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Research Paper (Pre-University), 2009, 20 Pages
Author: Marcus Zeller
Subject: Psychology - Psychology of Religion
Details
Year: 2009
Pages: 20
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45514-0
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Abstract
Religiöse Rand- oder Sondergruppen und Kulte nehmen in der psychologischen Beratung eine Sonderstellung ein, die unter anderem darin begründet liegt, dass das einzelne Mitglied das Weltbild, welches seine Kirche oder Organisation jeweils vertritt, als einzig gültige „Wahrheit“ verinnerlicht und oftmals vollständig internalisiert hat. Die intellektuelle sowie seine emotionale Beurteilung seiner Wahrnehmung der Außenwelt sowie alle kognitiven und inneren Vorgänge sind untrennbar mit dem moralischen, ethischen und religiösen Verständnis seiner Kirche verknüpft. Damit ergeben sich besondere Herausforderungen für die psychologische Beratung, da es unumgänglich ist, diese Besonderheiten zu berücksichtigen, möchte man als Berater effektive Hilfestellung bei dem Anliegen des Klienten leisten, der mit einer religiösen oder pseudo-religiösen Gemeinschaft verbunden ist.
Fulltext (computer-generated)
Abschlussarbeit zum Fernstudium psychologischen Berater Marcus Zeller
Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten
eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis
1.: Einleitung
2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer ,,Bewusstseinskontrolle"?
2.1.1: Begriffsdefinition ,,Bewusstseinskontrolle"
2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und
pseudo-religiöse Gruppen
2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen
2.2.1: Identitätsdiffusion
2.2.2: Selbstwahrnehmung
2.2.3: Entwicklungshemmung
2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen
2.3: Motivationen
2.3.1: vereinfachte Realität und Sinn
2.3.2: soziale Bindung
2.3.3: weitere Motive
3.1: Wenn der Zweifel kommt
3.1.1: Kognitive Dissonanz
3.1.2: ,,Der Wohlfühlfaktor"
3.2: Abwehrmechanismen
3.2.1: Heuristiken
3.2.2: Schuld
3.2.3: Reinheit
3.2.4: Compliance
3.2.5: Reaktanz
4.1 Aussteiger in der Beratung
4.2 Mögliche Symptome der Ausstiegsproblematik
4.3 Die Grenzen der Beratung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
-1-
Einleitung
Religiöse Rand- oder Sondergruppen und Kulte nehmen in der psychologischen Beratung eine
Sonderstellung ein, die unter anderem darin begründet liegt, dass das einzelne Mitglied das
Weltbild, welches seine Kirche oder Organisation jeweils vertritt, als einzig gültige ,,Wahrheit"
verinnerlicht und oftmals vollständig internalisiert hat.
Die intellektuelle sowie seine emotionale Beurteilung seiner Wahrnehmung der Außenwelt
sowie alle kognitiven und inneren Vorgänge sind untrennbar mit dem moralischen, ethischen
und religiösen Verständnis seiner Kirche verknüpft.
Damit ergeben sich besondere Herausforderungen für die psychologische Beratung, da es
unumgänglich ist, diese Besonderheiten zu berücksichtigen, möchte man als Berater effektive
Hilfestellung bei dem Anliegen des Klienten leisten, der mit einer religiösen oder pseudo-
religiösen Gemeinschaft verbunden ist.
Ich verzichte in meinen Abhandlungen bewusst auf den Begriff ,,Sekte", da er überwiegend
negativ assoziiert ist und damit ein Urteil transportiert. Angesichts der Unmöglichkeit, den
Begriff ,,Sekte" treffend und umfassend zu definieren sowie der Vielzahl der Organisationen mit
religiöser Prägung oder Zielsetzung verwende ich einfach den Begriff ,,Gemeinschaft".
Selbstverständlich können einige der thematisierten Symptome auch bei Mitgliedern der
,,etablierten" Kirchen auftreten oder in ursächlichem Zusammenhang mit ihren Problemen
stehen.
Der Einfachheit halber verwende ich durchgehend den Begriff ,,Berater" im männlichen
Singular bezogen auf die Funktion und nicht auf die natürliche Person.
2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer ,,Bewusstseinskontrolle"?
Der nicht unumstrittene Begriff ,,Bewusstseinskontrolle" tauchte nach dem zweiten Weltkrieg
auf und findet seither Anwendung auf verschiedenste Systeme. Da jeder Mensch naturgemäß
Einflüssen seiner Umwelt unterliegt, stellt sich die Frage, ab wann man von einer gezielten
Manipulation des Einzelnen oder einer Gruppe sprechen kann, bei der das Verhalten und die
Einstellungen eines Menschen nachhaltig verändert werden, während der Betreffende
überzeugt ist,
selber
Ursache dieser Veränderungen zu sein. Deshalb möchte ich zunächst
dem Begriff ,,Bewusstseinskontrolle" Inhalt verleihen.
2.1.1: Begriffsdefinition ,,Bewusstseinskontrolle"
Unter Bewusstseinskontrolle versteht man ,,ein System von Einflüssen, mit dem die Identität
des Individuums (seine Überzeugungen, sein Verhalten, sein Denken und Fühlen) ...durch
eine neue Identität ersetzt wird." (S. Hassan, S.25). Das System besitzt eine
Plausibilitätsstruktur
, die in sich völlig stimmig ist und sich selbst aufrechterhält (Quelle:
Berger& Luckmann, 1980). Subjektive Irritationen und Unstimmigkeiten haben demzufolge
immer ihre Ursache im Individuum, niemals aber im System. Es existiert i. d. R. ein internes
Kontrollsystem wie z. B. die Verpflichtung der Mitglieder, ,,Verfehlungen" oder Regelverstöße
der Führung zu melden, sowie geeignete Maßnahmen, derartig Verstöße zu ahnden (vgl.
Deckert, S. 77).
-2-
2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und pseudo-
religiöse Gruppen
1.:
Verhaltenskontrolle:
Verhalten und Ziele werden formuliert, die die Freizeit beschränken;
es findet eine Regulierung des Alltags mit Elementen der Gruppe statt. Es existiert eine
hierarchische Struktur. Auffällig ist die sog. ,,Milieukontrolle", bei der die Kommunikation des
Mitgliedes mit seiner Umwelt beschränkt oder vorgegeben wird. Die Demonstration von
Konformität sichert das Ansehen innerhalb der Gruppe und wird als erstrebenswert idealisiert,
womit die Unterdrückung von Zweifeln eine positive moralische Bedeutung erhält.
