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Subtitle: Unter besonderer Berücksichtigung der Feminisierung der Migration
Diploma Thesis, 2009, 136 Pages
Author: Daniel Lennartz
Subject: Sociology - Work, Profession, Education, Organisation
Details
Tags: Migration, internationale Migration, globale Migration, Geschlechterrollen, Globalisierung, Fordismus, Postfordismus, Migrationstheorien, Weltsystemanalyse, Global City, Neoklassisch, Dualer Arbeitsmarkt, Migrationsnetzwerke, transnationale Räume, Saskia Sassen, Immanuel Wallerstein, Globalisierungsdiskurs, Globalisierung der Migration, Strukturwandel, Arbeitskräfte, Mexiko, China, Brasilien, Frauenmigration, Feminisierung, informeller Sektor, formeller Sektor, Patriarchalismus, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen
Year: 2009
Pages: 136
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-46538-5
ISBN (Book): 978-3-640-46246-9
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Abstract
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart beschäftigen verschiedene gesellschaftliche Trends die Wissenschaft. Der demographische Wandel, der Trend zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft, die Globalisierungsprozesse und die internationale Migration wurden unter dem Überbegriff des Megatrends prominent. Internationale Migration hat es seit der Geschichte der Menschheit gegeben, doch das Ausmaß und die Muster der Migration sowie die Geschwindigkeit dieses Trends verweisen auf ein Novum, das sich seit 1945 zu vollziehen scheint. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass die Globalisierungsprozesse parallel zu der Ausweitung der internationalen Migration stattfinden, deren Charakter seit den 1960er Jahren zunehmend femininer wird. So ist in Bezug auf letzterem zu beobachten, dass erstmals in der Migrationsgeschichte der Anteil der Frauen signifikant ansteigt, sich dem Anteil der Männer angleicht und mancherorts sogar übertrifft. Die erkenntnisleitende Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist: Gibt es einen systematischen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der Feminisierung der internationalen Migration? Weitere Fragen, die durch die oben benannte Fragestellung impliziert werden, sind: • Welche Methoden und Theorien sind für diese Untersuchung geeignet? • Was ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen und welche Entwicklungen gehen damit einher? • Wie stellt sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der internationalen Migration anhand von nachvollziehbaren Daten dar? • Wie ist in diesem Kontext die Feminisierung der Migration einzuordnen? Die Strukturierung dieser Arbeit wird den zuvor benannten Fragen in der vorgebrachten Reihenfolge Rechnung tragen und in jeweils einem eigenen Kapitel behandelt werden. Vor dem Hintergrund der erkenntnisleitenden Frage werden die einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung gesetzt, um im Schlussteil zu einer Zusammenfassung und der Beantwortung der Forschungsfrage zusammengeführt zu werden.
Excerpt (computer-generated)
Universität der Bundeswehr Hamburg
Fachbereich Geistes- und Sozialwissenschaften
Diplomarbeit
Globalisierung und Migration:
Der Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationaler
Migration unter besonderer Berücksichtigung der
Feminisierung der Migration.
