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Die Kulturlandschaften der Insel Rügen

Subtitle: Materielle und immaterielle Dimensionen einer kulturell wertvollen Landschaft

Scholarly Research Paper, 2009, 37 Pages
Author: Oliver Thaßler
Subject: Landscape Management

Details

Category: Scholarly Research Paper
Year: 2009
Pages: 37
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V136490
ISBN (E-book): 978-3-640-44945-3
ISBN (Book): 978-3-640-44931-6

Abstract

Landschaft ist ein vom Menschen wahrgenommenes Kulturgut. Wie BRUNS(2007)festhält,umfasst „der Landschafsbegriff im Sinne der Europäischen Landschaftskonvention somit Landschaft als Lebensraum der in und mit ihr lebenden Menschen und bleibt keinesfalls auf das Landschaftsbild beschränkt. Der Begriff „as perceived by people“ beinhaltet in den verbindlichen englisch- und französischsprachigen Versionen das Wahrnehmen, Erkennen und Verstehen von Landschaft mit allen Sinnen, bis hin zur Formung mentaler Bilder und Konzepte, die unter anderem durch Erfahrungseinflüsse zustande kommen“. Inwiefern die Ausprägung und Zusammensetzung der Rügener Kulturlandschaften für den Besucher und die Einwohner als besonders reizvoll erscheint und auch bevorzugt aufgesucht wird ist noch weitgehend ungeklärt. Wie MARSCHALL (2007) bemerkt, gibt es kollektive Erinnerungen an die Landschaften und individuelle Präferenzen: „Zugleich existieren aber auch weiterhin mehrheitsfähige Vorstellungen von attraktiven Landschaften, da diese kulturell überliefert oder z.B. auch durch die Tourismusbranche konkret vermarktet werden“.Im Rahmen eines Proseminars „Kulturtransparenz“ an der Universität Kassel wurde der Frage nachgegangen, worin die Eigenart der Kulturlandschaft Rügens liegt.


Excerpt (computer-generated)

Oliver Thaßler Diplom II/ ASL/ Universität Kassel

Landschaftsplanung/ Landschaftsnutzung

Studienarbeit:

Die Kulturlandschaften der Insel Rügen- Materielle und

Immaterielle Dimensionen einer kulturell wertvollen Landschaft

Die Kulturlandschaften der Insel Rügen

Materielle und immaterielle Dimensionen einer kulturell wertvollen Landschaft








Es wäre zu wünschen, dass ein geschickter Landschaftsmaler eine solche Gegend bei

zwanzigerlei Licht und Himmel, aber immer aus demselben Gesichtspunkt entwürfe.

Dieselbe Landschaft, die zu einer Stunde des Tages und bei einer gewissen

Beschaffenheit des Himmels oder der Luft völlig matt ist und viele zerstreute Massen

sehen lässt, die das Auge nicht zusammenfasst, kann zu einer anderen Stunde

fürtrefflich ins Auge fallen.

Johann Georg Sulzer, 1771

2


Inhalt

1.

Grundzüge der Landschaftsentwicklung der Insel Rügen

4

2.

Zur aktuellen Wahrnehmung der Kulturlandschaften Rügens

7

2.1.

Landscape

as

perceived

by

people

8

2.1.1 Assoziation

Landschaft

auf

Rügen

8

2.1.2. Assoziation

Literatur

auf

Rügen

13

2.1.3. Assoziation

Malerei

auf

Rügen

20

3.

Assoziative Landschaften

22

4.

Beispiele assoziativer Landschaften Rügens

25

4.1.

Im Land der Mönche (Halbinsel Mönchgut)

26

4.2.

Klanglandschaften der Kreideküste

(Halbinsel

Jasmund)

27

4.3.

Heiligtum der Ostseeslawen (Halbinsel Wittow)

29

5.

Die Zukunft rügener Kulturlandschaften

30

Quellenverzeichnis

3


1. Grundzüge der Landschaftsentwicklung der Insel Rügen

Die Landschaft Rügens und die Hauptformen des heutigen Reliefs gehen auf nordische

Gletschermassen des Eiszeitalters (Quartär) zurück. Nachdem vor über 12 000 Jahren Stauch-

und Satzendmoränen, Gletscherzungenbecken und Toteisbecken in einem arktischen Klima

entstanden, formten nacheiszeitliche Prozesse das Gelände und hinterließen eine vielfältig

strukturierte Landschaft (DUPHORN ET AL. 1995). Die zuerst aufkommende, spätglaziale

Tundrenvegetation wich mit Aufkommen eines gemäßigten Klimas einer Waldlandschaft

(Birken-Aspen-Kiefernwälder). Waren die Menschen in dieser Zeit noch als Rentierjäger

organisiert, können dann im Übergang vom Boreal zum Atlantikum Kulturgruppen auf Rügen

ausdifferenziert werden, die als Maglemose- Gruppe und Lietzow- Gruppe bekannt wurden

(HERFERT 1990).

