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Subtitle: Qualität von Wissen und Wirkungen des Unterrichts in situiert vs. instruktionalisiert orientierten Lernumgebungen
Thesis (M.A.), 2009, 141 Pages
Author: Jan Fendler
Subject: Pedagogy - The Teacher
Details
Year: 2009
Pages: 141
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45222-4
ISBN (Book): 978-3-640-45240-8
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Abstract
Lehramtsstudierenden greifen häufig auf ihre, durch Sozialisation erworbenen, subjektiven Theorien zurück und vernachlässigen wissenschaftliches Wissen (vgl. Spiewak, 2004). Daraus resultiert ein träges Wissen, dass reproduziert jedoch nicht angewendet werden kann (vgl. Neuweg, 2007). Als eine Maßnahme die Anwendung wissenschaftlichen Wissens zu fördern gilt die didaktische Gestaltung von Seminarkonzeptionen. Die vorliegende Studie soll prüfen, ob träges Wissen und subjektive Theorien durch die Implementierung innovativer Seminarkonzeptionen sowie den Einsatz modifizierter Instruktionsansätze unterbunden werden und langfristige Einstellungsänderungen gegenüber wissenschaftlichen Wissens erfolgen. Hierfür wurden unter Berücksichtigung aktueller Forschungsstände zwei Seminarkonzeptionen entwickelt, die sich hinsichtlich ihrer didaktischen Gestaltung (situiert orientiert vs. instruktional orientiert) unterschieden. Die Seminare wurden im Sommersemester 2007 mit 44 Studierenden im Rahmen der universitären Lehrerausbildung durchgeführt und in Bezug auf die Qualität der Anwendung wissenschaftlichen Wissens, Aktivierung der Lerner und Akzeptanz der Lernumgebung verglichen. Die Leistungen und Einstellungen der Studierenden wurden mittels Fragebögen, Wissenstests und qualitativen Interviews überprüft. Als Ergebnisse der Studie können festgehalten werden, dass die situiert orientierte Seminarkonzeption, sowohl bei der Qualität der Wissensanwendung, der Aktivierung und der Akzeptanz durch die Lerner bessere Ergebnisse erzielte. Lediglich bei hoch komplexen Informationen kann geschlussfolgert werden, dass eine durch reine Instruktion vermittelte Wissensbasis zumindest gleichwertige Ergebnisse erzielt. In beiden Seminarkonzeptionen war dennoch ein erhebliches Steigerungspotential vorhanden, da die erreichten Leistungen der Studierenden nur selten an das theoretische Maximum heranreichten. Bei der Betrachtung motivationaler Faktoren zur Aktivierung zeigte sich, dass die instruktional orientierten Studierenden von der hohen Instruktion profitierten, ihre Furcht vor Misserfolg nahm ab. Die Lerner der situiert orientierten Seminarkonzeption resultierten hingegen von den Freiräumen des selbstbestimmten Lernens und bewerteten das Lernklima als außerordentlich positiv. Gleiches galt auch für die Akzeptanz der Lernumgebung, die bei den situiert orientierten Lernern als wesentlich positiver eingeschätzt wurde und so eine höhere Bereitschaft der Wissensanwendung eruieren lässt.
Excerpt (computer-generated)
UDS - ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT
Effekte integrierter
Lernumgebungen in der
Lehrerforschung
Qualität von Wissen und Wirkungen des Unterrichts in situiert vs. instruktionalisiert
orientierten Lernumgebungen
Jan Fendler
30.03.2009
Hausarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
Magister Artium
vorgelegt an der Philosophischen Fakultät
der Universität des Saarlandes
in der Fachrichtung Erziehungswissenschaft
I
Zusammenfassung
Lehramtsstudierenden greifen häufig auf ihre, durch Sozialisation erworbenen,
subjektiven Theorien zurück und vernachlässigen wissenschaftliches Wissen (vgl.
