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Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten – eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis

Research Paper (Pre-University), 2009, 20 Pages
Author: Marcus Zeller
Subject: Psychology - Psychology of Religion

Details

Institute: Schule für freie Gesundheitsberufe Impulse e.V.
Category: Research Paper (Pre-University)
Year: 2009
Pages: 20
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V137608
ISBN (E-book): 978-3-640-45514-0


Abstract

Religiöse Rand- oder Sondergruppen und Kulte nehmen in der psychologischen Beratung eine Sonderstellung ein, die unter anderem darin begründet liegt, dass das einzelne Mitglied das Weltbild, welches seine Kirche oder Organisation jeweils vertritt, als einzig gültige „Wahrheit“ verinnerlicht und oftmals vollständig internalisiert hat. Die intellektuelle sowie seine emotionale Beurteilung seiner Wahrnehmung der Außenwelt sowie alle kognitiven und inneren Vorgänge sind untrennbar mit dem moralischen, ethischen und religiösen Verständnis seiner Kirche verknüpft. Damit ergeben sich besondere Herausforderungen für die psychologische Beratung, da es unumgänglich ist, diese Besonderheiten zu berücksichtigen, möchte man als Berater effektive Hilfestellung bei dem Anliegen des Klienten leisten, der mit einer religiösen oder pseudo-religiösen Gemeinschaft verbunden ist.


Fulltext (computer-generated)

Abschlussarbeit zum Fernstudium psychologischen Berater Marcus Zeller



Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten ­
eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis


1.: Einleitung

2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer ,,Bewusstseinskontrolle"?

2.1.1: Begriffsdefinition ,,Bewusstseinskontrolle"

2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und

pseudo-religiöse Gruppen

2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen

2.2.1: Identitätsdiffusion

2.2.2: Selbstwahrnehmung

2.2.3: Entwicklungshemmung

2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen

2.3: Motivationen

2.3.1: vereinfachte Realität und Sinn

2.3.2: soziale Bindung

2.3.3: weitere Motive

3.1: Wenn der Zweifel kommt

3.1.1: Kognitive Dissonanz

3.1.2: ,,Der Wohlfühlfaktor"

3.2: Abwehrmechanismen

3.2.1: Heuristiken

3.2.2: Schuld

3.2.3: Reinheit

3.2.4: Compliance

3.2.5: Reaktanz

4.1 Aussteiger in der Beratung

4.2 Mögliche Symptome der Ausstiegsproblematik

4.3 Die Grenzen der Beratung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

-1-


Einleitung


Religiöse Rand- oder Sondergruppen und Kulte nehmen in der psychologischen Beratung eine

Sonderstellung ein, die unter anderem darin begründet liegt, dass das einzelne Mitglied das

Weltbild, welches seine Kirche oder Organisation jeweils vertritt, als einzig gültige ,,Wahrheit"

verinnerlicht und oftmals vollständig internalisiert hat.

Die intellektuelle sowie seine emotionale Beurteilung seiner Wahrnehmung der Außenwelt

sowie alle kognitiven und inneren Vorgänge sind untrennbar mit dem moralischen, ethischen

und religiösen Verständnis seiner Kirche verknüpft.

Damit ergeben sich besondere Herausforderungen für die psychologische Beratung, da es

unumgänglich ist, diese Besonderheiten zu berücksichtigen, möchte man als Berater effektive

Hilfestellung bei dem Anliegen des Klienten leisten, der mit einer religiösen oder pseudo-

religiösen Gemeinschaft verbunden ist.

Ich verzichte in meinen Abhandlungen bewusst auf den Begriff ,,Sekte", da er überwiegend

negativ assoziiert ist und damit ein Urteil transportiert. Angesichts der Unmöglichkeit, den

Begriff ,,Sekte" treffend und umfassend zu definieren sowie der Vielzahl der Organisationen mit

religiöser Prägung oder Zielsetzung verwende ich einfach den Begriff ,,Gemeinschaft".

Selbstverständlich können einige der thematisierten Symptome auch bei Mitgliedern der

,,etablierten" Kirchen auftreten oder in ursächlichem Zusammenhang mit ihren Problemen

stehen.

Der Einfachheit halber verwende ich durchgehend den Begriff ,,Berater" im männlichen

Singular bezogen auf die Funktion und nicht auf die natürliche Person.

2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer ,,Bewusstseinskontrolle"?

Der nicht unumstrittene Begriff ,,Bewusstseinskontrolle" tauchte nach dem zweiten Weltkrieg

auf und findet seither Anwendung auf verschiedenste Systeme. Da jeder Mensch naturgemäß

Einflüssen seiner Umwelt unterliegt, stellt sich die Frage, ab wann man von einer gezielten

Manipulation des Einzelnen oder einer Gruppe sprechen kann, bei der das Verhalten und die

Einstellungen eines Menschen nachhaltig verändert werden, während der Betreffende

überzeugt ist,

selber

Ursache dieser Veränderungen zu sein. Deshalb möchte ich zunächst

dem Begriff ,,Bewusstseinskontrolle" Inhalt verleihen.

2.1.1: Begriffsdefinition ,,Bewusstseinskontrolle"

Unter Bewusstseinskontrolle versteht man ,,ein System von Einflüssen, mit dem die Identität

des Individuums (seine Überzeugungen, sein Verhalten, sein Denken und Fühlen) ...durch

eine neue Identität ersetzt wird." (S. Hassan, S.25). Das System besitzt eine

Plausibilitätsstruktur

, die in sich völlig stimmig ist und sich selbst aufrechterhält (Quelle:

Berger& Luckmann, 1980). Subjektive Irritationen und Unstimmigkeiten haben demzufolge

immer ihre Ursache im Individuum, niemals aber im System. Es existiert i. d. R. ein internes

Kontrollsystem wie z. B. die Verpflichtung der Mitglieder, ,,Verfehlungen" oder Regelverstöße

der Führung zu melden, sowie geeignete Maßnahmen, derartig Verstöße zu ahnden (vgl.

Deckert, S. 77).

