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Beratung von Migranten unter besonderer Berücksichtigung von psychosozialen Aspekten der Migration

Diploma Thesis, 2009, 84 Pages
Author: Natalija Kuch
Subject: Pedagogy - Intercultural Pedagogy

Details

Institution/College: Bielefeld University
Category: Diploma Thesis
Year: 2009
Pages: 84
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V137156
ISBN (E-book): 978-3-640-44422-9
ISBN (Book): 978-3-640-44455-7

Abstract

Jedes Jahr verlassen Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihren festen Wohnsitz und suchen eine bessere Zukunft an einem anderen Ort. Solche Wanderungen werden mit dem Begriff „Migration“ bezeichnet. Wanderungen über die Staatsgrenzen werden “internationale Migration“ genannt. Konkret versteht man unter Migration „die Bewegung von Individuen oder Gruppen im geographischen oder sozialen Raum ohne sichere und planbare Rückkehr oder die Gewissheit einer sicheren Ankunft bzw. eines bestimmten Ankunftsortes“. Die Gründe der Migration sind unterschiedlich. Einige Menschen wollen von dem wirtschaftlichen Aufschwung in anderen Ländern profitieren und suchen berufliche Herausforderung im Ausland. Andere verlassen ihre Heimat plötzlich in der Nacht um politischer oder religiöser Verfolgung zu entkommen. Alle diese Menschen verbindet der Wunsch, sich aus ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Not zu befreien und bessere Chancen und sichere Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder zu schaffen. In der vorliegenden Diplomarbeit werde ich die wichtigsten Aspekte der psychosozialen Beratung von Migranten in schwierigen Lebenssituationen darstellen. Diese Diplomarbeit ist dabei in sechs Kapitel aufgeteilt. Nach der kurzen Einführung in die Thematik und Information zu meiner Motivation werde ich im Kapitel zwei die wichtigsten Migrationsströme des 20.Jahrhunderts und die heutige Migrantenvielfalt in Deutschland beschreiben. Hierbei werden auch die Ursachen von Migrationsbewegungen dargestellt. Im dritten Kapitel werde ich ein besonderes Augenmerk auf psychische Belastungen in der Migration richten und psychischen und psychosoziale Folgen der Migration benennen. Das vierte Kapitel ist den theoretischen Grundlagen der interkulturellen Beratung gewidmet. Nach der Diskussion über den Begriff des „Interkulturellen“ werde ich die wichtigsten Ansätze der interkulturellen Beratung und die Anforderungen an die beraterischen Institutionen vorstellen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Frage der interkulturellen Kompetenz des Beraters Obwohl diese Fragen für alle Bereiche der sozialpädagogischen Arbeit von der Bedeutung sind, befasse ich mich im fünften Kapitel mit ausgewählten Arbeitsfeldern der pädagogischen Beratung. Ich werde den Therapie-/Beratungsablauf und Besonderheiten bei der Behandlung von suchtabhängigen Migranten, bei den Flüchtlingen und in der Erziehungsberatung beschreiben. Die Diplomarbeit wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Bielefeld

Beratung von Migranten unter besonderer

Berücksichtigung von

psychosozialen Aspekten der Migration

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Diplom Pädagogin

an der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld

Vorgelegt von Natalija Kuch


20. August 2009

Vorwort

Ich danke all denen, die mich auf vielfältige Weise beim Schreiben der Diplomarbeit

begleitet und unterstützt haben.

Ganz besonders gilt mein Dank meiner eigenen Familie ­ meiner Mutter, meinen

Schwiegereltern, meiner Schwägerin Olga für die Motivation und tatkräftige

Unterstützung.

Außerdem danke ich meinem Mann Alexander für sein offenes Ohr, sein Verständnis

und sein Einfühlungsvermögen und meinem Sohn Gabriel. Ich freue mich sehr

daran, dass er einfach da ist.

Anmerkung

Ich verzichte in der Diplomarbeit bewusst auf die gängige männlich-weibliche

Kombinationsschreibweise (z.B. Berater/In), da dies meiner Ansicht nach die Lesbarkeit

des Textes unnötig erschweren würde. Ich möchte den Leser ausdrücklich darauf

hinweisen, dass ich der Einfachheit halber ausschließlich die männliche Form benutze,

dabei aber grundsätzlich männliche als auch weibliche Personen meine.

