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Intermediate Examination Paper, 2003, 22 Pages
Author: Matthias Amos Reinecke
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Heidelberg (Germanistisches Seminar)
Tags: Vergleichende, Analyse, Texttheorie, Roland, Barthes, Marcel, Beyers, Roman, Flughunde, Proseminar, Roman, Postmoderne
Year: 2003
Pages: 22
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-19761-8
File size: 246 KB
Dichter Text, kleine Schrift, einzeiliger Zeilenabstand.
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Excerpt (computer-generated)
Vergleichende Analyse der Texttheorie Roland Barthes mit
Marcel Beyers Roman „Flughunde“.
von Matthias Amos Reinecke
Inhalt
1. Einleitung S.3
2. Fakten und Fiktionen S.5
3. Der theoretische Hintergrund S.8
3.1 Vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus S.8
4. Zu Roland Barthes S.10
4.1 Texte von Roland Barthes S.10
4.1.1 Mythen des Alltags S.10
4.1.2 Der Tod des Autors S.11
4.1.3 Das Reich der Zeichen S.11
4.1.4 Die Lust am Text S.12
5. Betrachtung des Romans unter dem Blickwinkel der Bartheschen Thesen S.14
5.1 Die Uneindeutigkeit des Zeichens S.14
5.1.1 Das Titelblatt des Romans S.14
5.1.2 Die im Roman verwendete Sprache S.14
5.1.3 Herrmann Karnau S.16
5.1.4 Das Ende des Romans S.16
5.2 Der Widerspruch S.18
5.3 Der Mythos S.18
6. Fazit S.20
7. Bibliographie S.21
1. Einleitung
Mit dem Roman Flughunde hat Marcel Beyer 1996 ein anspruchsvolles Stück deutsche Literaturgeschichte geschaffen, das ihm bereits 1991 beim Klagenfurter-Bachmann- Wettbewerb den Ernst-Willner-Preis einbrachte. Beyer hatte damals aus Auszügen des Manuskriptes vorgelesen.
Beyer wurde am 23. November 1965 in Tailfingen bei Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Siegen. Seit 1989 ist er Herausgeber und Mitarbeiter bei verschiedenen literarischen Zeitschriften und Buchreihen. Im Januar/Februar 1996 wurde er Writer in Residence am University College in London, im Frühjahr 1998 an der University of Warwick in Coventry. Beyer lebte bis 1996 in Köln, seither in Dresden. Sein literarisches Werk umfasst 5 Gedichtbände, darunter „Erdkunde“ und „Falsches Futter“, sowie 3 Romane: „Das Menschenfleisch“ [1991], „Flughunde“ [1996] und Spione [2000]. Im Jahr 2001 erhielt er den Heinrich-Böll-Preis als „richtungsweisender Autor“.
Anspruchsvoll ist der Text in zweierlei Hinsicht. Zum einen wird beim Lesen deutlich, daß hier in einer Art und Weise mit einem dunklen Stück deutscher Vergangenheit umgegangen wird, die keineswegs undiskutiert ist. So muß man feststellen, daß die Handlung zwar im Dritten Reich angesiedelt ist, doch das Fehlen jeglicher ethisch-moralischer Bezugspunkte erstaunt. Die nicht beinhaltete moralische Instanz jedoch geht nicht verlustig, sie wird lediglich in Richtung des Lesers ausquartiert. Zum anderen fordert der Roman die Aktivität des Lesers ein. Die beim Lesen verfolgten Fährten führen am Ende nicht zusammen. Man sieht sich gezwungen, das Buch einige Male zu lesen. Der Inhalt des Romans lässt sich in einigen Sätzen zusammenfassen. Der Akustiker Herrmann Karnau ist besessen von der Vorstellung, eine Karte mit allen Färbungen der menschlichen Stimme anzulegen. Seine Arbeit im Büro ergänzt er zunächst mit Studien an Tierschädeln. Auf diese Art möchte er sich dem Phänomen der Stimme nähern. Zu seiner eigenen Stimme findet er jedoch keinen richtigen Zugang. Bei der Ausrichtung einer Beschallungsanlage für eine große Propagandaveranstaltung, wird Joseph Goebbels auf Karnau aufmerksam. Als seine Frau Magda erneut ein Kind erwartet, bittet Goebbels Karnau darum, für ein paar Tage dessen fünf Kinder zu sich zu nehmen. Karnau und die Kinder schließen schnell Freundschaft. Besonders zur Ältesten, Helga, hat Karnau eine gute Beziehung.
Im Zuge neuer Technikerprobung wird Karnau beauftragt, an der Front den Feind im Elsaß abzuhören. Doch seine privaten Studien kommen dabei keineswegs zu kurz. Die Schlachtfelder präsentieren ihm ein weit ausgedehntes Klangpanorama, welches er mit Vergnügen nutzt. Um seiner Einberufung zu entgehen, wendet er sich an Goebbels, der dies abwenden kann. Stattdessen gibt man Karnau die Chance, seine wissenschaftlichen Untersuchungen am Hygienemuseum in Dresden vorzustellen. Die dort anwesenden SSFunktionäre eröffnen ihm die Möglichkeit, seine Studien an lebenden Objekten vertiefen zu können. Karnau nutzt diese Chance. Es wird schnell klar, daß es sich bei den Versuchsobjekten um Menschen handeln wird. Als die Versuchsreihe fehlschlägt, werden die Probanden kurzerhand mit Benzin übergossen und verbrannt. Kurz vor Kriegsende, wird Karnau dann von einem SS-Arzt beauftragt, im Führerbunker Aufnahmen von Hitler zu machen. Dort befindet sich auch Familie Goebbels. Karnau wird zum einzigen Verbündeten der Kinder, die in täglicher Angst vor der Dunkelheit der Umgebung und den Erwachsenen zu überleben versuchen. Um deren Stimmen endlich konservieren zu können, was Goebbels ihm persönlich untersagt hatte, installiert er heimlich ein Mikrophon in deren Zimmer, und kann so deren letzte Lebensgeräusche, das Schlürfen der mit Gift gefüllten Flüssigkeit und den immer langsamer werdenden Atemrhythmus aufnehmen.