-2-


2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und pseudo-

religiöse Gruppen

1.:

Verhaltenskontrolle:

Verhalten und Ziele werden formuliert, die die Freizeit beschränken;

es findet eine Regulierung des Alltags mit Elementen der Gruppe statt. Es existiert eine

hierarchische Struktur. Auffällig ist die sog. ,,Milieukontrolle", bei der die Kommunikation des

Mitgliedes mit seiner Umwelt beschränkt oder vorgegeben wird. Die Demonstration von

Konformität sichert das Ansehen innerhalb der Gruppe und wird als erstrebenswert idealisiert,

womit die Unterdrückung von Zweifeln eine positive moralische Bedeutung erhält.

2.:

Gefühlskontrolle:

Durch die Glaubenslehre der Gruppe wird ein ,,Feindbild" geschaffen,

das die Welt in ,,drinnen und draußen" unterteilt, der sog. ,,in-out-group Effekt". Das Gewissen

des Einzelnen muss dem kollektiven weichen, welches die Doktrin zur alleinigen Wahrheit und

dem göttlichen Maß-Stab erhebt. Dabei sind zwei Hauptgewichtungen erkennbar:

-

Glück

: Gemeinschaft nur innerhalb der Gruppe, Heilsversprechen bei Loyalität

-

Loyalität

: keine Kritik an der Führung, nur an sich selber

3.:

Informationskontrolle

: Hierbei wird der Zugang zu kritischer Information stigmatisiert oder

dämonisiert (z.B.

Abtrünnige (ehemalige Mitglieder) sind grundsätzlich bösartig motiviert und
nutzen geschickte Techniken der Irreführung; Literatur religiöser Art, die nicht von der
Gemeinschaft stammt, ist ,,Speise am Tisch der Dämonen", wenn auch diese selber in ihren
Schriften daraus zitiert

), Stückelung von Informationen, es existieren verschiedene

Wahrheitsebenen innerhalb der Gemeinschaft. In Bezug auf eine christlich orientierte

Glaubensgemeinschaft schreibt Raymond Franz: ,,Die Glaubensgemeinde wird vollständig isoliert

und geistig abgeriegelt von allen biblischen Materialquellen, die nicht mit der Stimme der

Organisation sprechen. Man sagt (ihnen), dass sei der einzige Weg, sie vor Irreführung zu

bewahren. Das Ziel ist eine ansteckungsfreie Atmosphäre, in der die Ansichten und Auslegungen

der Organisation zirkulieren können, ohne sich kritische Fragen stellen zu müssen." (Franz, S.

375). Es fehlt zumindest bezüglich der Glaubensdoktrin völlig an einer Diskussionskultur;

abweichende Meinungen sind ein Zeichen von Stolz oder Unreife und führen schlimmstenfalls zur

Isolation. Das führt dazu, dass das Mitglied seine eigene Urteilskraft latent in Zweifel zieht. Meist

ist auch die Konsultation psychotherapeutischer Hilfe unterschwellig negativ assoziiert.

4.:

Gedankenkontrolle

: Die Ideologie der Gruppe wird als einzige gültige Wahrheit verinnerlicht,

die göttliche Legitimation besitzt, außerdem ist eine Hauptaufgabe formuliert. Es existiert eine

geladene Sprache

, d.h. es gibt bestimmte (biblische) Begriffe, denen eine neue, Gruppeninterne

Bedeutung zugewiesen wird und die z. T. komplexe Gedankenverbindungen assoziieren und

damit die Realität vereinfachen, antizipieren oder etikettieren. Durch diese ,,kognitive

Verschanzung" wird Kritik erschwert, Zweifel diskreditiert, nicht wahrgenommen oder geleugnet.

Noch differenzierter sind die Elemente der "Thought Reform" nach Robert J. Lifton (Lifton, Robert

J. (1961): Thought Reform and the Psychology of Totalism), die sich wie folgt darstellen:

-

Milieukontrolle

­ Es wird eine starke Abgrenzung zu Nichtmitgliedern gefordert

-

mystische Manipulation

, geplante Spontaneität (hierzu zählen Gruppenerlebnisse, deren

psychodynamische Wirkung als ,,Geist Gottes" interpretiert wird, u. ä.)

-

Forderung nach Reinheit

(Dabei wird das Schuldgefühl des Menschen manipuliert und den

Anforderungen und Interpretationen der Gruppe angepasst Das ist meist verbunden mit

irgendeiner Form des Sündenbekennens) Eng damit verbunden ist ein

-3-


-

Bekennerkult,

der den Alltag und das Denken des Mitglieds beherrscht

-

heilige Wissenschaft

-

geladene Sprache

(,,loadet language"). Hierbei werden Begriffe mit einer Kultinternen

Bedeutung versehen.

-

Vorrang der Lehre vor dem Menschen

. Der Mensch muss seine Wahrnehmung der Doktrin

unterordnen. Zweifel sind mit Schuld assoziiert. Es wird eine endlose Wiederholung von

Schuld, Scham und Angst initiiert.

-

Dispensierung der Existenz

[Zu- bzw. Aberkennung des Existenzrechts]. Dieses Kriterium

besagt, kurz gesagt, dass jeder, der nicht Teil der Gemeinschaft ist, implizit zur Welt des

,,Bösen" gehört. Eng damit verbunden ist meist die Angst vor dem Gericht Gottes.

(Quelle: ,,BITE- Modell" 2000 by Steven Hassan - veröffentlicht von Freedom of Mind

Press, Somervill MA)

2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen

Die gesamte Palette der Auswirkungen einer Bewusstseinskontrolle auf die Psyche ist sehr

umfassend und eine eingehende Betrachtung würde den vorhandenen Rahmen sprengen. In

jedem Falle entwickelt das Mitglied eine neue Identität, ein ,,neues Selbstverständnis, auf Basis der

Heilstheorie und der Gruppenbedürfnisse" (H. Stamm, S.98). Vorweg muss auch unterschieden

werden, ob das Mitglied geworben wurde oder innerhalb der Gemeinschaft aufgewachsen ist. Im

letzteren Fall kommt es häufig zu einer Identitätsdiffusion.

2.2.1: Identitätsdiffusion

Identitätsdiffusion

beschreibt das Problem der Zersplitterung der eigenen Ich-Identität

(Selbstbild). Sie beruht auf den Zweifeln der eigenen z. B. ethnischen, sozialen oder

geschlechtlichen Identität entstanden durch Unsicherheiten im eigenen Handeln und

Entscheidungen bzw. Orientierungslosigkeit.