Spiewak, 2004). Daraus resultiert ein träges Wissen, dass zwar reproduziert jedoch
nicht angewendet werden kann (vgl. Neuweg, 2007). Als eine Maßnahme die
Anwendung wissenschaftlichen Wissens zu fördern gilt die didaktische Gestaltung
von Seminarkonzeptionen. Die vorliegende Studie soll prüfen, ob träges Wissen und
subjektive Theorien durch die Implementation innovativer Seminarkonzeptionen
sowie den Einsatz modifizierter Instruktionsansätze unterbunden werden und
langfristige Einstellungsänderungen gegenüber wissenschaftlichen Wissens erfolgen.
Hierfür
wurden
unter
Berücksichtigung
aktueller
Forschungsstände
zwei
Seminarkonzeptionen entwickelt, die sich hinsichtlich ihrer didaktischen Gestaltung
(situiert orientiert vs. instruktional orientiert) unterschieden. Die Seminare wurden im
Sommersemester 2007 mit 44 Studierenden im Rahmen der universitären
Lehrerausbildung durchgeführt und in Bezug auf die Qualität der Anwendung
wissenschaftlichen Wissens, Aktivierung der Lerner und Akzeptanz der
Lernumgebung verglichen. Die Leistungen und Einstellungen der Studierenden
wurden mittels Fragebögen, Wissenstests und qualitativen Interviews überprüft. Als
Ergebnisse der Studie können festgehalten werden, dass die situiert orientierte
Seminarkonzeption, sowohl bei der Qualität der Wissensanwendung, der Aktivierung
und der Akzeptanz durch die Lerner bessere Ergebnisse erzielte. Lediglich bei hoch
komplexen Informationen kann geschlussfolgert werden, dass eine durch reine
Instruktion vermittelte Wissensbasis zumindest gleichwertige Ergebnisse erzielt. In
beiden Seminarkonzeptionen war dennoch ein erhebliches Steigerungspotential
vorhanden, da die erreichten Leistungen der Studierenden nur selten an das
theoretische Maximum heranreichten. Bei der Betrachtung motivationaler Faktoren
zur Aktivierung zeigte sich, dass die instruktional orientierten Studierenden von der
hohen Instruktion profitierten, ihre Furcht vor Misserfolg nahm ab. Die Lerner der
situiert orientierten Seminarkonzeption resultierten hingegen von den Freiräumen des
selbstbestimmten Lernens und bewerteten das Lernklima als außerordentlich positiv.
Gleiches galt auch für die Akzeptanz der Lernumgebung, die bei den situiert
orientierten Lernern als wesentlich positiver eingeschätzt wurde und so eine höhere
Bereitschaft der Wissensanwendung eruieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung I
Einleitung 1
1.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens 2
1.1
Träges Wissen in der Lehrerbildung 12
1.2
Subjektive Theorien in der Lehrerausbildung und Handlung 16
1.3
Motivationsaspekte bei der Wissensaneignung 19
1.4
Unterrichtsmodelle 24
1.4.1
Instruktionalisierte Ansätze 25
1.4.2
Kritik an instruktionalisierten Ansätzen 28
1.4.3
Situierte Ansätze 29
1.4.4
Kritik an situierten Ansätzen 31
1.5
Debatte zur Wirksamkeit verschiedener didaktischer Konzeptionen 32
1.5.1
Argumentation Anderson, Reder und Simon (1996) 33
1.5.2
Die Entstehung einer instruktional orientierten Lernumgebung 36
1.5.3
Argumentation Greeno (1997) 37
1.5.4
Revival the discussion 41
1.5.5
Die Entstehung einer situiert orientierten Lernumgebung 47
1.6
Resultate der Debatten 47
1.7
Untersuchungsfragen 48
2.
