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Privathaushaltssituation, Umweltbewusstsein und Umweltverhalten

Subtitle: Die Privathaushaltssituation als Determinante des Umweltverhaltens in der Schweiz

Swiss Diploma Thesis, 2007, 206 Pages
Author: Lic. phil. I Prisca Erb
Subject: Sociology - Miscellaneous

Details

Category: Swiss Diploma Thesis
Year: 2007
Pages: 206
Grade: 5-6
Language: German
Archive No.: V137533
ISBN (E-book): 978-3-640-44912-5
ISBN (Book): 978-3-640-46049-6

Abstract

Das Verhalten der Bevölkerung beeinflusst die Umwelt massgeblich, sowohl durch die direkt verursachte Umweltbelastung in den Haushalten, als auch indirekt durch von Privathaushalten nachgefragten Gütern und Dienstleistungen. Eine hinreichende Erklärung für das Umweltverhalten wurde bis heute noch nicht gefunden. Das Konstrukt „Umweltbewusstsein“ ist die einzige Determinante, die eine moderate Beziehung zum Umweltverhalten aufweist. Die soziodemographische Verteilung des Umweltverhaltens in der Bevölkerung kann ebenfalls als gut erforscht gelten, die Ergebnisse sind jedoch ziemlich heterogen. Die Suche nach weiteren Einflusskräften des Umweltverhaltens wird somit ins Zentrum dieser Lizentiatsarbeit gestellt. Die zu untersuchenden umweltrelevanten Verhaltensbereiche sind das Recyclingverhalten, der Autoverzicht, die Petitionsunterstützung und die Spendentätigkeit. Diese werden einerseits einzeln betrachtet, andererseits werden mit ihnen die Indizes „allgemeines Umweltverhalten“, „passiv-routiniertes Umweltverhalten“ und „aktiv-sporadisches Umweltverhalten“ gebildet. Auf theoretischer Ebene wird vorerst, neben dem Umweltbewusstsein und den soziodemographischen Variablen Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildung nach möglichen weiteren Einflusskräften des Umweltverhaltens in der Bevölkerung gesucht. Da heutzutage die Zahl an verschiedenartigen Lebensformen stark zunimmt und der private Haushalt als sozioökonomische Einheit einen starken Einfluss auf Alltagshandlungen zu haben scheint, werden wichtige Einflussfaktoren in diesen Bereichen gesucht. Herauskristallisieren werden sich die Merkmale „Wohngegend“, „Haushaltszusammensetzung“ und „Pensum der Lohnarbeit“, die zu einem inhaltlichen Konstrukt zusammengefasst werden, das mit dem Begriff „Privathaushaltssituation“ betitelt wird. Eine Typologie mit Einbezug der vier Umweltverhaltensbereiche und dem Umweltbewusstsein soll schliesslich dazu dienen, Teilsegmente der Bevölkerung zu identifizieren und zu charakterisieren.


Excerpt (computer-generated)

Lizentiatsarbeit der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich










Privathaushaltssituation, Umweltbewusstsein und

Umweltverhalten



Die Privathaushaltssituation als Determinante des

Umweltverhaltens in der Schweiz

Lizentiatsarbeit eingereicht

am Soziologischen Institut

Prisca Erb

Zürich, Mai 2007


Abstract

Das Verhalten der Bevölkerung beeinflusst die Umwelt massgeblich, sowohl durch die direkt

verursachte Umweltbelastung in den Haushalten, als auch indirekt durch von Privathaushalten

nachgefragten Gütern und Dienstleistungen. Eine hinreichende Erklärung für das Umweltver-

halten wurde bis heute noch nicht gefunden. Das Konstrukt ,,Umweltbewusstsein" ist die ein-

zige Determinante, die eine moderate Beziehung zum Umweltverhalten aufweist. Die sozio-

demographische Verteilung des Umweltverhaltens in der Bevölkerung kann ebenfalls als gut

erforscht gelten, die Ergebnisse sind jedoch ziemlich heterogen.

