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„Die Sonate vom guten Menschen“

Subtitle: Eine Analyse der Darstellung der Stasi im Film anhand des Films "Das Leben der Anderen"

Termpaper, 2009, 26 Pages
Author: Roman Behrens
Subject: History - Postwar Period, Cold War

Details

Category: Termpaper
Year: 2009
Pages: 26
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V136292
ISBN (E-book): 978-3-640-43554-8
ISBN (Book): 978-3-640-43564-7

Abstract

„Mit dem MfS entstand ein spezielles Organ der Diktatur des Proletariats, das in der Lage ist und über alle Mittel verfügt, unter der Führung der SED gemeinsam mit den anderen staatlichen Organen und bewaffneten Kräften und in enger Verbundenheit mit den Werktätigen die Arbeiter-und-Bauern-Macht und die revolutionäre Entwicklung zuverlässig gegen jede konterrevolutionäre Tätigkeit äußerer und innerer Feinde der DDR zu schützen sowie die innere Sicherheit und Ordnung allseitig zu gewährleisten“. Diese programmatische Beschreibung des Ministeriums für Staatssicherheit durch dessen langjährigen Leiter, Erich Mielke, ist ein interessantes Zeugnis dafür, dass es in der ehemaligen DDR nur unter größten Gefahren möglich war, ein unbeschwertes Leben zu führen, in dem man frei von Zwängen seine Meinung äußern und dabei einen vielleicht kritischen Blick auf die Partei und das Land werfen konnte. Ganz besonders deutlich wird dieser Punkt wenn man sich fragt, inwiefern es für Mitarbeiter der Stasi möglich war neben der ideologischen Doktrin eine eigene Meinung zum System zu vertreten, die vielleicht nicht politisch oder ideologisch gefärbt war. Der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck nahm sich dieser Thematik an und drehte mit ‚Das Leben der Anderen’ einen Film, der genau ein solches Schicksal zu beleuchten versucht. Seine Hauptfigur, Hauptmann Wiesler, begegnet dem Zuschauer zu Beginn des Films als starres, von der Ideologie der Staatssicherheit durchdrungenes Instrument, welches im weiteren Verlauf des Films einen Wandel durchmacht. Alle gängigen Stereotypen der Stasi als perfides und verbrecherisch wirkendes Ministerium innerhalb der DDR finden Einklang in der Darstellung des Hauptmanns, der im Film einen Auftrag seines Vorgesetzten bekommt und einen potentiellen „konterrevolutionären“ Autor überwachen soll. Diese Tätigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und man bemerkt als Zuschauer eine Entwicklung Wieslers vom linientreuen Stasi-Hauptmann hin zum nachdenklichen, emotionalen Menschen. Welches Bild zeichnet der Regisseur von der Stasi, welche Stereotypen greift er auf und wie setzt er diese im Film um? Inwiefern benutzt er filmästhetische Mittel wie Kameraeinstellungen, Licht oder Kostüme um zu betonen, zu entkräften oder den Zuschauer vielleicht zu beeinflussen?


Excerpt (computer-generated)

Fakultät IV ­ Institut für Geschichte

AM6 ­ Geschichtskultur

,,Die Sonate vom guten Menschen"

Eine Analyse der Darstellung der Stasi im Film

,,Das Leben der Anderen"

Roman Behrens

Bachelor of Arts

Geschichte/ Sozialwissenschaften

Fachsemester: 4

1


Fakultät IV ­ Institut für Geschichte

AM6 ­ Geschichtskultur

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Das Leben der Anderen ­ eine kurze Inhaltsangabe 4

3. Die Filmische Darstellung der Stasi

3.1

Minister Bruno Hempf 5

3.2

Oberstleutnant Anton Grubitz 7

3.3

Hauptmann Gerd Wiesler 9

4. Historischer Hintergrund, Geschichtsbild und öffentliche Wahrnehmung 13

5. Fazit 18

6. Literaturverzeichnis 20

7. Anhang 21

2


Fakultät IV ­ Institut für Geschichte

AM6 ­ Geschichtskultur

1. Einleitung

,,Mit dem MfS entstand ein spezielles Organ der Diktatur des Proletariats, das in der Lage

ist und über alle Mittel verfügt, unter der Führung der SED gemeinsam mit den anderen

staatlichen Organen und bewaffneten Kräften und in enger Verbundenheit mit den

Werktätigen die Arbeiter-und-Bauern-Macht und die revolutionäre Entwicklung zuverlässig