Erst vor 5000 Jahren in der Jungsteinzeit begann mit der Trichterbecherkultur die Auflichtung

von Wäldern infolge von Siedlungstätigkeit, Ackerbau und Viehhaltung. Zu dieser Zeit

entstehen die ersten Kulturlandschaften, die durch persistente Kulturlandschaftselemente wie

Großsteingräber und eine anthropogene Veränderung der Pflanzendecke beschrieben werden

können. Neben den zu dieser Zeit auf Rügen herrschenden Eichenmischwäldern entwickelte

sich eine parkartige Landschaft mit verschiedenen Destruktions- und Regenerationsstadien.

Nach LANGE ET AL. (1986) kommt die neolithische Auflichtung des Eichenmischwaldes vor

allem im Abfall der Kurven von Linden und Ulmen in mehreren Pollendiagrammen zum

Ausdruck. Ruderalisierte Wohnplätze sind durch Chenopodium und Urtica, kleine Äcker und

Weideland durch Cerealia, Plantago, Artemisia, Rumex, Calluna gekennzeichnet. Gelichtete

und ihrer Zusammensetzung veränderte Rest- und Randwälder werden von Hasel und Birken-

Beständen dominiert.

In Folge der bronzezeitlicher Besiedlung (3800-2600 Jahre vor heute) fand ein Ausbau der

seit dem Neolithikum erschlossenen Kulturlandschaft statt. Es entstanden Siedlungskammern

und -gebiete unter Zurückdrängung des Waldes und damit die Herausbildung erster

anthropogener Ersatzvegetation. Mit dem Beginn des Subatlantikums ab 2700 Jahren vor

heute wurde das Klima zum natürlichen Hauptfaktor der Landschaftsentwicklung. Die

zunehmende Humidität des subatlantischen Klimas führt zur Versumpfung zahlreicher kleiner

Hohlformen in den End- und Grundmoränenlandschaften. Auf Verlandungs- und

Versumpfungsmooren setzte erneutes Moorwachstum ein. Auch wurde durch das feuchtere

Klima die Ausbreitung von Buche und Hainbuche in Eichenmischwäldern auf Mineralböden

begünstigt. Wie LANGE ET AL. (1986) aufzeigen konnten, verweisen Pollendiagramme und

Summenkurven siedlungsanzeigender Pflanzen auf eine mehr oder weniger kontinuierliche

Besiedlung zwischen der Jungbronzezeit und der Völkerwanderungszeit. Mit der

Eisenerzeugung- und Verhüttung kam es zu einer verstärkten Nutzung der Waldareale. Das

kühlfeuchte Klima ermöglichte hingegen innerhalb weniger Jahrzehnte die Wiederbewaldung

aufgelassenen Siedlungslandes.

Mit dem Übergang von einer überwiegend auf Tierhaltung orientierten Wirtschaft der

Germanen zu einer stärker ackerbaulich orientierten Wirtschaft der Slawen vollzog sich dann

eine erhebliche Wandlung der Landnutzung (LANGE 1976a, b). Die Einwanderung der

slawischen Siedlungsgruppen leitete die bis dahin intensivste, anthropogene Prägung der

Vegetationsdecke ein.

4


Die slawische Landnahme ist eine entscheidende Phase in der Herausbildung der rügener

Kulturlandschaft. Der Wald wurde nach LANGE ET AL. (1986) innerhalb von fünf

Jahrhunderten auf die Hälfte seines ursprünglichen Areals zurückgedrängt. Archäologische

Siedlungsnachweise belegen die Ausweitung der Siedlungsareale in bisher unbewohnte

Waldgebiete ebenso wie der Verlauf von Gehölz- und Siedlungsanzeigerkurven in den

Pollendiagrammen. In den verbliebenden Wäldern kommt es zur Massenausbildung der

Buche. Aufgrund der erfolgten Entwaldungen im 10.-12. Jh. ist die Vernässung von

Geländesenken und die starke Zunahme der Torfbildungsraten in allen Moortypen zu

beobachten. Siedlungsland mit Ruderalfluren, Äcker, Brachen, Weiden und Restgehölze

ersetzen die ehemals ausgedehnten Wälder. Gegenüber früheren Siedlungsperioden weiteten

sich in der Slawenzeit die Kulturlandschaften aus und zeichnen sich in Pollendiagrammen mit

ausgeprägten Gipfeln der Kurven von Getreide, Plantago, Rumex, Artemisia, Chenopodiaceae

und Poaceae deutlich ab (LANGE ET AL. 1986, vgl. JACOMET & KREUZ 1999).