Es sind Unsicherheiten in Bezug darauf, ob der ,,richtige" Weg gewählt wurde oder Ängste, nicht zu

wissen zu wem man sich in der Zukunft entwickelt oder auch welche Werte und Normen als die

eigenen übernommen werden sollen. Diese Diffusion betrifft die meisten Jugendlichen und löst

sich im Laufe einer normalen Entwicklung auf. Jedoch in extremen Fällen kann eine

Nichtbewältigung von latenten Krisen zu ernsthaften Entwicklungsstörungen führen, die sich erst

im frühen Erwachsenenalter bei der Ausübung von sozialen Interaktionen (Intimität) aufzeigen.

Der von

Erikson

erwähnte Prozess der Integration in Gleichaltrigennetze, der für die Individuation

sowie die sozialkognitive Entwicklung Heranwachsender maßgeblich ist, kann durch die geforderte

elementare Abgrenzung von Andersgläubigen erheblich gestört werden.

Insbesondere das Erfahrungsfeld

Peer Group

ist aus sozialisatorischer Perspektive wichtig für die

Entwicklung der Selbstdefinition und des Selbstverständnisses sowie einer eignen Moral- und

Wertvorstellung.

In totalitären Organisationen und manipulativen Gruppen ist diese Entwicklung gehemmt. Der

Betreffende hat auch im Erwachsenenalter nur einen begrenzten Zugang zu seinen innersten

Wünschen und ist oft unfähig, diese, sofern bewusst, anzuerkennen oder zuzulassen. Dies kann

im Extremfall zu einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung führen.

-4-


Der Berater sollte in dieser Hinsicht verstehen, dass das Kultmitglied viele seiner Gedanken und

Gefühle von vornherein nicht zulässt oder zumindest bewertet und gegebenenfalls als ,,böse"

brandmarkt. Durch einfühlsames Fragen kann man den Klienten möglicherweise erkennen lassen,

dass es sich bei gewissen Gefühlen um

konditionierte

und nicht um

authentische

Reaktionen

handelt und ihm damit einen Zugang zu seinem Selbst zu verhelfen.

2.2.2: Selbstwahrnehmung

Ähnlich wie bei der Identitätsdiffusion ist die Selbstwahrnehmung durch die Glaubensdoktrin der

Gemeinschaft derart geprägt, dass der Betroffene sich dauernd an diesem fremdbestimmten und

verallgemeinernden Maßstab misst. Bei geworbenen Mitgliedern kann man beobachten, dass die

Lebensgeschichte in der Zeit vor dem Beitritt zur Gemeinschaft dahingehend umgedeutet wird, als

dass sie als vergeudet, unrein oder sinnlos hingestellt wird. Erst durch den Beitritt in die

Gemeinschaft erhielt man Aussicht auf Erlösung, Perspektive, wahre Freunde, etc. In der Folge

dessen nimmt der Betroffene sich selbst als unzureichend wahr, er verdankt seinen (Lebens-) Wert

der Zugehörigkeit seiner Kirche oder Gemeinschaft. Er fühlt sich angewiesen auf die Lenkung

durch die geistige Führung seiner Gruppe. Das innere Bewusstsein wird zum Spiegelbild der

Gruppenideologie. Um die Führerschaft hingegen herrscht eine Aura aus Bedeutung,

Vollkommenheit, sodass der Einzelne im blinden Vertrauen seine Verpflichtung zum Gehorsam

anerkennt (Vgl. Underwood, S.240).

Darüber hinaus ist die Annerkennung und damit auch die Liebe innerhalb der Gruppe

bedingt

. Der

Einzelne erfährt diese nur, wenn er den Anforderungen der Ideologie entspricht. Die Mitglieder

lernen, dass ihr Wert als Mensch für sich alleine unzureichend ist; erst durch ihre Haltung zur

Ideologie und die damit verbundene Leistung erleben sie sich als ,,würdig". Die Selbstachtung kann

also weitestgehend vom Grad der Integration des Betreffenden abhängig sein (Vgl. Stamm, S.82).

Der Berater kann helfen, indem er das Vertrauen eines betroffenen Klienten in sein eigenes

Urteilsvermögen stärkt, möglicherweise mit Bezugnahme auf dessen Fachwissen,

Sozialkompetenz oder Lebenserfahrung.

2.2.3: Entwicklungshemmung

Auch bei diesem Punkt finden sich Parallelen zur Identitätsdiffusion. Bedingt durch die

reglementierte Weltsicht durch die Autorität der Gemeinschaft hat das Mitglied sehr wahrscheinlich

gewisse Merkmale seiner Persönlichkeit sowie Interessen und Ambitionen im Allgemeinen

unterdrückt. Dadurch hat es sich der Möglichkeit beraubt, durch die Ausübung dieser

Betätigungen, sei es beruflich, geistig oder freizeitlich, sein Selbstwertgefühl zu steigern und seine

Ich-Identität selbstbestimmt zu formen. Teilweise offensichtliche Potentiale liegen brach.

In der Beratung sollte man berücksichtigen, dass der Klient möglicherweise eine Reihe von

Interessen oder Ambitionen, gegen die an sich nichts einzuwenden ist, als nicht wünschenswert,

,,weltlich" oder hinderlich betrachtet.

2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen

Unter religiösen Gruppen ist eine Wahrnehmungsverzerrung am häufigsten: die Stereotypisierung.

Aufgrund des umfassenden Lehrgebäudes solcher Gruppen, welches kein Thema unerklärt lässt,

stehen dem Mitglied zu jeder Situation Erklärungsmodelle bereit. Es werden Deutungsmuster

gebildet, die scheinbar alle Bereiche des Lebens abdecken. Damit wird, wie erwähnt, die

vieldimensionale Realität auf ein einfaches Grundmuster reduziert und weiteres Hinterfragen und

ein tieferes Durchdringen der Problematik verhindert. Die Wahrnehmungsverzerrung dient also im

Prinzip dem Erhalt des Selbstwertes.

Dem Klienten zu helfen, an für ihn ungewohnter Stelle weiter zu hinterfragen, kann seinen

Blickwinkel erweitern. Der Berater sollte auch bemüht sein, das (eingeschränkte) Weltbild des

Klienten für diesen spürbar zu akzeptieren, da es sonst zu einer Urteilsstabilisierenden Interaktion

des Klienten kommen kann, was seiner weiteren Öffnung im Wege stehen würde.