Methode 51
2.1
Stichprobe 51
2.2
Experimenteller Aufbau 51
2.2.1
Konzeption der Lernumgebungen 51
2.2.2
Seminarinhalt 52
2.2.3
Seminarziele 52
2.3 Gruppendesign 53
2.3.1
Gruppe A: situiert orientierte Lernumgebung 54
2.3.2
Gruppe B: instruktionalisiertes Design 56
2.4 Lernmaterialien 59
2.4.1
Gemeinsame Sitzungen Sommersemester 2007 59
2.4.2
situiert orientierte Gruppe (A) 60
2.4.3
instruktionalisiert orientierte Gruppe (B) 61
2.4.4
Gemeinsame Endsitzung 63
2.5 Instrumente und Messverfahren 63
2.5.1
Vorerhebung erste Sitzung 63
2.5.2
Wissenstest 65
2.5.3
Gemeinsame Gruppenarbeit vom 17.07.2007 69
2.5.4
Nacherhebung 70
2.5.5
Validierung der Motivationsitems 72
3. Durchführung 74
3.1
Interne Validität (Zusammensetzung der Stichprobe) 74
3.1.1 Gruppendesign 74
3.1.2
Die innere Einstellung der Lerner 75
Deskriptive und Interferenzstatistische Befunde 78
3.2
Forschungsfrage
1:
Welchen
Einfluss
haben
die
beiden
Seminarkonzeptionen auf die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen? 78
3.2.1 Perspektive Leistungsbetrachtung 78
3.2.2
Perspektive Inhaltsspezifische Betrachtung (Qualität des Wissens) 79
3.2.3
Perspektive Wissensart (Anwendungs- versus träges Wissen, als Qualität
der Wissensbasis) 82
3.2.4
strukturelle Perspektive (Vernetztheit und Wissenschaftlichkeit als Elemente
der Qualität der Wissensbasis) 83
3.2.5
Reflexionsniveau aus der Perspektive Wissenschaftlichkeit 84
3.3
Forschungsfrage 2: Wie wirken sich die beiden Seminar-konzeptionen auf
die Aktivierung der Lerner und das Interesse an Theorien aus? 87
3.3.1
Interesse an Theorie und Wissenschaft 87
3.3.2
Motivationale Faktoren 89
3.4
Forschungsfrage 3: Welchen Einfluss hat die Seminarkonzeption auf die
Akzeptanz der Lernumgebung? 92
4. Diskussion 94
5. Konsequenzen für den Unterricht 100
6. Ausblick 103
Literaturverzeichnis 106
Anhang 1 Vorerhebung 124
Anhang 2 Gruppenarbeit 127
Anhang 3 Wissenstest 129
Anhang 4 Nacherhebung 132
Einleitung
1
Einleitung
Unterrichten als zentrale Aufgabe des heutigen Lehrerhandelns ist durch einen
stetigen Wandel von Anforderungen, Lernern, Gesetzen und Inhalten determiniert.
Heterogene Schülerlandschaften erfordern von Lehrern 1 , dass sie komplexe
Situationen erfolgreich bewältigen, Entwicklungsstände von Kindern diagnostizieren
und im schulischen Alltag eine flexible Managementfunktion übernehmen (Krainer,
2003). Durch Schulentwicklung verändert sich die Lehr-Lernsituation und erweitert
sich das Arbeitsfeld von Lehrpersonen. Die zusätzliche Einführung von
Bildungsstandards, orientiert am Output und entfernt von der Wissensvermittlung,
wie sie in bisherigen Curriculumsplänen vorgeschrieben war, erfordert die Fähigkeit,
Wissen in neue Formen und Situationen zu transferieren und befreit den Lehrer vom
monotonen Handlungsablauf, wie er in ,,verstaubten" Lehrplänen festgehalten ist.
