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Carlos Saura - Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen Filmregisseurs - eine Analyse

Diploma Thesis, 2002, 167 Pages
Author: Petra Häußer
Subject: Film Science

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2002
Pages: 167
Grade: Sehr gut
Language: German
Archive No.: V14211
ISBN (E-book): 978-3-638-19676-5
ISBN (Book): 978-3-638-69884-9
File size: 10095 KB

Abstract

In der heutigen Kinowelt ist das Werk Carlos Sauras eine Besonderheit. Seit über einem halben Jahrhundert dreht er Filme, schreibt Bücher, inszeniert Opern und Theaterstücke, zeichnet, schauspielert und fotografiert leidenschaftlich gern. Sein unglaublich komplexes Gesamtwerk ist das Resultat seines vielschichtigen Lebens: Ein Leben, in dem der junge Saura Motorradrennen fuhr und aufgrund seiner mathematischen Begabung ein Ingenieursstudium begann; in dem ihn die franquistischen Zensurbehörden zwanzig Jahre lang quälten, ihm seine Erfolge internationalen Ruhm bescherten und Saura seine Misserfolge ohne den Mut zu verlieren entgegennahm; ein Leben, in dem die breite spanische Masse trotz der goldenen und silbernen Bären nicht in seine Filme ging; ein Leben mit Geraldine Chaplin, mit der über zehn Jahre zusammenlebte und ein Leben, das einem Bombenangriff im spanischen Bürgerkrieg fast zum Opfer gefallen wäre; ein Leben, das das Grauen des Krieges und die darauf folgende Einsamkeit nie mehr ganz und nur durch Arbeit verwinden konnte. Die vorliegende Arbeit stellt das Gesamtwerk Carlos Sauras vor und analysiert dieses im Hinblick auf die von ihm verwendeten Themen, Motive und Stilmittel. Es zeigt sich, dass Sauras Interesse primär dem menschlichen Individuum in der spanischen Gesellschaft gilt, weswegen er sich überwiegend mit den aktuellen Problemen seiner Landsleute beschäftigt. Mehrere Werke widmete Saura historischen spanischen Persönlichkeiten sowie der spanischen Kunst und Kultur, er schuf u.a. eine Reihe von Tanzfilmen, darunter seinen Welterfolg Carmen. Es gefällt Saura, Filme zu drehen und in ihnen seine persönlichen Erfahrungen, Vorlieben und Interessen zu verarbeiten. Er spielt mit dem filmischen Medium, verfremdet durch überraschende Techniken unsere gewohnte Wahrnehmung und fordert den Zuschauer dadurch permanent zur aktiven Auseinandersetzung auf. Häufig lässt er den Ausgang seiner Filme offen und erlaubt es dem Publikum, sich seine eigene Fortsetzung zu schreiben oder die Lücken in den Geschichten auszufüllen. Auf die Gefahr hin, dass viele Zuschauer seine Filme als kompliziert und unverständlich empfinden, vermischt er Träume, Alpträume, Erinnerungen und seelische Vorgänge seiner Protagonisten. Sauras Kino ist nicht einfach - und gerade deswegen faszinierend und interessant. So fanden seine Arbeiten in Cineastenkreisen bis über die Landesgrenzen hinaus Beachtung und gewannen zum Teil hohe Auszeichnungen auf internationalen Filmfestivals.


Excerpt (computer-generated)

Carlos Saura
Themen, Motive und Stilmittel im Werk des spanischen
Filmregisseurs - Eine Analyse

Schriftliche Hausarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
Diplom-Kommunikationswirt
Am Fachbereich 2 der Universität der Künste Berlin

vorgelegt von

Petra Häußer

zum 30. September 2002

Inhalt

1. Einleitung ... 1

2. Die neoformalistische Filmanalyse 3
2.1 Über die Natur des Kunstwerkes 4
2.2 Das Medium Film und die filmischen Verfahren ... 5
2.3 Die aktive Rolle des Zuschauers ... 6
2.4 Hypothesenbildung durch Denkmuster ... 7
2.5 Wichtige Begriffe für die Analyse narrativer Filme ... 8
2.6 Zusammenfassung ... 9

