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Untertitel: Eine Bestandsaufnahme
Hausarbeit, 2008, 29 Seiten
Autor: Nadja Schuppenhauer
Fach: Geschichte - Ausland
Details
Institution/Hochschule: Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) (Professur für vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit)
Jahr: 2008
Seiten: 29
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-44564-6
ISBN (Buch): 978-3-640-44532-5
Zusammenfassung auf spanisch
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Zusammenfassung / Abstract
„Die haitische Revolution ging also, bereits während sie sich ereignete, mit dem eigentümlichen Merkmal ihrer Undenkbarkeit in die Geschichte ein. (…) Wenn Ereignisse, sogar während sie sich vollziehen, nicht akzeptiert werden können, wie sollen sie dann später beurteilt werden können? Oder anders gesagt: Können historische Erzählungen einer Logik folgen, die in der Welt, in der diese Erzählungen stattfinden, als undenkbar gilt?“ Das Zitat des haitianischen Autors Michel-Rolph Trouillot wirft Licht auf einen erstaunlichen Widerspruch im allgemeinen Verhältnis von Geschehenem und der Betrachtung und Bewertung von Geschehenem, namentlich der Geschichtsschreibung. Dieser Widerspruch ist im Fall der Haitianischen Revolution bei näherer Hinsicht mehr als augenfällig, repräsentiert doch die Haitianische Revolution auf der einen Seite ein weltgeschichtlich einzigartiges politisches Ereignis, an dessen Ende der radikalste revolutionäre und soziale Wandel stand, der innerhalb der Geschichte der Moderne je stattgefunden hat. Auf der anderen Seite fallen die Ereignisse in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue mit ihren globalen politischen Auswirkungen, die die Welt auf beiden Seiten des Atlantiks in den Jahren zwischen 1791 und 1804 in Atem hielten, durch ihre weitgehend bis heute andauernde Abwesenheit innerhalb der kanonischen Erzählungen über die Moderne und die mit ihr auf engste verbundenen Revolutionen auf.
Textauszug (computergeneriert)
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Fakultät für Kulturwissenschaften
Masterseminar: Globalisierung und Postkolonialismus als Herausforderung für die
Geschichtswissenschaft
Die veränderte Rezeption der Haitianischen Revolution
im Zuge des
postcolonial turn.
Eine Bestandsaufnahme.
Nadja Schuppenhauer
Master Europäische Kulturgeschichte
INHALT
1 EINLEITUNG 3
2 DIE REVOLUTION, IHRE FOLGEN UND DAS SCHWEIGEN DER MODERNE 5
3 DIE REZEPTION VOR DEM POSTCOLONIAL TURN 11
3.1 ZEITGENÖSSISCHE REZEPTION 11
3.2 REZEPTION IM 20. JAHRHUNDERT 14
4 DIE REZEPTION NACH DEM POSTCOLONIAL TURN 17
4.1 DER POSTCOLONIAL TURN 17
4.2. DER EINFLUSS DES POSTCOLONIAL TURN 19
5 SCHLUSSBETRACHTUNG 22
6 RESUMEN 24
BIBLIOGRAPHIE 26
t
1 EINLEITUNG
,,Die haitische Revolution ging also, bereits während sie sich ereignete, mit dem eigentümlichen
Merkmal ihrer Undenkbarkeit in die Geschichte ein. (...) Wenn Ereignisse, sogar während sie sich vollziehen,
nicht akzeptiert werden können, wie sollen sie dann später beurteilt werden können? Oder anders gesagt:
Können historische Erzählungen einer Logik folgen, die in der Welt, in der diese Erzählungen stattfinden, als
1
undenkbar gilt?"
Das Zitat des haitianischen Autors Michel-Rolph Trouillot wirft Licht auf einen
erstaunlichen Widerspruch im allgemeinen Verhältnis von Geschehenem und der Betrachtung
und Bewertung von Geschehenem, namentlich der Geschichtsschreibung. Dieser Widerspruch
ist im Fall der Haitianischen Revolution bei näherer Hinsicht mehr als augenfällig,
repräsentiert doch die Haitianische Revolution auf der einen Seite ein weltgeschichtlich
einzigartiges politisches Ereignis, an dessen Ende der radikalste revolutionäre und soziale
Wandel stand, der innerhalb der Geschichte der Moderne je stattgefunden hat.2 Auf der
anderen Seite fallen die Ereignisse in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue
mit ihren globalen politischen Auswirkungen, die die Welt auf beiden Seiten des Atlantiks in
den Jahren zwischen 1791 und 1804 in Atem hielten, durch ihre weitgehend bis heute
andauernde Abwesenheit innerhalb der kanonischen Erzählungen über die Moderne und die
mit ihr auf engste verbundenen Revolutionen auf.
