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Imagination und ihre Macht - Shakespeares Macbeth als eine frühe Form der psychologischen Beschreibung

Examination Thesis, 2003, 98 Pages
Author: Oliver Kast
Subject: English Language and Literature Studies - Literature

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2003
Pages: 98
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V13868
ISBN (E-book): 978-3-638-19403-7
ISBN (Book): 978-3-638-69879-5
File size: 369 KB
Notes :
Diese Arbeit befaßt sich mit einer psychologischen Innenschau Macbeths auf dem Hintergrund des in der elisabethanischen Zeit neu aufgekommenen Individualismus


Abstract

Die ‚Imagination‘ stellt einen zentralen Begriff in der Literatur– und Geistesgeschichte von den alten Griechen (Platon) bis in die Postmoderne dar. Auch in Shakespeares großen Tragödien, besonders aber in Macbeth, das allgemein als sein düsterstes und schaurigstes Drama bezeichnet wird, kommt der Imagination eine entscheidende Bedeutung zu, da sie hier in Form von Macbeths Einbildungskraft sowohl als Ausgangspunkt wie auch als Antriebskraft des gesamten Handlungsverlaufes fungiert. Das Werk stellt sich ebenso als Tragödie des Ehrgeizes und seiner Folgen dar wie als Charakterstudie eines überaus komplex dargestellten Protagonisten, der sich im Verlauf des Stückes von einem ehrbaren, tapferen und loyalen Vasallen des schottischen Königs zu einem angstzerfressenen, blutrünstigen und skrupellosen Tyrannen wandelt, der sich von seiner ursprünglichen, eigentlich besseren Natur entfremdet und sich daraufhin ganz den Mächten des Bösen überantwortet. Auf der anderen Seite könnte man freilich argumentieren, das Drama entlarve im Laufe der Handlung erst die wahre, bösartige Natur Macbeths. Dem kann man sich allerdings nicht vorbehaltlos anschließen, da nicht davon auszugehen ist, daß er all die guten Eigenschaften, die er zu Beginn unbestritten besitzt, so ohne weiteres nur vorgespielt haben kann. Hier muß sicherlich mehr dahinter stecken. Die treibende Kraft in seinem inneren Konflikt liegt in seiner nicht unterdrückbaren Imagnation, die, zusammen mit ihren Auswirkungen auf Macbeth und die Handlung des Dramas, in dieser Arbeit vor allem erörtert werden soll. Diese Arbeit wird nun zunächst den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Tragödie und die elisabethanische Psychologie darlegen, anschließend ausführlich Begriff und Bedeutung der Imagination Macbeths erläutern und danach auf essentielle Charaktereigenschaften sowie auf das Wesen und die Macht seiner Imagination eingehen. Danach soll die doppelte Zeitstruktur des Dramas aufgezeigt und Macbeths Einbildungskraft als Antizipation der Zukunft sowie als Ausdruck einer gestörten Psyche thematisiert werden. Abschließend wird noch zu analysieren sein, ob der Protagonist eher Opfer oder Täter ist, bzw. inwiefern man hier überhaupt von einer rationalen Täterschaft im heutigen Sinne sprechen kann.


Excerpt (computer-generated)

Bayerische
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Erste Staatsprüfung für ein Lehramt an Gymnasien 2003

Schriftliche Hausarbeit

Thema: 
"Imagination und ihre Macht: 
Shakespeares Macbeth als eine frühe Form der psychologischen Beschreibung"

eingereicht von

Oliver Kast

eingereicht am: 05.03.2003

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung ... 4
1.1 Die dramatische Kunst: Shakespeare als Meister der Psychologisierung des Dramas ... 4
1.2 Erkenntnisinteresse ... 6

2. Die Entstehung des Individuums im Mittelalter ... 8

3. Der zeit- und geistesgeschichtliche Hintergrund mit Blick auf die Individualität ... 9

4. Die elisabethanische Psychologie ... 11

5. Imagination - ein schillernder Begriff und seine Bedeutung bei Shakespeare ... 12

6. Die negative Sicht der Imagination sowie der menschlichen Wünsche bei Dr. Samuel Johnson im Hinblick auf Macbeth ... 16

7. Essentielle Charakterzüge und die psychische Verfassung Macbeths als Basis für die Ausdrucksformen und die Macht seiner Imagination ... 20

8. Wesen und Auswirkungen der Imagination Macbeths - Die Macht der Einbildungskraft ... 28
8.1 Wesen und Ausdrucksformen seiner Imagination ... 28
8.2 Auswirkungen auf sein Denken und seine psychische Verfassung ... 33
8.3 Auswirkungen auf sein konkretes Handeln ... 36
8.4 Auswirkungen auf den Handlungsverlauf ... 38