eingereicht von: Daniel Lennartz
Abgabetermin:
28.08.2009
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
3
2 Ausgewählte Migrationstheorien
5
2.1 Neoklassisch 6
2.2 New Economics of Migration 8
2.3 Dualer Arbeitsmarkt 9
2.4 Die globale Perspektive 12
2.4.1 Systemisch 13
2.4.2 Netzwerke & transnationale Räume 22
2.4.3 Global City-Konzept 26
2.4.4 Zusammenfassung der globalen Perspektive 27
3 Die Globalisierung
28
3.1 Was ist Globalisierung 31
3.1.1 Wachsende soziale Ungleichheit im Zeichen der Globalisierung 34
3.1.2 Globalisierung der Migration 35
3.1.3 Kommunikation über Globalisierung 36
3.2 Der Globalisierungsdiskurs 37
3.3 Die ökonomische Dimension der Globalisierung als Bezugspunkt zur
internationalen Migration 43
3.4 Die Ursachen des globalen ökonomischen Strukturwandels 45
4 Der kausale Zusammenhang zwischen Globalisierung und Migration
53
4.1 Die Freisetzung von Arbeitskräften durch die Globalisierung 56
4.2 Der Bedarf nach freigesetzten, marginalisierten Arbeitskräften auf Grund der
Globalisierung 63
4.3 Die internationale Migration als Triebfeder der Globalisierung 70
4.4 Fallbeispiele 75
4.4.1 Mexiko 75
4.4.2 China 81
4.4.3 Brasilien 82
5 Die Feminisierung der Migration
84
5.1 Die Ausblendung der Frauenmigration in der Migrationsforschung 86
5.2 Begründung der These, dass die Migration feminisiert wird 88
5.3 Bedingungen der Frauenmigration 90
5.3.1 Der ökonomische Strukturwandel 91
5.3.2 Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen in den Aufnahmeländern 102
5.3.3 Beitrag der Migration zur ökonomischen Entwicklung 107
5.4 Der durch den Strukturwandel bedingte Bedarf nach Frauenarbeitskräften ... 113
5.4.1 Im informellen Sektor 114
5.4.2 Im formellen Sektor 119
6 Fazit
123
Literaturverzeichnis 127
Abbildungsverzeichnis 135
2
1 Einleitung
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart beschäftigen
verschiedene gesellschaftliche Trends die Wissenschaft. Der demographische
Wandel, der Trend zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft, die Globali-
sierungsprozesse und die internationale Migration wurden unter dem Überbegriff des
Megatrends prominent.
Internationale Migration hat es seit der Geschichte der Menschheit gegeben, doch
das Ausmaß und die Muster der Migration sowie die Geschwindigkeit dieses Trends
verweisen auf ein Novum, das sich seit 1945 zu vollziehen scheint. In diesem
Zusammenhang ist es auffällig, dass die Globalisierungsprozesse parallel zu der
Ausweitung der internationalen Migration stattfinden, deren Charakter seit den
1960er Jahren zunehmend femininer wird. So ist in Bezug auf letzterem zu
beobachten, dass erstmals in der Migrationsgeschichte der Anteil der Frauen
signifikant ansteigt, sich dem Anteil der Männer angleicht und mancherorts sogar
übertrifft.
Die erkenntnisleitende Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist: Gibt es einen
systematischen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der Feminisierung
der internationalen Migration?
Weitere Fragen, die durch die oben benannte Fragestellung impliziert werden, sind:
· Welche Methoden und Theorien sind für diese Untersuchung geeignet?
· Was ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen und welche
Entwicklungen gehen damit einher?
· Wie stellt sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der
internationalen Migration anhand von nachvollziehbaren Daten dar?
· Wie ist in diesem Kontext die Feminisierung der Migration einzuordnen?
Die Strukturierung dieser Arbeit wird den zuvor benannten Fragen in der
vorgebrachten Reihenfolge Rechnung tragen und in jeweils einem eigenen Kapitel
behandelt werden. Vor dem Hintergrund der erkenntnisleitenden Frage werden die
einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung gesetzt, um im Schlussteil zu einer
Zusammenfassung und der Beantwortung der Forschungsfrage zusammengeführt zu
3
werden.
In
Kapitel 2
werden als erstes Migrationstheorien zur internationalen Migration
thematisiert, die zuweilen entgegengesetzte oder miteinander verschränkende
Argumente aufweisen. Die Untersuchung erfordert eine klare theoretische
Positionierung, die dazu befähigt globale Zusammenhänge zu beschreiben und zu
erklären. Der Prozess einer solchen Positionierung wird durch eine Bewertung der
Stärken und Schwächen vorliegender Theorien im Hinblick auf die Fragestellung
dargestellt.
Kapitel 3
macht die Globalisierung zum Gegenstand der wissenschaftlichen
Betrachtung. Die Globalisierung ist ein Begriff, der sehr weit gefasst und
unterschiedlich verwendet werden kann. Um den Zusammenhang zwischen der
internationalen Migration und der Globalisierung klar herausarbeiten zu können,
bedarf es also auch einer ebenso klaren Begriffsbestimmung. Der ebenfalls skizzierte
Diskurs über die Globalisierung wird hierbei deutlich machen, dass jeder Versuch
einer solchen Begriffsbestimmung nur in Bezug zur Fragestellung erfolgen kann.
