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Thesis (M.A.), 2005, 83 Pages
Author: Magistra Artium Marion Meerpohl
Subject: English - History of Literature, Eras
Details
Tags: Formen, Kommunikation, Brave New World, Nineteen Eighty-Four, Fahrenheit 451, The Handmaid's Tale
Year: 2005
Pages: 83
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45718-2
ISBN (Book): 978-3-640-45744-1
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Abstract
„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Bereits dieses Theorem Watzlawicks verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit und Komplexität kommunikativer Vorgänge. Kommunikation ist ein grundlegender Bestandteil jeder Gesellschaft und manifestiert sich auf unterschiedliche Art und Weise mit unterschiedlichen Funktionen. Dies geschieht nicht nur in realen Gesellschaften, sondern ebenso auf fiktiver Ebene in utopischen Gesellschaftsformen. Aus diesem Grunde untersucht die vorliegende Arbeit unterschiedliche Formen von Kommunikation in Aldous Huxleys Brave New World, George Orwells Nineteen Eighty-Four, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale. Die aktuelle Sekundärliteratur bietet häufig nur marginale Bemerkungen zu Kommunikationsformen in literarischen Utopien. Dort wo gezielt auf Kommunikation eingegangen wird, liegt der Schwerpunkt oftmals auf Orwells Newspeak und vernachlässigt Einblicke hinsichtlich dieser Thematik in übrige Werke. Daher scheint es sinnvoll, in dieser Untersuchung diese vier Dystopien des 20. Jahrhunderts einander vergleichend gegenüberzustellen und Abweichungen sowie Gemeinsamkeiten hinsichtlich auftretender Kommunikationsformen zu veranschaulichen. Es ist somit Ziel dieser Untersuchung mittels eines soziologischen Ansatzes herauszuarbeiten, auf welche Weise sich der totalitäre Staat als politisches System Kommunikation nutzbar macht und welche Konsequenzen daraus für die Masse, aber auch für den Widerstand der Rebellen resultieren.
Excerpt (computer-generated)
Englische Philologie
FORMEN DER KOMMUNIKATION IN
BRAVE NEW
WORLD
,
NINETEEN EIGHTY-FOUR, FAHRENHEIT 451
UND
THE HANDMAID′S TALE
.
Hausarbeit
Zur Erlangung des Grades einer Magistra Artium
der
Philosophischen Fakultät
der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster, Westfalen
vorgelegt von
Marion Meerpohl
2005
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1
I.
BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART
3
II.
KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES
TOTALITÄREN STAATES
4
1. Manipulation interpersoneller, verbaler Kommunikation
4
1.1 Manipulation des Sprachsystems
4
1.2 Auswirkungen auf Kommunikationssituationen
17
2. Manipulation durch Mediensysteme
26
2.1 Funktionen Traditioneller Medien
26
2.2 Funktionen Neuer Medien
36
III.
KOMMUNIKATION ALS MITTEL INDIVIDUELLEN
WIDERSTANDES
49
1. Widerstand durch Schriftlichkeit
49
1.1 Das Tagebuch
49
1.2 Identitätsstiftende Literatur
56
2. Widerstand durch verbale Kommunikation
63
2.1 Subversiver Sprachgebrauch
63
2.2 Das Streitgespräch
66
FAZIT
73
LITERATURVERZEICHNIS
1
EINLEITUNG
,,Man kann nicht
nicht
kommunizieren."1 Bereits dieses Theorem Watzlawicks ver-
deutlicht die Allgegenwärtigkeit und Komplexität kommunikativer Vorgänge.
Kommunikation ist ein grundlegender Bestandteil jeder Gesellschaft und manifestiert
sich auf unterschiedliche Art und Weise mit unterschiedlichen Funktionen. Dies ge-
schieht nicht nur in realen Gesellschaften, sondern ebenso auf fiktiver Ebene in uto-
pischen Gesellschaftsformen. Aus diesem Grunde untersucht die vorliegende Arbeit
unterschiedliche Formen von Kommunikation in Aldous Huxleys
Brave New World
,
George Orwells
Nineteen Eighty-Four
, Ray Bradburys
Fahrenheit 451
und Margaret
Atwoods
The Handmaid′s Tale
.