9. Imagination und Realität - zwei völlig unterschiedliche Welten in Macbeth - Anmerkungen zur doppelten Zeitstruktur im Drama ... 41
9.1 Diskrepanz zwischen Imagination und Realität bei Macbeth ... 41
9.1.1 Allgemeines ... 41
9.1.2 Macbeth zwischen zwei verschiedenen Welten ... 42
9.1.3 Der Dolchmonolog und daraus abgeleitete Erkenntnisse ... 44
9.1.4 Macbeths Vision vom Geist Banquos ... 49
9.1.5 Macbeths Beschwörung der Hexen ... 50
9.1.6 Nachlassen und Ende seiner Visionen ... 51
9.1.7 Macbeths Realitätsverlust ... 52
9.1.8 Erkenntnisse ... 54
9.2 Diskrepanz zwischen Imagination und Realität bei Lady Macbeth ... 54

10. Ausdrucksformen von Macbeths Imagination und ihre Bedeutung als Mittel der Projektion von Wünschen und Ängsten in die Zukunft ... 56
10.1 Imagination als Spiegel von geheimen Hoffnungen und Sehnsüchten: Positive Antizipation der Zukunft und Desillusionierung am Ende ... 57
10.1.1 Macbeths Hoffnungen und Sehnsüchte ... 57
10.1.2 Völlige Desillusionierung Macbeths ... 61
10.1.3 Erkenntnisse ... 64
10.2 Imagination als Spiegel von Ängsten und Befürchtungen: Negative Antizipation der Zukunft ... 64
10.3 Imagination als Ausdruck einer gestörten und kranken Psyche ... 75
10.3.1 Paranoide Schizophrenie Macbeths ... 75
10.3.2 Selbstentfremdung und Persönlichkeitsspaltung Macbeths ... 78

11. Macbeth - skrupelloser Machtmensch oder willenloses und wehrloses Opfer seiner eigenen Imagination? - Shakespeares Sympathielenkung ... 81
11.1 Macbeth als skrupelloser, grausamer Machtmensch ... 82
11.2 Macbeth als Opfer seiner Imagination ... 85

12. Der Nihilismus in Macbeth als Gegenwartsrelevanz ... 92

13. Zusammenfassung ... 93

Literaturverzeichnis ... 95

 

1. Einführung
1.1. Die dramatische Kunst: Shakespeare als Meister der Psychologisierung des Dramas
William Shakespeare kann mit Recht als Meister der Psychologisierung des Dramas bezeichnet werden. Er schaffte dramatische Formen, die für seine Zeit völlig neuartig waren. Durch seine verschiedenartigen Innovationen bewirkte er eine Reformierung des Dramas, deren Auswirkungen noch heute aktuell sind. Diese Neuerungen sollen zunächst kurz erläutert werden:

So wird der tragische Held (hier Macbeth) nicht von einer orthodoxe n Sicherheit aus betrachtet, vielmehr aus einer dramatischen Nähe, die eine überlegene Distanzierung des Rezipienten ausschließt.1 Dieser kann sich also mit dem Protagonisten identifizieren und oftmals – wie bei Macbeth – auch Sympathie für ihn empfinden.

Des weiteren ist bei Shakespeare


zu beobachten, wie die typenhafte Tyrannenzeichnung, […] immer mehr einer komplexen und individuellen Gestaltung Platz macht. Externalisierte Darstellung weicht progressiv einer Internalisierung, die Einblicke in die Psyche des Tyrannen gewährt und durch feine seelische Differenzierung seine Einmaligkeit als Persönlichkeit unterstreicht.2

Bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus (ca. 55 – 120 n. Chr.) hatte die tieferen Probleme der Gesetzmäßigkeiten des Seelenlebens zu ergründen gesucht und damit Shakespeare den Weg geebnet, die psychologischen Anregungen aus der taciteischen Geschichtsschreibung aufs Drama zu übertragen (vgl. Unterstenhöfer 50).

Durch eine starke Differenzierung des psychischen Geschehens seiner tyrannischen Protagonisten – wie hier Macbeths – gelang Shakespeare mit seiner Darstellungskunst und Gestaltungskraft eine bedeutende Innovation des Dramas: die Entdeckung eines “particular concept of self or, more precisely, a ‘self-identity‘.“3

Als erster benutzt Shakespeare die Imagination, die ihre Blütezeit erst in der Romantik erreichen sollte, um düstere Szenarien und Visionen bei seinen tragischen Protagonisten entstehen zu lassen und dadurch deren Motivation für die jeweiligen Handlungen für den Zuschauer plausibler und durchsichtiger gestalten zu können. Obwohl ihr Charakter in der Zeit noch ein experimenteller ist, trägt der Dichter durch die Einführung der Imagination doch nicht unerheblich zur Psychologisierung des Dramas bei.