Deshalb wird die Darstellung der Globalisierung als ein vornehmlich ökonomischer
Strukturwandel, der bereits im Charakter des kapitalistischen Weltwirtschaftssystem
angelegt ist, ein weiterer Beitrag im Diskurs bleiben und diesem sicher kein Ende
setzen - was allerdings auch nicht beabsichtigt ist.
Kapitel 4
knüpft am vorherigen an und legt den Zusammenhang zwischen der
Globalisierung und der internationalen Migration und den Bedingungen des
Zusammenhanges dar. Für die Struktur dieses Kapitels sind drei Thesen leitend, die
eingangs formuliert werden und in den Titeln den Abschnitte Ausdruck finden.
Daran anschließend wird dieser Zusammenhang an Fallbeispielen aus drei
Kontinenten veranschaulicht. Im Zuge dieses Abschnitts der Arbeit werden bereits
die Ursachen zu Tage gelegt, die zur zunehmenden Feminisierung der Migration
führen.
Kapitel 5
ordnet dann zuletzt die Feminisierung der Migration in den theoretischen
Kontext ein, der durch die vorangegangenen Kapitel dieser Arbeit konkretisiert
wurde. Es wird hierbei eingangs darauf eingegangen, dass die Frauen lange Zeit in
der Migrationsforschung ausgeblendet wurden und welche Entwicklungen dazu
4
beigetragen hatten, diesen Umstand zu revidieren. Darüber hinaus wird festgehalten,
was unter der Feminisierung genau zu verstehen ist und welche strukturellen
Bedingungen die Migration der Frauen beeinflussen. Dazu fällt unweigerlich auf,
dass Migrantinnen in den Aufnahmeländern in bestimmten ökonomischen Bereichen
konzentriert sind. Diese geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes
wird abschließend separat behandelt.
2 Ausgewählte Migrationstheorien
In diesem Kapitel wird die konzeptionelle Vorarbeit für die Beantwortung der
Fragestellung geleistet. Hierzu werden in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit
relevante Migrationstheorien vorgestellt. Von diesen Theorien werden wiederum
bestimmte Ansätze ausgewählt und diese zu einer globalen Perspektive vereint.
Grund dieser Vorgehensweise ist, eine Komposition aus Theorien zur Verfügung zu
haben, die für die Fragestellung fruchtbar zusammengefügt werden können, um so
auf der globalen Ebene Migration mit der Globalisierung in Verbindung zu bringen.
Die vorgestellten Theorien werden hierbei nicht erschöpfend mit Hinblick auf
Stärken und Schwächen untersucht und gegeneinander abgewogen, sondern es wird
sich darauf beschränkt, diese allein auf ihre Aussagekraft für die Fragestellung zu
bewerten.
Dabei thematisieren die
Abschnitte 2.1
bis
2.3
nacheinander die Neoklassische
Theorie, die New Economics of Migration und die Theorie des Dualen
Arbeitsmarktes. Diesen fehlt es zwar an einem globalen Zugang, jedoch können sie
erstens die globale Perspektive fallweise nützlich ergänzen und zweitens betonen sie
gemeinsam den ökonomischen Aspekt der Migration, der auch hervorgehoben
werden muss, wenn man den Zusammenhang der Globalisierung mit der Migration
in den Vordergrund stellen will.
Abschnitt 2.4
stellt schließlich die globale Perspektive vor, mit der das benannte
Thema erschlossen werden wird. Das Fundament dieser Perspektive bildet Abschnitt
2.4.1 mit der Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins, bereichert durch die
Beiträge von Portes & Walton sowie Robin Cohen.
An diese Theorie von Wallerstein anlehnend werden in Abschnitt 2.4.2 die
Untersuchungen und Beiträge zur Transnationalismusforschung und den
5
Migrationsnetzwerken hinzugezogen.