gegen jede konterrevolutionäre Tätigkeit äußerer und innerer Feinde der DDR zu schützen

sowie die innere Sicherheit und Ordnung allseitig zu gewährleisten".1

Diese programmatische Beschreibung des Ministeriums für Staatssicherheit2 durch dessen

langjährigen Leiter, Erich Mielke, ist ein interessantes Zeugnis dafür, dass es in der

ehemaligen DDR nur unter größten Gefahren möglich war, ein unbeschwertes Leben zu

führen, in dem man frei von Zwängen seine Meinung äußern und dabei einen vielleicht

kritischen Blick auf die Partei und das Land werfen konnte. Ganz besonders deutlich wird

dieser Punkt wenn man sich fragt, inwiefern es für Mitarbeiter der Stasi möglich war

neben der ideologischen Doktrin eine eigene Meinung zum System zu vertreten, die

vielleicht nicht politisch oder ideologisch gefärbt war. Der deutsche Regisseur Florian

Henckel von Donnersmarck nahm sich dieser Thematik an und drehte mit ,Das Leben der

Anderen′ einen Film, der genau ein solches Schicksal zu beleuchten versucht. Seine

Hauptfigur, Hauptmann Wiesler, begegnet dem Zuschauer zu Beginn des Films als starres,

von der Ideologie der Staatssicherheit durchdrungenes Instrument, welches im weiteren

Verlauf des Films einen Wandel durchmacht. Alle gängigen Stereotypen der Stasi als

perfides und verbrecherisch wirkendes Ministerium innerhalb der DDR3 finden Einklang in

der Darstellung des Hauptmanns, der im Film einen Auftrag seines Vorgesetzten bekommt

und einen potentiellen ,,konterrevolutionären" Autor überwachen soll. Diese Tätigkeit zieht

sich wie ein roter Faden durch den Film und man bemerkt als Zuschauer eine Entwicklung

Wieslers vom linientreuen Stasi-Hauptmann hin zum nachdenklichen, emotionalen

Menschen. ,,Das Leben der Anderen", mit unzähligen internationalen Preisen

ausgezeichnet, darunter u.a. der Oscar für den besten ausländischen Film sowie mehrere

Bayerische Filmpreise, soll als Untersuchungsgegenstand für die Frage nach dem Leben im

System fungieren. Welches Bild zeichnet der Regisseur von der Stasi, welche Stereotypen

greift er auf und wie setzt er diese im Film um? Inwiefern benutzt er filmästhetische Mittel

wie Kameraeinstellungen, Licht oder Kostüme um zu betonen, zu entkräften oder den

Zuschauer vielleicht zu beeinflussen?

1 Gieseke, Jens: Die DDR-Staatssicherheit. Schild und Schwert der Partei. Berlin 2000. S.6.

2 Aus Gründen der Lesefreundlichkeit wird im Folgenden das Kürzel MfS verwendet.

3 Dümmel, Karsten/ Schmidt, Christian (Hg.): Was war die Stasi ­ Einblicke in das Ministerium für Staatssicherheit

der DDR (MfS) (Zukunftsforum Politik, Nr.43), Sankt Augustin 2002, S.7.

3


Fakultät IV ­ Institut für Geschichte

AM6 ­ Geschichtskultur

Ich möchte mich daher im Folgenden auf die filmische Umsetzung der Stasi konzentrieren

und dies auch am Wandel der Hauptfigur festmachen. Dass es in den letzten Jahren ein

großes Interesse an der Aufarbeitung der DDR und seiner Geschichte gegeben hat,

beweisen vermehrte wissenschaftliche Studien und auch die breite Öffentlichkeit erfährt

anhand von Filmen wie z.B. ,Sonnenallee′, ,NVA′ oder ,Das Leben der Anderen′ eine

Fokussierung auf diese Thematik. Daher soll in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden, wie

und mit welchen Mitteln die Stasi im Film dargestellt wurde, inwiefern ein innerer Wandel

in diesem System möglich war und letztlich ­ ob es sich bei ,,Das Leben der Anderen" nur

um eine Ode an die Pflicht und die Verantwortung handelt oder der Film vielleicht doch

eine Sonate vom guten Menschen darstellt.