2.:
Gefühlskontrolle:
Durch die Glaubenslehre der Gruppe wird ein ,,Feindbild" geschaffen,
das die Welt in ,,drinnen und draußen" unterteilt, der sog. ,,in-out-group Effekt". Das Gewissen
des Einzelnen muss dem kollektiven weichen, welches die Doktrin zur alleinigen Wahrheit und
dem göttlichen Maß-Stab erhebt. Dabei sind zwei Hauptgewichtungen erkennbar:
-
Glück
: Gemeinschaft nur innerhalb der Gruppe, Heilsversprechen bei Loyalität
-
Loyalität
: keine Kritik an der Führung, nur an sich selber
3.:
Informationskontrolle
: Hierbei wird der Zugang zu kritischer Information stigmatisiert oder
dämonisiert (z.B.
Abtrünnige (ehemalige Mitglieder) sind grundsätzlich bösartig motiviert und
nutzen geschickte Techniken der Irreführung; Literatur religiöser Art, die nicht von der
Gemeinschaft stammt, ist ,,Speise am Tisch der Dämonen", wenn auch diese selber in ihren
Schriften daraus zitiert
), Stückelung von Informationen, es existieren verschiedene
Wahrheitsebenen innerhalb der Gemeinschaft. In Bezug auf eine christlich orientierte
Glaubensgemeinschaft schreibt Raymond Franz: ,,Die Glaubensgemeinde wird vollständig isoliert
und geistig abgeriegelt von allen biblischen Materialquellen, die nicht mit der Stimme der
Organisation sprechen. Man sagt (ihnen), dass sei der einzige Weg, sie vor Irreführung zu
bewahren. Das Ziel ist eine ansteckungsfreie Atmosphäre, in der die Ansichten und Auslegungen
der Organisation zirkulieren können, ohne sich kritische Fragen stellen zu müssen." (Franz, S.
375). Es fehlt zumindest bezüglich der Glaubensdoktrin völlig an einer Diskussionskultur;
abweichende Meinungen sind ein Zeichen von Stolz oder Unreife und führen schlimmstenfalls zur
Isolation. Das führt dazu, dass das Mitglied seine eigene Urteilskraft latent in Zweifel zieht. Meist
ist auch die Konsultation psychotherapeutischer Hilfe unterschwellig negativ assoziiert.
4.:
Gedankenkontrolle
: Die Ideologie der Gruppe wird als einzige gültige Wahrheit verinnerlicht,
die göttliche Legitimation besitzt, außerdem ist eine Hauptaufgabe formuliert. Es existiert eine
geladene Sprache
, d.h. es gibt bestimmte (biblische) Begriffe, denen eine neue, Gruppeninterne
Bedeutung zugewiesen wird und die z. T. komplexe Gedankenverbindungen assoziieren und
damit die Realität vereinfachen, antizipieren oder etikettieren. Durch diese ,,kognitive
Verschanzung" wird Kritik erschwert, Zweifel diskreditiert, nicht wahrgenommen oder geleugnet.
Noch differenzierter sind die Elemente der "Thought Reform" nach Robert J. Lifton (Lifton, Robert
J. (1961): Thought Reform and the Psychology of Totalism), die sich wie folgt darstellen:
-
Milieukontrolle
Es wird eine starke Abgrenzung zu Nichtmitgliedern gefordert
-
mystische Manipulation
, geplante Spontaneität (hierzu zählen Gruppenerlebnisse, deren
psychodynamische Wirkung als ,,Geist Gottes" interpretiert wird, u. ä.)
-
Forderung nach Reinheit
(Dabei wird das Schuldgefühl des Menschen manipuliert und den
Anforderungen und Interpretationen der Gruppe angepasst Das ist meist verbunden mit
irgendeiner Form des Sündenbekennens) Eng damit verbunden ist ein
-3-
-
Bekennerkult,
der den Alltag und das Denken des Mitglieds beherrscht
-
heilige Wissenschaft
-
geladene Sprache
(,,loadet language"). Hierbei werden Begriffe mit einer Kultinternen
Bedeutung versehen.
-
Vorrang der Lehre vor dem Menschen
. Der Mensch muss seine Wahrnehmung der Doktrin
unterordnen. Zweifel sind mit Schuld assoziiert. Es wird eine endlose Wiederholung von
Schuld, Scham und Angst initiiert.
-
Dispensierung der Existenz
[Zu- bzw. Aberkennung des Existenzrechts]. Dieses Kriterium
besagt, kurz gesagt, dass jeder, der nicht Teil der Gemeinschaft ist, implizit zur Welt des
,,Bösen" gehört. Eng damit verbunden ist meist die Angst vor dem Gericht Gottes.
(Quelle: ,,BITE- Modell" 2000 by Steven Hassan - veröffentlicht von Freedom of Mind
Press, Somervill MA)
2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen
Die gesamte Palette der Auswirkungen einer Bewusstseinskontrolle auf die Psyche ist sehr
umfassend und eine eingehende Betrachtung würde den vorhandenen Rahmen sprengen. In
jedem Falle entwickelt das Mitglied eine neue Identität, ein ,,neues Selbstverständnis, auf Basis der
Heilstheorie und der Gruppenbedürfnisse" (H. Stamm, S.98). Vorweg muss auch unterschieden
werden, ob das Mitglied geworben wurde oder innerhalb der Gemeinschaft aufgewachsen ist. Im
letzteren Fall kommt es häufig zu einer Identitätsdiffusion.
2.2.1: Identitätsdiffusion
Identitätsdiffusion
beschreibt das Problem der Zersplitterung der eigenen Ich-Identität
(Selbstbild). Sie beruht auf den Zweifeln der eigenen z. B. ethnischen, sozialen oder
geschlechtlichen Identität entstanden durch Unsicherheiten im eigenen Handeln und
Entscheidungen bzw. Orientierungslosigkeit.
