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Ergänzung zu Teil 1: Alexander von Humboldt und die Medizin

Subtitle: Kommentar zu den Artikeln 2009

Other, 2009, 88 Pages
Author: Markus Breuning
Subject: History - Miscellaneous

Details

Category: Other
Year: 2009
Pages: 88
Language: German
Archive No.: V136957
ISBN (E-book): 978-3-640-44950-7
ISBN (Book): 978-3-640-44935-4
Notes :
Nachdem ich "Alexander von Humboldt und die Medizin" veröffentlichte, in der Hoffnung, dass damit ein Grundstein zu einer noch zu schreibenden "Monographie" geliefert wird, entschloss ich mich, die genannten Artikel zu Teil 1: "über Humboldt", durchzulesen und einen Kommentar anzufügen mit einem Stichwort- und einem Personenverzeichnis des Textes. Ich revidierte die Einleitung und schrieb ein Abstrakt der Kommentare zur Einführung.


Abstract

Zu publizierter Arbeit zum Teil 1 Kommentare zu den Veröffentlichungen


Excerpt (computer-generated)

- 1 -

Markus Breuning

Alexander von Humboldt und die Medizin

Ergänzung zu Teil 1 der
Bibliographie ,,Alexander von Humboldt und die Medizin"

Kommentar zu den Artikeln
2009

[Markus Breuning, AvH und die Medizin, 2008. Nr. V124660]


- 2 -

Inhaltsübersicht*

Zum kommentierten Teil 3

Biographische Einleitung 4

A. v. Humboldt und die Medizin

. Synthese der Kommentare 7

Humboldt und die Medizin:

1. Bibliographie über Humboldt und die Medizin mit Kommentar 13

1.1 Stichwortverzeichnis der Titel 66

1.1.a Personenverzeichnis der Titel 70

1.2. Stichwortverzeichnis der Kommentare 75

1.2.a Personenverzeichnis der Kommentare 85

--------------------------------------------------------------------------------------------------------

*Diana P. Contreras herzlich gewidmet. ­ Désirée Looser danke ich für

Formatierung.


- 3 -

Zum kommentierten Teil


Nach dem Erscheinen meiner Bibliographie über Humboldt und die Medizin*

wurden neue Dokumente entdeckt und eingearbeitet. Seit den grundlegenden

Arbeiten zum Thema von Heinrich Schipperges (1959) wurden weitere

Sachen veröffentlicht, aber eine Monographie fehlt immer noch.

Ich bin Alexander-von-Humboldt-Sammler, d.h. ich sammle al es, zu jeder

Wissensdisziplin, inklusive Biographisches. Biologie und Medizin interessieren

mich besonders. Doch bin ich kein Medizinhistoriker. Ich habe dessen

ungeachtet die hier vorgelegten Dokumente neu gelesen und das Wichtigste

daraus notiert und als ,,Kommentar" wiedergegeben, wobei der Kommentar

eine Zitierung der Arbeit ist, nicht meine Worte! Selbstverständlich habe ich

verzichtet, Wiederholungen zu begehen und nur das Wesentliche, Neue

zitiert. Dabei muss man wissen, dass ich alphabetisch vorging. Das

Hauptthema ist das sogenannte ,,Muskelfaserwerk". Dies kann man von

verschiedenen Blickpunkten betrachten, als Physiologe oder als praktischer

Arzt, klinisch oder praktisch, und es war interessant, die verschiedenen

Aspekte von den verschiedenen Verfassern zu dokumentieren.

Als Einführung zum Thema wagte ich, aus den vorliegenden ,,Kommentaren"

eine Synthese zu machen. Dabei habe ich bewusst verzichtet, jede Anführung

mit Verweis kenntlich zu machen. Wichtiges und Äusserungen Humboldts in

Anführungszeichen bzw. kursiv gesetzt.