Nach Kriegsende schafft es Karnau unterzutauchen. Er kann dabei die wichtigsten Aufnahmen mitnehmen. 1992 entdeckt man die Räume, in welchem die Versuchsreihen während des Krieges durchgeführt wurden und macht ihn aufgrund von Namenslisten ausfindig. Er trägt allerdings nicht viel zur Erhellung des Zwecks des Archivs bei. Ergebnisse einer Untersuchung von Blutspuren auf dem dort befindlichen Operationstisch ergeben, daß die Räumlichkeiten noch bis vor kurzem benutzt worden waren. Neben Karnau fungiert Goebbels älteste Tochter Helga noch als Erzählerin. Sie gibt zum einen Einblicke in das Leben ihrer Familie, zum anderen schildert sie den Alltag des Nationalsozialismus aus ihrer Sicht. Freilich geschieht dies unbewußt, schließlich kann sie dessen Dimension und Absicht nicht durchschauen. Ihr kommt zudem die Aufgabe zu, den Roman mit Emotionalität anzureichern.
Die Grundmotivik des Romans besteht aus zwei Elementen: Die Uneindeutigkeit und der Kontrapunkt. Dem Leser begegnen diese Aspekte unentwegt auf dem Weg durch die erzählte Geschichte. In Kombination mit dem historischen Hintergrund, dem Nationalsozialismus, ergibt dies eine spezielle Geschichtsbetrachtung. Beyer selbst deutet in seiner am 22.10.2001 am Goethe-Institut in Tokio gehaltenen Rede, die sich mit dem Roman „Flughunde“ befasst, darauf hin: „Der genaue Blick für Helligkeit und Dunkel in Werken japanischer Autoren ist für mich darum reizvoll, weil Licht nicht als das Gegenteil von Dunkel erscheint. [Sie bilden] nicht zwei einander ausschließende Gegensätze, sondern Schattierungen, Übergänge, ein Verhältnis.“1 Der Roman plädiert gegen einen einseitigen Blickwinkel auf die Vergangenheit. Karnau selbst verkörpert all dasjenige, was man sich unter dem Stickwort „Nationalsozialismus“ vorstellt. Helga hingegen wirft ein völlig anderes Licht auf die Zeit zwischen 1933 und 1945. Sie ist schließlich ein Kind und lebt in einer gänzlich anderen Welt als ein Erwachsener. Auch wenn man sagen muß, daß sie maßgeblich von den Ereignissen im Dritten Reich abgeschnitten ist, nur hier und da hat sie einen Einblick [s. 2.], kann man trotzdem behaupten, daß ihr Leben in der damaligen Realität Platz findet. Alles um sie herum ist ihre Realität, sie nimmt diese wahr und betrachtet sie.2 Möchte man sich nun ein Bild von der Vergangenheit machen, so muß man sich der Flut von Dokumenten stellen, denn Geschichte ist das, was sie ist: ein Nichts, d.h. sie spricht nicht für sich selbst. Nur indem man sie interpretiert, wird sie zu etwas, wird das Verhältnis begründet. Und dieses Etwas ist immer ein Anderes, je nachdem, welche Absicht der Interpretation zugrunde liegt, oder welchen Betrachtungsstandpunkt man einnimmt. Die Romanhandlung basiert wie bereits deutlich gemacht, auf historisch belegten Tatsachen. Diese Fakten werden in Verlauf der Handlung mit reinen Fiktionen vermischt. Beyer versteht es dabei vortrefflich, sich der Tätigkeit der Verschleierung zu bedienen. Am Ende sieht man sich als Leser nicht mehr in der Lage, Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen. Dies werde ich beginnend in Abschnitt 2 erörtern. In den Abschnitten 3 und 4 werde ich Thesen und Texte des französischen Intellektuellen Roland Barthes vorstellen. Barthes gilt als Vorläufer des sogenannten Poststrukturalismus. Durch seine Texttheorie versuchte er den „faschistischen Charakter“ der Sprache zu hintergehen. Den Anforderungen, die Barthes an moderne Literatur hatte, und die jener auch in seinen eigenen Schriften zu verwirklichen versuchte, hat sich Marcel Beyer in „Flughunden“ meisterlich gestellt. Man findet durchgängig Verbindungen zwischen „Flughunde“ und Texten wie „Der Tod des Autors“ oder „Die Lust am Text“. Abschnitt 5 wird dies zeigen.
2. Fakten und Fiktionen
[...]
1 Diese Rede ist durch Eingabe der Stichwörter „Marcel Beyer“ + „Göthe-Institut“ + „Flughunde“ in eine Suchmaschine im Internet zu finden.
2 Darin unterscheidet sie sich eigentlich nicht von einem normalen Erwachsenen. Man lebt nur in der Realität, zu der man Zugang hat.
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