2


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 5

2. Migration als politisches und soziales Phänomen 8

2.1

Migration in der Bundesrepublik Deutschland:

ein Blick in die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit 8

2.1.1 Ausländische Arbeitskräfte 9

2.1.2

Aussiedler 14

2.1.3

Flüchtlinge und Asylbewerber 19

2.2

Ursachen von Migration 24

2.3 Zusammenfassung 27

3. Migration und ihre Auswirkung auf das psychische Befinden der Migranten 29

3.1

Phasen von Migrationsprozessen 29

3.2 Psychische

und

psychosoziale Folgen der Migration 32

3.3 Zusammenfassung 34

4. Interkulturelle

Beratung von Migranten ­

konzeptionelle Grundlagen und methodische Ansätze 35

4.1 Zum Begriff des ,,Interkulturellen" 37

4.2

Systemtherapeutische Ansätze in der interkulturellen Beratung 40

4.2.1 Strukturelle

Familientherapie 40

4.2.2 Lösungsorientierte

Kurzzeittherapie 41

4.2.3 Narrative

Therapie 42

4.2.4

Das Reflektierende Team als Methode der Systemtherapie 43

4.3

Bedeutung der Sprache in der Beratung 44

4.4

Interkulturelle Kompetenz des Beraters 47

4.5 Netzwerkarbeit 49

4.5.1 Fallbezogene

Netzwerkarbeit 51

4.5.2 Programmatische

Netzwerkarbeit 52

4.6 Interkulturelle

Teamarbeit 54

4.7 Zusammenfassung 55

3


5.

Arbeitsbereiche der interkulturellen Beratung 56

5.1

Beratung und Therapie von Suchtstörungen bei Migranten 57

5.2 Beratung und Therapie von Flüchtlingen 64

5.3 Erziehungsberatung mit Migranten 68

5.4. Zusammenfassung 74

6. Schlusswort 75

Literaturverzeichnis 77

4


1. Einleitung

Jedes Jahr verlassen Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihren festen Wohnsitz

und suchen eine bessere Zukunft an einem anderen Ort. Solche Wanderungen werden

mit dem Begriff ,,Migration" bezeichnet. Wanderungen über die Staatsgrenzen werden

"internationale Migration" genannt. Konkret versteht man unter Migration ,,die

Bewegung von Individuen oder Gruppen im geographischen oder sozialen Raum ohne

sichere und planbare Rückkehr oder die Gewissheit einer sicheren Ankunft bzw. eines

bestimmten Ankunftsortes" (vgl. Wagner, S. 1151). Die Gründe der Migration sind

unterschiedlich. Einige Menschen wollen von dem wirtschaftlichen Aufschwung in

anderen Ländern profitieren und suchen berufliche Herausforderung im Ausland.

Andere verlassen ihre Heimat plötzlich in der Nacht um politischer oder religiöser

Verfolgung zu entkommen. Alle diese Menschen verbindet der Wunsch, sich aus ihrer

politischen, sozialen und ökonomischen Not zu befreien und bessere Chancen und

sichere Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder zu schaffen.

Da die Bundesrepublik Deutschland sich in Mitteleuropa befindet und eines der

reichsten Länder der westlichen Welt ist, war sie schon immer ein beliebtes Ziel der

Migranten. Im Jahr 2007, nach Angaben der Bundesregierung, sind 680.766 Menschen

nach Deutschland gezogen, davon 574.752 Ausländer. Zurzeit leben in Deutschland ca.

7,3 Millionen Ausländer, was einem Einteil von 8,8% der Gesamtbevölkerung

entspricht (Statistisches Bundesamt). In Bielefeld leben laut einer Statistik des

Landesamtes für Datenverarbeitung NRW 38 931Menschen, die keinen deutschen Pass

besitzen (Stand: 31. Dezember 2007). Diese Zahl entspricht 12 Prozent der

Gesamtbevölkerung in Bielefeld.

Der Alltag von Menschen, die einen Migrationsakt in Deutschland durchlebt haben, ist

von unterschiedlichen Problemen geprägt. Sie fühlen sich fremd in der deutschen

Gesellschaft, sie beherrschen die deutsche Sprache nur wenig. Sie kennen sich nicht im

deutschen Sozialhilfesystem aus und können oft nur unqualifizierte, wenig bezahlte

Arbeit annehmen. Ihre Kinder haben Probleme in der Schule und mit den

Gleichaltrigen. Unter der Last von vielen Problemen und Spannungen zerbrechen oft die

Familien. Aus diesen Gründen stehen viele Migranten unter Stress, sind Überfordert mit

den Kindern, leiden an Depressionen oder greifen zu Rauschmitteln.