Die Suche nach weiteren Einflusskräften des Umweltverhaltens wird somit ins Zentrum dieser

Lizentiatsarbeit gestellt. Die zu untersuchenden umweltrelevanten Verhaltensbereiche sind

das Recyclingverhalten, der Autoverzicht, die Petitionsunterstützung und die Spendentätig-

keit. Diese werden einerseits einzeln betrachtet, andererseits werden mit ihnen die Indizes

,,allgemeines Umweltverhalten", ,,passiv-routiniertes Umweltverhalten" und ,,aktiv-

sporadisches Umweltverhalten" gebildet. Auf theoretischer Ebene wird vorerst, neben dem

Umweltbewusstsein und den soziodemographischen Variablen Geschlecht, Alter, Einkommen

und Bildung nach möglichen weiteren Einflusskräften des Umweltverhaltens in der Bevölke-

rung gesucht. Da heutzutage die Zahl an verschiedenartigen Lebensformen stark zunimmt und

der private Haushalt als sozioökonomische Einheit einen starken Einfluss auf Alltagshandlun-

gen zu haben scheint, werden wichtige Einflussfaktoren in diesen Bereichen gesucht. Heraus-

kristallisieren werden sich die Merkmale ,,Wohngegend", ,,Haushaltszusammensetzung" und

,,Pensum der Lohnarbeit", die zu einem inhaltlichen Konstrukt zusammengefasst werden, das

mit dem Begriff ,,Privathaushaltssituation" betitelt wird. Eine Typologie mit Einbezug der

vier Umweltverhaltensbereiche und dem Umweltbewusstsein soll schliesslich dazu dienen,

Teilsegmente der Bevölkerung zu identifizieren und zu charakterisieren.

Die zentralen Ergebnisse der bivariaten und multivariaten Analysen dieser Arbeit lassen sich

folgendermassen zusammenfassen: Das Umweltbewusstsein kann sich als Hauptdeterminante

des Umweltverhaltens in allen untersuchten Bereichen behaupten. Die Zusammenhänge des

Umweltbewusstseins und des Umweltverhaltens mit den soziodemographischen Variablen

stützen zudem weitgehend die Befunde der bisherigen Forschung. Beziehungen mit den

Merkmalen der Privathaushaltssituation wurden dagegen nur vereinzelt beim Umweltbe-

wusstsein und bei einigen Verhaltensbereichen beobachtet. Zusätzlich konnten durch eine

Typologie klar voneinander abgrenzbare Umweltcluster identifiziert werden.


Inhaltsverzeichnis


Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

1

1.1 Umweltbewusstseins- und Umweltverhaltensforschung

1

1.2 Fragestellung dieser Arbeit

3

1.3 Datenlage

5

1.4 Aufbau dieser Arbeit

6

2. Begriffsdefinitionen

7

2.1 Umweltbewusstsein

7

2.2 Umweltverhalten

12

2.3 Privathaushaltssituation

17

2.4 Fazit

18

3. Einflüsse des Umweltverhaltens in der bisherigen Forschung

19

3.1 Die soziale Basis des Umweltbewusstseins und Umweltverhaltens

19

3.2 Der Zusammenhang von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten

25

3.3 Umwelttypologie

35

3.4 Der Einfluss von externen Anreizen auf das Umweltverhalten

38

3.5 Fazit

44


4. Der umweltrelevante Handlungswahlprozess

45

4.1 Theorie des rationalen Handelns

46

4.2 Die Umweltproblematik als Allmendedilemma

48

4.3 Theorie des geplanten Verhaltens

53

4.4 Ipsative Handlungstheorie

55

4.5 Fazit

57


5. Der Einfluss der Privathaushaltssituation auf das Umweltverhalten

58

5.1 Haushaltszusammensetzung

58

5.2 Wohngegend

62

5.3 Pensum der Lohnarbeit

64

5.4 Fazit

65


6. Modell und Hypothesen

67

6.1 Modell

67

6.2 Hypothesen

69

7. Datensatz

71

7.1 Befragung als Methode

71

7.2 Beschreibung des Datensatzes

72

7.3 Fazit

74


8. Beschreibung der verwendeten Methoden

76

8.1 Faktorenanalyse

76

8.2 Korrelationen und Mehrfeldtabellen

77

8.3 Multiple lineare Regression

78

8.4 Binäre logistische Regression

81

8.5 Interaktionseffekte

85

8.6 Clusteranalyse

86

8.7 Fazit

89

9. Variablenbeschreibung

90

9.1 Indexbildung des Umweltverhaltens

90

9.2 Indexbildung des Umweltbewusstseins

95

9.3 Deskriptive Statistik

100

9.4 Analyse der fehlenden Werte

104

9.5 Fazit

117

10. Bivariate Zusammenhänge

118

10.1 Das Umweltverhalten als abhängige Variable

118

10.2 Das Umweltbewusstsein als abhängige Variable

125

10.3 Fazit

130

11. Komplexere Analysen

131

11.1 Multiple lineare Regression mit der unabhängigen Variablen

,,Allgemeines Umweltbewusstsein"

