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Thesis (M.A.), 2005, 130 Pages
Author: M.A. Annekatrin Grundke
Subject: American Studies - Culture and Applied Geography
Details
Tags: USA, Präsidentenwahlen, Latinos, Latino-Faktor, George W. Bush
Year: 2005
Pages: 130
Grade: 1,8
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-44065-8
ISBN (Book): 978-3-640-44091-7
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Abstract
Vor einigen Jahren hat die hispanische Bevölkerung in den USA die Stellung der größten US-amerikanischen Minorität eingenommen - demographische Entwicklungen, die auch die politische Landschaft der Vereinigten Staaten tiefgreifend verändert haben. Forscher sprechen vom sogenannten „Latino-Faktor“, der erstmalig in der US-Präsidentenwahl des Jahres 2000 seinen Einfluss zeigte. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner gaben Rekordsummen für eine Latino-orientierte Wahlkampagne aus und warben mit überraschender Intensität um die Stimmen dieser Wählerschaft. Wie ist das enorme Wachstum der Hispanics in den USA in nur wenigen Jahren zu erklären? Wie unterschiedlich sind hispanische Untergruppen, wie z.B. Mexican und Cuban Americans, vor allem in Bezug auf politischer Wahlneigung und Einflussnahme? Wie reagiert die US-Politik auf die Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung? Die Autorin Annekatrin Grundke gibt einführend einen Überblick über die geschichtlichen Veränderungen der Immigration in die USA sowie aktuelle demographische Trends. Darauf aufbauend werden zwei der größten hispanischen Untergruppen, Mexican und Cuban Americans, als Beispiele ausgewählt. Grundlage der Untersuchung im Haupteil dieser Arbeit bildet die ausführliche Analyse der Position dieser Untergruppen anhand der republikanischen Wahlkampagne des Jahres 2000 unter Präsidentschaftskandidat George W. Bush. Ein kurzer abschließender Vergleich mit der US-Präsidentenwahl 2004 dient der Darstellung von Zukunftstendenzen im Hinblick auf die Entwicklung der politischen Einflussnahme der hispanischen Wählerschaft in den Vereinigten Staaten. Diese Arbeit aus dem Bereich der Amerikanistischen Kultur- und Länderstudien richtet sich nicht nur an Politik-, Lateinamerika- und Kulturwissenschaftler, sondern an alle kultur- und zeitgeschichtlich interessierten Leser.
Excerpt (computer-generated)
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung 1
2
Geschichte, Definitionen und aktuelle Trends: Einige
Vorbetrachtungen 3
2.1
"A Nation of Nations": Kurze Geschichte der Einwanderung 4
2.1.1
Ursprünge der Immigration in die Vereinigten Staaten 5
2.1.2
Die 1920er Jahre: Flucht aus Südosteuropa 7
2.1.3
Das Jahr 1965: Tiefgreifende Veränderungen 8
2.1.4
Das Jahr 2000: Aktuelle demographische Trends 9
2.1.5
Zukunftsperspektiven: Bedrohung oder Chance? 11
2.2
Hispanische Immigration in die USA: Ein Überblick 12
2.2.1
Herkunftsländer und bevorzugte Siedlungsregionen von Hispanics 13
2.2.2
Ausgewählte hispanische Einwanderergruppen im Blickpunkt 13
2.2.2.1 Mexican Americans 13
2.2.2.2 Puertoricaner 14
2.2.2.3 Cuban Americans 16
2.2.2.4 Zentral- und Südamerikaner 18
2.2.3
Zwischenfazit 21
2.3
Hispano, Latino, Chicano: Zur Begriffs- und Identitätsfrage 22
2.3.1
Hispanic America und Hispanic Americans 22
2.3.2
Latino 24
2.3.3
Chicano, Mexicano, Cubano und andere 25
2.3.4
Begriffliche Festlegungen für die folgenden Untersuchungen 26
2.3.5
"A Pan-ethnic Latino consciousness": Abgrenzung, Gemeinsamkeit und
Doppelidentitäten 27
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
3
Mexicanos, Cubanos und die politischen Parteien: Genauere
Betrachtungen 31
3.1
Mexican und Cuban Americans als Untersuchungsbeispiele 31
3.2
Mexican Americans: Die ambivalente Minderheit? 33
3.2.1
Demographische Fakten 33
3.2.2