Kommentare und die darin dargelegten Äusserungen bringen Hinweise auf

noch zu untersuchende Aspekte zu ,,Humboldt und die Medizin", ein Thema

das noch zu wenig ausgelotet wurde. Besonders Humboldts Quel en und

Urteile harren der gründlichen Untersuchung. Seine ,,Versuche über die

gereizte Muskel- und Nervenfaser" wurden noch zu wenig in die

Medizingeschichte eingearbeitet, seine Korrespondenz mit Medizinern im

weitesten Sinne noch nicht publiziert bzw. analysiert. Grundlage bilden die

,,Jugendbriefe" (bis 1799) und ,,Briefe aus Amerika" (1799-1804). Weitere

Korrespondenz in seinem langen Leben zu Medizinern muss noch ediert

werden.

*Breuning, Markus: A. v. Humboldt und die Medizin. München (Grin) 2008


- 4 -

Biographische Einleitung

An Lebensbeschreibungen A. v. Humboldts mangelt es nicht. Ich erinnere an

Beck, Hanno, 1959, 1961 (1); Biermann, Kurt-Reinhard, 1980 (2); Krätz, Otto,

1997 (3) und Meyer-Abich, Adolf, 1967 (4) bzw. Richter, Thomas (2009) (5). -

Ich gebe hier deshalb nur einen kurzen Abriss und wichtige Punkte seines

Lebens.

Alexander von Humboldt wurde am 14. 9. 1769 in Berlin geboren. Er war zwei

Jahre jünger als sein Bruder Wilhelm und die Eltern vertrauten die Erziehung

Hauslehrern an.

Mit seinem Bruder Wilhelm (1767-1835) immatrikulierte er sich 1787 an der

Oder-Universität in Frankfurt. Er sol te Kameralistik studieren. Die Brüder

brachen aber bald das Studium ab, Wilhelm ging nach Göttingen und

Alexander wurde weiter von Hauslehrern unterrichtet. Bis dahin unterrichtete

Gottlob Johann Christian Kunth als Oberhofmeister mit anderen Berliner

Gelehrten. Nach der Rückkehr aus Frankfurt/O. 1788 beriefen seine Mutter

und Kunth den in Berlin bestens bekannten Oberkonsistorialrat Johann

Friedrich Zöl ner (1753-1804) als neuen Hauslehrer. In ihm erlebte der jüngere

Humboldt erstmals einen Hauslehrer anderer Art: Einen Lehrer, der ihn ernst

nahm, ihn anerkannte und sein Freund wurde. Alexander lebte damals

förmlich auf und wurde in die moderne Geographie, und zwar in die Bereiche

des geographischen Anordnungsschemas eingeführt, was sich aus Zöl ners

zweibändigem Reisebericht ergibt.(6) Und man erlaubte ihm den ersten

freien Ausgang. Er begab sich sofort zu Carl Ludwig Wil denow, dem

talentiertesten Berliner Botaniker, der bald sein Freund wurde. Wil denow

stiess ihm das Tor zur wissenschaftlichen Botanik auf und ermöglichte ihm die

Formulierung eines ersten Forschungsprogramms ,,Geschichte der Pflanzen."

In ihm sol ten Ausbreitungsvorgänge von Pflanzen von einem Heimatgebiet

aus über die Erde verfolgt werden. Humboldt hat in diesem Rahmen bald an

das Substrat, den Boden und an Pflanzenfossilien gedacht, um der migrativen

Idee gerecht zu werden. Bald weitete sich das Programm zur Geographie der

Pflanzen aus. 1789 war er an der Universität Göttingen, 1790 an der

Handelsakademie in Hamburg. 1791 bittet er um Anstel ung im preussischen

Bergdienst und nimmt sein Studium an der Bergakademie in

Freiberg/Sachsen auf. Anschliessend machte er eine beachtliche Karriere.