-5-


2.3: Motivationen

Das Unverständnis des Beraters, warum jemand einer religiösen oder ähnlichen Rand- oder

Sondergruppe angehört, kann ein Hindernis für eine erfolgreiche Beratung sein. Es folgt ein kurzer

Abriss über die häufigsten Motivationen, die zum Beitritt und Verbleib in einer der thematisierten

Gemeinschaften führen.

2.3.1: vereinfachte Realität und Sinn

Allen Gruppierungen religiöser Natur ist der Umstand zu Eigen, dass sie ihre Anhänger in

gewissem Maße von ihren Alltagssorgen und Zukunftsängsten und damit von innerer Unsicherheit

befreien. Das Leben erhält einen tieferen Sinn und wird transzendiert, Vergänglichkeit wird

relativiert. Die Welt wird aufgrund scheinbar logischer und eingängiger Glaubenssätze

überschaubar und transparent. Ein Gefühl, eine Gewissheit der Sicherheit stellt sich ein. Diese

zunächst positiv zu bewertende Tatsache birgt aber die Schwierigkeit, dass die Wirklichkeit auf

gefährliche Weise zurechtgestutzt wird. Teile der Realität werden ausgeblendet oder

fehlinterpretiert. (vgl. Stamm, S.111).

Auch der Umstand, dass sämtliche Widersprüchlichkeiten des Lebens aufgehoben zu sein

scheinen, ist eine zentrale Kraft, sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen.

Die kollektive Meinung, die adaptierte und internalisierte Sichtweise scheint inhärent das Gefühl

der absoluten Sicherheit und Wahrheit mitzuliefern. Abweichende Ansichten oder kritisches

Infragestellen müssen Aufgrund dieser Wahrnehmungsweise von vornherein falsch sein. Der

Konformismus wird als freiwillig erlebt, anders denkende sind Opfer von Irreführung,

Vertrauensmangel oder Stolz. Aus Einheit wird Einförmigkeit.

2.3.2: soziale Bindung

Das Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit kann ein starker Auslöser sein, sich einer

religiösen Gruppe anzuschließen. Manche Gemeinschaften überschütten Aspiranten mit

Aufmerksamkeit und Zuwendung, dem so genannten ,,love- bombing". Das Ich- Gefühl wird durch

das Zugehörigkeitsgefühl aufgewertet. Zudem bietet die Gemeinschaft oftmals Möglichkeiten der

Profilierung, die einem im rauen Wettbewerb des Alltags versagt bleiben: So kann es vorkommen,

dass ein einfacher Gebäudereiniger oder Fabrikarbeiter innerhalb einer Gemeinde ein

angesehenes Amt und Autorität bekleidet. Allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass

die gruppeninterne Vertrautheit

bedingt

ist; sie ist gebunden an die Loyalität zur Ideologie. Eine

kritische Haltung wird als glaubenszersetzend angesehen und macht damit tiefe Freundschaften

auf ganzheitlicher Ebene unmöglich, da Kritik an der Führung oder Lehre Tabu ist. Kulte bieten

eine künstliche Vertrautheit, die auf einer gemeinsamen ideologischen Identität beruht (Vgl.

Underwood, S.244).

Aus Angst vor dem Verlust enger Beziehungen werden Zweifel in privatem Rahmen meist nicht

thematisiert. Tiefgehende Gespräche über emotionale Inhalte sind selten. Durch die latente

Konformität werden nur Konversationen als positiv angesehen und angestrebt, die sich innerhalb

des Glaubenskontinuums bewegen; dadurch bleiben solche Gespräche oft an der Oberfläche oder

drehen sich um Vorgänge, Fakten, alltägliches und banales.

Der Berater muss berücksichtigen, dass ein Klient mit Kulthintergrund einer Selbstexploration

möglicherweise skeptisch gegenübersteht. Vielleicht findet er nur schwer Zugang zu seinen

authentischen Gefühlen oder glaubt, der Berater könne als Außenstehender nicht nachvollziehen,

was ihn bewegt. Es ist hilfreich, dem Klienten zu vermitteln, dass

alle

seine Empfindungen zulässig

sind und Beachtung verdienen.

-6-



2.3.3: weitere Motive

Nicht unerwähnt sollte die Identitätsstiftende Funktion religiöser Sondergemeinschaften bleiben.

Der einzelne wird von der Aufgabe befreit, seine Individualität eigenverantwortlich auszuformen. Er

wird zudem von der Verantwortung befreit, seine Aufgaben für die Gesellschaft wahrzunehmen, da

sie durch die Gruppe definiert werden. Schlussendlich gibt er die Verantwortung für die Gestaltung

seines Lebens in die Regie (oder vermeintlich göttliche Führung) der Gemeinschaft ab (vgl. Vogt,

S. 118). Auch die überwältigende Vorstellung, ja Überzeugung, im Auftrag Gottes aktiv zu sein, zu

einer Elite zu gehören, die die wahre Erkenntnis oder das wahre Heil erlangt hat oder erlangen

wird, hat einen nicht zu unterschätzenden Reiz, der viele in ihrer Gemeinschaft hält (vgl. Stamm,

S.92). Dabei sollte erwähnt werden, dass es kein spezielles Persönlichkeitsmuster gibt, welches

für die Zugehörigkeit in einer Sondergemeinschaft besonders anfällig wäre; auch die Intelligenz ist

hierfür nicht ausschlaggebend (Vgl. Köppel, S.203).

3.1: Wenn der Zweifel kommt

Sollten sich in einem Mitglied einer Gemeinschaft in irgendeiner Form Zweifel breit machen, so ist

es gehalten, sich an Autoritätspersonen innerhalb seiner Gemeinde zu wenden, mehr in den

internen Publikationen zu ,,studieren", zu beten oder aber die gruppentypischen Aktivitäten zu

forcieren. Unlust, Zweifel oder abweichende Vorstellungen oder Einstellungen werden i.d.R. als

,,Glaubensschwäche" gedeutet.

Laut Erhard Meueler hat eine Krise ihre Ursache im ,,Verlust eines Zaubers, den Verzicht auf eine

gehätschelte Illusion von Sicherheit und ein angenehmes Selbstgefühl" (ebd. S32). Durch die

Deutungsmuster ist festgelegt, wie Probleme gesehen und angegangen werden. Kommt es zu

Zweifeln bei einem Mitglied, die sich nicht ausräumen lassen, greifen diese Deutungsmuster nicht

mehr und der Betroffene erlebt kognitive Dissonanz.

