auf die kreolisch-spanische Rivalität und den damit verbundenen Unmut der

Kreolen, der sich schließlich, angestoßen durch das Machtvakuum in der spanischen

Metropole, seinen Weg in die Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas bahnt.23

Die in der Historiographie angeführten Gründe für die Unabhängigkeitskriege in

Spanisch-Amerika wie proto-nationale Identitäten, Ideologien der Aufklärung, spanisch-

kreolische Animositäten bzw. Ärger über Handelsbeschränkungen oder deren Einordnung

in einen allgemeinen demokratischen Revolutionszyklus scheinen jedoch mehr Fragen

aufzuwerfen, als sie zu beantworten in der Lage sind. Wenn die Abneigung gegenüber der

spanischen Metropole so groß war, warum wurde dann der neue, französische König nicht

willkommen geheißen? Hatte dies mit dessen französischem, soll heißen liberalem

Ursprung zu tun? Wenn dem so wäre, führt sich ein vermeintlicher Zusammenhang der

Unabhängigkeit mit einem bürgerlichen Revolutionszyklus von selbst

ad absurdum

, zumal

wenn man berücksichtigt, dass beispielsweise Mexiko nach der Loslösung von Spanien

zunächst als Monarchie gegründet wurde und auch die Pläne des eingangs erwähnten

Miranda für die Zeit nach der Unabhängigkeit von Spanien die Errichtung einer ganz

Südamerika umspannenden Zentralmonarchie mit föderalistischen Zügen vorsahen.24 Sieht

man sich die in den Bürgerkriegen gegeneinander streitenden Parteien an, so wird schnell

offensichtlich, dass zwischen Kreolen und Europa-Spaniern keine scharfe Trennlinie

gezogen werden kann, denn Vertreter beider Gruppen fanden sich sowohl auf Seiten der

Loyalisten als auch auf Seiten der Sezessionisten, womit auch das Paradigma der

kreolisch-spanischen Rivalität als Grund für die Unabhängigkeit wenn nicht obsolet, so

doch als Ursache für die Emanzipation fragwürdig wird.

Die wichtigste Frage in diesem Kontext scheint allerdings die nach dem Grund

dafür zu sein, warum sich das spanische Amerika nicht in der Zeit zwischen 1808 und

1814 emanzipierte, also in der Phase, in der die Autorität der Metropole unter der

22 Eine erfreuliche Ausnahme bildet Peggy Liss mit ihrer 1983 veröffentlichten Monographie

Atlantic

Empires. The Network of Trade and Revolution, 1713-1826

(Baltimore), die - wie der Titel der Arbeit

andeutet - die Verflechtung von Handel und Revolution im Atlantischen Raum zum Kern ihrer

Betrachtungen macht.

23 Vgl. Lynch, John: The origins of Spanish American Independence, in: Bethell, Leslie (Hg.): The

Cambridge History of Latin America, Volume 3: From Independence to c. 1870, Cambridge 1985, S. 3-50.

24 Vgl. Kossok: Konspekt (wie Anm. 3), S. 77.

5


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

französischen Besetzung komplett zusammengebrochen war und der Weg in die

Unabhängigkeit nie einfacher zu beschreiten gewesen wäre, sondern eben erst in der Zeit

nach der Restauration der spanischen Krone, als eine Emanzipationsbewegung ungleich

mehr Kraft und Opfer forderte? Neben der Erkenntnis, dass die Unabhängigkeit eben nicht

unausweichlich war,25 verweist das Titelzitat26 dieser Arbeit im Ansatz bereits auf die

Antwort auf diese Frage. Das Zitat ist einem Brief Simón Bolívars, dem wohl bekanntesten

und vielfach mythologisierten Protagonisten der Unabhängigkeitskriege, an den britischen

Generalkonsul in Peru im Jahr 182427 entnommen und wirft Licht auf die entscheidende

Rolle, die die globalpolitische Mächtekonkurrenz des 18. Jahrhunderts für die

Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas eingenommen hat. Diese Mächtekonkurrenz wurde

jedoch in der bisherigen Historiographie zur Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas

weitestgehend vernachlässigt. In jüngster Zeit allerdings gibt es Ansätze, vor allem im

englischsprachigen Raum, die die globale Dimension in ihre Betrachtungen mit

einbeziehen und folgende Aussagen treffen: ,,The fact is, the Spanish and Portuguese

domains (...) crumbled less of internal conflicts and more from the compound pressures of

several centuries of rivalry between Atlantic powers".28 Es scheint lohnenswert, diesen

Ansatz zu verfolgen und einen neuen Erklärungsrahmen zu erproben, der aus der Enge der

nationalgeschichtlichen Perspektive heraustritt, die Ereignisse meist nur aus sich selbst

heraus erklären kann. Die Fokussierung auf interne Beweggründe muss aufgegeben

werden, um eine weiter gesteckte Perspektive zu erhalten, mit deren Hilfe sich schlüssige

und stimmige Antworten auf die Unabhängigkeit Spanisch-Amerikas finden lassen, mithin

also neues Licht auf eines der zentralen Themen der neueren Geschichte Amerikas werfen.

