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Globalisierung und Migration - Der Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationaler Migration

Subtitle: Unter besonderer Berücksichtigung der Feminisierung der Migration

Diploma Thesis, 2009, 136 Pages
Author: Daniel Lennartz
Subject: Sociology - Work, Profession, Education, Organisation

Details


Abstract

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart beschäftigen verschiedene gesellschaftliche Trends die Wissenschaft. Der demographische Wandel, der Trend zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft, die Globalisierungsprozesse und die internationale Migration wurden unter dem Überbegriff des Megatrends prominent. Internationale Migration hat es seit der Geschichte der Menschheit gegeben, doch das Ausmaß und die Muster der Migration sowie die Geschwindigkeit dieses Trends verweisen auf ein Novum, das sich seit 1945 zu vollziehen scheint. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass die Globalisierungsprozesse parallel zu der Ausweitung der internationalen Migration stattfinden, deren Charakter seit den 1960er Jahren zunehmend femininer wird. So ist in Bezug auf letzterem zu beobachten, dass erstmals in der Migrationsgeschichte der Anteil der Frauen signifikant ansteigt, sich dem Anteil der Männer angleicht und mancherorts sogar übertrifft. Die erkenntnisleitende Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist: Gibt es einen systematischen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der Feminisierung der internationalen Migration? Weitere Fragen, die durch die oben benannte Fragestellung impliziert werden, sind: • Welche Methoden und Theorien sind für diese Untersuchung geeignet? • Was ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen und welche Entwicklungen gehen damit einher? • Wie stellt sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der internationalen Migration anhand von nachvollziehbaren Daten dar? • Wie ist in diesem Kontext die Feminisierung der Migration einzuordnen? Die Strukturierung dieser Arbeit wird den zuvor benannten Fragen in der vorgebrachten Reihenfolge Rechnung tragen und in jeweils einem eigenen Kapitel behandelt werden. Vor dem Hintergrund der erkenntnisleitenden Frage werden die einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung gesetzt, um im Schlussteil zu einer Zusammenfassung und der Beantwortung der Forschungsfrage zusammengeführt zu werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität der Bundeswehr Hamburg

Fachbereich Geistes- und Sozialwissenschaften

Diplomarbeit

Globalisierung und Migration:

Der Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationaler

Migration unter besonderer Berücksichtigung der

Feminisierung der Migration.


eingereicht von: Daniel Lennartz

Abgabetermin:

28.08.2009


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

3

2 Ausgewählte Migrationstheorien

5

2.1 Neoklassisch 6

2.2 New Economics of Migration 8

2.3 Dualer Arbeitsmarkt 9

2.4 Die globale Perspektive 12

2.4.1 Systemisch 13

2.4.2 Netzwerke & transnationale Räume 22

2.4.3 Global City-Konzept 26

2.4.4 Zusammenfassung der globalen Perspektive 27

3 Die Globalisierung

28

3.1 Was ist Globalisierung 31

3.1.1 Wachsende soziale Ungleichheit im Zeichen der Globalisierung 34

3.1.2 Globalisierung der Migration 35

3.1.3 Kommunikation über Globalisierung 36

3.2 Der Globalisierungsdiskurs 37

3.3 Die ökonomische Dimension der Globalisierung als Bezugspunkt zur

internationalen Migration 43

3.4 Die Ursachen des globalen ökonomischen Strukturwandels 45

4 Der kausale Zusammenhang zwischen Globalisierung und Migration

53

4.1 Die Freisetzung von Arbeitskräften durch die Globalisierung 56

4.2 Der Bedarf nach freigesetzten, marginalisierten Arbeitskräften auf Grund der

Globalisierung 63

4.3 Die internationale Migration als Triebfeder der Globalisierung 70

4.4 Fallbeispiele 75

4.4.1 Mexiko 75

4.4.2 China 81

4.4.3 Brasilien 82

5 Die Feminisierung der Migration

84

5.1 Die Ausblendung der Frauenmigration in der Migrationsforschung 86

5.2 Begründung der These, dass die Migration feminisiert wird 88

5.3 Bedingungen der Frauenmigration 90

5.3.1 Der ökonomische Strukturwandel 91

5.3.2 Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen in den Aufnahmeländern 102