3.1.1: Kognitive Dissonanz

Der Begriff wurde von Leon Festinger definiert und bezeichnet ,,einen als negativ empfundenen

Gefühlszustand, der durch nicht miteinander vereinbare Kognitionen ­ Wahrnehmungen,

Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten ­ entsteht. Dieser Zustand

motiviert Personen, die entsprechenden Kognitionen miteinander vereinbar zu machen, wobei

unterschiedliche Strategien benutzt werden, wie beispielsweise Verhaltensänderungen oder

Einstellungsänderungen (Rechtfertigungen)" (Quelle: Wikipedia). Bezogen auf die spezielle

Problemstellung bedeutet das, dass Lehre, Glaubenspraxis und Glaubensleben mit allem anderen

Erlebten und der subjektiven Welt übereinstimmen sollte und, falls nicht, Mechanismen zur

Dissonanzreduktion zum tragen kommen.

Das bedeutet, dass Menschen konsonante Kognitionen als angenehm empfinden und daher aktiv

suchen. Daher versuchen Gruppenmitglieder, dissonante Informationen zu vermeiden (Seeking-

and-Avoiding-Hypothese). Meist wollen Angehörige einer religiösen Sondergruppe keinerlei

kritische Informationen zu ihrer Organisation, auch wenn diese noch so gut fundiert sind. Die Folge

des geschilderten Verhaltens ist die selektive Wahrnehmung von Informationen, also

beispielsweise von dargebotenen Medieninhalten. Menschen neigen demnach, einmal getroffene

Entscheidungen zunächst beizubehalten oder zu rechtfertigen (nach Charles Kiesler). Deshalb

werden alle neuen Informationen, die zur Glaubensideologie in Widerspruch stehen, tendenziell

abgewertet, während alle konsonanten Informationen tendenziell aufgewertet werden. Erst wenn

die durch die Dissonanz erzeugte innere Spannung zu groß wird, also die individuelle

Toleranzschwelle überschreitet, ändert der Betroffene seine Haltung und öffnet sich neuen

Denkmodellen oder Fakten.

-7-


Eine weitere Möglichkeit der Dissonanzreduktion besteht in sog. Gedankenstopp ­ Techniken.

Der Gedankenstopp verhindert in diesem Fall, dass man sich intensiv mit Geschichte, Lehre und

Praxis der Gemeinschaft oder mit der exegetischen Plausibilität einer konkreten Bibel- oder

Glaubensauslegung beschäftigt, denn dies "spielt ja alles keine Rolle, solange man treu bleibt".

Gedankenstopp-Techniken helfen dabei, die als

unanfechtbare Wahrheit geltende Ideologie

eines

totalitären Glaubens- oder Gedankensystems nicht zu sehr zu hinterfragen. Wer sich mit den

gängigen Erklärungen und Antworten nicht zufrieden gibt, wird dazu angehalten seine

diesbezüglichen Gedankenströme zu stoppen und sie in "positive", konstruktive und "gottgefällige"

Bahnen zu lenken.

Zweifel eines Mitgliedes sind immer ,,persönliche Zweifel". Der Gegenstand des Zweifels bleibt

damit immer unberührt. Der Betreffende fühlt sich allein durch das Vorhandensein des Zweifels

schuldig. Darüber hinaus lernt er dadurch, seiner Wahrnehmung zu misstrauen (Vgl. Deckert, S.

175).

Dem Berater sollte bewusst sein, dass ein Aufbrechen der Plausibilitätsstruktur, sprich der

Glaubensdoktrin, erst im Falle einer ausreichend starken kognitiven Dissonanz möglich ist und

sollte dieses Aufbrechen zunächst

nicht

als Ziel ansehen. Äußert der Klient Zweifel oder

Unzufriedenheit über seine Glaubensgemeinschaft, so kann dies als Basis genutzt werden, seine

mentale Autonomie zu stärken.

3.1.2: ,,Der Wohlfühlfaktor"

Durch das dichotome Denken innerhalb eines Kultes wird alles Schlechte wie erwähnt in die ,,Welt"

außerhalb der Gruppe projiziert. Die damit verbundene geistige und tatsächliche Isolierung bringt

es naturgemäß mit sich, dass das Mitglied sowohl sein soziales Netz als auch sein persönliches

Glück ausschließlich innerhalb der Gruppe sucht und etabliert. Nicht selten kommt es zu einer

psychischen Abhängigkeit vom Kult. Das Mitglied fühlt sich ohne die Zukunftserwartung, die durch

den Kult formuliert wird, ohne Hoffnung.

Kulte nähren die Illusionäre Ansicht, ihre Anhänger könnten ein sorgenfreies ,,gottgefälliges" Leben

erreichen, indem sie einfach den Anweisungen und Lehren ihrer Organisation folgen. Diese

Illusion kann nur auf Kosten einer lebenslangen ständigen Unterwerfung unter Indoktrinationen

und durch eine dauernde Routine von Tätigkeiten aufrechterhalten werden. Abweichungen

produzieren Schuldgefühle (Vgl. Franz, S. 557).

Überdies bietet der Kult die Möglichkeit der Flucht vor einer unangenehmen Realität: das kann

Sinnfragen betreffen, die unbeantwortet bleiben könnten, aber auch lebenspraktische Aspekte wie

die Möglichkeit einer beruflichen Karriere, die durch die Naherwartung einer Erlösung überflüssig

wird. Die Heilslehre wird zum übergeordneten Prinzip, mit dem sich der Einzelne Identifiziert, auch

wenn die damit verbundenen Erwartungen nicht eintreffen. Die Rolle, die der Gläubige spielt, ist

nicht länger Schnittpunkt zwischen Glaubensdoktrin und Individuum ­ die Rolle ist das Wesen und

Gegenstand der Identität

an sich

. Durch die Glaubenspraxis, beispielsweise dem Missionieren,

haben Mitglieder das Gefühl, Aspekte des Heilsprinzips selbst zu erfahren, wobei sie nicht

realisieren, dass sie sich selbst manipulieren (vgl. Stamm, S.107). Die überwältigende Idee, einem

göttlichen Auftrag zum Wohle der Menschen zu dienen, schließt von vornherein die Möglichkeit

aus, sich davon kritisch zu distanzieren. Das entspräche einem Selbstbetrug, einem irrationalen

oder ,,egoistischem" Denken.