Schon 1792 Oberbergmeister und 1795 Oberbergrat. Daneben

wissenschaftliche Reisen und private Studien. So sein zweites

Forschungsprogramm, das ein Strukturgesetz der Erde beweisen sol te. Ein

drittes Forschungsprogramm galt dem Entwurf geographischer und

geologischer Profile; die letzteren sol ten mit Symbolen und Buchstaben

pasigraphisch erläutert werden. Die bis dahin fast nur zweidimensionale

Geographie und Kartographie gewann seit Humboldt mit nachhaltigem Erfolg

die dritte Dimension der Höhe und ermöglichte auch in ersten Länderprofilen

die Wiedergabe des Reliefs der Erdoberfläche. Dies al es vertiefte Humboldt,

als er 1793 in geistiger Auseinandersetzung mit Kants Physischer Geographie

eine Methodologie schuf. 1793 versuchte er die Bezeichnung einer

Leitwissenschaft zu geben und nannte sie ,,Geognosia". Das aber -

Erdgeschichte ­ hatte er nicht gemeint. Was er wol te, ergibt sich erst, wenn

wir sehen, dass er ,,Geognosia" in Klammern mit drei gleichbedeutenden

Begriffen erläuterte: ,,(Erdkunde, Theorie der Erde, physikalische

Geographie)." Wie Herder ersehnte Humboldt eine ,,philosophische Physische


- 5 -

Geographie" (Herder), d. h. eine Geographie höherer Art. 1796 ersetzte

Humboldt den Begriff ,,Geognosia" durch ,,physique du monde" (=Physik der

Erde). Darunter verstand er jedoch keineswegs die frühe ,,Kosmos"-Idee, in

der sich, wie in diesem späteren Werk selbst, ,,Himmel und Erde", und zwar in

dieser Reihenfolge, vereinigten. ,,Physique du monde" war zunächst nichts

anders als der neue Leitbegriff, der das eindeutig vergebene Leitwort

,,Geognosia" ersetzte. Dreistufiges Programm als Nährboden, Methodologie

von 1793 und sechsjährige Vorbereitung der amerikanischen Forschungsreise

(seit 1793/94) offenbaren einen inneren Zusammenhang, der sich begrifflich

bereits seit 1793 als Einheit verstand und 1796 nur neu, und zweifel os

besser, bezeichnet wurde. Mehr als al e seiner Vorgänger war er Geograph

(und Kartograph) und Forschungsreisender. Er hatte damit ein

Forschungsvorbild (Paradigma) geschaffen, dem keiner widersprochen hat,

das aber nur wenige erreicht haben. Auf das Zusammenwirken der Kräfte kam

es ihm an, nicht auf einzeln isolierte Tatsachen! Er betrieb auch

elektrophysiologische Forschungen zur Erweiterung der Ergenbisse seiner

(geplanten) westindischen Forschungsreise. Er erlernte die spanische

Sprache und fand nach drei vergeblichen Suchen endlich in Aimé Bonpland

den Reisebegleiter, der als Arzt und vor al em als geschulter Botaniker an

seiner Seite die Resultate erweitern konnte. Als Protestant und Oberbergrat

gelang es ihm, die Erlaubnis zu erhalten, die spanischen Kolonien in Süd- und

Mittelamerika zu besuchen.

Er schuf abschliessend das grösste private Reisewerk der Geschichte mit 34

Bänden. Und im Central-Asien Werk geographisch und visionär das

erweiterte Bild der Gebirgswelt ,,Zentralasiens".

Als sein Vermögen aufgebracht war, musste er dem Rufe des preussischen

Königs folgen und 1827 sein Dienst als Kammerherr antreten, immer die

Ideen der Französischen Revolution von 1789 im Herzen. Doch er hatte ein

wissenschaftliches Programm vor Augen, als er Paris, wo er sein Reisewerk

herausbrachte, zu Gunsten von Berlin verliess. Die preussische Hauptstadt

wurde bald führend in den Wissenschaften. Im Alter schrieb er seinen

,,Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung", wo er das Wissen

seiner Zeit verarbeitete, soweit es ihm noch möglich war.

