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Untertitel: Eine kontextuelle Analyse
Magisterarbeit, 2006, 108 Seiten
Autor: Thorben Flügger
Fach: Skandinavistik
Details
Tags: Henrik Ibsen, John Gabriel Borkman
Jahr: 2006
Seiten: 108
Note: 1,3
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-43885-3
ISBN (Buch): 978-3-640-43882-2
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Zusammenfassung / Abstract
Ibsens "John Gabriel Borkman" verschafft uns Einsichten in die Konzeption, unterschiedlichen Auffassungen, Probleme und Situation des Liberalismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Dem Niedergang des wertgebundenen Liberalismus, so wie Kant ihn noch ungefähr hundert Jahre zuvor formuliert hatte, steht der Aufstieg eines empirischen, materialistischen und individualisierten Liberalismus entgegen, der sich auf die liberalen Konzeptionen Lockes zurückführen lässt. Statt Kants ethischer Forderungen nach individueller Selbstverpflichtung, Verantwortung und selbstbeschränkter Freiheit entwickelt sich im 19. Jahrhundert eine Lockesche Auffassung des Liberalismus, die individuelles Glücksstreben, unbegrenzte Handlungsfreiheit, Konkurrenzkampf und Privateigentum in den Vordergrund stellt. Die Verbreitung dieser Ideologie begünstigt die enthemmte Entfaltung von Kapitalismus und Industrieller Revolution, zwei Phänomene, die auch in John Gabriel Borkman ihren Ausdruck finden. Das besondere am Drama besteht jedoch nicht im Verweis auf neue wirtschaftliche Grundvoraussetzungen. John Gabriel Borkman weist auf, wie die Ideologie des Kapitalismus von der Geschäftswelt auf die Privatsphäre übertragen wird und somit auch relevant für menschliche Beziehungen wird. Dennoch zeigt uns das Drama wie Lockes Nützlichkeitsideologie zum fatalen Irrglauben führt sobald ökonomische Maßstäbe auch als Kriterien für menschliches Zusammenleben definiert werden. John Gabriel Borkman ist somit nicht als direkte Kapitalismuskritik zu verstehen, sondern eher als Verweis auf die Konsequenzen aus einer falsch ausgelegten Umsetzung einer Idee von Liberalismus, der es nicht nur an der von Kant konzipierten moralischen Dimension mangelt, sondern ausschließlich maximales Gewinnstreben des Individuums in den Vordergrund stellt. Dabei werden die Mitmenschen nicht länger als Zweck an sich, sondern nur noch als Werkzeug zur persönlichen Machtergreifung betrachtet. Zum anderen erscheint John Gabriel Borkman als Debatte über die bürgerliche Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts und fragt, inwiefern die bürgerlichen Werte, z.B. Chancengleichheit, persönliche Handlungsfreiheit, Gemeinschaft und Gerechtigkeit, wie sie durch die Französische Revolution zum Ausdruck kamen, bereits realisiert waren. Im Hinblick auf die bürgerlichen Geschlechterverhältnisse geht das Drama auf den theoretischen Widerspruch zwischen Patriarchat und liberaler Gesellschaft ein.
Textauszug (computergeneriert)
Liberalismus, Bürgertum und Geschlechterverhältnisse in Henrik Ibsens
John Gabriel Borkman
. Eine kontextuelle Analyse
Wissenschaftliche Hausarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
eines Magister Artium
der Universität Hamburg
vorgelegt von
Thorben Flügger
Hamburg 2006
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkungen 5
1.1 Einleitung 5
1.2 Forschungsstand 6
1.3 Problemstellung 11
2 Theoretischer
Rahmen 16
2.1
Das Verhältnis von Liberalismus, Bürgertum und
Geschlechterverhältnissen 16
2.2 Liberale
Konzeptionen
bei
John Locke und Immanuel Kant 17
2.2.1 Kant und das Verhältnis zwischen Freiheit
und
Verantwortung 21
2.2.2 Lockes und Kants Bedeutung für den Liberalismus 24
2.3 Liberalismus 25
2.3.1 Die Prinzipien des Liberalismus 25
2.4 Folgeerscheinungen:
Die
Industrielle Revolution 26
2.4.1 Die Bedeutung des Bank- und Finanzwesens 27
2.4.2 Liberalismus und industrielle Entwicklung in
Norwegen 28
2.5 Die
soziale
Bedeutung
des Liberalismus 32
