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Formen der Kommunikation in "Brave New World", "Nineteen Eighty-Four", "Fahrenhe... close

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Formen der Kommunikation in "Brave New World", "Nineteen Eighty-Four", "Fahrenheit 451" und "The Handmaid's Tale"

Thesis (M.A.), 2005, 83 Pages
Author: Magistra Artium Marion Meerpohl
Subject: English - History of Literature, Eras

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2005
Pages: 83
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V137713
ISBN (E-book): 978-3-640-45718-2
ISBN (Book): 978-3-640-45744-1
Notes :



Abstract

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Bereits dieses Theorem Watzlawicks verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit und Komplexität kommunikativer Vorgänge. Kommunikation ist ein grundlegender Bestandteil jeder Gesellschaft und manifestiert sich auf unterschiedliche Art und Weise mit unterschiedlichen Funktionen. Dies geschieht nicht nur in realen Gesellschaften, sondern ebenso auf fiktiver Ebene in utopischen Gesellschaftsformen. Aus diesem Grunde untersucht die vorliegende Arbeit unterschiedliche Formen von Kommunikation in Aldous Huxleys Brave New World, George Orwells Nineteen Eighty-Four, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale. Die aktuelle Sekundärliteratur bietet häufig nur marginale Bemerkungen zu Kommunikationsformen in literarischen Utopien. Dort wo gezielt auf Kommunikation eingegangen wird, liegt der Schwerpunkt oftmals auf Orwells Newspeak und vernachlässigt Einblicke hinsichtlich dieser Thematik in übrige Werke. Daher scheint es sinnvoll, in dieser Untersuchung diese vier Dystopien des 20. Jahrhunderts einander vergleichend gegenüberzustellen und Abweichungen sowie Gemeinsamkeiten hinsichtlich auftretender Kommunikationsformen zu veranschaulichen. Es ist somit Ziel dieser Untersuchung mittels eines soziologischen Ansatzes herauszuarbeiten, auf welche Weise sich der totalitäre Staat als politisches System Kommunikation nutzbar macht und welche Konsequenzen daraus für die Masse, aber auch für den Widerstand der Rebellen resultieren.


Excerpt (computer-generated)

Englische Philologie

FORMEN DER KOMMUNIKATION IN

BRAVE NEW

WORLD

,

NINETEEN EIGHTY-FOUR, FAHRENHEIT 451

UND

THE HANDMAID′S TALE

.

Hausarbeit

Zur Erlangung des Grades einer Magistra Artium

der

Philosophischen Fakultät

der Westfälischen Wilhelms-Universität

Münster, Westfalen

vorgelegt von

Marion Meerpohl

2005


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1

I.

BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART

3

II.

KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES

TOTALITÄREN STAATES

4

1. Manipulation interpersoneller, verbaler Kommunikation

4

1.1 Manipulation des Sprachsystems

4

1.2 Auswirkungen auf Kommunikationssituationen

17

2. Manipulation durch Mediensysteme

26

2.1 Funktionen Traditioneller Medien

26

2.2 Funktionen Neuer Medien

36

III.

KOMMUNIKATION ALS MITTEL INDIVIDUELLEN

WIDERSTANDES

49

1. Widerstand durch Schriftlichkeit

49

1.1 Das Tagebuch

49

1.2 Identitätsstiftende Literatur

56

2. Widerstand durch verbale Kommunikation

63

2.1 Subversiver Sprachgebrauch

63

2.2 Das Streitgespräch

66

FAZIT

73

LITERATURVERZEICHNIS


1

EINLEITUNG

,,Man kann nicht

nicht

kommunizieren."1 Bereits dieses Theorem Watzlawicks ver-

deutlicht die Allgegenwärtigkeit und Komplexität kommunikativer Vorgänge.

Kommunikation ist ein grundlegender Bestandteil jeder Gesellschaft und manifestiert

sich auf unterschiedliche Art und Weise mit unterschiedlichen Funktionen. Dies ge-

schieht nicht nur in realen Gesellschaften, sondern ebenso auf fiktiver Ebene in uto-

pischen Gesellschaftsformen. Aus diesem Grunde untersucht die vorliegende Arbeit

unterschiedliche Formen von Kommunikation in Aldous Huxleys

Brave New World

,

George Orwells

Nineteen Eighty-Four

, Ray Bradburys

Fahrenheit 451

und Margaret

Atwoods

The Handmaid′s Tale

.

