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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 25 Pages
Author: Ludwig Späte
Subject: Politics - International Politics - Region: Middle- and South America
Details
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Institut für Politikwissenschaften)
Year: 2009
Pages: 25
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45665-9
ISBN (Book): 978-3-640-45660-4
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Abstract
Der Präsidentialismus als Regierungssystem ist nicht nur in den USA vertreten. Besonders in Lateinamerika herrscht eine Vielzahl von präsidentiellen Regierungssystemen mit unterschiedlichen Ausprägungen. In Zentralamerika liegt sein Staat, der seit Jahrzehnten über ein stabiles Regierungssystem verfügt: Costa Rica. Costa Rica in Zentralamerika ist der flächenmäßig dritt-kleinste von diesen sieben zentralamerikanischen Staaten. Mit gerade einmal 51.100 km² ist Costa Rica nicht einmal halb so groß wie Guatemala mit 108.890 km² und gehört vor Belize und El Salvador zu den kleinsten Staaten auf dem südamerikanischen Kontinent. Die ethnische Bevölkerungsmehrheit stellen mit 80 % Weiße, neben 15 % Mestizen und 4 % Afroamerikanern. Aus dem Spanischen bedeutet „Costa Rica“ wortwörtlich übersetzt „Reiche Küste“. Jedoch ist Costa Rica für Politikwissenschaftler nicht uninteressant. Seit der Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1821 ist der Demokratisierungsprozess in Costa Rica ohne größere potenzielle Konflikte vorgeschritten, denn lediglich zwei kurze Perioden der bürgerlichen Gewalt haben die Demokratisierung im Staat beeinträchtigt. Die erste Verfassung von 1821 legte eine präsidentielle Demokratie mit hohen Befugnissen des Staatspräsidenten fest, in der nur ein Ein-Kammer-Parlament existiert. Bis 1948 blieb diese erste Verfassung bestehen, denn 1949 trat eine überarbeitete Verfassung in Costa Rica in Kraft. Interessant an dieser „zweiten Republik“ ist, dass seit Dezember 1949 die Republik Costa Rica über keinerlei Militär in Friedenszeiten verfügt. Die Armee ist formell abgeschafft worden, es existiert nur noch eine Staatspolizei im Land. Obwohl Ende der vierziger Jahre der Kontext für die Armeelosigkeit ein ganz anderer war, erwies sich diese Entscheidung dreißig Jahre später als geschichtsträchtig und staatserhaltend. Als die Kampftätigkeiten im Niemandsland zwischen Costa Rica und Nicaragua in den frühen achtziger Jahren zunahmen, beschleunige auch Costa Rica sein Handeln. Die Regierung in San José verkündete die dauernde, aktive und unbewaffnete Neutralität ihres Landes. Damit nahm sich Costa Rica aus dem militärischen Schussfeld und setzte zudem die Agenda für einen regionalen Verhandlungsfrieden und brachte sich selbst in eine privilegierte Position, bei der Befriedung von Zentralamerika eine entscheidende Rolle zu spielen. Oftmals wird Costa Rica in der Literatur mit der Schweiz verglichen, die eine ähnlich neutrale Position in Europa einnimmt.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Politikwissenschaften
Präsidentialismus in Amerika
Sommersemester 2009, Jena, den 01. Juli 2009
Hauptseminararbeit
Thema: Politische Systeme in Amerika
Struktur, Merkmale und Besonderheiten in Lateinamerika
am Beispiel von Costa Rica
Ludwig Späte
Studiengang: Politik/Jura
Gliederung
I. Einleitung 3
II. Geschichte Costa Ricas seit der Unabhängigkeit von Spanien 4
III. Das präsidentielle Regierungssystem 5
1. Die Exekutive 7
a) Die Wahl des Staatspräsidenten 7
b) Das präsidentielle Wiederwahlverbot 9
c) Das präsidentielle Inkompatibilitätsverbot 10
d) Das präsidentielle Veto und ,,Sanktionen" 11
e) Die Kompetenzen des Präsidenten 12
2. Die Legislative 12
a) Das Wiederwahlverbot im Parlament 13
b) Die Organisation und die Kompetenzen des Parlamentes 14