131

11.2 Multiple lineare Regression mit der unabhängigen Variablen

,,Allgemeines Umweltverhalten"

137

11.3 Binäre logistische Regressionen mit den

Umweltverhaltensbereichen

141

11.4 Clusteranalyse

150

11.5 Fazit

157

12. Schlussfolgerungen

160

12.1 Schlussfolgerungen

160

12.2 Fazit

169

Anhang
Literaturverzeichnis








Abbildungsverzeichnis


Abb. 4.1:

Erweiterung des Modells des geplanten Verhaltens

nach Bohner 2001, S. 309

54

Abb. 6.1: Modell zum Zusammenhang von abhängigen und

unabhängigen Variablen

68

Abb. 9.1:

Häufigkeitsverteilung ,,Allgemeines Umweltverhalten"

92

Abb. 9.2:

Häufigkeitsverteilung ,,Aktiv-sporadisches Umweltverhalten"

93

Abb. 9.3:

Häufigkeitsverteilung ,,Passiv-routiniertes Umweltverhalten"

93

Abb. 9.4:

Häufigkeitsverteilung ,,Allgemeines Umweltbewusstsein"

mit Normalverteilungs-Referenzlinie

99

Abb. 10.1: Streudiagramm mit linearer Regressionsgerade:

Allgemeines Umweltverhalten und allgemeines Umweltbewusstsein

120

Abb. 10.2: Mehrfaches Liniendiagramm mit der Wechselwirkung von Alter und

Familieneinkommen auf die abhängige Variable Autoverzicht

123

Abb. 10.3: Zusammenhang von allgemeinem Umweltbewusstsein

und Alter (Kategorien)

126

Abb. 10.4: Mehrfaches Liniendiagramm: Gruppenvergleich nach Geschlecht für

Den Zusammenhang von allgemeinem Umweltbewusstsein

und Alter (Kategorien)

127

Abb. 10.5: Mehrfaches Liniendiagramm: Gruppenvergleich nach Geschlecht für den

Zusammenhang von allgemeinem Umweltbewusstsein und Wohngegend 128

Abb. 10.6: Mehrfaches Liniendiagramm: Gruppenvergleich nach Geschlecht für den

Zusammenhang von allgemeinem Umweltbewusstsein und Bildung

129

Abb. 11.1: Streudiagramm: unstandardisierte Residuen vs.

die unabhängige Variable Alter

135

Abb. 11.2: Streudiagramm: unstandardisierte Residuen vs.

die unabhängige Variable Bildung

136

Abb. 11.3: Streudiagramm: unstandardisierte Residuen vs. die

unabhängige Variable ,,allgemeines Umweltbewusstsein"

140

Abb. 11.4: Prozentuale Verteilung der vier Umwelttypen

154



Tabellenverzeichnis


Tab. 9.1:

Indexkennwerte der Indizes ,,Allgemeines Umweltverhalten", ,,Passiv-

routiniertes Umweltverhalten" und ,,Aktiv-sporadisches Umweltverhalten"

95

Tab. 9.2:

Indexkennwerte des Index ,,Allgemeines Umweltbewusstsein"

100

Tab. 9.3:

Deskriptive Statistik, fehlende Werte ausgeschlossen

Stichprobengrösse (n = 1006)

101

Tab. 9.4a: Häufigkeitsverteilungen der Missingvariable ,,Autoverzicht-Missing"

105

Tab. 9.4b:

Häufigkeitsverteilungen der Missingvariablen (Umweltbewusstsein,

Haushaltszusammensetzung und Familieneinkommen)

105

Tab. 9.5:

Bivariate Korrelationen für die Missinganalysen

107

Tab.9.6:

Regressanden der Missinganalysen und Regressoren mit signifikanten

Korrelationen, die in eine binäre logistische Regression eingehen.