War das bisherige Bild des Lehrerhandelns geprägt vom ,,Unterricht halten" (Klafki,
1962), so erweitert sich seine Funktion immer mehr um die Organisations- und
Konstruktionskomponente des Wissens. Denn aktuelle Befunde weisen darauf hin,
dass die erfolgreiche Bewältigung neuer Handlungsfelder von Schule ohne eine
differenzierte Wissensbasis, langfristig gesehen, nicht gelingt (vgl. Stark, 2001; Wahl,
2001). Doch Theorie und Praxis scheinen im täglichen Handlungsfeld der Lehrkräfte
weit voneinander entfernt zu sein. Begriffe wie Praxisschock, subjektive Theorien und
träges Wissen kennzeichnen diese Kluft. Theorie und Praxis stehen sich dabei nicht
nur im alltäglichen Handlungsfeld des Lehrers konträr gegenüber, sondern schon bei
der
Vermittlung
des
wissenschaftlichen
Wissens
in
der
universitären
Lehrerausbildung selbst. Die Lehrerausbildung muss sich folglich der Anwendung
von wissenschaftlichem Wissen öffnen und dieses funktionell in das ,,Unterricht
halten" integrieren, so dass zukünftige Lehrer in der Lage sind flexibel auf neue
Situationen einzugehen und Unterricht zu konstruieren. Daher erscheint es relevant
(vgl. u.a. Anderson, Reder & Simon, 1996; Greeno, 1997; Kirschner, Sweller & Clark,
2004) die Unterrichtssituationen in der universitären Lehrerausbildung detailliert zu
evaluieren, um eine bestmögliche Lehr-Lernsituation zu proklamieren, die die
Anwendung von wissenschaftlichem Wissen weitestgehend fördert.
1 Aus Gründen der Lesbarkeit wurde auf eine weibliche Anrede verzichtet. Stellvertretend steht die
männliche Form für beide Geschlechter (vgl. Miehte, Kajatin & Pohl; 2002).
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
2
1. Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
In einer Befragung von 500 Lehrer/Innen an niedersächsischen Schulen, zu ihren
Problemlösestrategien und Wissensquellen in sozialer Interaktion mit Schülern
offenbarten 81.7% der Lehrer, dass sie auf subjektive Theorien und Erfahrungen in
ihrem Unterricht zurückgreifen. Dem gegenüber gaben gerade einmal 7% an, dass
sie sich an einer bestimmten pädagogischen Theorie orientieren. (Neuweg, 2007) In
weiteren empirischen Analysen konnten Gruber, Mandl und Renkl-Schwarzer (1999)
zudem zeigen, dass Studierende das im Kontext der Universitätslehre erworbene
Wissen zwar in Prüfungen reproduzieren (What-you-test-is-what-you-get-Prinzip;
Bell, Burkhardt & Swan, 1992), jedoch nicht in alltagsnahe Problemsituationen
transferieren
können.
Auch
im
Rahmen
der
Klausurkorrekturen
von
Lehramtsstudierenden an der Universität des Saarlandes ist festzuhalten, dass
Reproduktionsaufgaben meist sehr erfolgreich durch die Studierenden bewältigt
werden, Transferaufgaben aber nicht an den empirischen Mittelwert der Punkte für
Reproduktionsaufgaben heranreichen (vgl. Herzmann, Stark & Krause, 2008). Die
Wissensanwendung beschränkt sich im Studium zumeist auf die Bewältigung von
Klausuren und Hausarbeiten; wissenschaftliche Theorien und Forschungsergebnisse
werden häufig nur aneinander gereiht und reproduziert (vgl. Kopp, Stark & Fischer,
2007;
Stark,
2005).
Die
Reproduktion
des
erworbenen
Theoriewissens
(konzeptuelles deklaratives Wissen) wird einer kognitiven Vernetzung des erlernten
wissenschaftlichen Wissens und der kritischen Reflexion sowie Elaboration
vorgezogen (vgl. DeJong & Ferguson-Hessler, 1996), unabhängig davon welche Art
von Fachwissen gelernt wird. Die für professionelles Lehrerhandeln zentrale
Anwendung handlungsrelevanten bildungswissenschaftlichen Wissens wird dadurch
massiv behindert und steht im Gegensatz zu dem von der Kultusministerkonferenz
geforderten Curriculum, das nach Lernfeldern fächerübergreifend organisiert und
handlungsorientiert
strukturiert
sein
sollte,
um
die
wissenschaftliche
Wissensanwendung als Schlüsselkompetenz in Lehre und Bildung zu fördern (vgl.