5


Probleme der Migranten, ihre Schwierigkeiten bei der Integration in die deutsche

Gesellschaft wurden in der Politik lange Zeit verschwiegen. Zahlreiche Untersuchungen

haben schon vor langer Zeit auf die psychischen und sozialen Folgen der Migration

hingewiesen. Erst nach dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005 wurden die

Weichen für eine neue Integrationspolitik gestellt. Probleme von Migranten wurden

anerkannt, die auslösenden Faktoren untersucht und fördernde Maßnahmen eingeleitet.

Eine wichtige Rolle bei der Durchführung von fördernden und unterstützenden

Angeboten haben soziale Einrichtungen des Staates, der Wohlfahrtsverbände und

Kirche.

Aktuell ist unterstützende Arbeit in Beratungseinrichtungen oft durch folgende

Probleme erschwert:

· Durch fehlende interkulturelle Kompetenz können die Mitarbeiter der sozialen

Einrichtungen ihren Klienten beim Problemlösen wenig helfen. Es fehlt das

Wissen über die kulturellen oder religiösen Hintergründe oder Vorstellungen

bestimmter Bevölkerungsgruppen.

· Migranten sind nicht ausreichend informiert über die Angebote der

Beratungsstellen.

· Migranten haben kein Vertrauen gegenüber den deutschen Institutionen oder

den nur ausschließlich deutschsprachigen Beratern.

Mein Interesse an dieser Thematik wurde im Verlauf meines erziehungswissen-

schaftlichen Studiums an der Universität Bielefeld geweckt und während meines

Praxissemesters weiter entwickelt. Mein Praktikum habe ich in der Migrationsabteilung

des Deutschen Roten Kreuzes absolviert. Zu meinen Aufgaben gehörte die

pädagogische Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund. Klienten der

Beratungsstelle kamen überwiegend aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Sri-Lanka

und dem Iran. Da die russische Sprache meine Muttersprache ist, habe ich überwiegend

mit russischsprechenden Klienten gearbeitet. Anfangs habe ich die Beratungsgespräche

zwischen russischsprechenden Migranten und der Beraterin übersetzt. Später übernahm

ich die Beratung und Begleitung von einigen Klienten. Die Thematik der

Beratungsgespräche lag in den Bereichen Arbeitsplatzsuche, soziale Leistungen,

familiäre und Erziehungsprobleme. Außerdem hebe ich während meiner Praktikumszeit

6


an der von der Migrationsabteilung vorbereiteten Fortbildung ,,Sucht und Migration"

teilgenommen.

Während meines Praktikums habe ich viele Menschen mit unterschiedlichen

Migrationserfahrungen kennengelernt und vieles über deren Probleme, ihre

Schwierigkeiten und Hindernisse in der Migration erfahren. Auf diesem Hintergrund ist

die Idee für das Thema meiner Diplomarbeit entstanden.

In der vorliegenden Diplomarbeit werde ich die wichtigsten Aspekte der

psychosozialen Beratung von Migranten in schwierigen Lebenssituationen darstellen.

Diese Diplomarbeit ist dabei in sechs Kapitel aufgeteilt.

Nach der kurzen Einführung in die Thematik und Information zu meiner Motivation

werde ich im

Kapitel zwei

die wichtigsten Migrationsströme des 20.Jahrhunderts und

die heutige Migrantenvielfalt in Deutschland beschreiben. Hierbei werden auch die

Ursachen von Migrationsbewegungen dargestellt.

Im

dritten Kapitel

werde ich ein besonderes Augenmerk auf psychische Belastungen in

der Migration richten und psychischen und psychosoziale Folgen der Migration

benennen.

Das

vierte Kapitel

ist den theoretischen Grundlagen der interkulturellen Beratung

gewidmet. Nach der Diskussion über den Begriff des ,,Interkulturellen" werde ich die

wichtigsten Ansätze der interkulturellen Beratung und die Anforderungen an die

beraterischen Institutionen vorstellen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Frage der

interkulturellen Kompetenz des Beraters.

Obwohl diese Fragen für alle Bereiche der sozialpädagogischen Arbeit von der

Bedeutung sind, befasse ich mich im

fünften Kapitel

mit ausgewählten Arbeitsfeldern

der pädagogischen Beratung. Ich werde den Therapie-/Beratungsablauf und

Besonderheiten bei der Behandlung von suchtabhängigen Migranten, bei den

Flüchtlingen und in der Erziehungsberatung beschreiben.