Oftmals wird Anhängern von ihren Glaubensgemeinschaften ein düsteres Bild von Aussteigern

gemalt: angefangen von persönlichen Krisen bis hin zur Drogen- oder Alkoholabhängigkeit sind

verschiedene Szenarien die wahrscheinliche Folge vom Verrat an der Glaubensgemeinschaft,

bzw. an Gott.

-8-



3.2 Abwehrmechanismen

Wie bereits angeklungen, bedarf ein totalitäres Glaubenssystem gewisser Strategien, um die

Integrität seiner Struktur aufrecht zu erhalten und zersetzende Einflüsse fern zu halten. Im

Folgenden seien einige erwähnt. In Anlehnung an die Wirkungsweise der

kognitiven Dissonanz

sind diese Strategien als

Dissonanzreduktion

anzusehen.

3.2.1 Heuristiken

Symptomatisch für geschlossene Glaubenssysteme sind

Urteilsheuristiken.

Zum Begriff: Heuristik ist eine Strategie zur Lösung eines Problems, eine einfache Regel, die auf

verschiedene Situationen angewendet werden kann (z.B. "Im Bio-Laden gibt′s nur gesunde

Sachen"). Durch dieses Kategoriesystem lassen sich Informationen aus der Umwelt schnell

einordnen, es wird eine gewisse Klarheit erzeugt. Bezogen auf die Wahrnehmungsverzerrungen

eines Kultmitgliedes führen sie zu Verstärkung des in-out-group Effektes. Außerdem entstehen

Scheinkorrelationen, d.h. es werden Zusammenhänge und Kausalitäten erkannt, wo keine sind

(Aronson, Sozialpsychologie).

3.2.2 Schuld

Besonders bei Religionsgemeinschaften, die sich auf die Bibel stützen, ist das Thema Schuld und

Sünde stark vertreten; man kann sogar sagen, dass es für diese Gemeinschaften elementar ist. Da

es nach der Lehre dieser unabdingbar ist, sich seiner Sündhaftigkeit andauernd bewusst zu sein

und eine Erlösung ein unablässiges Bekennen dessen erforderlich macht, wird das

Selbstwertgefühl des Einzelnen untergraben. Es verursacht langfristig ein Gefühl des Ungenügens

und Versagens.

Damit wird die Schuld zum Motor für geforderte Aktivitäten der Gemeinschaft, die Gnade und

Liebe Gottes ist an den eigenen Fleiß gebunden, denn daran ist erkennbar, wie stark der Glaube

ist.

Demut

wird als erstrebenswerte Eigenschaft idealisiert, wobei oftmals nur das Gefühl der

Minderwertigkeit kaschiert wird. In manchen Fällen kann diese regressive Charakteristik dazu

führen, dass der Einzelne nicht fähig ist, wirklich Verantwortung für seine Lebensgestaltung selbst

zu übernehmen und krampfhaft nach (religiösen) Vorschriften, Regeln und Autoritäten sucht, die

ihm das abnehmen (Vgl. Kirchmayr/Ringel, S.32).

3.2.3 Reinheit

Eng verbunden mit der Schuld ist die Forderung nach Reinheit. Erich Fromm sieht in kirchlichen

Autoritäten eine entfremdende Kraft; die ,,Mitte des Menschen liegt nicht in ihm selbst, sondern in

der Autorität, der er sich unterwirft" (Fromm, S.119).

Vertrautheit und Identität beruhen auf gemeinsamer Ideologie. Diese fordert vom Einzelnen seinen

Beitrag dazu. Dieser besteht darin, ebendiese Ideologie uneingeschränkt und kritiklos zu

unterstützen, denn alles davon Abweichende wäre ein ,,Teil der Welt Satans", ,,unabhängiges

Denken" oder ähnliches. Der Einzelne erlebt sich selbst nur dann als integer und der Gunst Gottes

würdig, wenn er der Definition der jeweiligen Gemeinschaft von Reinheit (oder besser

Angepasstheit) entspricht. Er unterliegt ständig einer inneren Zensur, die alle seine Gedanken und

Gefühle moralisch bewertet und damit zum Teil viel zu voreilig erstickt.

Der Berater ist gefordert, solche Vorgänge zu erkennen und nötigenfalls auf einen Zugang zu

diesen Emotionen hinzuarbeiten.

-9-


3.2.4: Compliance

Compliance

bezeichnet eine Motivationsstruktur, die auf Vermeidung von Strafe bzw. durch

Aussicht auf Belohnung beruht. Alle totalitären Glaubenssysteme weisen dieses Merkmal mehr

oder weniger deutlich auf. Die Mitglieder erwarten ihr Glück und ihr Heil in der Regel nicht im Hier

und Jetzt, sondern in einer durch die Doktrin formulierten Zukunftsvision.

Ein weiteres Merkmal der

Compliance

ist der Umstand, dass der Wunsch nach

Gruppenzugehörigkeit über die eigene Wahrnehmung und Beobachtung gestellt wird. Die Struktur

des Denkkollektivs bringt es also mit sich, dass widersprüchliche Kognitionen des Individuums gar

nicht als solche wahrgenommen werden, sondern voneinander getrennt bleiben (z.B. gilt ein

bestimmtes Denkelement als Glaubenssache, ein anderes als Wissenssache. Vgl. Deckert, S.39).

Nach der

Theorie des Engagements

nach Charles Kiesler schafft das

Selbstkonzept

seine

Vergangenheit und Wirklichkeit ständig neu, um Stabilität in der Gegenwart zu gewährleisten.

Damit ist die Bindung an die Gruppe notwendig, um die Plausibilität des eigenen Handelns zu

erhalten: immerhin hat man sich ihr (subjektiv) freiwillig angeschlossen.

Bestandteile der Überzeugung oder der Lehre werden zudem dogmatisiert und damit gegen das

Risiko des Scheiterns abgesichert. Die zweifelsfreie Letztbegründung ist eine nicht zu

hinterfragende Autorität, meist Gott und/oder dessen autorisierter Kanal.