Die aktuelle Sekundärliteratur bietet häufig nur marginale Bemerkungen zu Kommu-
nikationsformen in literarischen Utopien. Dort wo gezielt auf Kommunikation einge-
gangen wird, liegt der Schwerpunkt oftmals auf Orwells
Newspeak
und vernachläs-
sigt Einblicke hinsichtlich dieser Thematik in übrige Werke. Daher scheint es sinn-
voll, in dieser Untersuchung diese vier Dystopien des 20. Jahrhunderts einander ver-
gleichend gegenüberzustellen und Abweichungen sowie Gemeinsamkeiten hinsicht-
lich auftretender Kommunikationsformen zu veranschaulichen. Es ist somit Ziel die-
ser Untersuchung mittels eines soziologischen Ansatzes herauszuarbeiten, auf welche
Weise sich der totalitäre Staat als politisches System Kommunikation nutzbar macht
und welche Konsequenzen daraus für die Masse, aber auch für den Widerstand der
Rebellen resultieren.
Roland Burkarts einführendes Werk2 zur Kommunikationswissenschaft stellt den
nötigen begrifflichen Apparat zur weiterführenden Analyse der Dystopien bereit. Der
inhaltliche Schwerpunkt der darauf folgenden Abhandlung liegt auf der Untersu-
chung jener Kommunikationsformen, derer sich die Seite der Herrscher bedient.
Durch die bewusst manipulative Nutzung verschiedener Kommunikationsformen
erhält das System Macht über die Bevölkerung und kann seine Ziele verwirklichen.
Diesbezüglich wird anfangs auf Interventionen in dem Bereich interpersoneller
Kommunikation eingegangen, die sich in den Werken vor allem auf verbaler Ebene
manifestieren. Analysiert werden Eingriffe in das Sprachsystem als Medium verbaler
Kommunikation und die daraus entstehenden Folgen für Gesprächssituationen.
1 Paul Watzlawick,
Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien
, eds. Janet H.
Beavin and Don D. Jackson,
6th ed. (Bern: Hans Huber, 1982).
2 Roland Burkart,
Kommunikationswissenschaft
, 4th ed. (Wien: Böhlau, 2002).
2
In einem nächsten Schritt wird die Untersuchung auf Massenkommunikation und die
Rolle des Mediensystems ausgeweitet, welches in totalitär organisierten Gesellschaf-
ten dem politischen System untersteht. Es erfolgt diesbezüglich eine Aufgliederung
in Traditionelle Medien und Neue Medien und ihre Funktionen in den dystopischen
Gesellschaften.
Kommunikationsformen können gleichermaßen den Zielen der Regierungen diame-
tral entgegenwirken, indem sie von den Rebellen subversiv genutzt werden. Der
nächste Teil der Untersuchung beschäftigt sich daher mit Kommunikation als Aus-
drucksform des Widerstands gegen das bestehende Regime. Behandelt wird die Art
und Weise, wie die Außenseiter Kommunikation subversiv nutzen, um dem System
zu entkommen oder Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zu bewirken. In die-
sem Kapitel erfolgt eine Unterscheidung von Widerstand durch Schriftlichkeit und
Widerstand durch verbale Kommunikation. Das Tagebuch gilt als besonderes Medi-
um für persönlichen Widerstand und übernimmt in
Nineteen Eighty-Four
und
The
Handmaid′s Tale
eine wichtige Rolle. In
Brave New World
und
Fahrenheit 451
hin-
gegen dient Literatur im Allgemeinen den Außenseitern als Wegweiser in die Rebel-
lion. Auch verbale Kommunikation fungiert als Ventil, um dem Protest gegen das
Regime Ausdruck zu verleihen. In
The Handmaid′s Tale
manifestiert sich dies be-
sonders durch einen explizit nach außen getragenen subversiven Sprachgebrauch, der
in den besprochenen Werken einzigartig ist. Darüber hinaus wird das Streitgespräch
zwischen den Rebellen und den Vertretern der Regierungen als Höhepunkt der Wi-
derstandsbestrebungen thematisiert und vergleichend dargelegt.
In einem abschließenden Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und
Ausblicke für weiterführende Untersuchungen geliefert.