Es sind Unsicherheiten in Bezug darauf, ob der ,,richtige" Weg gewählt wurde oder Ängste, nicht zu
wissen zu wem man sich in der Zukunft entwickelt oder auch welche Werte und Normen als die
eigenen übernommen werden sollen. Diese Diffusion betrifft die meisten Jugendlichen und löst
sich im Laufe einer normalen Entwicklung auf. Jedoch in extremen Fällen kann eine
Nichtbewältigung von latenten Krisen zu ernsthaften Entwicklungsstörungen führen, die sich erst
im frühen Erwachsenenalter bei der Ausübung von sozialen Interaktionen (Intimität) aufzeigen.
Der von
Erikson
erwähnte Prozess der Integration in Gleichaltrigennetze, der für die Individuation
sowie die sozialkognitive Entwicklung Heranwachsender maßgeblich ist, kann durch die geforderte
elementare Abgrenzung von Andersgläubigen erheblich gestört werden.
Insbesondere das Erfahrungsfeld
Peer Group
ist aus sozialisatorischer Perspektive wichtig für die
Entwicklung der Selbstdefinition und des Selbstverständnisses sowie einer eignen Moral- und
Wertvorstellung.
In totalitären Organisationen und manipulativen Gruppen ist diese Entwicklung gehemmt. Der
Betreffende hat auch im Erwachsenenalter nur einen begrenzten Zugang zu seinen innersten
Wünschen und ist oft unfähig, diese, sofern bewusst, anzuerkennen oder zuzulassen. Dies kann
im Extremfall zu einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung führen.
-4-
Der Berater sollte in dieser Hinsicht verstehen, dass das Kultmitglied viele seiner Gedanken und
Gefühle von vornherein nicht zulässt oder zumindest bewertet und gegebenenfalls als ,,böse"
brandmarkt. Durch einfühlsames Fragen kann man den Klienten möglicherweise erkennen lassen,
dass es sich bei gewissen Gefühlen um
konditionierte
und nicht um
authentische
Reaktionen
handelt und ihm damit einen Zugang zu seinem Selbst zu verhelfen.
2.2.2: Selbstwahrnehmung
Ähnlich wie bei der Identitätsdiffusion ist die Selbstwahrnehmung durch die Glaubensdoktrin der
Gemeinschaft derart geprägt, dass der Betroffene sich dauernd an diesem fremdbestimmten und
verallgemeinernden Maßstab misst. Bei geworbenen Mitgliedern kann man beobachten, dass die
Lebensgeschichte in der Zeit vor dem Beitritt zur Gemeinschaft dahingehend umgedeutet wird, als
dass sie als vergeudet, unrein oder sinnlos hingestellt wird. Erst durch den Beitritt in die
Gemeinschaft erhielt man Aussicht auf Erlösung, Perspektive, wahre Freunde, etc. In der Folge
dessen nimmt der Betroffene sich selbst als unzureichend wahr, er verdankt seinen (Lebens-) Wert
der Zugehörigkeit seiner Kirche oder Gemeinschaft. Er fühlt sich angewiesen auf die Lenkung
durch die geistige Führung seiner Gruppe. Das innere Bewusstsein wird zum Spiegelbild der
Gruppenideologie. Um die Führerschaft hingegen herrscht eine Aura aus Bedeutung,
Vollkommenheit, sodass der Einzelne im blinden Vertrauen seine Verpflichtung zum Gehorsam
anerkennt (Vgl. Underwood, S.240).
Darüber hinaus ist die Annerkennung und damit auch die Liebe innerhalb der Gruppe
bedingt
. Der
Einzelne erfährt diese nur, wenn er den Anforderungen der Ideologie entspricht. Die Mitglieder
lernen, dass ihr Wert als Mensch für sich alleine unzureichend ist; erst durch ihre Haltung zur
Ideologie und die damit verbundene Leistung erleben sie sich als ,,würdig". Die Selbstachtung kann
also weitestgehend vom Grad der Integration des Betreffenden abhängig sein (Vgl. Stamm, S.82).
Der Berater kann helfen, indem er das Vertrauen eines betroffenen Klienten in sein eigenes
Urteilsvermögen stärkt, möglicherweise mit Bezugnahme auf dessen Fachwissen,
Sozialkompetenz oder Lebenserfahrung.
2.2.3: Entwicklungshemmung
Auch bei diesem Punkt finden sich Parallelen zur Identitätsdiffusion. Bedingt durch die
reglementierte Weltsicht durch die Autorität der Gemeinschaft hat das Mitglied sehr wahrscheinlich
gewisse Merkmale seiner Persönlichkeit sowie Interessen und Ambitionen im Allgemeinen
unterdrückt. Dadurch hat es sich der Möglichkeit beraubt, durch die Ausübung dieser
Betätigungen, sei es beruflich, geistig oder freizeitlich, sein Selbstwertgefühl zu steigern und seine
Ich-Identität selbstbestimmt zu formen. Teilweise offensichtliche Potentiale liegen brach.
In der Beratung sollte man berücksichtigen, dass der Klient möglicherweise eine Reihe von
Interessen oder Ambitionen, gegen die an sich nichts einzuwenden ist, als nicht wünschenswert,
,,weltlich" oder hinderlich betrachtet.
2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen
Unter religiösen Gruppen ist eine Wahrnehmungsverzerrung am häufigsten: die Stereotypisierung.
Aufgrund des umfassenden Lehrgebäudes solcher Gruppen, welches kein Thema unerklärt lässt,
stehen dem Mitglied zu jeder Situation Erklärungsmodelle bereit. Es werden Deutungsmuster
gebildet, die scheinbar alle Bereiche des Lebens abdecken. Damit wird, wie erwähnt, die
vieldimensionale Realität auf ein einfaches Grundmuster reduziert und weiteres Hinterfragen und
ein tieferes Durchdringen der Problematik verhindert. Die Wahrnehmungsverzerrung dient also im
Prinzip dem Erhalt des Selbstwertes.
Dem Klienten zu helfen, an für ihn ungewohnter Stelle weiter zu hinterfragen, kann seinen
Blickwinkel erweitern. Der Berater sollte auch bemüht sein, das (eingeschränkte) Weltbild des
Klienten für diesen spürbar zu akzeptieren, da es sonst zu einer Urteilsstabilisierenden Interaktion
des Klienten kommen kann, was seiner weiteren Öffnung im Wege stehen würde.