Die globale Perspektive wird schließlich abgerundet durch das Global City-Konzept
Saskia Sassens, das es möglich macht, die Prozesse der Globalisierung und ihren
Zusammenhang mit der Migration an einen Ort verdichtet darzustellen. Dies wird
vor allem in Bezug auf die Feminisierung der Migration notwendig, weil im Diskurs
über die Globalisierung der Mensch leicht in den Hintergrund gerückt wird.
2.1 Neoklassisch
George J. Borjas kritisiert die Migrationsforschung, wenn diese die Unterscheidung
zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer Migration vornimmt. In seinem
Modell betont er hingegen, dass auch die sogenannte nicht-ökonomische Migration
wie Flucht im Rahmen der Gewinnmaximierungsthese vollkommen ökonomisch
verstanden werden kann, indem er diverse Gleichungen herleitet, welche die
Variablen wie Einkommen, soziales Kapital, Störfaktoren und andere
berücksichtigen. Dieser hier knapp vorzustellende Ansatz wird in der Literatur als
neoklassisch bezeichnet.1
Die Neoklassische Ökonomie mit Borjas als ihren bekanntesten Vertreter gehört zu
den ältesten Theorien über die internationale Migration. Borjas geht davon aus, dass
Unterschiede in der Immigrationspolitik und die wirtschaftlichen Bedingungen einen
Immigrationsmarkt schaffen, auf dem die Aufnahmeländer miteinander um die
verfügbaren Immigranten konkurrieren. Eine der Besonderheiten dieser
neoklassischen Ökonomie ist, dass sie zur Erklärung der Migration diese sowohl
makrosoziologisch als auch mikrosoziologisch betrachtet.2
Auf der Makroebene wird Migration auf Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften
zurückgeführt, die zu Lohnunterschieden zwischen verschiedenen Regionen führen.
Je größer das Angebot der Arbeitskräfte, desto niedriger ist der für die Arbeitskraft
bezahlte Lohn. Die Wanderung der Arbeitskräfte versucht diese Lohndifferenz
auszugleichen, indem benötigte Arbeitskräfte in die Regionen ziehen, in denen ihre
Arbeit benötigt wird und zugleich den Wettbewerbsdruck in der Herkunftsregion
vermieden werden kann.
1 Vgl. Borjas (1988: 22-27).
2 Vgl. Borjas (1988: 19).
6
Mikrosoziologisch liegt diesem Konzept ein ökonomisches Menschenbild zu
Grunde: Der ,,homo oeconomicus" ist allein an Gewinnmaximierung orientiert und
entscheidet sich entweder für oder gegen die Migration als Ergebnis einer rationalen
Abwägung. Dennoch wandern nicht alle Menschen, die gemäß einer Kosten-/
Nutzenanalyse wandern müssten. Dies ist dem Bestehen eines Immigrationsmarktes
geschuldet, dessen Angebot und Nachfrage durch nationalstaatliche Politik und den
wirtschaftlichen Bedingungen beeinflusst werden.3
,,Nachdem ein Individuum auf dem Immigrantenmarkt verfügbar ist, entscheidet er
sich für sein Aufnahmeland auf eine solche Weise wie sich auch eine dem
Arbeitsmarkt verfügbare Arbeitskraft für eine bestimmte Anstellung entscheidet."4
Neben dem Hauptfaktor Lohnunterschied kommen aus Sicht der potentiellen
Migranten weitere Faktoren wie Eigenkapital, Bildung, Beruf, soziale Beziehungen
und möglicherweise auch politischer und religiöser Hintergrund hinzu. Dahingegen
spielen aus Sicht des Ziellandes das realisierbare Einkommen und die von der
Regierung verfolgte Immigrationspolitik eine Rolle.5
Die Bedeutung der Kosten-Nutzen-Kalkulation wird anhand ihrer Rolle für die
Einwanderungspolitik westlicher Industrieländer deutlich. Im Fall der Vereinigten
Staaten empfiehlt George J. Borjas im Zuge seiner Auseinandersetzung 1999 mit der
Immigrationspolitik in ,,Heaven′s Door - Immigration Policy and the America
Economy" einen ökonomisch ausgerichteten Ansatz. Bei diesem sollten
ausschließlich
qualifizierte
Arbeitskräfte
bevorzugt
und
die
jährliche
Immigrantenzahl auf 500.000 reduziert werden, was als vertretbar beurteilt wurde.