2.5.1 Die Rolle des Bürgertums im 19. Jahrhundert 32
2.5.2
Bürgerliche
Geschlechterverhältnisse 33
2.5.3 Öffentliche und private Sphäre 34
2
3 Methode 35
4 Analyse 37
4.1
Liberales Gedankengut und liberalstaatliche Zustände in
John Gabriel Borkman
37
4.1.1 Das Scheitern des Kantischen Liberalismus 38
4.1.2 Der Aufstieg des empirischen Liberalismus 45
4.1.3
Liberalstaatliche
Zustände 49
4.1.4 Das Dilemma des Liberalismus 53
4.1.5 Die internationale Bedeutung Englands 55
4.2
John Gabriel Borkman
im bürgerlichen Kontext des
19. Jahrhunderts 57
4.2.1
Das
Bürgertum 57
4.2.2
Bürgerliche
Wertvorstellungen 59
4.2.3 Bürgerliche Ideologie 65
4.3. Geschlechterverhältnisse in
John Gabriel Borkman
77
4.3.1 Das Verhältnis von Patriarchat und Liberalismus 81
4.3.2
Alternative
Konzepte der Selbstverwirklichung
und des Geschlechterverhältnisses 85
4.3.3 Die Bewertung der Geschlechterverhältnisse
im klassischen Liberalismus 87
4.3.4 Einflüsse öffentlicher Strukturen auf
bürgerliche
Geschlechterverhältnisse 91
4.4
Ausblick: Das Versagen des Liberalismus 94
5 Fazit 97
3
6
Verwendete Literatur 101
6.1
Primärliteratur 101
6.2
Hilfsmittel 101
6.3
Sekundärliteratur 101
6.4 Internetangaben 107
4
1 Vorbemerkungen
1.1 Einleitung
Warum zählt Henrik Ibsens
John Gabriel Borkman
zu den weniger populären
Dramen seiner Verfasserschaft - nicht nur unter den Literaturwissenschaftlern? Der
Blick auf das weltweite Theaterprogramm 2006 zeigt eine Fülle von Dramen Ibsens
in seinem 100. Todesjahr. Während allseits bekannte Stücke wie
Nora
,
Hedda
Gabler
oder
Per Gynt
in unüberschaubarer Anzahl an verschiedensten Orten der
Welt aufgeführt werden, ist
John Gabriel Borkman
dagegen nur an zwei Theatern,
in Polen und Schweden, auf der Bühne vertreten.1 Das Hauptargument für die oft
abwertende Beurteilung des Dramas ist die durchgängige Negativität, die sich in
auswegloser Verzweifelung und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringt.2
Ist es wirklich wahr, dass uns
John Gabriel Borkman
, das vorletzte Drama
Ibsens, keine neuen Aspekte seiner Verfasserschaft mehr anbieten kann? Tatsache
ist: Edvard Munch, der wohl berühmteste norwegische Maler aller Zeiten, mochte
dieses Drama offensichtlich. Munch bezeichnete den Schauplatz des Dramas als die
gewaltigste Winterlandschaft in der skandinavischen Kunst3 und gestaltete ein
Theaterplakat für die Aufführung in Paris. Die dunkle Winterlandschaft in
John
Gabriel Borkman
wird in Munchs Gemälde ,,Stjernenatt" wiederaufgenommen.4
Doch was hat uns das Drama, neben einem eindrucksvollen szenischen Hintergrund,
noch zu bieten? Ein grober Blick auf die Forschungsliteratur macht schnell deutlich,
dass die Rezeption des Dramas von unterschiedlicher Natur ist. Zum einen spielt
eine Sichtweise unter der Berücksichtigung der Philosophie Nietzsches eine Rolle,
welche in
John Gabriel Borkman
eine Ironisierung erfährt. Andere Interpretationen
stellen mythologische Zusammenhänge her. Auch eine vergleichende Sichtweise,
die
John Gabriel Borkman
im Verhältnis zu den Dramen Shakespeares oder
Goethes sieht, insbesondere
King Lear
und
Faust
, spielt in den Analysen des
Dramas eine Rolle. Die Bezugnahme zum gesellschaftlichen Zusammenhang ist ein
weiterer, wichtiger Bestandteil der Rezeption, die auch für meine Analyse relevant
sein wird. Dennoch sind die gesellschaftlich motivierten Analysen zu allgemein und
1 http://www.ibsen.net
2 Northam 1994, S.132
3 Kennedy 1978, S. 47
4 http://www.ibsen.net
5
vielschichtig, um diese in einer einzigen Analyse zu verarbeiten. Sie bedürfen
deswegen einer Eingrenzung. Meine thematische Auswahl beschränkt sich
deswegen auf einige Beispiele von Analysen mit gesellschaftskritischen Inhalten,
die sich in drei verschiedene Dimensionen einteilen lassen. Diese befassen sich zum
einen mit der sozialen Rolle des Liberalismus, dem Verhältnis des Dramas zum
Bürgertum, sowie dem bürgerlichen Geschlechterverhältnis.