c) Das Interpellationsrecht 15
d) Missbilligungsvotum 16
IV. Parteien und Wahlorganisation in Costa Rica 17
1. Parteienstruktur in Costa Rica 18
2. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2006 19
V. Fazit 21
Schriftenverzeichnis 23
2
I. Einleitung
Der Präsidentialismus als Regierungssystem ist nicht nur in den USA vertreten. Besonders in
Lateinamerika herrscht eine Vielzahl von präsidentiellen Regierungssystemen mit
unterschiedlichen Ausprägungen. In Zentralamerika liegt sein Staat, der seit Jahrzehnten über
ein stabiles Regierungssystem verfügt: Costa Rica. Costa Rica in Zentralamerika ist der
flächenmäßig dritt-kleinste von diesen sieben zentralamerikanischen Staaten. Mit gerade
einmal 51.100 km² ist Costa Rica nicht einmal halb so groß wie Guatemala mit 108.890 km²
und gehört vor Belize und El Salvador zu den kleinsten Staaten auf dem südamerikanischen
Kontinent. Die ethnische Bevölkerungsmehrheit stellen mit 80 % Weiße, neben 15 %
Mestizen und 4 % Afroamerikanern. Aus dem Spanischen bedeutet ,,Costa Rica"
wortwörtlich übersetzt ,,Reiche Küste". Jedoch ist Costa Rica für Politikwissenschaftler nicht
uninteressant. Seit der Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1821 ist der
Demokratisierungsprozess in Costa Rica ohne größere potenzielle Konflikte vorgeschritten,
denn lediglich zwei kurze Perioden der bürgerlichen Gewalt haben die Demokratisierung im
Staat beeinträchtigt. Die erste Verfassung von 1821 legte eine präsidentielle Demokratie mit
hohen Befugnissen des Staatspräsidenten fest, in der nur ein Ein-Kammer-Parlament existiert.
Bis 1948 blieb diese erste Verfassung bestehen, denn 1949 trat eine überarbeitete Verfassung
in Costa Rica in Kraft. Interessant an dieser ,,zweiten Republik" ist, dass seit Dezember 1949
die Republik Costa Rica über keinerlei Militär in Friedenszeiten verfügt. Die Armee ist
formell abgeschafft worden, es existiert nur noch eine Staatspolizei im Land. Obwohl Ende
der vierziger Jahre der Kontext für die Armeelosigkeit ein ganz anderer war, erwies sich diese
Entscheidung dreißig Jahre später als geschichtsträchtig und staatserhaltend. Als die
Kampftätigkeiten im Niemandsland zwischen Costa Rica und Nicaragua in den frühen
achtziger Jahren zunahmen, beschleunige auch Costa Rica sein Handeln. Die Regierung in
San José verkündete die dauernde, aktive und unbewaffnete Neutralität ihres Landes. Damit
nahm sich Costa Rica aus dem militärischen Schussfeld und setzte zudem die Agenda für
einen regionalen Verhandlungsfrieden und brachte sich selbst in eine privilegierte Position,
bei der Befriedung von Zentralamerika eine entscheidende Rolle zu spielen. Oftmals wird
Costa Rica in der Literatur mit der Schweiz verglichen, die eine ähnlich neutrale Position in
Europa einnimmt.1 Das politische Modell Costa Ricas, das seit langem wesentliche Elemente
westeuropäischen Staatsverständnisses aufweist, hat das Land zu einem Sonderfall innerhalb
des Spektrums allgemeiner Erklärungsansätze für die Entwicklung in Zentralamerika
1 Dettling, Erwin, Seite 2.
3
gemacht. Die besonderen historischen Bedingungen der Entstehung und Reifung, wie auch
die soziökonomischen Verhältnisse unterscheiden sich nämlich bereits seit der Kolonialzeit
sehr stark von den Gegebenheiten in anderen Teilen Zentralamerikas.2 Nach dem
Bertelsmann-Transformations-Index von 2003 ist Costa Rica die am meisten fortgeschrittene
markwirtschaftliche Demokratie im Konsolidierungsprozess präsidentieller Systeme in
Lateinamerika.3 Welche Machtposition hat der Staatspräsident in Costa Rica und durch was
wird diese Machtposition beeinflusst? In meiner Seminararbeit analysiere ich die Struktur, die
Merkmale und die Besonderheiten des Präsidentialismus in Lateinamerika am Beispiel von
Costa Rica.