5.3.3 Beitrag der Migration zur ökonomischen Entwicklung 107

5.4 Der durch den Strukturwandel bedingte Bedarf nach Frauenarbeitskräften ... 113

5.4.1 Im informellen Sektor 114

5.4.2 Im formellen Sektor 119

6 Fazit

123

Literaturverzeichnis 127

Abbildungsverzeichnis 135

2


1 Einleitung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart beschäftigen

verschiedene gesellschaftliche Trends die Wissenschaft. Der demographische

Wandel, der Trend zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft, die Globali-

sierungsprozesse und die internationale Migration wurden unter dem Überbegriff des

Megatrends prominent.

Internationale Migration hat es seit der Geschichte der Menschheit gegeben, doch

das Ausmaß und die Muster der Migration sowie die Geschwindigkeit dieses Trends

verweisen auf ein Novum, das sich seit 1945 zu vollziehen scheint. In diesem

Zusammenhang ist es auffällig, dass die Globalisierungsprozesse parallel zu der

Ausweitung der internationalen Migration stattfinden, deren Charakter seit den

1960er Jahren zunehmend femininer wird. So ist in Bezug auf letzterem zu

beobachten, dass erstmals in der Migrationsgeschichte der Anteil der Frauen

signifikant ansteigt, sich dem Anteil der Männer angleicht und mancherorts sogar

übertrifft.

Die erkenntnisleitende Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist: Gibt es einen

systematischen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der Feminisierung

der internationalen Migration?

Weitere Fragen, die durch die oben benannte Fragestellung impliziert werden, sind:

· Welche Methoden und Theorien sind für diese Untersuchung geeignet?

· Was ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen und welche

Entwicklungen gehen damit einher?

· Wie stellt sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der

internationalen Migration anhand von nachvollziehbaren Daten dar?

· Wie ist in diesem Kontext die Feminisierung der Migration einzuordnen?

Die Strukturierung dieser Arbeit wird den zuvor benannten Fragen in der

vorgebrachten Reihenfolge Rechnung tragen und in jeweils einem eigenen Kapitel

behandelt werden. Vor dem Hintergrund der erkenntnisleitenden Frage werden die

einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung gesetzt, um im Schlussteil zu einer

Zusammenfassung und der Beantwortung der Forschungsfrage zusammengeführt zu

3


werden.

In

Kapitel 2

werden als erstes Migrationstheorien zur internationalen Migration

thematisiert, die zuweilen entgegengesetzte oder miteinander verschränkende

Argumente aufweisen. Die Untersuchung erfordert eine klare theoretische

Positionierung, die dazu befähigt globale Zusammenhänge zu beschreiben und zu

erklären. Der Prozess einer solchen Positionierung wird durch eine Bewertung der

Stärken und Schwächen vorliegender Theorien im Hinblick auf die Fragestellung

dargestellt.

Kapitel 3

macht die Globalisierung zum Gegenstand der wissenschaftlichen

Betrachtung. Die Globalisierung ist ein Begriff, der sehr weit gefasst und

unterschiedlich verwendet werden kann. Um den Zusammenhang zwischen der

internationalen Migration und der Globalisierung klar herausarbeiten zu können,

bedarf es also auch einer ebenso klaren Begriffsbestimmung. Der ebenfalls skizzierte

Diskurs über die Globalisierung wird hierbei deutlich machen, dass jeder Versuch

einer solchen Begriffsbestimmung nur in Bezug zur Fragestellung erfolgen kann.

Deshalb wird die Darstellung der Globalisierung als ein vornehmlich ökonomischer

Strukturwandel, der bereits im Charakter des kapitalistischen Weltwirtschaftssystem

angelegt ist, ein weiterer Beitrag im Diskurs bleiben und diesem sicher kein Ende

setzen - was allerdings auch nicht beabsichtigt ist.