1.2 Forschungsstand
In seiner Biographie über Henrik Ibsen stellt Robert Ferguson
John Gabriel
Borkman
als künstlerischen Verbrecher dar, der seine Berufung über das Gesetz
stellt. Borkmans Verbrechen, der Liebesverrat, wird mit seinem fundamentalen
Anspruch auf Freiheit begründet, die nötig ist, um seine höhere Berufung
auszuführen. Zentral ist hier das Verhältnis des Mannes zur Frau, welche in diesem
Drama vom männlichen Protagonisten, John Gabriel, als beliebig austauschbar
definiert wird.5
Eine soziologische Sichtweise des Dramas kommt bei David Thomas zum
Ausdruck, der
John Gabriel Borkman
als Ibsens finale Abrechnung mit den
zerstörerischen Werten und Vorstellungen der zeitgenössischen bürgerlichen
Gesellschaft sieht, ein Werk in der Tradition, die Ibsen mit
Ein Puppenhaus
begann
und hier zum Ende kommt.6 Gunhild erscheint als eine archetypische Puppen-Frau,
gefangen in den Wertstrukturen des Puppenhauses, sowie sie sich für eine Heirat
entschied, um sich Ruhm und Wohlstand zu erfüllen. Das Drama dreht sich also um
die sozialen Konventionen des 19. Jahrhundert, welche die Frau immer noch
beschränken oder gar einsperren. Auf der anderen Seite steht, ebenfalls gemäss der
Konventionen, Borkman, der harte, materialistische Patriarch, der Frauen lediglich
als einen beliebig austauschbaren Besitz ansieht. Sein Schicksal liegt nun darin,
dass er unfähig bleibt, dieses Denkmuster abzulegen. Der Protagonist bleibt ein
Gefangener seiner materiellen Träume, weil er nicht willig ist, sein Verhalten, was
in der Opferung seiner Liebe zugunsten seiner egoistischen Ambitionen resultierte,
zu überdenken. So bleibt auch
John Gabriel Borkman
ein Opfer der
5 Ferguson 1998, S. 510-511
6 Thomas 1983, S. 93-94
6
zeitgenössischen Normen.7 Einzig Fanny Wilton entscheidet sich für ihren eigenen,
individuellen Lebensstil, erntet dafür aber Missbilligung der sie umgebenen
Gesellschaft. Ganz egal, wie die Frau sich entscheidet, auch die Entscheidung für
die Liebe, wie im Falle Ella Rentheims, scheint keine Alternative zu sein. Denn die
Liebe, die sie vergibt, wird vom Mann nicht erwidert, im Gegenteil, sie wird
verkauft. Folglich sieht David Thomas das Motiv der Frau als benachteiligte
Gruppe in einer repressiven, patriarchalischen Welt im späten 19. Jahrhundert als
ausschlaggebend.8
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Erich Holm in seinen Studien zu den letzen vier
Dramen Ibsens. Er sieht in Borkmans drastischen Selbstrechtfertigungen das
Gesicht des Bürgertums in Form des modernen Wirtschaftsbetriebs. Borkmans
Reden zur Verteidigung seiner selbst sind gleichsam die Verteidigung eines
herrschenden Systems, das hier alle damals gegen sie erhobenen Anschuldigungen
von sich weist. Borkman bringt die zeitgenössische Bourgeoisie zum Ausdruck, die
sich keiner Schuld bewusst ist, die sich nicht als Ausbeuter sieht, sondern als Kaste,
die Großes gewollt hat und dafür ihre Opfer bringen muss.9 Sieht man Borkman nun
als Repräsentant eines führenden Wirtschaftssystems, welches für sich in Anspruch
nimmt, der Wohltäter und Erlöser der Menschheit zu sein, so sieht Holm den
selbsternannten Heilsbringer als das Gegenteil, als Doppelmörder. Borkmanns
Verkauf seiner Liebe resultiert in dem Seelenmord an seiner ehemaligen Geliebten
Ella Rentheim und an sich selbst. Die Bourgeoisie als Mörder, nicht als Wohltäter,
so lautet die Bewertung Holms Studie.10
Alfred Markowitz nimmt in seiner Bewertung des Verhältnisses zwischen
Beweggrund und Triebfeder kritischen Bezug zu den Wertvorstellungen des
Liberalismus. Beide Faktoren sind ausschlaggebend für die Motivation
menschlicher Handlungen. So wird auch Borkmans Tun betrachtet. Zwar ist der
Beweggrund Borkmans Menschenglück zu schaffen, doch die Motivation ist nicht
Menschenliebe, sondern seine Begierde nach Macht.11 Borkman scheitert also, weil
er bei seinem Versuch, Menschenglück zu schaffen, niemals die Schwelle zum
7 ebd., S. 95-96
8 ebd, S. 97-98
9 Holm 1906, S. 59
10 ebd. S. 60
11Markowitz 1913, S. 363
7
dritten Reich12 überschreiten wird, wenn er nicht aus reiner Menschenliebe
handelt.13 Zur Schaffung des Wohls der gesamten Menschheit reicht es folglich
nicht, den vom Liberalismus geforderten, auf materielle Güter gerichteten Egoismus
zu überwinden, es muss gleichzeitig auch der egoistische Wille zur Macht
überwunden werden, der einzig durch Menschenliebe ersetzt werden kann.
