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Agrarreformen in Lateinamerika

Termpaper, 2003, 18 Pages
Author: Meike Knop
Subject: Geography / Earth Science - Economic Geography

Details

Event: Oberseminar
Institution/College: University of Trier (Geographie)
Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 18
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V136283
ISBN (E-book): 978-3-640-43492-3
ISBN (Book): 978-3-640-43519-7

Abstract

Zwar spielen in Lateinamerika traditionell Städte eine wichtige Rolle, trotzdem handelt es sich aber bei der Bevölkerung um eine bis ins 20. Jahrhundert agrarische geprägte Gesellschaft. Nach dem zweiten Weltkrieg lebten noch zwei Drittel aller Einwohner auf dem Land und dadurch bedingt wirkten sich Konflikte im Agrarsektor auch auf die gesamtgesellschaftliche und politische Ebene aus. Heute lebt – aufgrund der Verstädterung und Industrialisierung – nur noch ein Drittel der Bevölkerung auf dem Land, trotzdem spielt die Landwirtschaft noch immer eine große Rolle, sowohl im wirtschaftlichen, als auch im sozialen Sektor. Aufgrund der immer noch vorherrschenden sozialen Disparitäten und auch in Anbetracht des hohen Bevölkerungswachstums sowie den ökologischen Folgen der enormen Tropenwaldvernichtung ist eine Reform, die diesen Problematiken entgegenwirkt, längst nötig geworden, wenn nicht schon als überfällig anzusehen.


Excerpt (computer-generated)

1 Einleitung

Zwar spielen in Lateinamerika traditionell Städte eine wichtige Rolle, trotzdem handelt es

sich aber bei der Bevölkerung um eine bis ins 20. Jahrhundert agrarische geprägte

Gesellschaft. Nach dem zweiten Weltkrieg lebten noch zwei Drittel aller Einwohner auf dem

Land und dadurch bedingt wirkten sich Konflikte im Agrarsektor auch auf die

gesamtgesellschaftliche und politische Ebene aus. Heute lebt ­ aufgrund der Verstädterung

und Industrialisierung ­ nur noch ein Drittel der Bevölkerung auf dem Land, trotzdem spielt

die Landwirtschaft noch immer eine große Rolle, sowohl im wirtschaftlichen, als auch im

sozialen Sektor. Aufgrund der immer noch vorherrschenden sozialen Disparitäten und auch in

Anbetracht des hohen Bevölkerungswachstums sowie den ökologischen Folgen der enormen

Tropenwaldvernichtung ist eine Reform, die diesen Problematiken entgegenwirkt, längst nötig

geworden, wenn nicht schon als überfällig anzusehen (vgl. WALDMANN 1990, S.24ff).

2 Landesüberblick

2.1 Allgemeine Daten und naturräumliche Voraussetzungen

Lateinamerika setzt sich zusammen aus den Staaten Mittel- und Südamerikas und hat einen

Flächenanteil an der gesamten Fläche der Welt von 15,1%. Die Bevölkerung betrug 1996

rund 486 Mio., das sind 8,4 % der Weltbevölkerung. Aufgrund der Industrialisierung steigt

auch die Verstädterungsquote immer höher, sie lag 1990 bei 64 %, das

Bevölkerungswachstum bei 2,7 %. Die naturräumlichen Vorraussetzungen sind natürlich sehr

unterschiedlich auf so einer großen Fläche, da sie für die Problematik an sich in

differenzierter Form nicht ausschlaggebend sind, werden sie an dieser Stelle auch nicht im

Einzelnen aufgezählt. Zu erwähnen ist aber, dass sich die Staaten nicht einfach in Klimazonen

gliedern, wie sie von Mexiko im Norden bis nach Argentiniens Kap Hoorn im Süden

vorkommen, sondern dass auch hier einige andere Faktoren, wie die Streichrichtung der

Kodillieren und der Meeresströme, Einfluss nehmen (vgl. WALDMANN 1990, Tab.1).

Da es sich natürlich um sehr viele verschiedene Staaten mit unterschiedlichen

Regierungsformen, naturräumlichen Ausstattungen und sonstigen Merkmalen handelt, fällt es

schwer, von Lateinamerika als Ganzem zu sprechen. Nur aufgrund der ähnlich gelagerten

Probleme im Agrarsektor und bei der Durchführung von Agrarreformen ist dies überhaupt

möglich.