Schwarz-Govaers, 2004).
Auch im Gesundheitsbereich (vgl. Schwarz-Govaers, 2001) wird das Problem der
Wissensanwendung thematisiert. So verweigerten Pflegeschüler zum Beispiel die
Schmerzmittelvergabe mit dem Hinweis, dass dieses abhängig mache, obwohl sie im
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
3
Unterricht zuvor genau das Gegenteil erlernt hatten. Die Schüler verfügten über ein
konzeptuelles deklaratives Wissen, waren aber dennoch nicht in der Lage, dieses in
Situationen anzuwenden. Viele Studien belegen, dass Lerner erhebliche Probleme
haben, erworbenes Fachwissen auf professionalisierte Problemstellungen erfolgreich
zu transferieren (vgl. Renkl, 1996). Generell gelten die Befunde für alle
Bildungsbereiche, sollen aber im Folgenden nur für das Lehramtsstudium an
Hochschulen exemplifiziert werden. Hier ist besonders relevant, dass viele
Lehramtsstudierende ihr bildungswissenschaftliches Wissen nur unzureichend auf
pädagogische Problemstellungen anwenden und subjektive Lehr-Lerntheorien
bevorzugen (vgl. Terhart, Czerwenka, Ehrich, Jordan & Schmidt, 1994; Wahl 2001).
Daraus folgt eine fehlende Qualifizierung von zukünftigen Lehrkräften, die in ihrem
täglichen Handlungsfeld nicht mit wissenschaftlich fundiertem Wissen agieren
können und somit den Anforderungen der Lehrerrolle des professionalisierten
Vermittlers von Wissen und Bildung nicht gerecht werden.
"[...] Viele deutsche Lehrer sind trotz sechs- bis achtjähriger Ausbildung
Autodidakten: Beim Unterrichten orientieren sie sich eher an ihrer Intuition oder der
Erfahrung mit eigenen Kindern als an dem, was sie in Studium und Referendariat
gelernt haben. Lieber bedienen sie sich aus einem privaten Schatzkästlein mit Tipps,
Rezepten und überlieferten Glaubenssätzen."
(Spiewak, 2004)
Wenn aber zukünftige Lehrer, komplexere Situationen erfolgreich bewältigen
sollen, die Entwicklungsstände von Kindern diagnostizieren sollen und im
schulischen Alltag eine flexible Managementfunktion übernehmen müssen (vgl.
Krainer, 2003), dann kann ihnen dies nur gelingen, wenn sie in ihrer Ausbildung ein
fundiertes methodisches Wissen zur Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse
erhalten, das sie in flexibler Weise an unterschiedliche pädagogische Situationen
anpassen können und somit nicht auf ,,überlieferte Glaubensätze" zurückgreifen
müssen. Alle Unterrichtskonzeptionen erheben den Anspruch, theoretisch fundiertes
Wissen
vermitteln
zu
können,
das
den
Lerner
auf
die
zukünftige
Anwendungssituation und professionelles Handeln vorbereitet (vgl. 1.5
Debatte zur
Wirksamkeit
verschiedener
didaktischer
Konzeptionen).
Weitestgehend
unberücksichtigt bleiben in den Diskursen jedoch die Motivation und Volition der
Lerner zur Anwendung wissenschaftlichen Wissens, obwohl sie ebenso
ausschlaggebend für die Entstehung trägen Wissens sein können. Insbesondere
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
4
eine geringe Motivation und Volition des Lerners können in der Erwerbssituation, wie
auch in der zukünftigen Anwendungssituation einen negativen Einfluss auf die
Einstellung gegenüber wissenschaftlichem Wissen ausüben. Daher folgt im Kapitel
,,1.3 Motivationsaspekte bei der Wissensaneignung" eine detaillierte Abhandlung
der
Motivation
unter
besonderer
Berücksichtigung
der
Anwendung
wissenschaftlichen Wissens im Erwerbsprozess. Auch äußere Faktoren (wie zum
Beispiel der Zeitdruck am Ende einer Unterrichtseinheit, Ablenkungen durch den
Lernverband, der Raum als dritter Pädagoge) können auf den Lernprozess wirken,
sie sollen aber nur am Rande Erwähnung finden.