Geschichte, Immigrationsmotivation und Assimilation 35
3.3.3
Bildung und sozioökonomischer Status 39
3.3.4
Parteienzugehörigkeit, Wählerregistrierung und Wahlbeteiligung 42
3.3
Cuban Americans: Eine amerikanische Erfolgsstory? 44
3.3.1
Demographische Fakten 44
3.3.2
Geschichte, Immigrationsmotivation und Assimilation 46
3.3.3
Bildung und sozioökonomischer Status 49
3.3.4
Wählerregistrierung, Wahlbeteiligung und Parteienzugehörigkeit 52
4
Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl 2000 (und 2004):
"Grabbing For Hispanic Votes"? 55
4.1
Der Latino-Faktor 55
4.1.1
Latinos in den USA: Eine Minderheit gewinnt an Macht? 56
4.1.2
Wahlergebnisse und Wahlverhalten der Latinos: Präsidentenwahl 2000 61
4.2
Der Kampf um die Latino-Stimmen: Die republikanische
Wahlkampagne 2000 65
4.2.1
Bush und "Compassionate Conservatism": Ideologische Grundlagen 67
4.2.2
Der Wahlkampf 2000: Ein politisches Programm für Latino-Wähler 69
4.2.2.1 Bildungspolitik und bilinguale Bildung 70
4.2.2.2 Affirmative Action 76
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
4.2.2.3 Einwanderungspolitik 80
4.2.3
Der Wahlkampf 2000: Strategien mit Wirkung auf Latinos? 83
4.2.3.1 Fernsehspots und öffentliche Auftritte: Image der Multikulturalität? 84
4.2.3.2 Bush und die spanische Sprache: "Un poco goes far?" 86
4.2.3.3 Bush und die hispanische Kultur: Familiäre Unterstützung 89
4.2.4
Zusammenfassung 91
4.3
Die US-Präsidentenwahl 2004: Einsichten und Aussichten 95
4.3.1
Vier Jahre danach: Eine Evaluation aus hispanischer Sicht 95
4.3.2
Der Latino-Faktor 2004: Prognosen und Ergebnisse 98
4.3.3
Zukunftsperspektiven 104
5
Resümee 107
Glossar 113
Bibliographie 117
Internetquellen 124
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildung
Titel
Seite
1
Migration von und nach Puerto Rico, 1950-1970 15
2
Kubanische Immigration in die Vereinigten Staaten,
1959-1980 17
3
Einwanderung aus Zentralamerika, 1961-1996 20
4
Mexikanisch-amerikanische Bevölkerung in
den USA im Jahr 2000 35
5
Bildungsstand von Hispanics und Nicht-Hispanics im
Vergleich, 1999 39
6
In Armut lebende Familien in den USA, 1996 40
7
Wahlbeteiligung in den USA: Hispanisch und
nicht-hispanisch im Vergleich, 1986-1998 43
8
Cuban Americans in den USA: Bevölkerungsverteilung
im Jahr 2000 45
9
Beschäftigungsverhältnisse von Kubanern in Kuba und
den USA im Vergleich, 1953-1963 50
Tabelle
Titel
Seite
1
Vergleich der US-Bevölkerung 1990/2000 9
2
Ergebnisse der US-Präsidentenwahl 2000 62
3
Ergebnisse der US-Präsidentenwahl 2000, Stimmen
nach Gruppenzugehörigkeit 62
4
Wahlbeteiligung bei registrierten US-Bürgern nach
Ethnizität, 2000 64
5
Wahlergebnisse der US-Präsidentenwahl 2004 und
Stimmenzuwachs für George W. Bush seit 2000 102
6
Anteil der hispanischen Wählerschaft an der
US-Wahlbevölkerung 109
7
Stimmen der Hispanics
für republikanische
Präsidentschaftskandidaten 110
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
Abkürzungsverzeichnis
ALAS
Association of Latin American Students
CASA
Central American Student Association
CIRCLE
Center for Information and Research on Civic Learning and Engagement
GOP
Grand Old Party
INS
Immigration and Naturalization Service
LASA
Latin American Students Association
LNPS
Latino National Political Survey
LULAC
League of United Latin American
NEP
National Exit Poll
MEChA
Movimiento Estudiantil Chicano de Aztlán
WASP
White Anglo-Saxon Protestant
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
1 Einleitung
"It feels good to be Latino around election time. Politicians make you feel like you are
really important to them. They go to your parties, eat your food, play your music and even
try to talk to you in your own language. They tell you how much they care about the
issues that affect you, and that they, and only they, can make things better for your
community."