Am 24. 1. 1796 schrieb er an Marc Auguste Pictet: ,,Je conçus l`idée d′une

physique du monde". [Ich entwarf die Idee einer Physik der Erde]. Lange

wurde dies als ,,Kosmos"-Idee gedeutet! Doch hat ,,physique du monde" eine

rein irdische Bedeutung, wie wir oben sahen. Humboldt bemerkte, das Buch

vom Kosmos, sei nicht die Frucht dieser Vorträge (1827/28), da die Grundlage

schon in dem während der peruanischen Reise geschriebenen und Goethe

zugeeigneten ,,Naturgemälde der Tropenländer" liegt. Die ,,Kosmos" - Idee

selbst entstand erst1834 und schloss ,,Himmel und Erde" ein, wurde aber von

ihm auf das Jahr 1793 zurückgeführt, auf das Entstehen seiner

Physikalischen Geographie. Dennoch hat diese Idee den ,,Kosmos"

ermöglicht, weil der astronomische Teil dieses grossen Werkes in der

Darstel ung der Methode seiner Leitwissenschaft folgte. [Siehe ,,Kosmos"-

Original-Ausgabe Bd. I 1845, S. 56; Darmstädter Ausgabe, 2. Auflage 2008,

Bd. VII, Teilbd. 1, S. 47, wo er ausdrücklich sagt, der Darstel ungsweise, die

er hier ,,als der Physischen Erdkunde [= Physikalische Geographie]

ausschliesslich geeignet schildere, gewinnt an Einfachheit, wenn wir sie auf

den uranologischen [= astronomischen] Teil des Kosmos, auf die physische

Beschreibung des Weltraums und der himmlischen Weltkörper anwenden"].


- 6 -

Der zugehörige ,,Physikalische Atlas" war der erste thematische Weltatlas. Es

war die al einige Idee A. v. Humboldts. Der mit der Ausführung beauftragte

Heinrich Berghaus hatte das geographische Anordnungsschema abgelehnt

(das al erdings Humboldt kannte ­ wie auch der bewusste Atlas beweist, der

auch deshalb sein geistiges Eigentum bleibt) und riss ihn 1829 an sich

während Humboldts Reise nach Russland und Sibirien, wie er auch unerlaubt

Humboldts Meereskunde publizierte, und Carl Ritter in einem Werk

ausgeschrieben hatte. In diesem Jahr [1793] begann neben vielem anderen

die erste Fixierung seiner Methodologie und seine Vorbereitung auf das Ziel

der amerikanischen Tropen, wie wir bereits anmerkten. Er starb in dem

Jahre, als Darwin seine ,,Entstehung der Arten" herausbrachte, am 7. 5. 1859.

--------------------

Anmerkungen

(1) Beck, H: AvH. (2 Bde.). Wiesbaden (Steiner); (2) Biermann, K.-R.: AvH.

(=Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und

Mediziner). Leipzig (Teubner); (3) Krätz, O.: AvH. München (Cal wey); (4)

Meyer-Abich, Adolf: AvH. (Rowohlt Bildmonographien). 1. Aufl. Reinbek b.

Hamburg (Rowohlt) bzw. Nachfolgebiographie (5) Richter, Thomas, ebenda

in 1. Auflage 2009 ; (6) Zöl ner, Johann Friedrich: Briefe über Schlesien,

Krakau, Wieliczka und die Grafschaft Glatz auf einer Reise im Jahr 1791.

Berlin 1792 und 1793


- 7 -

Alexander von Humboldt und die Medizin

Synthese der Kommentare, zusammengestel t von Markus Breuning

An den siebzig Jahren seines Forscherlebens können drei Generationen von

Gelehrten zum Vergleich herangezogen werden. Es erscheint uns

unglaublich, dass ein Mann, der die Blüte der Virchow-Ära sich entfalten sah

und noch zu al en Schülern Johannes Mül ers Kontakte gefunden hat, in

eigener Person um die Probleme des Galvanismus rang und zu

vorwissenschaftlichen Phänomenen wie dem Mesmerismus und dem

Brownianismus in hochaktuel er Weise Stel ung genommen hat. Von der

frühesten Jugend an bis in die Epoche des Urgreises haben bedeutende

ärztliche Persönlichkeiten Humboldts Lebensweg gekreuzt und begleitet.

