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Scholary Paper (Seminar), 2003, 20 Pages
Author: Peter Brüstle
Subject: Sociology - Media, Art, Music
Details
Institution/College: University of Freiburg (Institut für Soziologie)
Tags: Faszination, Alltäglichen, Reality, Proseminar, Soziologie, Alltags
Year: 2003
Pages: 20
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19365-8
File size: 215 KB
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Excerpt (computer-generated)
Die Faszination des Alltäglichen im Reality TV
Peter Brüstle
Gliederung
I. EINLEITUNG 3
II. HAUPTTEIL 4
1.DIE ENTWICKLUNG VON REAL-LIFE FORMATEN IM DEUTSCHEN FERNSEHEN 4
2. DARSTELLUNGSMITTEL DES REALITY TV 7
3.SOZIOLOGISCHE ERKLÄRUNG 9
4. DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR 12
III. FAZIT 15
IV. LITERATURVERZEICHNIS 18
Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Thomas Mann, Der Zauberberg.
I. Einleitung
Während gegen den Willen von Menschen aus der ganzen Welt der zweite Golfkrieg vorbereitet und durchgeführt wird und die Zeitungen von "embedded journalists" berichten, die mit Live-Bildern aus dem Kampfgebiet "die bisher brutalste Reality-Show" (Kleine-Brockhoff: 11) ins Wohnzimmer liefern, zieht ein anderes Ereignis gleichzeitig Millionen von Zuschauern hierzulande vor den Bildschirm. Die Rede ist von Deutschland sucht den Superstar. Diese Sendung, die ebenfalls dem Reality TV zuzuorden ist, scheint der gegenwärtige Höhepunkt einer Genre-Entwicklung zu sein, das seit seiner Einführung vor mehreren Jahren zum Teil äußerst kontrovers diskutiert, inzwischen aber zum fest etablierten Programmbestandteil der deutschen Fernsehlandschaft geworden ist. Wobei zu Beginn vor allem die emotionalisierende Darstellung von Gewalt in den Sendungen kritisiert wurde, ist inzwischen ein Themenwandel hin zur Darstellung des privaten Alltagsbereichs von Durchschnittspersonen zu beobachten. Hinzu kommt, daß die Medien immer mehr als Forum zur Selbstdarstellung und Selbstthematisierung genutzt werden. Um diese Beobachtung zu erklären, möchte ich die Frage stellen: welche gesellschaftlichen Entwicklungen sind dafür verantwortlich, daß die Inszenierung des Alltags gegenwärtig bei so vielen ZuschauerInnen auf Aufmerksamkeit stößt und warum machen so viele von der Möglichkeit zur Selbstdarstellung Gebrauch?
Diese Frage möchte ich beantworten, indem ich zunächst auf die Entwicklung des Reality TV eingehen und die dem Genre charakteristischen Darstellungsmittel aufzeigen werde. Dazu dienen mir vor allem aktuelle medienwissenschaftliche Arbeiten von Eberle, Lücke und Wegener. Daran werde ich eine soziologische Erklärung für die Thematisierung des Alltags von Privatpersonen anschließen. Hierzu werde ich die gegenwärtigen Tendenzen des Reality TV mit Texten zur Individualisierung von Beck und Soeffner in Zusammenhang bringen. Zum Schluß soll eine Analyse des Phänomens "Deutschland sucht den Superstar" erfolgen und mit den gewonnenen Erkenntnissen verglichen werden.
II. Hauptteil
1.Die Entwicklung von Real-Life Formaten im deutschen Fernsehen
Seit der Einführung des dualen Rundfunksystems 1985 hat sich die deutsche Fernsehlandschaft einschneidend verändert und ist stetig darum bemüht, sich mit immer weiteren Programmvariationen zu erneuern. Von Anfang an waren die privaten Sender im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen darauf angewiesen, sich durch Werbeeinnahmen zu finanzieren und sich vor der Konkurrenz im Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer zu behaupten. Aufgrund dieser Notwendigkeit, möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen, ging Anfang der neunziger Jahre ein bis dahin im deutschen Fernsehen neuer Sendetyp hervor, das Reality TV:
Reality TV [ist] eine Programmform..., die mit dem Anspruch auftritt Realitäten im Sinne der alltäglichen Lebenswelt anhand von Ereignissen darzustellen, die das Gewohnte der Alltagsroutine durchbrechen. Die Lebenswelt eines Individuums umfaßt den Bereich der immer wiederkehrenden Erfahrungen in Familie und Beruf sowie kritische Lebensereignisse, z.B. Geburt, Heirat, Krankheit und Tod, die jeder nur einmal oder nur selten durchlebt. (...)Reality TV ist daher Alltag im Ausnahmezustand, der zwar eine Teilwirklichkeit, keineswegs jedoch Wirklichkeit als Ganzes repräsentiert" (Grimm in Lücke: 42).
