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Scholary Paper (Seminar), 2009, 26 Pages
Author: Robert Tritscher
Subject: Sociology - Miscellaneous
Details
Tags: American Beauty, Ralf Dahrendorf, Rollentheorie, Homo sociologicus, Herbert Blumer, symbolischer Interaktionismus, Gary Becker, ökonomische Handlungstheorie, Pierre Bourdieu, sozialer Raum, Habitus, soziales Handeln, Mikrosoziologie, mikrosoziologische Theorien, Lester Burnham
Year: 2009
Pages: 26
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-46464-7
ISBN (Book): 978-3-640-46179-0
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Abstract
Die Mikrosoziologie befasst sich mit dem sozialen Handeln zwischen Individuen in kleinen sozialen Einheiten, wie etwa der Familie, oder kleinen Gruppen. Es geht beispielsweise darum wie sich aus sozialem Handeln soziale Beziehungen entwickeln oder wie soziales Handeln ständig neue Ausgangsbedingungen für neues soziales Handeln schafft. In der vorliegenden Arbeit werde ich vier bekannte mikrosoziologische Theorien vorstellen und deren praktische Anwendung anhand der Analyse eines Spielfilms demonstrieren. Die Protagonisten von American Beauty, einem mit fünf Oscars prämierten Spielfilm aus dem Jahr 1999 werden uns hierfür durch diese Arbeit begleiten. Nach einer Handlungsübersicht unseres Filmbeispiels, folgt die Vorstellung von Ralf Dahrendorfs Rollentheorie und seinem Homo sociologicus. Anschließend gehe ich, basierend auf Texten von Herbert Blumer, etwas näher auf den symbolischen Interaktionismus ein. Kontrastierend dazu stelle ich danach Gary Beckers radikalen Ansatz der ökonomischen Handlungstheorie vor und schließe mit Pierre Bourdieus sozialem Raum und seinem Habituskonzept.
Fulltext (computer-generated)
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Handlung American Beauty: 2
3. Die Rollentheorie 4
3.1. Zentrale Begriffe 4
3.2. Gesellschaft 7
3.3. Sozialer Wandel 8
3.4. Anwendungsbereiche 8
3.5. Kritik 8
4. Der symbolische Interaktionismus 9
4.1. Zentrale Begriffe 10
4.2. Gesellschaft 14
4.3. Sozialer Wandel 15
4.4. Anwendungsbereiche 15
4.5. Kritik 15
5. Die ökonomische Handlungstheorie 16
5.1. Zentrale Begriffe 16
5.2. Gesellschaft 18
5.3. Sozialer Wandel 18
5.4. Anwendungsbereiche 19
5.5. Kritik 19
6. Pierre Bourdieu 19
6.1. Zentrale Begriffe 20
6.2. Gesellschaft 23
6.3. Sozialer Wandel 23
6.4. Anwendungsbereiche 23
6.5. Kritik 23
7. Zusammenfassung 24
8. Literaturverzeichnis 25
Robert Tritscher
Seite 1
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
1. Einleitung
Die Mikrosoziologie befasst sich mit dem sozialen Handeln zwischen Individuen in
kleinen sozialen Einheiten, wie etwa der Familie, oder kleinen Gruppen. Es geht
beispielsweise darum wie sich aus sozialem Handeln soziale Beziehungen entwickeln
oder wie soziales Handeln ständig neue Ausgangsbedingungen für neues soziales
Handeln schafft. In der vorliegenden Arbeit werde ich vier bekannte mikrosoziologische
Theorien vorstellen und deren praktische Anwendung anhand der Analyse eines
Spielfilms demonstrieren. Die Protagonisten von
American Beauty,
einem mit fünf
Oscars prämierten Spielfilm aus dem Jahr 1999 werden uns hierfür durch diese Arbeit
begleiten.
Nach einer Handlungsübersicht unseres Filmbeispiels, folgt die Vorstellung von Ralf
Dahrendorfs Rollentheorie und seinem Homo sociologicus. Anschließend gehe ich,
basierend auf Texten von Herbert Blumer, etwas näher auf den symbolischen
Interaktionismus ein. Kontrastierend dazu stelle ich danach Gary Beckers radikalen
Ansatz der ökonomischen Handlungstheorie vor und schließe mit Pierre Bourdieus
sozialem Raum und seinem Habituskonzept.
Innerhalb der einzelnen Kapitel werden uns immer wieder Lester Burnham, der ,,Held"
von
American Beauty
, sowie die ihn umgebenden Menschen begegnen, mit deren Hilfe
ich versuche die einzelnen Theorien anschaulich darzustellen.
2. Handlung American Beauty:
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Robert Tritscher
Seite 2
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
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Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
3. Die Rollentheorie
In seinem 1958 publizierten Werk ,,
Homo Sociologicus: ein Versuch zur Geschichte,
Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle
" versuchte der im Juni 2009
verstorbene Soziologe Ralf Dahrendorf den Menschen als gesellschaftliches Wesen zu
analysieren. Der Mensch als homo sociologicus ist nach Dahrendorf als das Gesamte
seiner sozialen Rollen, die ihrerseits wieder von Normen, Erwartungen und Sanktionen
geprägt sind, zu verstehen.
3.1. Zentrale Begriffe
Im Zentrum der Rollentheorie Dahrendorfs steht der Mensch als Träger sozialer
Positionen und Inhaber sozialer Rollen. Unter
soziale Position
versteht man jeden Ort
in einem Feld sozialer Beziehungen, also jede Stellung die eine Person inne hat, egal ob
es sich dabei um Geschlechts-, Familien-, oder Berufspositionen usw. handelt.
Dahrendorf spricht auch von Punkten oder Orten in einem
Koordinatensystem sozialer
Beziehungen
.
So steht Lester Burnham als Angestellter in einem
Positionsfeld
mit seinen
Arbeitskollegen, als Vater in einem Positionsfeld mit seiner Frau und seiner Tochter, als
Hausbesitzer mit seinen Nachbarn usw.
Der Einzelne kann also nicht nur, sondern muss eine Mehrzahl von Positionen
einnehmen, wobei vermutlich mit der Komplexität der Gesellschaft auch die Anzahl der
auf den Einzelnen entfallenden Positionen wächst. Des Weiteren schließt das
Positionsfeld das sich aus einzelnen Positionen ergibt eine Vielzahl von
unterschiedlichen Bezügen ein, ein Umstand den Dahrendorf als Menge von
Positionssegmenten
bezeichnet. Die Position ,,Angestellter" besteht aus den
Positionssegmenten ,,Angestellter Arbeitskollegen", ,,Angestellter Vorgesetzter",
,,Angestellter Kunden". (vgl. Dahrendorf, 1977, S.30f)
Während die soziale Position gewissermaßen die Koordinaten einer Person in einem
Beziehungsgefüge beschreibt, so gibt die
soziale Rolle
die ,,Art der Beziehungen
zwischen Trägern von Positionen und denen anderer Positionen desselben Feldes an".
Soziale Rollen sind Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positionen, wobei
diese zweierlei Art sein können. Zum Einen richten sich die Ansprüche an das Verhalten
der Träger von Positionen (
Rollenverhalten
), zum Anderen an sein Aussehen und seinen
Charakter (
Rollenattribute
). Da Lester Burnham Angestellter in der Werbebranche ist,
werden von ihm ein gewisses, der Werbebranche entsprechendes Aussehen und
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Verhalten erwartet. Insgesamt gibt es drei Merkmale für die Kategorie der sozialen Rolle
als Element soziologischer Analyse:
1. Soziale Rollen sind vom Einzelnen prinzipiell unabhängige Bündel von
Verhaltensvorschriften.
2. Der Inhalt dieser Verhaltensvorschriften wird von der Gesellschaft bestimmt und
verändert.