II. Geschichte Costa Ricas seit der Unabhängigkeit von Spanien
Costa Rica hatte 1821 erst mit Verspätung von seiner politischen Unabhängigkeit erfuhren,
ohne dass es zuvor auch nur einen Finger in einem Freiheitskampf hätte rühren müssen. Im
gleichen Atemzug wurden auch die anderen spanischen Provinzen dem mexikanischen
Kaiserreich Iturbides eingegliedert, von dem es sich jedoch 1823 loslöste, um bis 1838 in der
Zentralamerikanischen Föderation aufzugehen. Ein Wandel erfolgte erst, als in den 1830er
Jahren der Kaffee als gewinnbringendes Produkt entdeckt wurde, über das bald auch eine
dauerhafte Bindung an den Weltmarkt entstand. Mitte des 19. Jahrhunderts bewirke der
Kaffeeboom ausgelöst durch die aufflammende Kaffekultur in Europa erstmals eine
Öffnung des Landes nach außen und verhalf Costa Rica zu einem relativen Wohlstand.4 Erst
1871 kam mit dem Diktator Tomas Guardia wieder ein Liberaler an die Macht, unter dem die
liberale Verfassung von 1871 verabschiedet wurde, die bis heute langlebigste costaricanische
Verfassung, die auch dem heutigen Text als Vorlage diente und die ein präsidentielles
Regierungssystem mit Ein-Kammer-Parlament festlegte. Unter ihr wurde der Übergang zu
einem aufgeklärten liberal-oligarchischem Regime vollzogen, das die wirtschaftliche und
soziale Entwicklung mit großem Nachdruck förderte. Staatschef Bernardo Soto (1885-1889)
öffnete das System sogar soweit, dass seine liberale Partei bei den nächsten Wahlen
abgewählt wurde, eine bis dahin in Zentralamerika unbekannte Möglichkeit des
Regierungswechsels.5 Es folgten jedoch wieder einige Diktaturen bevor 1940 Rafael Calderon
Guardia vom Partido Republicano Nacional (PRN) von der männlichen Bevölkerung zum
Präsidenten der Republik gewählt wurde. Er wurde im Februar 1940 mit überwältigender
2 Fanger, Ulrich, Seite 26.
3 Bertelsmann-Stiftung, Bertelsmann-Transformations-Index 2003, Auf dem Wege zur marktwirtschaftlichen
Demokatie, Gütersloh 2004, Seite 13-15.
4 Stüwe, Klaus, Seite 169.
5 Schultz, Judith, Präsidentielle Demokratien in Lateinamerika, Seite 153.
4
Mehrheit gewählt, die wie bis dahin in Costa Rica üblich durch Wahlbetrug zustande kam.
Der christliche-soziale Politiker erlangte zu einem Zeitpunkt die Macht des Präsidentenamtes,
als das liberale Wirtschaftsmodell am Ende schien: Monokulturen, Abhängigkeit von großen
ausländischen Konzernen (Bananen und Kaffee), unorganisierter Binnenmarkt und eine
fehlende Wirtschaftspolitik bestimmten die wirtschaftliche Situation im Land. Ein
Steuersystem, der direkten Abgaben, dass die Exporteure ausnahm, bewirkte, dass die
Staatseinnahmen nicht ausreichten und der Staat sich verschuldeten musste. Die
konservativen Gegner Calderon Guardias konzentrierten sich auf eine harte Kritik an der
desolaten Haushaltssituation, die chaotischen Zustände in der ineffizienten Verwaltung, deren
Positionen nicht nach Fähigkeiten vergeben werden, sondern nach deren Stellung zum
aktuellen Präsidenten. 1941 wurden Vorwürfe gegen die Regierung laut, die auf eine massive
Korruption innerhalb der Exekutive hindeuteten. Ebenso kritisierte die Opposition die
Zusammenarbeit mit den immer stärker werdenden Kommunisten im Land. Zu beachten ist
auch, dass Costa Rica 1942 den Achsenmächten vor allem dem Deutschen Reich den
Krieg erklärte. Entsprechend war der Präsidentschaftswahlkampf 1944 von politischer Gewalt
beider Seiten geprägt. Aus der Wahl 1944 ging Teodoro Picado durch Wahlbetrug als Sieger
hervor. Der Betrugsvorwurf der Opposition die Wahl wegen Unstimmigkeiten bei der
Stimmenauszählung nicht anzuerkennen diente aber nur als Artikulation in der Öffentlichkeit,
was praktisch keine Auswirkung hatte.6 Im Jahre 1949 trat die neue Verfassung in Kraft. In
Costa Rica spricht man von der ,,Zweiten Republik". Die Machtposition des Präsidenten
wurde eingeschränkt, um Vetternwirtschaft, Korruption und Machtzentralisierung
vorzubeugen.