Die Begrenztheit der Untersuchung ermöglicht nur die angemessene Analyse der
genannten Aspekte. Musik als Ausprägung verbaler Kommunikation sowie Formen
nonverbaler Kommunikation werden demnach nicht behandelt. Neben jenen Medien,
die einer gewissen Technologie bedürfen, treten in den Werken jedoch auch mas-
senmediale Formen von Kommunikation auf, die ohne technische Mittel wirken, wie
öffentliche Zeremonien. Diese nichttechnischen Medien finden in der vorliegenden
Betrachtung ebenfalls keine Berücksichtigung.
3
I.
BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART
Um die kommunikativen Erscheinungsformen in den literarischen Werken an-
gemessen zu analysieren bedarf es eines Orientierungspunktes und klarer Be-
griffsdefinitionen, die besonders aufgrund der Vielschichtigkeit kommunikativer
Prozesse unbedingt notwendig sind.
Burkart definiert mittels eines soziologischen Ansatzes Kommunikation als so-
ziale Interaktion, die dann erfolgreich ist, wenn die Reziprozität mindestens
zweier Kontaktpersonen gegeben ist und die gesendeten Bedeutungsinhalte von
beiden Seiten verstanden werden.3 Um die Beteiligten innerhalb eines kommuni-
kativen Aktes zu unterscheiden verwendet er die gebräuchlichen Termini
Kom-
munikator
, Sender von Mitteilungen, sowie
Rezipient,
der dem Empfänger ent-
spricht. Der Erfolg von Kommunikation kann erst nach dem kommunikativen
Akt beurteilt werden, da eine Verständigung, bezogen auf zwischenmenschliche
Kommunikation wie auf Massenkommunikation, ebenso fehlschlagen kann.
Massenkommunikation setzt laut Burkart ein disperses Publikum4 sowie eine
räumliche Distanz zwischen Kommunikator und Rezipient voraus. Um eine Bot-
schaft erfolgreich zu vermitteln, bedarf es eines Mediums. Burkart bezieht sich in
seinen Ausführungen auf die Einteilung von Medien in primäre, sekundäre und
tertiäre Medien nach Pross.5 Da sich diese Arbeit jedoch mit Kommunikations-
formen und nicht mit Medienformen beschäftigt, scheint eine derartige Untertei-
lung verwirrend. Es erfolgt daher eine eher traditionelle Aufgliederung hinsicht-
lich der Kommunikation auf zwischenmenschlicher Ebene durch verbale Kom-
munikation als gesprochene Sprache sowie im Hinblick auf Massenkommunika-
tionsprozesse, in denen Traditionelle und Neue Medien eine transportierende
Funktion übernehmen. Diese Medien bedienen sich zur Vermittlung bestimmter
Aspekte gewisser Zeichen, so genannter
Symbole
, die Kommunikation als ,,sym-
bolisch vermittelte Interaktion"6 begreifbar macht.
Massenkommunikation definiert Burkart im Unterschied zur interpersonellen
Kommunikation als einen Vorgang, bei dem sich der Kommunikator durch tech-
nische Mitteilungsinstrumente, also die Massenmedien, an eine breite Bevölke-
rungsgruppe richtet und bei dem häufig eine räumliche wie zeitliche Distanz ge-
3 Burkart 32-33.
4 Burkart 170.
5 Burkart 36.
6 Burkart 63.
4
geben ist. Daher wird diese Form der Kommunikation auch als indirekte Kom-
munikation bezeichnet. Ein weiteres Merkmal der Massenkommunikation ist die
Einseitigkeit, da der Kommunikator keine unmittelbare Rückmeldung des Rezi-
pienten erhält, was in der interpersonalen Kommunikation der Fall ist.
Unter Massenkommunikationsmitteln versteht Burkart alle Medien, ,,über die
durch Techniken der Verbreitung und Vervielfältigung mittels Schrift, Bild
und/oder Ton optisch bzw. akustisch Aussagen an eine unbestimmte Vielzahl von
Menschen vermittelt werden."7 Dabei ist von Bedeutung, dass diese technischen
Übertragungsmittel Bestandteil eines sozialen Prozesses sind.8
II.
KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES TOTA-
LITÄREN STAATES
1.