Humboldts physiologisches Hauptwerk [,,Versuche ...", s. u.] ist noch nicht in

die Geschichte der Medizin eingearbeitet worden. Und doch ist es von

grossem heuristischen Wert. Es subsumiert die älteren Richtungen und weist

Leitlinien auf, die erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts realisiert werden

konnten. Nimmt man das Werk als ein Ganzes, so zeigt Humboldt sich

gründlich vertraut mit der chemischen und physikalischen Literatur seiner Zeit,

wie auch mit der gesamten Medizin des 18. Jahrhunderts. Wil man zur

Kenntnis nehmen, was Humboldts medizinisches Weltbild konstituiert hat, so

müssen die Quel en selbst nach seinen Schriften wie auch an diesen

Dokumenten der Frühzeit Humboldts analysiert werden.

AvH wurde am 14. 9. 1769 in Berlin geboren und starb daselbst am 6. 5.

1859. Auf dem Gebiet der Medizin wie auf den meisten anderen war er ein

genialer Autodidakt in jeder Hinsicht, Dil etant im guten Sinne. Imponierend

bleibt die souveräne Art, mit denen er sich auch auf scheinbar heterogenen

Gebieten durchsetzt. Ausdrücklich vermeidet er einen Prioritätsstreit mit

seinem galvanischen Rivalen Pfaff. In dem jungen AvH hat sich in diesen

frühen Jahren schon ein medizinisches Forschungsprogramm ­ genauer ein

physiologisches, konkreter und moderner ein biochemisches ­ konsolidiert.

Humboldt wil ganz und gar Empiriker sein und bleiben, und der Empiriker

zählt und misst, was die Erscheinungen unmittelbar darbieten. Er hütet sich,

die Fakten mit hypothetischen Ideen zu verknüpfen. Er hat zwar kein

physiologisches Problem abschliessend gelöst, aber viele wesentlich

gefördert oder wenigstens gesehen und in das Bewusstsein der Zeit gehoben.

Für Humboldt waren die anatomischen bungen bei Loder Mittel um seine

Objekte für die galvanischen Versuche zu präparieren. Mit belebten Organen

experimentierend und immer unter neuen und unerkannten Bedingungen

seine Fragestel ung vergleichend physiologisch, nicht anatomisch oder

morphologisch. Viel eicht zum letzten Mal war es in dieser Zeit für einen Laien

noch möglich, sich gleichberechtigt und kompetent an der Forschung der

Fachleute zu beteiligen. Seine umfangreichen medizinischen Kenntnisse

bezog Humboldt aus den Besuchen von Vorlesungen, vor al em aber aus dem

brieflichen und mündlichen Meinungsaustausch mit führenden

Wissenschaftlern sowie aus gründlicher Lektüre. Seine medizinische Bildung

zeigt keinerlei systematische Tendenz, sie entwickelte sich am Rande einer

tastenden Berufsausbildung, ohne planmässige Schichtung, schubweise und

mit wechselnden Schwerpunkten.

Da Humboldt nicht Mediziner war und nicht, wie diese, physiologische

Fragestel ungen im Hinblick auf den Menschen nur an ausgewählten Tieren


- 8 -

untersuchte, sondern von seinem Interesse als Geologe und Botaniker

ausging, hatte er seine Forschungsfragen nach der Spezifik des

Lebensprozesses von vornherein unter gesamtbiologische Gesichtspunkte

gestel t, die vergleichende Methode auf die Vielfalt der Organismenwelt

angewandt und zugleich die physiologischen Prozesse mit den ihm bekannten

chemischen Prozessen der anorganischen Substanzen zu vergleichen

gesucht.

Im Alter von 21 Jahren hörte Alexander in Wien von Luigi Galvani′s Schrift.