-5-
2.3: Motivationen
Das Unverständnis des Beraters, warum jemand einer religiösen oder ähnlichen Rand- oder
Sondergruppe angehört, kann ein Hindernis für eine erfolgreiche Beratung sein. Es folgt ein kurzer
Abriss über die häufigsten Motivationen, die zum Beitritt und Verbleib in einer der thematisierten
Gemeinschaften führen.
2.3.1: vereinfachte Realität und Sinn
Allen Gruppierungen religiöser Natur ist der Umstand zu Eigen, dass sie ihre Anhänger in
gewissem Maße von ihren Alltagssorgen und Zukunftsängsten und damit von innerer Unsicherheit
befreien. Das Leben erhält einen tieferen Sinn und wird transzendiert, Vergänglichkeit wird
relativiert. Die Welt wird aufgrund scheinbar logischer und eingängiger Glaubenssätze
überschaubar und transparent. Ein Gefühl, eine Gewissheit der Sicherheit stellt sich ein. Diese
zunächst positiv zu bewertende Tatsache birgt aber die Schwierigkeit, dass die Wirklichkeit auf
gefährliche Weise zurechtgestutzt wird. Teile der Realität werden ausgeblendet oder
fehlinterpretiert. (vgl. Stamm, S.111).
Auch der Umstand, dass sämtliche Widersprüchlichkeiten des Lebens aufgehoben zu sein
scheinen, ist eine zentrale Kraft, sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen.
Die kollektive Meinung, die adaptierte und internalisierte Sichtweise scheint inhärent das Gefühl
der absoluten Sicherheit und Wahrheit mitzuliefern. Abweichende Ansichten oder kritisches
Infragestellen müssen Aufgrund dieser Wahrnehmungsweise von vornherein falsch sein. Der
Konformismus wird als freiwillig erlebt, anders denkende sind Opfer von Irreführung,
Vertrauensmangel oder Stolz. Aus Einheit wird Einförmigkeit.
2.3.2: soziale Bindung
Das Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit kann ein starker Auslöser sein, sich einer
religiösen Gruppe anzuschließen. Manche Gemeinschaften überschütten Aspiranten mit
Aufmerksamkeit und Zuwendung, dem so genannten ,,love- bombing". Das Ich- Gefühl wird durch
das Zugehörigkeitsgefühl aufgewertet. Zudem bietet die Gemeinschaft oftmals Möglichkeiten der
Profilierung, die einem im rauen Wettbewerb des Alltags versagt bleiben: So kann es vorkommen,
dass ein einfacher Gebäudereiniger oder Fabrikarbeiter innerhalb einer Gemeinde ein
angesehenes Amt und Autorität bekleidet. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass
die gruppeninterne Vertrautheit
bedingt
ist; sie ist gebunden an die Loyalität zur Ideologie. Eine
kritische Haltung wird als glaubenszersetzend angesehen und macht damit tiefe Freundschaften
auf ganzheitlicher Ebene unmöglich, da Kritik an der Führung oder Lehre Tabu ist. Kulte bieten
eine künstliche Vertrautheit, die auf einer gemeinsamen ideologischen Identität beruht (Vgl.
Underwood, S.244).
Aus Angst vor dem Verlust enger Beziehungen werden Zweifel in privatem Rahmen meist nicht
thematisiert. Tiefgehende Gespräche über emotionale Inhalte sind selten. Durch die latente
Konformität werden nur Konversationen als positiv angesehen und angestrebt, die sich innerhalb
des Glaubenskontinuums bewegen; dadurch bleiben solche Gespräche oft an der Oberfläche oder
drehen sich um Vorgänge, Fakten, alltägliches und banales.
Der Berater muss berücksichtigen, dass ein Klient mit Kulthintergrund einer Selbstexploration
möglicherweise skeptisch gegenübersteht. Vielleicht findet er nur schwer Zugang zu seinen
authentischen Gefühlen oder glaubt, der Berater könne als Außenstehender nicht nachvollziehen,
was ihn bewegt. Es ist hilfreich, dem Klienten zu vermitteln, dass
alle
seine Empfindungen zulässig
sind und Beachtung verdienen.
-6-
2.3.3: weitere Motive
Nicht unerwähnt sollte die Identitätsstiftende Funktion religiöser Sondergemeinschaften bleiben.
Der einzelne wird von der Aufgabe befreit, seine Individualität eigenverantwortlich auszuformen. Er
wird zudem von der Verantwortung befreit, seine Aufgaben für die Gesellschaft wahrzunehmen, da
sie durch die Gruppe definiert werden. Schlussendlich gibt er die Verantwortung für die Gestaltung
seines Lebens in die Regie (oder vermeintlich göttliche Führung) der Gemeinschaft ab (vgl. Vogt,
S. 118). Auch die überwältigende Vorstellung, ja Überzeugung, im Auftrag Gottes aktiv zu sein, zu
einer Elite zu gehören, die die wahre Erkenntnis oder das wahre Heil erlangt hat oder erlangen
wird, hat einen nicht zu unterschätzenden Reiz, der viele in ihrer Gemeinschaft hält (vgl. Stamm,
S.92). Dabei sollte erwähnt werden, dass es kein spezielles Persönlichkeitsmuster gibt, welches
für die Zugehörigkeit in einer Sondergemeinschaft besonders anfällig wäre; auch die Intelligenz ist
hierfür nicht ausschlaggebend (Vgl. Köppel, S.203).
3.1: Wenn der Zweifel kommt
Sollten sich in einem Mitglied einer Gemeinschaft in irgendeiner Form Zweifel breit machen, so ist
es gehalten, sich an Autoritätspersonen innerhalb seiner Gemeinde zu wenden, mehr in den
internen Publikationen zu ,,studieren", zu beten oder aber die gruppentypischen Aktivitäten zu
forcieren. Unlust, Zweifel oder abweichende Vorstellungen oder Einstellungen werden i.d.R. als
,,Glaubensschwäche" gedeutet.
Laut Erhard Meueler hat eine Krise ihre Ursache im ,,Verlust eines Zaubers, den Verzicht auf eine
gehätschelte Illusion von Sicherheit und ein angenehmes Selbstgefühl" (ebd. S32). Durch die
Deutungsmuster ist festgelegt, wie Probleme gesehen und angegangen werden. Kommt es zu
Zweifeln bei einem Mitglied, die sich nicht ausräumen lassen, greifen diese Deutungsmuster nicht
mehr und der Betroffene erlebt kognitive Dissonanz.