Manipulation interpersoneller, verbaler Kommunikation
1.1 Manipulation des Sprachsystems
Sprache spielt in literarischen Utopien, die sich mit einer wie auch immer gearteten
Totalitarismuskritik befassen, eine gewichtige Rolle. Stephan Meyer veranschaulicht
die Macht der Sprache unter Bezug auf Roland Barthes:
Die Sprache wird bei Barthes als Zwangssystem betrachtet, das bei Strafe der Unverständlich-
keit verbietet, sie frei zu variieren. Ihr Zwangscharakter beruht darin, dass sie ein gesellschaft-
liches Produkt ist, das als Zwangsapparat durch gesellschaftlichen Konsens entsteht. Im anti-
utopischen Roman wird dieser (möglichst freie) gesellschaftliche Konsens aber zudem noch
negiert. Die Sprache wird von den Machthabern so gestaltet, daß sogar die kleinen noch erhal-
tenen Freiräume ganz ausgemerzt werden.9
In der Sprache schlagen sich bestimmte Entwicklungen des gesellschaftlichen Wan-
dels somit zwangsläufig nieder. Darüber hinaus wirkt sie als grundlegendes Instru-
ment der Kommunikation bei der Bewusstseinsbildung erheblich mit. Wie bedeutend
Sprache für die Verwirklichung der Ziele der Machthaber der dystopischen Gesell-
schaften ist, veranschaulicht auf soziolinguistischer Ebene die
Sapir-Whorf-
Theorie
10, die besagt,
dass verschiedene Sprachgemeinschaften die außersprachliche Realität auf unterschiedliche
Weise erfassen. [...] Für jene Lebensbereiche, die in einem Kulturkreis von zentraler Bedeu-
7 Burkart 171.
8 cf. Burkart 172.
9 Stephan Meyer,
Die anti-utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung,
diss., U Hildesheim, 1998, Europäische Hochschulschriften 1, Deutsche Sprache und Literatur, vol.
1790 (Frankfurt am Main: Lang, 2001) 80.
10 cf. Burkart 95-97.
5
tung sind, stellt die Sprache, die in diesem Kulturkreis entstanden ist, auch die entsprechenden
Wörter und damit die Möglichkeiten einer Differenzierung der Wirklichkeit bereit, die für die
jeweiligen Lebensverhältnisse notwendig sind.11
Diese Hypothese der
sprachlichen Relativität,
auch linguistisches Relativitätsprinzip
genannt, geht in den dystopischen Gesellschaften völlig auf, da die Regierungen die
für sie notwendigen Sprachstrukturen zugunsten ihrer Machtentfaltung aufrechter-
halten und überflüssige bzw. die Staatsstabilität gefährdende Wörter aus ihrer Wirk-
lichkeit verbannen. Dies besagt folglich,
daß eine Sprache nicht zufällig bestimmte Differenzierungsmöglichkeiten von Realität bereit-
stellt, sondern daß ein sprachliches Symbolsystem stets jene Aspekte der Wirklichkeit rekon-
struiert, die den Erfordernissen der menschlichen Lebensführung in ebendieser Umwelt ent-
sprechen. Andererseits prägt aber auch die Sprache die menschliche Erfahrung und damit das
Erkennen der Umwelt. Damit ist gemeint, daß eine bestimmte Sprache stets auch eine be-
stimmte Sichtweise der Wirklichkeit in sich trägt.12
Die Bemächtigung der Sprache mittels des Eingriffes in das Sprachsystem verleiht
den Machthabern somit die Möglichkeit der Determinierung einer Realität. Die An-
wendung dieser theoretischen Erkenntnisse auf die literarischen Werke ergibt in vie-
lerlei Hinsicht Übereinstimmungen. Jedoch lassen sich Abweichungen unter den
Werken bezüglich der Intensität und des Umfangs der Sprachumformung festma-
chen. Bei Huxley, Atwood und Bradbury bleibt das Englische erhalten, wird also
nicht grammatikalisch umgeformt, wie es etwa bei Orwells
Newspeak
der Fall ist.