Kapitel 4

knüpft am vorherigen an und legt den Zusammenhang zwischen der

Globalisierung und der internationalen Migration und den Bedingungen des

Zusammenhanges dar. Für die Struktur dieses Kapitels sind drei Thesen leitend, die

eingangs formuliert werden und in den Titeln den Abschnitte Ausdruck finden.

Daran anschließend wird dieser Zusammenhang an Fallbeispielen aus drei

Kontinenten veranschaulicht. Im Zuge dieses Abschnitts der Arbeit werden bereits

die Ursachen zu Tage gelegt, die zur zunehmenden Feminisierung der Migration

führen.

Kapitel 5

ordnet dann zuletzt die Feminisierung der Migration in den theoretischen

Kontext ein, der durch die vorangegangenen Kapitel dieser Arbeit konkretisiert

wurde. Es wird hierbei eingangs darauf eingegangen, dass die Frauen lange Zeit in

der Migrationsforschung ausgeblendet wurden und welche Entwicklungen dazu

4


beigetragen hatten, diesen Umstand zu revidieren. Darüber hinaus wird festgehalten,

was unter der Feminisierung genau zu verstehen ist und welche strukturellen

Bedingungen die Migration der Frauen beeinflussen. Dazu fällt unweigerlich auf,

dass Migrantinnen in den Aufnahmeländern in bestimmten ökonomischen Bereichen

konzentriert sind. Diese geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes

wird abschließend separat behandelt.

2 Ausgewählte Migrationstheorien

In diesem Kapitel wird die konzeptionelle Vorarbeit für die Beantwortung der

Fragestellung geleistet. Hierzu werden in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit

relevante Migrationstheorien vorgestellt. Von diesen Theorien werden wiederum

bestimmte Ansätze ausgewählt und diese zu einer globalen Perspektive vereint.

Grund dieser Vorgehensweise ist, eine Komposition aus Theorien zur Verfügung zu

haben, die für die Fragestellung fruchtbar zusammengefügt werden können, um so

auf der globalen Ebene Migration mit der Globalisierung in Verbindung zu bringen.

Die vorgestellten Theorien werden hierbei nicht erschöpfend mit Hinblick auf

Stärken und Schwächen untersucht und gegeneinander abgewogen, sondern es wird

sich darauf beschränkt, diese allein auf ihre Aussagekraft für die Fragestellung zu

bewerten.

Dabei thematisieren die

Abschnitte 2.1

bis

2.3

nacheinander die Neoklassische

Theorie, die New Economics of Migration und die Theorie des Dualen

Arbeitsmarktes. Diesen fehlt es zwar an einem globalen Zugang, jedoch können sie

erstens die globale Perspektive fallweise nützlich ergänzen und zweitens betonen sie

gemeinsam den ökonomischen Aspekt der Migration, der auch hervorgehoben

werden muss, wenn man den Zusammenhang der Globalisierung mit der Migration

in den Vordergrund stellen will.

Abschnitt 2.4

stellt schließlich die globale Perspektive vor, mit der das benannte

Thema erschlossen werden wird. Das Fundament dieser Perspektive bildet Abschnitt

2.4.1 mit der Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins, bereichert durch die

Beiträge von Portes & Walton sowie Robin Cohen.

An diese Theorie von Wallerstein anlehnend werden in Abschnitt 2.4.2 die

Untersuchungen und Beiträge zur Transnationalismusforschung und den

5


Migrationsnetzwerken hinzugezogen.

Die globale Perspektive wird schließlich abgerundet durch das Global City-Konzept

Saskia Sassens, das es möglich macht, die Prozesse der Globalisierung und ihren

Zusammenhang mit der Migration an einen Ort verdichtet darzustellen. Dies wird

vor allem in Bezug auf die Feminisierung der Migration notwendig, weil im Diskurs

über die Globalisierung der Mensch leicht in den Hintergrund gerückt wird.