Zu dieser Empfehlung gelangte Borjas mit Hilfe der von ihm festgestellten zehn
hauptsächlichen Merkmale der Immigration: 6
1. Nach der "Great Migration" und der darauffolgenden Beschränkung der
Einwanderung stieg die Einwanderungszahl seit Ende der 30er des letzten
Jahrhunderts in einer solchen Qualität an, dass man von einer "Second Great
Migration" sprechen kann.
2. Die berufliche Qualifikation der Immigranten wird im Vergleich zu den
Einheimischen jährlich schlechter.
3 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 332-333).
4 Borjas (1988: 19).
5 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333).
6 Vgl. Han (2006: 195-209).
7
3. Immigranten haben ein signifikant geringeres Einkommen.
4. Auf Grund der Aufhebung einer nationalen Quotenregelung ist es unter den
Immigranten zu einer gravierenden Verschiebung der ethnischen Komposition
gekommen.
5. Die Mehrheit der Immigranten massiert sich in bestimmten Regionen.
6. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Immigration und Bezug von
Leistungen des Wohlfahrtstaates.
7. Hauptsächlich ist es die Wirtschaft, die von Immigration profitieren kann,
während niedrigqualifizierte Einheimische zu den Verlierern zuzuordnen sind.
8. Die Lohndifferenz der Immigranten zu den Einheimischen wird tradiert.
9. Die ethnische Umgebung beeinflusst die Fähigkeiten der nachfolgenden
Generation der Immigranten.
10. Immigranten sind räumlich konzentriert und segregiert.
Es zeigt sich hierbei eindeutig, dass die für den Hauptvertreter der Neoklassischen
Theorie die wirtschaftlichen Aspekte der Migration sind.
2.2 New Economics of Migration
Oded Starks Migrationstheorie beruht auf drei Prämissen. Erstens wendet er den
zentralen Blickpunkt von der individuellen Abhängigkeit auf die gegenseitige
Abhängigkeit von Personen, die das Migrationsverhalten beeinflussen. Zweitens
stellt er sich gegen die neoklassische Behauptung, dass die Lohnungleichheit
ausschlaggebender Hauptauslöser der Migration sei und führt die Einkommens-
unsicherheit und die relative Verarmung als weitere Faktoren hinzu und verweist
drittens darauf, dass viele Migrationserscheinungen nicht aufgetreten wären, wenn es
einen intakten Finanz- und Kapitalmarkt gegeben hätte.7
So ist das Konzept der New Economics of Migration von Oded Stark eine
mikroökonomische Theorie zur Erklärung von Migration, die den Fokus auf die
Familie als entscheidende Ebene der Migrationsentscheidung setzt. Die eigentliche
Absicht der Migration ist es demnach den ländlichen Haushalt zu transformieren.
Letzteres ist nämlich mit Schwierigkeiten verbunden, die durch eine Migration
7 Vgl. Stark (1991: 3-4).
8
einzelner Familienmitglieder zu überwinden versucht wird. Jene Schwierigkeiten
sind zum Einen fehlendes Kapital, das auf Grund eines unzureichend
funktionierenden Kapitalmarktes nicht zu erlangen ist, und zum Anderen weitere, mit
der Transformation verbundende, wirtschaftliche Risiken. Die Migration kommt in
diesem
Kontext
einer
Investition
gleich,
die
durch
die
Rimessen
(Geldrücküberweisungen von MigrantInnen) die notwendige Rendite verspricht, um
die Transformation im Entsendeland umzusetzen.8
Nach dieser Theorie werden letztlich die Migrationsentscheidungen gemeinsam
zwischen dem Migranten und den Nichtmigranten der Familie getroffen. Sowohl die
Kosten, wie auch die aus der Migration entstehenden Gewinne werden geteilt.
Bezüglich der Rimessen liegt es nach Oded Stark nahe, dass diese eher als
zwischenzeitliche Vereinbarung zwischen Familie und Migrant anstelle eines
altruistischen Akts angesehen werden sollten.9
Neben einer Investition ist die Migration auch eine Risikostreuung bzw.
