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Scholary Paper (Seminar), 2003, 21 Pages
Author: Marcus Erben
Subject: Pedagogy - Miscellaneous Topics
Details
Institution/College: University of Würzburg (Institut für Pädagogik I, Lehrstuhl I)
Tags: Kind, Erste, Annäherung, Janusz, Korczak, Seminar, Jahrhundert, Kindes, Rückblick, Ausblick
Year: 2003
Pages: 21
Grade: ausgezeichnet (A)
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19582-9
ISBN (Book): 978-3-638-78153-4
File size: 408 KB
Kritische Auseinandersetzung mit den Grundrechten des Kindes, tiefgründige Interpretation einer Erziehungsepisode aus den Sommerkolonien, eigener Ansatz des "Mythos Kind" bei Korczak.
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Abstract
Kritische Analyse des Buches "Wie man ein Kind lieben soll". Gute Einführung zum Thema Korczak
Excerpt (computer-generated)
Universität Würzburg
Institut für Pädagogik I
Lehrstuhl I
WS 2002/03
Proseminar: Das Jahrhundert des Kindes
„Wie man ein Kind lieben soll“:
Erste Annäherung an Janusz Korczak
Marcus Erben
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Vorbetrachtung – Zielstellung 3
2. Die drei Grundrechte des Kindes – Tod, Gegenwart, Individuum 4
2.1 Tod 5
2.2 Gegenwart 7
2.3 Individuum 9
3. Die Schlafsaalepisode – „ein umstürzendes Ereignis“: Korczaks Prozess der Selbsterziehung 11
4. „Mythos Kind“ bei Korczak – eine zu interpretierende Geschichte? 18
5. Schlussbetrachtung 20
6. Bibliographie 21
„Es gibt Fehler, die du immer wieder begehen wirst,
denn du bist ein Mensch und keine Maschine.“
(Janusz Korczak)
1. Vorbetrachtung - Zielstellung
Eine Erfahrung ist erst dann eine Erfahrung, wenn man das mit ihr verbundene Erlebnis reflektiert. Diese Reflexion schließt die Erkenntnis über das Warum der Erfahrung, also ihr Zustandekommen, und die sie bedingenden Faktoren sowie ihre begleitenden Fehler mit ein. Insofern ist Janusz Korczaks pädagogisches Hauptwerk „Wie ein Kind lieben“ („Jak kochac dziecko“1) ein Sammelwerk solcher Erfahrungen mit Kindern und Säuglingen (oder, im Sinne Korczaks: mit Menschen, mit Individuen), die er als Arzt und Erzieher machte und die er literarisch-rhetorisch verarbeitete, d.h. poetisierte. Und dies alles mit dem mehr oder weniger ausdrücklichen Ziel, durch radikal-apodiktische Standpunkte und eindeutige Forderungen eine Suggestionskraft zu entfalten, der sich der Leser nur schwer zu entziehen vermag. Deshalb sind wir einmal mehr angehalten, Korczak einer möglichst kritischen und objektiven Betrachtung zu unterwerfen und nicht jenem simplen Enthusiasmus anheimzufallen, mit dem man Korczak in der Literatur teilweise tendenziell begegnet.
Die vorliegende Arbeit, die sich hauptsächlich auf das oben genannte Buch stützt, wird sich zunächst mit der berühmten „Magna Charta Libertatis“ auseinandersetzen, sie im Kontext des vollständigen Buches interpretieren und versuchen aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich aus ihr für das pädagogische Handeln ergibt. Anhand einer Episode aus den „Sommerkolonien“ wird anschließend konkret illustriert, inwiefern Korczak erfahrene Erziehungspraxis poetisierte, sie als Gegenstand eigener Reflexion benutzte und in eine Botschaft an den Leser verhüllte. Abschließend will ich die im Seminar gestellte Frage nach dem „Mythos Kind“ in Bezug auf Korczak neu aufwerfen.
Das persönliche Ziel dieser Hausarbeit ist nicht, Korczaks Pädagogik vollständig zu verstehen, sie gleichsam wie ein zusammengesetztes Puzzle vor dem geistigen Augepräsentiert zu bekommen. Nein, Ziel ist es, am Ende zu resümieren, dass in einer unbestimmten Zukunft das Verständnis Korczaks als historische Person und deren Pädagogik ergreifbar scheint. Hier soll eine Brücke zu einem Ufer geschlagen werden, dem ein Land angehörig ist, dessen Erkundung erst dann angefangen haben wird.
