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Westeuropäische Einwanderer in einem Schwellenland: Interkultureller Austausch als Lernprozess? Eine Fallstudie in Puebla, Mexiko

Thesis (M.A.), 2002, 348 Pages
Author: Magister Artium Dorit Heike Gruhn
Subject: Pedagogy - Intercultural Pedagogy

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2002
Pages: 348
Grade: 1,6
Language: German
Archive No.: V14000
ISBN (E-book): 978-3-638-19511-9
ISBN (Book): 978-3-638-79659-0
File size: 938 KB
Notes :
Veröffentlichungsdatum: Mai 2003. Die Autorin ist Lehrkraft an der Benemerita Universidad Autonoma de Puebla, Mexiko.108 Seiten + 240 Seiten Anhang (Interviews)


Abstract

Seit einigen Jahren werden in Industrieländern verschiedentlich pädagogische Hilfestellungen für die Bewältigung multikulturellen Zusammenlebens angeboten, sei es in Form von Modellen interkultureller Erziehung in Schulen, oder aber als Kurse zur Erlangung interkultureller Handlungskompetenz von Privatanbietern, meistens für Zielgruppen aus der Wirtschaft. Die große Mehrheit der Menschen aber, die für eine kurze oder lange Zeitspanne ihre Herkunftskultur verlassen, können auf keinerlei pädagogische Unterstützung zurückgreifen. Auch sie durchlaufen Lernprozesse, denn sie müssen ihr Verhalten in irgendeiner Form auf die neue Umgebung abstimmen, und werden wahrscheinlich auch Vorstellungen bezüglich ihrer eigenen oder der Aufnahmekulturen verhärten oder verändern. Doch diese Lernprozesse sind weder formalisiert noch strukturiert. In der vorliegenden qualitativen Studie habe ich 10 westeuropäische Migranten in der Stadt Puebla (Mexiko) interviewt, mit dem Ziel, an den besagten Personen zu untersuchen, inwieweit solche informellen Lernprozesse zu "interkulturellem Austausch" führen können. Es ging mir auch darum, an dieser relativ heterogenen Migrantengruppe Gemeinsamkeiten in ihrer Migrationsbiographie auszumachen, d.h. ähnliche Entwicklungen aufzuspüren und zu interpretieren. Um die Ziele der Studie noch detaillierter zu umreiβen, ist es zunächst einmal notwendig, etwas weiter auszuholen und Überlegungen zu den Begriffen "interkulturell" und "Kultur", sowie zu "Migrationsbewegungen" vorzuschieben, was ich in den folgenden drei Kapiteln tun werde. Im fünften Kapitel gehe ich dann genauer auf die Zielgruppe ein, aus der ich 10 Vertreter auswählte und interviewte. Im sechsten Kapitel beschreibe ich die Aufnahmegesellschaft (Mexiko) im Hinblick auf die Situation von Einwanderern. Das siebte Kapitel ist dann Ausführungen zu "interkulturellen Lernprozessen" gewidmet, sowie der Aufstellung von Kriterien, die als Kategorien in den Interviewleitfaden eingegangen sind. Im zweiten Teil der Arbeit werden die Antworten der Leitfadeninterviews verglichen und beschrieben, im dritten werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und die Lernprozesse bewertet.


Excerpt (computer-generated)

 

Westeuropäische Einwanderer in einem Schwellenland: 
Interkultureller Austausch als Lernprozess? 
Eine Fallstudie in Puebla, Mexiko.

Magisterarbeit

von

Dorit Heike Gruhn

INHALT

Teil 1

1. Einführung in die Ziele der Studie ... 3

2. Was ist eigentlich "interkulturell"? ... 4

3. Arbeitsdefinition des Begriffs "Kultur" ... 7

4. Wanderbewegung von den Peripherien in die Zentren des Kapitalismus: ungünstige Bedingungen für interkulturellen Austausch ... 12

5. Wanderbewegung von Industrieländern in ein Schwellenland: Die Zielgruppe der Studie ... 14

6. Einwanderer in Mexiko: kurzer Überblick ... 16
6.1 Geschichte ... 16
6.2 Rechtslage der Ausländer in Mexiko ... 20
6.3 Einwanderungsstatistiken ... 21
6.4 Die Stadt Puebla ... 25