3. Die in Rollen gebündelten Verhaltensvorschriften stellen für den Einzelnen eine
gewisse Verbindlichkeit dar, welcher man sich nicht ohne Konsequenzen
entziehen kann. (vgl. Dahrendorf, 1977, S.33ff)
Der Einzelne steht der Gesellschaft also in einem etwas zwiespältigen Verhältnis
gegenüber. Einerseits stellt die soziale Rolle einer Person einen gewissen Zwang durch
die Erwartungen der Gesellschaft dar, andererseits kann dieser Zwang aber auch positiv
wirken indem er dem Einzelnen Halt bietet in Rollen in denen er selber nicht weiß wie er
sich verhalten soll. Es gilt grundsätzlich: ,,Wer seine Rolle nicht spielt, wird bestraft; wer
sie spielt wird belohnt, zumindest aber nicht bestraft." (ebda, S.36)
Lester Burnham jedenfalls weigert sich seine Rolle weiter zu spielen. Sein Vorgesetzter,
Brad Dupree, soll Rationalisierungsmaßnahmen durchführen. Zu diesem Zweck lässt er
seine Untergebenen Arbeitsprofile ausfüllen um festzustellen ,,wer wertvoll ist und wer
entbehrlich".
+LHU GLH 1DFKEHVSUHFKXQJ GHV YRQ /HVWHU DXVJHIOOWHQ $UEHLWVSURILOV
Brad Dupree: [reading Lester′s job description] "My job consists of basically masking my contempt for the
assholes in charge, and, at least once a day, retiring to the men′s room so I can jerk off while I fantasize about
a life that doesn′t so closely resemble Hell." Well, you obviously have no interest in saving yourself.
Lester Burnham: Brad, for 14 years I′ve been a whore for the advertising industry. The only way I could save
myself now is if I start firebombing.
Æ /LQN ]XU 6]HQH KWWSZZZ\RXWXEHFRPZDWFK"Y &T-][9&MZ
Indem Lester seine Vorgesetzten beleidigt sowie seinen Job und sich selbst als nutzlos
für seine Firma darstellt, bricht er aus seiner sozialen Rolle aus. Da er sich nicht
rollenkonform verhält, muss er mit
Sanktionen
rechnen. In Lesters Fall freilich, sind die
Sanktionen von ihm selbst erwünscht, er provoziert seine Kündigung, nicht ohne seine
Firma noch um ein volles Jahresgehalt zu erpressen. Bei Sanktionen muss es sich nicht
unbedingt immer um Bestrafungen handeln, auch wenn der Begriff meist im negativen
Sinne verwendet wird. Auch positive Sanktionen können die Folge von nicht
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
rollenkonformen Verhalten sein. Dies äußert sich dann z.B. in Anerkennung oder
Prestigegewinn. Das Wirken von Sanktionen lässt sich besonders gut an
Rollenerwartungen erkennen, deren Einhaltung durch Gesetze und Rechtsinstitutionen
überwacht wird. Drei verschiedene Arten von Erwartungen werden unterschieden:
Bei
Muss-Erwartungen
handelt es sich um Vorschriften, die ausdrücklich formuliert sind
(Gesetz) und bei Verstößen negativ sanktioniert, also gesetzlich bestraft werden. Wenn
Lester seinen Vorgesetzten körperlich misshandeln würde, müsste er mit einer
gerichtlichen Bestrafung rechnen.
Soll-Erwartungen
unterscheiden sich bezüglich der erzwingbaren Verbindlichkeit kaum
von den Muss-Erwartungen. Auch hier überwiegen negative Sanktionen, wenngleich
diese sich nicht durch gesetzliche Bestrafung, sondern z.B. durch sozialen Ausschluss
äußern. Beispielsweise könnte die Nicht-Teilnahme an Mitarbeiter-Events wie
Betriebsausflügen eine üble Nachrede durch Vorgesetzte oder Kollegen nach sich
ziehen. Bei
Kann-Erwartungen
hingegen ergeben sich hauptsächlich positive
Sanktionen. Hier bestehen keine Verbindlichkeiten. Wenn man sich dennoch besser
verhält, etwa durch freiwilliges Sammeln von Spendengeldern oder durch Mitarbeit beim
Roten Kreuz, wird man mit Wertschätzung positiv sanktioniert. (vgl. Dahrendorf, 1977,
S.36ff)
Wenn Erwartungen an Rollen nicht erfüllt werden kann es zu Rollenerwartungskonflikten
kommen, wobei Dahrendorf zwei verschiedene Typen unterscheidet:
Intrarollenkonflikte
entstehen wenn verschiedene Bezugsgruppen unterschiedliche
Erwartungen an den Träger einer sozialen Position haben. So ist Lesters Vorgesetzter
Brad Dupree in einem Intrarollenkonflikt. Als Rationalisierungsexperte hat er die
Vorgabe möglichst hohe Einsparungen zu erzielen, gleichzeitig versucht er aber
Arbeitsplätze zu retten - oder zumindest gibt er dies vor:
,,I′m one of the good guys, Les.
This is your one chance to save your job."
Ein
Interrollenkonflikt
hingegen tritt auf wenn eine Person mehrere Rollen mit sich
divergierenden Erwartungen innehat. (vgl. ebda, S.76f) So spielen Lester und seine Frau
Carolyn ihre Rollen als Berufstätige, gleichzeitig sollten sie auch ihre Rollen als Eltern
von Jane wahrnehmen, was ihnen aber nicht gut gelingt. Jane hingegen, die ihre Eltern
für ,,ausgeflippte Freaks" hält, reagiert auf diesen Konflikt mit Rückzug.
Wie schon zuvor erwähnt, ist jeder Einzelne der Träger von sozialen Positionen, wobei
jede dieser Positionen in Relation zu mehreren
Bezugsgruppen
steht. Relevante
Bezugsgruppen sind jene, mit denen der Einzelne durch seine sozialen Positionen
notwendigerweise in Beziehung steht. Das Positionsfeld von Lester Burnham lässt sich
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
als Aggregat von Bezugsgruppen verstehen, von denen ihm jede Vorschriften auferlegt
und sein Verhalten positiv oder negativ sanktioniert. (vgl. Dahrendorf, S.45)
,,Bevor der Einzelne aber seine Rollen spielen kann, muss er sie kennen; wie der
Schauspieler muss auch das gesellschaftliche Wesen seine Rollen lernen, sich mit ihrem
Inhalt und ihren Sanktionen vertraut machen." (ebda, S.56) Den Prozess in dem der
Mensch die Normen und Werte einer Gesellschaft internalisiert nennt man
Sozialisation
. Dahrendorf spricht hier von der Wiedergeburt des Menschen als
homo
sociologicus
. Sozial wird der Mensch erst durch die Positionszuordnung und die
Verinnerlichung von Normen.
Ein rollenloser Mensch ist für die Gesellschaft und die
Soziologie ein nicht existierendes Wesen. Der Prozess der Sozialisierung kann als ein
Prozess der Entpersönlichung betrachtet werden, in dem die absolute Individualität und
Freiheit des Einzelnen in der Kontrolle und Allgemeinheit sozialer Rollen aufgehoben
wird. (vgl. ebda, S.57f) Lester Burnham jedoch geht den umgekehrten Weg. Er
verweigert sich den jahrelang erlernten Normen und klinkt sich aus der Gesellschaft aus:
%HLP $EHQGHVVHQ PLW VHLQHU )DPLOLH QDFKGHP /HVWHU VHLQHQ -RE DXIJHEHQ KDW
Carolyn Burnham: Your father and I were just discussing his day at work. Why don′t you tell our daughter
about it, honey?
Lester Burnham: Janie, today I quit my job. And then I told my boss to go fuck himself, and then I blackmailed
him for almost sixty thousand dollars. Pass the asparagus.
Carolyn Burnham: Your father seems to think this type of behavior is something to be proud of.
Lester Burnham: And your mother seems to prefer I go through life like a fucking prisoner while she keeps my
dick in a mason jar under the sink.