2. Das Leben der Anderen ­ eine kurze Inhaltsangabe

Gerd Wiesler, ein linientreuer Hauptmann der Staatssicherheit erhält von seinem

Vorgesetzten Anton Grubitz den Auftrag, den erfolgreichen Dramatiker und Autor Georg

Dreymann zu überwachen und Beweise für angeblich regimefeindliche Aktivität zu

sammeln. Dieser Auftrag wird von Minister Bruno Hempf überwacht, der in Dreymann nur

einen Konkurrenten sieht, da er selbst um Dreymanns Freundin, die bekannte

Schauspielerin Christa-Maria Sieland buhlt. Wiesler observiert das Paar und nimmt somit

einen entscheidenden Anteil am Leben der beiden. Im Verlauf der Observation entwickelt

sich eine Sympathie für dieses ,,Leben der anderen" und er beginnt, wichtige Erkenntnisse

und Beweise zu unterschlagen. Nachdem Sieland unter Druck eine Affäre mit Hempf

beginnt, lässt Wiesler den Autor Dreymann Zeuge dieser Verbindung werden und das

darauf folgende Leben des Künsterpaares verändert sich nun spürbar. Als sich Albert

Jerska, ein befreundeter Theaterregisseur mit Berufsverbot das Leben nimmt, beginnt

Dreymann für das westdeutsche Nachrichtenmagazin ,,Der Spiegel" einen Artikel über die

hohe Suizidrate in der DDR zu schreiben, den er auf einer ihm von einem West-Redakteur

bereitgestellten Schreibmaschine verfasst. Als der Artikel erscheint, ruft er unter den

Machthabern enorme Unruhe hervor, jedoch kann man Dreymann nichts nachweisen, da

Wiesler schon lange Abhörprotokolle fälscht. Da sich Christa-Maria nicht mehr mit Hempf

treffen will, erpresst er sie mit ihrem Medikamentenmissbrauch und lässt sie durch den

Hauptmann verhören. Unter Druck offenbart sie den Ort der Schreibmaschine und fährt,

nun freigelassen, zu Dreymann. Wiesler lässt die Schreibmaschine währenddessen

verschwinden und somit ist Dreymann bei der darauf folgenden Durchsuchung unschuldig.

Sieland stürzt sich aus Verzweiflung vor einen LKW und stirbt. Die Observation wird

abgebrochen und Wiesler strafversetzt. Nach Jahren beginnt Dreymann seine Geschichte

4


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zu recherchieren und veröffentlicht die Erkenntnisse im Buch ,,Die Sonate vom guten

Menschen", welches sich auch der mittlerweile als Briefträger tätige Wiesler kauft und sich

selbst wiedererkennt.

3. Die filmische Darstellung der Stasi

3.1. Minister Bruno Hempf

Bruno Hempf (gespielt von Thomas Thieme) taucht in mehreren Szenen des Films auf, die

allesamt einen Schlüsselcharakter besitzen. Zum Einen in den ersten Szenen des Films,

als er im Theater seinem Abteilungsleiter Oberstleutnant Anton Grubitz den Auftrag erteilt,

etwas über den Autor Georg Dreymann herauszufinden und so die Geschichte ihren

eigentlichen Lauf nimmt. Im weiteren Geschehen taucht er immer wieder als der

skrupellose Minister in seiner Dienstlimousine auf, als er Christa-Maria Sieland zu den

Treffen abholt und vor der Wohnung wieder absetzt. Und zu guter letzt, als sich Dreymann

und Hempf nach der Wende bei der Premiere eines Stückes wiedersehen und er dem

Autor erzählt, dass er abgehört und observiert wurde, woraufhin Dreymann zu

recherchieren beginnt und diese Zeit in seinem Roman verarbeitet. Hempf, der vor seiner

Stellung als Kulturminister im Zentralkomitee ebenfalls beim MfS tätig war, wird im

gesamten Film mittels Sprache, Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven als ein skru-

pelloser und machtbewusster Mensch dargestellt, dem seine eigenen Interessen über alles

gehen. Er weiß alles und er kennt die Mittel und Möglichkeiten, seine Ziele zu erreichen.

Auch wenn er dabei Menschen wie Marionetten aussehen lässt und damit das

Instrumentarium der Erpressung bedient, so ist er sich keiner Schuld bewusst und steht

auch weit nach der Wende immer noch zu seiner ,,kleinen Republik, welche von dieser BRD

wieder eingegliedert wurde"4 Besessen von seiner Liebe, sofern man davon sprechen

kann, zu Sieland ist ihm jedes Mittel recht seinen Gegner zu kompromittieren und auch

Sieland selbst stellt er wegen ihres Medikamentenkonsums bloß und lässt sie durch

Grubitz im Verhör erpressen.