Die aktuelle Sekundärliteratur bietet häufig nur marginale Bemerkungen zu Kommu-

nikationsformen in literarischen Utopien. Dort wo gezielt auf Kommunikation einge-

gangen wird, liegt der Schwerpunkt oftmals auf Orwells

Newspeak

und vernachläs-

sigt Einblicke hinsichtlich dieser Thematik in übrige Werke. Daher scheint es sinn-

voll, in dieser Untersuchung diese vier Dystopien des 20. Jahrhunderts einander ver-

gleichend gegenüberzustellen und Abweichungen sowie Gemeinsamkeiten hinsicht-

lich auftretender Kommunikationsformen zu veranschaulichen. Es ist somit Ziel die-

ser Untersuchung mittels eines soziologischen Ansatzes herauszuarbeiten, auf welche

Weise sich der totalitäre Staat als politisches System Kommunikation nutzbar macht

und welche Konsequenzen daraus für die Masse, aber auch für den Widerstand der

Rebellen resultieren.

Roland Burkarts einführendes Werk2 zur Kommunikationswissenschaft stellt den

nötigen begrifflichen Apparat zur weiterführenden Analyse der Dystopien bereit. Der

inhaltliche Schwerpunkt der darauf folgenden Abhandlung liegt auf der Untersu-

chung jener Kommunikationsformen, derer sich die Seite der Herrscher bedient.

Durch die bewusst manipulative Nutzung verschiedener Kommunikationsformen

erhält das System Macht über die Bevölkerung und kann seine Ziele verwirklichen.

Diesbezüglich wird anfangs auf Interventionen in dem Bereich interpersoneller

Kommunikation eingegangen, die sich in den Werken vor allem auf verbaler Ebene

manifestieren. Analysiert werden Eingriffe in das Sprachsystem als Medium verbaler

Kommunikation und die daraus entstehenden Folgen für Gesprächssituationen.

1 Paul Watzlawick,

Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien

, eds. Janet H.

Beavin and Don D. Jackson,

6th ed. (Bern: Hans Huber, 1982).

2 Roland Burkart,

Kommunikationswissenschaft

, 4th ed. (Wien: Böhlau, 2002).


2

In einem nächsten Schritt wird die Untersuchung auf Massenkommunikation und die

Rolle des Mediensystems ausgeweitet, welches in totalitär organisierten Gesellschaf-

ten dem politischen System untersteht. Es erfolgt diesbezüglich eine Aufgliederung

in Traditionelle Medien und Neue Medien und ihre Funktionen in den dystopischen

Gesellschaften.

Kommunikationsformen können gleichermaßen den Zielen der Regierungen diame-

tral entgegenwirken, indem sie von den Rebellen subversiv genutzt werden. Der

nächste Teil der Untersuchung beschäftigt sich daher mit Kommunikation als Aus-

drucksform des Widerstands gegen das bestehende Regime. Behandelt wird die Art

und Weise, wie die Außenseiter Kommunikation subversiv nutzen, um dem System

zu entkommen oder Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zu bewirken. In die-

sem Kapitel erfolgt eine Unterscheidung von Widerstand durch Schriftlichkeit und

Widerstand durch verbale Kommunikation. Das Tagebuch gilt als besonderes Medi-

um für persönlichen Widerstand und übernimmt in

Nineteen Eighty-Four

und

The

Handmaid′s Tale

eine wichtige Rolle. In

Brave New World

und

Fahrenheit 451

hin-

gegen dient Literatur im Allgemeinen den Außenseitern als Wegweiser in die Rebel-

lion. Auch verbale Kommunikation fungiert als Ventil, um dem Protest gegen das

Regime Ausdruck zu verleihen. In

The Handmaid′s Tale

manifestiert sich dies be-

sonders durch einen explizit nach außen getragenen subversiven Sprachgebrauch, der

in den besprochenen Werken einzigartig ist. Darüber hinaus wird das Streitgespräch

zwischen den Rebellen und den Vertretern der Regierungen als Höhepunkt der Wi-

derstandsbestrebungen thematisiert und vergleichend dargelegt.

In einem abschließenden Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und

Ausblicke für weiterführende Untersuchungen geliefert.