Bei Huxley existieren darüber hinaus alle übrigen Sprachen nicht mehr, da diese die
Stabilität des Systems gefährden würden.13 Diese Stasis der Entwicklung von Spra-
che14 bringt ihm von einigen Kritikern den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit ein:
Yet for all this society′s divergence from our own, its creatures speak like the properest twenti-
eth century Englishmen. The massive social and technological changes projected by Huxley
seem to have had no effect on their language. [...] Yet there is no attempt to imitate such lin-
guistic changes or, to be more precise, to create a convincing illusion of such changes in
this brave new world.15
Trotz dieser Kritik muss berücksichtigt werden, dass die Sprache in Huxleys moder-
ner Welt Wandlungen erfährt, auf denen der Schwerpunkt lediglich weniger offen-
sichtlich liegt, wie etwa bei Orwells
Newspeak
. Diese hoch technologisierte Gesell-
schaft bringt Neologismen hervor, die im fortlaufenden Text unvermittelt auftauchen.
So sollen Worte wie
blood-surrogate, hyper-violin
oder
super-doves
den Fortschritt
11 Burkart 97-98.
12 Burkart 100.
13 cf. David W. Sisk, "Using language in a world that debases language,"
Readings on Brave New
World,
ed. Katie de Koster (San Diego: Greenhaven, 1999) 123.
14 cf. David W. Sisk,
Transformations of Language in Modern Dystopias
(Westport Connecticut:
Greenwood Press, 1997) 161.
15 Gorman Beauchamp, "Future Words: Language and the Dystopian Novel,"
Style
, eds. James R.
Bennet and Blaire Rouse, 8.1 (Winter 1974) 464.
6
der
Brave
New World
indirekt symbolisieren. Es erfolgt keine Erläuterung hinsicht-
lich ihrer Bedeutungen, da sich die Charaktere der Bedeutung dieser Worte bewusst
sind.16 Vor allem in den ersten drei in die Gesellschaft einführenden Kapiteln wendet
Huxley die von Firchow als
counterpoint
bezeichnete narrative Technik an, die dem
Leser die Veränderungen in
Brave New World
indirekt vermitteln: ,,The result is
astonishing and far more effective in drawing us into the noisy and frantically joyless
atmsphere of the new world state than pages of descriptive writing would have
been."17 Neben Wortneuschöpfungen finden Bedeutungsverschiebungen statt, die
sich aus dem gesellschaftlichen Kontext ergeben. Da die Familie als soziale Gemein-
schaft abgeschafft ist und Promiskuität Monogamie vorgezogen wird, werden Wörter
wie
mother
,
father
oder
love
belächelt, beizeiten gar als obszön bewertet. An ihre
Stelle treten für die Entwicklung des Bürgers in
Brave New World
notwendige Be-
griffe wie
decanting
,
bottling
und
conditioning
:
`Human beings used to be ...′ he hesitated; the blood rushed to his cheeks. `Well, they used to
be viviparous.′ `Quite right.′ The Director nodded approvingly. `And when the babies were
decanted...′ ``Born,′′ came the correction. `Well, then they were the parents I mean, not the
babies, of course; the other ones.′ The poor boy was overwhelmed with confusion.18
Diese Passage belegt, dass sich die Sprache gleichwohl dem gesellschaftlichen Wan-
del angepasst hat: ,,Words still exist, but the concepts for which they stand have been
altered."19 Die Regierung nimmt jedoch ebenso Einfluss auf die sprachliche Entwick-
lung des Individuums. Durch gezielte Suggestion des ideologischen Gedankenguts
soll das Ziel einer stabilen Gesellschaft verwirklicht werden, in der kein Bewohner
einem Individualismus verfällt, sondern durch seine verbalen Äußerungen die Stabi-
lität der Gesellschaft fördert. Im
Conditioning Centre
wird jeder Bürger zunächst im
Social
Predestination Room
seiner Klasse gemäß determiniert: ,,`We decant our ba-
bies as socialized human beings, as Alphas or Epsilons, [...]′ `The lower the caste,′
said Mr Foster, `the shorter the oxygen.′ The first organ affected was the brain."20 Je
gehobener die Klasse, desto höher die Intelligenz und somit auch das Sprachvermö-
gen.
Gammas
oder
Epsilons
verfügen nur über jene sprachlichen Kapazitäten, die der
Ausübung ihrer Tätigkeiten entsprechen. Dies veranschaulicht das Zusammentreffen
Bernards mit einem Aufzugführer aus der Reihe der
Epsilons
:
Before Bernard could answer, the lift came to a standstill. `Roof!′ called a creaking voice. The
liftman was a small simian creature, dressed in the black tunic of an Epsilon-Minus-Semi-Mo-
16 cf. Sisk, "Using language in a world that debases language" 128.