Erst Shakespeares Entdeckung neuer sprachlicher Mittel zur Darstellung einer sich in der Zeit allmählich entwickelnden ‚Psychologie‘ – die allerdings v. a. erst in seinen späten Werken zur Geltung kommen – konnte schließlich solch vielschichtiges Phantasiedenken, wie es z. B. im Dolchmonolog (II. i. 33–64)4, auf den später noch genauer eingegangen werden soll, dargeboten wird, in die poetische Vision umsetzen.5

Ein wichtiges und immer wiederkehrendes Mittel, dessen sich Shakespeare bedient, um dem Rezipienten tiefere Einblicke in die Gedankenwelt und die psychischen Vorgänge seiner Protagonisten anschaulich darzubieten, stellt der Monolog dar. Durch ihn wird der Zuschauer sozusagen intimer Zeuge der vorgetragenen Gedanken und Gefühle, als ob er ungefilterten Einblick in die innersten Sphären einer Person nehmen könnte.6 Es


tritt uns all das entgegen, was Shakespeares Charakterisierungskunst in seinen größten Dramen auszeichnet: die äußerste Konzentration der Aussage, […] die Fähigkeit, Empfindungen und Gedanken mit sinnenhafter Eindringlichkeit zu verbildlichen oder zu konkretisieren, und schließlich das umfassende Begreifen des menschlichen Wesens, das in seiner rationalen Bewußtheit wie in seinem irrationalen Handeln, […] kurzum in seiner ganzen widerspruchsvollen Vielschichtigkeit geschaut wird (s. Clemen 45).

Hier wird in den Monologen, die zudem ein Medium der Selbstdarstellung des tragischen Helden in der Innerlichkeit seiner Reflexionen und Gefühle darstellen, ein faszinierender Blick auf Macbeths seelische Vorgänge eröffnet. Eine solche Innenschau engagiert das Zuschauerinteresse für eine Figur, indem sie ihn ins Geschehen mit hineinzieht und auch für die jeweiligen Motivationen der Charaktere Verständnis schafft.

In Shakespeares großen Tragödien, z. B. in Macbeth oder Hamlet, wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, die Genese und Entfaltung der Gefühle und Gedanken gleichzeitig mit deren spontaner Versprachlichung unmittelbar mitzuerleben. Dieser Akt der Versprachlichung selbst wird hierbei zum Spiegel eines inneren Dramas, denn die Art und Weise, wie eine Figur spricht, um Worte und Bilder ringt, im Satz abbricht, den Blankvers sprengt, erregt ausruft oder verstummt, wird zum Indiz von unbewußten oder verdrängten Begie rden,
Hoffnungen, Ängsten und Zweifeln.7

Ein weiteres Mittel zur Innenschau in die Charaktere stellt das ‚Beiseite‘ dar, das bei Shakespeare oft als eine Vor- oder Übergangsform zum Monolog erscheint. In vielen Fällen ist eine Kurzform des Monologs allerdings gar nicht von einem ‚Beiseite‘ zu unterscheiden. Shakespeare hat auch diese Äußerungsform weit über ihren ursprünglichen Zweck, der durch die Bühnenkonvention der Information des Publikums vorgegeben war, ausgestaltet, indem er das ‚Beiseite‘ zu einem differenzierten Kunstmittel der indirekten Charakterisierung, des mehrschichtigen Gesprächs, der Vorbereitung und Verklammerung entwickelt hat, wobei sich mehrfach die gleichen Gesichtspunkte und Kategorien ergeben, die auch für die Betrachtung des eigentlichen Monologs maßgebend sind (vgl. Clemen 51).

Es läßt sich also zusammenfassend feststellen, daß die Funktion der dramatischen Mittel bei Shakespeare neu war, denn gemeinsam mit Marlowe brachte er mit Hilfe des Monologs bzw. des ‚Beiseite‘ als erster seelische Vorgänge und die geheimsten Gefühle und Denkweisen seiner Protagonisten auf die Bühne. Dies kann bereits gewissermaßen als eine erste dramatische Darstellung einer ‚Psychologie‘ angesehen werden, die in der damaligen Zeit allenfalls latent vorhanden war.

1.2 Erkenntnisinteresse
Die ‚Imagination‘ stellt einen zentralen Begriff in der Literatur– und Geistesgeschichte von den alten Griechen (Platon) bis in die Postmoderne dar.

[...]


1 Vgl. Mehl, Dieter. Die Tragödien Shakespeares: Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt, 1983. 130. Im Folgenden: Mehl

2 s. Unterstenhöfer, Marga. Die Darstellung der Psychologie des Tyrannen in Shakespeares King Richard III und Macbeth. Frankfurt/ Main: Lang, 1988. 49. Im Folgenden: Unterstenhöfer

3 s. Mascuch, Michael. Origins of the Individualist Self. Cambridge: Polity Press, 1997. 18. Im Folgenden: Masuch

4 alle Textangaben aus Macbeth beziehen sich auf die Arden – Ausgabe von Kenneth Muir 10 1975.

5 Vg l. Clemen, Wolfgang. Shakespeares Monologe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1964. 49. Im Folgenden: Clemen

6 Vgl. Mürb, Franz. Interpretationshilfe Englisch: William Shakespeare: Macbeth. Freising: Stark, 1999. 34. Im Folgenden: Mürb

7 Vgl. Seeber, Hans Ulrich (Hg.). Englische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 1999. 136. Im Folgenden: Seeber


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