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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 34 Pages
Author: Tillmann Allmer
Subject: Film Science
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Publizistik)
Tags: Film, Filmgeschichte, Nationalsozialismus, NS, Propaganda, Wunschkonzert, Masse, Ornament, Krieg, Revue, NS-Propaganda, NS-Spielfilm
Year: 1999
Pages: 34
Grade: 1
Bibliography: ~ 27 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-10882-9
ISBN (Book): 978-3-638-63724-4
File size: 163 KB
Wie und inwieweit das Massenmedium Film unter der Ägide des Nationalsozialismus eine Funktion als Mittel der `geistigen Kriegführung´ zu erfüllen vermochte, ist der Untersu-chungsgegenstand dieser Arbeit. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf die Rolle und Repräsentation von `Massen´ in dem NS-Spielfilm WUNSCHKONZERT aus dem Jahr 1940. In einer exemplarischen Analyse einiger ausgewählter Sequenzen aus dem Film werden Verknüpfungen zwischen den Massenornamenten der Revuen und des Militärs gezogen und auf die Funktion hin betrachtet, welche die Massenmedien Film und Rundfunk für die NS-Propaganda zur Herstellung einer Volksgemeinschaft, einer `gleichgeschalteten´ Masse, erfüllten.
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Abstract
"Der Krieg", schreibt Erich Ludendorff, Erster Generalquartiermeister bei der Obersten Heeresleitung, am 4. Juli 1917 in einem Brief an das Kaiserliche Kriegsministerium, "hat die überragende Macht des Bildes und des Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt. Leider haben unsere Feinde den Vorsprung auf diesem Gebiet so gründlich ausgenutzt, dass schwerer Schaden für uns entstanden ist." Die ersten Sätze in der Denkschrift des Generals, die als "Gründungsdokument" der Universum Film AG (Ufa) gilt, lassen den engen Zusammenhang zwischen moderner Kriegführung und der Technik der Kinematographie erkennen. Die Feldherren des Ersten Weltkrieges sehen im Film, der zu diesem Zeitpunkt kaum älter als zwei Jahrzehnte ist, eine "wirkungsvolle Kriegswaffe", ein geeignetes Instrument zur massenwirksamen Verbreitung ihrer Propaganda. In den expandierenden Städten der Jahrhundertwende, den Ballungsorten industrieller Produktion, Administration und Distribution, findet das Kino nicht nur sein erstes Publikum, indem es die Vergnügungs- und Zerstreuungsquartiere um ein neues Mittel der Illusionierung bereichert. Die Objektivationen der urbanen Lebenswelt, ihre immanenten Gegensätze von Tempo und Dynamik einerseits und naturnahen Enklaven andererseits, bieten dem Film die adäquate Motivik für seine künstlerischen Möglichkeiten. Mit dem Schwirren der Räder, den Takten ihrer Arbeit und den Illuminationen ihrer Nächte revolutioniert die moderne Großstadt die Erfahrungs- und Denkkategorien von Zeit und Raum. Kein anderes Medium scheint die diffizilen Wahrnehmungsangebote von Tempo, Rhythmus und Licht authentischer vermitteln zu können, als das der `laufenden´ Bilder. Mit dem Blick auf die Stadt und ihre Massen wandelt sich die Ästhetik des apparativen Sehens. Wie und inwieweit das Massenmedium Film unter der Ägide des Nationalsozialismus eine Funktion als Mittel der `geistigen Kriegführung zu erfüllen vermochte, ist der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf die Rolle und Repräsentation von `Massen´ in dem NS-Spielfilm WUNSCHKONZERT aus dem Jahr 1940. In einer exemplarischen Analyse einiger ausgewählter Sequenzen aus dem Film werden Verknüpfungen zwischen den Massenornamenten der "Revuen" und des Militärs gezogen und auf die Funktion hin betrachtet, welche die Massenmedien Film und Rundfunk für die NS-Propaganda zur Herstellung einer "Volksgemeinschaft", einer `gleichgeschalteten´ Masse, erfüllten.
Excerpt (computer-generated)
FU Berlin
Institut für Publizistik
WS 1998/99
"Modelle des Zeitalters: Audiovisionen der `Masse´"
Masse - Ornament - Kriegsrevue
Propaganda im Nationalsozialismus
unter dem Aspekt von Massen-Repräsentationen
am Beispiel des NS-Spielfilms Wunschkonzert (1940)
von
Tillmann Allmer
Inhalt
1. Einleitung
2. Massenkultur und Ideologie im nationalsozialistischen Spielfilm
3. Wunschkonzert (1940)
3.1. Rundfunk und Krieg
3.2. "Revue" zwischen Front und Heimat.