3.1.1: Kognitive Dissonanz
Der Begriff wurde von Leon Festinger definiert und bezeichnet ,,einen als negativ empfundenen
Gefühlszustand, der durch nicht miteinander vereinbare Kognitionen Wahrnehmungen,
Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten entsteht. Dieser Zustand
motiviert Personen, die entsprechenden Kognitionen miteinander vereinbar zu machen, wobei
unterschiedliche Strategien benutzt werden, wie beispielsweise Verhaltensänderungen oder
Einstellungsänderungen (Rechtfertigungen)" (Quelle: Wikipedia). Bezogen auf die spezielle
Problemstellung bedeutet das, dass Lehre, Glaubenspraxis und Glaubensleben mit allem anderen
Erlebten und der subjektiven Welt übereinstimmen sollte und, falls nicht, Mechanismen zur
Dissonanzreduktion zum tragen kommen.
Das bedeutet, dass Menschen konsonante Kognitionen als angenehm empfinden und daher aktiv
suchen. Daher versuchen Gruppenmitglieder, dissonante Informationen zu vermeiden (Seeking-
and-Avoiding-Hypothese). Meist wollen Angehörige einer religiösen Sondergruppe keinerlei
kritische Informationen zu ihrer Organisation, auch wenn diese noch so gut fundiert sind. Die Folge
des geschilderten Verhaltens ist die selektive Wahrnehmung von Informationen, also
beispielsweise von dargebotenen Medieninhalten. Menschen neigen demnach, einmal getroffene
Entscheidungen zunächst beizubehalten oder zu rechtfertigen (nach Charles Kiesler). Deshalb
werden alle neuen Informationen, die zur Glaubensideologie in Widerspruch stehen, tendenziell
abgewertet, während alle konsonanten Informationen tendenziell aufgewertet werden. Erst wenn
die durch die Dissonanz erzeugte innere Spannung zu groß wird, also die individuelle
Toleranzschwelle überschreitet, ändert der Betroffene seine Haltung und öffnet sich neuen
Denkmodellen oder Fakten.
-7-
Eine weitere Möglichkeit der Dissonanzreduktion besteht in sog. Gedankenstopp Techniken.
Der Gedankenstopp verhindert in diesem Fall, dass man sich intensiv mit Geschichte, Lehre und
Praxis der Gemeinschaft oder mit der exegetischen Plausibilität einer konkreten Bibel- oder
Glaubensauslegung beschäftigt, denn dies "spielt ja alles keine Rolle, solange man treu bleibt".
Gedankenstopp-Techniken helfen dabei, die als
unanfechtbare Wahrheit geltende Ideologie
eines
totalitären Glaubens- oder Gedankensystems nicht zu sehr zu hinterfragen. Wer sich mit den
gängigen Erklärungen und Antworten nicht zufrieden gibt, wird dazu angehalten seine
diesbezüglichen Gedankenströme zu stoppen und sie in "positive", konstruktive und "gottgefällige"
Bahnen zu lenken.
Zweifel eines Mitgliedes sind immer ,,persönliche Zweifel". Der Gegenstand des Zweifels bleibt
damit immer unberührt. Der Betreffende fühlt sich allein durch das Vorhandensein des Zweifels
schuldig. Darüber hinaus lernt er dadurch, seiner Wahrnehmung zu misstrauen (Vgl. Deckert, S.
175).
Dem Berater sollte bewusst sein, dass ein Aufbrechen der Plausibilitätsstruktur, sprich der
Glaubensdoktrin, erst im Falle einer ausreichend starken kognitiven Dissonanz möglich ist und
sollte dieses Aufbrechen zunächst
nicht
als Ziel ansehen. Äußert der Klient Zweifel oder
Unzufriedenheit über seine Glaubensgemeinschaft, so kann dies als Basis genutzt werden, seine
mentale Autonomie zu stärken.
3.1.2: ,,Der Wohlfühlfaktor"
Durch das dichotome Denken innerhalb eines Kultes wird alles Schlechte wie erwähnt in die ,,Welt"
außerhalb der Gruppe projiziert. Die damit verbundene geistige und tatsächliche Isolierung bringt
es naturgemäß mit sich, dass das Mitglied sowohl sein soziales Netz als auch sein persönliches
Glück ausschließlich innerhalb der Gruppe sucht und etabliert. Nicht selten kommt es zu einer
psychischen Abhängigkeit vom Kult. Das Mitglied fühlt sich ohne die Zukunftserwartung, die durch
den Kult formuliert wird, ohne Hoffnung.
Kulte nähren die Illusionäre Ansicht, ihre Anhänger könnten ein sorgenfreies ,,gottgefälliges" Leben
erreichen, indem sie einfach den Anweisungen und Lehren ihrer Organisation folgen. Diese
Illusion kann nur auf Kosten einer lebenslangen ständigen Unterwerfung unter Indoktrinationen
und durch eine dauernde Routine von Tätigkeiten aufrechterhalten werden. Abweichungen
produzieren Schuldgefühle (Vgl. Franz, S. 557).
Überdies bietet der Kult die Möglichkeit der Flucht vor einer unangenehmen Realität: das kann
Sinnfragen betreffen, die unbeantwortet bleiben könnten, aber auch lebenspraktische Aspekte wie
die Möglichkeit einer beruflichen Karriere, die durch die Naherwartung einer Erlösung überflüssig
wird. Die Heilslehre wird zum übergeordneten Prinzip, mit dem sich der Einzelne Identifiziert, auch
wenn die damit verbundenen Erwartungen nicht eintreffen. Die Rolle, die der Gläubige spielt, ist
nicht länger Schnittpunkt zwischen Glaubensdoktrin und Individuum die Rolle ist das Wesen und
Gegenstand der Identität
an sich
. Durch die Glaubenspraxis, beispielsweise dem Missionieren,
haben Mitglieder das Gefühl, Aspekte des Heilsprinzips selbst zu erfahren, wobei sie nicht
realisieren, dass sie sich selbst manipulieren (vgl. Stamm, S.107). Die überwältigende Idee, einem
göttlichen Auftrag zum Wohle der Menschen zu dienen, schließt von vornherein die Möglichkeit
aus, sich davon kritisch zu distanzieren. Das entspräche einem Selbstbetrug, einem irrationalen
oder ,,egoistischem" Denken.