Während des Mittelalters erfolgte die Herausbildung der heute als natürlich betrachteten

Vegetation, der historischen Ersatzvegetation, der historischen Wald-Feld-Verteilung und des

historischen Siedlungsbildes (LANGE ET AL. 1986). Unter dem Einfluss der Christianisierung

(Bau von Backsteinkirchen) setzte sich die Landnutzung in kleinbäuerlichen Strukturen bis

1600 fort. Das Siedlungsbild war durch Einzelhöfe und Weiler bestimmt. Ende des 16. Jh.

kam es zu sozio-ökonomischen Veränderungen, die zur Verdrängung des Bauerstandes und in

der Folge zu einer tiefgreifenden Umgestaltung des Siedlungs- und Landschaftsbildes führten.

Die Konjunkturlage landwirtschaftlicher Produkte begünstigte die Entstehung von

Gutswirtschaften. Das von den Adligen auf Zeit verpachtete Land wurde annektiert und zum

Eigenland des Ritters geschlagen, brachliegendes Land in Kultur und die Allmende in Besitz

genommen. Es entstanden die ersten Rittergüter mit größeren burgähnlichen Gutshäusern, die

in der Folgezeit das Bild der rügenschen Agrarlandschaft prägen. Der Ackerbau wurde als 4-

5-gliedrige Felderwirtschaft betrieben. In den Wäldern herrschten Eichen und Buchen vor, die

als Mastbäume für Schweine genutzt wurden. Übermäßiger Holzeinschlag und Waldweide

hatten bereits zu diesem Zeitpunkt gebietsweise zu völliger Entwaldung und umfangreicher

Walddegradation geführt (LANGE ET AL. 1986, KALÄHNE 1954).

Ab 1830 erfolgten dann systematische Aufforstungen der brach gefallenen Hutungen, so dass

im Verlauf des 19. Jh. der Waldanteil wieder erhöht werden konnte. Zugleich wurde eine

geregelte Forstwirtschaft eingeführt. Beides führte zu einer Begünstigung von Nadelhölzern.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. kam es dann zu bewussten Landschaftsgestaltungen auf

Rügen. Von besonderer Bedeutung ist die großflächige Umgestaltung des Putbuser

Schlossparks zu einem Landschaftspark englischen Stils und der Bau einer klassizistischen

Stadtanlage in Putbus als Residenz- und Badeort durch Fürst Wilhelm Malte ab 1808

(THAßLER 2003, VOGEL 2003). Um 1900 entwickeln sich an den Ostküsten mehrere Badeorte

mit markanter Bäderarchitektur. Neben diesen bewusst nach ästhetischen Gesichtspunkten

gestalteten Landschaften werden ab Mitte des 19. Jh. Folgen der Industrialisierung auf Rügen

deutlich: Der Bau von Eisenbahnstrecken, die Etablierung eines zusammenhängenden

Straßennetzes, der Kies- und Kreideabbau auf Jasmund. Hiermit veränderte sich das Bild der

vorindustriellen gutherrschaftlich geprägten Kulturlandschaft erneut.

5


So wurde die Siedlungsstruktur nicht nur durch Einzelhöfe und Weiler, Gutshöfe mit

Herrenhäusern, Wirtschaftsgebäude und Einliegerkaten geprägt, sondern auch durch das

aufkommende Schienen- und Straßennetz und die Spuren zunehmend rationalisierter

Produktionsverfahren in der Forst- und Landwirtschaft.

Waldflächen wurden vermehrt in Ackerstandorte überführt und aufgrund verstärkter

Grünlandnutzung der Niederungsgebiete kam es zur Anlage von Entwässerungsgräben zur

Trockenlegung von Kleingewässern, Mooren und Brüchen. So wurden z.B. zwischen 1837­

1940 auf den Flächen der heutigen Gemeinde Putbus 86 % der Feuchtgebiete entwässert

(THASSLER 2003).