2. Die drei Grundrechte des Kindes – Tod, Gegenwart, Individuum
Die anthropologische Voraussetzung für die Grundrechte besteht in der banalen Feststellung Korczaks, „daß das Kind – ein Mensch ist.“2 Er rückt damit gleichzeitig von der gemeinhin üblichen Vorstellung ab, dass sich das menschliche Leben etwa in die Phasen Säugling, Kind, Jugendlicher, Erwachsener, Greis einteilen ließe, um daraus ein je eigenes Konzept darüber abzuleiten, was ein Mensch ist:
„Wer sich in den Geist menschlicher Begriffe hineinversetzt, dem verwischt sich der Unterschied zwischen dem Kinde, dem Jugendlichen, dem gereiften Menschen, dem schlichten Gemüt und dem Denker, und dem enthüllt sich der kluge Mensch unabhängig von seinem Lebensalter, von seiner Gesellschaftsschicht, von seinem Bildungsgrad und dem Kulturfirnis seines Äußeren als ein Wesen, das im Rahmen seiner geringeren oder größeren Erfahrung vernünftig urteilt.3
Wenn Korczak also in seinem Grundrechtkatalog das Phänomen Kind erwähnt, nämlich wie im folgenden:
1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod,
2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag,
3. Das Recht des Kindes so zu sein, wie es ist.
dann nur, um den Blick auf den besonderen Status dieses in seiner Eigenständigkeit als Mensch vernachlässigtes und unbeachtetes Wesen zu lenken. In seinem Wesen ist das Kind Mensch und als solcher muss es „respektiert und behandelt“4 werden. Es soll nicht unter der Etikettierung des sogenannten „Kindes“ auf ein ungleichberechtigtes Niveau herabgestuft, sondern auf einer Augenhöhe mit dem Erwachsenen gesetzt werden, so dass sich dieser niemals aus der Verantwortung gegenüber dem Kinde bequem stehlen kann.
[....]
1 Die irreführende, weil falsche deutsche Übersetzung „Wie man ein Kind lieben soll“ impliziert mit ihrem Modalverb „soll“ einen Auftrag, eine Anleitung, die durch das kollektivierende „man“ einen allgemeingültigen Anspruch erhebt. Korczak selbst intendierte kein pädagogisches Ratgeberbuch: „Wenn du beim schnellen Blättern nach Vorschriften und Rezepten suchen solltest, wenn du unwillig darüber bist, daß es nur wenige sind – so wisse, wenn du Ratschläge und Hinweise findest: dies ist nicht mit dem Willen des Autors geschehen, sondern gegen diesen.“ In: Korczak, Janusz: Wie man ein Kind lieben soll. Hrsg. von Elisabeth Heimpel und Hans Roos. Mit einer Einleitung von Igor Newerly. 12. Aufl. Göttingen 1998, S. 1. Selbst wenn sich ein Ratschlag fände, geschähe das gegen den „Willen des Autors“, der mit dieser verfälschenden unsäglichen Titelübersetzung nachträglich torpediert wird, weil sie ein Buch übertitelt, das zum Selbstdenken animieren möchte („Meine Aufgabe ist es, zum Nachdenken anzuregen...“ Ebd., S. 73.), statt fertige Rezepte anzubieten. Außerdem macht die dt. Übersetzung aus dem Fragesatz „Wie ein Kind lieben“ einen Imperativ, der wohl einen publikumswirksamen und daher publikumsbreiten Ratgeberanspruch geradezu herausfordert. Tatsächlich gibt Korczaks 1918 erschienene Schrift weder auf die Frage „Wie ein Kind lieben“ noch auf die Anleitung „Wie man ein Kind lieben soll“ eine „konkrete, umfassende oder befriedigende Antwort“ (In: Tschöpe-Scheffler, Sigrid: Liebe und ihre Bedeutung für die Erziehung in der Pädagogik Johann Heinrich Pestalozzis und Janusz Korczaks. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Friedhelm Beiner. Frankfurt am Main 1990, S. 172.) beziehungsweise Lösung!
2 Korczak (1998): S. 205.
3 Ebd., S. 79.
4 Radtke, Uwe: Janusz Korczak als Pädagoge. Zum Recht des Kindes auf Achtung. Marburg 2000, S. 73.
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