Diese im Jahre 1791 veröffentlichten Beobachtungen hatten die

wissenschaftliche Welt in eine Aufregung versetzt, von der wir uns heute

schwer mehr eine Vorstel ung bilden können. Humboldt stürzte sich sofort

darauf, mit dem ehrgeizigen Ziel, zur Lösung der Frage nach dem

Lebensprinzip oder der Lebenskraft experimentel beitragen zu können. In fünf

Jahren ab 1792 machte er rund 4000 Experimente an 300 Tierarten, dazu an

vielen Pflanzen sowie Selbstversuche. Auf seinen vielen Reisen gehörten

daher ein paar Frösche, Pinzetten, Nadeln und Metal e (galvanische Pinzette)

zu seiner festen Reiseausstattung. Der Streit zwischen Galvani und

Alessandro Volta erreichte 1795 ihren Höhepunkt. Zahlreichere galvanische

Versuche als wohl al e seine Vorgänger hat Humboldt im letzten Dezennium

des 18. Jahrhunderts angestel t. Unter Durchführung streng

wissenschaftlicher Methodik und durch exakteste Versuche erforschte er den

Einfluss von Licht, Wärme, Magnetismus und Elektrizität auf das

Nervensystem und suchte nachzuweisen, dass die Nerventätigkeit auf dem

Galvanismus oder einer ihm analogen Kraft (nicht Lebenskraft) beruhte. Ein

Rezensent bemerkte, über die Erscheinungen die Herr Galvani an der im

Muskel inserierten Nervenfaser bemerkte, und die Humboldt mit dem

einzigen, passenden Wort Galvanismus bezeichnete, ist viel geschrieben und

gestritten worden, al eine keine der bisher hierüber erschienenen Schriften

kommt der vorliegenden [,,Versuche ..."] an Umfang, Vol ständigkeit und

Reichhaltigkeit gleich. Und Blumenbach rezensierte 1795, dass Humboldt, seit

3 Jahren galvanische Versuche machend, auf Wege geführt worden, die

fruchtbare wichtige Aussicht zur nähern Kenntnis der Lebenskräfte überhaupt

und der Funktion des Nervensystems insbesondere sowie zur Bestimmung

der Grenze der Animalität öffnen. Ein anderer konstatierte: Mit Scharfsinn von

seltener Feinheit, ausgiebigste Kenntnis in der ganzen Naturkunde, mit

genauester Kenntnis der ältesten wie der neuesten Zeiten, um ein klassisches

Werk zu liefern, das unter die ersten unserer Zeit gehört. - Musterhafte

Untersuchung der galvanischen Erscheinungen. Keiner dieser Versuche ist

fruchtlos, jeder dient zu dem Zwecke, die Bedingungen und Gesetze jener

Erscheinungen zu bestimmen. Zieht von Beobachtungen lehrreiche

Folgerungen, prüft ohne vom Ansehen berühmter Männer sich blenden zu

lassen, ihre Hypothesen mit unbefangener Wahrheitsliebe und

Bescheidenheit. Hanno Beck [Humboldt, Bd. 1, 1959] stel te fest: ,,Die

,,Versuche ..." sind ein Buch, das in überzeugender Fül e

Versuchsanordnungen und Experimente beschreibt. Auffal end sind die klare

Form der Darstel ung und die Methode, die ausdrücklich formuliert und

betont wird. Seine diesbezüglichen Versuche waren eine Fortsetzung seiner

Studien über die Reizempfindlichkeit der Pflanzen. Es ging ihm um Tatsachen

und deren scharfe Trennung von der Deutung. Als solche galten ihm nur die

Ergebnisse der Experimente." - Dieses Werk enthält fast zur Hälfte nur


- 9 -

Reflexionen über die Vergleichbarkeit pflanzlicher und tierischer Gewebe und

Organe, die in Betrachtungen über ihre chemische Zusammensetzung gipfeln.