2.1 Neoklassisch

George J. Borjas kritisiert die Migrationsforschung, wenn diese die Unterscheidung

zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer Migration vornimmt. In seinem

Modell betont er hingegen, dass auch die sogenannte nicht-ökonomische Migration

wie Flucht im Rahmen der Gewinnmaximierungsthese vollkommen ökonomisch

verstanden werden kann, indem er diverse Gleichungen herleitet, welche die

Variablen wie Einkommen, soziales Kapital, Störfaktoren und andere

berücksichtigen. Dieser hier knapp vorzustellende Ansatz wird in der Literatur als

neoklassisch bezeichnet.1

Die Neoklassische Ökonomie mit Borjas als ihren bekanntesten Vertreter gehört zu

den ältesten Theorien über die internationale Migration. Borjas geht davon aus, dass

Unterschiede in der Immigrationspolitik und die wirtschaftlichen Bedingungen einen

Immigrationsmarkt schaffen, auf dem die Aufnahmeländer miteinander um die

verfügbaren Immigranten konkurrieren. Eine der Besonderheiten dieser

neoklassischen Ökonomie ist, dass sie zur Erklärung der Migration diese sowohl

makrosoziologisch als auch mikrosoziologisch betrachtet.2

Auf der Makroebene wird Migration auf Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften

zurückgeführt, die zu Lohnunterschieden zwischen verschiedenen Regionen führen.

Je größer das Angebot der Arbeitskräfte, desto niedriger ist der für die Arbeitskraft

bezahlte Lohn. Die Wanderung der Arbeitskräfte versucht diese Lohndifferenz

auszugleichen, indem benötigte Arbeitskräfte in die Regionen ziehen, in denen ihre

Arbeit benötigt wird und zugleich den Wettbewerbsdruck in der Herkunftsregion

vermieden werden kann.

1 Vgl. Borjas (1988: 22-27).

2 Vgl. Borjas (1988: 19).

6


Mikrosoziologisch liegt diesem Konzept ein ökonomisches Menschenbild zu

Grunde: Der ,,homo oeconomicus" ist allein an Gewinnmaximierung orientiert und

entscheidet sich entweder für oder gegen die Migration als Ergebnis einer rationalen

Abwägung. Dennoch wandern nicht alle Menschen, die gemäß einer Kosten-/

Nutzenanalyse wandern müssten. Dies ist dem Bestehen eines Immigrationsmarktes

geschuldet, dessen Angebot und Nachfrage durch nationalstaatliche Politik und den

wirtschaftlichen Bedingungen beeinflusst werden.3

,,Nachdem ein Individuum auf dem Immigrantenmarkt verfügbar ist, entscheidet er

sich für sein Aufnahmeland auf eine solche Weise wie sich auch eine dem

Arbeitsmarkt verfügbare Arbeitskraft für eine bestimmte Anstellung entscheidet."4

Neben dem Hauptfaktor Lohnunterschied kommen aus Sicht der potentiellen

Migranten weitere Faktoren wie Eigenkapital, Bildung, Beruf, soziale Beziehungen

und möglicherweise auch politischer und religiöser Hintergrund hinzu. Dahingegen

spielen aus Sicht des Ziellandes das realisierbare Einkommen und die von der

Regierung verfolgte Immigrationspolitik eine Rolle.5

Die Bedeutung der Kosten-Nutzen-Kalkulation wird anhand ihrer Rolle für die

Einwanderungspolitik westlicher Industrieländer deutlich. Im Fall der Vereinigten

Staaten empfiehlt George J. Borjas im Zuge seiner Auseinandersetzung 1999 mit der

Immigrationspolitik in ,,Heaven′s Door - Immigration Policy and the America

Economy" einen ökonomisch ausgerichteten Ansatz. Bei diesem sollten

ausschließlich

qualifizierte

Arbeitskräfte

bevorzugt

und

die

jährliche

Immigrantenzahl auf 500.000 reduziert werden, was als vertretbar beurteilt wurde.