Die Begrenztheit der Untersuchung ermöglicht nur die angemessene Analyse der

genannten Aspekte. Musik als Ausprägung verbaler Kommunikation sowie Formen

nonverbaler Kommunikation werden demnach nicht behandelt. Neben jenen Medien,

die einer gewissen Technologie bedürfen, treten in den Werken jedoch auch mas-

senmediale Formen von Kommunikation auf, die ohne technische Mittel wirken, wie

öffentliche Zeremonien. Diese nichttechnischen Medien finden in der vorliegenden

Betrachtung ebenfalls keine Berücksichtigung.


3

I.

BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART

Um die kommunikativen Erscheinungsformen in den literarischen Werken an-

gemessen zu analysieren bedarf es eines Orientierungspunktes und klarer Be-

griffsdefinitionen, die besonders aufgrund der Vielschichtigkeit kommunikativer

Prozesse unbedingt notwendig sind.

Burkart definiert mittels eines soziologischen Ansatzes Kommunikation als so-

ziale Interaktion, die dann erfolgreich ist, wenn die Reziprozität mindestens

zweier Kontaktpersonen gegeben ist und die gesendeten Bedeutungsinhalte von

beiden Seiten verstanden werden.3 Um die Beteiligten innerhalb eines kommuni-

kativen Aktes zu unterscheiden verwendet er die gebräuchlichen Termini

Kom-

munikator

, Sender von Mitteilungen, sowie

Rezipient,

der dem Empfänger ent-

spricht. Der Erfolg von Kommunikation kann erst nach dem kommunikativen

Akt beurteilt werden, da eine Verständigung, bezogen auf zwischenmenschliche

Kommunikation wie auf Massenkommunikation, ebenso fehlschlagen kann.

Massenkommunikation setzt laut Burkart ein disperses Publikum4 sowie eine

räumliche Distanz zwischen Kommunikator und Rezipient voraus. Um eine Bot-

schaft erfolgreich zu vermitteln, bedarf es eines Mediums. Burkart bezieht sich in

seinen Ausführungen auf die Einteilung von Medien in primäre, sekundäre und

tertiäre Medien nach Pross.5 Da sich diese Arbeit jedoch mit Kommunikations-

formen und nicht mit Medienformen beschäftigt, scheint eine derartige Untertei-

lung verwirrend. Es erfolgt daher eine eher traditionelle Aufgliederung hinsicht-

lich der Kommunikation auf zwischenmenschlicher Ebene durch verbale Kom-

munikation als gesprochene Sprache sowie im Hinblick auf Massenkommunika-

tionsprozesse, in denen Traditionelle und Neue Medien eine transportierende

Funktion übernehmen. Diese Medien bedienen sich zur Vermittlung bestimmter

Aspekte gewisser Zeichen, so genannter

Symbole

, die Kommunikation als ,,sym-

bolisch vermittelte Interaktion"6 begreifbar macht.

Massenkommunikation definiert Burkart im Unterschied zur interpersonellen

Kommunikation als einen Vorgang, bei dem sich der Kommunikator durch tech-

nische Mitteilungsinstrumente, also die Massenmedien, an eine breite Bevölke-

rungsgruppe richtet und bei dem häufig eine räumliche wie zeitliche Distanz ge-

3 Burkart 32-33.

4 Burkart 170.

5 Burkart 36.

6 Burkart 63.


4

geben ist. Daher wird diese Form der Kommunikation auch als indirekte Kom-

munikation bezeichnet. Ein weiteres Merkmal der Massenkommunikation ist die

Einseitigkeit, da der Kommunikator keine unmittelbare Rückmeldung des Rezi-

pienten erhält, was in der interpersonalen Kommunikation der Fall ist.

Unter Massenkommunikationsmitteln versteht Burkart alle Medien, ,,über die

durch Techniken der Verbreitung und Vervielfältigung mittels Schrift, Bild

und/oder Ton optisch bzw. akustisch Aussagen an eine unbestimmte Vielzahl von

Menschen vermittelt werden."7 Dabei ist von Bedeutung, dass diese technischen

Übertragungsmittel Bestandteil eines sozialen Prozesses sind.8


II.

KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES TOTA-

LITÄREN STAATES

1.