Carolyn Burnham: How dare you speak to me that way in front of her. And I marvel that you can be so
contemptuous of me, on the same day that you LOSE your job.
Lester Burnham: Lose it? I didn′t lose it. It′s not like, "Whoops! Where′d my job go?" I QUIT. Someone pass
me the asparagus.
Æ /LQN ]XU 6]HQH KWWSZZZ\RXWXEHFRPZDWFK"Y 15I=41F0IR
3.2. Gesellschaft
Nach Dahrendorfs Gesellschaftsverständnis kann und muss eine Person verschiedene
soziale Positionen einnehmen. Durch die sozialen Rollen die je nach Position gespielt
werden müssen, kommt es zu einer Verknüpfung des Einzelnen mit der Gesellschaft.
Dahrendorf sieht die Gesellschaft also als ein Gefüge von ineinander greifenden Rollen,
die dadurch ein Rollensystem bilden - wobei die Integration durch Normen und Werte
entsteht. Durch die Annahme einer Rolle findet der Einzelne zwar einerseits Halt und
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Sicherheit um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, andererseits führt dieser Prozess
aber auch zu einem Verlust von Freiheit und Individualität.
3.3. Sozialer Wandel
Rollenerwartungen und Sanktionen betrachtet Dahrendorf nicht als auf ewige Zeit
unabänderlich. So können z.B. sogenannte ,,deviants" - wie unser Lester Burnham - die
sich durch ihre Meinung und durch ihr Verhalten außerhalb der Norm bewegen,
langfristig zu gesellschaftlichem Wandel beitragen. (vgl. Dahrendorf, 1977, S.27 & S.60)
Auch Rollenkonflikte können zu sozialem Wandel führen. Dahrendorf führt hier als
Beispiel der Intrarollenkonflikt eines Arztes an, der zwar einerseits dem Patienten,
andererseits den übergeordneten Behörden verpflichtet ist. Solch widersprüchliche
Erwartungen an den Träger einer Position können diesen zu einem sozialen
Strukturwandel zwingen. (vgl. ebda, S.76) Weiters können Änderungen des
Normsystems dazu führen, dass vormals abweichendes Verhalten nicht mehr als
solches betrachtet wird bzw. die möglichen Sanktionen schwächer werden. Im
Umkehrschluss können natürlich auch schwache Sanktionen dazu beitragen, dass
abweichendes Verhalten zu Norm wird und so das Normsystem verändern.
3.4. Anwendungsbereiche
Ihre Anwendung findet die Rollentheorie in der Analyse des Rollenhandelns im Alltag. Es
lässt sich gut erklären warum eine Person in einer gewissen Position auf eine bestimmte
Art und Weise handelt. Ebenfalls anwendbar ist die Rollentheorie um den Prozess der
Sozialisation zu darzustellen. So ist das geschlechtsspezifische Rollenverhalten von
Mann und Frau als auch die größtenteils institutionalisierte Positionszuordnung und
Rollenverinnerlichung gut nachvollziehbar.
3.5. Kritik
Zu den Stärken der Rollentheorie zählt ihre offensichtliche Realitätsnähe und praktische
Anwendbarkeit. Dahrendorf betont die Wechselseitigkeit zwischen Individuum und
Gesellschaft, zeigt auf wie wichtig Normen für das Entstehen von Gesellschaft sind und
veranschaulicht den Menschen deutlich als soziales Wesen. Wie auch in der praktischen
Anwendung ersichtlich wurde, eignet sich Dahrendorfs Rollentheorie gut für die
Beschreibung klarer Rollenstrukturen.
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Zu kritisieren ist die eher dürftige Ausarbeitung von Personen-Rollenkonflikten, also die
möglichen Folgen der Unfähigkeit oder Unwilligkeit einer Rolle zu entsprechen.
Dahrendorf deutet dies zwar kurz mit den bereits oben erwähnten ,,deviants" an, führt
diesen Gedankengang jedoch nicht weiter aus. In diesem Zusammenhang ist auch der
,,Soziale Wandel" zu erwähnen, der in Dahrendorfs Rollentheorie ebenfalls nur am
Rande besprochen wird. Ebenfalls zu bemerken wäre noch, dass Dahrendorfs
simplifizierende Rollentheorie der wachsenden Komplexität heutiger Gesellschaften
möglicherweise nicht mehr ausreichend gerecht werden kann.
4. Der symbolische Interaktionismus
Die zweite mikrosoziologische Theorie die ich nun vorstellen möchte, der Symbolische
Interaktionismus, interessiert sich im Wesentlichen dafür wie soziale Interaktionen
zwischen Individuen stattfinden, wie soziale Wirklichkeit durch die Interagierenden
konstruiert wird und wie Menschen ihre Identität ausbilden. Im Unterschied zur vorher
besprochenen Rollentheorie treten Menschen hier aktiver auf, sie erfüllen nicht nur die
Erwartungen an ihre sozialen Rollen. Als Begründer des symbolischen Interaktionismus
gilt Georg Herbert Mead (1863 1931). In seinem bedeutendsten Werk, ,,
Mind, Self and
Society
" beschäftigte er sich mit der Frage, wie die menschliche Identität entsteht und
welchen Einfluss darauf die Gesellschaft, aber auch das Denken und der Geist des
einzelnen Menschen, haben. Sein Schüler, Herbert Blumer (1900 1987),
implementierte die zentralen Bestandteile der Meadschen Lehre in die soziologische
Theorie und entwickelte diese weiter. Von ihm stammt auch der Begriff ,,Symbolischer
Interaktionismus" (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.129)
Um den symbolischen Interaktionismus mit unserem Praxisbeispiel in Verbindung zu
bringen, möchte ich in diesem Kapitel etwas näher auf die neuen Nachbarn der
Burnhams, die Familie Fitts eingehen.
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XQG VHLQHP 6RKQ 5LFN\ LQ GDV +DXV QHEHQ GHQ %XUQKDPV ′LH )DPLOLH LVW GXUFK
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KHUDXVVWHOOW ODWHQW KRPRVH[XHOO WULWW DEHU QDFK DXHQ DOV VFKZXOHQIHLQGOLFK DXI
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Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
VHLQHP 9DWHU ]XPLQGHVW XQWHUEHZXVVW EHNDQQW VHLQ GUIWH XQG GHU LKQ DXFK
EHODVWHW GHQ HU DEHU DXI GHU %HZXVVWVHLQVHEHQH QLFKW VHKHQ ZLOO :HVHQWOLFK IU
)UDQN LVW HV GDVV VHLQ 6RKQ GHU 1RUP HQWVSULFKW YRU DOOHP DEHU QLFKW
KRPRVH[XHOO LVW
4.1. Zentrale Begriffe
Dem symbolischen Interaktionismus liegen drei einfache Prämissen zugrunde:
1. Menschen handeln gegenüber ,,Dingen" auf Grundlage der Bedeutung die diese
Dinge für sie haben.
Unter
Dingen
wird hierbei alles verstanden was der Mensch in seiner Umwelt
wahrnehmen kann:
physische Gegenstände
, wie etwa Pflanzen, Häuser oder
Fahrzeuge;
andere Menschen,
wie eine Mutter oder ein Verkäufer;
Kategorien
von Menschen
, wie Freunde oder Feinde;
Institutionen
, wie etwa Schulen oder
Unternehmen;
Handlungen anderer Personen,
wie ihre Befehle oder Wünsche;
oder auch Abstraktes wie z.B. Ehrlichkeit oder Unabhängigkeit.
2. Die Bedeutung solcher Dinge entsteht aus der sozialen Interaktion die man mit
seinen Mitmenschen eingeht, oder ist aus ihr abgeleitet.