Oftmals wird Anhängern von ihren Glaubensgemeinschaften ein düsteres Bild von Aussteigern
gemalt: angefangen von persönlichen Krisen bis hin zur Drogen- oder Alkoholabhängigkeit sind
verschiedene Szenarien die wahrscheinliche Folge vom Verrat an der Glaubensgemeinschaft,
bzw. an Gott.
-8-
3.2 Abwehrmechanismen
Wie bereits angeklungen, bedarf ein totalitäres Glaubenssystem gewisser Strategien, um die
Integrität seiner Struktur aufrecht zu erhalten und zersetzende Einflüsse fern zu halten. Im
Folgenden seien einige erwähnt. In Anlehnung an die Wirkungsweise der
kognitiven Dissonanz
sind diese Strategien als
Dissonanzreduktion
anzusehen.
3.2.1 Heuristiken
Symptomatisch für geschlossene Glaubenssysteme sind
Urteilsheuristiken.
Zum Begriff: Heuristik ist eine Strategie zur Lösung eines Problems, eine einfache Regel, die auf
verschiedene Situationen angewendet werden kann (z.B. "Im Bio-Laden gibt′s nur gesunde
Sachen"). Durch dieses Kategoriesystem lassen sich Informationen aus der Umwelt schnell
einordnen, es wird eine gewisse Klarheit erzeugt. Bezogen auf die Wahrnehmungsverzerrungen
eines Kultmitgliedes führen sie zu Verstärkung des in-out-group Effektes. Außerdem entstehen
Scheinkorrelationen, d.h. es werden Zusammenhänge und Kausalitäten erkannt, wo keine sind
(Aronson, Sozialpsychologie).
3.2.2 Schuld
Besonders bei Religionsgemeinschaften, die sich auf die Bibel stützen, ist das Thema Schuld und
Sünde stark vertreten; man kann sogar sagen, dass es für diese Gemeinschaften elementar ist. Da
es nach der Lehre dieser unabdingbar ist, sich seiner Sündhaftigkeit andauernd bewusst zu sein
und eine Erlösung ein unablässiges Bekennen dessen erforderlich macht, wird das
Selbstwertgefühl des Einzelnen untergraben. Es verursacht langfristig ein Gefühl des Ungenügens
und Versagens.
Damit wird die Schuld zum Motor für geforderte Aktivitäten der Gemeinschaft, die Gnade und
Liebe Gottes ist an den eigenen Fleiß gebunden, denn daran ist erkennbar, wie stark der Glaube
ist.
Demut
wird als erstrebenswerte Eigenschaft idealisiert, wobei oftmals nur das Gefühl der
Minderwertigkeit kaschiert wird. In manchen Fällen kann diese regressive Charakteristik dazu
führen, dass der Einzelne nicht fähig ist, wirklich Verantwortung für seine Lebensgestaltung selbst
zu übernehmen und krampfhaft nach (religiösen) Vorschriften, Regeln und Autoritäten sucht, die
ihm das abnehmen (Vgl. Kirchmayr/Ringel, S.32).
3.2.3 Reinheit
Eng verbunden mit der Schuld ist die Forderung nach Reinheit. Erich Fromm sieht in kirchlichen
Autoritäten eine entfremdende Kraft; die ,,Mitte des Menschen liegt nicht in ihm selbst, sondern in
der Autorität, der er sich unterwirft" (Fromm, S.119).
Vertrautheit und Identität beruhen auf gemeinsamer Ideologie. Diese fordert vom Einzelnen seinen
Beitrag dazu. Dieser besteht darin, ebendiese Ideologie uneingeschränkt und kritiklos zu
unterstützen, denn alles davon Abweichende wäre ein ,,Teil der Welt Satans", ,,unabhängiges
Denken" oder ähnliches. Der Einzelne erlebt sich selbst nur dann als integer und der Gunst Gottes
würdig, wenn er der Definition der jeweiligen Gemeinschaft von Reinheit (oder besser
Angepasstheit) entspricht. Er unterliegt ständig einer inneren Zensur, die alle seine Gedanken und
Gefühle moralisch bewertet und damit zum Teil viel zu voreilig erstickt.
Der Berater ist gefordert, solche Vorgänge zu erkennen und nötigenfalls auf einen Zugang zu
diesen Emotionen hinzuarbeiten.
-9-
3.2.4: Compliance
Compliance
bezeichnet eine Motivationsstruktur, die auf Vermeidung von Strafe bzw. durch
Aussicht auf Belohnung beruht. Alle totalitären Glaubenssysteme weisen dieses Merkmal mehr
oder weniger deutlich auf. Die Mitglieder erwarten ihr Glück und ihr Heil in der Regel nicht im Hier
und Jetzt, sondern in einer durch die Doktrin formulierten Zukunftsvision.
Ein weiteres Merkmal der
Compliance
ist der Umstand, dass der Wunsch nach
Gruppenzugehörigkeit über die eigene Wahrnehmung und Beobachtung gestellt wird. Die Struktur
des Denkkollektivs bringt es also mit sich, dass widersprüchliche Kognitionen des Individuums gar
nicht als solche wahrgenommen werden, sondern voneinander getrennt bleiben (z.B. gilt ein
bestimmtes Denkelement als Glaubenssache, ein anderes als Wissenssache. Vgl. Deckert, S.39).
Nach der
Theorie des Engagements
nach Charles Kiesler schafft das
Selbstkonzept
seine
Vergangenheit und Wirklichkeit ständig neu, um Stabilität in der Gegenwart zu gewährleisten.
Damit ist die Bindung an die Gruppe notwendig, um die Plausibilität des eigenen Handelns zu
erhalten: immerhin hat man sich ihr (subjektiv) freiwillig angeschlossen.
Bestandteile der Überzeugung oder der Lehre werden zudem dogmatisiert und damit gegen das
Risiko des Scheiterns abgesichert. Die zweifelsfreie Letztbegründung ist eine nicht zu
hinterfragende Autorität, meist Gott und/oder dessen autorisierter Kanal.