Wir unterscheiden zwischen belebter und unbelebter Materie. Humboldt

definiert: ,,Unbelebte Materie nennen wir diejenige, deren Bestandteile nach

den Gesetzen der chemischen Verwandtschaft gemischt sind, belebte

(organisierte) Körper hingegen diejenigen, welche durch eine gewisse innere

Kraft gehindert werden, ihre erste ihnen eigentümliche Form zu verlassen." -

Er bemerkte z. B. dass ein abgetrennter Froschschenkel sich durch blosses

Berühren von Nerv und Muskel mittels zweier Metal stäbe aus Kupfer und

Zink ,,wieder beleben" liess. Zur Erregbarkeit schreibt er dem Organismischen

die Fähigkeit zu, sich selbst erregbar zu erhalten. Dr. Ash zu Oxford schrieb

1795 dass der galvanische Strom die Flüssigkeit, speziel das Wasser,

zersetze, inkoxyd niederschlage, welches aus dem Zink und Sauerstoff des

Wassers sich bilde. Als Humboldt diesen Versuch wiederholte, sah er

während der Oxydation am Silber Blasen aufsteigen, welche Wasserstoff

enthielten. Es war die erste Entdeckung der chemischen Wirkung des

Galvanismus. Humboldt formulierte 1797 das Gesetz der spezifischen

Sinnesenergien: ,,Jedes Organ gibt die Erscheinung, welche seiner Energie

angemessen ist. Ein gereizter Sehnerv kann daher nicht fibröse Bewegung,

sondern nur Lichtempfindung hervorbringen, er mag vom galvanischen

Fluidum oder bloss mechanisch gereizt sein." Tierische Elektrizität ist nicht

gleich der normalen Elektrizität, ein besonderes Fluidum, das er galvanisch

bezeichnete. Mit elektrischem Fluidum verwandt, jedoch nicht mit ihm

identisch. Durch galvanisieren wird dieses Stimulus lediglich verstärkt. Er

enthäutete einen Frosch und präparierte ihn so, dass die Schenkel nur durch

die freigelegten Ischiasnerven an dem Rumpf hingen. Dann beugte er den

roten, nicht tendinösen Muskel des Oberschenkels gegen den Ischiasnerven.

Damit traten schon bei der leisesten Berührung heftige Muskelkontraktionen

auf. Humboldt konnte also durch das Gelingen seiner Versuche beweisen,

dass Kontraktionen entstehen, sowohl bei der Schliessung des Kreises

zwischen nur zwei organisch verbundenen Teilen wie Nerv und Muskel, als

auch durch Verwendung eines gleichartigen Metal bogens. Durch die Methode

dieser Versuche war jede mechanische Reizung des Nerven ausgeschlossen.

[Erst späteren Forschern war es möglich, nachzuweisen, dass die Metal e

durch die Berührung mit tierischem Gewebe eine Veränderung erleiden und

dann nicht mehr gleichartig sind, wodurch Voltas Theorie von den Zuckungen

mit ungleichartigen Metal en bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt ist]! -

Humboldt empfiehlt Metal reiz zur Behandlung von Augenkrankheiten,

Paralysen der Extremitäten und rheumatischen beln.

Die meisten Naturforscher entschieden sich für Volta, der im galvanischen

Phänomen nur den metal ischen Reiz als wesentlich betrachtete und die

biologische Seite des Problems nicht erkannte. Infolge seiner [Humboldts]

Experimente musste er auch Stel ung nehmen in dem Streit um das Wesen

des Galvanismus. Er stand zwar schliesslich im Lager der Galvanisten, aber

nicht als Eiferer sondern von eigenen Experimenten überzeugt, die er nicht

anders deuten konnte. Die galvanische Erscheinung leitete er von einem in

den Tieren anwesenden Fluidum ab, das er nicht mit der Elektrizität zu

identifizieren wagte. Die Metal e verursachten nicht den Reiz, sondern

verstärkten ihn nur. Humboldt widersprach Volta, nach dem die

Muskelreizungen dank äusserer Kräfte Zustande kamen. Die Frage, ob das



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