3. Diese Bedeutungen werden in einem interpretativen Prozess, den die Person in
ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt
und abgeändert. (vgl. Blumer, 1995, S.23f)
Im Mittelpunkt des Interesses des symbolischen Interaktionismus steht die
soziale
Interaktion
, also die gegenseitigen Beziehungen und Austauschprozesse zwischen
Personen und Gruppen. (vgl. ebda, S.130) Mead unterschied zwischen zwei Arten
sozialer Interaktion in der Gesellschaft:
Nicht-symbolische Interaktionen
entstehen,
wenn eine Person auf die Handlung einer anderen Person reagiert, ohne diese Handlung
zu interpretieren. Ein Beispiel wäre etwa als Ricky Fitts reflexiv versucht sein Gesicht zu
schützen als sein Vater ihn schlägt, nachdem dieser entdeckt hat, dass Ricky sich an
seinen Nazi-Devotionalien zu schaffen gemacht hat.
Bei der
symbolischen Interaktion
hingegen muss die Bedeutung der Handlungen erst
durch einen Interpretationsprozess der Gesten die Bedeutung tragen, festgelegt werden.
Für das gegenseitige Verständnis muss die Bedeutung der Geste für die
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Interaktionspartner annähernd gleich sein, wobei sich diese Bedeutung anhand dreier
Linien bewegt dem
triadischen Charakter der Bedeutung.
Die Bedeutung zeigt an:
a. was die Person, an die die Handlung gerichtet ist, tun soll;
b. was die Person, die die Handlung zu vollziehen beginnt, zu tun beabsichtigt; und
c. sie zeigt die gemeinsame Handlung an, die aus der Verbindung der Handlungen
beider hervorgehen soll. (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.130)
′LHV VROO QXQ DQKDQG HLQHU NOHLQHQ 6]HQH GHU )DPLOLH )LWWV GHPRQVWULHUW ZHUGHQ
.XU] QDFKGHP VLFK GDV RIIHQVLFKWOLFK KRPRVH[XHOOH 3lUFKHQ -LP 2OPH\HU XQG -LP
%HUNOH\ EHL GHU GHU QHX HLQJH]RJHQHQ )DPLOLH )LWWV YRUJHVWHOOW XQG GLHVH PLW HLQHP
:LONRPPHQVNRUE EHUUDVFKW KDW VLW]HQ &RORQHO )UDQN )LWWV XQG VHLQ 6RKQ 5LFN\
]XVDPPHQ LP $XWR
Colonel Frank Fitts: "How come these faggots always have to rub it in your face? How can they be so
shameless?"
Ricky: "That′s the whole thing, Dad. They don′t fell like it′s anything to be ashamed of."
Colonel Frank Fitts: "Well, it is!"
Ricky: "Yeah, you′re right"
Colonel Frank Fitts: Don′t placate me like I′m your mother, boy.
Ricky: Excuse me for speaking so bluntly sir. But those fags make me want to puke my fucking guts out.
Colonel Frank Fitts: [cautiously, after a long pause] Well, me too son. Me too.
Æ /LQN ]XU 6]HQH KWWSZZZ\RXWXEHFRPZDWFK"Y ;-<WJ.-,
Franks schwulenfeindliche Aussage ist eine Aufforderung an Ricky sich der Meinung
seines Vaters anzuschließen (a). Ricky versucht nicht lange seinem Vater einen
neutralen Standpunkt zu erklären und lenkt ein, da er weiß was sein Vater erwartet (b).
Wenn auch des lieben Friedens willen von Ricky nur vorgegeben, so besteht die
gemeinsame Handlung (c) darin, eine gemeinsame Abscheu gegenüber Homosexuellen
zu demonstrieren.
Damit man sich auf den anderen einstellen kann, ist es notwendig sich in ihn bzw. seine
Rolle hineinzuversetzen. Bereits aus der Rollentheorie ist uns der Begriff
Rollenübernahme (,,role taking")
bekannt. Diese ist unerlässlich um die Erwartungen,
Perspektiven und Interessenslagen des/der Anderen zu erkennen und seine eigene
Handlungslinie zu entwerfen. Während das Sich-Hineinversetzen in den anderen eher
den passiven Teil des Rollenhandelns ausmacht, wird unter dem aktiven Teil
,,role
Robert Tritscher
Seite 11
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
making"
das individuelle Ausgestalten der angepeilten Rolle verstanden. Dieses
individuelle Ausgestalten kommt zustande, da in den seltensten Fällen sich eine Person
exakt den Erwartungen einer anderen Person unterordnet. Im Regelfall kommt es zu
einer Mischform, bei der die eine Person nicht ganz den Vorstellungen der anderen
Person entspricht, sondern eigene Vorstellungen mit einbringt. Beim Rollenspiel kann es
auch zu
Rollendistanz (,,role distance")
kommen, wenn man innerhalb einer Rolle
bestimmten Rollenverpflichtungen nicht nachkommt oder eigenwillige Handlungen setzt.
Dies kann durchaus nützlich sein, wenn es z.B. dadurch zu einer Auflockerung einer
angespannten Situation kommt. (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.133ff)
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]X IKUHQ NHLQHQ .RQWDNW ]X ′URJHQ ]X KDEHQ XQG YRU DOOHP QLFKW KRPRVH[XHOO ]X
VHLQ ′LHVH 5ROOH VSLHOW 5LFN\ ]XZHLOHQ DXFK UHFKW JXW 6HLQ 9DWHU JODXEW RGHU ZLOO
JODXEHQ GDVV HU VHLQ 7DVFKHQJHOG GXUFK &DWHULQJMREV YHUGLHQW XQG DXFK GLH
(QWGHFNXQJ GDVV 5LFN\ HLQH )UHXQGLQ KDW VWHOOW LKQ ]XIULHGHQ 5LFN\ MHGRFK
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YHUGLHQW VHLQ *HOG LQ :DKUKHLW GXUFK GHQ 9HUNDXI YRQ 0DULKXDQD
Gemäß dem Thomas-Theorem -
,,Wenn die Menschen Situationen als wirklich
definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich."
kommt der
Situationsdefinition
große Bedeutung zu. Soziales Handeln ist demnach davon abhängig, wie Situationen
von den beteiligten Personen definiert werden und welche gemeinsame Sicht der
Wirklichkeit in Folge ausgehandelt wird.
&RORQHO )UDQN )LWWV KDW JURH $QJVW VHLQHQ 6RKQ ]X YHUOLHUHQ (U EHIUFKWHW GDVV
GLHVHU PLW ′URJHQ .RQWDNW KDW RGHU KRPRVH[XHOO VHLQ N|QQWH (V VWHOOW VLFK KHUDXV
GDVV HU 5LFN\ YRU HLQLJHU =HLW LQ HLQH 0LOLWlUVFKXOH VFKLFNWH XP LKQ ]X GLV]LSOLQLHUHQ
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LKQ GD]X VHLQH +RPRVH[XDOLWlW ]X JHVWHKHQ ′LHV HQWVSULFKW ]ZDU QLFKW GHU
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KDW VLFK GDV 7KRPDV7KHRUHP EHZDKUKHLWHW XQG )UDQN )LWWV KDW VHLQHQ 6RKQ
YHUORUHQ
Robert Tritscher
Seite 12
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Nach Mead kann der Mensch nur deshalb symbolische Interaktionen eingehen, da er ein
,,
Selbst
" besitzt. Dieses ,,Selbst" erlaubt es dem Menschen auch mit sich selber soziale
Interaktionen einzugehen. So kann er sich als Angestellter, als Schüler, als Mutter usw.