3. Leben und Werk Carlos Sauras ... 10
3.1 Die ersten Jahre ... 10
3.1.1 Kindheit ... 10
3.1.2 Jugend und Studium ... 11
3.1.3 Privatleben ... 13
3.2 Filmübersicht ... 14
3.2.1 Kurzfilme ... 14
    Flamenco ... 14
    El pequeño rio Manzanares (Der kleine Fluss Manzanares) ... 14
    La tarde del domingo (Sonntagnachmittag) ... 15
    Cuenca ... 15
3.2.2 Langspielfilme ... 16
    Los golfos (Die Straßenjungen) ... 16
    Llanto por un bandido (Córdoba) ... 17
    La caza (Die Jagd) ... 18
    Peppermint frappé ... 19
    Stress es tres, tres (Stress zu dritt) ... 20
    La madriguera (Höhle der Erinnerungen) ... 21
    El jardin de las delicias (Der Garten der Lüste) ... 22
    Ana y los lobos (Anna und die Wölfe) ... 23
    La prima Angélica (Die Cousine Angelika) ... 24
    Cría cuervos (Züchte Raben) ... 26
    Elisa, vida mía (Elisa, mein Leben) ... 27
    Los ojos vendados (Mit verbundenen Augen) ... 28
    Mamá cumple cien años (Mama wird hundert) ... 29
    Deprisa, deprisa (Los, Tempo!) ... 30
    Bodas de sangre (Bluthochzeit) ... 31
    Dulces horas (Zärtliche Stunden) ... 32
    Antonieta ... 34
    Carmen ... 35
    Los zancos (Zeit der Illusionen) ... 37
    El amor brujo (Liebeszauber) ... 38
    El Dorado (El Dorado – Gier nach Gold) ... 39
    La noche oscura (Die dunkle Nacht) ... 40
    iAy, Carmela! (Ay, Carmela – Lied der Freiheit) ... 41
    El sur (Der Süden) ... 42
    Sevillanas ... 43
    Maratón (Marathon: Die Flamme des Friedens) ... 44
    ¡Dispara! (Schieß!) ... 44
    Flamenco ... 46
    Taxi (Im Schutz der Nacht) ... 48
    Pajarico (Kleiner Vogel) ... 50
    Tango ... 50
    Goya en Burdeos (Goya in Bordeaux) ... 52
    Buñuel y la mesa del Rey Salomón (Buñuel und der Tisch des König Salomon) ... 54
    Salomé ... 55
3.3 Weitere Arbeitsfelder ... 56

4. Analyse des Saura‘schen Gesamtwerkes ... 62
4.1 Die Generalthemen ... 62
4.1.1 Darstellung aktueller Phänomene der spanischen Gesellschaft ... 63
4.1.2 Darstellung historischer spanischer Persönlichkeiten ... 63
4.1.3 Darstellung spanischer Kunst und Kultur ... 64
4.1.4 Darstellung spanischer Geschichte ... 64
4.1.5 Sonstige Themengebiete ... 64
4.2 Häufig wiederkehrende Motive ... 65
4.2.1 Das Motiv der Extremsituation der Hauptfigur ... 65
4.2.2 Das Motiv des Todes ... 66
4.2.3 Das Motiv der Liebe ... 66
4.2.4 Das Motiv der Erinnerung ... 67
4.2.5 Das Motiv des spanischen Bürgerkrieges ... 67
4.2.6 Das Motiv der doppelbödigen Inszenierung ... 68
4.2.7 Das Motiv der selbstbezüglichen Narration ... 68
4.3 Stilmittel ... 69
4.3.1 Die Vermischung und Überlagerung der Bewusstseinsebenen ... 69
4.3.2 Die realistische Filmästhetik ... 71
4.3.3 Die verschlüsselte Filmsprache ... 72
4.3.4 Der geschlossene Erzählraum ... 74
4.3.5 Der Einsatz von Licht, Farben und Spiegeln ... 74
4.3.6 Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren ... 75
4.3.7 Sonstige Stilmittel ... 76
4.4 Besonderheiten ... 77

5. Sauras Arbeit im Spiegel der Öffentlichkeit ... 78
5.1 Behinderung und späte Anerkennung in Spanien ... 78
5.1.1 Schwierigkeiten mit der spanischen Zensur ... 78
5.1.2 Wenig Erfolg bei Kritik und Publikum ... 80
5.1.3 Späte spanische Preise ... 81
5.2 Bekanntheit und Ansehen in Deutschland ... 82
5.2.1 Carlos Saura? Ach, der mit der Carmen ... 82
5.2.2 Anerkennung durch Berlinale und Kritiker ... 83
5.2.3 Carlos Saura – ein "überaus umgänglicher und freundlicher Mensch" ... 83
5.3 Zwei Linien und mehr - Über die unterschiedlichen Versuche die Saura-Filme zu klassifizieren ... 84
5.4 Saura über Saura ... 85

6. Schlussbemerkung ... 89

Quellen Q 1-3

Anhang A 1-5
Filmüberblick A 1
Interview mit Carlos Saura A 2

 

1. Einleitung

Wer ist eigentlich Carlos Saura?
Dieser spanische Regisseur, der eine Handvoll Tanzfilme gedreht hat? Stimmt.
Nicht ganz.

Der Spanier Carlos Saura hat vier Kurz- und 34 Langspielfilme gedreht, Theaterstücke und Opern inszeniert, eine Kurzgeschichte und einen Roman geschrieben, gezeichnet, geschauspielert und leidenschaftlich fotografiert. Das weiß nur kaum jemand. Wie auch?