Im 20. Jahrhundert erfolgte dann eine weitere Umgestaltung der Insellandschaft. Die

Landwirtschaft wurde mit der Einführung maschineller Bodenbearbeitungs- und

Erntetechniken sowie synthetischer Pflanzenschutz- und Düngemittel weiter intensiviert. Es

entstanden die für den Norden und Westen Rügens typischen großschlägigen

Ackerbaulandschaften. Heute wird auf dem Großteil der landwirtschaftlichen Flächen Rügens

eine intensive exportorientierte Landwirtschaft betrieben. Auch die zumeist

privatwirtschaftliche Nutzung der Wälder bleibt fast ausschließlich auf die

Produktionsfunktion des Waldes beschränkt. Eine Ausnahme bilden lediglich die Flächen der

seit den 1990er Jahren eingerichteten Großschutzgebiete auf Jasmund und im Südosten der

Insel. Der weitere Ausbau des Straßennetzes und neue Anbindungen an Rügen (Rügenbrücke,

21. Jh.) verursachen den Verlust historischer Alleen. Die Ausweisung neuer Siedlungs- und

Industrieflächen, die Orientierung auf Tourismus mit dem damit verbundenen Neubau von

Hotels, Pensionen und Ferienhäusern gehen einher mit einem hohem Flächenverbrauch bei

gleichzeitigem Verfall innerörtlicher Kerne und alter Bauernhäuser. Verbliebene Gutshäuser,

Schlösser sowie weitere denkmalgeschützte Gebäude und Parkanlagen werden hingegen

oftmals von Privatleuten restauriert (z.B. Zürkvitz bei Wiek) oder deren Sanierung und

Instandhaltung wird mit öffentlichen Geldern unterstützt (vgl. GROß 2007).

Mit diesen Transformationen haben sich auch die Vegetationsstruktur und landschafts-

ökologische Qualitäten Rügens im 20. Jh. verändert. Der Kultureinfluss auf die Ökosysteme

ist deutlich ablesbar. So ist heute auf Rügen eine oligo- bzw- mesohemerobe Vegetation fast

ausschließlich auf Schutzgebiete beschränkt, das sind naturnahe Wälder (Vilm, Goor,

Jasmund), Reste von Mooren und mesotrophe Gewässer (Granitz/Schwarzer See). Meso- und

eu-hemerobe Vegetation findet sich stellenweise in Form artenreicher Ackerwildkrautfluren,

wo eine organische Landwirtschaft betrieben wird (Bisdamitz). Standörtlich differenziertes

Gras- und Grünlandland kommt reliktartig dort vor, wo z.B. Schafbeweidung im Rahmen der

Landschaftspflege organisiert ist (Biosphärenreservat Südost-Rügen). Der Großteil der

Vegetationsmosaike auf Rügen gehören jedoch dem Spektrum eu- und polyhemerober

Lebensräume an. Die Ackerfluren sind floristisch stark verarmt (West und Nordrügen).

Anstelle der Feucht- und Frischwiesen ist ein artenarmes Saatgrünland in den Niederungen zu

finden. Nitrophile Staudenfluren und Ruderalfluren stehen vor allem in industriell-urbanen

Bereichen und an Verkehrswegen (Stadt Bergen, Sassnitz). Die Gewässer haben hypertrophen

Charakter und weisen eine verarmte oder fehlende Makrophytenvegetation auf (Schmachter

See).

6


2. Zur aktuellen Wahrnehmung der Kulturlandschaften Rügens

Diesen Befunden zum Trotz ist auf der Insel auch heute noch eine sehr differenzierte und

mannigfaltige Kulturlandschaft zu finden. Die Landschaft weist die typische Dichotomie von

Stadt/Dorf und unbebauter Landschaft auf. Die Dorfstrukturen repräsentieren verschiedene

Architekturstile und -epochen: Das ländliche Bauen, exemplarisch repräsentiert durch das

Hallenhaus, dass später durch den Klassizismus in Putbus beeinflusst wurde, prägt bis heute

einige Dorfbilder (Nistelitz). Zum Teil kam es zur Herausbildung von rügentypischen

klassizistischen Bauernhäusern (ROCKEL 1999). Die klassizistischen Bauten, die mit der

Gründung und Umsetzung der fürstlichen Residenzstadt Putbus einen Schwerpunkt im

Kernland Rügens haben und überregional ausstrahlen, werden aktuell aufwändig restauriert

und sind Teil der baulichen Eigenart Rügens. Die Bäderarchitektur aus dem letzten Viertel

des 19. Jahrhunderts, die sich an den Badeorten der Oststrände etablierte, dient noch heute

vielen als Ferienunterkunft (KNAPP 1997). Zugleich ,,wuchern" jedoch auch neuzeitliche

Bauten mit Stahl, Beton und großen Glasflächen, sowie typische Einfamilienfertighäuser in

die offene Landschaft (Sellin-Baabe).

Manteldachhaus, gebaut bis Ende des 18 Jh.

Handwerkerhaus aus Putbus, erste Hälfte 19 Jh.

Bauernhaus

aus

Vilmnitz,

Mitte

des

19

Jh.

Abbildung 1:

Baustilentwicklung im 19. Jahrhundert auf Rügen (aus: ROCKEL 1999)

7



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