Ihre politische Radikalität und nachhaltigen Auswirkungen sowohl in geopolitischer
als auch in ideengeschichtlicher Hinsicht waren für die Zeitgenossen so beeindruckend, dass
die Haitianische Revolution ebenso wie das Erdbeben von Lissabon, die ,,Entdeckung"
Amerikas und die Französische Revolution zu ihrer Zeit ein breites weltliterarisches Echo
hervorrief.3 Dennoch und trotz dieser zeitgenössischen Aufmerksamkeit, die sich auch im
intellektuellen Diskurs niederschlug, nahm seit den 1840er Jahren die Rezeption der
Haitianischen Revolution in starkem Maße ab. Ein großes Schweigen über ein Ereignis, das
die Moderne nachhaltig geprägt und geformt hat, breitete sich in Lehrbüchern und populären
Geschichtsdarstellungen der westlichen Welt aus; die radikalste aller Revolutionen im
,,Zeitalter der Revolutionen" wurde nicht mehr erwähnt4 und noch heute finden sich in den
Regalen der Buchhandlungen weit weniger Werke zu der einzig erfolgreichen
1 Trouillot, Michel-Rolph: Undenkbare Geschichte. Zur Bagatellisierung der haitischen Revolution, in:
Conr , Se
ad
bastian/Randeria, Shalini (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den
Gesc cht
hi
s- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/New York, 2002, S. 84-115, hier S. 85.
tKnight, Franklin W.: The Haitian Revolution. The American Historical Review 105.1, 2000, in:
http://www.historycooperative.org/journals/ahr/105.1/ah000103.html (01.04.2008), Absatz 1.
3 Vgl. Lüsebrink, Hans-Jürgen: Von der Geschichte zur Fiktion die Haitianische Revolution als
gesamtamerikanisches Ereignis, in: Zoller, Rüdiger (Hg.): Amerikaner wider Willen. Beiträge zur Sklaverei in
Lateinamerika und ihren Folgen, Frankfurt am Main 1994, S. 145-160, hier S. 152.
4 Vgl. Trouillot: Undenkbare Geschichte, S. 104.
u
Sklavenrevolution der Weltgeschichte als zur Französischen oder Amerikanischen Revolution
und auch weit weniger als dies noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall war.5 Dieses
Schweigen wird in letzter Zeit langsam aufgebrochen, zumal mit dem Einzug des
postcolonial
turn
in den Kulturwissenschaften seit den 1980er Jahren. Die Haitianische Revolution erfährt
schrittweise ein immer größeres Maß an Aufmerksamkeit. Diese Entwicklung spiegelt sich
wie so häufig in solchen Fällen zuerst auf der wissenschaftlichen Ebene wider, deren Impulse
erreichen jedoch mit mehr oder weniger großem Erfolg auch die Autoren von Lexika,
Enzyklopädien oder Überblicksdarstellungen zur Weltgeschichte.