17Peter Firchow Edgerly, "Huxley′s characters are appropriate for the novel,"
Readings on Brave New
World,
ed. Katie de Koster (San Diego: Greenhaven, 1999) 140-141.
18 Aldous Huxley,
Brave New World
, 1932 (London: Flamingo, 1994) 20.
19 Sisk, "Using language in a world that debases language" 127.
20 Huxley,
Brave New World
10-11.
7
ron. `Roof!′ He flung open the gates. The warm glory of afternoon sunlight made him start and
blink his eyes. `Oh, roof!′ he repeated in a voice of rapture. He was as though suddenly and
joyfully awakened from a dark annihilating stupor. `Roof!′ He smiled up with a kind of dog-
gily expectant adoration into the faces of his passengers. Talking and laughing together, they
stepped out into the light. The liftman looked after them. `Roof?′ he said once more, question-
ingly. Then a bell rang, and from the ceiling of the lift a loudspeaker began, very softly and yet
very imperiously, to issue ist commands. `Go down,′ it said, `go down. Floor Eighteen. Go
down, go down. Floor Eighteen. Go down, go...′ The liftman slammed the gates, touched a
button and instantly dropped back into the droning twilight of the well, the twilight of his own
habitual stupor. 21
Dieser Auszug beweist, dass
Epsilons
aufgrund der biologischen Determination in
ihrem Sprachvermögen weitgehend beschnitten sind. Ihr Artikulationsvermögen be-
schränkt sich ausschließlich auf ein notwendiges Minimum, wie in diesem Fall auf
die einzelnen Stockwerke.
Des Weiteren erfolgt der Prozess der
Hypnopaedia
, in dem bereits Kindern im Schlaf
durch
sleep
teaching
, eine Art Gehirnwäsche, die ideologischen Prinzipien der Ge-
sellschaft suggeriert werden:
Rosy and relaxed with sleep, eighty little boys and girls lay softly breathing. There was a whis-
per under every pillow. [...] At the end of the room a loud-speaker projected from the wall.
The Director walked up to it and pressed a switch. `...all wear green,′ said a soft but very dis-
tinct voice, beginning in the middle of a sentence, `and Delta children wear khaki. Oh no, I
don′t want to play with Delta children. And Epsilons are still worse. They′re too stupid to be
able to read or write. Besides, they wear black, which is such a beastly colour. I′m
so
glad I′m
a Beta.′ There was a pause; then the voice began again. 22
Urheber dieser
hypnopaedic rhymes
ist der
Emotional Engineer
Helmholtz Watson,
der diese inhaltslosen Merksätze im
College of Emotional Engineering
ausarbeitet
um die Prinzipien der Gesellschaft in den Köpfen der Menschen zu verankern, die in
dem obersten staatlichen Motto
Community
,
Identity
,
Stability
widergespiegelt wer-
den. So soll die Wendung
Everyone belongs to every one else
die Bevölkerung vor
einem zu ausgeprägten Individualismus schützen.
A gramme in time saves nine
pro-
pagiert den Genuss von
soma
und
Ending is better than mending
fördert das Kon-
sumverhalten jedes Bürgers zur Ankurbelung der Wirtschaft. Charakteristisch ist
dabei die Inhaltslosigkeit dieser Phrasen:
There are slogans to handle all situations; and all tend to underline the social order encapsu-
lated in the world-state′s motto, `Community, Identity, Stability′, the derisive echo of the
motto of the French Revolution that had inspired all `progressive′ striving during the past cen-
tury.23
Die Slogans liefern also die vermeintliche Lösung für sämtliche gesellschaftliche
Probleme. Da Huxleys fiktive Welt eine Konsumgesellschaft ist, in der die Bewohner
durch übermäßigen Warenverbrauch und Materialismus die Wirtschaft unterstützen,
21 Huxley,
Brave New World
52-53.
22 Huxley,
Brave New World
23-24.
23 Krishan Kumar,
Utopia and Anti-Utopia in Modern Times
(Oxford: Basil Blackwell, 1987) 257.
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