sehen. Hierbei ist der Mensch für sich selbst ein Objekt, er handelt sich selber und
anderen gegenüber auf der Grundlage dessen wie er sich selber sieht. Wie andere
Objekte, entwickelt sich auch das ,,Selbst-Objekt" durch den Interaktionsprozess, in dem
die eigene Person durch andere Personen definiert wird. (vgl. Blumer, 1995, S.32)
Mead unterscheidet zwei Stufen der Identitätsentwicklung - ,,
play
" und ,,
game
" die er
anhand des kindlichen Spiels untersucht hat. Zunächst übernehmen Kinder beim Spielen
bestimmte Rollen von prägenden Personen, wie etwa Vater, Mutter, Lehrer (nach Mead,
,,
bedeutsame Andere
") und interagieren dabei mit sich selbst als jemand anderer. In
der zweiten Phase, ,,
game
", eignet sich ein Kind die Rollen aller Mitspieler an und lernt
so sich selbst aus dem Blickwinkel anderer zu sehen. Es versteht sich nun als Teil der
Gruppe (,,
verallgemeinerte Andere
") mit der und für die es spielt. Die Fähigkeit
zwischen den ,,bedeutsamen Anderen" und den ,,verallgemeinerten Anderen" zu
unterscheiden stellt einen wesentlichen Schritt in der Identitätsentwicklung dar. Weiters
unterscheidet Mead zwischen zwei Teilen der Identität, dem
,,Me"
und
,,I"
. ,,Me" sind die
durch Rollenübernahme erlernte Einstellungen, Normen und Werte der Anderen bzw.
der Gesellschaft; ,,I" ist der persönliche Teil der Identität. Die Identität, das ,,Selbst"
entsteht aus der Auseinandersetzunge des ,,I" mit dem ,,Me". Beide Teile des Selbst
bedingen einander. Ohne Gesellschaft könnte kein individuelles Bewusstsein existieren.
Das ,,I" wiederum kann soziale Prozesse beeinflussen und verändern, indem z.B. neue
Rollenerfordernisse ins ,,Me" aufgenommen und durch Reflexion abgeändert werden
können. (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.136f)
Im Zusammenhang mit Organisationen hat Erving Goffman den symbolischen
Interaktionismus um einige Begriffe erweitert. Er bedient sich hierbei dem Beispiel der
,,totalen Institution" - also Gefängnissen, Konzentrationslager, Militärkasernen - um
aufzuzeigen, was in ,,normalen" Organisationen zumindest tendenziell auch der Fall ist.
Nach Goffman kommt es zu einer ,,
Demütigung des Selbst
", was sich auf verschiedene
Arten zeigt. Die Person erleidet z.B. einen Rollenverlust; Aufnahme- und
Gehorsamsprozeduren haben den Zweck, den Willen eines Neuankömmlings zu
brechen und ihn zum kooperieren zu bewegen.
Die Person hat dabei zwei Möglichkeiten mit der Situation umzugehen. Die
primäre
Anpassung
, bei der man das Selbst, das einem die Organisation vorgibt, annimmt - und
Robert Tritscher
Seite 13
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
so zu einem ,,normalen", ,,programmierten" Mitglied wird; oder die
sekundäre
Anpassung
, bei der man unerlaubte Mittel anwendet oder unerlaubte Ziele verfolgt, um
die Erwartungen der Organisation zu umgehen. Dies stellt eine Möglichkeit dar, sich der
von der Institution vorgegebenen Rolle zu entziehen. (vgl. Schülein/Brunner, 2001,
S.137ff)
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WDWVlFKOLFK IKUW HU DEHU HLQ ′RSSHOOHEHQ XQG WXW JHQDX GDV *HJHQWHLO YRQ GHP
ZDV VHLQ 9DWHU HUZDUWHW
Anselm Strauss, ein weiterer Vertreter des symbolischen Interaktionismus, entwickelte
ebenfalls einen organisationssoziologischen Ansatz. Bei seinem
,,negotiated order
approach"
geht es darum wie soziale Ordnung in einer Organisation ausgehandelt wird.
Er entdeckte, dass selbst in Musterbeispielen von Organisationen, wie z.B.
Krankenhäusern, die Arbeitsstrukturen ziemlich unspezifisch und die herrschenden
Normen und Regeln ambivalent und mehrdeutig sind. Stillschweigend werden
Übereinkünfte und inoffizielle Arrangements getroffen, die in einem permanent zu
erneuernden Prozess die Funktionsfähigkeit der Organisation Krankenhaus
sicherstellen. Er kam zu dem Schluss dass eine Organisation als ein ,,ongoing system of
negotiation" betrachtet werden müsse. (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.139f)
4.2. Gesellschaft
Gesellschaften oder menschliche Gruppen bestehen für Vertreter des symbolischen
Interaktionismus im Grunde nur in der Handlung bzw. handelnden Personen.
,,Gleichgültig, ob man Kultur als Konzept nun als Brauch, Tradition, Norm, Wert, Regel
oder ähnliches definiert, sie ist eindeutig davon abgeleitet von dem, was die Menschen
tun." (Blumer, 1995, S.27) Gemeinsames Handeln ist das Ergebnis immer
wiederkehrender Interpretationsprozesse und entsteht über die Verbindung
verschiedener, einzelner Handlungslinien. Die gemeinsame Handlung unterscheidet sich
Robert Tritscher
Seite 14
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
von den Einzelhandlungen aus denen sie besteht sie hat einen spezifisch
eigenständigen Charakter. Gemeinsame Handlungen haben, auch wenn es sich oft um
stabile, wiederkehrende Handlungsmuster handelt, immer einen Entwicklungsprozess zu
durchlaufen - da die gefestigten und wiederkehrenden Bedeutungen die gemeinsamen
Handeln zugrunde liegen, ebenfalls, wie neuinterpretierte Bedeutungen, einem
Bestätigungsdruck unterliegen. (Blumer, 1995, S.35ff)
4.3. Sozialer Wandel
Sozialer Wandel kann stattfinden da Handlungen immer neu entstehen, also immer
wieder aktiv konstruiert werden müssen. Es besteht eine Offenheit der Interpretation,
wenn sich z.B. für Personen die Bedeutung von Objekten verändert und diese dadurch
anders wahrgenommen werden. Eine abweichende Interpretation kann aber nicht nur zu
einer Veränderung, sondern auch zur Entstehung von gänzlich Neuem, z.B. neuen
Normen, führen.
4.4. Anwendungsbereiche
Anwendung findet der symbolische Interaktionismus beispielsweise bei Abläufen
innerhalb von Organisationen, wobei die Interaktionen zwischen einzelnen Personen,
oder Gruppen untersucht werden. Persönliche Aushandlungen zwischen Individuen
können hierbei etwa dazu führen, dass formale Strukturen oder Gesetze umgangen
werden, was jedoch auch notwendig sein kann um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Ein
weiteres Untersuchungsfeld findet sich im Alltagshandeln und den dabei ablaufenden
Interaktionen. In der qualitativen Forschung findet der symbolische Interaktionismus
ebenfalls seine Anwendung.
4.5. Kritik
Der symbolische Interaktionismus gestattet dem Individuum einen weit größeren
Handlungsspielraum als die Rollentheorie, bei der die Positionen und Rollenerwartungen
durch die Gesellschaft vorgeschrieben sind. Dem symbolischen Interaktionismus liegt ein
aktives Menschenbild zugrunde, bei dem der Einzelne als, zumindest partiell,
selbständiges handelndes Lebewesen betrachtet wird.
Zu kritisieren ist, dass in diesem Konzept auf die Einflüsse von Macht, Herrschaft und
Interessen nur wenig eingegangen wird, obwohl sich diese Kriterien sicher wesentlich
auf den Handlungsspielraum des Einzelnen auswirken.
