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Untertitel: Joachim Heinrich Campe
Essay, 2008, 7 Seiten
Autor: Marlen Berg
Fach: Pädagogik - Päd. Psychologie
Details
Institution/Hochschule: Universität Potsdam (Institut für Erziehungswissenschaft)
Jahr: 2008
Seiten: 7
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-45253-8
ISBN (Buch): 978-3-640-45279-8
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Zusammenfassung / Abstract
Die Frage nach der Bedeutung des Geschlechts für Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozesse wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder gestellt und löste zahlreiche Diskussionen über mögliche Umgänge aus. Gegenwärtige Debatten über vorherrschende Geschlechterbilder kommen nicht umher einen Blick auf die Geschichte zu werfen und sich einige der so genannten „Klassiker“ zu betrachten, da sich anhand jener Ideen und Konzepte erkennen lässt, wie stark die vergangenen Jahrhunderte unser binäres und imaginiertes Denken (bezüglich Geschlecht) beeinflusst haben. Ich möchte im Folgenden das Thema Frauenbildung problematisieren und werde diesbezüglich das Werk „Väterlicher Rath“ von Joachim Heinrich Campe in den Betrachtungsmittelpunkt stellen. Das Buch von 1788 zählt zu seinen populärsten, wobei es zuerst persönlich motiviert und seiner damals 14jährigen Tochter Charlotte gewidmet war. Dennoch kann der „Väterliche Rath“ als eine bedeutsame Schrift zur Frauen- und Mädchenbildung bezeichnet werden, denn Campe „repräsentiert die zeitgenössische Vorstellung von weiblicher Erziehung und Bildung“. Bereits in diesem Zitat wird ersichtlich, dass Campe einen Unterschied zwischen den Geschlechtern vertritt und in diesem Sinne differenzierte Konzepte für Männer und Frauen entwirft.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Potsdam, Humanwissenschaftliche Fakultät
Institut für Erziehungswissenschaft
S ,,Geschlecht als pädagogische Kategorie"
WS 07/08
Marlen Berg
Magister: EW(7), Germanistik (6)
Auferzwungene Weiblichkeit
Die Frage nach der Bedeutung des Geschlechts für Erziehungs-, Bildungs- und
Sozialisationsprozesse wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder gestellt und löste
zahlreiche Diskussionen über mögliche Umgänge aus. Gegenwärtige Debatten über
vorherrschende Geschlechterbilder kommen nicht umher einen Blick auf die Geschichte zu
werfen und sich einige der so genannten ,,Klassiker" zu betrachten, da sich anhand jener Ideen
und Konzepte erkennen lässt, wie stark die vergangenen Jahrhunderte unser binäres und
imaginiertes Denken (bezüglich Geschlecht) beeinflusst haben.
Ich möchte im Folgenden das Thema Frauenbildung problematisieren und werde
diesbezüglich das Werk ,,Väterlicher Rath" von Joachim Heinrich Campe in den
Betrachtungsmittelpunkt stellen. Das Buch von 1788 zählt zu seinen populärsten, wobei es
zuerst persönlich motiviert und seiner damals 14jährigen Tochter Charlotte gewidmet war.
Dennoch kann der ,,Väterliche Rath" als eine bedeutsame Schrift zur Frauen- und
Mädchenbildung bezeichnet werden, denn Campe ,,repräsentiert die zeitgenössische
Vorstellung von weiblicher Erziehung und Bildung".1 Bereits in diesem Zitat wird ersichtlich,
dass Campe einen Unterschied zwischen den Geschlechtern vertritt und in diesem Sinne
differenzierte Konzepte für Männer und Frauen entwirft.2
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Gesellschaft und es formte sich das neue
Bürgertum heraus, dessen Selbstverständnis auf der Teilnahme an Bildung beruht. Aufgrund
dessen mussten Fragen zu Bildungsprozessen geklärt werden und die Notwendigkeit einer
Allgemeinbildung wurde thematisiert. Wo positioniert Campe hierbei die Frau und welches
Bild entwirft er von Ihr?