Manipulation interpersoneller, verbaler Kommunikation

1.1 Manipulation des Sprachsystems

Sprache spielt in literarischen Utopien, die sich mit einer wie auch immer gearteten

Totalitarismuskritik befassen, eine gewichtige Rolle. Stephan Meyer veranschaulicht

die Macht der Sprache unter Bezug auf Roland Barthes:

Die Sprache wird bei Barthes als Zwangssystem betrachtet, das bei Strafe der Unverständlich-

keit verbietet, sie frei zu variieren. Ihr Zwangscharakter beruht darin, dass sie ein gesellschaft-

liches Produkt ist, das als Zwangsapparat durch gesellschaftlichen Konsens entsteht. Im anti-

utopischen Roman wird dieser (möglichst freie) gesellschaftliche Konsens aber zudem noch

negiert. Die Sprache wird von den Machthabern so gestaltet, daß sogar die kleinen noch erhal-

tenen Freiräume ganz ausgemerzt werden.9

In der Sprache schlagen sich bestimmte Entwicklungen des gesellschaftlichen Wan-

dels somit zwangsläufig nieder. Darüber hinaus wirkt sie als grundlegendes Instru-

ment der Kommunikation bei der Bewusstseinsbildung erheblich mit. Wie bedeutend

Sprache für die Verwirklichung der Ziele der Machthaber der dystopischen Gesell-

schaften ist, veranschaulicht auf soziolinguistischer Ebene die

Sapir-Whorf-

Theorie

10, die besagt,

dass verschiedene Sprachgemeinschaften die außersprachliche Realität auf unterschiedliche

Weise erfassen. [...] Für jene Lebensbereiche, die in einem Kulturkreis von zentraler Bedeu-

7 Burkart 171.

8 cf. Burkart 172.

9 Stephan Meyer,

Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung,

diss., U Hildesheim, 1998, Europäische Hochschulschriften 1, Deutsche Sprache und Literatur, vol.

1790 (Frankfurt am Main: Lang, 2001) 80.

10 cf. Burkart 95-97.


5

tung sind, stellt die Sprache, die in diesem Kulturkreis entstanden ist, auch die entsprechenden

Wörter und damit die Möglichkeiten einer Differenzierung der Wirklichkeit bereit, die für die

jeweiligen Lebensverhältnisse notwendig sind.11

Diese Hypothese der

sprachlichen Relativität,

auch linguistisches Relativitätsprinzip

genannt, geht in den dystopischen Gesellschaften völlig auf, da die Regierungen die

für sie notwendigen Sprachstrukturen zugunsten ihrer Machtentfaltung aufrechter-

halten und überflüssige bzw. die Staatsstabilität gefährdende Wörter aus ihrer Wirk-

lichkeit verbannen. Dies besagt folglich,

daß eine Sprache nicht zufällig bestimmte Differenzierungsmöglichkeiten von Realität bereit-

stellt, sondern daß ein sprachliches Symbolsystem stets jene Aspekte der Wirklichkeit rekon-

struiert, die den Erfordernissen der menschlichen Lebensführung in ebendieser Umwelt ent-

sprechen. Andererseits prägt aber auch die Sprache die menschliche Erfahrung und damit das

Erkennen der Umwelt. Damit ist gemeint, daß eine bestimmte Sprache stets auch eine be-

stimmte Sichtweise der Wirklichkeit in sich trägt.12

Die Bemächtigung der Sprache mittels des Eingriffes in das Sprachsystem verleiht

den Machthabern somit die Möglichkeit der Determinierung einer Realität. Die An-

wendung dieser theoretischen Erkenntnisse auf die literarischen Werke ergibt in vie-

lerlei Hinsicht Übereinstimmungen. Jedoch lassen sich Abweichungen unter den

Werken bezüglich der Intensität und des Umfangs der Sprachumformung festma-

chen. Bei Huxley, Atwood und Bradbury bleibt das Englische erhalten, wird also

nicht grammatikalisch umgeformt, wie es etwa bei Orwells

Newspeak

der Fall ist.