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
5. Die ökonomische Handlungstheorie
Die ersten ökonomischen Ansätze finden sich im 15. und 16. Jahrhundert. Begründet ist
dies in einer fundamentalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das
traditionelle Gesellschaftsmodell der Agrarwirtschaft wurde abgelöst durch moderne
Strukturen. Es entstanden Städte, die eine neue Klasse, das Bürgertum hervorbrachten;
die Expansion von Handwerk und Handel wurde zum Ausgangspunkt des (Früh-)
Kapitalismus; der Feudalismus wurde durch Territorial- und Nationalstaaten ersetzt. Die
neuzeitliche Wissenschaft basierte auf empirischer Orientierung und wurde auch von
einem neuen Sozialtypus, dem weltlichen, bürgerlichen ,,Intellektuellen" betrieben. Eine
Reihe von Theoretikern wie Thomas Hobbes, Jeremy Bentham oder Adam Smith, der
als Stammvater der modernen ökonomischen Theorie gilt, legten die Grundsteine für ein
neues Menschenbild, den ,,
Homo oeconomicus
". Diese Bezeichnung steht für einen
(fiktiven) rational handelnden Akteur, der seine gegebenen Mittel so verwendet, dass ein
Maximum an Zweckerfolg erzielt wird. (vgl. Schülein/Brunner, 2001, S.60f)
5.1. Zentrale Begriffe
In Gary S.
Beckers ökonomischen Ansatz verhalten sich die Akteure
nutzenmaximierend.
Das bedeutet, dass der Akteur bei der Auswahl zwischen
mehreren Alternativen sich für jene entscheidet, die für ihn mit den geringsten Kosten
verbunden ist und mit der er den größten Nutzen erreichen kann. Becker geht von der
Existenz von Märkten
aus, die über ihre Mechanismen - also z.B. Preise; Angebot und
Nachfrage die Handlungen der verschiedenen Marktteilnehmer koordinieren und
knappe Ressourcen unter ihnen verteilen. ,,Preise steuern die Allokation der knappen
Ressourcen in einer Gesellschaft, sie beschränken die Wünsche der Beteiligten und
koordinieren ihre Handlungen". (Becker, 1982, S.4) Wenn es z.B. ein Überangebot an
Fernsehern gibt, wird der Preis sinken. Wenn die Rohstoffe die man zur Herstellung von
Mikrochips benötigt, knapp werden, führt dies zu einem Engpass in der Herstellung
Computern, folglich werden diese teurer. Daneben gibt es noch sogenannte
Schattenpreise
, auch Opportunitätskosten genannt. Schattenpreise stehen für den
entgangenen Nutzen, der bei mehreren Alternativen durch die Entscheidung für die eine
und gegen die anderen Möglichkeiten entsteht. Wenn man z.B. eine Wohnung besitzt,
könnte man diese gewinnbringend vermieten. Wohnt man jedoch selber in dieser
Wohnung, so gibt der Schattenpreis den dadurch entgangenen Gewinn an. (vgl. ebda,
1982, S.5)
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Beckers ökonomische Handlungstheorie beschränkt sich hierbei natürlich nicht auf
materielle Güter sondern ist auf jegliches menschliches Verhalten anwendbar. Als
einfaches Beispiel bietet sich der Heiratsmarkt an: Nach dem ökonomischen Ansatz
heiratet ein Mensch dann, wenn der Nutzen den die Heirat mit sich bringt, den Nutzen
des Single-Daseins, oder der weiteren Suche nach einem Partner übersteigt. (vgl.
Becker, 1982, S.10) Becker, der den Vertretern eines ,,radikalen" ökonomischen
Ansatzes zugerechnet werden kann, geht davon aus, dass aufgrund der als
stabil
angenommen Präferenzen
(z.B. Streben nach Gesundheit, Prestige, Sinnenfreude,
Wohlwollen oder Neid), die Möglichkeit besteht um Vorhersagen über Reaktionen auf
verschiedene Veränderungen zu machen. (vgl. ebda, 1982, S.4)
Gemäßigtere Fassungen des ökonomischen Rationalismus nutzen ebenfalls die
Grundannahmen des Homo oeconomicus und der Marktlogik, jedoch schränken sie
deren Geltungsbereich auf Themen ein, die ökonomisch strukturiert sind und deshalb
rational behandelt werden. McKenzie und Tullock gehen davon aus, dass z.B. Sexualität
als ein Gut betrachtet werden kann, welches Kosten und Nutzen verursacht sowie
angeboten und nachgefragt wird. Prostitution erklärt sich demnach dadurch, dass der
Preis der Prostituierten niedriger sein kann als jene ,,Kosten", die der Mann oder die Frau
aufwenden müsste um Sex aus ,,ehrbaren" Quellen zu beziehen. So zahlt man einfach
und muss sich nicht lange damit aufhalten, den potentiellen Partner zu verführen. (vgl.
Schülein/Brunner, 2001, S.68) Des Weiteren werden Präferenzen nicht mehr als stabil,
sondern als wählbar betrachtet. Hier gibt es also Menschen, die Kosten und Nutzen und
die Veränderung von Kosten und Nutzen in gewissen Bereichen außer Acht lassen.
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6H[XDOOHEHQ XP DXV GHU 0DVVH LKUHU VH[XHOO QRFK QLFKW VR HUIDKUHQHQ
6FKXONROOHJLQQHQ KHUDXV]XVWHFKHQ.
Angela Hayes: I′m serious. He just pulled down his pants and yanked it out. You know, like, "Say hello to Mr.
Happy."
Playground Girl #1: Gross.
Angela Hayes: It wasn′t gross. It was kinda cool.
Playground Girl #1: So did you do it with him?
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Angela Hayes: Of course I did. He′s like a really well known photographer. He shoots for "Elle" on like a
regular basis. It would have been so majorly stupid of me to turn him down.
Playground Girl #2: You are a total prostitute.
Angela Hayes: Hey! That′s how things really are. You just don′t know ′cause you′re this pampered little
suburban chick.
Playground Girl #2: So are you. You′ve only been in "Seventeen" once and you looked fat! So stop acting like
you′re goddamn Christy Turlington!
Angela Hayes: Cunt! I am so sick of people taking their insecurities out on me.
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6FKODPSH ± VLQG IU VLH GDJHJHQ JHULQJ
5.2. Gesellschaft
Im ökonomischen Ansatz besteht die Gesellschaft aus den aggregierten Folgen vieler
Einzelhandlungen der Akteure. Jede Person ist damit beschäftigt ihre eigenen
Bedürfnisse zu befriedigen und dabei den höchstmöglichen Nutzen zu erzielen. Gemäß
Adam Smiths ,,unsichtbarer Hand" kommt es dabei zu einem Marktgleichgewicht, auch
wenn der Einzelne nur seine eigenen Interessen verfolgt, also nutzenmaximierend
handelt.
5.3. Sozialer Wandel
Sozialer Wandel findet im ökonomischen Ansatz dann statt, wenn sich die
Marktbedingungen und die Preise verändern. So sind z.B. bisher die Schattenkosten der
Kinderbetreuung für die meisten Väter zu hoch. Da deren Einkommen meist höher ist als
das ihrer Frauen, lassen sich überwiegend Frauen zu Gunsten der Kinderbetreuung
karenzieren. Ein Einkommensabhängiges Kindergeld könnte diese Schattenkosten
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
reduzieren und eventuell dazu führen, dass sich mehr Väter dazu entscheiden sich für
die Kinderbetreuung eine Zeitlang aus dem Berufsleben zurückzuziehen.
5.4. Anwendungsbereiche
Vertreter eines radikalen ökonomischen Ansatzes, wie Gary s. Becker, sehen die
Anwendungsgebiete der ökonomischen Handlungstheorie allen Bereichen des
menschlichen Handelns. Gemäßigtere Ansätze hingegen schränken die Verwendung auf
ökonomisch strukturierte Themen ein oder sehen den ökonomischen Rationalismus als
Handlungsmodell neben anderen.
5.5. Kritik
Positiv hervorzuheben sind die Einfachheit der Grundannahmen, wie z.B.
nutzenmaximierendes Verhalten der Individuen oder die Darstellung der Gesellschaft als
Markt. Diese allgemeinen Definitionen tragen dazu bei, das menschliche Verhalten
umfassend und integrativ zu erfassen. Auch die Möglichkeit aufgrund der einfachen
Prämissen Vorhersagen über das Verhalten von Individuen nach eingetretenen
Veränderungen zu treffen, stellt einen Vorteil dar. Ebenfalls anzumerken ist die
gelungene Integration von Soziologie und Ökonomie.