1


2.2 Geschichtliche Entwicklung des Agrarsektors

Die Geschichte des Agrarsektors in Lateinamerika begann mit der Kolonialisierung und der

damit verbundenen Ausbeutung durch die iberischen Völker. Um sich die Einwohner untertan

zu machen und gleichzeitig die Ressourcen auszubeuten, erhielten die Einwohner ein Stück

Land zur eigenen Bewirtschaftung und mussten zudem auf dem Land der Kolonialherren

arbeiten, um die begehrten Exportprodukte wie Kaffee, Kakao, Tabak oder Baumwolle zu

produzieren. Zwar änderten sich die Herrscher, nicht aber die Machtverhältnisse, und so

entstanden aus den von den Kolonialherren eingeführten Abhängigkeitsverhältnissen die

unten genauer beschriebenen Haciendas als Form der Bodenbewirtschaftung in Lateinamerika

(vgl. HEIMPEL 1983, S.268).

3 Landaufteilung und ländliche Bevölkerung

3.1 Minifundien

Die Minifundien stellen Kleinstbesitze in der Grö?e von 0 bis 10 ha dar, wobei allerdings die

meisten der lateinamerikanischen Minifundien über eine Grö?e von 2 ha nicht hinauswachsen.

Zwar überwiegt die Anzahl der Minifundien ganz eindeutig über die der Latifundien, haben

aber an der gesamtbewirtschafteten Fläche nur einen geringen Anteil. So stellen die

Minifundien zwar 2/3 aller bäuerlichen Grundbesitze dar, ihr Anteil an der gesamten

bewirtschafteten Fläche jedoch beträgt nur mehr 15 %. Dieser enorme Gegensatz der

Eigentumskonzentration wird weiter gefördert durch die auch heutzutage meist noch gültige

Realteilung. So wird die Minifundie gleichmäßig unter den Erben aufgeteilt und somit weiter

verkleinert. Wirtschaftlich kennzeichnen sich Minifundien dadurch, dass sie wenig

Eigenkapital aufweisen und die Bauern meist auch nur unzureichende landwirtschaftliche

Kenntnisse besitzen. Zudem besteht auch noch eine ablehnende Haltung gegenüber moderner

Technologien zur Landbewirtschaftung. Der Hauptteil der Produktion dient der

Selbstversorgung, Überschüsse werden auf dem lokalen Markt verkauft. Da jedoch die

Parzellen meist zu klein und die Erträge zu niedrig sind, arbeiten viele Kleinbauern nebenbei

noch zusätzlich als Landarbeiter auf Haciendas oder Plantagen, was eine hohe Mobilität

voraussetzt (vgl. WALDMANN 1990, S.27).

3.2 Latifundien

In Lateinamerika findet man drei Arten des Großgrundbesitzes: die traditionelle Hacienda, die

exportorientierten Plantagen und einige Mischformen, die Viehestancias.

Die Latifundien nehmen ca. 85 % der gesamtbewirtschafteten Fläche ein, gehören aber

lediglich einem Drittel der Landbesitzer. Von Latifundien spricht man ab einer Flächengröße

2


von mehr als 100 ha, meist sind es wesentlich größere Grundstücke, Flächen mit über 1 Mio.

ha sind keine Seltenheit. Zudem haben diese mittleren und großen Betriebe nicht nur die

besten Böden, sondern auch einen leichteren Zugang zu Krediten und meist erheblichen

politischen Einfluss. Sie sind zumeist eng verbunden mit der Industrie und dem Handel, da sie

durchaus Einfluss auch auf die Absatzmärkte und -möglichkeiten ihrer Waren haben. Aus

sozialer Sicht sind Latifundien ungerecht und unter Produktivitätsgesichtspunkten

unbefriedigend, da die Besitzer wirtschaftlich nicht von einer Produktivitätssteigerung

abhängig sind (vgl. WALDMANN 1990, S.26).

3.2.1 Haciendas

Die traditionellen Haciendas haben ihre Wurzeln in der Kolonialzeit, sie stellen eine autarke

Einheit dar, in der alles und jeder vom Großgrundbesitzer, dem Patrón, abhängig ist. Den

Besitzern dienen die Haciendas in erster Linie als System zur Sicherung des Monopols an

Boden, Prestige und politischer Macht, die Produktivität ist zweitrangig. Nur bei geringer

Bodenfruchtbarkeit oder bei bestimmter Intensivkultur (z.B. Schafzucht im Hochland

Boliviens) ist diese Art der Bodenbewirtschaftung ökonomisch. Oft stellt die Hacienda auch

das soziale Zentrum, da viele Patróns Kirchen und Kaufläden auf ihrem Grundstück bauen.