Markowitz sieht den Verlauf des Dramas als eine Debatte über ethische
Werteprobleme, wobei klar wird, dass der Beweggrund einer Handlung, einer
Vorstellung, niemals sittlich bewertet werden kann, sondern das Gefühl, das zur
Triebfeder wird: Borkmans egoistische Machtgier.14
Die Bedeutung der öffentlichen Sphäre in
John Gabriel Borkman
kommt besonders
bei John Northam zum Vorschein, der besonders die Schlussszene im vierten Akt
als Beleg für seine These sieht. Hier steht der Bankier Borkman an einer Parkbank
auf einer Anhöhe, einem Symbol der Öffentlichkeit, und schaut auf Christiania
herab, die sich durch ihre Schiffe, Fabriken und Schornsteine als Stadt im
industriellen Wandel manifestiert. Auch die Tatsache, dass Borkman ein Bankier
ist, bzw. war, ist für Northam kein Zufall, sondert passt exakt zu der Situation der
damaligen Zeit. Borkmans Problem als Bankier ist das Problem so vieler
norwegischen Bankiers und Unternehmer des 19. Jahrhunderts, als das norwegische
Bankwesen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung nicht hinterherkam und mit
dem stetig steigenden Wunsch nach Krediten zwecks Re-Investierung überfordert
wurde.15
Die Abweichung
John Gabriel Borkmans
von einem traditionellen, transparenten
Problemdrama mit einer klaren Fragestellung ist der Ausgangspunkt, den Frode
Helland in seiner Analyse des Dramas nimmt. Zwar sind Themen wie
Kapitalismuskritik, Machtverhältnisse und Liebesmissbrauch in
John Gabriel
Borkman
durchaus erkennbar, allerdings stoßen diese Inhalte auch auf Probleme,
denn zum einen umfasst das Drama ausschließlich Personen, die vom
12 Gemeint ist hier die metaphysische Konzeption eines "dritten Reiches" oder eines ,,dritten
Zeitalters", in dem der Grundsatz ,,Freiheit unter Verantwortung" einen zentralen Wert für die
Lebensanschauung des Menschen darstellen sollte. Diese Idee wurde u. a. von den deutschen
Philosophen Friedrich Hegel und Gotthold Ephraim Lessing vermittelt (Berg Eriksen, Sørensen
2002: 242)
13 Markowitz 1913, S. 365
14 ebd, S. 366-367
15 Northam 1994, S. 137-138
8
ökonomischen Leben ausgeschlossen sind, zum anderen besitzen die Charaktere
keine Macht mehr, und auch der Liebesverrat stößt auf das Problem, dass es
ungeklärt bleibt, welche Art der Liebe im Drama eigentlich gemeint ist.16 Deshalb
ist
John Gabriel Borkman
nicht als ein Drama über Machtverhältnisse, sondern als
Drama über Machtprobleme zu verstehen. In diesem Sinne sind die
Dreiecksverhältnisse zwischen Borkman, Gunhild und Ella, sowie Erhart, Gunhild
und Ella zu verstehen. Der Machtkampf Gunhilds und Ellas um Borkman findet
seine Fortsetzung im Kampf um Erhart. Außerdem spielt das Verhältnis von
ökonomischer Macht über die Menschen eine Rolle für das Verständnis des
Dramas. Ein anderer Aspekt betrifft das Verhältnis zwischen Mittel und Zweck,
denn Gunhild und Ella benutzen Erhart nur als Werkzeug zur Verwirklichung ihrer
eigenen Pläne.17
Schließlich kommt die Beziehung zwischen dem Privaten und Öffentlichen,
bzw. dem Inneren und Äußeren zur Sprache, das von Borkman missverstanden
wird. In seinen Unternehmungen verhält er sich, als ob die öffentlichen, finanziellen
Mittel der Bank sein Privateigentum wären. Dieser Hang zur Privatisierung kommt
nicht nur bei Borkman, sondern auch bei Ella und Gunhild, sowie bei der jüngeren
Generation zum Ausdruck. Gunhild und Ella repräsentieren mit ihrem unbedingten