Dieser Wandel in der Aufmerksamkeit steht im Zentrum der vorliegenden Arbeit, die
sich der Untersuchung der in den letzten Jahren sich ändernden Rezeption der Haitianischen
Revolution widmet. Dazu werden deutsch-, französisch- und englischsprachige Lexika vor
allem des 20. Jahrhunderts und entsprechende Standardwerke der Geschichtswissenschaft in
Bezug auf ihre Darstellung und Interpretation der Geschehnisse in Saint-Domingue/Haiti
untersucht, um die vor und nach dem
postcolonial turn
publizierten Einträge miteinander
hinsichtlich eines eventuellen Rezeptionswandels zu vergleichen. Um diese Untersuchung in
einen entsprechenden Kontext einzubetten, soll im Vorfeld ein Blick auf die revolutionären
Ereignisse und ihre Bedeutung sowohl für den weiteren Verlauf der amerikanischen und
europäischen Ereignis- und Ideengeschichte als auch für die ,,Meistererzählung von der
weltumspannenden europäischen Moderne"6 geworfen werden. Ebenso müssen wesentliche
historiographische Mechanismen wie die Verknüpfung von Wissen und Macht
herausgearbeitet werden, die zu der Nicht-Beachtung bzw. der meist ausgesprochen negativen
Einschätzung der Revolution führten. Schließlich soll auch der
postcolonial turn
selber
erläutert werden, in dessen Fahrwasser tradierte europäische Kategorien schrittweise
aufbrechen, so dass Haiti, der einstmals blinde Fleck in einem wahren Meer der
Scharfsinnigkeit7, nun in das Zentrum wissenschaftlichen und allgemeinen Interesses rücken
kann. Damit eng im Zusammenhang stehend, muss ein Blick auf die Forschungsliteratur, die
in den letzten Jahren zur vorliegenden Thematik veröffentlicht wurde, geworfen werden. Am
Ende dieser Untersuchung steht die Feststellung, dass das von Trouillot geforderte
Umschreiben der Weltgeschichte8 einen wenn auch sehr bescheidenen Anfang genommen
5 Vgl. Gliech, Oliver: Die Sklavenrevolution von Saint-Domingue/Haiti und ihre internationalen
Auswirkungen (1789/91-1804/25), in: http://www.avinus-magazin.eu/html/gliech_-_haiti.html (25.03.2008), 13.
Abschnitt.
6 Bachmann-Medick, Doris: Postcolonial Turn, in: Dies.: Cultural Turns. Neuorientierungen in den
Kulturwissenschaften, Hamburg 2006, S. 184-237, hier S. 212.
7 Vgl. Buck-Morss, Susan: Hegel und Haiti, in: Campt, Tina/Gilroy, Paul (Hg.): Der Black Atlantic, Berlin
2004, S. 69-98, hier S. 71.
8 Trouillot: Undenkbare Geschichte, S. 112.
v
hat, zumindest in Bezug auf die hier untersuchten Werke des französischen, englischen und
deutschen Sprachraums. Eine detaillierte Untersuchung der spanischen und auch der
lateinamerikanischen Rezeption Haitis steht noch aus, wäre aber sicherlich ein interessanter
und die Diskussion in dieser Arbeit abrundender Aspekt.
2 DIE REVOLUTION, IHRE FOLGEN UND DAS SCHWEIGEN DER
MODERNE
Die französische Karibikkolonie Saint-Domingue, die das westliche Drittel der
Antilleninsel Hispaniola einnahm, produzierte bis zum Ausbruch der Französischen
Revolution dank ihres Plantagensystems und auf der Grundlage der Arbeit von 500.000
schwarzen Sklaven etwa die Hälfte des damals in Europa konsumierten Zuckers und
Kaffees9. Sie galt seinerzeit als die reichste europäische Kolonie und wurde deshalb auch die
,,Perle der Antillen" genannt. Unter geschickter Ausnutzung der destabilisierenden
Auswirkungen, die die Französische Revolution auf das politische und soziale Machtgefüge
dieser französischen Überseebesitzung hatte, erhoben sich im August 1791 die schwarzen
Sklaven. Nicht zuletzt auch aufgrund einer einzigartigen weltpolitischen Konstellation10
besiegten die Aufständischen während der dreizehn Jahre dauernden Kampfeshandlungen
abwechselnd und in verschiedenen Allianzen die lokale weiße Führungsschicht und die
teilweise bis zu 60.000 Mann starken Expeditionsheere der damals mächtigsten europäischen
Kolonialreiche, namentlich Frankreich, Spanien und Großbritannien und erkämpften darüber
hinaus die zeitweilige Aufhebung der Sklaverei für alle französischen Kolonien sowie eine
weitgehende faktische Handlungsautonomie für Saint-Domingue selbst. Als jedoch der neue
Machthaber im Mutterland, Napoleon Bonaparte, 1802 die Herrschaft über die Kolonie aus
machtpolitischen und geostrategischen Gründen heraus wieder erringen wollte,11 was
unweigerlich eine Wiedereinführung der Sklaverei nach sich gezogen hätte, traten die
ehemaligen Sklaven ihren letzten Freiheitskampf an. Diesen mussten sie jedoch ohne die
bemerkenswerteste Persönlichkeit der Revolution ausfechten. Ihr großer Führer, Toussaint
9 Vgl. Dubois, Laurent: Avengers of the New World. The Story of the Haitian Revolution,
Cambridge/London 2004, S. 21.