Vorbild hierfür waren Formate aus den USA. Dort waren aus den immer stärker emotionalisierenden Nachrichtensendungen lokaler Fernsehstationen, mit Namen wie Eyewitness- oder Action-News ab 1988 die ersten Sendungen unter dem Namen Reality TV entstanden. Die Sendungen erreichten äußerst hohe Einschaltquoten und waren aufgrund des benutzten Amateurvideo-Materials relativ billig zu produzieren. Als erste Sendungen dieses Genres wurden Anfang 1992 Polizeireport Deutschland auf Tele 5 und Notruf auf RTL im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Notruf arbeitete mit zum Teil von Original-Beteiligten nachgespieltem Filmmaterial um Geschichten von Menschen vorzustellen, die unter dramatischen Umständen aus lebensgefährlichen Situationen gerettet wurden. Das kurz darauf von RTL eingeführte Augenzeugen-Video war "- aufgrund der originalen Videoaufnahmen - eine der umstrittensten Sendungen des deutschen Reality-TV" (Wegener: 22). Auf die Einführung der neuen Sendeform Reality TV folgte eine heftige und kritische Diskussion in der Öffentlichkeit. "Auslöser für die öffentliche Diskussion über Reality TV war der Bruch bisheriger Tabus medialer Darstellung" (Eberle: 17) und vor allem auch die Konzentration auf Gewaltdarstellungen. So spricht Volker Lilienthal in der Zeitschrift medium von der "Seuche des Reality-TV", die inzwischen schon alle Programmsparten infiziert habe.
Eine Konsequenz der öffentlichen Kritik war, daß die Bezeichnung Reality TV in Mißkredit kam (vgl. Eberle). Sendungen wie Augenzeugen Video wurden eingestellt, jedoch nicht nur weil sie in Verruf geraten waren, sondern vielleicht mehr noch, weil ihnen schlicht das Material ausgegangen war (vgl. Lilienthal). Während Wegener, die von einer engeren Definition des Begriffs ausgeht, Reality TV als "Schnee von gestern" bezeichnet, weist Eberle darauf hin, daß sich dieses Genre inzwischen unter neuen Bezeichnungen, wie Talk-Show, Dokumentation oder Ratgebersendung, in der Fernsehlandschaft verfestigt und weiterentwickelt habe. In der darauffolgenden Zeit sind laut Lücke eine Unmenge von Sendungen im Fernsehen aufgetaucht, die Merkmale des Genres Reality TV aufweisen. Einige Beispiele sollen hier die Weiterentwicklung des Genres zeigen. Dabei fällt vor allem auf, daß zu der emotionalisienden Darstellung von Gewalt mehr Sendetypen hinzugekommen sind, die den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und den Alltag von Privatpersonen thematisieren. Alltag soll hierbei als Bereich der persönlichen Lebenswelt eines Individuums verstanden werden.
So führte SAT.1 schon 1993 die "Psycho-Talkshow" Ich bekenne ein, in der sich " >>eine mehr oder weniger offen als pervers angekündigte Person<< (Moritz1996, 34) zu ihren Neigungen" äußert (Lücke: 29). Ähnliche Tendenzen zur öffentlichen Beichte haben sich seither in einer Welle von Daily Talks niedergeschlagen. Typisch dafür sind Talkshows wie Arabella, Hans Meiser oder Fliege. Mikos ordnet diese dem Begriff "confessional talk" zu, wobei deutlich wird, worum es sich dabei handelt: Durchschnittsmenschen bekennen außergewöhnliche Erlebnisse und Einzelheiten aus ihrem Privatleben vor den Moderatoren und der Öffentlichkeit. Als weiteres Beispiel für die Entwicklung des Genres Reality TV führt Lücke das "Gerichts-TV" an, wo echte Streitfälle für′s Fernsehen nachgespielt werden oder sogar, wie bei Richterin Barbara Salesch, Verhandlungen eines privaten rechtskräftigen Schiedsgerichtes live gefilmt werden (vgl. Lücke: 30).
[...]
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