Die Essenz für das überwiegende Lehrerhandeln (vgl. Neuweg, 2007) ist das
vermittelte träge Wissen (Renkl, 1994; Renkl, 1996; Gruber & Renkl, 2000), welches
den Lerner dazu verleitet auf seine subjektiven Theorien zurückzugreifen. Diese
korrespondieren im Allgemeinen nur schwach mit wissenschaftlichen Theorien (vgl.
Groeben, Wahl, Schlee & Scheele, 1988; Gerstenmaier & Mandl, 1996) und werden
vom Lerner im zukünftigen Handlungskontext bevorzugt. Auffällig ist dabei, dass
erlernte pädagogische Theorien dennoch reproduziert werden können (vgl. Renkl,
1994). Erworbene pädagogische Theorien stellen somit keine ausreichend
verlässliche Basis für die Anwendung von wissenschaftlichem Wissen dar, sondern
müssen in verschiedenen Dimensionen des Wissens spezifiziert und konstruiert
werden.
Eine erste Differenzierung von Wissen in deklaratives (knowing that) und
prozedurales Wissen (knowing how) nahm Ryle (1969) vor und im weiteren Verlauf
wurde unter Berücksichtigung von Gedächtnis sowie Bewusstsein (mind) Wissen als
Sach-, Handlungs- und Metawissen analysiert und konzipiert (vgl. Renkl, 1996). Das
Wissen über Theorien, Objekte und Personen wird dabei als deklaratives Wissen
(Sachwissen) operationalisiert und intern in proportionaler Form, unabhängig von
situativen constraints 2 und affordance 3 repräsentiert (vgl. Ryle, 1969; Mandl &
Spada, 1988; Eysenck & Keane, 2000). Das prozedurale Wissen (Handlungswissen),
als weitere Komponente des Wissens, stellt hingegen die Handlungsmöglichkeit mit
deklarativem Wissen bereit und gilt als Prozess der Verarbeitung von Information in
2 Unter dem Begriff des situative constraints werden durch die Situation verursachte Begrenzungen
verstanden.
3 Affordance können hingegen als Aufforderungscharaktere durch die Situation bzw. Aufgabenstellung
verstanden werden; Übersetzungen ins Deutsche sind unzureichend (vgl. Müsseler & Prinz, 2002)
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
5
Bezug auf die soziale Umwelt. Die abschließende dritte Art das Metawissen
ermöglicht ein Verständnis für die Gewinnung sowie Verlässlichkeit von Wissen und
eruiert die Tragweite und Auswirkung des erworbenen Wissens für den Lerner. (vgl.
Ryle, 1969; Spada & Mandl, 1988; Eysenck & Keane, 2000; Eysenck & Keane, 2005)
Diese Einteilung von Wissen hat auch heute noch in den verschiedenen
psychologischen und pädagogischen Theorien Bestand und findet immer wieder
Beachtung. Dabei besteht jedoch das Problem, dass sich wissenschaftliches Wissen
und subjektive Theorien nur im ersten Moment in der Verfügbarkeit 4 von
Subkategorien des Wissens unterscheiden (vgl. Stark, 2001). Viel eher sind die
Qualität des deklarativen Wissens und die Qualität der Wissensbasis
ausschlaggebend für die Anwendung wissenschaftlichen Wissens (vgl. Abbildung 1).