Bruno Hempf wird im Film durchweg als Minister mit ihm eigenen Attributen wie Limousine

nebst Chauffeur, persönlichem Assistent und großer Machtfülle gezeigt. Das Perfide an

seiner Person ist der Missbrauch und die Skrupellosigkeit, die er mit seinem Amt vereinigt.

Er wird filmästhetisch mit verschiedenen Mitteln portraitiert, die man im Film sehr gut

herausarbeiten kann. Wenn z.B. Hickethier von der Eigenschaft der Lichtgestaltung als

entscheidende Rolle schreibt, weil die Beleuchtung unterschiedliche Stimmungen erzeugt

4 Anlage 1.

5


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und diese als Eigenschaften einer Situation oder auch eines Charakters verstanden

werden5, so kommt diesem Aspekt in ,,Das Leben der Anderen" eine besondere Rolle zu.

Szenen, in denen Hempf erscheint, erhalten durch die Ausleuchtung eine ganz eigene

Stimmung. Exemplarisch sei hier die Szene in der Limousine genannt, in der er Christa-

Maria Sieland begehrt und mit ihr intim wird. Seine Person bleibt wie im ganzen Film

mysteriös und geheimnisvoll, belegt durch die nur leichte Ausleuchtung im Fahrzeug.6

Ganz im Gegensatz dazu Christa-Maria, welche viel deutlicher und damit wahrnehmbarer

ausgeleuchtet wird. Ein anderes Beispiel ist die Sachstandsmitteilung durch Grubitz im

Auto des Ministers. Wieder wird er als geheimnisvoll und damit fast unnahbar dargestellt,

diesmal aber durch verschlossene Gardinen und getönte Fensterscheiben, die seiner

Autorität als Kulturminister und damit als ,,hoher Bonze"7 gerecht werden. Bei Blick auf die

Kameraperspektive fällt auf, dass der Minister immer aus leicht niederer Sicht gefilmt

wird. Diese Untersicht oder auch Froschperspektive lässt ihn als bedeutend und mächtig

erscheinen.8 Im Wechselspiel zwischen Grubitz und Hempf wechseln ebenfalls die

Einstellungsgrößen, je nachdem welche Figur zu sehen ist. Hempf wird grundsätzlich in

Großaufnahme gezeigt, Grubitz jedoch nur in der Naheinstellung, das heißt vom Kopf bis

zur Mitte des Oberkörpers. Dies zeigt deutlich welcher von beiden an der Macht steht und

auf den anderen blickt, und damit einhergehend die Befehlsgewalt inne hat.

Bruno Hempf ist die bestimmende Figur in der gesamten Observation. Er lenkt, dirigiert,

weist an und entscheidet. Dies macht ihn unbewusst zum unerbittlichen Regisseur des

ganzen Dramas. Würde er nicht seinen Chauffeur und Mitarbeiter beauftragen, Christa-

Maria Sieland auszuspionieren, wenn sie nicht in der gemeinsamen Wohnung ist, hätte er

auch keine Handhabe bezüglich ihrer Tablettensucht und damit ein geeignetes Mittel sie zu

erpressen, um so ihrer habhaft zu werden. Insgeheim zeichnet der Film hier ein Portrait

eines Menschen, das so sehr mit negativen Eigenschaften wie Skrupellosigkeit,

Kaltblütigkeit und Egoismus geprägt ist, dass es sich hierbei um das Paradebeispiel für

einen Funktionär erster Klasse handelt. Denn Hempf wird stets als das unnahbare und

machtbewusste Wesen dargestellt, das er ist. So scheut er beispielsweise auch nicht davor

zurück bei der Premierenfeier von Dreymanns Stück zu Beginn des Films, während des

Tanzes von Dreymann und Sieland einfach auf die Bühne zu stolpern und die Musik zu

beenden, die daraufhin abrupt endet. Ihm ist es egal, dass er damit die ausgelassene, fast

ungezwungene Premierenstimmung zerstört und den Geist der Partei einbringt, indem er

5 Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Weimar 20013, S. 79.

6 Anlage 2.

7 Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der Anderen. Filmbuch.Suhrkamp Taschenbuch 3786, Frankfurt

2006, S.23.

8 Mikos, Lothar: Film- und Fernsehanalyse, Konstanz 2003, S.187.

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