Die Diplomarbeit wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen.

7


2.

Migration als politisches und soziales Phänomen

Migration ist eine der stärksten Kräfte sozialen Wandelns. Sie hat einen wirksamen

Einfluss auf soziale, demographische und ökonomische Transformationsprozesse.

Durch Migration werden politische Grenzen übertreten, die Arbeitskräfte in

unterschiedlichen Regionen und Staaten neu zusammengesetzt, das Gesicht der Städte

nachhaltig und unumkehrbar verändert. Außerdem stellt Migration eine Triebkraft von

kultureller und ökonomischer Entwicklung dar. Menschen, die in einem Land ihre neue

Heimat gefunden haben, bringen Wissen, Erfahrungen und Kultur mit und bereichern

damit ihre Aufnahmeland. Düvell beschreibt Migration nicht als isoliertes soziales

Phänomen, sondern als einen integralen Bestandteil der Entwicklung der Menschheit

(vgl. Düvell, S.164).

Die Migrationsbewegungen spielten schon immer eine bedeutende Rolle für die

Bundesrepublik Deutschland.

2.1

Migration in der Bundesrepublik Deutschland: ein Blick in die Geschichte

der deutschen Nachkriegszeit

Zurzeit leben in Deutschland laut einer Statistik des Bundesamtes vom 31.12.2008

7.246.558 Ausländer, das sind 8,8% der Gesamtbevölkerung. Schon seit Jahrhunderten

zeichnete sich das deutsche Territorium durch Menschenwanderungen aus. Die heutige

Migrationsrealität in Deutschland ist weitgehend durch die Migrationsvorgänge geprägt,

die nach dem Zweiten Weltkrieg eingetreten sind. Sie sind komplex und facettenreich.

Die wichtigsten Migrantengruppen in Deutschland sind:

· ausländische Arbeitnehmer, vor allem aus südeuropäischen Ländern,

· Aussiedler

· Flüchtlinge/Asylbewerber.

8


2.1.1 Ausländische Arbeitskräfte

"Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen."

Max Frisch

Eine der zentralen Bestimmungsfaktoren der heutigen Migrationsrealität stellt die

Anwerbung der Arbeitskräfte aus den südeuropäischen Ländern in der wirtschaftlichen

Aufbau- und Wachstumsphase unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Am 20.

Dezember 1955 schloss die Bundesrepublik mit Italien ein erstes Anwerbeabkommen

zur Rekrutierung von Arbeitskräften ab. Weitere solcher Abkommen folgten unter

anderem mit Spanien (1960), Griechenland (1960), Türkei (1961) und Jugoslawien

(1968) (vgl. Han, S. 23).

Die Gründe für die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften in Westdeutschland

waren:

· anhaltender Boom der deutschen Exportwirtschaft;

· die Anzahl der offenen Stellen 1960 war höher als die Zahl der Arbeitslosen;

· Bildungsexpansion und verlängerte Bildungszeiten;

· sinkendes Rentenalter;

· Babyboom und verringerte Erwerbsbeteiligung von Frauen auf dem

Arbeitsmarkt (vgl. Münz u.a. S. 44).

Gesucht und ins Land geholt wurden Personen, für die es auch Arbeit gab, überwiegend

schlecht bezahlte und unattraktive Arbeit, für die sich deutsche Bürger nicht

interessierten. Die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse für die ausländischen

Arbeitnehmer wurden zunächst nur für ein Jahr ausgestellt. Nach einem Jahr mussten

die Arbeiter das Land verlassen, als Ersatz kamen immer wieder neue ausländische

Arbeitssuchende nach Deutschland. In den ersten Jahren der Gastarbeitermigration

wurde das Rotationsmodell von der deutschen Wirtschaft und Öffentlichkeit und auch

von den Gastarbeitern und ihren Herkunftsländern akzeptiert. In dieser Zeit kamen bis

zum Anwerbestopp 1973 insgesamt 2,6 Mio. Erwerbstätige nach Deutschland. Die

größten Gruppen unter den Beschäftigten waren zum damaligen Zeitpunkt 605.000

Türken, 535.000 Jugoslawen, gefolgt von 450.000 Italienern, 250.000 Griechen und

190.000 Spaniern (vgl. Länderprofil S. 2).

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