(Salinas 2002)
Bereits seit mehreren Jahren beobachten Forscher, wie demographische Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten die politische Landschaft des Landes tiefgreifend und nachhaltig
verändern. Die stetige Einwanderung von Menschen aus lateinamerikanischen Ländern,
insbesondere aus Mexiko, ist ein Grund dafür, dass der zahlenmäßige Anteil der Latinos oder
Hispanics
in den USA in den vergangenen Jahren ständig gestiegen ist. Doch auch die
besonderen demographischen Charakteristiken der in den Vereinigten Staaten lebenden
hispanischen Bevölkerungsgruppen, die sich von der durchschnittlichen US-Bevölkerung
sowie von allen anderen Minderheitengruppen unterscheiden, haben zu dieser Entwicklung
beigetragen. Seit jeher galten die Afro-Amerikaner als die größte ethnische Minderheit der
Vereinigten Staaten und als solche mussten sie um soziale, ökonomische sowie politische
Anerkennung und Einflussnahme kämpfen. Etwa Ende der 1990er Jahre jedoch hat die
hispanische Minderheit die afro-amerikanische zahlenmäßig überrundet, wodurch die Latinos
die Stellung der größten US-amerikanischen Minorität eingenommen haben.
Diese Verschiebung der Bevölkerung wirkt sich zunehmend auf die politischen
Prozesse des Landes aus. War der Einfluss der hispanischen Wähler bei früheren
Präsidentenwahlen aufgrund sehr niedriger Wahlbeteiligung kaum von Bedeutung, so hat er
sich mit der Präsidentenwahl des Jahres 2000 erstmalig zu einem Faktor entwickelt, dem
Wahlforscher und Demoskopen große Beachtung geschenkt haben. Zum ersten Mal in der
Geschichte der US-Wahlen widmeten sich auch die großen Parteien mit besonderer
Aufmerksamkeit dem hispanischen Wählerblock. Wahlforscher hatten die Bedeutung dieser
Wähler für den Ausgang der Präsidentenwahlen, besonders in solchen Bundesstaaten mit
zahlenmäßig hohen Anteilen an hispanischer Bevölkerung, vorausgesagt. Sowohl die
Demokraten als auch die Republikaner gaben Rekordsummen für eine Latino-orientierte
Wahlkampagne aus und warben im Jahr 2000 mit überraschender Intensität um die Stimmen
dieser Wählerschaft. Wie ist das enorme Wachstum der hispanischen Bevölkerung in den
USA zu erklären? Welche Beweggründe veranlassen Menschen aus lateinamerikanischen
Ländern zur Emigration in den Norden? Bleiben nationale Eigenheiten beim Aufenthalt in
1
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
den USA bestehen und wenn ja, welche Auswirkung haben diese auf die politische
Mobilisierung der Latinos? Wie einheitlich handelt, denkt und fühlt die Gruppe der Latinos?
Wie wandeln sich wachsende Bevölkerungszahlen in politische Kraft? Welche typischen
Charakteristiken prägen den sozialen und ökonomischen Status der Latinos
und was macht
ihre Besonderheit im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen aus? Wie reagieren die
politischen Parteien auf sich verändernde demographische Prozesse ihres Landes? Wie
nehmen Parteien und besonders deren Anwärter auf eine Präsidentschaft in den USA die
hispanische Wählerschaft als zunehmenden Einflussfaktor wahr? Wie wichtig ist die
hispanische Stimme wirklich für den Ausgang von Präsidentenwahlen? Wie zeichnet sich die
zukünftige Entwicklung des ,,Latino-Faktors" in der politischen Landschaft der Vereinigten
Staaten ab? Ändern Latino-Wähler ihre Parteineigung zunehmend in die republikanische
Richtung oder ist der prozentuale Anstieg der Latino-Stimmen für die republikanische Partei
hauptsächlich der wachsenden Popularität des republikanischen Präsidentenkandidaten
George
W.
Bush,
insbesondere
bei
den
mexikanisch-amerikanischen
Wählern,
zuzuschreiben?
Ziel dieses Buches
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-
Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
ist die schrittweise Beantwortung dieser Fragen.