Die Stärken dieser Theorie geben aber auch Anlass zur Kritik. So sind einfache
Prämissen oft unrealistische Prämissen. Es spricht z.B. die Hypothese der stabilen
Präferenzen dem Menschen seine psychische Komplexität ab und nimmt ihm die
Möglichkeit sich im Laufe der Zeit zu ändern. Die absolute Unterstellung der
Nutzenorientierung negiert die Existenz des Altruismus, wenn auch als Erklärung
desselben wieder die Nutzenorientierung dienen soll. Dies scheint jedoch wiederum, in
Bezug auf die Komplexität der menschlichen Psyche, zu simpel dargestellt. Ebenfalls
ungeklärt bleibt wie es überhaupt zu dieser Nutzenorientierung des Menschen kommt.
6. Pierre Bourdieu
Die Forschungen des im Jahr 2002 verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu waren
zumeist im Alltagsleben verwurzelt. Als Kultursoziologe betrachtete er auch jene
Bereiche die in anderen Theorien eher als nebensächlich gelten, wie z.B. Geschmacks-
und Lebensstil, so bewies er etwa dass, trotz einer prinzipiellen Wahlfreiheit hinsichtlich
des Musikgeschmacks, Vorlieben für klassische Musik, Rock oder Chanson stark mit der
Robert Tritscher
Seite 19
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
,,kulturellen" Klassenzugehörigkeit korrelieren. Auf seine Versuche, subjektive Faktoren
mit objektiven Gegebenheiten zu verbinden werde ich nun etwas näher eingehen.
6.1. Zentrale Begriffe
Bourdieus Modell des
sozialen Raums
ergänzt die klassischen Schicht- und
Klassentheorien um zwei Dimensionen, wobei die x-Achse die Kapitalstruktur, die y-
Achse das Kapitalvolumen und die z-Achse die Zeit darstellen. Das Individuum befindet
sich an einer Position in diesem sozialen Raum, die seiner Ausstattung an Kapital und
seinem Lebensstil entspricht. Unter Kapital ist hierbei jedoch nicht nur Kapital im
herkömmlichen Sinn - also Geld, zu verstehen, sondern es setzt sich zusammen aus
Bourdieus drei Kapitalsorten: dem ökonomischen, dem kulturellen und dem sozialen
Kapital.
Das
ökonomische Kapital
kann als solches verstanden werden - es bezeichnet den
materiellen Besitz. Dieser spielt eine zentrale Rolle um Macht auszuüben, garantiert dies
jedoch nicht.
Am bedeutendsten für Bourdieu ist das
kulturelle Kapital
, womit im Wesentlichen die
(schulische) Bildung umfasst wird. Das kulturelle Kapital existiert in drei Formen: es kann
inkorporiert, objektiviert
und
institutionalisiert
sein. Unter
Inkorporation
ist die
,,Verinnerlichung" zu verstehen, die erforderlich ist, damit man sich kulturelles Kapital
aneignen kann. Diese Form des kulturellen Kapitals kann nicht verschenkt, vererbt,
verkauft oder getauscht werden. Es muss durch persönlichen Lernaufwand erarbeitet
werden und ist an den Körper gebunden. Dieser Verinnerlichungsprozess kostet Zeit,
muss aber nicht unbedingt bewusst ablaufen. So erhalten Kinder die von ihren Eltern oft
in Opernkonzerte oder Theateraufführungen mitgenommen werden eine Menge an
kulturellem Kapital, weil sie wissen wie man sich unter den jeweiligen Umständen
verhält, unabhängig davon ob sie die Aufführungen mögen oder nicht.
Das inkorporierte kulturelle Kapital kann
objektiviert
werden, z.B. durch den Kauf von
kulturellen Gütern wie Gemälden, Büchern, Lexika aber auch Maschinen oder
Instrumenten. Zum Erwerb ist ökonomisches Kapital nötig, somit ist diese Kapitalform
ökonomisch übertragbar. Um jedoch ein Bild zu interpretieren und seine Bedeutung zu
schätzen oder um die Funktion einer Maschine zu verstehen muss das Individuum über
inkorporiertes kulturelles Kapital verfügen.
Die dritte Form, das
institutionalisierte
kulturelle Kapital bedeutet dass inkorporiertes
kulturelles Kapital (vor allem) in Form von schulischen Titeln objektiviert ist. Hier besteht
auch eine enge Verbindung zum ökonomischen Kapital: Zum Erwerb des Titels wurde
Robert Tritscher
Seite 20
American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
ökonomisches in kulturelles Kapital umgewandelt. Der Titelträger bekommt ein Zeugnis
für seine Kompetenz, welches einen dauerhaften und rechtlich garantierten Wert
darstellt. Der kulturelle Wert des Titels ist wiederum unauflöslich mit dem Geldwert
verbunden mit dem er auf dem Arbeitsmarkt getauscht werden kann.
Die dritte Kapitalsorte ist das
soziale Kapital
. Es steht für die Summe der sozialen
Beziehungen auf die das Individuum zurückgreifen kann. Soziales Kapital muss mittels
individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewusst oder unbewusst auf die
Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, erarbeitet werden. Es
wirkt als (nicht nur materielle) Kreditwürdigkeit, die dem Individuum deshalb zusteht, weil
es zu einer bestimmten Gruppe gehört. (vgl. Treibel, 1993, S.213ff)
Im sozialen Raum gibt es Bereiche in denen besonders viele Individuen eng beieinander
positioniert sind. Diese Bereiche, in denen größtmögliche Homogenität bezüglich der
Kapitalstruktur und des Kapitalvolumens nennt Bourdieu theoretische
Klassen
. Bourdieu
verwendet den Klassenbegriff in Anlehnung an Marx, versteht ihn aber nicht als eine
Gruppe von Individuen mit gemeinsamen Zielen, sondern als eine Gruppe deren
Gemeinsamkeit in der Struktur und des Volumens an verschiedenen Kapitalsorten
besteht. (vgl. Bourdieu, 1998, S.23ff)
In seiner Klassentheorie, die Klasse nicht nur an der ökonomischen Position sondern
auch am kulturellen Konsum festmacht, unterscheidet Bourdieu zwischen den unteren
Klassen, dem Kleinbürgertum und der herrschenden Klasse die sich noch in das Kapital-
und in das Bildungsbürgertum unterteilt. Der herrschenden Klasse schreibt er den
legitimen
oder ,,reinen"
Geschmack
zu, dessen ästhetische Ansprüche höher sind als
beim
mittleren
oder
populären
Geschmack des Kleinbürgertums oder der unteren
Schichten, wo auf Funktion, Substanz und Praktikabilität Wert gelegt wird. (vgl. Treibel,
1993, S.216ff)
Im Zentrum von Bourdieus Modell steht der
Habitus
, womit das Erscheinungsbild und
das Auftreten eines Menschen, sein Lebensstil oder sein Geschmack gemeint ist. Am
Habitus lässt sich der Status und die Stellung einer Person in der Gesellschaft erkennen.
Zum Habitus gehört aber auch die Geschichte eines Menschen. So hat das Kind das in
einer Arbeiterfamilie in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist einen völlig anderen
Habitus als das Kind eines Großunternehmers das in einer Metropole heranwächst. Für
Bourdieu gibt es einen Zusammenhang zwischen der Position eines Individuums im
sozialen Raum und dessen Lebensstil, wobei der Habitus das Bindeglied dazwischen ist.
Er ist eine allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt, die zu systematischen
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Stellungnahmen führt. Da der Habitus aber vom gesamten bisherigen Lebenslauf
beeinflusst ist, ist er relativ unabhängig von der im Moment eingenommen Position. (vgl.