Willen, nur ihre persönlichen Belange zu verfolgen, eine Tendenz, die sich in
Erharts Einstellung zum Leben nahtlos fortsetzt.18
Die Relation zwischen Innerem und Äußerem kommt außerdem durch
Borkmans Selbstinszenierungen zum Ausdruck, der z.B. durch das gelegentliche
Einnehmen einer napoleonischen Körperhaltung, die dann demonstriert wird, sobald
Borkman Besuch aus der Öffentlichkeit erwartet. Beide Sphären stehen somit unter
verschiedenen Vorzeichen. Mit anderen Worten ausgedrückt bekommt die
Privatperson in der Öffentlichkeit eine Maske aufgesetzt.19
Sandra Saari geht auf die Frage ein, warum
John Gabriel Borkman
nicht in erster
Linie ein Drama sein kann, in dem zwei Frauen, Ella Rentheim und Gunhild
Borkman, die Hauptrolle spielen. Aufgrund ihres ausführlich ausgebreiteten
Konfliktes könnte man annehmen, dass die beiden Zwillingsschwestern das
16 Helland 2000, S. 294
17 ebd, S. 300-301
18 ebd, S. 302 - 302
19 ebd, S. 311
9
wesentlichste Element des Dramas ausmachen. Dennoch ist
John Gabriel Borkman
ganz und gar Borkmans Drama, denn die beiden Schwestern definieren sich über
Borkman und sehen ihn als das Zentrum ihres Lebens.20
John Gabriel Borkman
ist
eine Diskussion über Geschlechterdefinitionen im ausgehenden 19. Jahrhundert.
Borkman als dem Patriarchen, einem Napoleon des Geschäfts und der Industrie,
steht das Konzept der idealen Frau, verkörpert durch Ella und Gunhild, gegenüber.
Beide Frauen stellen unterschiedliche Aspekte dieses Ideals dar. Ella ist die sich
selbst aufopfernde Seite der Frau, Gunhild die Mutter und Wächterin der
Familienehre. Der Ausgang des Dramas gibt nun eine deutliche Bewertung dieses
Konzeptes, denn das Leben der beiden Frauen bleibt unerfüllt.21 Selbst eine Ehe, der
fundamentale Eckstein der Gesellschaft und das erstrebenswerteste Ziel einer
idealen Frau, kann Gunhild nicht vor der Frustration und Ausweglosigkeit
bewahren. Was ist dann überhaupt der Wert einer konventionellen Ehe? Es scheint,
als ob Beständigkeit, der Wert, an dem eine Ehe gemessen wurde, die Menschen
erstarren lässt und die festgefahrenen Existenzen als bloße Platzhalter in einer Ehe,
ein reines soziales Konstrukt, definiert.22
Daniel Haakonsens ausführliche Analyse über
John Gabriel Borkman
ist geprägt
von zwei Kernpunkten. Zum einen erhält das Verhältnis zwischen Mann und Frau
Gewicht, zum anderen die Betrachtung der Schulddebatte, die sich durch
John
Gabriel Borkman
zieht. Haakonsen bezeichnet Borkmans Verkauf seiner Liebe als
die große, unentschuldbare Sünde, denn die Art, wie Borkman seine Geliebte Ella
verriet, ist, egal welche Umstände vorherrschend waren, unmenschlich23. Doch trotz
Borkmans Existenzialschuld, trotz seines Bankrotts, seiner Inhaftierung und
mehrjährigen, teilweise selbstgewählten Isolation, besitzt Borkman fortwährend
eine merkwürdig starke Position.24 Auch wenn seine Frau Gunhild und seine
ehemalige Geliebte Ella längst verstanden haben, dass Borkman nicht der
Ausnahmemensch ist, der er glaubt zu sein, trotz ihrer tiefen Enttäuschung über
Borkman und der vielen Vorwürfe gegen ihn bleiben beide von ihm dominiert.
Keine der beiden Frauen schafft es, sich von Borkman loszureißen, beide ziehen es
vor, ihr Leben an einen größenwahnsinnigen, machtlosen und gescheiterten
20 Saari 1994, S. 163
21 ebd., S. 164-165
22 ebd, S. 174-175
23 Haakonsen 1994, S. 211
24 ebd, S. 226
10
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