108

Tab. 9.7a:

Ergebnisse der binären logistischen Regressionen mit den abhängigen

Variablen ,,Autoverzicht-Missing" und ,,Umweltbewusstsein-Missing 1

und ­Missing 2"

111

Tab. 9.7b:

Ergebnisse der binären logistischen Regressionen für die

abhängigen Variablen ,,Haushaltszusammensetzung-Missing"

und ,,Familieneinkommen-Missing"

112

Tab. 9.8:

Regressanden der Missing-Analysen und ihre einflussstarken

Regressoren. Geordnet nach der Einflussstärke.

116

Tab. 9.9:

Deskriptive Statistik der Variablen, deren fehlende Werte durch

den Mittelwert ersetzt wurden.

117

Tab. 10.1:

Bivariate Korrelationen, Umweltverhalten als abhängige Variable

119

Tab. 10.2:

Bivariate Korrelationen, allgemeines Umweltbewusstsein als abhängige

Variable

125

Tab. 11.1:

Regressanden und Regressoren, die signifikante Korrelationen aufweisen

und deshalb in das multiple lineare Regressionsmodell einbezogen

werden, und Interaktionsvariable mit signifikantem Einfluss.

133

Tab. 11.2:

F-Statistik und Zerlegung der Varianz des linearen Regressionsmodells

mit der abhängigen Variable ,,allgemeines Umweltbewusstsein"

133

Tab. 11.3:

Regressionskoeffizienten, T-Statistik und Kollinearitätsstatistik des

Regressionsmodells mit der abhängigen Variable

,,allgemeines Umweltbewusstsein" 134


Tab. 11.4:

Regressand und Regressoren, die signifikante Korrelationen aufweisen und

deshalb in das multiple lineare Regressionsmodell einbezogen werden. 137

Tab. 11.5: F-Statistik und Zerlegung der Varianz des linearen Regressionsmodells

mit der abhängigen Variable ,,allgemeines Umweltverhalten"

138

Tab. 11.6:

Regressionskoeffizienten, T-Statistik und Kollinearitätsstatistik des

Regressionsmodells mit der abhängigen Variable

,,Allgemeines Umweltverhalten"

139

Tab. 11.7:

Dichotomskalierte Regressanden: Umweltverhaltensbereiche

142

Tab. 11.8:

Indikatorcodierung der unabhängigen Variable Wohngegend

142

Tab. 11.9:

Regressanden und Regressoren, die signifikante Korrelationen

aufweisen und deshalb in binäre logistische Regressionsmodelle

einbezogen werden.

143

Tab. 11.10a: Ergebnisse der binären logistischen Regressionen für die

abhängigen Variablen ,,Autoverzicht", ,,Recyclingverhalten"

und ,,Petitionsunterstützung"

146

Tab. 11.10b: Ergebnisse der binären logistischen Regressionen für die

abhängigen Variablen ,,Spendentätigkeit", ,,Passiv-routiniertes

Umweltverhalten" und ,,Aktiv-unterstützendes Umweltverhalten"

147

Tab. 11.11: Häufigkeitsverteilungen der in die Clusteranalyse eingehenden

dichotomen Variablen

150

Tab. 11.12: Kombinationsmöglichkeiten binärer Variablen

152

Tab. 11.13: Charakterisierung der vier Umwelttypen: Mittelwerte der

Umweltverhaltensbereiche und des Umweltbewusstseins

152

Tab. 11.14: Beschreibende Charakterisierung der vier Umweltcluster

153

Tab. 11.15: Kreuztabelle mit den Umwelttypen und dem Pensum der Lohnarbeit

156

Tab. 11.16: Kreuztabelle mit den Umwelttypen und der Bildung

156

Tab. 11.17: Abhängige Variablen und die durch die komplexen Analysen

Ausgewählten einflussreichen unabhängigen Variablen

157


1. Einleitung

Die Einleitung gliedert sich in die folgenden Kapitel: In Kapitel 1.1 wird zunächst die Ge-

schichte der Umweltsoziologie kurz umrissen, um das Thema dieser Arbeit in seinem grösse-

ren Kontext einordnen zu können. Danach wird der engere Zusammenhang dieser Arbeit be-

schrieben: die Umweltbewusstseins- und Umweltverhaltensforschung mit ihrer Tradition und

dem heutigen Forschungsstand. Kapitel 1.2 widmet sich der konkreten Fragestellung dieser

Arbeit. Die Datenlage der statistischen Analyse wird in Kapitel 1.3 kurz vorgestellt, und

schliesslich wird in Kapitel 1.4 der Aufbau dieser Lizentiatsarbeit erläutert.