10 Das zeitliche Zusammentreffen der Französischen Revolution mit der internationalen Rivalität zwischen
Frankreich, Spanien und Großbritannien in der Karibik sowie den Kriegsgeschehnissen auf dem europäischen
Festland begünstigten ohne Zweifel den erfolgreichen Verlauf der Sklavenrevolution, schmälern jedoch nicht die
bemerkenswerten politischen und militärischen Leistungen der Aufständischen, vgl. hierzu Schüller, Karin:
Sklavenaufstand Revolution Unabhängigkeit: Haiti, der erste unabhängige Staat Lateinamerikas, in: Zoller,
Rüdiger (Hg.): Amerikaner wider Willen. Beiträge zur Sklaverei in Lateinamerika und ihren Folgen, Frankfurt
am Main 1994, S. 125-143, hier S. 138.
11 Vgl. Lützeler, Paul Michael: Napoleons Kolonialtraum und Kleists ,,Die Verlobung in St. Domingo",
Wiesbaden 2000, S. 13/14.
w
Louverture, der die aufständischen Sklaven in schlagkräftige Armeen organisiert hatte und
dank seines militärischen und diplomatischen Geschicks schließlich zum französischen
Oberbefehlshaber von Saint-Domingue aufgestiegen war, wurde 1802 von Napoleon in eine
Falle gelockt und nach Frankreich deportiert, wo er bis zu seinem Tode am 7. April 1803 in
einem Gefängnis im französischen Jura einsaß. Unter der Führung eines von Toussaints
schwarzen Generälen, Jean-Jacques Dessalines, errungen die Aufständischen in Saint-
Domingue dennoch den Sieg über die napoleonischen Truppen im Jahr 1803 und riefen am
Neujahrstag 1804 die Unabhängigkeit der Kolonie aus. Ehemalige Sklaven, die sich selbst
emanzipiert hatten, schufen unter Rückgriff auf den ursprünglichen indianischen Namen Haiti
den ersten unabhängigen Staat Lateinamerikas, den zweiten unabhängigen Staat Amerikas
überhaupt. In diesem Staat gab es keine Sklaverei mehr und keine Standesunterschiede,
de
jure
waren alle Einwohner Haitis frei und gleich. Die Revolution und die anschließende
Konstituierung des ersten ,schwarzen Staates` Amerikas bedeutete ,,a complete reversal of
imperial hierarchies and social goals: the territory′s European name had been obliterated;
slaves had become masters; and the process of capitalist development through the
industrialization of agriculture had been severely disrupted".12 Dennoch darf nicht unerwähnt
bleiben, dass Napoleon im Rest des französischen Kolonialreichs die Sklaverei 1802 wieder
einführte.
Trotz der Unabhängigkeitserklärung von 1804 und der Verabschiedung einer
Verfassung im Folgejahr lebte der neu gegründete Staat noch zwei Jahrzehnte mit der
Bedrohung eines erneuten Angriffs durch das napoleonische Frankreich, das die
Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie erst im Jahr 1825 anerkannte; und das auch nur
gegen die Zahlung hoher Reparationsleistungen, die die Staatskasse Haitis noch
jahrzehntelang belasteten. Bereits seit den ersten Jahren seiner Gründung wurde Haiti auf
internationaler Ebene sowohl politisch als auch ökonomisch isoliert13, vor allem die weiterhin
sklavenhaltenden Nachbargebiete wie Jamaika, Kuba oder die USA mieden den Kontakt zu
einem Staat, dessen bloße Existenz ihre eigenen Herrschaftsstrukturen unweigerlich in Frage
stellte. Der externe Druck und andauernde innenpolitische Machtkämpfe sowie auch das Erbe
ökologischer Schäden aufgrund der intensiven Plantagenkultur während der Kolonialzeit
trugen wesentlich dazu bei, dass es der unabhängigen Nation in ihrer nunmehr über 200-
jährigen Geschichte nicht gelang, die kolonialen Strukturen der Vergangenheit zu
12 Fischer, Sibylle: Modernity Disavowed. Haiti and the Cultures of Slavery in the Age of Revolution, Mona,
Kingston 2004, S. 1.
13 Die USA beispielsweise anerkannten Haiti erst 1862, dem Jahr, das auch den US-amerikanischen Sklaven
die Freiheit brachte, vgl. hierzu: Dubois, Laurent/Garrigus, John D.: Slave Revolution in the Caribbean, 1789-
1804; a brief history with documents, New York 2006, S. 35.
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