7. Kriterien zur Bewertung von interkulturellen Lernprozessen bei der Untersuchungsgruppe ... 26

8. Methodische Erläuterungen ... 30

Teil 2

9. Besonderheiten der Zielgruppe ... 32

10. Zum Wahrheitsgehalt der Interviewaussagen ... 36

11. Nationale oder kulturelle Bezugsrahmen im Sprachgebrauch der Befragten ... 37

12. Auswanderungsmotive der Befragten ... 42

13. Integration in die Aufnahmegesellschaft ... 47
13.1 Wirtschaftliche und berufliche Integration ... 47
13.2 Soziale Integration ... 53
13.1 Fremdkulturelle Elementen im Alltagsleben der Befragten ... 57

14. Kulturelle Identität: Dialektik zwischen Prägung und Eigenständigkeit ... 59
14.1 Beziehungen zum Herkunftsland ... 60
14.2 Auswanderung im Kommunikationszeitalter ... 62
14.3 Zweisprachigkeit der Kinder als Ausbildungsvorteil ... 63
14.4 Bewahren von Grundwerten bei Einstellungs- und Verhaltensänderung ... 64

15. Werturteile und Stereotype bei den Befragten ... 68

16. Interaktion mit Personen der Aufnahmekulturen ... 84
16.1 Grenzen der Verständigung ... 84
16.2 Westeuropäer mit einer sehr direkten Art schockieren ... 86
16.3 Selbsteinschätzung der Befragten bezüglich ihres Einflusses auf Menschen der Aufnahmekulturen ... 88

17. Auseinandersetzung mit den Aufnahmekulturen ... 89

18. Lernphasen ... 89

Teil 3

19. Zusammenhänge zwischen den Untersuchungskriterien ... 94
19.1 Korrelation zwischen Ausbildungsstand, theoretischer Auseinandersetzung mit der Aufnahmegesellschaft und Lernprozess ... 94
19.2 Einteilung der Befragten in drei verschiedene Gruppen und Bewertung der Lernprozesse ... 95

20. Zusammenfassung der Ergebnisse ... 99

Bibliographie ... 108

Tabelle: Nähe oder Distanz der Befragten zu den Aufnahmekulturen ... 96

 

TEIL 1

1. Einführung in die Ziele der Studie

Als Gott Mexiko erschuf, gelang ihm besser als er es sich selbst hätte träumen lassen: Wuchtige Gebirgsketten umgaben weitläufige Ebenen, schneebedeckte Vulkane ragten hoch in den Himmel, frisches Quellwasser sprudelte vielerorts aus dem Boden, eine artenreiche Faune und Flora machte sich breit, Gold und Silber warteten unter der Erde, zwei große Ozeane mit reichlich Erdöl, Fischen und wunderschönen Stränden umrahmten das Land und ein fast das ganze Jahr über mildes Klima schaffte ideale Bedingungen für ein angenehmes Leben. Da fand Gott, dass er zuviel des Guten getan hatte und um das auszugleichen, setzte er die Mexikaner ins Land...