Zu dieser Empfehlung gelangte Borjas mit Hilfe der von ihm festgestellten zehn

hauptsächlichen Merkmale der Immigration: 6

1. Nach der "Great Migration" und der darauffolgenden Beschränkung der

Einwanderung stieg die Einwanderungszahl seit Ende der 30er des letzten

Jahrhunderts in einer solchen Qualität an, dass man von einer "Second Great

Migration" sprechen kann.

2. Die berufliche Qualifikation der Immigranten wird im Vergleich zu den

Einheimischen jährlich schlechter.

3 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 332-333).

4 Borjas (1988: 19).

5 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333).

6 Vgl. Han (2006: 195-209).

7


3. Immigranten haben ein signifikant geringeres Einkommen.

4. Auf Grund der Aufhebung einer nationalen Quotenregelung ist es unter den

Immigranten zu einer gravierenden Verschiebung der ethnischen Komposition

gekommen.

5. Die Mehrheit der Immigranten massiert sich in bestimmten Regionen.

6. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Immigration und Bezug von

Leistungen des Wohlfahrtstaates.

7. Hauptsächlich ist es die Wirtschaft, die von Immigration profitieren kann,

während niedrigqualifizierte Einheimische zu den Verlierern zuzuordnen sind.

8. Die Lohndifferenz der Immigranten zu den Einheimischen wird tradiert.

9. Die ethnische Umgebung beeinflusst die Fähigkeiten der nachfolgenden

Generation der Immigranten.

10. Immigranten sind räumlich konzentriert und segregiert.

Es zeigt sich hierbei eindeutig, dass die für den Hauptvertreter der Neoklassischen

Theorie die wirtschaftlichen Aspekte der Migration sind.

2.2 New Economics of Migration

Oded Starks Migrationstheorie beruht auf drei Prämissen. Erstens wendet er den

zentralen Blickpunkt von der individuellen Abhängigkeit auf die gegenseitige

Abhängigkeit von Personen, die das Migrationsverhalten beeinflussen. Zweitens

stellt er sich gegen die neoklassische Behauptung, dass die Lohnungleichheit

ausschlaggebender Hauptauslöser der Migration sei und führt die Einkommens-

unsicherheit und die relative Verarmung als weitere Faktoren hinzu und verweist

drittens darauf, dass viele Migrationserscheinungen nicht aufgetreten wären, wenn es

einen intakten Finanz- und Kapitalmarkt gegeben hätte.7

So ist das Konzept der New Economics of Migration von Oded Stark eine

mikroökonomische Theorie zur Erklärung von Migration, die den Fokus auf die

Familie als entscheidende Ebene der Migrationsentscheidung setzt. Die eigentliche

Absicht der Migration ist es demnach den ländlichen Haushalt zu transformieren.

Letzteres ist nämlich mit Schwierigkeiten verbunden, die durch eine Migration

7 Vgl. Stark (1991: 3-4).

8


einzelner Familienmitglieder zu überwinden versucht wird. Jene Schwierigkeiten

sind zum Einen fehlendes Kapital, das auf Grund eines unzureichend

funktionierenden Kapitalmarktes nicht zu erlangen ist, und zum Anderen weitere, mit

der Transformation verbundende, wirtschaftliche Risiken. Die Migration kommt in

diesem

Kontext

einer

Investition

gleich,

die

durch

die

Rimessen

(Geldrücküberweisungen von MigrantInnen) die notwendige Rendite verspricht, um

die Transformation im Entsendeland umzusetzen.8

Nach dieser Theorie werden letztlich die Migrationsentscheidungen gemeinsam

zwischen dem Migranten und den Nichtmigranten der Familie getroffen. Sowohl die

Kosten, wie auch die aus der Migration entstehenden Gewinne werden geteilt.

Bezüglich der Rimessen liegt es nach Oded Stark nahe, dass diese eher als

zwischenzeitliche Vereinbarung zwischen Familie und Migrant anstelle eines

altruistischen Akts angesehen werden sollten.9

Neben einer Investition ist die Migration auch eine Risikostreuung bzw.

-verminderung, da der ländliche Haushalt weiterhin mit den Risiken im Entsendeland

konfrontiert ist und die Migration eines Familienmitgliedes die fehlende Absicherung

eines nicht vorhandenen Versicherungsmarktes kompensieren kann.