Die
Compliance
macht ein Kultmitglied immun gegen dialektische Kritik an seinem
Glaubenssystem. Alleine schon durch den Gedanken an eine kritische Auseinandersetzung mit
Glaubensinhalten wird ein schlechtes Gewissen erzeugt. Der Betreffende befindet sich in einer
,,kognitiven Verschanzung".
Der Berater kann, wenn er solche Neigungen erkennt, dem Klienten deutlich machen, dass das
Zulassen gewisser Fragestellungen nicht automatisch ihre Annahme bedeutet.
3.2.5 Reaktanz
Der Mensch verteidigt seine
Einstellungen
erst einmal grundsätzlich, ohne Berücksichtigung ihrer
Plausibilität, denn es geht um das Recht, seine Einstellungen zu bewahren, also um seine
subjektive Integrität.
Deshalb muss der Reiz, eine Einstellung überhaupt zu hinterfragen, sehr stark sein. Darüber
hinaus muss die betroffene Person gewisse Faktoren mitbringen, z. B.
- die Bereitschaft, relevante Informationen überhaupt aufzunehmen
- der Informationsübermittler muss als kompetent, glaubwürdig, mächtig und/oder attraktiv
empfunden werden
- die Informationen müssen eine affektive Komponente haben, also einen lebensanschaulichen
Bezug
- die Informationen dürfen nicht zu stark von den bestehenden Einstellungen der Zielperson
abweichen.
Versuche der Beeinflussung oder Aufklärung erzeugen
Reaktanz
, d. h. zur Ablehnung. Das ist
insbesondere der Fall, wenn die Beeinflussungsversuche als zu massiv empfunden werden.
Die Psyche reagiert hier selbsterhaltend und tendenziell konservativ; in diesem Falle kann es zu
innerem oder tatsächlichem Widerstand gegen die Beeinflussungsversuche oder Inhalte kommen,
sowie zu einer
Aufwertung
der angegriffenen Einstellung.
Berücksichtigt der Berater das, wird er es (auch im Sinne der Klientenzentrierten
Gesprächsführung nach Rogers) vermeiden, auf die
Einstellungen
seines Klienten einwirken zu
wollen. Kultmitglieder reagieren wahrscheinlich sensibler und weniger tolerant auf
Meinungsäußerungen anderer bezüglich ihrer Situation als Personen ohne diesen speziellen
Hintergrund.
-10-
4.1 Aussteiger in der Beratung
Eine völlig neue Herausforderung an den Berater stellt die Konfrontation mit einem Kultmitglied
dar, welches im Begriff ist, seine Gemeinschaft zu verlassen, dies bereits getan hat oder von der
Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Gerade letztgenannter Fall kann traumatische
Auswirkungen haben und der Berater sollte hier besonders darauf bedacht sein, seine
Kompetenzen nicht zu überschreiten. Im Zweifelsfalle ist hier therapeutische Hilfe gefragt und/oder
die Hinzuziehung entsprechender Beratungsstellen, die sich mit den kultspezifischen
Problemstellungen auskennen und fachliche Hilfestellung bieten können.
Zunächst aber sollte der Berater über mögliche Symptome informiert sein, die einen Ausstieg
begleiten können.
4.2 Mögliche Symptome der Ausstiegsproblematik
Michael Langone führt in seinem Buch ,,Recovering from Cults" eine Reihe z. T.
psychopathologischer Symptome auf, die die Trennung von einem Kult mit sich bringen kann. Ich
beschränke mich im Folgenden auf die häufigsten.
-
Flashbacks
sind affektive Rückfälle in die Emotionsbefrachtete Denkweise des jeweiligen
Kultes. Diese können von einigen Sekunden bis zu Stunden dauern und reichen von
euphorischen bis hin zu depressiven oder ängstlichen Stimmungen.
-
Perspektivlosigkeit
. Ehemalige wissen nach ihrem Austritt nicht, was sie in ,,dieser Welt"
wollen und sollen. Es müssen mühsam neue Perspektiven erarbeitet werden.
-
Schuldgefühle
treten auf, weil sich der Betroffene von Gott verurteilt fühlt. Möglicherweise
schämt er sich aber auch, überhaupt in einen Kult hineingeraten zu sein.
-
Sorge
um im Kult verbleibende Angehörige, aber auch wegen des Verlusts des sinnvoll
empfundenen Engagements für ein hohes Ziel
-
Isolationsempfindungen
. Ehemalige haben oft das Gefühl, dass niemand ihre Lage
verstehen kann, insbesondere betrifft das ihre Familien, sofern diese in den Kult
eingebunden sind.
-
Dichotomes Denken
. Die Tendenz, nur ,,Schwarz- weiß" , also in Extremen zu denken
entspringt der vereinfachten Weltsicht von Kulten. Der Aussteiger muss lernen, ,,Grautöne"
wahrzunehmen, um der Komplexität des Daseins gerecht zu werden.
-
Einsamkeit.
Da Kultmitglieder i. d. R. gehalten sind, ihre Bekanntschaften nur innerhalb der
Glaubensgemeinschaft zu unterhalten, kollabiert das soziale Netz meist mit dem Ausstieg.
In Verbindung mit einem
-
Schwachen Selbstvertrauen
hat das oft dramatische Konsequenzen: Der Betroffene hat
große Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen oder überhaupt offen auf andere
zuzugehen. Außerdem hat er im Kult über einen langen Zeitraum hinweg gelernt, seiner
eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und/oder sich schwach, nutzlos oder schuldig zu
fühlen.
-
Floating.
Dem Floating liegt der Verlust einer stabilen Weltanschauung zu Grunde. Das
hieraus entstehende geistige Vakuum muss gefüllt werden.
-
Angstsymptome
. Die meisten Kulte prophezeien Aussteigern eine Reihe schlimmer
Konsequenzen. Auch das Gefühl, versagt zu haben und dem göttlichen Strafgericht
ausgeliefert zu sein kann zu großer Angst führen, die in einer Depression münden kann.
-
Wut und Ärger
gegenüber der Gruppe, deren Führern, Mitgliedern oder aber auch
gegenüber sich selbst.
Der Berater steht vor der Herausforderung, solche Symptome zu erkennen und dem Klienten zu
helfen, sich ihrer bewusst zu werden.