-verminderung, da der ländliche Haushalt weiterhin mit den Risiken im Entsendeland
konfrontiert ist und die Migration eines Familienmitgliedes die fehlende Absicherung
eines nicht vorhandenen Versicherungsmarktes kompensieren kann.
Neben der Transformation des Haushaltes als eigentlichen Auslöser der Migration
kommt die relative Verarmung als ein weiterer Auslöser hinzu. Relativ verarmt ist
jemand, der im Vergleich zu einer nahen Referenzgruppe sich selbst in einer
schlechteren ökonomischen Lage sieht und die Perspektive hat, jene durch Migration
zu verbessern. So kann erklärt werden, dass die Migration nicht in den ärmsten
Regionen am höchsten ist, sondern in denen die Ungleichheit zur Referenzgruppe am
höchsten ist.10
2.3 Dualer Arbeitsmarkt
Unter Berücksichtigung der zwei zuvor vorgestellten Theorien zur Erklärung der
Migration, welche von einem Individuum bzw. der Familie ausgehen, für welche die
Migrationsentscheidung eine Chance zur Einkommenserhöhung, Risiko-
verminderung und Zugang zu Kapital darstellt, zeigt sich mit Blick auf Industrie-
8 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333-334).
9 Vgl. Stark (1991: 25).
10 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).
9
länder mit hoher struktureller Arbeitslosigkeit wie Italien oder Griechenland der
Widerspruch, dass dort dennoch Menschen auf der Suche nach Arbeit emigrieren,
obwohl dem ,,homo oeconomicus" unterstellt wird, dass er rational und ökonomisch
handele.
Michael J. Piore stellt den rational handelnden und nach Gewinn orientierten ,,homo
oeconomicus" nicht zur Diskussion, sondern richtet seinen Blick auf den
Arbeitsmarkt, in dem er die Erklärung für das scheinbar paradoxe Phänomen sucht.
Jener Arbeitsmarkt ist in Industriestaaten in ein primäres und ein sekundäres
Segment unterteilt. Während im primären Segment die mittel- bis hochqualifizierten
Arbeitskräfte zu finden sind, herrschen im sekundären Segment Niedriglohnarbeit
mit verhältnismäßig schlechteren Arbeitsbedingungen, höherer Unsicherheit und
einem insgesamt damit einhergehenden geringeren Sozialprestige vor.11
Auf Grund der beschriebenen Charakteristika der Arbeit im sekundären Segment ist
jener für die einheimischen Arbeitskräfte höchst unattraktiv abzuwenden, weil die
Arbeit in diesem Segment ein ,,Gesichtsverlust" ist, den man zu vermeiden sucht.
Dadurch entsteht jedoch ein Mangel an Arbeitskräften in diesem Bereich des
Arbeitsmarktes. Davon betroffen sind vor allem Dienstleistungen, worauf
Unternehmen Arbeitskräfte zu rekrutieren angewiesen sind, denen das Sozialprestige
auf dem Arbeitsmarkt einerlei ist.12 Es zeigt sich, dass es die Unternehmer und
offizielle Behörden sind, welche die Migration initiieren bzw. ursprünglich initiiert
hatten bis der Migrationsstrom auf Grund eines gewaltigen Informationsflusses
zwischen Migranten und zurückgebliebenen Familienmitgliedern selbsterhaltend
geworden war (siehe Migrationsnetzwerke in Abschnitt 2.4.2).
Dies steht im Gegensatz zur Neoklassischen Ökonomie, welche den Lohnunterschied
als Ursache für die Migration annimmt. Eine initiierte Migration entsprechend der
Theorie des dualen Arbeitsmarktes kann geschichtlich anhand der Gastarbeiter-
rekrutierungen Deutschlands und Frankreichs in der Nachkriegsgeschichte
beobachtet werden.13
,,Die Migranten [hingegen] sind aufgrund ihrer unsicheren Situation auf dem
Arbeitsmarkt generell und stärker auf den sekundären Sektor der Wirtschaft
angewiesen. [...] Dabei konzentrieren sich die unsicheren Jobs (the unsecured jobs)
11 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).
12 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).
13 Vgl. Piore (1979: 19).
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