Neben der Transformation des Haushaltes als eigentlichen Auslöser der Migration

kommt die relative Verarmung als ein weiterer Auslöser hinzu. Relativ verarmt ist

jemand, der im Vergleich zu einer nahen Referenzgruppe sich selbst in einer

schlechteren ökonomischen Lage sieht und die Perspektive hat, jene durch Migration

zu verbessern. So kann erklärt werden, dass die Migration nicht in den ärmsten

Regionen am höchsten ist, sondern in denen die Ungleichheit zur Referenzgruppe am

höchsten ist.10

2.3 Dualer Arbeitsmarkt

Unter Berücksichtigung der zwei zuvor vorgestellten Theorien zur Erklärung der

Migration, welche von einem Individuum bzw. der Familie ausgehen, für welche die

Migrationsentscheidung eine Chance zur Einkommenserhöhung, Risiko-

verminderung und Zugang zu Kapital darstellt, zeigt sich mit Blick auf Industrie-

8 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333-334).

9 Vgl. Stark (1991: 25).

10 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

9


länder mit hoher struktureller Arbeitslosigkeit wie Italien oder Griechenland der

Widerspruch, dass dort dennoch Menschen auf der Suche nach Arbeit emigrieren,

obwohl dem ,,homo oeconomicus" unterstellt wird, dass er rational und ökonomisch

handele.

Michael J. Piore stellt den rational handelnden und nach Gewinn orientierten ,,homo

oeconomicus" nicht zur Diskussion, sondern richtet seinen Blick auf den

Arbeitsmarkt, in dem er die Erklärung für das scheinbar paradoxe Phänomen sucht.

Jener Arbeitsmarkt ist in Industriestaaten in ein primäres und ein sekundäres

Segment unterteilt. Während im primären Segment die mittel- bis hochqualifizierten

Arbeitskräfte zu finden sind, herrschen im sekundären Segment Niedriglohnarbeit

mit verhältnismäßig schlechteren Arbeitsbedingungen, höherer Unsicherheit und

einem insgesamt damit einhergehenden geringeren Sozialprestige vor.11

Auf Grund der beschriebenen Charakteristika der Arbeit im sekundären Segment ist

jener für die einheimischen Arbeitskräfte höchst unattraktiv abzuwenden, weil die

Arbeit in diesem Segment ein ,,Gesichtsverlust" ist, den man zu vermeiden sucht.

Dadurch entsteht jedoch ein Mangel an Arbeitskräften in diesem Bereich des

Arbeitsmarktes. Davon betroffen sind vor allem Dienstleistungen, worauf

Unternehmen Arbeitskräfte zu rekrutieren angewiesen sind, denen das Sozialprestige

auf dem Arbeitsmarkt einerlei ist.12 Es zeigt sich, dass es die Unternehmer und

offizielle Behörden sind, welche die Migration initiieren bzw. ursprünglich initiiert

hatten bis der Migrationsstrom auf Grund eines gewaltigen Informationsflusses

zwischen Migranten und zurückgebliebenen Familienmitgliedern selbsterhaltend

geworden war (siehe Migrationsnetzwerke in Abschnitt 2.4.2).

Dies steht im Gegensatz zur Neoklassischen Ökonomie, welche den Lohnunterschied

als Ursache für die Migration annimmt. Eine initiierte Migration entsprechend der

Theorie des dualen Arbeitsmarktes kann geschichtlich anhand der Gastarbeiter-

rekrutierungen Deutschlands und Frankreichs in der Nachkriegsgeschichte

beobachtet werden.13

,,Die Migranten [hingegen] sind aufgrund ihrer unsicheren Situation auf dem

Arbeitsmarkt generell und stärker auf den sekundären Sektor der Wirtschaft

angewiesen. [...] Dabei konzentrieren sich die unsicheren Jobs (the unsecured jobs)

11 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

12 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

13 Vgl. Piore (1979: 19).

10



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