1.1 Umweltbewusstseins- und Umweltverhaltensforschung

Die Umweltsoziologie befasst sich im Allgemeinen mit denjenigen ökologischen Problemen,

die sozial produziert werden und die darauf bezogenen gesellschaftlichen Reaktionen. Mit der

Basis von sozialwissenschaftlichen Theorien und empirischen Untersuchungen kann sie einen

wesentlichen Beitrag zu handlungspraktischem Wissen und Einsichten liefern, um auf lokaler

und globaler Ebene einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu fördern

(Diekmann/Jaeger 1996).

In den letzten Jahrzehnten wurde die Umweltsoziologie vorwiegend geprägt durch die seit

den 80er Jahren verstärkte Umweltdiskussion in Politik und Öffentlichkeit. Namentlich die

Soziologie hat auf die ökologische Herausforderung mit zunehmender Zahl an theoretischen

und empirischen Studien reagiert. Zum einen sind es breit angelegte gesellschaftliche Studien,

wie die ,,Risikogesellschaft" von Beck (1986) oder die ,,Ökologische Kommunikation" von

Luhmann (1986). Im Weiteren sind zu erwähnen: Studien zu Einstellungen gegenüber Risiken

neuer Technologien (Renn 1984; van den Daele 1986) und nicht zuletzt Untersuchungen zum

Umweltbewusstsein und Umweltverhalten (Dierkes/ Fietkau 1988; Langeheine/ Lehmann

1986; Urban 1986; Diekmann/Preisendörfer 1992; de Haan/Kuckartz 1996; Preisendörfer

1999). Analysen über Umweltbewusstsein und Umweltverhalten, die auf Befragungen basie-

ren, stellen heutzutage das zahlenmässig bedeutsamste Arbeitsfeld der Umweltsoziologie dar,

wenn man sich auf die Zahl der Arbeiten stützt (Diekmann/Preisendörfer 2001).

Eine wichtige Komponente der ökologischen Problematik stellt die direkte und indirekte

Umweltbeeinflussung durch das Verhalten der Bevölkerung dar. Der Anteil der direkt verur-

sachten Umweltbelastung durch Privathaushalte wird auf 25 bis 40 Prozent der Gesamtbelas-

1


tung geschätzt (Seel 1995; Reusswig 1999). Darin enthalten sind noch nicht die indirekt durch

die Privathaushalte verursachten Umweltbelastungen, die auf die Produktion von nachgefrag-

ten Gütern und Dienstleistungen zurückzuführen sind. Damit wird angezeigt, dass die priva-

ten Haushalte einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Umweltbelastung leisten (Seel

1995). Ein grosser Teil der Umweltproblematik kann folglich auf fehlangepasste Verhaltens-

weisen eines grossen Teils der Bevölkerung zurückgeführt werden, was darauf schliessen

lässt, dass dieses Verhalten beeinflusst und verändert werden muss (Maloney/Ward 1973).

Umweltpolitische Aktivitäten sind darum meist auf das umweltrelevante Verhalten der Be-

völkerung gerichtet. Um solche Aktivitäten erfolgreich werden zu lassen, braucht es aussage-

kräftige Beobachtungen des Verhaltens und der Verhaltensänderungen. Da die direkte Beo-

bachtung von Verhaltensweisen meist zu aufwändig ist und vielfach nicht in aussagekräftiger

Form zur Verfügung steht, kommt Befragungen immer noch eine grosse Bedeutung zu (Diek-

mann/Preisendörfer 2001).

Die Erforschung von umweltrelevanten Einstellungen, ohne Bezugnahme auf das Umwelt-

verhalten, kann in der Tradition der Wertwandelforschung (Inglehart 1982; Scherhorn 1994)

angesiedelt werden. In diesen Arbeiten wird aber noch kein Bezug zu praktischen Konse-

quenzen von Wertewandel vollzogen. Auf den Zusammenhang von Umweltverhalten und

Umweltbewusstsein wird in der sozialpsychologischen Einstellungs-Verhaltens-Forschung

eingegangen (Ajzen/Fishbein 1977). Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass sich Ein-

stellungen direkt in entsprechendes Verhalten überführen lassen. Diese Annahme kann heute

in verschiedenen Bereichen als überholt gelten. Für den Zusammenhang von Umweltbewusst-

sein und Umweltverhalten wurden Korrelationen zwischen 0.10 bis 0.40 gefunden (Kuckartz

1998; Diekmann/Preisendörfer 2001), was auf einen relevanten Einfluss schliessen lässt.