1 Kersting, Christa: Prospekt fürs Eheleben. Joachim Heinrich Campe: Väterlicher Rath für meine Tochter. In:
Schmidt- Linsenhoff, Viktoria (Hrsg.): Sklavin oder Bürgerin? Französische Revolution und neue Weiblichkeit
1760-1830. Marburg. 1989. S. 373-390. S. 373.
2 Sein Konzept für die männliche Jugend schrieb er 5 Jahre vorher im ,,Theophron" nieder, welches dem
Lebenskonzept der weiblichen Jugend komplett widerspricht.
,,Das erste und Nötigste, was ich dir, wenn du selbst nicht schon längst bemerkt haben solltest,
zu melden habe ist: daß das Geschlecht, wozu du gehörst, nach unser dermaligen
Weltverfassung, in einem Zustande der Abhängigkeit und der Unterdrückung lebt und,
solange jene Weltverfassung die nämliche bleibt, notwendig leben muß."3
Bereits in der Vorrede seines Werkes verweist Campe auf eine geschlechtsspezifische
Ordnung, die gesellschaftlich bestimmt und notwendig ist. Hierbei wird dem Mann die
führende Position zugeschrieben. Campe appelliert als wissender Vater an seine Tochter ihm
und seinem Buch zu vertrauen und seinen Belehrungen zu folgen.
Obwohl es sich um Ratschläge für das Leben einer Frau und deren Bildung handelt, ist
auffällig, dass die Diskussion diesbezüglich stets von Männern (z.B. Campe, Rousseau,
Humboldt) geführt wurde, so dass man die Vermutung äußern könnte, dass das vermittelte
Frauenbild von rein männlichen Interessen geprägt ist. Betrachtet man sich die verschiedenen
Bereiche, die Campe den verschiedenen Geschlechtern zuschreibt und die dargestellten
Geschlechtscharaktere lässt sich die Vermutung des männlich-bestimmten Leitbildes
bestätigen. Er unterscheidet zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich, wobei der
letztere der Frau zugeordnet wird und einer niedrigeren Geringschätzung unterliegt.
An dieser Stellte sollte erwähnt werden, dass sich Campes Modell allein auf die bürgerlichen,
verheirateten Frauen beziehen. Unverheiratete Frauen spielen für ihn keine Rolle und er
thematisiert auch nicht die Frage, was mit ihnen geschehen soll. Im Prinzip könnte man
sagen, dass ehelose Frauen ,,nicht existieren", da die Ehe eine gewisse Vorraussetzung oder
sogar Norm ist.
Die Bestimmung der Frau bzw. von Weiblichkeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts kann man
nach Schmid wie folgt beschreiben:
,,Der bürgerlichen Definition von Weiblichkeit zufolge,
finden sie [bürgerliche Frauen] ihre Erfüllung in der Familiensphäre, und nur da."4
Hierbei
wird ersichtlich, dass die Frau in dem privaten, häuslichen Bereich zu agieren hat und dort
ihre Bestimmung liegt. In diesem Zusammenhang soll auf die (lebenslange) Unterordnung der
Frau und ihrer Tätigkeit unter den Mann (Vater, Ehemann) verwiesen werden. Somit ist das
Handeln der Frau nicht an der eigenen Person orientiert, sondern an dem Wohle und dem
Nutzen für Andere (Ehemann und Kinder).
,,Es ist also der übereinstimmende Wille der Natur und der menschlichen Gesellschaft, daß der
Mann des Weibes Beschützer und Oberhaupt, das Weib hingegen die sich ihm
3 Campe, Joachim Heinrich: Väterlicher Rath für meine Tochter.bVorbericht / Vorwort. Wiederabgedruckt in:
Lange, Sigrid (Hrsg.): Ob die Weiber Menschen sind. Geschlechterdebatten um 1800. Leipzig. 1992. S. 24-37.