Treibel, 1993, S.210f)
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Counter Girl: Smile, you′re at Smiley′s! Would you like to try our new bacon and egg fajita, just a dollar twenty-
nine for a limited time only?
Lester: Actually, I′d like to fill out an application.
Counter Girl: There′s not jobs for manager, it′s just for counter.
Lester: Good. I′m looking for the least possible amount of responsibility.
--------------- some moments later ----------------
Manager: I don′t think you′d fit in here.
Lester: I have fast food experience.
Manager: Yes, like twenty years ago.
Lester: Well, I′m sure there have been amazing technological advancements in the industry, but... surely you
have some sort of training process. It seems unfair to presume I won′t be able to learn Should you choose
not to hire me, I have to assume it′s because of my age, which I can only interpret as discrimination and would
have to take up with my attorney.
Æ /LQNV ]X GHQ 6]HQHQ
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Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
6.2. Gesellschaft
Die soziale Position einer Person drückt sich in ihrem Lebensstil aus. Gesellschaft sieht
Bourdieu folglich als ein Ensemble von sozialen Positionen, das mit einem ebenfalls
relational bestimmten Ensemble von Tätigkeiten oder Gütern verbunden ist. (vgl.
Bourdieu, 1998, S.17) Während innerhalb einer Klasse ähnliche Bedingungen herrschen,
unterscheiden sich diese von den Bedingungen in anderen Klassen. Mitglieder innerhalb
einer Klasse sind also mit höherer Wahrscheinlichkeit mit sich ähnelnden Situationen
konfrontiert als mit Situationen mit denen sich Mitglieder anderer Klassen
auseinandersetzen müssen. Indikatoren dieses Klassenhabitus bzw. Klassen-
,,Unterbewusstseins" sind der Beruf, die Berufsrolle und das kulturelle Kapital. Hierbei ist
anzumerken dass Bourdieu selber, den Begriff der Klasse als für zu missverständlich
und zu eng gefasst hält. Er verwendet stattdessen lieber den zuvor bereits dargestellten
Begriff des sozialen Raumes. (vgl. Treibel, 1993, S.211f)
6.3. Sozialer Wandel
Sozialer Wandel kann bei Bourdieu durch die soziale Mobilität entstehen. Wenn
beispielsweise ökonomisches Kapital in kulturelles Kapital umgewandelt wird, kann diese
Veränderung der Kapitalzusammensetzungen zum Aufstieg eines Individuums führen.
Die Aufstiege und Abstiege einzelner Individuen, also die Veränderung ihrer Positionen
im sozialen Raum führen zu einer Umgestaltung der Positionsstruktur, was wiederum
Veränderungen in den Praxisformen zur Folge haben kann.
6.4. Anwendungsbereiche
Anwendung finden die Theorien Bourdieus in der Alltagsforschung, so z.B. bei
Untersuchungen über die Entstehung von sozialer Ungleichheit sowie ihrer
Reproduktion. Bourdieu zeigt die Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft, sozialer
Zugehörigkeit und sozialer Abgrenzung auf. Auch bei Forschungen bezüglich des
Lebensstils, der ja wesentlich vom kulturellen Kapital bestimmt ist, kommen seine
Theorien zur Anwendung.
6.5. Kritik
Bourdieu beschreibt ein dynamisches und vor allem leicht verständliches Modell des
sozialen Raumes. Eine wesentliche Stärke ist, dass sich seine nachvollziehbaren
Theorien für die Empirie des ,,Alltäglichen" eignen. Positiv anzumerken ist ebenfalls die
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
Einbindung von mikro- und makrosoziologischen Überlegungen in seinem Modell, sowie
seine Position gegenüber den ,,Intellektuellen", die er in seine Analyse einbindet, sie aber
zur kritischen Reflexion auffordert. Bourdieus Soziologie-Verständnis steht in
Zusammenhang mit seinem eigenen Werdegang, dem eine eher ,,untypische" Bildungs-
Biographie zugrunde liegt. Er deckt ein weites Feld ab und ebenso weit sind die auch
Anwendungsmöglichkeiten die sich für seine Theorien finden.
Problematisch ist die oft angeprangerte, teilweise Komplexität seiner Sprache, was zu
Verständnisproblemen führen mag. Zudem besteht der Vorwurf des Determinismus in
Bezug auf das Habituskonzept. Andere Kritiker halten seinen Ansatz für zu statisch, da
er Lernprozesse einer Gesellschaft ausklammere und somit sozialen Wandel nur
unzureichend erkläre. (vgl. Treibel, 1993, S.222ff)
7. Zusammenfassung
In dieser Arbeit habe ich versucht vier der wichtigsten mikrosoziologischen Ansätze
vorzustellen und deren Anwendung an einem praktischen Beispiel zu demonstrieren. Es
handelt sich um sehr unterschiedliche Ansätze, die auf ihre Weise versuchen darüber
Aufschluss zu geben wie und warum Gesellschaft funktioniert. Aufgrund des
durchgängigen Schemas in dieser Arbeit dürften die Unterschiede der einzelnen
Theorien, deren Anwendungsbereiche sowie deren jeweiligen Stärken und Schwächen
recht deutlich geworden sein. Die praktischen Anwendung wurde dargestellt mittels des
amerikanischen Spielfilms ,,American Beauty" einem Film der einiges über das
Zusammenleben von Menschen zu erzählen hat und den ich ausdrücklich empfehlen
möchte. Schließen möchte ich nun mit Lester Burnhams posthumen Resümee:
I had always heard your entire life flashes in front of your eyes the second before you die.
First of all, that one second isn′t a second at all, it stretches on forever, like an ocean of time...
For me, it was lying on my back at Boy Scout camp, watching falling stars...
And yellow leaves, from the maple trees, that lined my street...
Or my grandmother′s hands, and the way her skin seemed like paper...
And the first time I saw my cousin Tony′s brand new Firebird...
And Janie... And Janie... And... Carolyn.
I guess I could be pretty pissed off about what happened to me... but it′s hard to stay mad, when there′s so
much beauty in the world. Sometimes I feel like I′m seeing it all at once, and it′s too much, my heart fills up like
a balloon that′s about to burst...
And then I remember to relax, and stop trying to hold on to it, and then it flows through me like rain and I can′t
feel anything but gratitude for every single moment of my stupid little life...
You have no idea what I′m talking about, I′m sure. But don′t worry...
You will someday.
Robert Tritscher
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American Beauty und die ,,sozialwissenschaftlichen Mikrotheorien"
8. Literaturverzeichnis
Becker, Gary Stanley: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens. In: Becker, Gary S. In: Der
ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen: J.C.B. Mohr, 1982, S.1 S.15
Blumer, Herbert: Der methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus. In: Burkart, Roland; Hömberg, Walter
(Hrsg.): Kommunikationstheorien, Wien, 1995, S.23 S.39
Bourdieu, Pierre; Beister, Hella: Praktische Vernunft: Zur Theorie des Handelns, Suhrkamp, 1998
Dahrendorf, Ralf: Homo Sociologicus: ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle, 15.
Auflage, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1977
Schülein, Johann August; Brunner, Karl-Michael: Soziologische Theorien Eine Einführung für Amateure, 2. Auflage,
Wien/New-York: Springer-Verlag, 2001
Treibel, Anette: Einführung in die soziologischen Theorien der Gegenwart, Opladen: Leske und Budrich, 1993, S.203-S.225
---------
American Beauty Film:
Homepage: http://www.dreamworks.com/ab/
Zitate: http://www.imdb.com/title/tt0169547/quotes, abgefragt im August/September 2009
Titelbild:
,,American Beauty" fotografiert von ,,Madmoiselle Lavender", veröffentlicht auf flickr.com unter einer Creative Commons Licence
Fotograf: http://www.flickr.com/people/soloflight/
Bild: http://www.flickr.com/photos/soloflight/3448550792/sizes/m/
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