So kann die Dimension der ,,Qualität des (deklarativen) Wissens" mittels
Reproduktion über das jeweilige Themengebiet diagnostiziert werden und ermöglicht
dadurch eine Überprüfung von erworbenem wissenschaftlichen Wissen, welches in
Subkategorien wie Theorien, Modelle, Paradigmen und empirische Befunde
klassifiziert werden kann (vgl. Kuhn, 1976). Es ist anzunehmen, dass die
verschiedenen Subkategorien deklarativen Wissens unterschiedlich schwer zu
erwerben und daher auch zu reproduzieren sind. Diese Annahme wird durch
kognitionspsychologische Erkenntnisse der Gedächtnisforschung (vgl. Miller, 1956;
Atkinson & Shiffrin, 1968; Anderson, Reder & Simon, 1996) unterstützt. In diesen
konnte gezeigt werden, dass die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses begrenzt ist
und dadurch die Aufnahme neuen Wissens ins Langzeitgedächtnis beschränkt wird
(vgl. Kapitel:
4 Anwendbares wissenschaftliches Wissen verfügt über die drei Subkategorien: deklaratives
wissenschaftliches Wissen, prozedurales Wissen und Metawissen, während subjektive Theorien nur
über die Kategorien deklaratives und prozedurales Wissen verfügen. Daraus folgt, dass subjektive
Theorien nicht reflektiert werden (vgl. Dann, 1994). Dieser Annahme steht jedoch entgegen, dass
subjektive Theorien in eine feste Struktur eingebunden sind (vgl. Groeben, et al., 1988; Koch-Priewe,
1986), was bedeutet, dass ihr Wirkungsgrad zumindest durch Erfahrungswerte reflektiert wurde, daher
verfügen, wenn auch nicht im gleichen Maße, auch subjektive Theorien über Ebenen im Metawissen.
Probleme in der Anwendung wissenschaftlichen Wissens
6
1.5.4
Revival the discussion Cognitive Overload). Die Dimension der
,,Qualität deklarativen Wissens" korreliert proportional zur Quantität des korrekten5
deklarativen Wissens, und Monokausalität ist als Phänomen subjektiver Theorien zu
bewerten.
Abbildung 1
Anwe ndungswissen
Anwe ndbarkeit wissenschaftlichen Wissens
Qualität des Wissens
Qualität der Wissensbasis
Quantität deklarativen
wissenschaftlichen
Wissens
Verfügbarkeit
Vernetztheit Wissenschaftlichkeit
prozeduralen Wissens
Modelle
Theorien
Empirische Befunde
Paradigmen
Reflexionsniveau:
Elaboration
Kritische Prüfung
Anwendbarkeit wissenschaftlichen Wissens als Theoretisierungskompetenz
Für seminardidaktische Konzeptionen in der Lehramtsausbildung ist folglich zu
beachten, dass deklaratives Wissen zu Problemen bei der Wissensanwendung
führen kann, sofern es unvollständig bzw. unstrukturiert präsentiert wird. Diese
Strukturdefizite verursachen unvollständiges bzw. unstrukturiertes deklaratives
Wissen, das im Lerner verankert ist und ihm nur mangelhaft zur Verfügung steht (vgl.
Renkl, 1994). Eine zukünftige Anwendung des wissenschaftlichen Wissens wird
massiv beschränkt bzw. verhindert. Zudem kann es auch zum Cognitive Overload im
Lerner führen, wenn der Grad der Abstraktheit die kognitiven Ressourcen des
Lerners übersteigt. Strukturdefiziterklärungen sollen daher im folgenden Kapitel über
,,1.1 Träges Wissen in der Lehrerbildung" eine tiefere Beachtung finden.
Die Dimension der ,,Qualität der Wissensbasis" wissenschaftlichen Wissens
differenziert sich hingegen in die Dimensionen ,,Verfügbarkeit von prozeduralem
Wissen" sowie ,,Vernetztheit" und ,,Wissenschaftlichkeit von Wissen" und begründet
5 Der Begriff ,,korrekt" wird in diesem Zusammenhang bewusst verwendet, da er nur eine Aussage
über die Richtigkeit des deklarativen Wissens machen soll, eine Bewertung hinsichtlich der
wissenschaftlichen Fundiertheit wird nicht getroffen.
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