Der Patrón selbst lebt meist nicht hier, sondern in der Stadt, sämtliche Aufgaben vor Ort

übernimmt der von ihm eingesetzte Verwalter. Die abhängigen Bauern, Colonos genannt,

erhalten von ihm eine Parzelle, die sie zur Subsistenzwirtschaft nutzen, als Gegenleistung

arbeiten sie 3 bis 5 Tage in der Woche auf den Ländern des Patrón. Die Haciendas dienen so

meist der Selbstversorgung und beliefern den lokalen Markt, sind aber nicht auf den

internationalen Export ausgerichtet. Solche traditionellen Haciendas findet man meist in

Mexiko, Chile und Peru (vgl. HEIMPEL 1983, S.268f); Zweitbeleg: (vgl. WALDMANN

1990, S. 26f ).

3.2.2 Plantagen

Die Plantagenwirtschaft stellt eine exportorientierte, landwirtschaftliche Unternehmensform

dar, man findet sie meist in den feuchtheißen Küstenzonen in Brasilien, Ecuador und Peru,

sowie in allen mittelamerikanischen Staaten. Aufgrund der Ausrichtung auf den Export und

der damit verbundenen technologischen Entwicklung bedarf eine Plantage beträchtlicher

Investitionen, die nicht selten mit ausländischem Kapital vorgenommen werden. Hier spielen

die multinationalen Konzerne (z. B. der weltweit größte Obstexporteur `United Brands´) eine

große Rolle, sie vereinigen wirtschaftliches Machtpotential, da sie länderübergreifend agieren

und in der Forschung den anderen Betrieben voraus sind, in einigen Ländern halten sie eine

Monopolstellung. Die häufigsten Anbauprodukte sind Zuckerrohr, Baumwolle, Kakao, Kaffee

3


und Bananen, einige Länder ­ insbesondere in Mittelamerika- sind heute durch diese

Großkonzerne und deren Auswirkungen (Infrastruktur etc.) deutlich geprägt. Auf der Plantage

findet man keine Colonos, hier werden nur Tagelöhner beschäftigt, die morgens per LKW

abgeholt und meist am gleichen Abend bezahlt werden. Außerdem herrscht eine wesentlich

rigorosere Arbeitsdisziplin vor, bis ins 19. Jhdt. wurden noch Sklaven beschäftigt (vgl.

WALDMANN 1990, S. 27).

3.2.3 Viehestancias

Die Viehestancias sind eine Mischform aus Plantage und Hacienda und ­ wie aus dem Namen

bereits erkennbar- auf Viehhaltung spezialisiert. Hier wird entweder Rinderhaltung in

extensiver Form auf natürlichem Grasland betrieben, oder man findet hochspezialisierte

Mastbetriebe auf Kunstweiden in der Nähe einer Stadt, wobei sich dann auch gleich

milchverarbeitende Industrie ansiedelt (vgl. WALDMANN 1990, S. 27).

3.3 Mittelgrosse Betriebe

Betriebe mit einer Fläche von 10 bis 100 ha werden als mittelgroß bezeichnet, sie spielen

allerdings in Lateinamerika keine große Rolle. Meist findet man sie in Argentinien, Chile und

Brasilien, wo sie ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von europäischen Einwanderern

gegründet wurden. Diese Betriebe sollten besonders gestärkt und unterstützt werden, sind sie

doch nachgewiesenermaßen ­ meist als Familienbetrieb geführt- überdurchschnittlich

produktiv, was daraus resultiert, dass der Erfolg alleine von Tüchtigkeit abhängt. Man muss

aber auch hier noch zwei Typen von Betrieben unterscheiden, da es einige gibt, die neuen

Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen sind und heute gefestigte Unternehmen

darstellen, während andere den Anschluss an die Technologie verpasst haben und nun vom

sozialen Abstieg bedroht sind (vgl. WALDMANN 1990, S.26f).

3.4 Pachtverhältnisse

So wie auf den Haciendas, sind in Lateinamerika Pachtverhältnisse weit verbreitet, allerdings

dienen sie anderen Zwecken als Pachtverhältnisse in europäischen Regionen. In erster Linie

ist die Pacht in Entwicklungsländern ein Weg, auf dem der Grundeigentümer unter

Ausnutzung der sozialökonomischen Gegebenheiten ein arbeitsloses Einkommen erzielt.

Meist gelten die ­ überwiegend mündlich geregelten- Pachtverträge nur für ein Jahr, was sich

für den Pächter als sehr unvorteilhaft erweist, ist er doch in dieser kurzen Zeit nicht in der

Lage, den Boden zu regenerieren. Als Folge daraus werden die Böden möglichst extensiv

ausgebeutet, da der Pächter jederzeit befürchten muss, von dem Land vertrieben zu werden

(vgl. WALDMANN 1990, S. 26f).

Es gibt drei vorrangige Arten des Pachtverhältnisses in Lateinamerika:

4



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