Anhand der US-Präsidentenwahl des Jahres 2000 wird die Position der hispanischen
Bevölkerung als zunehmend einflussreiche Wählerschaft analysiert. Die Grundlage bilden
dabei allgemeine geschichtliche und definitorische Vorbetrachtungen zur hispanischen
Minorität in den USA im Kapitel 2. Darauf aufbauend werden in Kapitel 3 zwei
Untergruppen der
Hispanics
als Untersuchungsbeispiele ausgewählt (
Mexican
und
Cuban
Americans
) und es wird zu diesen eine intensivere Analyse ihrer jeweiligen nationalen
Eigenheiten durchgeführt. Dabei geht es besonders um demographische Fakten,
Einwanderungsgeschichte und Immigrationsmotive, Bildungsstand und sozioökonomischen
Status sowie traditionelle Parteienzugehörigkeit, Wahlbeteiligung und Wählerregistrierung.
Im Hauptteil der Untersuchung, Teil vier, liegt besonderes Augenmerk auf der
republikanischen Wahlkampagne des Jahres 2000. Obwohl auch die demokratische Partei
eine Latino-Kampagne geführt hatte, konzentriert sich diese Arbeit auf die der
republikanischen Partei. Ein Diskussionsschwerpunkt ist hierbei die Frage, wie erfolgreich
der republikanische Präsidentschaftskandidat George W. Bush bei seinem Versuch,
hispanische Wähler für sich zu gewinnen, war und welche Strategien und Themen es waren,
die Beobachter der Wahl 2000 von einer republikanischen ,,Latino-Kampagne" sprechen
ließen. Ein kurzer abschließender Exkurs zur Präsidentenwahl 2004 dient der Beantwortung
2
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
der Frage, ob sich die ausführlich untersuchten Muster des Jahres 2000 in der darauffolgenden
Wahlperiode wiederholt haben und wenn ja, welche Zukunftstendenzen sich im Hinblick auf
die Entwicklung der politischen Einflussnahme der hispanischen Wählerschaft in den USA an
diesen zwei Wahlen ablesen lassen. Die Jahreszahl 2004 steht deshalb in Klammern, weil
dieser letzte Untersuchungsteil keinen Anspruch auf Ausführlichkeit hat. Er konzentriert sich
stattdessen auf die wichtigsten Aspekte der Wahl 2004 und dient hauptsächlich dem
Vergleich mit dem Hauptteil dieser Arbeit. Das Resümee im 5. Kapitel fasst die
durchgeführten Analysen und Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusammen und macht
abschließende Bemerkungen zum Thema.
Es bleibt zu erwähnen, dass alle männlichen Wortformen in der vorliegenden Arbeit
lediglich der Einfachheit halber und um die Übersichtlichkeit zu wahren einheitlich sowohl
für die männliche als auch für die weibliche Form verwendet werden.
2 Geschichte, Definitionen und aktuelle Trends: Einige Vorbetrachtungen
Als Hinführung zum Thema gibt dieses Kapitel wichtige geschichtliche Grundlagen. In einem
kurzen Exkurs werden die großen Entwicklungslinien der Immigration in die USA
nachgezeichnet (2.1), um besonders auf die Verschiebungen der Herkunftsländer Mitte des
20.
Jahrhunderts
als
Beginn
der
bis
heute
beständigen
Einwanderung
aus
lateinamerikanischen
Ländern
einzugehen.
Anschließend
folgt
eine
genauere
Auseinandersetzung mit den wichtigsten hispanischen Untergruppen (2.2). Auch mit der
Definition von Begriffen, die im Zusammenhang mit der hispanischen Bevölkerung in den
USA verwendet werden, beschäftigt sich dieser einführende Teil (2.3). Er gibt darüber hinaus
einen Einblick in die ambivalente Identitätsfrage der hispanischen nationalen Gruppen, deren
Gemeinsamkeiten und nationalen Eigenheiten sowie die sogenannten ,,Doppelidentitäten".
3
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
2.1 "A Nation of Nations": Eine kurze Geschichte der Einwanderung
,,Americans are not a narrow tribe, our blood is as the flood of the Amazon, made up of
a thousand noble currents all pouring into one."
(Herman Melville)1
Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist die Geschichte der Einwanderung in
dieses Land. Obwohl in den USA nur etwa fünf Prozent der gesamten Weltbevölkerung
leben, nimmt das Land ,,mehr als 50 Prozent aller internationalen Emigranten also der aus
einem in ein anderes Land Wandernden auf" (Lösche 1989: 17). Seit der Gründung der
Vereinigten Staaten haben Immigranten aus aller Welt dazu beigetragen, eines der
Hauptmerkmale der amerikanischen Nation zu begründen und zu festigen seine ethnische,
kulturelle sowie religiöse Vielfalt.
Immigranten machten die Vereinigten Staaten zu dem Phänomen, das sie heute sind.