Die

Compliance

macht ein Kultmitglied immun gegen dialektische Kritik an seinem

Glaubenssystem. Alleine schon durch den Gedanken an eine kritische Auseinandersetzung mit

Glaubensinhalten wird ein schlechtes Gewissen erzeugt. Der Betreffende befindet sich in einer

,,kognitiven Verschanzung".

Der Berater kann, wenn er solche Neigungen erkennt, dem Klienten deutlich machen, dass das

Zulassen gewisser Fragestellungen nicht automatisch ihre Annahme bedeutet.

3.2.5 Reaktanz

Der Mensch verteidigt seine

Einstellungen

erst einmal grundsätzlich, ohne Berücksichtigung ihrer

Plausibilität, denn es geht um das Recht, seine Einstellungen zu bewahren, also um seine

subjektive Integrität.

Deshalb muss der Reiz, eine Einstellung überhaupt zu hinterfragen, sehr stark sein. Darüber

hinaus muss die betroffene Person gewisse Faktoren mitbringen, z. B.

- die Bereitschaft, relevante Informationen überhaupt aufzunehmen

- der Informationsübermittler muss als kompetent, glaubwürdig, mächtig und/oder attraktiv

empfunden werden

- die Informationen müssen eine affektive Komponente haben, also einen lebensanschaulichen

Bezug

- die Informationen dürfen nicht zu stark von den bestehenden Einstellungen der Zielperson

abweichen.

Versuche der Beeinflussung oder Aufklärung erzeugen

Reaktanz

, d. h. zur Ablehnung. Das ist

insbesondere der Fall, wenn die Beeinflussungsversuche als zu massiv empfunden werden.

Die Psyche reagiert hier selbsterhaltend und tendenziell konservativ; in diesem Falle kann es zu

innerem oder tatsächlichem Widerstand gegen die Beeinflussungsversuche oder Inhalte kommen,

sowie zu einer

Aufwertung

der angegriffenen Einstellung.

Berücksichtigt der Berater das, wird er es (auch im Sinne der Klientenzentrierten

Gesprächsführung nach Rogers) vermeiden, auf die

Einstellungen

seines Klienten einwirken zu

wollen. Kultmitglieder reagieren wahrscheinlich sensibler und weniger tolerant auf

Meinungsäußerungen anderer bezüglich ihrer Situation als Personen ohne diesen speziellen

Hintergrund.

-10-


4.1 Aussteiger in der Beratung

Eine völlig neue Herausforderung an den Berater stellt die Konfrontation mit einem Kultmitglied

dar, welches im Begriff ist, seine Gemeinschaft zu verlassen, dies bereits getan hat oder von der

Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Gerade letztgenannter Fall kann traumatische

Auswirkungen haben und der Berater sollte hier besonders darauf bedacht sein, seine

Kompetenzen nicht zu überschreiten. Im Zweifelsfalle ist hier therapeutische Hilfe gefragt und/oder

die Hinzuziehung entsprechender Beratungsstellen, die sich mit den kultspezifischen

Problemstellungen auskennen und fachliche Hilfestellung bieten können.

Zunächst aber sollte der Berater über mögliche Symptome informiert sein, die einen Ausstieg

begleiten können.

4.2 Mögliche Symptome der Ausstiegsproblematik

Michael Langone führt in seinem Buch ,,Recovering from Cults" eine Reihe z. T.

psychopathologischer Symptome auf, die die Trennung von einem Kult mit sich bringen kann. Ich

beschränke mich im Folgenden auf die häufigsten.

-

Flashbacks

sind affektive Rückfälle in die Emotionsbefrachtete Denkweise des jeweiligen

Kultes. Diese können von einigen Sekunden bis zu Stunden dauern und reichen von

euphorischen bis hin zu depressiven oder ängstlichen Stimmungen.

-

Perspektivlosigkeit

. Ehemalige wissen nach ihrem Austritt nicht, was sie in ,,dieser Welt"

wollen und sollen. Es müssen mühsam neue Perspektiven erarbeitet werden.

-

Schuldgefühle

treten auf, weil sich der Betroffene von Gott verurteilt fühlt. Möglicherweise

schämt er sich aber auch, überhaupt in einen Kult hineingeraten zu sein.

-

Sorge

um im Kult verbleibende Angehörige, aber auch wegen des Verlusts des sinnvoll

empfundenen Engagements für ein hohes Ziel

-

Isolationsempfindungen

. Ehemalige haben oft das Gefühl, dass niemand ihre Lage

verstehen kann, insbesondere betrifft das ihre Familien, sofern diese in den Kult

eingebunden sind.

-

Dichotomes Denken

. Die Tendenz, nur ,,Schwarz- weiß" , also in Extremen zu denken

entspringt der vereinfachten Weltsicht von Kulten. Der Aussteiger muss lernen, ,,Grautöne"

wahrzunehmen, um der Komplexität des Daseins gerecht zu werden.

-

Einsamkeit.

Da Kultmitglieder i. d. R. gehalten sind, ihre Bekanntschaften nur innerhalb der

Glaubensgemeinschaft zu unterhalten, kollabiert das soziale Netz meist mit dem Ausstieg.

In Verbindung mit einem

-

Schwachen Selbstvertrauen

hat das oft dramatische Konsequenzen: Der Betroffene hat

große Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen oder überhaupt offen auf andere

zuzugehen. Außerdem hat er im Kult über einen langen Zeitraum hinweg gelernt, seiner

eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und/oder sich schwach, nutzlos oder schuldig zu

fühlen.

-

Floating.

Dem Floating liegt der Verlust einer stabilen Weltanschauung zu Grunde. Das

hieraus entstehende geistige Vakuum muss gefüllt werden.

-

Angstsymptome

. Die meisten Kulte prophezeien Aussteigern eine Reihe schlimmer

Konsequenzen. Auch das Gefühl, versagt zu haben und dem göttlichen Strafgericht

ausgeliefert zu sein kann zu großer Angst führen, die in einer Depression münden kann.

-

Wut und Ärger

gegenüber der Gruppe, deren Führern, Mitgliedern oder aber auch

gegenüber sich selbst.

Der Berater steht vor der Herausforderung, solche Symptome zu erkennen und dem Klienten zu

helfen, sich ihrer bewusst zu werden.