S. 26.
4 Schmid, Pia: Das Allgemeine, die Bildung und das Weib- Zur verborgenen Konzipierung von
Allgemeinbildung als allgemeiner Bildung für Männer. In: Tenorth, Heinz-Elmar (Hrsg.): Allgemeine Bildung:
Analysen zu ihrer Wirklichkeit, Versuche über ihre Zukunft. Weinheim, München. 1986. S. 202-214. S. 212.
2
anschmiegende, sich an ihm haltende und stützende treue, dankbare und folgsame Gefährtin
und Gehilfin seines Lebens sein soll."5
Kersting, als auch Schmid entdecken bei Campe ein 3 Aufgaben-Modell, welches er der
bürgerlichen Frau auferlegt: Gattin, Mutter, Hausfrau.6 Einerseits könnte man dies als
Leistung Campes sehen, denn er spricht den Frauen einen eigenständigen Bereich zu und
nimmt ihre dortige Arbeit als produktiven Beruf wahr. Auf der anderen Seite ist dieser
Tätigkeitsbereich sehr eingeschränkt und von der Wertigkeit nicht mit der Position der
Männer vergleichbar. Bezogen auf diese Aufgaben entwickelt er in mehreren Kapiteln eine
Art Tugenden- und Regelkatalog, in dem er notwendige Kenntnisse, das ,,Wesen" der Frau
und Warnungen bzw. Verbote anführt. Hierbei werden Charakterzüge wie Sanftmut,
Frömmigkeit, Freundlichkeit und Ordnungsliebe genannt, die notwendig sind, um das
Eheleben und den ,,weiblichen" Alltag zu meistern. Weibliche, individuelle Interessen werden
dieser ,,weiblichen Bestimmung" untergeordnet. Gegenwärtig lassen sich zahlreiche Beispiele
und Klischees anführen, die auf dieses Modell zurückgreifen bzw. es bejahen. So wird
beispielsweise die Kindererziehung und die Haushaltsführung (Kochen, Waschen ...) immer
noch als frauentypisch bewertet.
Bezogen auf das Thema der Mädchen- und Frauenbildung kann man Campe vorwerfen, dass
er eigentlich gar kein Bildungsprogramm für die Frau entwickelt, sondern eine
Wesenswerdung beschreibt, sprich die Sozialisation der Frau. Hierbei zeigen sich erneut die
geschlechtsspezifischen Vorstellungen. Der Alltag der Mädchen und Frauen findet seiner
Meinung nach im Haus statt und innerhalb dieser Umgebung sollten die Frauen / Mädchen
auch lernen (erfahrungsorientiert). Schmid fasst dies wie folgt zusammen und zeigt die
differenten Anforderungen an die Geschlechter:
,,Die Nützlichkeit der Ausbildungen realisiert sich im Selbstverständnis der Zeit also
geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Bürgerliche Männer brauchen ein bestimmtes
Wissen
und das erwerben sie im außerhäuslichen Bereich. Bürgerliche Frauen brauen ein bestimmtes
Wesen
und das entfaltet sich im häuslichen Bereich durch Erfahrungslernen."7 ,,Wesen also
statt Wissen."8
Diese Differenzierung bedeutet zum einen, dass die Lebenswelten und Erfahrungsräume der
beiden Geschlechter unterschiedlich sind und der Mann durch den Zugang zum privaten
und
öffentlichen Bereich viel mehr Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten hat als die Frau.
Zum anderen bedeutet die Ausgrenzung der Frau eine eingeschränkte individuelle Bildung,
wobei es fraglich ist, ob man diesen Begriff überhaupt anführen sollte. Campe spricht in
5 Campe 1992. S. 27.
6 Vgl. hierzu Schmid 1986 beispielsweise S. 212, Kerstin 1989 S. 378.
7 Schmid 1986 S. 205.
8 Ebd. S. 213.
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