In Deutschland waren Sauras Filme selten im Kino zu sehen; die wenigen Veröffentlichungen zu seinem Werk liegen Jahre zurück und integrieren folglich Sauras jüngere Arbeiten nicht.1 Die übrigen Rezensionen konzentrieren sich fast ausschließlich auf einen einzelnen Film und zwar fast immer auf Carmen, Sauras Welterfolg. Selten werden zwei bis drei Filme genauer untersucht, wie etwa 1994 bei Gompper. Niemand hat sich bisher an einer Analyse des Saura’schen Gesamtwerkes versucht. Einzelne Beobachtungen sind freilich an unterschiedlichen Stellen eingestreut, können so aber nicht auf einen Blick erfasst werden. Das ist bedauerlich und ein bisschen unbegreiflich - erweist sich doch Sauras Werk schon beim ersten Hinsehen als derart facettenreich, dass es ein Vergnügen ist, sich näher damit zu beschäftigen. Zu spät ist es allerdings nie, und so ist die vorliegende Arbeit die erste, welche Sauras Werk in seiner Gesamtheit vorstellen und sowohl inhaltlich als auch filmtechnisch analysieren wird.

Es ist mein Wunsch, hierdurch nicht nur den Regisseur und die spezifischen Merkmale seiner Arbeit herauszukristallisieren, sondern auch den Menschen dahinter erkennen oder wenigstens erahnen zu lassen.

Jede Analyse benötigt ein theoretisches Fundament. Im vorliegenden Fall ist es der Ansatz der neoformalistischen Filmanalyse, auf welchen sich die Ausführungen stützen. Die methodischen Grundlagen des Neoformalismus, welche sich nicht nur auf Filme sondern auf Kunstwerke generell beziehen, nehmen daher den ersten Abschnitt dieser Arbeit ein.
Der zweite Abschnitt stellt Leben und Werk des Spaniers vor. Ein kurzer biografischer Teil schildert Kindheit und Jugend des jungen Saura und endet, als dieser beginnt, Filme zu drehen. Die sich anschließende Filmübersicht enthält neben der inhaltlichen Beschreibung aller Filme auch deren filmtechnische Besonderheiten. Auf Kritik, Preise, Erfolg oder Misserfolg der Arbeiten wird ebenfalls eingegangen. Sauras weitere Tätigkeiten schließen die Werkvorstellung ab.

Der dritte Abschnitt bildet den Hauptteil der Arbeit, denn in ihm wird das abwechslungsreiche Gesamtwerk analysiert. Die Ergebnisse sind in vier Kategorien - Generalthemen, Motive, Stilmittel und Besonderheiten - eingeteilt, welche die verschiedenen Aspekte der Arbeiten aufzeigen.

Der letzte Abschnitt wirft einen Blick auf das vielschichtige Verhältnis zwischen Carlos Saura und der Öffentlichkeit. Seine Schwierigkeiten mit der spanischen Zensur, die Resonanz seiner Arbeiten bei Publikum und Presse und die verschiedenen Versuche der Fachwelt, sein Werk zu klassifizieren, werden hier noch einmal zusammenfassend dargestellt. Der Regisseur selbst kommt gleichfalls zu Wort, führt Gedanken zu seinen Filmen und seiner Arbeitsweise aus. Die Schlussbemerkung resümiert und bewertet die gewonnenen Erkenntnisse.

Mein persönliches Interesse an Sauras Werk ist erst durch die Beschäftigung mit diesem geweckt worden. Als Flamenco-Liebhaberin war es meine ursprüngliche Absicht, mich lediglich mit den Tanzfilmen Sauras zu befassen. Bei der Sichtung sämtlicher Filme (vielleicht ist ja irgendwo noch ein bisschen Flamenco versteckt...) wurde ich indes von vielen Arbeiten angesprochen und überrascht, die ganz andere Themen behandelten. Die Rezension erschienener Bücher, Aufsätze und Presseartikel bestärkte mich in meinem Vorhaben, eine Vorstellung und Analyse des Gesamtwerkes Sauras zu erarbeiten. Mich interessierte, ob sich hier - trotz aller Vielfalt - einige übergreifende Merkmale erkennen lassen, die für Sauras Werk charakteristisch sind. Gibt es einen typischen Saura-Stil? Die Antwort auf diese Frage wird die vorliegende Arbeit geben.

Zunächst gilt es jedoch, die methodischen Grundlagen zu klären und so beginnt die Arbeit mit der Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken aus dem von Kristin Thompson 1995 veröffentlichten Aufsatz zur neoformalistischen Filmanalyse. 

2. Die neoformalistische Filmanalyse

Jede Analyse setzt eine Methode voraus und die Filmanalyse macht hier keine Ausnahme. Natürlich gibt es in diesem Bereich (Wo wäre das heutzutage anders?) zahlreiche und unterschiedliche Methodenansätze. Die Namen großer Analytiker sind bekannt: Eisenstein, Kracauer, Bazin und Grierson hatten bereits vor Jahrzehnten filmtheoretische Überlegungen angestellt. Ungezählt sind die Ansätze der "Unbekannten", welche ihrerseits neue Sichtweisen zum Thema ins Feld führten.2

[...]


1 Einen – mal mehr, mal weniger - ausführlichen Gesamtüberblick bieten:

  • 1981 Carl Hanser Verlag mit seiner Reihe Film, Nr. 26 Carlos Saura mit diversen Beiträgen
  • 1984 Hans Eichenlaub Carlos Saura
  • 1987 Jorge Hönig Alle meine Träume, meine Ängste und meine Wünsche...
  • 1994 Renate Gompper Carlos Saura und die totale Realität

2 vergl. Tudor, 1977


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