Als mir - frisch in Mexiko angekommen - diese Anekdote von einem deutschen Einwanderer erzählt wurde, kam mir sofort in Erinnerung, dass ich ebendiese Geschichte, in entsprechend abgewandelter Form, auch von Arabern in Frankreich und Lateinamerikanern in Deutschland gehört hatte, die "Paradiesverschandler" waren natürlich jeweils die Franzosen bzw. die Deutschen.
Alltagsgespräche mit Einwanderern und deren Bekannten in verschiedenen Ländern haben diesen Eindruck immer wieder bestätigt. Wenn irgendwo mehrere Fremde zusammenkommen, beschwert man sich meistens über die Mängel der Aufnahmegesellschaft und ihrer Bewohner. Werden persönliche Misschläge im Leben als Problem der fremden Umgebung interpretiert, wobei man schnell vergisst, dass man auch "zu Hause" mit vielem unzufrieden war? Sind manche Migranten von der Situation, in einer fremden Umgebung und Kultur zu leben, einfach überfordert, so dass das Kritisieren derselben ein notwendiger Schutzmechanismus ist, der unbewusst dazu dienen soll, die durch die fremde Kultur in Frage gestellte Identität abzugrenzen, oder handelt es sich schlichtweg um Beispiele für misslungenen interkulturellen Austausch?
Seit einigen Jahren werden in Industrieländern verschiedentlich pädagogische Hilfestellungen für die Bewältigung multikulturellen Zusammenlebens angeboten, sei es in Form von Modellen interkultureller Erziehung in Schulen, oder aber als Kurse zur Erlangung interkultureller Handlungskompetenz von Privatanbietern, meistens für Zielgruppen aus der Wirtschaft. Die große Mehrheit der Menschen aber, die für eine kurze oder lange Zeitspanne ihre Herkunftskultur verlassen, können auf keinerlei pädagogische Unterstützung zurückgreifen. Auch sie durchlaufen Lernprozesse, denn sie müssen ihr Verhalten in irgendeiner Form auf die neue Umgebung abstimmen, und werden wahrscheinlich auch Vorstellungen bezüglich ihrer eigenen oder der Aufnahmekulturen verhärten oder verändern. Doch diese Lernprozesse sind weder formalisiert noch strukturiert.
In der vorliegenden qualitativen Studie habe ich 10 westeuropäische Migranten in der Stadt Puebla (Mexiko) interviewt, mit dem Ziel, an den besagten Personen zu untersuchen, inwieweit solche informellen Lernprozesse zu "interkulturellem Austausch" führen können. Es ging mir auch darum, an dieser relativ heterogenen Migrantengruppe Gemeinsamkeiten in ihrer Migrationsbiographie auszumachen, d.h. ähnliche Entwicklungen aufzuspüren und zu interpretieren.
Um die Ziele der Studie noch detaillierter zu umreissen, ist es zunächst einmal notwendig, etwas weiter auszuholen und Überlegungen zu den Begriffen "interkulturell" und "Kultur", sowie zu "Migrationsbewegungen" vorzuschieben, was ich in den folgenden drei Kapiteln tun werde. Im fünften Kapitel gehe ich dann genauer auf die Zielgruppe ein, aus der ich 10 Vertreter auswählte und interviewte. Im sechsten Kapitel beschreibe ich die Aufnahmegesellschaft (Mexiko) im Hinblick auf die Situation von Einwanderern. Das siebte Kapitel ist dann Ausführungen zu "interkulturellen Lernprozessen" gewidmet, sowie der Aufstellung von Kriterien, die als Kategorien in den Interviewleitfaden eingegangen sind.
Im zweiten Teil der Arbeit werden die Antworten der Leitfadeninterviews verglichen und beschrieben, im dritten werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und die Lernprozesse bewertet.

2. Was ist eigentlich "interkulturell"?

Ein Blick in die Medien zeigt es: Von der interkulturell vergleichenden Stadtentwicklung, dem interkulturellen Berufsvorbereitungsjahr und der interkulturellen Suchthilfe, über die interkulturelle Sexualpädagogik, dem Institut für Interkulturelle Kommunikation (früher einfach: Sprachenschule genannt) bis hin zum interkulturellen Schwulen Coming-Out gibt es gegenwärtig kaum etwas, was nicht mit dem Prädikat "interkulturell" versehen werden könnte. Das "Interkulturelle" hat Hochkonjunktur in Zeitschriften, Werbungen, Institutionen, Kursangeboten, Curricula und einer Flut von Publikationen der verschiedensten Sparten.

[...]


Wenn ich im Folgenden männliche Pluralformen (wie z.B. Einwanderer) verwende, dann sind mit dem Ziel der besseren Lesbarkeit der Arbeit immer auch die weiblichen Personen mitgemeint. Ebenso verhält es sich mit Singularformen, dort wo sie verallgemeinernd gebraucht werden und nicht auf eine bestimmte männliche Person bezogen sind.


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