Gleichzeitig wird damit angezeigt, dass es weitere massgebende Einflusskräfte geben muss.

Auch die unerklärte Varianz für den globalen Index ,,Umweltverhalten", bei ausschliessli-

chem Betrachten des Faktors Umweltbewusstsein von 85 bis 90 Prozent, (Hines 1984; Ku-

ckartz 1998; Diekmann/Preisendörfer 1992), lässt auf die notwendige Suche nach weiteren

Determinanten schliessen. Dies zeigt auch die aktuelle Annahme der Einstellungs-Verhaltens-

Forschung im Umweltbereich, die annimmt, dass Umweltbewusstsein nur eines neben zahl-

reichen Motiven für umweltrelevantes Verhalten darstellt (Hines 1984; Schütz 1995; Ku-

ckartz 1998; Preisendörfer 1999).

Die massgebliche Rolle von externen Anreizen bei der Erklärung von umweltrelevantem

Verhalten konnte in mehreren Untersuchungen belegt werden (Diekmann 1995; Schahn

2


1993). Die Grenze der Wirksamkeit und nicht zu vernachlässigende negative Nebeneffekte

scheinen eine Einschränkung von solchen Anreizen für Verhaltensänderungen in Richtung

von umweltfreundlichem Verhalten zu unterbinden (Bem 1972; Preisendörfer/Franzen 1996;

Bohner 2001; Frey/Bohnet 1996).

Die soziale Basis des Umweltbewusstseins und des Umweltverhaltens stellt ebenfalls ein Un-

tersuchungsfeld dar, das es zu analysieren gilt, denn Ergebnisse über den Zusammenhang der

soziodemographischen Variablen Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildung mit dem Um-

weltbewusstsein bzw. dem Umweltverhalten haben gezeigt, dass Ergebnisse verschiedener

Studien in keine eindeutige Richtung weisen. Auf die verschiedenen Befunde wird im Kapitel

3.1 näher eingegangen.

1.2 Fragestellung dieser Arbeit

Bis zum heutigen Zeitpunkt wurde noch keine hinreichende Erklärung für umweltrelevantes

Verhalten gefunden. Es erscheint deshalb sinnvoll, in dieser Arbeit nach weiteren Einfluss-

kräften des Umweltverhaltens zu suchen. Das übergeordnete Ziel kann darin gesehen werden,

solche relevante Determinanten in Überlegungen für sinnvolle umweltpolitische Aktivitäten

einzubeziehen.

In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass Personen nach der

Theorie rationalen Han-

delns

(Esser 1990; Diekmann/Preisendörfer 1991; Braun/Franzen 1995; Diekmann 1995;

Diekmann/Voss 2004) grundsätzlich rational, das heisst auf Grund egoistischer Interessen und

Präferenzen umweltrelevant handeln. Dabei wird von der allgemeinen

Umweltproblematik

als Allmendedilemma

ausgegangen (Hardin 1968; McCay/Jentoft 1996; Mosler/Gutscher

1996; Diekmann/Preisendörfer 2001), das erklärt, warum sich Personen in vielen Situationen

nicht umweltbewusst verhalten. Es wird gefragt, welche Faktoren zur Lösung dieses Dilem-

mas beitragen, und die Antwort wird in Faktoren gesucht, die im Prozess der Handlungswahl

eine Rolle spielen und die egoistischen Interessen und Präferenzen somit in Richtung eines

umweltbewussten oder umweltschädigenden Verhaltens steuern. Der Prozess der Handlungs-

wahl wird in dieser Arbeit mit dem

Modell des geplanten Verhaltens

(Ajzen 1991) und der

ipsativen Handlungstheorie

(Frey/Foppa 1986) beschrieben.

Der Tatbestand, dass in den letzten Jahrzehnten die Zahl an unterschiedlichen

Lebensformen

und privaten Haushaltsformen

stark angestiegen ist, wirft die Frage nach deren Einfluss auf

Alltagshandlungen, namentlich auf das Umweltverhalten auf. Es können deshalb relevante

3



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