-11-


4.3 Die Grenzen der Beratung

An der vorangehenden Symptombeschreibung lässt sich unschwer erkennen, dass zumindest bei

Kultaussteigern

therapeutische Hilfe notwendig werden kann. Hierzu bieten sich, wie bereits

erwähnt, auch örtliche Beratungsstellen an, die sich speziell mit diesem Problemfeld befassen und

sich in den kultspezifischen Strukturen auskennen. Der Berater sollte den Klienten darüber

informieren, wenn deutlich wird, dass dieser massive Probleme in diesem Bereich hat.

Gegenteilig stellt sich natürlich die Situation dar, wenn der Klient beispielsweise Schwierigkeiten

damit hat, Angehörigen und Freunden seinen

Beitritt

zu einer Gemeinschaft näher zu bringen.

Sein soziales Umfeld reagiert darauf möglicherweise mit Unverständnis oder starker Ablehnung,

meist begründet in der Angst, den Betreffenden an ,,eine Sekte zu verlieren".

Der Betreffende muss sich darüber klar werden, dass konfrontatives Verhalten die Kluft nur

vergrößert. Beide Seiten müssen in diesem Falle an einer offenen und vertrauensvollen Haltung

arbeiten und vermeiden, die Position des jeweils anderen abzuwerten. Hier ist Hilfestellung im

Erarbeiten konstruktiver Kommunikation gefragt, wobei der Berater besonders auf Neutralität

bedacht sein sollte (Vgl. Rohmann, s. 89).

Natürlich liegen nicht alle Probleme eines Klienten automatisch in seiner Zugehörigkeit zu einer

bestimmten religiösen Gemeinschaft begründet. Im Gegenteil; oftmals bietet die Gemeinschaft

Halt, Perspektive, Inhalt und auch echtes Glück- vorausgesetzt, das Mitglied fühlt sich wohl. Nicht

jeder Kult hat totalitäre oder repressive Züge. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen ist nicht

Gegenstand dieser Arbeit und es ließe sich auch nicht vollständig und allgemeingültig festlegen.

Es wäre zu weit gegriffen, jedem Mitglied einer solchen religiösen Gemeinschaft die persönliche

Authentizität abzusprechen. Der Berater sollte sich also davor hüten, vorschnell eine

Kultmitgliedschaft ursächlich für die Problemstellungen eines Klienten anzunehmen.

Die oben behandelte Frage, ob Mitglieder religiöser Sondergemeinschaften unter einer gewissen

Manipulation stehen, spielt natürlich auch eine Rolle, wenn es um die Grenzen der Beratung geht.

Der Grad der Bewusstseinskontrolle weist natürlich unterschiedliche Intensitäten auf. In jedem

Falle ist damit zu rechnen, dass ein Kultmitglied die Integrität des Glaubens- und Lehrgebäudes

seiner Gemeinschaft höher gewichten wird als seine persönliche Wohlfahrt, die er nur in

Abhängigkeit seiner Konformität mit seinem Glaubenssystem erwartet. Der Berater ist gefordert,

die förderlichen Aspekte der Kultzugehörigkeit zu extrahieren. Gemeinschaftsgefühl, soziales

Engagement, Fürsorge für Bedürftige, hohe moralische Werte und dergleichen Dinge, auf die

seine Gemeinschaft Wert legt, können ein guter Ansatzpunkt sein, dem Klienten adäquate

Hilfestellung zu leisten.

Zusammenfassung

Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulte stellen eine nicht unerhebliche Herausforderung für

den Berater dar. Der Umgang mit betroffenen Personen erfordert ein überdurchschnittliches Maß

an Empathie und Toleranz. Überdies sollte der Berater in der Lage sein, evtl. vorhandene eigene

Vorurteile zu erkennen und zu neutralisieren.

Kultmitglieder sind in ein komplexes Werte- und Denksystem eingebunden, welches kein

Lebensbereich unberührt lässt. Änderungen im Denken, Handeln und in der Bewertung der

eigenen Person können bei konformen Gläubigen nur im Einklang mit diesem System initiiert

werden.

Die tendenzielle Hinwendung zum spirituellen und neu- religiösem in der westlichen Gesellschaft

lässt vermuten, dass Kulte verschiedenster Couleur in Zukunft eine nicht zu unterschätzende Rolle

spielen und damit auch vermehrt Thema in der psychologischen Beratung werden könnten.

-12-


Literaturverzeichnis

HASSAN, Steven: ,,Ausbruch aus dem Bann der Sekten", Rowohlt 1993

DECKERT, Bruno: ,,All along the Watchtower- eine psychoimmunologische Studie" V+R 2007

FRANZ, Raymond: ,,Auf der Suche nach christlicher Freiheit", Bruderdienst Missionsverlag

Hamburg, 3. Auflage 2007

LIFTON, Robert J.: "Thought Reform and the Psychology of Totalism" 1961

STAMM, Hugo: "Sekten- im Bann von Sucht und Macht- Ausstiegshilfen für Betroffene und

Angehörige" Zürich 1994

UNDERWOOD, Barbara & Betty: ,,Im Bann des Himmels", DTV 1985

KÖPPL, Elmar: ,,Die Zeugen Jehovas. Eine psychologische Analyse" 3. Auflage München 2001

von der Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen

VOGT, Matthias: ,,Sehn- SUCHT. Der Zusammenhang zwischen Sucht und Sehnsucht", ISPA-

Presse Lausanne 1994

MEUELER, Erhard: ,,Wie aus Schwäche Stärke wird- vom Umgang mit Lebenskrisen" Rowohlt,

1987

KIRCHMAYR& RINGEL: ,,Religionsverlust durch religiöse Erziehung- tiefenpsychologische

Ursachen und Folgerungen" Herder, 5. Auflage, 1986

FROMM, Erich: ,,Die Kunst des Liebens", Ullstein 1979

LANGONE, Michael D.: ,,Recovery from Cults" , W.W. Norton & Company, 1985

ROHMANN, Dieter: "Mögliche Prädispossition einer Sekten- oder Kultmitgliedschaft", Diplomarbeit

vorgelegt an der katholischen Universität Eichstätt, Lehrstuhl f. Psychologie

Ich versichere, die vorliegende Arbeit selbständig und ohne fremde Hilfe erstellt zu haben.

Marcus Zeller, 18.7.2009

-13-







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