Sie haben ,,das Amerika" geschaffen, dessen Mythos und typische Charakteristiken sich noch
immer der genauen Beschreibung und Definition der wissenschaftlichen sowie populären
Literatur entziehen. Einwanderer leisteten nicht nur ihren ganz persönlichen Beitrag zur
Geschichte des Landes. Sie haben unter enormen Anstrengungen und persönlichen
Entbehrungen auch zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen, welche den USA die
privilegierte Vormachtstellung sichert, die sie in der heutigen Weltordnung für sich
beanspruchen.
Im Folgenden wird einer Überblick über die Geschichte und die wichtigsten Etappen
der Einwanderung in die USA gegeben, ausgehend von der Gründung der Vereinigten Staaten
(2.1.1), der Veränderung der Strömungen in den 1920er Jahren (2.1.2) bis hin zum Jahr 1965
(2.1.3), dem Jahr wichtiger Änderungen der Einwanderungsgesetze, die zum Trend
gegenwärtiger (2.1.4) geführt haben. Es werden Voraussagen zur zukünftigen Einwanderung
in die USA (2.1.5) gemacht, die sich angesichts aktueller demographischer Entwicklungen
abzeichnen. Die folgenden Ausführungen dienen dabei als Grundlage zum besseren
Verständnis der Hauptthematik dieser Arbeit und beanspruchen keine Garantie auf
Vollständigkeit bzw. Ausführlichkeit.
1 Vgl. Chavez 2001: 1
4
"Grabbing for Hispanic Votes." - Der Latino-Faktor in der US-Präsidentenwahl von 2000 (und 2004)
2.1.1 Ursprünge der Immigration in die Vereinigten Staaten
Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the Golden Door!
(Emma Lazarus)2
Die
Statue of Liberty
, auch "Mother of Exiles" (Chavez 2001: 130) genannte Freiheitsstatue
auf
Ellies Island
in New York, ist die Ikone aller Einwanderer, die in vielen Jahren aus den
verschiedensten Ländern der Welt in die USA gekommen sind. Im Mythos der grenzenlosen
Freiheit in den Vereinigten Staaten hofften sie, dort ein neues Leben zu beginnen. Es sind die
Müden und Armen, die zusammengepferchten Massen, die Gescheiterten und Verzweifelten,
die Heimatlosen und Verfolgten, denen die Freiheitsstatue, Mutter der Exilsuchenden, die
,,goldene Tür" zu einem neuen Leben öffnen soll. So wird es in Emma Lazarus´ Gedicht
bildlich dargestellt, das seit dem Jahr 1903 die Inschrift auf der
Statue of Liberty
prägt. Doch
auch die Abenteurer, die Träumer, die Risikofreudigen zählen zu den Immigrantentypen.
Betrachtet man die amerikanische Geschichte, so zeigt sich, dass bisher insgesamt
mehr als 45 Millionen Menschen in die USA eingewandert und dort geblieben sind (vgl.
Lösche 1989: 18). Die Anfänge dieses Phänomens der ethnischen Vielfalt liegen in der
Geschichte der Einwanderung, Besiedlung und Kolonisation des Landes. So waren die
dreizehn Kolonien, die sich im Unabhängigkeitskrieg (1775-1781) von der britischen Krone
losgesagt und die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet hatten, ,,überwiegend von
Briten (61 Prozent Engländer, 17 Prozent Schotten und Iren) besiedelt worden, 99 Prozent
waren Protestanten" (Lösche 1989: 20). Am Anfang der Einwanderungsgeschichte in die
USA stand also eine mehr oder weniger starke ethnisch-religiöse Geschlossenheit, die der
sogenannten "White Anglo-Saxon Protestants" (WASP). Diese Bezeichnung wird heutzutage
eher mit einer weißen nativistischen, Anti-Immigrationsströmung in Verbindung gebracht
(vgl. Lösche 1989: 20 und Huntington 2004a: 41).
Da Menschen fehlten, die die immensen Territorien des neu gegründeten Landes
besiedeln würden, setzten bald darauf neue Einwanderungsströme ein. Diese brachten eine
weitere ethnische Ausdifferenzierung der Bevölkerung mit sich. ,,Während die Alte Welt
unter Bevölkerungsüberschuss litt" (Lösche 1989: 20), verbreitete sich in Europa schnell der
2 Gedicht von Emma Lazarus, Inschrift auf der Freiheitsstatue, vgl. Chavez 2001: 130
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