-11-
4.3 Die Grenzen der Beratung
An der vorangehenden Symptombeschreibung lässt sich unschwer erkennen, dass zumindest bei
Kultaussteigern
therapeutische Hilfe notwendig werden kann. Hierzu bieten sich, wie bereits
erwähnt, auch örtliche Beratungsstellen an, die sich speziell mit diesem Problemfeld befassen und
sich in den kultspezifischen Strukturen auskennen. Der Berater sollte den Klienten darüber
informieren, wenn deutlich wird, dass dieser massive Probleme in diesem Bereich hat.
Gegenteilig stellt sich natürlich die Situation dar, wenn der Klient beispielsweise Schwierigkeiten
damit hat, Angehörigen und Freunden seinen
Beitritt
zu einer Gemeinschaft näher zu bringen.
Sein soziales Umfeld reagiert darauf möglicherweise mit Unverständnis oder starker Ablehnung,
meist begründet in der Angst, den Betreffenden an ,,eine Sekte zu verlieren".
Der Betreffende muss sich darüber klar werden, dass konfrontatives Verhalten die Kluft nur
vergrößert. Beide Seiten müssen in diesem Falle an einer offenen und vertrauensvollen Haltung
arbeiten und vermeiden, die Position des jeweils anderen abzuwerten. Hier ist Hilfestellung im
Erarbeiten konstruktiver Kommunikation gefragt, wobei der Berater besonders auf Neutralität
bedacht sein sollte (Vgl. Rohmann, s. 89).
Natürlich liegen nicht alle Probleme eines Klienten automatisch in seiner Zugehörigkeit zu einer
bestimmten religiösen Gemeinschaft begründet. Im Gegenteil; oftmals bietet die Gemeinschaft
Halt, Perspektive, Inhalt und auch echtes Glück- vorausgesetzt, das Mitglied fühlt sich wohl. Nicht
jeder Kult hat totalitäre oder repressive Züge. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen ist nicht
Gegenstand dieser Arbeit und es ließe sich auch nicht vollständig und allgemeingültig festlegen.
Es wäre zu weit gegriffen, jedem Mitglied einer solchen religiösen Gemeinschaft die persönliche
Authentizität abzusprechen. Der Berater sollte sich also davor hüten, vorschnell eine
Kultmitgliedschaft ursächlich für die Problemstellungen eines Klienten anzunehmen.
Die oben behandelte Frage, ob Mitglieder religiöser Sondergemeinschaften unter einer gewissen
Manipulation stehen, spielt natürlich auch eine Rolle, wenn es um die Grenzen der Beratung geht.
Der Grad der Bewusstseinskontrolle weist natürlich unterschiedliche Intensitäten auf. In jedem
Falle ist damit zu rechnen, dass ein Kultmitglied die Integrität des Glaubens- und Lehrgebäudes
seiner Gemeinschaft höher gewichten wird als seine persönliche Wohlfahrt, die er nur in
Abhängigkeit seiner Konformität mit seinem Glaubenssystem erwartet. Der Berater ist gefordert,
die förderlichen Aspekte der Kultzugehörigkeit zu extrahieren. Gemeinschaftsgefühl, soziales
Engagement, Fürsorge für Bedürftige, hohe moralische Werte und dergleichen Dinge, auf die
seine Gemeinschaft Wert legt, können ein guter Ansatzpunkt sein, dem Klienten adäquate
Hilfestellung zu leisten.
Zusammenfassung
Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulte stellen eine nicht unerhebliche Herausforderung für
den Berater dar. Der Umgang mit betroffenen Personen erfordert ein überdurchschnittliches Maß
an Empathie und Toleranz. Überdies sollte der Berater in der Lage sein, evtl. vorhandene eigene
Vorurteile zu erkennen und zu neutralisieren.
Kultmitglieder sind in ein komplexes Werte- und Denksystem eingebunden, welches kein
Lebensbereich unberührt lässt. Änderungen im Denken, Handeln und in der Bewertung der
eigenen Person können bei konformen Gläubigen nur im Einklang mit diesem System initiiert
werden.
Die tendenzielle Hinwendung zum spirituellen und neu- religiösem in der westlichen Gesellschaft
lässt vermuten, dass Kulte verschiedenster Couleur in Zukunft eine nicht zu unterschätzende Rolle
spielen und damit auch vermehrt Thema in der psychologischen Beratung werden könnten.
-12-
Literaturverzeichnis
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DECKERT, Bruno: ,,All along the Watchtower- eine psychoimmunologische Studie" V+R 2007
FRANZ, Raymond: ,,Auf der Suche nach christlicher Freiheit", Bruderdienst Missionsverlag
Hamburg, 3. Auflage 2007
LIFTON, Robert J.: "Thought Reform and the Psychology of Totalism" 1961
STAMM, Hugo: "Sekten- im Bann von Sucht und Macht- Ausstiegshilfen für Betroffene und
Angehörige" Zürich 1994
UNDERWOOD, Barbara & Betty: ,,Im Bann des Himmels", DTV 1985
KÖPPL, Elmar: ,,Die Zeugen Jehovas. Eine psychologische Analyse" 3. Auflage München 2001
von der Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen
VOGT, Matthias: ,,Sehn- SUCHT. Der Zusammenhang zwischen Sucht und Sehnsucht", ISPA-
Presse Lausanne 1994
MEUELER, Erhard: ,,Wie aus Schwäche Stärke wird- vom Umgang mit Lebenskrisen" Rowohlt,
1987
KIRCHMAYR& RINGEL: ,,Religionsverlust durch religiöse Erziehung- tiefenpsychologische
Ursachen und Folgerungen" Herder, 5. Auflage, 1986
FROMM, Erich: ,,Die Kunst des Liebens", Ullstein 1979
LANGONE, Michael D.: ,,Recovery from Cults" , W.W. Norton & Company, 1985
ROHMANN, Dieter: "Mögliche Prädispossition einer Sekten- oder Kultmitgliedschaft", Diplomarbeit
vorgelegt an der katholischen Universität Eichstätt, Lehrstuhl f. Psychologie
Ich versichere, die vorliegende Arbeit selbständig und ohne fremde Hilfe erstellt zu haben.
Marcus Zeller, 18.7.2009
-13-
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