Bei Huxley existieren darüber hinaus alle übrigen Sprachen nicht mehr, da diese die

Stabilität des Systems gefährden würden.13 Diese Stasis der Entwicklung von Spra-

che14 bringt ihm von einigen Kritikern den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit ein:

Yet for all this society′s divergence from our own, its creatures speak like the properest twenti-

eth century Englishmen. The massive social and technological changes projected by Huxley

seem to have had no effect on their language. [...] Yet there is no attempt to imitate such lin-

guistic changes ­ or, to be more precise, to create a convincing illusion of such changes ­ in

this brave new world.15

Trotz dieser Kritik muss berücksichtigt werden, dass die Sprache in Huxleys moder-

ner Welt Wandlungen erfährt, auf denen der Schwerpunkt lediglich weniger offen-

sichtlich liegt, wie etwa bei Orwells

Newspeak

. Diese hoch technologisierte Gesell-

schaft bringt Neologismen hervor, die im fortlaufenden Text unvermittelt auftauchen.

So sollen Worte wie

blood-surrogate, hyper-violin

oder

super-doves

den Fortschritt

11 Burkart 97-98.

12 Burkart 100.

13 cf. David W. Sisk, "Using language in a world that debases language,"

Readings on Brave New
World,

ed. Katie de Koster (San Diego: Greenhaven, 1999) 123.

14 cf. David W. Sisk,

Transformations of Language in Modern Dystopias

(Westport Connecticut:

Greenwood Press, 1997) 161.

15 Gorman Beauchamp, "Future Words: Language and the Dystopian Novel,"

Style

, eds. James R.

Bennet and Blaire Rouse, 8.1 (Winter 1974) 464.


6

der

Brave

New World

indirekt symbolisieren. Es erfolgt keine Erläuterung hinsicht-

lich ihrer Bedeutungen, da sich die Charaktere der Bedeutung dieser Worte bewusst

sind.16 Vor allem in den ersten drei in die Gesellschaft einführenden Kapiteln wendet

Huxley die von Firchow als

counterpoint

bezeichnete narrative Technik an, die dem

Leser die Veränderungen in

Brave New World

indirekt vermitteln: ,,The result is

astonishing and far more effective in drawing us into the noisy and frantically joyless

atmsphere of the new world state than pages of descriptive writing would have

been."17 Neben Wortneuschöpfungen finden Bedeutungsverschiebungen statt, die

sich aus dem gesellschaftlichen Kontext ergeben. Da die Familie als soziale Gemein-

schaft abgeschafft ist und Promiskuität Monogamie vorgezogen wird, werden Wörter

wie

mother

,

father

oder

love

belächelt, beizeiten gar als obszön bewertet. An ihre

Stelle treten für die Entwicklung des Bürgers in

Brave New World

notwendige Be-

griffe wie

decanting

,

bottling

und

conditioning

:

`Human beings used to be ...′ he hesitated; the blood rushed to his cheeks. `Well, they used to

be viviparous.′ `Quite right.′ The Director nodded approvingly. `And when the babies were

decanted...′ ``Born,′′ came the correction. `Well, then they were the parents ­ I mean, not the

babies, of course; the other ones.′ The poor boy was overwhelmed with confusion.18

Diese Passage belegt, dass sich die Sprache gleichwohl dem gesellschaftlichen Wan-

del angepasst hat: ,,Words still exist, but the concepts for which they stand have been

altered."19 Die Regierung nimmt jedoch ebenso Einfluss auf die sprachliche Entwick-

lung des Individuums. Durch gezielte Suggestion des ideologischen Gedankenguts

soll das Ziel einer stabilen Gesellschaft verwirklicht werden, in der kein Bewohner

einem Individualismus verfällt, sondern durch seine verbalen Äußerungen die Stabi-

lität der Gesellschaft fördert. Im

Conditioning Centre

wird jeder Bürger zunächst im

Social

Predestination Room

seiner Klasse gemäß determiniert: ,,`We decant our ba-

bies as socialized human beings, as Alphas or Epsilons, [...]′ `The lower the caste,′

said Mr Foster, `the shorter the oxygen.′ The first organ affected was the brain."20 Je

gehobener die Klasse, desto höher die Intelligenz und somit auch das Sprachvermö-

gen.

Gammas

oder

Epsilons

verfügen nur über jene sprachlichen Kapazitäten, die der

Ausübung ihrer Tätigkeiten entsprechen. Dies veranschaulicht das Zusammentreffen

Bernards mit einem Aufzugführer aus der Reihe der

Epsilons

:

Before Bernard could answer, the lift came to a standstill. `Roof!′ called a creaking voice. The

liftman was a small simian creature, dressed in the black tunic of an Epsilon-Minus-Semi-Mo-

16 cf. Sisk, "Using language in a world that debases language" 128.