Die vorliegende Arbeit will unter neuer, erweiterter Perspektive und in Anlehnung

an die methodologischen Konzepte der

Entangled Histories

und der Globalgeschichte die

Auflösung des spanischen Imperiums in Amerika neu beleuchten. Dieser Blick soll

globalhistorisch sein und Europa entsprechend in einen globalen Kontext stellen, um die

Verflechtungen und Interaktionen zwischen den einzelnen europäischen Mächten und

zwischen Europa und Außereuropa sichtbar zu machen, die in dieser Form weder im

25 Vgl. Anna: The Loss (wie Anm. 7), S. 1.

26 ,,Con tan poderosa amiga como la Gran Bretaña" [mit der Hilfe eines solch mächtigen Freundes wie

Großbritannien ­ N.S.].

27 Brief von Bolívar an Thomas Rowcroft vom 15. August 1824, in: Webster, Charles K.: Gran Bretaña y

la Independencia de la América Latina, 1812-1830, Buenos Aires 1944 [1938] (2 Bde.), Bd. 1, S. 714.

28 Adelman: Sovereignty (wie Anm. 4), S. 5; Ähnliche Ansätze finden sich bei Blaufarb: Western

Question (wie Anm. 11) oder auch bei Maxwell, Kenneth R.: Hegemonies Old and New: The Ibero-Atlantic

in the Long Eighteenth Century, in: Adelman, Jeremy (Hg.): Colonial Legacies. The Problem of Persistence

in Latin American History, New York/London 1999, S. 69-90 und Wallerstein: Expansion (wie Anm. 15).

6


,,Con tan poderosa amiga" Masterarbeit Nadja Schuppenhauer

Rahmen der Nationalgeschichtsschreibung noch innerhalb der Historiographie der

Internationalen Beziehungen zutage treten. Die Erkenntnis, die am Ende der Untersuchung

stehen wird, ist die These, dass sich die lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriege im

Rahmen des globalen Wettlaufs um eine weltweite Hegemonie, also in einem

internationalen Kontext entfalteten, da sie Teil des Prozesses der geopolitischen

Neuordnung in der post-napoleonischen Welt waren.29

Beim Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert gab es in der deutschsprachigen

Historiographie einen Augenblick, in dem die globalen Verflechtungen und die

Wechselwirkungen zwischen Europa und seinen Überseekolonien im Zentrum des

Interesses und der wissenschaftlichen Betrachtung standen: Arnold Herrmann Ludwig

Heeren (1760-1809) schloss in seinem ,,Handbuch der Geschichte des Europäischen

Staatensystems und seiner Colonieen,, (1809) ,,die außereuropäische Welt ­ wenn auch als

abhängigen Schauplatz ­ dezidiert und ausführlich in seine Betrachtung ein"30 und maß

den Marktbeziehungen zwischen Europa und Außereuropa einen prominenten Platz in

seinen globalen Betrachtungen bei. Vor allem legte er Wert darauf, eben nicht eine

Geschichte der einzelnen Staaten zu schreiben, sondern ,,

die Geschichte ihrer Verhältnisse

gegen einander

".31 Heeren geriet aufgrund seiner Vernachlässigung des nationalen

Prinzips schnell in die Kritik seiner Zeitgenossen und dann in Vergessenheit, da kurz

darauf Leopold Rankes programmatischer und später sehr einflussreicher Aufsatz ,,Die

großen Mächte" (1833) für die Historikerzunft wegweisend werden sollte. Rankes Werk

zeichnet sich durch die Konzentration auf den Staat als ,,quasi überirdische Wesenheit" aus

und leitete somit eine Verengung der Internationalen Geschichte zu einer simplen

Diplomatiegeschichte ein, die die Kolonien ausblendet und die Geschichtsschreibung bis

heute in weiten Teilen beherrscht.32

29 Vgl. Blaufarb: Western Question (wie Anm. 11), Abschnitt 3.

30 Mollin, Gerhard Th.: Internationale Beziehungen als Gegenstand der deutschen Neuzeit-

Historiographie seit dem 18. Jahrhundert. Eine Traditionskritik in Grundzügen und Beispielen, in: Loth,

Wilfried/Osterhammel, Jürgen (Hg.): Internationale Geschichte. Themen ­ Ergebnisse- Aussichten, München

2000, S. 3-30, hier S. 24.

31 Heeren, Arnold Herrmann Ludwig: Europäisches Staatensystem [1809], in: Günther, Horst (Hg.):

Europäische Geschichte. Ein Lesebuch, Frankfurt (Main)/Leipzig 1993, S. 353-429, hier S. 358

[Hervorhebung im Original].

32 Vgl. Mollin: Internationale Beziehungen (wie Anm. 30), S. 6 und 23. Allerdings gab es in den 1930er

und 1940er Jahren im Zuge der sich erneut zuspitzenden Mächtekonkurrenz in Europa und des Zweiten

Weltkriegs eine Phase, in der transnationale Verflechtungen für die Geschichtswissenschaft wieder

interessant wurden, vgl. dazu bspw. Parra-Pérez, Caracciolo: Bayona y la política de Napoleón en América,

Caracas 1939; Robertson, William Spence: France and Latin-American Independence, Baltimore, Md. 1939;

Rydjord, John: Foreign Interest in the Independence of New Spain: An Introduction to the War for

Independence, Durham, N.C. 1935.

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