4. Schlussbetrachtung
5. Filmdaten
6. Literatur
1. Einleitung
"Der Krieg", schreibt Erich Ludendorff, Erster Generalquartiermeister bei der Obersten Heeresleitung, am 4. Juli 1917 in einem Brief an das Kaiserliche Kriegsministerium, "hat die überragende Macht des Bildes und des Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt. Leider haben unsere Feinde den Vorsprung auf diesem Gebiet so gründlich ausgenutzt, daß schwerer Schaden für uns entstanden ist."1 Die ersten Sätze in der Denkschrift des Generals, die als "Gründungsdokument" der Universum Film AG (Ufa) gilt, lassen den engen Zusammenhang zwischen moderner Kriegführung und der Technik der Kinematographie erkennen. Die Feldherren des Ersten Weltkrieges sehen im Film, der zu diesem Zeitpunkt kaum älter als zwei Jahrzehnte ist, eine "wirkungsvolle Kriegswaffe"2, ein geeignetes Instrument zur massenwirksamen Verbreitung ihrer Propaganda.
In den expandierenden Städten der Jahrhundertwende, den Ballungsorten industrieller Produktion, Administration und Distribution, findet das Kino nicht nur sein erstes Publikum, indem es die Vergnügungs- und Zerstreuungsquartiere um ein neues Mittel der Illusionierung bereichert. Die Objektivationen der urbanen Lebenswelt, ihre immanenten Gegensätze von Tempo und Dynamik einerseits und naturnahen Enklaven andererseits, bieten dem Film die adäquate Motivik für seine künstlerischen Möglichkeiten. Mit dem Schwirren der Räder, den Takten ihrer Arbeit und den Illuminationen ihrer Nächte revolutioniert die moderne Großstadt die Erfahrungs- und Denkkategorien von Zeit und Raum. Kein anderes Medium scheint die diffizilen Wahrnehmungsangebote von Tempo, Rhythmus und Licht authentischer vermitteln zu können, als das der `laufenden´ Bilder. Mit dem Blick auf die Stadt und ihre Massen wandelt sich die Ästhetik des apparativen Sehens.
Wie und inwieweit das Massenmedium Film unter der Ägide des Nationalsozialismus eine Funktion als Mittel der `geistigen Kriegführung zu erfüllen vermochte, ist der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf die Rolle und Repräsentation von `Massen´ in dem NS-Spielfilm Wunschkonzert aus dem Jahr 1940. In einer exemplarischen Analyse einiger ausgewählter Sequenzen aus dem Film werden Verknüpfungen zwischen den Massenornamenten der "Revuen" und des Militärs gezogen und auf die Funktion hin betrachtet, welche die Massenmedien Film und Rundfunk für die NS-Propaganda zur Herstellung einer "Volksgemeinschaft", einer `gleichgeschalteten´ Masse, erfüllten.
2. Massenkultur und Ideologie im nationalsozialistischen Spielfilm
Eine eingehende inhaltliche Analyse nationalsozialistischer Ideen kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Statt dessen sollen an dieser Stelle näher Form und Funktion einer Weltanschauung beleuchtet werden, deren Träger es von Beginn an um die Durchsetzung ihres realpolitschen Machtanspruchs auf Kosten der Kohärenz des von ihnen vermittelten Ideensystems gegangen ist. Schon in seiner Schrift “Mein Kampf” macht Hitler deutlich, dass der Nationalsozialismus weniger ein schlüssiges Welterklärungsmodell als vielmehr ein “Glaubensbekenntnis” ist, das sich einer rationalwissenschaftlichen Überprüfung entzieht mit dem Ziel, eine möglichst breite Massenwirkung zu erzielen:
“Die NSDAP übernimmt aus dem Grundgedankengang einer allgemeinen völkischen Weltvorstellung die wesentlichen Grundzüge, bildet aus denselben unter praktischer Berücksichtigung der Wirklichkeit, der Zeit und des vorhandenen Menschenmaterials sowie seiner Schwächen ein politisches Glaubensbekenntnis, das nun seinerseits in der so ermöglichten straffen organisatorischen Erfassung großer Massen als Voraussetzung für die siegreiche Durchsetzung seiner Weltanschauung selbst schafft.”3
In seiner Untersuchung zur Ideologie in nationalsozialistischen Spielfilmen unterscheidet Stephen Lowry “drei Grundformen der Kultur im Nationalsozialismus”: “Reste traditioneller Ideologie, faschistische Öffentlichkeit und moderne Massenkultur.”4 Der Nationalsozialismus, so der Filmwissenschaftler weiter, habe sich aller drei Formen gleichermassen “um Transport nationalsozialistischer Inhalte” bedient.
[...]
1 Zit. n. Klaus Kreimeier: Die Ufa-Story. Geschichte eines Filmkonzerns. München, Wien: Hanser 1992. S.14.
2 Ebd., S.34.
3 Adolf Hitler: Mein Kampf (1925/27). München: Zentralverlag der NSDAP 1938. Zit. n. Gerd Albrecht: Filmpolititk im Dritten Reich. In: Manfred Dammeyer (Bearb.): Der Spielfilm im Dritten Reich. Arbeitsseminar der Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen. Oberhausen 1966.
4 Stephen Lowry: Pathos und Politik. Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus. Tübingen: Niemeyer 1991. S.32.
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