III. Das präsidentielle Regierungssystem
Als Systemcharakteristika im Präsidentialismus sind die monistische Exekutive und die
ausgeprägte Gewaltentrennung zu nennen. In Lateinamerika gibt es überwiegend getrennte
Volkswahlen des Parlamentes und des Präsidenten. Weiterhin bestehen eine Inkompatibilität
von Regierungsämtern und Parlamentsmandat, die Nicht-Absetzbarkeit des Präsidenten aus
politischen Gründen und die überwiegende Nicht-Auflösbarkeit des Parlaments. Der Einfluss
des Präsidenten auf den Politikformulierungsprozess ist hoch, da durch die Legitimation in
einer Volkswahl für den Präsidenten ein Gesetzesinitiativrecht, die Möglichkeit von
Präsidentialdekreten und das präsidentielle Vetorecht in Lateinamerika besteht. Diese
Machtfülle des Präsidenten relativiert sich jedoch durch die Abhängigkeit von unsicheren
6 Schultz, Judith, Seite 157.
5
Mehrheiten oder Koalitionsparteien und dem fehlenden parlamentarisches Auflösungsrecht
durch den Präsidenten. Ernst Fraenkel hatte ein breites Spektrum von Regierungssystemen im
Blick und sah in der Inkompatibilität von Regierungsamt und Mandat und in der Nicht-
Auflösbarkeit des Parlaments durch die Regierung charakteristische Unterschiede des
präsidentiellen Regierungssystems gegenüber dem parlamentarischen Regierungssystem.7
Klaus von Beyme nannte als wichtigste Merkmale des präsidentiellen Regierungssystems die
Identität von Staats- und Regierungsführung, die Inkompatibilität von Amt und Mandat, die
Nicht-Abberufung der Regierung durch das Parlament, die Nicht-Auflösbarkeit des
Parlaments durch die Regierung, und schließlich das Fehlen einer Gesetzesinitiative durch die
Regierung, die dafür über ein Vetorecht verfüge.8 Gegenüber diesen historisch-empirischen
Merkmalen postulierte Winfried Steffani ein einziges systematisch-funktionales
Unterscheidungskriterium: die Existenz oder Nicht-Existenz der verfassungsrechtlichen
Möglichkeit einer Abberufung der Regierung durch das Parlament. Es ging dabei um mehr als
eine strikte formale Klassifikation. Steffani leitete aus dem Unterscheidungskriterium eine
Reihe typischer Funktionsprobleme beider Systeme ab, die jeweils unterschiedliche Lösungen
im Bereich des Parteiensystems, der Parlamentsorganisation, Faktionsdisziplin usw.
nahelegen.9 Der Wissenschaftler Juan Linz geht von folgenden Definitionsmerkmalen der
Präsidentialdemokratie aus: Volkswahl und feste Amtsperiode des Präsidenten der keinem
parlamentarischehen Vertrauensvotum unterliegt und auch kein Recht zur
Parlamentsauflösung hat. Zusätzlich bezieht sich Linz auf die lateinamerikanische
Besonderheit des Verbots der zumindest unmittelbaren - Wiederwahl des Präsidenten. Er
skizzierte Ende der 1980er Jahre die zwei Hauptschwächen der präsidentiellen Demokratie.10
Zum einen sei die duale Legitimation, das heißt sowohl das Parlament als auch der Präsident
demokratisch legitimiert. Damit ist nicht klar, wer in Konfliktsituationen entscheidet. Auch
fehlt das institutionelle Instrument eines konstruktiven Misstrauensvotums, was z. B. in der
spanischen Verfassung von 1985 nach dem Vorbild des deutschen Grundgesetzes
übernommen wurde. Zum anderen ging Linz zunächst davon aus, dass die
Präsidentialdemokratie im Vergleich zur parlamentarischen Demokratie weniger flexibel sei.
Als negatives Beispiel wurde die Situation in Chile 1973 angeführt. Dort wurde eine
Regierung gestürzt, die sich nur auf 37 % der gültigen Stimmen stützen konnte. Linz nimmt
nun weiter an, dass es in einem parlamentarischen Regierungssystem keinen Sturz der
7 Fraenkel, Ernst, 1957, Seite 224 ff.
8 Beyme, Klaus von, 1967, Seite 1 ff.
9 Steffani, Winfried, 1983, Seite 393 ff.
10 Linz, Juan, Seite 3-87.
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