17Peter Firchow Edgerly, "Huxley′s characters are appropriate for the novel,"

Readings on Brave New
World,

ed. Katie de Koster (San Diego: Greenhaven, 1999) 140-141.

18 Aldous Huxley,

Brave New World

, 1932 (London: Flamingo, 1994) 20.

19 Sisk, "Using language in a world that debases language" 127.

20 Huxley,

Brave New World

10-11.


7

ron. `Roof!′ He flung open the gates. The warm glory of afternoon sunlight made him start and

blink his eyes. `Oh, roof!′ he repeated in a voice of rapture. He was as though suddenly and

joyfully awakened from a dark annihilating stupor. `Roof!′ He smiled up with a kind of dog-

gily expectant adoration into the faces of his passengers. Talking and laughing together, they

stepped out into the light. The liftman looked after them. `Roof?′ he said once more, question-

ingly. Then a bell rang, and from the ceiling of the lift a loudspeaker began, very softly and yet

very imperiously, to issue ist commands. `Go down,′ it said, `go down. Floor Eighteen. Go

down, go down. Floor Eighteen. Go down, go...′ The liftman slammed the gates, touched a

button and instantly dropped back into the droning twilight of the well, the twilight of his own

habitual stupor. 21

Dieser Auszug beweist, dass

Epsilons

aufgrund der biologischen Determination in

ihrem Sprachvermögen weitgehend beschnitten sind. Ihr Artikulationsvermögen be-

schränkt sich ausschließlich auf ein notwendiges Minimum, wie in diesem Fall auf

die einzelnen Stockwerke.

Des Weiteren erfolgt der Prozess der

Hypnopaedia

, in dem bereits Kindern im Schlaf

durch

sleep

teaching

, eine Art Gehirnwäsche, die ideologischen Prinzipien der Ge-

sellschaft suggeriert werden:

Rosy and relaxed with sleep, eighty little boys and girls lay softly breathing. There was a whis-

per under every pillow. [...] At the end of the room a loud-speaker projected from the wall.

The Director walked up to it and pressed a switch. `...all wear green,′ said a soft but very dis-

tinct voice, beginning in the middle of a sentence, `and Delta children wear khaki. Oh no, I

don′t want to play with Delta children. And Epsilons are still worse. They′re too stupid to be

able to read or write. Besides, they wear black, which is such a beastly colour. I′m

so

glad I′m

a Beta.′ There was a pause; then the voice began again. 22

Urheber dieser

hypnopaedic rhymes

ist der

Emotional Engineer

Helmholtz Watson,

der diese inhaltslosen Merksätze im

College of Emotional Engineering

ausarbeitet

um die Prinzipien der Gesellschaft in den Köpfen der Menschen zu verankern, die in

dem obersten staatlichen Motto

Community

,

Identity

,

Stability

widergespiegelt wer-

den. So soll die Wendung

Everyone belongs to every one else

die Bevölkerung vor

einem zu ausgeprägten Individualismus schützen.

A gramme in time saves nine

pro-

pagiert den Genuss von

soma

und

Ending is better than mending

fördert das Kon-

sumverhalten jedes Bürgers zur Ankurbelung der Wirtschaft. Charakteristisch ist

dabei die Inhaltslosigkeit dieser Phrasen:

There are slogans to handle all situations; and all tend to underline the social order encapsu-

lated in the world-state′s motto, `Community, Identity, Stability′, the derisive echo of the

motto of the French Revolution that had inspired all `progressive′ striving during the past cen-

tury.23

Die Slogans liefern also die vermeintliche Lösung für sämtliche gesellschaftliche

Probleme. Da Huxleys fiktive Welt eine Konsumgesellschaft ist, in der die Bewohner

durch übermäßigen Warenverbrauch und Materialismus die Wirtschaft unterstützen,

21 Huxley,

Brave New World

52-53.

22 Huxley,

Brave New World

23-24.

23 Krishan Kumar,

Utopia and Anti-Utopia in Modern Times

(Oxford: Basil Blackwell, 1987) 257.



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